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JAHRBUCH
FÜR
ROMANISCHE und ENGLISCHE
LITERATUH
UNTER BBSONDERER MITWIRKUNG
VON
FBKDINAND WOLF
HERAUSGEGEBEN
VON
Dr. ADOLF EBERT,
PBOFBSSOB AN BEB UNIVERSITÄT LEIPZIG.
FÜNFTER BAND.
LEIPZIG:
F. A. BROCK HAUS.
1864.
\
THE NEW Y^I^K
PUBLIC LibKARY
Das „Jahrbuch für romanische und englische Literatur" wird vom
sechsten Band ab von Herrn Dr. Ludwig Lbmcke, Professor an der Uni-
versität Marburg, herausgegeben und wird das nftchste Heft Anfang 1866
erscheinen.
Inhalt.
Seite
Volksmärchen aus Frankreich; von Reinhold Kohler 1
Le Perceval de Chrestien de Troyes. Un manascrit inconnu. —
Fragment unique de ce manascrit; par CA. Potvin .... 26
Stadien zar Geschichte des mittelalterlichen Dramas. I. Die älte-
sten italienischen Mysterien; von Adolf Ebert 51
Kritische Anzeigen:
Historia critica de la literatara espaflola, por Jose Amador de
los Rios. Tom. I^II; angezeigt von Ferdinand Wolf . . 80
Miscellen :
Zum Eaafmann von Venedig; von Felix Liehrecht 135
Zum Ossian; von H, J, Heller . . 135
Zum Cod. ital. Monac. 165; von Adolf Mussafia 136
Catalanische Dichter. Erste Periode. Von den Anfängen des
14. bis zu den des 15. Jahrhunderts; von if. Mild y FontanaU, 137
Antichrist and the Signs before the Doom. Now first publibhed
from a Cottoni j Ms. by Richard Morris 191
Li dis des VUI blasons, von Jehan de Batery; herausgegeben
von Adolf Tobler 211
Ejritische Anzeigen:
Le Bresil litteraire. Histoire de la litterature bresilienne suivie
d'un Choix de morceaux tires des meilleurs auteurs bresi-
liens, par Ferd. Wolf; angezeigt von A. Ebert .... 222
Francisci Petrarcae Aretini carmina incognita ex codd. biblioth.
Monacensis ed. 6. M. Thomas; angezeigt von Karl Witte. 240
Miscellen :
Ich bin gehabt = ich bin gewesen; von A. Mussafia .... 247
Ueber das VerhältniA des Brut y Tysylio zu Gottfried's Historia
regnm Britanniae; von Friedrich Zamcke 249
Zur Geschichte der portugiesischen Nationalliteratur in der neue-
sten Zeit; von Ferdinand Wolf 265
IV Inhalt.
Seile
Ein Motto Confetto des veroneser Dichters Francesco di Vannozzo ;
von Ju8tu8 Orion 327
Ueber eine neuentdeckte altfranzösische Bearbeitung des Petrus
Alfonsus; von A, Wallen/eis 339
Kritische Anzeigen:
Irving, The history of scottish poetry; angezeigt von A. Wolf, 345
The romance of Blonde of Oxford and Jehan of Dammartin by
Philippe de Reimes, edit. by Le Roux de Lincy; angezeigt
von Adolf Muasaüa 350
Miscellen :
Philipps von Thaun „Li vre des Creatures**; von A, Ebert . . 358
Volksthümliche Benennungen von Monaten und Tagen bei den
Romanen; von 0. Freiherm von Düringsfeld 361
Bribes d'histoire litteralre; par Paul Meyer ........ 393
J&um Breviari d'anior; von A, Mitssafia 401
Kritische Anzeigen:
Etüde sur le role de Taceent latin dans la langue fran^aise,
par G. Paris; angezeigt von Friedrich Diez 406
Altfranzösische Gedichte aus venezianischen Handschriften^ her-
ausgegeben von A. Mussafia; angezeigt von Karl Bartsch, 414
Ueber die Quelle der altspanischen „Vida de S. Maria egipciaca",
von A. Mussafia; angezeigt von Karl Bartsch 42 1
Miscellen :
Nachwort über die waldensische Sprache; von Grüzmacher , , 424
Eine Emendation zu Palermo, Ms. Palat. 2, 346; von A, Mussafia, 426
Bibliographie des Jahres 1862; von A, Ebert 427
Register 461
Verzeichnifs der Mitarbeiter und ihrer Beiträge zu den ersten fünf
Bänden 465
Volksmärchen aus Frankreich.
In Frankreich war bisher für die Sammhing der noch
in den Provinzen im Volksmund umlaufenden Märchen
mit Ausnahme der Bretagne, wo Emile Souvestre ge-
sammelt hat, wenig oder nichts geschehen. Um so er-
freulicher ist es, dafs wir jetzt auf zwei in allemeuster
Zeit erschienene derartige Sammlungen aufmerksam ma-
chen können. Herr Cittao Moneaut hat uns mit einer
Märchensammlung aus der Gascogne, seinem Yaterlande,
beschenkt*) und Herr E. BecMvais hat einer verdienst-
lichen Uebersetzung norwegischer und finnischer Märchen
vier Märchen aus seiner Heimath, der Cdtc d'Or in Bur-
gund, zur Probe und um zu weitem Sunmlungen in Bur-
gund anzuregen, beigegeben.*)
Der gascognische Sammler sagt uns in der Vorrede
nur, dafs er die Märchen auf dem Land in Gascogne
gesammelt habe. Näheres über die Erzähler erfahren wir
^) Contes populaires de la Gascogne par C^nac Moneaut. Paris,
E. Dentu, 1861. Acht von den Märchexl hatte O^nac Moneaut in seiner
Voyage archeologiqne et historiqne dans les aneiens comtäs d'Astaffac
et de Pardiac, soivi d*iui esaai sur la langue et la ILtterature gasconne,
Paris, Didron, 1856, S. 191- 249 schon erzählt, worin auch S. 137—190
interessante gascognische Lieder mitgetheilt sind.
*) Contes populaires de la Nervige, de la Ftnlande et de la Bour-
gogne, suivis de po^sies norv6giennes imit^es ea vers avee des intro-
duetions par E. Beaayois, Secr^taire de la Societe d'ethaograjphie de
Paris, membre de la Sod^te de litterature finnoise a Helsingfors. Paris,
E. Dentu, 1862.
Jahrb. f. rom. u.. engl. Lit. V. 1. ^
2 Köhler
leider nicht. Er theilt die zwanzig Märchen in vier
Gruppen, die von einer Grofsmutter beim Kamin den
Kindern, von einem Wildschützen den rastenden Feldar-
beitern, von einer jungen Hirtin ihren Gefährtinnen und
von einem alten Landmanne dem Gesinde beim Lein-
und Hanfklopfen erzählt werden. Er erzählt ansprechend
und bringt zuweilen geschickt acht volksmäfsige Wen-
dungen an, doch hätte er noch einfacher und kürzer er-
zählen können und manchen Aufputz, der den gebildeten
Erzähler verräth, weglassen müssen. Indem ich im fol-
genden einen möglichst gedrängten Auszug der Märchen
und Erzählungen gebe, fuge ich zugleich — was der
franzosische Herausgeber durchaus nicht gethan hat —
eine Yergleichung verwandter Märchen bei.
S. 5. Rira bien qui rira le dernier.
Jean du Boucau trifft vor der kleinen Stadt Andaye
einen Menschen^ der wie todt daliegt und von den Vor^
übergehenden mit Fußtritten mißhandelt wird. Er be-
stellt einen Sarg und will den Leichnani bestatten. Als
er ihn aber in den Sarg legen will, erhebt sich der Todt-
geglaubte und erzählt ihm, dafs er ein sehr verschuldeter
Mann sei, der sich todt gestellt habe, jim seine Gläu-
biger zu hintergehen und, da sie ihn ohne Sarg und
nicht tief eingescharrt haben würden, Nachts zu fliehen.
Jean gibt ihm eine grofse Geldsumme, mit der Uartia
seine Gläubiger bezahlt» Nach mehreren Jahren nimmt
Jean, der auf Korsarenschiffe Jagd macht, ein Schiff mit
vielen christlichen Gefangenen, darunter zwei Prinzessin-
nen; Capitain des Käuberschiffes ist Uartia. Jean fuhrt
ihn ans Land nach Andaye, findet dort jenen Sarg noch,
den ein Landbauer als Trog benutzt, steckt Uartia hinein
und wirft ihn so ins Meer.
Hier haben wir eine der ärgsten Entstellungen eines
Märchenstoffes, die es nur geben kann, des Märchens
nämlich von dem dankbaren Todten, über welches ich
in Anschlufs an Simrock's Buch „Der gute Gerhard und
die dankbaren Todten" in Pfeiffer's Germania ULI, 199 ff.,
wo ich besonders auf das franzosische Märchen von
Volksmärchen ans Frankreich. 3
Jean von Calais au&ierksain gemacht habe, und neuer-
dings in meiner Anzeige von Campbell's gäliscben Mär-
chen (populär tales of the West Highlands) ,im zweiten
Band von Benfey's Orient und Ooeident ssn Nr. 32 der
Märchen ausführlich gehandelt habe.
S. 14. La difroquß de la grand^vihre* ,
Moralische Erzählung von drei Enkeln, die durch
Stucke ^aus dem Nachlass ihrer braven Grolsnuitter an
die letztere erinnert und dadurch theilweise von Sünden
abgehalten werden.
S. 32. Maitre Jean Vhaiile komme,
Jean schickt am Morgen nach der Hochzeit seine
einfältige Frau nach Wasser. Sie kehrt nicht zuriick, er
schickt ihr die Mutter, dann den Yater nach. Endlich
geht er selbst zur Quelle und tri£% die drei in eifingem
Gespi^he darüber, woher sie die etwa später nothwen-
dige Wiege sich verschaffen sollen. Jean zieht nun ans
und erklärt nicht eher heimzukehren als bis er drei
ebenso dumme Leute gefunden. Er trifft aber sehr bald
eine Frau, die ihr Schwein mit dem Prügel auf eine
Eiche zu treiben versucht, statt dafs sie ihm die Eicheln
herabschlägt, eine andre, die mit einer. Heugabel statt
mit einer Schaufel Nüsse in den Speicher zu schaufeln
sich abmüht 9 und endlich eine dritte, die ihrem alten
schwachen Manne die Hosen nicht anzuziehen vermag,
weil sie beide Beine zugleich darein bringen will.
Ganz ähnlich ist ein Märchen der Sachsen in Sieben-
bürgen (Haltrich, Deutsche Volksmärchen aus dem Sach-
senlande in Siebenbürgen, Nr. 66), wo idie Frau und
ihre Aeltern in ähnlicher Weise sich albern benehmen
und der Mann auszieht um zu sehen, ob es noch solche
dumme gibt. Er findet drei und darunter, wie im fran-
zosischen Märchen, auch eine Frau, die ihrem Manne
die Hosen zugleich an beide Beine anziehen will. Aehn-
lich im ganzen sind auch die galischen Märchen Nr. 20
und besonders 48 bei Campbell und der Anfang des
Märchens 34 bei Grimm.
1*
4 Köhler
S. 39. Qairette au la chaaie aux maris.
Clairette sudit einen Mann zu bekommen; es miis-
glüekt ihr aber, so lange sie nur Aeufserlichkeiten ihrer
glucklicheren Freundinnen nachahmt.
S. 50. Le meunier et le marquia.
Der Marquis von Loubersan , Ecuyer Ludwigs XVI.,
gibt seinem Erzpriester auf seinem Oute vier Fragen zu
rathen auf, wo der Mittelpmikt der Welt sei, wie viel
der Marquis werth sei, was er denke und welche Zahl
in zwei Eiern eingeschlossen sei. Der Müller verkleidet
sich für den Priester und beantwortet die Fragen.
Btter haben wir den bekannten Schwank von den
(drei oder vier) Fragen, die einem aufg^eben werden
und die ein dritter, der jenes Kleidung anlegt, für ihn
beantwortet. (Vgl. meine Nachweise im Orient und Oc-
cident I, 439 und Gampbell^s gälische Märchen Nr. 50.)
Die drei ersten Fragen beantwortet der Müller in
der bekannten Weise. Was die vierte, dem gascognischen-
eigene Frage betrifft, so erklärt er, zwei Eier seien eben
nur zwei Eier. Der Marquis aber behauptet, wo zwei sei,
da sei auch eins, eins und zwei mache drei, also seien
es drei Eier. Wolan, sagt da der Müller, so nehme ich
die bdden Eier, die da liegen, der Herr Marquis behalte
das dritte.
S. 57. Le sac de La Ramee.
La Ramee, ein wandernder Krämer, erhält von St. Pe-
ter, der ihm zweimal als Bettler begegnet und dem er
beidemal ein Almosen gegeben hat, einen ledernen Sack,
in den er alles hineinwünschen kann. Als er gestorben,
will ihn St. Peter, weil er den Sack oft gemifsbraucht
und fremdes Eigenthum durch ihn sich angeeignet hat,
nicht ins Paradies lassen, aber La Kamee wirft den Sack
ins Paradies und wünscht sich dann in den Sack.
Im deutschen Märchen vom Bruder Lustig, Grimm
Nr. 81 und Bd. III, S. 133, Meier Volksmärchen aus
Schwaben Nr. 62, erhält der Bruder Lustig von St. Peter
einen Ranzen, wie La Ramee, und kommt dann auf
gleiche Weise trotz St. Peter in den Himmel. Ebenso
Volksmärchen an» Frankreich. 5
in einem schwäbischen M&rchen, Meier Kr. 78, wo ein
Handwerksbursch von St. Peter einen Sack erhalt, in den
aiies^ hineinmufs, zu dem er sagt: Hui in meinen Sackl
Zuletzt wirft er den Sack in den Himmel und sagt zu
sich selbst: Hui in meinen Sackl Vgl. auch die Mar*
chen bei Pröhle, Eändermärchen Nr. 16, Ey Harzmar*
ohenbuoh S. 118, Zingerle Kinder ^^ und Hausmarchen
^us Süddeutschland S. 43.
Ein andalusisckes (Caballero cuentos y poesias popu^
lares andalnoes, Leipzig 1861, S. 75; F. Wolf Beitrage
zur spanischen Volkspoesie aus den Werken F. Caba^
Uero's S. 74) und em bohmia^iea Märchen (Waldau boh«
misches MEvohenbuch, Prag 1860, S. 526) haben den
eigenen Schlui's, dafs der Besitzer des Ranzen oder
Sackes, im andalusisehen ein abgedankter Soldat, Juan
Soldado, im böhmischen ein armer Besenmacher, Pip^
ak ihn St. Peter nicht einlassen will, den Hmligen seUbst
in den Banzen oder Sack wünscht.
In den meisten der genannten Märehen. ^hat sich der
Besitzer des Sackes oder Ranzens durch seinen Sack den
Teufeln sehr gefahrlidi gezeigt imd erhält deshalb zuerst
keinen Einlafs in der Hölle, worauf er sein Glück im
Himmel yersucht. So greift das Märchen über in das
Märchen von dem Schmiede und dem Teufel oder dem
Tod, worüber man Grimm zu Nr. 82 vergleiche. In un-
serm gascognischen Märchen fehlen Teufel und HoUe.
S., 69. Ramonet ou les pichis capitaux.
Lange, unbedeutende und wohl ziemlich neue Ge-
schichte von einem alten Fischer , der sich an drei Fein-
den, einem Gourmand, einem Eingebildeten und einem
Habsüchtigen rächt, indem er jeden derselben anführt.
S. 90* Juttw^le-faindant.
Ein auf seine Klugheit sehr eingebildeter Gutsbesitzer
fragt, indem er zu Pferde vor der Thür der Meierei
halt, einen seiner Arbeiter, der im Haus vor dem Heerde
liegt: Bist du allein im Haus? Jetzt nicht, antwortet
Juan, denn ich sehe die Hälfte von zwei Vierfufslern !
Was machst du? fragt der Herr. Ich koche gehende und
6 Kohler
kommende (Je fais cuire des aUuits et des Tenaots). Was
macht dein Bruder? Er jagt; was er fängt ^ wirft er. weg;
toflw er nicht fängt ^ trägt er fort. Was macht deine Mut-
ter? Vor Tages Anbruch btik sie das Brot, das wir «o-
rige Woche gegessen haben j am Morgen schnitt sie den
Gesunden die Kopfe ab , um die Kranken gesund zu machen^
jetzt schlägt sie die Hungrigen und zwingt die Satten zu
essen. Was macht dein Vater? Er ist im W*einberg und
thut Gutes und Böses. Der Herr versteht die Antworten nicht
und geht erzürnt zum Vater des Burschen, der sie ihm aus-
legt. Der Bursche sieht hiemach die beiden Beine des
Herrn und die zwei VorderfiiTse des Pferdes. Er kocht
Bohnen, die im kochenden Wasser auf* mud absteigen,
kommen und gehen. Der Bruder laust sich und wirft
die gefangenen Liäuse weg, die nicht gefangenen trägt er
mit sich fort Die Mutter bäckt Brot für die I^achbam,
von denen sie vorher Brot geborgt hatte,- das inzwischen
gegessen worden ist; sie schlachtdt 'junge Hühner für
ihre kranke iMutter; sie verscheucht die hungrigen Hüh-
ner und nudelt die Gänse. Der Vater beschneidet die
Weinstocke, und indem er dabei manche gute Rebe mit
wegschneidet, manche schlechte nicht berührt, thut er
Gutes und Böses. Der Herr gibt nun dem Juan drei
Au%aben auf; wenn er sie nicht lost, soll er vom Hofe
weggejagt werden« Erstlich soll er mit einem andern
Knechte van die Wette essen \ zweitens mit einem dritten
um die Wette werfen^ drittens eine Eiche so mit einem
Steine treffen^ dafs sie blute. Juan siegt im Efswett-
kampf, indem er den Brei nicht ifst, sondern unbemerkt
in seine Blouse schüttet. Im Werfen siegt er, indem er
statt eines Steines unbemerkt einen Vogel in die Luft
wirft. Dafs die Eiche zu bluten scheint, bewirkt er, in-
dem er ein Ei auf sie wirft.') Trotzdem dals Juan somit
gesiegt hat, jagt ihn sein Herr doch fort. Aber nach
einigen Monaten kommt er als vornehmer Herr wieder
^) D«r andere Knecht sagt zum Herren, als der verlangt, dafs sie
den Baum blutig werfen sollen: Prenez-vous cet arbre pour un crimi-
nel digne d*etre lapidö? Songez que Z)tew le baptise toutes lesfotB qu'il
pieut; il est trop hon chretien pow que le ciel ne prenne pas m defense.
Volksmärcheii aos Frankreich. 7
und erklärt er sei ein Verkäufer von StuAen, die nickte
koaben^ geworden, d. h. ein Dieb. Der Herr verlangt nun
von ihm, er solle ihm die Nacht eein Pferd etefden. Juan
führt dies aus, indem er dem Herrn in einigen vermeint-
lichen Prisen Schnupftabak Schlafjpulver beigebracht hat,
so daTs dieser, der die Nacht im Stalle auf seinem Pferde
zubringt, auf dem Pferde einschlaft und Juan ihm das
Thier unter den Beinen wegstiehlt.
In diesem Märchen haben wir lose verbundene Theile
mehrerer sonst nicht zusammengehörender Märchen. Der
Wettkampf, wer am meisten ifet und am weitesten wvrft^
ist aus dem weitverbreiteten Märchen entnommen von
dem lüesen oder einem ähnlichen Wesen (einem Teufel
bei Haltrich Nr. 27, einem Ghul in dem persischen in
Kletke's Märchensaal TTI, 54), der von einem schwachen
Menschen, zuweilen einem Knaben, meist einem Schnei-
der, einmal (bei Htdtrich) einem Schulmeister, überlistet
wird, und zwar findet sieh das Werfen des Vogels statt
des Steines bei Grimm Nr. 20, Müllenhoff Sagen, Mär-
chen imd Lieder aus Schleswig S. 442, Kuhn Märkische
Sagen, und Märchen Nr. 11, Schonwerth Aus der Ober-
pfalz n, 280, Haltrich Nr. 27. In dem schwedischen
Märchen bei Hylten-Cavallius und G. Stephens (Schwe-
dische Yolkssagen und Märchen, deutsch von Oberleitner,
Nr. 1*) wirft der Biese ein Beil in die Imft, der Hirten-
knabe wirft sein Beil rückwärts in seinen Sack, während
der Riese glaubt, er habe es so hoch geworfen, dafs es
gar nicht wieder herabfalle. Das Essen um die Wette
kömmt vor bei MüUenhofi, Hylten-Cavallius, Asbjomsen
und Moe Norske Folkeeventyr Nr. 6, im englischen Mär-
chen vom Riesentodter Jack bei Halliwell populär rhymes
and nursery tales S. 67 und in einem gälischen bei Camp-
iell Nr. 45, in welchen Märchen allen der Listige den
vorgebundenen Sack oder dergleichen zuletzt sich auf-
schneidet, um sich zu erleichtern, was der ßiese an sei-
nem Leibe nachmacht und so umkommt^ ein Zug, der
im gascognischen fehlt. Eigen ist dem gascognischen
Märchen die Aufgabe aus einem Baume durch den Wurf
Blut fliefsen zu machen. Vielleicht ist dies Entstellung
8 Köhler
des in den meifiten hierhergehorigen Märchen (Grimm,
Müllenhaff, Kuhn, SchSnwerih, Meier Volksxn. aus Schwa-
ben Nr. 37, Haltrich, Etlar Eventyr fra Jyjland S. 29,
Hylten-CavalKus, San-Marte Beiträge zur breton. Helden-
sage S. 143) Yorkommenden Zuges, dafs der Riese aus
einem Steine Wasser hei^ausdruckt, was der Mensch ihm
mit einem Käse, im persischen Märchen mit einem £i,
nachmacht.
Der Diebstahl des Rossee kommt neben andern Auf-
gaben in mehreren Märchen von gelernten Dieben vor,
so bei Grimm Nr. 192, Kuhn und Schwartz norddeutsche
Sagen S. 332, Schambach und Müller niedersächsische
Märchen S- 316, Vemaleken Mythen Oesterreichs S. 27,
Asbjömsen Nr. 34, Gan4)bell Nr. 40, ^und zwar meist aus-
geführt durch Verkleidung und Anwendung eines Schlaf-
trunkes.
Zu den räthselhaften Antworten vergleiche man Zin^
gerle^s Kinder- und Hausmäreh^a S. 42 und das Gespräch
zwischen Salomon und Markolf. Markolf sagt zu Salomon,
der mit seinem Pferde in der Thüre hält, jetzt seien andert-
halb Mann und ein Rofskopf im Haus. Die kochenden
Bohnen werden auch dort als die auf- und niedersteigen-
den bezeichnet. Der Bruder tödtet was er findet (vgl. von
der Hagen's Narrenbuch S. 236 und das Gedicht von
Markolf bei von der Hagen imd Büsching S. 52). Im
Bertoldo kommen ebenfalls „gli ascendenti e discendenti^%
und der Bruder, der tödtet soviel er findet, vor. Genau
aber mit dem gascognischen stimmt das griechische Bäthsel
"0(S^ eXofisv h%QyL&6^a) o<K5' ofv% bXc^ubv (pE^c^vsö^a, welches
nach der Sage Fischerknaben dem Homer aufgaben (Vita
Homeri 35, Homeri et Hesiodi certamen, Süidas s. v»
"O^flQ0g)\ vgl. ein spanisches Räthsel vom Floh: Si la
tienes, la buscas, si no la tienes, ni la buscas ni la quieres
(Caballero la «strella de Vandalia S. 67).
S. 101. Ambroüe le sot.
Eine Witwe schickt ihren Sohn mit einem Sack Ge-
treide zur Mühle und eippfiehlt ihm darauf zu sehen, dafs
der Müller vom Scheffel nur eine Hand voll für sich
Volksmärchen aus Frankreich. 9
nehme. Der Bursche sagt nun auf dem Wege komer
laut: Eine Hand voll vom Scheffel! S&ende beziehen dies auf
^h und prugeki ihn durch, und als er fragt, was er hätte
sagen sollen, antworten sie ihm: Gott segne siel Diese
Worte sagt nun AmbroiBe? wieder vor sich her und wird
dainr von Leuten, die eine wuthende Hündin ersaufen
wollen und die Worte auf sie beziehen, geprügelt. Aohl
die aohone Himdin^ die ereä/uft werden soll! hatte er sagen
sollen, und diese Worte bezieht dann ein Hochzeitszug
auf die Braut. Möge es allen so gehen! sagt er dann Tor
vor sich und bekommt bei einer Feuersbrunst dafür Prü-
gel. Die Worte Gott lösche das Feuer ! erregen dann den
Zorn eines Bauern, der in seinem nafsgewordenen Back-
ofen Feuer anzuzünden sich bemüht. £Xn schönes Feuer!
ha^te er sagen soll^i, und geht mit diesen Worten an
der Hausthür einer Alten Torüber, die eben ihren Spinn-
rocken angebrannt heA und ihn wü^iend damit schlägt.
Als er sie ganz bestürzt fragt, was er hätte sagen sollen,
empfiehlt sie ihm zu schweigen. Schw^gend geht er
nun zur Miihle, hat ab^r deshalb die Worte seiner Mut-
ter vergessen und sagt zum Müller: Einen Scheffel für
eine Handvoll!
Der Schwank von dem Einfiltigen, der Worte, die
ihm für einen bestimmten Fall gelehrt sind, bei dem er-
sten besten durchaus nicht passenden Fall anwendet, und
dann die ihm för diesen empfohlenen wieder bei einem
unpassenden und so fort, begegnet uns in verschiedenen
Einkleidungen, aber mit manchen übereinstimmenden Ein-
zelheiten im Abendland bei Grimm Nr. 143, nebet der
Variante in den Anmerkungen, Zingerle Kinder- und
Hausmärchen aus Süddeutschland S. 10, Haltrich Nr. 65,
Maurer Isländische Volkssagen S. 288 und im Orient,
was bisher noch nicht bemerkt worden ist, in der Ge-
schichte des blödsinnigen Xailun in 1001 Tag, über-
setzt von F. H. von der Hagen, V, 108 ff.
. S. 107. La flute du berger Meyot.
Ein armer Hirt erh< von einer Fee eine Flöte^ bei
deren Klang alle tanzen müssen» Er läfst nun den ihm
10 Kohler
verhafsten Maire , der iu einem Domengebüsch einen ge-
schossenen Vogel sucht, tanzen, dann zu Hause seine
geizige Herrschaft. Deshalb soll er gehängt werden; als
er aber schon auf der Leiter ist, gelingt es ihm noch
einmal zu blasen und sich zu retten.
Vgl. Grimmas Märchen Nr. 110 vom Juden im Dom,
die in den Anmerkungen angeführten Lustspiele von
A. Dietrich und J. Ayrer, die dem Grimmschen Märchen
aufserordentlich ähnliche, von Grimm jedoch nicht er-
wähnte spanische Vulgärromanze bei Duran Romancero
general Nr. 1265 und das von Grimm ebenfaUs nicht an-
geführte flämische Märchen von Jack und seinem Flot-
chen bei J. W. Wolf deutsche Märchen und Sagen Nr. 24.
In allen begegnet uns der Tanz im Dombusch und die
Errettung vom Galgen, das Zauberinstrument ist eine
Geige oder Flöte. Mit der Flöte öder Geige ist in den
meisten Ueberlieferungen auch das Geschenk einer sicher
treffenden Flinte, einer Armbrust oder eines Blaserohrs
verbunden, und derjenige, der im Dombusch tanzen miifs,
ist hineingekrochen, um den vom Besitzer jenes Schlosses
getroffenen Vogel heraus zu holen. Im gascognisehen
Märchen ist das wunderbare Geschofs weggefallen und
der Maire sucht im Dombusch den Vogel, den er selbst
geschossen.
In einem finnischen Märchen bei Beauvois S. 168
errettet sich der Held auch vom Galgen durch Blasen
einer Flöte, die tanzen macht. Eine solche Pfeife, aber
in anderer Verbindung, kommt auch in Wolfs Hausmär-
ohen S. 225 vor.
S. 116. Chourra de Marseillan.
Geschichte von einem geizigen Ehepaar, das dem
Knecht nicht genug zu essen gibt, daför aber vom Bru-
der des Knechts, der diesen einen Tag lang vertritt, eine
tiichtige und wirksame Lection erhält.
S. 130. La lune et les vaches.
Francinette will den etwas einfältigen Menique nur
dann heirathen, wenn er ihr den Mond schenkt. Als mm
eines Abends, während Menique^s Kuh in einem vom
Volksmärchen ans Frankreich. JJ
Mond beschieneneB Wasser trinkt, der Mond plötzlich
vou einer Wolke verdunkelt wird, meint Menique, die Kuh
habe den ins Wdsaer gefcdlenen Mond ffetrunken, nnd
schlachtet sie, um den Mond seiner Geliebten zu schaffen.
Man vergleiche die von mir im Orient und Occident
I, 443 aus Philo's Magiologie mitgetheilte Geschichte von
den Bauern, die glauben, ein Esel habe den Mond ge-
trunken, und ihn au&dmeiden, um den Mond zu befreien.
S. 137. Le roi des pdturagea.
Ein zartes verweichlichtes Konigspaar verstofst seinen
etwas ungeschlachten Sohn. Später durch einen Feind
entthront finden sie den Sohn als Hirtenkonig wieder
und werden von ihm wieder eingesetzt.
S. 149- Mowret.
Eine junge Frau geräth in die Gewalt eines wilden
Mohren in den Pyrenäen. Nach sieben Jahren flieht sie
mit dem siebenjährigen Sohne Mouret (Mohrchen) in ihre
Heimat zurück. Der Knabe wächst zu einem riesenstar-
kein Burschen heran, verläfst eine 2ieit lang das mutter»
liehe Haus und kehrt zu seinem Vater ins Gebirge zurück^
wird aber, endlich durch ein schönes ihn liebendes Mäd-
chen gesänftigt und zur Buekkehr zur Mutter bewegt
S. 165. BernadoUe ou les mains blanches.
Ein Bauer verspricht seine Tochter demjenigen von
drei Freiern, der die weifsesten Hände habe. Zwei neh-
men das wortlich, der dritte aber, ein junger Bauer mit
sonnverbrannten Händen, füllt sie auf Rath eines Alten
voll glänzender Thaler und trifft den Sinn des Brautvaters.
S. 173., Le juBte et la raison.
Der fünfzehnjährige Capdarmere sollte das einzige
Paar Ochsen seiner Mutter verkaufen und sich dafür was
recht und billig ist (le juste et la raison) geben lassen.
Zwei Kaufleute geben ihm dafür eine Prise^ Tabak uud
dne Bohne und sagen, das sei rächt und billig.. Di^ er*
zürnte Mutter sagt scheltend zu ihm, er werde nie den
Wolf beim Schwanz fangen (qu^il ne prendniit jamais le
oiip par la queue). Das reizt den Jungen und er geht
12 Kohler
in den Wald, wo er einen schlafenden Wolf mit einer
Schlinge, die er ihm um den Hals wirft, fängt tmd ihn
seiner Mutter Torführt. Dann schlachtet er einen Wid-
der, hängt sein Fell dem Wolf um und yerkauft ihn als
Widder jenen Kaütleuten, in deren Stall der Wolf dann
grofse Verwüstung anrichtet. Als die Kaufleute zornig
zu Capdarmere kommen, um ihn zur ßechensohail zu
ziehen, treffen sie ihn, der sie gesehen hat, wie er seinen
Hund mit einem Messer scheinbar ersticht und dann
durch einige Worte wieder belebt. Er sagt ihnen, wider-
spenstige Thiere, mit diesem Messer erstochen und durch
jene Worte wieder belebt, würden sanft und fügsam.
Die Kaufleute kaufen das Messer und der eine ersticht
seinen Ochsen, der andere sein Maulthier. Enttäuscht
überfallen sie Capdarmere, stecken ihn in einen Sack und
wollen ihn ins Meer werfen. Auf dem Weg zum Meere
kehren sie in einer Schenke ein und lassen den Sack vor •
der Thür stehen. Capdarmere lügt einem vorübertreiben-
den Schweinehändler vor, er sei in den Sack gesteckt
worden, weil er ^e Prinzessin nicht heirathen wolle.
Der Händler befreit ihn und läfst sich selbst in den Sack
stecken, jener aber zieht mit den Schweinen fort. Die
Elaufleute werfen dann den Sack ins Meer, Capdarmere
aber, der sich versteckt hat, zieht ihn wieder heraus und
rettet den Händler. Nach einiger Zeit zeigt sich Cap-
darmere mit seiner Heerde — er hat mit dem Schweine-
händler getheilt — den Kaufleuten wieder und sagt ihnen,
er sei wieder emporgetaucht und aus dem mitgebrachten
Sand vom Grunde des Meeres seien die Schweine ent-
standen. Die beiden habsüchtigen Kaufleute springen
ins Meer und wären ertrunken, wenn Capdarmere sie
nicht noch gerettet hätte.
Wir haben hier eine manches eigenthümliohe bietende
Grestaltung eines der verbreitetsten und schon im 10. oder
11. Jahrhundert im Abendland bekannten Märchens, über
welches ich in meiner Anzeige von Campbell^s gälischen
Märchen in Benfey's Orient und Occident beim 89. Mär-
chen ausiühriioh gesprochen habe. Unter Beauvois' bur^
gundischen Märcheni gehört hierher das Märchen (S. 218)
Volksmärchen aus Frankreich. 13
von Jean- Bete y in Bezog auf welches ich auf den eben
erwähnten Aufsatz in Orient und Occident verweise.
S. 184. Le coffret de la princease.
Eine Prinzessin fangt einen Floh und zieht ihn in
einem Kasten zu seltener« Gröfse heran. Als der Floh
nach Jahresfrist stirbt, läfst sie mit seiner Haut den
Kasten überziehen und will nur den Freier heirathen,
der erräth, von welchem Thiere die Haut sei. Kitter
Montgausy zieht aus die Hand der Prinzessin zu erhal-
ten und trifft unterwegs Jean-Fine-OreiUe, der wunder-
scharf hört, Bemard-Bon-Oeil, der ebenso scharf sieht,
Samson-Taureau, der so stark ist, dafe er einen Baum
ausreifst, um mit ihm den gefällten Wald in ein Bündel
zu binden, und Simon-Levrier, den Schnellläufer, der sich
mit Lasten beschweren mufs , um nicht zu schnell zu lau-
fen. Der Ritter nimmt die Gesellen in Dienst, und kommt
mit Hilfe des Horchers hinter das Geheimnifs von der
Flohhaut. Aber der Konig, der seine Tochter nicht ver-
heirathen will, gibt vor, der Ritter sei zu nah mit ihr
verwandt, weshalb erst Dispens vom Papst geholt wer-
den müsse. Er sendet aber heimlich eine Brieflaube mit
einem Briefe an den Papst ab, worin er diesen auffordert,
den Dispens zu verweigern. Aber der Horcher hat den
Plan belauscht, der Scharfsichtige ' erschiefst die Taube
und der Laufer holt den Diapens. Nun will der Konig
seine TocAter dem Ritter f&r so viel Geld abkaufen, als
Samson-Taureau tragen könne. Als der aber eine Probe
seiner Stärke gibt, erschrickt der Konig und überläfst die
Prinzessin dem Ritter.
Hiermit vergleiche man in Badle^s Pentamerone (I, 5)
das Märchen vom Floh. Hier hat ein Konig einen Floh
sehr grofs gefuttert, und, als derselbe gestorben ist, seine
Hiiut gerben lassen. Wer erräth, von welchem Thiere
diese Haut sei, soll die Hand seiner Tochter erhalten.
Sin wilder Mann (uorco) erräth dies , erhält die Prinzes-
\in, und führt sie in den Wald. Dort trifft die Prinzes-
sin, als der vrilde Mann einmal nicht zugegen ist, eine
Jte Frau, die sieben Sohne hat, von denen der eine drei-
ßig Meilen weit alles hört, der andere durch Ausspucken
14 Köhler
ein Seifenmeer, der dritte durch llinwa:fea eines Stück-
chen Eisen ein Feld voll Scheermesser, der vierte durch
Spänchen einen Wald, der fünfte durch Ausgiefsen von
Wasser einen Strom, der sechste durch Hinwerfen eines
Steins einen Thurm hervorbringt, der siebente endlich
ein sicherer Schütze ist. Mit -ihrer Hilfe wird der wilde
Mann getodtet und die Prinzessin entkommt.
^ In beiden Märchen haben wir die Haut des gemästeten
Flohs^ durch deren Erkennung die Hand einer Prinzessin
erlangt wird, und Menschen mit wunderbaren Eigenschaft
ten^ durch die in dem franzosischen Märchen die Prin-
zessin dem Freier zu Theil wird, während sie im ita-
lienischen dieselbe von dem unbequemen Frieier erlosen.
S. 194. Le plre aveugle.
Ein Blinder besucht die beiden Freier seiner Tochter,
einen Bauer und einen Müller, und unterrichtet sich durch
gleichgiltig scheinende Fragen über Felder und Mühle
ebensogut wie ein Sehender.
S. 202. Le marechal'ferrant de Barhaste,
Ein König von Frankreich verspricht seine sohwer-
müthige Tochter Longüe-mine dem, der sie zum Lachen
bringe, und ein schönes ßofs dem, der es zu beschlagen
vermöge. Ein Hufschmied von Barbaste zieht deshalb
nach Paris und nimmt unterwegs eine Grille, einen Floh
und . eine Katte, die sich ihm als Gefährten anbieten, mit.
Als die Prinzessin ihm in seinem schlechten Anzug mit
den Thieren, die ihm auf dem Hals, der Brust und dem
Hute sitzen, erblickt, lacht sie. Mit Hilfe der Thiere
beschlägt der Schmied auch das wilde Pferd. Ein Prinz,
der bisherige Freier der Prinzessin, verspricht nun dem
Hufschmied drei Scheffel Thaler, wenn er die Prinzessin
nicht berühre. Der Hufschmied berührt wixjdich in den
drei ersten Nächten die Prinzessin nicht und wird des-
halb vom König fortgejagt , die Prinzessin aber wird dem
Prinzen gegeben. Nim bittet der Hufschmied seine Thiere
um ihre Hilfe und diese begeben sich in das Schlofs und
plagen den Prinzen in den drei ersten Nächten so, dafs
er die Prinzessin eben so wenig berührt und vom König
schimpflich fortgeschickt wird. Jetzt erscheint aber der
Volksmärchen ans Frankreich. 15
Gascogner in glänzendem Aufzug, den er sich mit des
Prinzen Geld beschaffi; hat, wieder und die Hochzeit wird
nochmals gehalten.
Auch dies Märchen komien wir wieder mit einem im
Pentamerone (111,5) vergleichen: Nardiello, ein Einfalts-
pinsel, hat fiir je hundert Ducaten, für die er Kälber
kaufen soll, von drei Feen einen anmuthig summenden
Mistkäfer, eine tanzende Maus und eine schon singende
GriUe gekauft und wird deshalb von seinem zornigen Va-
ter aus dem Hause gejagt. Er zieht in die Lombardei,
wo ein König, Cenzone, seine Tochter MiUa, die sieben
Jahre nicht gelacht hat, dem zur Frau bietet, der sie
zum Lachen bringe. Nardiello läfst vor der Prinzessin
seine Tfiiere ihre Künste zeigen und bringt die Prinzessin
zum Lachen. Der König erklärt aber, Nardiello könne
Tochter und Reich nur dann erhalten, wenn er binnen
drei Tagen die Ehe vollstrecke, was Nardiello aber in
der That nicht vermag, da er jeden Abend einen Schlaf-
trunk erhält. Am Morgen nach der dritten Nacht wird
er in den Löwenzwinger geworfen. Dort will er seine
Thiere entlassen und dann sterben, die aber sprechen ihm
Muth zu und hüpfen und springen so lustig, dafs die
Löwen wie versteinert dastehen. Die Maus gräbt rasch
ein Loch und so entkommt Nardiello aus dem Zwinger.
Inzwischen hat der König seine Techter einem Engländer
gegeben und eben sollte die Hochzeit sein. * Die Thiere
wissen es nun auf eine Weise, die man im Pentamerone
selbst nachlesen mag, zu bewirken, dafs der Prinz nichts
weniger thut, als seine Pflicht zu erfüllen. Er wird des-
halb fortgejagt, Nardiello aber zurückgerufen und nun
wirklich Gemahl Milla's.
Hier haben wir in dem französischen und neapoli-
tanischen Märchen zwei Fassungen eines Märchens, dessen
wesentlicher Inhalt der ist, dafs ein Jüngling die Hand
einer Prinzessin gewinnt, indem er sie mit Hilfe von klei-
neriy mifsachteten Thieren zum Lachen bringt^ dafs er dann
die Prinzessin wieder eine Zeit lang verliert und ein an-
derer sie heirathen soll, der aber durch jene Thiere am
Vollzug der Ehe gehindert wird. Beide uns vorliegende
16 Köhler
Fassungen sind wol entstellt. ^ In der französischen, die
durch die Tradition entstellt sein mag, ist zu wenig mo-
tivirt, warum die Thiere mit dem Jüngling ziehen und
ihm helfen, und schwerlich ist es ursprüngliche üeber-
lieferung, dafs der Hufschmied für Geld vom Prinzen
sich seines Rechtes in den ersten Nächten begibt. Viel
ächter scheint hier das neapolitanische Märchen, wo der
Jüngling einen Schlaftrunk vom Konig erhält. Dagegen
wird die burleske Art, wie in den drei Nächten Nardiel-
lo's Thiere dem Engländer mitspielen, Erfindung Basile^s
sein, der solche niedere Komik liebt.
Ein deutsches Märchen (Wolfs deutsche Hausmär-
chen S. 301) beginnt ganz ähnlich, verläuft aber dann
anders« Ein armer Geiger bringt durch drei tanz^otde
Ferkel eine Prinzessin, die noch nie gelacht hat und den
heirathen soll, der sie lachen macht, zum Lachen. Ehe
er sie aber wirklich zur Gemahlin bekommt, muTs er noch
verschiedene Aufgabe» lösen, wobei aber die Schwein-
chen nichts mehr thun.
In Bezug auf das Lachen der Königstochter ver-
gleiche man Benfey^s Pajitschatantra I, 518.-
S. 213. Le lion pendu.
Ein Löwe, der sich mit einer seiner Tatzen in einem
gespaltenen Baumast fe^geklemmt hat, wird von einem
Wanderer befreit. Er begleitet nun den Wanderer, wird
aber bald von Hunger erfafst und will seinen Ketter fres-
sen. Der aber wirft ihm seine Undankbarkeit vor und
bestimmt ihn wenigstens, die Sache erst einem Schieds-
richter vorzutragen. Sie treffen zunächst eine alte Hün-
din, die aber das Schiedsrichteramt ablehnt, da sie selbst
von den Menschen ungerecht behandelt worden sei.
Ebenso geht es ihnen mit einem Pferd. Endlich aber
nimmt ein Fuchs das Amt an. Um recht urtheilen zu
können, will er selbst sehen wie der Löwe gefangen ge-
wesen sei, deshalb begibt sich der Löwe wieder in jene
alte Lage und Fuchs und Mensch lassen ihn so stecken.
Der Mensch verspricht dem Fuchs zum Lohn am näch-
sten Tage zwei Hühner zu liefern, bringt aber statt dieser
dann zwei Hunde mit, denen der Fuchs kaum entgeht.
Volksmärchen aas Frankreich. X7
Zu diesem Märchen vom Undank, der der Welt Lohn
ist, vergleiche man aufser Benfey^s Pantschat. I, 113 ff.
Pröhle^s Märchen für die Jugend Nr. 2, Birlinger Kinder-
büchlein S. 56 und Liebrecht in der Germania VlI, 508.
Dies sind die gascogmschen Märchen und Erzählungen,
für deren Mittheilung wir dem Herrn C4nac Moncaut zu
lebhaftem Danke verpflichtet sind.')
Wenden wir uns nun zu den vier vom Herrn E. Beau^
vois erzählten burgundischen Märchen, so dürfen wir fol-
gende Erklärung des Sammlers (S. 195.) nicht über-
sehen. Er sagt: Aucune des pieces n^est la transcrip-
tion litterale des r^cits, que Ton a recueUlis de la bonche
des paysans. On s^est permis de faire des modifications
ä Toriginal, parce que Ton n^en a trouvö que des d^bris,
et que ces restes ötaient en trop mauvais ötat, pour que
la copie ou la traduction püt pr^enter une image har-
monique et satisfaisante. Cela tient ä ce que le coUec-
teur, n'ayant encore pu voyager ä la recherche des con-
tes populaires , a du se contenter des monuments d^labr^s,
qui etaient le plus ä sa port^e, c^est-ä-dire de quelques
traditions qu^il a entendu raconter au lieu de sa naissance,
dans le pays bas de la Cöte-d^Or. Mais il ne doute pas
qu^il n^ ait lieu de faire une plus belle et plus abondante
moisson dons les lieux recules, öü les traditions du passö
se sont mieux conservees. C^est ce que lui ont affirme
plusieurs personnes qui connaissent les montagnards de la
Bourgogne. Die Märchen sind nun folgende vier.
S. 195. Trop gratter cuit, trop parier nuit.
Schwank von einem Pfarrer und Kirchenältesten.
Ersterer wirft eins von den Hühnern des letzteren, die
immer in seinen Garten kommen, todt und beabsichtigt es
am Sonntag zu verspeisen. Der Kirchenälteste kommt
aber dahinter und weifs es schlau zu veranstalten, dafs
er das Huhn in des Pfarrers Küche ifst; als er aber eben
fertig ist, wird er überrascht.
1) Es ist Schade, dafs Herr Cenac Moncaut das hübsche Lügen-
märchen, das er in der oben erwähnten Voyage S. 225 — freilich nicht
ToUständig — mittheilt, in die Sammlung nicht aufgenommen hat.
Jahrb. f. rom. a. engl. Lit. V. 1. O
18 Köhler
S. 203. Cadet'Cruchon.
Cadet-Cnichön soll heirathen und deshalb die Be-
kanntschaft junger Mädchen machen» Dabei soll er
nach dem Rath seiner Matter mit ihnen scherzen, sie auf
den Fufs treten u. dgL und die Augen auf sie werfen
(lancer des oeillades). Er fängt aber alles plump an,
ja sticht sogar seinen Lämmern die Augen aus und wirft
sie nach den Mädchen. Nun soll er die Lämmer und
eine Henne in der Stadt verkaufen, letztere für zwölf
Sous, erstere für einen Thaler das Stück* Unterwegs
spricht er immer vor sich hin: Einen Thaler das Lamm,
zwölf Sous die Henne. Als er aber über einen Bach
setzen mufs, wird er gestört und verkehrt die Worte,
und verkauft so die Lämmer Stück für Stück um zwölf
Sous und muTs endlich auch die Henne, für die niemand
einen Thaler bezahlen will, für zwölf Sous hingeben. Er
kauft nun für die Mutter einen Topf und ein Packet Na-
deln. Den Topf hat er auf seinen Karren gesetzt; da
er aber immer schüttert, setzt er ihn auf den Weg und
meint, er werde ihm mit seinen drei Füfsen schon nach-
kommen k&nnen. Die Nadeln, die er in den Busen ge-
steckt hat, wo sie ihm beschwerlich sind, steckt er in
einen vor ihm herfahrenden Heuwagen. So verliert er
Topf und Nadeln. Als er nachher zu Hause alles
schmutzige Zeug in die Lauge thun soll, thut er auch
die Topfe hinein und will auch seine kranke Mutter
hineinwerfen. Die aber heifst ihn zornig die Thltf nehmen
und zu Bette gehen. Er nimmt deshalb die Thür mit
auf den Heuboden, wo er schläft. Nachts kommen Diebe
und wollen stehlen. Sie rufen einander zu: Jette, ap-
porte! Jean versteht: Jette la porte! und wirft die Thür
herab. Erschrocken fliehen die Diebe und lassen einen
anderswo gestohlenen Sack mit Geld stehen. Am Mor-
gen trägt er Leinwand zur Stadt, und da ihm seine Mut-
ter gerathen, sich nicht mit Käufern einzulassen, die viel
schwatzen, so weist er alle ab, die nach dem Preis fra-
gen. Er tritt dann in eine Kirche und betet dort. Dann
bietet er einem Heiligenbild, weil dies während seines
Gebetes nicht geschwatzt, die Leinwand an. Als es aber
Volksmärchen aus Frankreich. 19
trotz seinem Bitten nicht bezahlen will, zertrümmert er
es zornig und findet im Innern der zerbrochenen Figur
einen Schatz.^
Der Herausgeber hat, wie er in einer Anmerkung
sagt, diese Erzählung zusammengesetzt aus verschiedenen
einzeln umlaufenden Schwanken, die man von Jean^Bete
erzählt. £r hat deshalb, wie er selbst gesteht, manche
Nebenumstände modificiren und Uebergänge bilden müs-
sen. Uns wäre lieber gewesen, er hätte sich dieser Zu-
sammensetzung enthalten und die Fragmente als solche
gegeben. Warum er für Jean-Bete den Namen Cadet-
Cruchon gewählt hat, erfahren wir nicht.
Nach dem eben gesagten ist es natürlich, dafs wir
die Erzählung in ihrem ganzen Verlauf nirgends finden,
wol aber einzelne Züge daraus.
Wie hier Jean-Bete Lämmeraugen auf die Mädchen
wirft^ so werfen in deutschen Märchen Einfältige Schaüs-
und Kälberaugen ihrer Braut ins Gresicht, Grimm Nr. 32
und Anmerk. III, 62, Zingerle Kinder- und Hausmärchen
S. 258. Ebenso erzählt man in der Normandie, du Mö-
ril etudes pg. 472, not. 2. In einem gälischen Märchen
(Campbell H, 310) misversteht ein Knecht absichtlich
den Befehl seines Herrn ihm zu einer bestimmten Zeit
ein Ochsenauge zuzuwerfen d. h« ihn starr anzusehen
und so einen Wink zu geben, und sticht den Ochsen die
Augen aus und wirft den Herrn damit.
Dais der Einfältige Nadeln in ein Heufuder steckt
und so verliert, kommt vor in dem ebenerwähnten A£är-
chen bei Grimm Nr. 32, in einem verwandten tiroler bei
Zingerle Sagen, Märchen und Gebräuche aus Tirol S. 451,
einem siebenbürgischen bei Haltrich S. 302 und schot-
tischen bei Chambers populär rhymes of Scotland, 3 ed.,
pg. 251, wo Jock die Nadel in ein Parrenkrautbündel
steckt. In den genannten Märchen sagt dann immer die
Mutter zu dem einfältigen Sohn, er hätte die Nadel anf
ien Hut oder an die Mütze stecken sollen, und er be-
folgt diese Vorschrift auf die verkehrteste Weise und
daran knüpft sich noch eine Reihe misverstandener Be-
fehle.
20 Köhler
Das Herabwerfen der Thüre^ wodurch die Diebe ver-
scheucht werden, finden wir wieder bei Grimm Nr. 59,
Haltrich S. 308, Kuhn und Schwartz Nr. 13, Zingerle
Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland S. 50 und
Halliwell populär rhymes and nursery tales S. 26-
Endlich der Verkauf der Leinwand an die Bildsäule
begegnet uns in einem Märchen des Pentamerone (I, 4).
Vardiello wird von seiner Mutter mit Leinwand auf den
Markt geschickt und soll sich nicht mit Personen von
vielen Worten einlassen. Die Leute, die nach dem Preise
fragen, scheinen ihm solche Personen zu sein. Als er
aber in dem Hofe eines unbewohnten Hauses eine Bild-
säule findet und sie fragt und keine Antwort von ihr er-
hält, scheint sie ihm endlich eine Person von wenig
Worten, der er die Leinwand darbietet. Am andern
Morgen begibt er sich wieder zu der Bildsäule und ver-
langt Geld fiir die Leinwand, und als die Bildsäule
schweigt, wirft er mit einem Stein ein Loch in dieselbe
und findet darin einen Topf mit Goldstücken. Li einem
siebenbürgischen Märchen (Haltrich S. 291) will ein Ein-
fältiger vergeblich eine todte Kuh verkaufen. Da ruft
ihm jemand zu: Fahr sie auf den Schindanger zur dicken
Eiche, die wird sie dir gut bezahlen. Er fährt sie hinaus
und fragt die Eiche, wann sie ihm bezahlen wolle. Die
Eiche knarrt gerade und er denkt, sie antworte „Morgen".
Als sie nun aber am andern Morgen nicht zahlt, haut er
mit seiner Axt auf sie ein und findet dabei in einem
Loche eine Menge Goldstücke. Ueber verwandte Er-
zählungen von zertrümmerten Bildsäulen und dadurch ge-
fundenen Schätzen vgl. Benfey's Pantschatantra I, 478.
S. 218. Jean- Bete.
Vergleiche hierüber was ich oben S. 11 zu dem
gascognischen Märchen „le juste et la raison" bemerkt
habe. Beauvois hat das Märchen imnothig aufgeputzt
und verändert und nur aus der Anmerkung erkennt man
die ächte Gestalt. In Bezug auf die von ihm vergliche-
nen Märchen habe ich im Orient und Occident an der
oben erwähnten ' Stelle einiges berichtigt. Wir sehen
Volksmärchen aus Frankreich. 21
Übrigens aus Beauvois' Vergleichungen, dafs er sehr be-
wandert in der Märchenliteratnr ist.^)
S. 239. La petite Annette.
Ein Mädchen hütet die Schafe und bekommt von
seiner Stiefmutter wenig zu essen. Da erscheint ihm die
heilige Jungfrau und gibt ihm einen Stab. Mit diesem
braucht es nur einen schwarzen Widder zu berühren und
alsbald erscheint ein Tisch mit Essen. Die Stiefmutter
fafst .Verdacht und schickt zuerst ihre beiden Tochter
mit auf die Weide, um die Stieftochter zu beobachten.
Aber das Mädchen schläfert sie. ein mit den Worten:
Endors-toi d'un oeil, endors-toi de deux yeux. Bei der
dritten Schwester aber, die noch ein drittes Auge hat,
gelingt ihr dies nicht und sie wird entdeckt. Nun stellt
die Stiefmutter sich krank und verlangt von ihrem Manne,
dafs der schwarze Widder für sie geschlachet werde.
Annette hat dies gehört und sagt es dem Widder, der
sie beruhigt und sie auffordert, seine Leber in dem Gar-
ten zu vergraben. Als er geschlachtet ist, thut sie dies
und aw« der Leber wächst ein Baum mit wunderschonen
Früchten, die nur sie zu pflücken vermag. Der JConigs-
sohn kommt herbei, sieht den Baum und heirathet Annette.
Beauvois vergleicht mit Recht das Märchen von Ein-
äuglein^ Zweiäuglein und Dreiäuglein bei Grimm Nr. 130.
Ganz eigenthümliche Gestaltungen hat das Märchen
angenommen bei den Siebenbürgen (Haltrich Nr. 35) und
im gälischen Schottland (Campbell Nr. 43). In einer
churrhätischen Sage (Vonbun Beiträge zur deutschen
Mythologie S. 53) verkehrt ein einäugiger Knabe mit
einem wilden Fänkenmännchen und erhält von ihm schone
Gemsenkäse. Immer aber schläfert das Männchen das
Kind ein mit den Worten „Einäuglein schlaf einl^', be-
vor er die Käse bereitet. Der neugierige Bruder des
Knaben zieht einst dessen Kleider an und geht zu dem
Bergmännchen und belauscht es, da sein anderes Auge
^) In der Vorrede pg. XXXI verspricht er eine Abhandlung über
die verschiedenen Gestaltungen des Märchens von Amor und Psyche
zu liefern.
22 Köhler
nicht mit eingeschläfert worden ist, und erregt dadurch
den Zqrn des Männchens.
Dies der Inhalt der beiden verdienstlichen Sammlangen.
Ich darf aber bei dieser Gelegenheit nicht vergessen auf
Eddiestand du MiriVa Abhandlung „Zö« contes de bonnea
femmea'^ in seiner neuesten Schrift ^^Etudes sur quelques
points d^archiologie et d'histoire littSraire^^y Paris und
Leipzig 1862, Seite 427—502 aufmerksam zu machen.
Eine nähere Besprechung der ganzen anziehenden und
belehrenden Abhandlung, welche sich über Märchen über-
haupt und ganz besonders über die Grimmsche Märchen-
sammlung verbreitet, wäre hier nicht am Platze, ich
habe sie hier nur insofern zu erwähnen, als darin auch
S. 472 ff. über Märchen aus der Normandie gesprochen
wird. Man erzählt, versichert du Meril, noch heute in
der Normandie wie in Deutschland die Märchen vom un-
dankbaren Sohn, Grimm Nr. 145, vom Grofsvater und
Enkel Nr. 78, von den Boten des Todes Nr. 177, von den
drei Spinnerinnen Nr. 14, von dem Armen und dem Rei-
chen Nr. 87, von der klugen Gretel Nr. 77, vom Juden
im Dorn Nr. 110, von den sechs Dienern Nr. 134, von
den Sechsen, die durch die Welt kommen, Nr. 71 , von
dem getreuen Perenand Nr. 126. Leider begnügt sich
du Meril mit dieser Angabe ohne die normandischen Fas-
sungen selbst, die ohne Zweifel manche Abweichung haben,
mitzutheilen. Nur ein Märchen erzählt er ausführlich, und
die Art seiner Erzählung läfst uns um so mehr bedauern,
dafs er nicht die übrigen auch erzählt hat. Es ist dies
die Geschichte von dem armen Misere und seiner nie
zufrieden gestellten Frau, unser Märchen vom Fischer
(Grimm Nr. 19), aber vielfach abweichend, i) Misere be-
gegnet dem Heiland und S. Petem und bettelt dieselben an.
Christus gibt ihm eine Bohne und heifst ihn zufrieden
sein. Misere kommt zufrieden mit der Gabe nach H^use
und ßteckt die Bohne in den Heerd in seiner Hütte. So-
fort wächst daraus eine Pflanze hervor, sie wächst rasch
^) Du Meril verweist auch auf ein rassisches Märchen im Athe-
naeum fran^ais 1855, S. 666, welches ich nicht kenn«. Das Märchen
vom Fischer aus 1001 Nacht ist nur im Anfange ähnlich.
Volksmärchen aas Frankreich. 23
empor durch den Rauchfang und am andern Tage vermag
man ihre Spitze nicht mehr zu sehen. Die fVau heifst
nun den Mann suchen ob Bohnen abzupflücken seien, er'
klettert an der Pflanze empor und, da er keine Bohnen
findet, immer hoher und hoher, bis er sich vor einem
groisen goldnen Hause befindet. Es ist das Paradies.
Sanct Peter offiiet ihm und verspricht ihm auf seine Bitte,
dafs er zu Hause Essen und Trinken finden solle. Am
folgenden Tage lafst Mis^re^s Frau ihrem Manne nicht
eher Ruhe, bis er wieder ins Paradies steigt und Sanct
Petem um ein neues Haus bittet. Naeh einigen Tagen
mufs Misere den Heiligen bitten ihn zum König und
seine Frau zur Konigin zu machen. S. Peter erfüllt
ihm diesen Wunsch, warnt ihn aber noch einmal zu kom-
men. In kurzem ist jedoch Misöre's Frau nicht mehr
zufrieden und mochte, dafs sie die heilige Jungfrau und
ihr Mann der liebe Gott werde. Als Afis^re mit dieser
Bitte vor S. Peter kommt, schickt ihn dieser zornig
fort und der Arme findet xmten auf der Erde seine alte
Hütte und alles wie vormals wieder. — Der in dem deut-
schen Marehen vorkommende wunderbare Fisch ist also
im normändischen durch Gott und S. Peter ersetzt,
und damit Misere ins Paradies gelangen könne, kam die
himmelhohe Bohnenpflanze in das Märchen, die ursprüng-
lich wol nicht hereingehort hat. Sie ist yielleicht herein-
gekommen aus dem bis jetzt nur als englisch nachge*
wiesenen Märchen von Jack und dem Bohnenstengel
(Kleike Märchensaal H, 158; Grimm HI, 321). In Lügen-
märchen kommen auch Pflanzen, die bis in den Himmel
wachsen, vor, vergl. Grimm zu Nr. 112. In einer Anmer-
kung erinnert du Meril (S. 474), dafs das Märchen mit dem
französischen Volksbuche vom bonhomme Misere nichts als
den Namen Misere gemein habe» Ich ergreife hier die Ge-
legenheit noch mit einigen Worten eine auch von du M^ril
erwähnte neue Schrift von Champfleury ^ dem verdienst-
vollen Herausgeber der chansons populaires des provinces
de France, zu besprechen. Sie führt den Titel: De la
littiratv/re populaire en France. Recherchea sur les ort-
gines et les variations de la legende du bonhomme Mislre
24 Köhler
(Paris, Poulet-Malassis et de Broise, 1861), und enthalt
zunächst einen Abdruck der ältesten bis jetzt bekannten
Ausgabe des Volksbuchs von 1719.*) Champfleury nimmt,
wie auch W.Grimm III, 142, einen italienischen Ursprung
desselben an, weil die Erzählung in Italien spielt, eine
italienische Münze, die italienische Stundeneintheilung
und ein italienischer Wein darin vorkommt, und vermu-
thet, dals in den italienischen Novellen das Original wol
noch gefunden werde. Er vergleicht dann Prosper
Merimee's Erzählung Federigo in dessen Une mosaique
(Paris 1832), die, wie M^rimee versichert, im Königreich
Neapel populär sei. Federigo bewirthet Christus und
die Apostel und erhält deshalb drei Wünsche frei. Er
wünscht, dafs seine Karten immer gewinnen und dafs von
einem Orangenbaum und einem Schemel, die ihm gehören,
niemand ohne seinen Willen herabkönne. Hierdurch ge-
winnt er im Spiel dem Pluto 12 Seelen ab und schliefst
zweimal mit dem Tod einen Pact. Sodann erinnert
Champfleury an das litauische Märchen (bei Schleicher
litauische Märchen S. 108) vom Schmied und dem Teu-
fel und an das oben besprochene gascognische vom Sack
des La Kam^e, theilt hierauf das eben erwähnte nur durch
den Namen Misere hierher gehörende normandische Mär-
chen, welches du M^ril früher im Athenaeum 1855 ver-
öffentlicht und bereits dort mit andern Märchen verglichen
hatte, vollständig mit, ebenso das merkwürdige bretonische
Gespräch zwischen dem ewigen Juden und dem bou-
homme Misere, der in Adams Haus geboren ward und
bis zum jüngsten Gericht leben wird (Revue de Cal-
vados 1840; Emile Souvestre le foyer breton, Bruxelles
1853, I, 93), und erwähnt endlich, dafs in der allegori-
schen Erzählung von den Abenteuern des Monsieur Tetu
und der Mifs Patience Misere vorkommt als. ein kleiner,
lahmer und häfslicher alter Mann, der eine Kette an
einem Beine und eine Bürde auf den Schultern trägt. Es
ist zu bedauern, dafs Herrn Champfleury Grimm's Mär-
chen und das Jahrbuch für romanische und englische
1) Es gibt, wie Champfleury mittheilt, fünfzehn Ausgaben.
Volksmärchen aas Frankreich. 26
Literatur unbekannt zu sein scheinen. Hätte er Grimmas
Märchen gekannt, so würde er Tor allem auf das 82.
Märchen und die reichen Anmerkungen, in denen, wie
schon oben bemerkt, Grimm auch das franzosische Volks-
buch nicht vergessen hat, verwiesen haben. Mörim^e's
Erzählung, die mit dem Spielhansel viel Aehnlichkeit
hat, ist Grimm unbekannt geblieben und ihr Nachweis
ist daher sehr dankenswerth. Eine andere italienische Er-
zählung, die der Erzählung vom bonhomme Misere und
seinem Birnbaum, noch näher steht, hätte Herrn Champ-
fleury, so gut wie sie es Herrn du Meril (fitudes S. 475,
not. 1) ist, aus dem Jahrbuch I, 310 bekannt sein können.
Es ist die Erzählung Cintio's dei Fabrizii von der nie
sterbenden Invidia und ihrem Apfelbaum, der von Jupi-
ter, den sie bewirthet hat, die Kraft erhalten, alle, die
ihn besteigen, fest zu halten, und so auch den Tod fest-
hält. Hier haben wir also in eine italienische Fassung
des Märchens von dem wunderbaren Baum, durch den
der Tod gefangen gehalten wird, ein allegorisches Wesen
eingeführt, und hierdurch wird die Annahme von dem
italienischen Ursprung des franzosischen Volksbuchs noch
wahrscheinlicher. Felix Fraukes Annahme in seiner An-
zeige der Champfleuryschen Schrift in der BiCvue de Tin-
struction publique 1861, Nr. 28, dafs dieselbe nothwendig
ein Erzeugnifs des französischen Volksgeistes im Mittel-
alter sei, ist nicht überzeugend.
Wir schliefsen diesen Aufsatz mit dem Wunsche,
recht bald wieder Märchensammlungen aus den Provinzen
Frankreichs zu erhalten und erinnern an Wilhelm Grimm's
Worte (Märchen IH, 399): „In Frankreich mögen die
Märchen noch in reicher Fülle vorhanden sein. Das Volk
würde wol geschickt sein diese Ueberlief erungen frisch und
lebendig zu erzählen. Es käme nur darauf an, dafs man
sie sammeln und ohne Ueberarbeitung und Zusätze be-
kannt machen wollte."
Weimar, November 1862.
Keinhold Köhler.
Ch. Potvin
Le Perceval de Chrestien de Troyes.
ün manuscrit inconnu. — Fragment unique de ce
manuscrit.
Les cours de Plandre, de Brabant et de Hainaut ont
doim6 successivement ä la langue d^oii ses plus grands
äcrivains.
Le Hainaut est le demier en date, mais cette petito
et brillante cour, — - oü la Reine d'Angleterre, Isabelle
de Valois, vient de trouver des vengeurs, et le futur roi
Edouard III, le complre de Jacques d'Arteveld, une
epouse — produit non-seulement toute une pleiade de
chanteurs que dominent Raoul de Houdenc, le pröcurseur
du Dante, et Jehan de Conde, le trouvere qui rappelle
le mieux Chrestien de Troyes, mais encore Jehan le Bei,
le pr^curseur de Froissart, et Froissart lui-meme.
Le Brabant avait d^jä eu ses po^tes et principale-
ment Adenez-le-roi, dont le chef-d'oeuvre, Berthe aux
granda pieds^ a une celebritö europeenne.
Avant Froissart, avant Adenez, dans la seconde moi-
ti6 du douzieme si^cle, Chrestien de Troyes avait chante
ä la cour de Philippe d'Alsace; la Flandre, qui allait
imposer un empereur h, Constantinople, avait dejk donne
aux langues germaniques le Reinart de Vos; eile voit
fleurir le plus grand poete de r^poque: TArioste du
XII* siecle.
Chrestien de Troyes meritait les eloges unanimes
que lui prodiguent les ^crivains du XIII® et du XIV®
siecle „par Tinvention, la conduite et particulierement
par le style qui Föl^ve au-dessus de tous les poetes de
son temps."*)
En effet son style est vif, soutenu, brillant; ses tran-
sitions sont riches, faciles, gracieuses; sa langue est claire
et animee d'un souffle poetique. U sait frapper au bon
coin une maxime, dans un ou deux vers ; il met en scene
*) Histoire litteraire de France.
Le Perceval de Chrestien de Troyes. 27
et fait parier la passion avec une profondeur de verite et
cme grace, rares en tont temp9, et il possdde ce grand
art de &ire sortir ses peripeties, non du hasard d'^v^ne-'
ments arbitraires, faciles h imaginer, mais de les d^duire
du cboc des passions, des mouvements du coeur, du d^-
veloppement des caractäres,
Sans parier de ses autres oeuvreS, ses romans de
Lancelot et de Tristan et Yaeut ont ämu TEurope pen-
dant des siecles; ils palpitent eiicore aujourd'hui de cette
vie du sentiment qui a fait dire au prince de Ligne: En
toute chose, c^est remotiou qui est sublime.
Guülavme d^Angleterre a moins de r^putation, mais
non moins de merite. La, ce n^est plus par des exploits
de chevalerie que le beros se rebabilite, mab par le tra-
vail. Ce roman a ete traduit en allemand par M. Kel-
ler ^), et traji8lat4 en prose fran^aise par M. Leon Faulet.*)
Perceval'le-gallois^ ou le Conte du Graal, est l'oeuvre
de longue baieine, le cbef-d'oeuvre de Cbrestien de Tro-
yes ; il est encore inedit. Les savants en signalent plu-
sieurs manuscrits: a Paris, ä Berne, ä Londres, ä Edin-
bourg, ä Montpellier. La bibliotbeque de Mons, dans
ce pays de Hainaut dont quelques ecrivains beiges pr^-
tendent que Cbrestien de Troyes est originaire^), en pos-
s^de un manuscrit du XIII® siecle qui n-'a ete mentionne
par aucun bibliograpbe.
En comparant ce manuscrit k ceux qui sont connus
des savants, on ne peut tarder a acquerir la conviction
de öon importance. Deux points surtout y attirent Tat-
tention: L^OBUvre enti^re y est attribuee ä Cbrestien de
Troyes — et Ton y trouve une introduction et un pre-
mier cbapitre qu'aucun autre manuscrit ne contient.
1) Altfranzösische Sagen, 1« partie, Tubingen 1839 (pp. 188—265).
>) G-aillanme d'Angleterre par Chrestien de Troyes, translate en
fran^ais moderne par Leon Faulet, avec une introduction litteraire
sur Chrestien de Troyes par Ch. Potvin. ^ Bruxelles, V« Parent. 1863.
(Sons presse.)
s) J*ai expo6^ dans TouTrage cite plus bas Tetat de la question
sur le point de savoir si Chrestien est ne a Troyes comme semble rin->
diquer son nom, ou dans le Hainaut cömme on le suppose en Belgique.
V. Chrestien de Troyes^ Bibliographie, etc.
28 Ch. Potvin
Or, si le cöurt prologue des autres manuscrits peut,
ä tont prendre, remplacer rintroduction large du manu-
scrit de Mona, le premier chapitre paraitra ä tout juge
impartial Tentr^e en mati^re indispensable du poeme; de
Sorte que tous les autres manuscrits ont une grande la-
cune et que le manuscrit, inconnu jusquMci, est le seol
complet.
J'etudierai ailleurs ce manuscrit et j'en ferai la com-
paraison avec les autres, dans tous ses details. ^) Je
public ici tout d'abord le premier chapitre. Je dois les
notes philologiques qui Taccompagnent au savant biblio-
thecaire du Roi des Beiges, M. Aug. Scheler, qui acheve
en ce moment un glossaire de la langue de Chrestien de
Troyes.
Voici ce premier chapitre, il commence auvers 485
du manuscrit:
Ci endroit comence li contes del Saint Greail.
1 En le tiere de Gale estoient (p. 6 2)
Xn. frbre qui moult valoient;
Cerkier p^ust on la contr^e
Taut com estoit et longe et lee
5 Et le pais tot en-viron,
Mien ensiant, n'i trovast-on
Nul Chevalier de si haut pris,
Si rice d'avoir ne d'amis,
De castiauB et de fremet^s,
10 De bos, de rivieres, de pres;
3 Cette acception de „parcourir en cherchant", si frequemment attachee
au verbe cerkier (= nfr. chercher) chez les. tronv^res , est conforme
a la veritable etymologie de ce mot, savoir circare, all. herum-
gehen, sich umsehen. Cp. v. 785 „et cerke le bos et le plain<^
6 Mien ensiant, a mon avis, me sciente, La forme ensiant p. escient^
comme on trouve ailleurs ensaucier p. essaucier (exhausser).
7 — 8 Ces deux vers sont intervertis dans le ms.
1) Cette etude contiendra: une comparaison des divers manuscrits
— le sommaire des chapitres du manuscrit de Mons — Tintroduction et
le premier chapitre de ce Ms., textes uniques — trois fragments ine-
dits qui pourront etre compares aux mdmes passages des autres ma-
nuscrits etc. etc. — V. Chrestien de Troyes, Bibliographie comparee.
Bruxelles, Muquart, 1863.
Le Perceyal de Chrestien de Troyes. 29
Si estoient bon Chevalier,
Hardit et combatant et fier;
Et sovent aloient par terres
As tomoiemens et as gnerres,
15 Por los et por pris conqaester.
Mais jou De tos voel pas conter
Que sovent mesciet a preudome;
Car moult i ot de desconfort:
20 Li -XI- fr^re fnrent mort,
Que 11 n'en i remest c'uns seiis,
Qui le ti^re ot et les honenrs;
De tous esken 11 estoit;
Et sages et conrtois estoit,
25 Larges et moult bien emparUs;
Bliocadrans ert apeUs
El pais de toates les gens«
Moult dnrement estoit dolens
De ses freies qui sont fenis,
30 Moult en ert momes et pensis.
Mais tont adi^s ne doit on mie
Dnel demener, car c'ert folie,
Ains doit on faire c'iDn soit li^s.
Tele eure c*on est toaa iries,
35 Home ki ne se viut retraire (p. 7*)
De bien quant 11 le viut parfaire. ,
Mais eil ne vaut plus delaier;
Ses armes fist aparellier
Et son ceval tr^s bien fierer;
40 As tomoiemens viut aler.
Mais sa femme et tout si ami
Li dient: „Biaus Sire, merci!
Bemanös ci, n'i aUs mie;
Car 90U seroit moult grans folie
45 Se vous i al6s, 90U sacies;
18 Mesciet, il arrive malheur (tournure impersdnnelle).
26 D'apres la version de Chrestien de Troies, le p^re et la mere de
Perceval s'appellent res pectivement Bliocadran et Cammuelle (v. 54) ;
ces personnages sont, dans notre fragment, tout antrement mis en
scene que Gamuret et Herzeloyde de Wolfram von Eschenbach.
32 Le ms. porte bien cert; je suppose qu'il faut lire cest (c'est), a
moins de prendre, ce qui me semble inadmissible (cp. v. 44), c*ert
dans le sens de „ce serait'^
35 Cet home m'embarrasse; je le prendrais volontiers comme une reprise
du pronom on des vers pr^c^dents, si la grammaire n'exigeait pas
au nominatif la forme kom oa kon.
37 II faut, pour etre correct, lire soit cel ne vautplm (plus ne lui vaut,
c. a-d. eonvient), ou eil ne vot plus.
30 Ch. Potvin
Que Yostre tifere laississies
Toute seale et desconsillie,
Vostre gent dolente et irie."
Tant li ont dit et tant proi^
50 Qae il lor a tont otroii^ '
Qa'il n*en ira ensi n'ensi.
Liet en sont quant il Tont oi.
Li sires remest od sa femme
(Eammuelles ert bone dame)
55 Bien largement encor -II- ans
Qu& ne pearent avoir enfans,
Ne nul n*en avoient ^u;
Tant ke Dex les a porv^n
Si que la dame en^ainte fa;
60 Grant joie en ont tout eil ^u
Qni lor signor aiment de rien;
Et 11 sires, 90U sacies bien,
En ot moult grant joie a son cner
Que ne pot gregnor a nul fuer
65 Avoir, ce sacies de Trete.
La dame a tant Tenfiant porte,
Qu*ele £n pri^s del acoucier.
Qou fu •!• jor apr^s mang^er
Que li sire apoiies estoit
70 As fenestres, si esgardoit
Ceus ki yenoient le cemin.
Atant es-vöus sor «I* roncin
•I- escuier errant tout droit,
Qui grant aleure venoit;
75 Dedens le conrt en est entres;
Si descend devant les degres.
Quant li sires le Tit venit,
Son ceval comande a tenir,
Si dist: „Amis, bien viegnes tu<<. (p. 7 2.)
80 Et eil li a tost respondu
Come Chevaliers esprov^s:
„Et vous, soies le bien trov6s
Fait li valles, „biaus sire ciprs",
Qui n'estoit mie si laniers
47 Seule, all. vereinsamt, cp. nir. esseule^ abandonne.
51 Emi n'ensi == nullement, en aucnn cas. C'est la premiere fois que
je rencontre cette ezpression.
61 De Wen, locution adverbiale signifiant tant soit peu.
66 Apr^s ce vers, le copiste a ins^r^ malencontrensement la phrase:
„Et tant venu et tant al^<<.
81 — 82 Ces deux vers sont intervertis dans le ms.
84 Lanier, Gacbet, dans son Glossaire, est bien contraint par certains
passages a reconnaitre a cet adjectif la signification de paresseux,
Le Perceyal de Chrestien de Troyes. 31
85 De respondre, ain^is fu senes.
Li sires dist: „Se me cre^s,
Vons remanr^ annit m^s ci;
BoD ostel ar6s, je tobs di,
Et si ferons de tos grant feete.'^
90 „Sire, fait il, ce paet bien estre;
Mais itant me faites doner
Pain et Tin, si irai disner;
Gar joa ne mangai encore hai.<<
Et li sires respont celui:
95 „Mals ass^ tant con loi plaira«*.
Un cheralier apielet a,
Si dist: „Prend^s cest escnier, .
Faites li tost apareUier
A disner, et pens^s de Ini;
100 Gar il ne manga eneore hiii.<<
Et eil maintenant i'enmena;
De quanqa*il pot, faonor6 l'a,
Et si li dona a mangier,
En la sale Us '!■ Tergier,
105 Et biele ci^re. Quant il ot
Ass^s mangi^ tant com il pot,
La nape comande ä oster
Qne ne Toloit plus demorer;
Fors de la cambre en est issns.
110 Li sire est contre loi venas,
Si li a dit conrtoisement:
„Biaus amis, se Dex vons ament,
De TOS noveles nos cont^s,
Des plus voires que Tons sav^.*'
115 „Gertes, sire, jel vos dirat,
Ja men^ognieres n'en serai'S
Fait li vall^, „se Dex m'ament.
Ja n'en mentirai de noient.
Li rois de Gales a empris
120 Por trestoas ceus de son pais
indolent, comme coexistant avec celle de avide, cruel. II la d^dnit
de Tidee premiere de gloutonnerie. Voici mon opinion a ce sujet.
II faut distinguer deux homonymes lanier^ Tun signiflant voraoe,
cruel, et derivant de lanius; Tantre signiflant paresseux et venant
de lana. Pour ce dernier, nous rappellerons les analogies de lo-
dier, paresseux, faiueant, vaurien, qni yient da vha. lodo, etoffe
de laine (voy. cependant Diez, Et. Wort. v. lodier), de poltron^
derive de I*all. poister, coussin, du portug. madra^o, paresseux (de
materas, matelas), enfin da terme allemand bärenhäuter, faineant,
cagnard, lache, coquin.
95 Ce lui pour üOMS^est genant.
32 Ch. Potain
Et por tous ceas de Cornnalle
Tomoiement qui ert sans falle
Vers ceux de le gaste fontaine;
Ne viut pas que enlui remaingne ; (p. 8^)
125 Ains envoie par ceste terre
Por Chevaliers cerkier et querre,
Qu'il i yiengnent a lor pooir;
Et le jonr vos dirai por voir,
Que 11 i soient samedi.
130 Biaas sire, por Dien, ven^s i;-
Si yerres le tomoiement,
Les Chevaliers et le grant gent,
Quant il i seront tont venu."
Li sires li a respondn
135 Qae 11 ira, se Dex le gart.
Li vall^s atant se d^part,
Qoi s'en vait trestont son cemin.
Li sires lait jnsqn'al matin
Que il mande ses Chevaliers
140 Et comande ses escuiers,
K'aler viut an tomoiement.
Cil s'atoment isnelement.
Et si sont trestont assambl^;
Et qnant 11 sont tont aün6,
145 Bliocadrans en fist grant feste.
Li sires mais plus nl arreste,
Ses somiers a fait tost cargier
Et son harnois aparellier;
Atant li Chevalier s'en vont.
150 Cil de la vile proie ont
A monsignor Blocadroon
Qu'il remansist en sa maison;
Et sa femme de euer dolent
Li repria mont doucement;
155 Et il li dist: „Dame, taisies;
De vostre duel vos abaissies«.
Atant s'en est d'iaus departis,
Laissies les a tous esbahis;
Et eil proient au creatour
160 Que il conduie lor signor.
Bliocadrans a tant ale
Et eil qu'il a od lui men^,
Que il sont ensamble venu
Au castiel oü 11 tournois fu.
124 Je ne comprends pas cette expression enluu
138 Lait, laisse, c. a-d. diff^re.
156 Vos abaiaaies, ici = relächez-vous.
Le Perceval de Chreetien de Troye«. 33
165 Mais a diestre sont herbegie
£11 •!• ostel moult aaisie;
Et il Torent bon a talent.
Li sire et tres'toute sa gent
A rendemain plas ol estont, (p. S^.)
170 Au tornoiement venu sont;
Et qiiaiit U farent tait ensamble,
Arme se sont , ai con moi samble ,
Et desor les ce^auB monterent,
Et eil de la moult se hast^rent,
175 Si vinrent ausi radement
Comme quariaus quant il defcent
Et 11 nostre, trestout siere,
Chevaucierent yers la cite,
Tout le passet) la 11 8*en vont;
180 Bliocadran, el premier front,'
Ayoec lui ot ses Chevaliers »
Qu'il Yoloit iestre tous preiaiers
Por le tornoi au comeneier.
Atant es-Yons, el clef premier,
185 'I- cheTalier ki tost randone,
Et Bliocadrans esporonne
Qui moult Tavoit de lone vise;
Et eil le r'a bien avis6,
Si se r'est adrecies vers Ini;
190 Si s'entrefierent ambedui;
Mais eil le fiert premi^rement
Sonr aon escn par mantelent,
Si ke sa lance brise et froisce;
Et Bliocadrans, par angoisce,
195 Le fiert el pis, soi la mamele, '
Que, parmi Tar^on de Ja sele,
Le mist a ti^r« del oeval
Parmi la crupe contreyaL
Lors Ta a »I* vallet donnet
200 Que jusqu'an bamois l'a menet,
167 Vavoir hon, cp. xaXci)^ Sx.^^^ ^* ®^ allemand es gut haben.
169 Estont, s'arr^tent; cette forme inaccoutumee de la 3® pers. plur.
ind. pr^s. du verbe ester est motiv^e par l'aecent tonique, qui
repose sur la demiere syllabe. C'est par la meme raison qu'a la
1^® et 3® pers. sg. on a estois, estoit.
176 Quariaus, nom. sing, de quarel, quarr el, nfr. carreau (dimin. de
quadrOf cadre). Carreau doit etre pris ici dans le sens de trait
d'arbalfete, ainsl appel^ k cause de la forme quadrilatere de son fer.
179 Le passet, au petit pas.
200 Hamois, signifie en general, comme Tall. Tross, Patlirail neces-
saire a une expeditlon; cf. v. 668.
Jahrb. f. rora. u. engl. Lit. V. 1. 3
34 Ch- Potvin
La si^le et le frain ont oste.
Et toat li aatre i ont jonste
A cele fois motilt durement;
Gel jor nl perdirent noient.
205 Bliocadrans si bien Ta fait
Que tont le loent da cel fait,
Que moult Tot fait et bien et beK
Atant vok renir *I* dansel
Grant et fort et bien a ceval;
210 Moult estoient andoi vassal;
De tant con il porent Tiser
Ne fln^rent d'esporonner,
Si se vienent entreferir.
Bliocadrans fiert par air (p. 9^)
■ 215 Que li escus pe^oie et fent^
Mais li hanbiers pas ne desment.
Et sa lance vole en esclices/
Si que eil le voient des lices.
Cil r'a Bliocadras fem,
220 Par deseuv Torle del escn,
Emmi le vis, parmi le ci^re,
Que par le hateriel derriere
Parut tons li fiefs de la lance;
Cil ne pot mais se il balance,
225 Que il estoit a mort navres;
A tiere kai jus pasmes;
Mais li sien Tont tost relere
Qui pour lui ont grant duel men6.
Lors li fisent faire une bi^re,
230 Si Temport^rent en litiere
El castiel ü il ot este;
Moult Tont iluec reconfort^,
Sei coucierent moult docement
En une cambre loing de gent,
235 Et si le fisent bien confibs,
Ne vesqui que •II* jors apri^s,
Que il moru sans demorer.
En •!• mostier Tont fet porter
Si compagnon, grant duel en fisent,
240 Lor dras et lor caveus detirent;
Et, quant il fu dedens Teglise,
Si li fisent moult bei service;
220 OWe, lat. orula^ dimin. de ora, bord. De orie nous avons fait le
dimin. ourlet.
239 Fisent\ la rime exige firent, La 3® pl. du parf. defini de faire
varie dans les textes entre fistrent^ firent, et fisent
240 Caveus y cheveuz; plus loin, y. 429 ceviaus.
Le Perceval de Ghrestien de Troyea. 35
Puis Tenport^rent entierer.
De lai ne vos voel plns nomer,
345 De lui ne deL tomoiement,
Ains vos Torrai dire coment
La dame, ki remese estoit,
A son oBtel se maintenoit
Apr^s ^on qne il s'en ala;
250 Qae •im* jours ne demora
Que la dame ot •!• damoisel,
Onques nus hom ne yit plus bei.
Au mostier le fisent porter,
Sei fönt baptisier et lever,
255 Et, qaant il fu crestiennes,
Ses nons fa issi apiel^s
Con 8*il onques ne fast viuB,
Ne nonci^s, ne apcrc^us.
Par •!• yallet que eile avoit (p. 9*.)
260 A son aignor envoia droit
La dame, ear savoir voloit
Com faitement se maintenoit.
Et k'ele avoit •!• i&l ^u,
Que onques mais plns bians ne fu.
265 Et eil qui dire 11 ala
Mort et enfoui le trova.
Les noveles k'a aportees
A a ses Kompagnons cont^es
Et il en furent tout moult lie,
270 Mais de lor signor sont iri^,
Si qu'il ne porent joie faire.
Atant li valles s'en repaire
Tout le cemin qu'il ot venu;
Et eil li ont bien deffendu
275 Qu*il ne desist, n'a droit n*a tors,
Que lor sire fust ensi mors;
Ains desist qu'il estoit aUs
Au roi ki les avoit mand^s.
Et si flst il, de v^rit^.
280 Et tant a le cemin erre
244 Aowier, ici = faire mention, parier.
254 Lever, levare de sacro fönte, aus der 'Taufe heben.
255 Crestienner (trissyllabique), baptiser; expression encore usuelle dans
Tangl. to Christen,
256 — 8 Je ne pen^tre pas le sens de cette' allusion au nom de Perceval.
262 Com faitement, comment. L'expression adjectivale com faxt =
qualis, repond bien a Tall. ^ie beschaffen on au flamand hoedaen,
hoedaenig.
266 Enfoui, enterre.
275 N*ä droit n*h tors, ni directement ni indirectement.
3*
36 Ch. Potvln
K'en la vile entre a esporon;
Si descent dal^s le dongnon
Ü la dame gisoit amont.
Del vallet moalt grant joie fönt
285 Tout eil ke il a encontris;
En la cambre en est entres;
La dame et trestonte sa gent
A salue premi^rement,
Et il fa moult bleu respondns.
290 „Mesire vos mande salns,
Fait li yalUs, et biexi sacies
Que ne fa onqnes mais si lie»
De nal enfant que de cestui.
Moult en cremoit avoir anui;
295 Grant joie a de vostre p6ril
K'av^s pass6, et de son iil;
Et si vous di que, s'il p^ust,
Que moult volentiers vos 6u8t
V6u; mais li rois Ta mand^
300 Ü il en sont trestout ale,
En Gales, le jor que g'i fui,
Que a lor movoir, por voir, fui,
Et tout si compagnon aprbs;
Devant -VIII- jors ne venront mes. (p. 10 1.)
305 La dame ki el lit gisoit
De son signor moult bien qnidoit
Que eil 11 desist yerit^,
De son signor qu'ot la trove,
Por ee qu'il l'afi^it si bien.
310 Mais il ne li desist por rien
C'on li avoit bien deffendu-
La dame a son termine fu
Tant que tans fu del relerer.
•VIII- jors apri^s, sans demorer,
315 Sont li eheyalier assamble
Qui dou tomoi ^rent al6
Oü li sire'ot este hocis.
„Signor, moult somes entrepris*',
Fait uns cbevaliers, riees bom,
320 „De coi ke nous dit n'en avon
A ma dame de son signor
Qui si est mors a grant dolor.
Mais une eo^e sacies bien
Que ne le diroie pour rien.
289 Notez cet emploi transitif du verbe respondre, limite aujourd'bui
au terme „lettres repondues".
309 Aficier, affirmer.
320 II faut peut*etre eorriger: de ,^ou ke.
Le Perceval de Chrestien de Troyes. 37
325 Mais ci pri^s a •!• bon ab^,
Si li disons, par earite
Qa'a ma dame viegne parier/*
Lors fönt les cevaus ensieler,
Et puis lor a on amen^s.
330 Par Testrier est cascans montes;
Tout ensamble d'ilnec s'en vont;
£n l'abie yenut en sont;
L'abeit et trestout le covent
Ont salue premiörement;
335 Puis ont de lor signor cont^,
Coment fü mors, la v^rit^,
Et de chou qne n'en savoit rien
La dame, ains li celoit on bien; '^
Que, por dien, dire li alast
340 Et apries le reconfortast,
Que ele en avoit grant mestier.
Li abes saut sans delaier,
Et maintenant a Inec mand^
Son palefroi , s'a oomand^
345 A ceus k'il remaineut enki,
Tant ke il ait parU a li:
„ Qne Jon li voel premiörement
Dire et mostrer tout mon talent;
Et puis revenr^s apries moi." (p. 10'.)
350 Cascans respont: „Et je Totroi."
L'abes et doi serjant s'en vont
Et 'II* moines ke plus n'i ont,
Tant ont ce-vauci^ et erre
Li dui moine od lor abe
355 Que il sont el castiel venu. >
Li doi moine sont descendu,
Contremont les degres mont^rent;
Li seijant les cevaus gard^rent;
La dame ont trovee gisant
360 En la sale en •!• lit atant,
Et, quant eile venir les vit,
Encontre Tabe sus salit,
Si li dist: „Sire bien vignies«.
la abes fu bien ensegnies,
365 Moult belement li respondi:
„Cil Dex qui onques ne'menti
Vos saut et gart et beneie,
Et Tons et vostre conpagnle,
Et maintiegne tous vos amisl«
342 Saut (de aalir), se Ifeve. Saut est aussi la 3« sg. subj. pres. de
sauver , ainsi au v, 367.
345 Enki, voy. Diez, Et. Wtb. L, v. qui.
3g Ch, Potvin
370 Lors s'est bien pres de li assiff,
Et d'autre part li moine andai
Se sont assis bien pri^s de lui,
El lit mottlt debounairement.
L'abes parla presai^rement ,
375 Si a dit par bele raison,
Commencie •!• monlt bei sermon
Angola que il vaaist parier ,
Li dist: „Moult par poes amer
Celui ki vos done sante
380 fit vos garde d'enfremete ,
Et nos raienst de nos pecies,
Et fu por nos crueefie».
Et resmecita au tierc jor;
Et vous, dame, par soie amor,
385 Deyeries tout adies penser
Por iui servir et bonerer,
fit prendre en bone volonte,
Dame, quanqu*il vos a donne.
Et si saves que tuit morront,
390 Que ja escaper n'en poront
Que 11 ne nous estnece aler
La dont ne porons retorner,
De quele eure qu'a dieu plaira.
Dame, ne vos celerai ja, (p. 11^)
400 (?ou saeies, bien le vos puis dire.
Mors est li preudom vostre sire
Qui tant fu säges et ames
De Chevaliers, de clercs, d'abes.
Or, madame, penses de l'arme,
405 Que diex vos face preude fame.«
La dame se pasme a ce mot,
Quant son signor nommö li ot,
Qn'il estoit mors et entierea.
Mais li abes fu moult senes,
410 Isnelement Va relevee,
Moult durement l'a confortee,
Mais li confors li fu moult fiers.
Atant es-vous les Chevaliers
381 Raienat, 3 sg. du defini de raiembre = lat. redimere.
389—90 II faut sans doute cgrriger morrons, porons.
391 Estuece, 3 sg. subj. pres. de estovoir, falloir (voy. Diez, Wtb. II,
p. 286). Cp. le Roman de Brut, v. 1385--6.
Nus hom ne te puet garantir
Que il ne Vestuise morir.
404 Arme-, prononcez äme.
411 On sait que dur chez l^e trouveres est tout bonnement un syno-
nyme de fort; il en etait jadis de meme de l'all. hart, qui est lit-
teralement le grec xapxa.
412 Fier parait signifier ici difficile, penible.
Le Perceval de Ghrestien de Troyes. 39
Que li abes avoit laissies;
415 Lors fu li dius recomenci^^
Qae li chevali^ se pafimereat
Et apres, quant ü reieverent,
Regretoient tont lor signor,
Comme se il fast mors le jor.
4^0 Mais ce sacies voas bleu sans falle
Que grant dael faire se travaUe
La dame, ki i met s'entente;
Sovent se pasme et se demente
Et se clame: „Lasse, caitive,
425 Dolante, por coi sai je vive
Quant j'ai perdu mon bon ami
Qui si me portoit grant bonor?<^
Dont se rescrie a moult haus cris,
Ses ceviaus ront et bat son pis,
430 Et maudit Teure que fu nee,
Ne nourie, ne engenree,
Por soufrir si mortel dolor.
Lor oissies et cris et plour
Qu'il n'est.hom, si dur euer eust,
, 435 S*il le veist, dolans ne fust;
Moult i avoit duel et tristrece,
Iluec n'avoit point de leece.
L'abes ne vot plus arriester,
Son palefroi fist i^rester,
440 A la dame congi6 demande,
Les Chevaliers a Den commande,
Mais tant lor a dit et proi6
Que il aient lor duel laissie.
Et Tendemain plus a'i atent, (p. U^.)
445 Fait canter messes plus de cent
La dame par tot ses mostiers;
Asses i avoit Chevaliers,
Borgois et dames, ce sacies,
Que moult estoient corecies,
450 De lor signor mat et dolent.
Ensi a estet longement
La dame; si se confortoit
A son fil que mout bei avoit;
A lui avoit toute s'entente,
455 Mais de son signor ert dolente.
Del signor ne voel plus conter,
Ci lairai la parole ester.
115 Ditis, nom. sujet ge doel, duel, deuil; cp. voel, volo, tnut, vuit.
426 La rime oblige ä corriger signor a la place de ami.
431 On sait que ne, dans les propositions indirectes ou interrogatives,
a la valeur de et Cp. v. 485.
40 Ch. Potrin
De la dame et de son enfanl
Vous coDterai d'oi en avant,
460 Et dirai ooment li avint
Et com ele pnis se cotitint.
Bien a, 90U m'eet vis, si eat^,
Puis k'ele Bot la veritö
De 8on signor ki ert ocis,
465 La dame 'VII* mois el pais.
Fu tant ke yint el mois d'aTril,
Que le dame tenoit son fil
Dont li solas moalt li agr^e.
Mainte fois s'estoit porpensee
470 Coment ele ]e garderoit,
Que ja cheTaliers ne seroit,
Que ^armes ne saroit porter,
Ne Chevalier n'oroit nomer,
K'en lui fu tous tans seB confors,
475 Et, s'il par armes estoit mors
Comme sont si oncle et ses p^re,
Ele meisme, k^est sa m^re,
S'ociroit tost de duel apri^s,
Ne Jamals jor ne vivroit mfes;
480 Et dist, s'el pooit sans fauser,
E'en la gaste forest entrer
Vorra, et si sera par tens.
Ja nel sara nns hom de sens,
Ains que ses fius soit auques grans,
485 Ne sages, ne apiercevans,
Si que 11 ne v^ist nului
Fors ceus ki seroient o lui;
Ensi le quident garder bien.
Et si ne doute nule rien (p. 12 ^)
481 öoÄ*, gaste, solitaire (all. vriist), du lat. vasius.
484 Auquea, du lat. aliquid = un peu. Feu notre ami Gachet s*ever-
tue, par de nombreuses citations, a demontrer contre Diez Tem-
ploi ezclusivement adverbial de ce terme, comme si Diez avait
ignore ce fait. Diez ne s*occnpe qae d'etymologie , et de ce chef,
il ^tait parfaitement dans le vrai en assimilant auques a Tesp. algo,
et en le qualifiant de pronom neutre. Seulement il aurait bien
fait de faire ressortir la finale s, qui caracterise sa fonction ad-
verbiale, et d'autre part, Gachet, en appuyant tant sur cette fonc-
tion , n'aurait pas du negliger l'emploi analogue de Toriginal latln
aliquid (cf. Tall. etwas , et l'angl. somewhat), H etait nn temps
oü les philologues fran^ais, ne sachant que faire de cet auques^
Texpliquaient tout crüment par l'all. aucA, flam. 00k I
485 Apierecevant , sens absolu, = doue de jugement.
488 Quident y il faut corriger quide.
Le Perceval de Ohresden de Troyes. 41
490 Trestoufl leg jonrs qa*eLe vlTra.
Un sien serjant apielet a,
Si a mand6 «I* sien maior
Que eile amoit de grant amor,
Quil estoit sages et yallans;
495 De sa moailler ot •XII* enfans,
•VJII' fias et qaatre damoseles
Qui monlt erent cointes et beles,
Sages et de bone raison.
Li varJ^s enti*e en la maison,
500 Que la dame i ot envoyö;
Le maior trova apoiö
Par desor le dossei d'nn lit;
Li valles lores li a dit
Que il viengne hastinment
505 Et si ne le^ laist por noient;
Sa dame mande que il viegne,
Que nus essoinnes ne le tieene.
Et il si fist deliyrement,
N'i ot point de delivrement.
510 Ensi s'en Tont, si con moi samble,
Li maire et li valles ensamble.
Tont ensamble d'iluec s'en vont;
En la cambre tout droit en vont.
Quant la dame vit le maior,
515 Si li a dit par grant amor:
„Maires, bien soi^s vos Tenns^S *
Et eil ne furent pas trop mns;
Ains dist: „Dame,- eil dex tos saut
Qui partout puet et partot vaut
520 Et il TOS doinst joie et sante.
Dame, vous m'av^s ci mande,
Or me dites vostre talent/<
La dame par la main le prent,
492 Maior, major administrateur , r^gisseur, nom. sg. maires,
504 Basiiument, forme contract^e de hastivement; Elision de e et r^so-
lution de v en u.
507 Comme tous las glossaires que j'ai a ma disposition se taisent a
cet ^gard, je constate a cette occasion que le subst. essoine (afifaire,
empechement, difficulte, excuse) , * est , dans Chrestien de Troies
du moins, toujours du genre masculin. Cp. v. 574.
509 Delivrement doit ötre une erreur de copiste ponr detriement ou de-
laiement, a moins que ce ne soit le subst. d'un verbe delivrer,
signifiant delib^rer.
517 Ce pluriel furent ne concorde pas ni avec dist du vers suiyant, ni
avec mu8 (nom. maso.); je corrigerais volontiers re/u, „et celui-ci
de son cöte ne fut pas muet<<.
519 Le mot puet est ce que j'ai pu reconstruire de mieux des traits
a moitie effaces du ms.
42 ^^' Potvin
En iine cambre Ta menet,
525 Desor *!• lit sout acostet.
La dame tout premi^rement ,
Qui moult avoit le caer dolent,
Li dist: „Maires, por Diu, merci
Ke Y0118 ai^s de moi tos pri,
530 Et de mon fil, Maus sire ciers.
Prendom estes et Chevaliers
Et si m'av^s estet feeus;
Pour 90U vous dirai mes conseus.
Aler m'en voel de cest pais, (p. 12'.)
535 Ke mes fius ne me soit ocis.
En le gaste foriest irai
Et ilueques le garderai
Tant ke Dien venra a plaisir;
Et se vous volles venir
540 Od moi, bon gre vos en sarai,
Ne ja de vQjas n'en partirai;
Et si amenes vostre fame
Et vous, por Diu et por vostre arme.
Et trestoute vostre maisnie,
545 Ciertes, jou en serai plus lie.*'
Tant 11 a dit et tant proye,
Que li maires a ottroy^
Que 11 moult volentiers ira
En quel liu que eile vorra,
550 Pour 90U que il set bien por voir
Qu'il ne poroit pas remanoir.
Lors dist: „Dame, moult sagement
L'estevroit faire pour la gent;
Por 90U, s'il nos apercevoient,
555 Ja aler ne nos en lairoient.
Mais se vos homes f^issies
Tous mander et lor deissies
Que vostre fil voles mener
A Saint Brendain d'Escoce orer,
560 Si lor proies ke bonement
Se contiengnent et sagement.
Et apries 90U vos jureront
Que la ti^re vos garderont
A oes vo fil, se vous voles,
565 Qui en sera sire clam^s;
533 Mea conseus (acc. plur. de conset)^ mes projets. Au v. 572, con-
sei a le sens de: „entretien prive".
543 Corrigez vom,
552 Moult sagement, avec beaucoup de precaution.
564 A oes vo /i/, dans Tinteret tou pour le bien de votre fils. Voy.
Diez, I, V® uopo.
Le Perceval de Chrestien de Troyes. 43
£t tout a signor le tenront,
Comme signor le garderont.
Par mon consel si le feres
Et a toos le couinander^s.''
570 La dame li dist bonement
Qa'ele fera tout so]i talent.
A ce mot lor consel fin^rent,
Fors de la cambre s'en alerent.
Et la dame sans nul essoine
575 . . . . ni ot plus £ait d'aloingne;
Tous les Chevaliers de sa terre
A fait partout cier et querre,
Borgois et dames et serjans
Qui estoient de lui tenans. (p. 13'.)
580 Li mesagier yinrent ensamble,
Au quart jor murent, ce me samble,
Et quant il furent la veuu,
Lors ont 'L parlement tenn
La dame et trestoute sa gent.
585 Si lor dist bei et sagement:
„Signor, vos estes assamble
Et Jon TOS ai ici mand6,
Si ne saves encor por coi;
Mais jou le vos dirai, par foi.
590 Pour Qou que j'avoie pie^a
Cest mien fil ke vos vees 9a
A Saint Brandain k'est en Escoce,
Que Dies li doinst honor et force,
Si le me gart et sanf et sain.
565 Por 90U i voel movoir demain,
S'en Toel a vous prendre consel.
Sei me dones, car je le voel;
Et demain, par matin, movrai*,
Le maieur avoec moi menrai;
600 Et por 90U qu'en toute ma tifere
Voel ke il n'ait estrif ne guerre,
Voel jou ke trestout me jures
Que la tlere me garder^s.
Or saves mon comandement;
605 Si me dltes vostre talent.»
575 Les deux preml^res syllabes du vers sont effacees.
577 Si der n'est pas un lapsus calami pour crier, nous aurions ici un
representant francais du latin citare, reste inconnu jusqu'ici.
590 J'avoue mon incapacite de traduire ce vers; je ne saurais m'en
tirer qu'en corrigeant favoie en fai voe (j'ai vou6).
601 Voel ke me fait l'efifet d'etre une faute, amenee par le voel du vers
suivant. II faut, me semble-t-il, y substituer Tadverbe oncques.
44 Ch. Potvin
Quant li Chevalier l'entendirent ,
Saci^s ke tont s'en esbahirent,
Car li et son fil reteniscent
Moult Yolontiers se il peaissent.
610 Si li ont dit: „Dame, por D6,
Remaoes encor cest est^,
U nostre sire nos laissie«.
Si aodui ensamble movi^s,
Nous seriemes toat desconfit/'
615 La dame lores, sans afit,
Lors dit: „Uns chose saci^s
Que pour noient m*en prieries; ,
Car avecques moi Tenmenrai,
Comme mon fil le garderai."
620 Atant Ten ont done congi^:
„K'ira o vous? et gi6 et giel**
MonteDt Chevalier et serjant
Qui estoient forment dolant
Et de chou qu'ele 8*en aloit (p. 13'.)
625 Et de son fil k'ele enmenoit.
La dame avoit »I* sien neveri,
Bon Chevalier et sage et preu;
A celui, sans plus demorer,
A fait la ti^re ass^urer
630 As barons kl illnec estoient;
Que son comandement feroient,
Tant ke Dex lor laist repairier,
A tous lor a fait affiier.
Et, quant il orent ^ou jure,
635 Li Chevalier s'en sont ale
A lor Ostens por aaisier.
•I* mois durant trestont plenier,
615 Sans afit-, cette expression, que pour ma part je rencontre ici pour
la premiere fois, doit signifier: franchement, sans r^serve. Aucan
glossaire ne renseigne le mot afit, qu'ü faut se garder de confondre
avec q/i, confiance ou promesse; il ne peut venir que du.lat. af-
fecluSy pris soit dans le sens d*6motion, soit dans celui d'affecta-
tion, dissimulation.
616 Lora est une faute d'^criture pour lor.
621 Ce vers depeint vivement Temulation que mettent les Chevaliers
en s'offrant pour accompagner la reine et son fils.
622 Montent (s. e. a cheval) ^quivaut a partent
629 La tiere p. Tadministration de la terre.
630 As barons, par les barons.
632 Notez ce datif lor de la personne avec laissier, dans le sens de
permettre; il faut envisager l'infin. repairier comme le regime direct.
633 Le ms. porte fautivement, ce me semble, et tous.
Le Perceval de Chrestien de Troyes. 45
Ot la dame pris 8on tr^sor,
Qn'ele avoit grant d'argent et d'or;
640 De la ti^re Tont envoyet,
Li serjant ont aparelliet
Cars et caretes plus de cent;
De biet, d'avaine, de forment
Les fönt cargier, et puis errer,
645 Et bues et vaces fönt mener,
Cevans et montons et brebis,
Si con raconte li escris,
Qae nns hom, ce sacies vos bieoi
Ne s'aper^ut de nule rien
650 Qne s'en alast sana repairier.
Ele ne vot plus delaier,
An^ois mnt Tendemain al jor,
Od lui 8on fil et son major,
Qoi mena tote sa maisnie,
655 De coi la dame estoit moalt lie.
Et si ami le convoi^rent
Qui au partir grant dnel mjBD^rent;
Mais eile les fist retomer.
Tant ont entendu al errer
660 Ca •!• castel vinrent tot droit,
Qni sor la mer de Gale estoit;
Et moolt i fist bei et plaisaat,
Cafle TapiUent paisant
Et trestot eil de la contrie.
665 Ilnec a sa gent assambUe
Qne eile ayoit od li meni,
Mais n'i ont gaires demor^;
An^ois mat atont son hamois,
Pins rice n'ot ne qnens ne rois; (p. 14i.)
670 Et si gent avoec li alerent,
Onques nnl jor ne s^jomerent,
Tant qn'en la forest sont entret.
Si ont bien «Xn* joors estet,
Ne virent yile, ne maison,
675 Ne nule rien, se foriest non.
Tant ont erre le fort cemin
Par le gaste foriest 'sans fin
E'en une lande sont venu
Dont li arbre ^rent vert et dru;
638 Pris, recueilli, rassembU.
S44 Errer y icd = se mettre en route.
S59 ,flls ont tant presse leur marohe.<* Entendr e = lat. intenderey
alL sich anstrengen.
374 Ne virent = qu'ils ne virent.
46 Ch. Potvin
680 •€• liues avoit bien de le
La lande, et desous ot «I* pre
Qni moult fu bians et avenans,
Et desous une aige moult grans
Qui de la foriest descendoit,
685 Et saci^s ke moult biele estoit,
Et 90U Yos puis dire la fin
C'on en peust mlovre un moulin.
Tout maintenant iluec descent
La dame et trestoute sa gent;
690 Enki sont iluec osteU
Jusqu'al matin qu'il sont ley^;
Et la dame en apiela
Son maior, si li demanda
Se il faisoit bon sejorner
695 Ilueques por son fil sauver.
Et li meres (sie) li respondi:
„Dame, par verite, vos di
Que 'C' liues chi environ
N'en a ne yile', ne maison,
700 N'ome, ne fame, al mien espoir;
Et ci feroit moult boin manoir.
Une maison faisons ci faire,
Si i sera nostre repaire.
Et mi fil le feront moult bien,
705 Et nos ayons asses mairien
De le forest ke chi v^^s."
„Or en faites vos volentes,
Fait la dame, et bon me sera."
Et li maires tantost ala
710 A ses fius et si lor a dit:
„Signor, ne metes en respit,
Mais or penses del essarter
Et del mairien faire aprester,
Car vos feres une maison (p. 14^0
715 Ici u nous herbergeron;
Car ma dame le viutensi."
Et eil Totroient sans estri.
683 Aige, prononcez aigue, — Grans y pour la rime au lieu de grant.
686 Dire la fin, dire en resume, en un mot.-
687 C'est bien miovre que porte le ms.; mais je ne sais qu'en faire.
Faut-il corriger muevre (mouvoir)?
690 Remarquez la redondance enki -iluec.
695 Sauver, refugier. *
700 Espoir y ici = avis; al mien espoir, a ce qui me semble.
705 Mairien (nfr. merrain), bois de construction, du lat. materiamen,
712 Penser de faire quelque chose, c'est s'y mettre avec soin. Cp. v. 99.
717 Estri, p. estri/, contestation, Opposition.
Le Perceval de Chrestien de Troyes. 47
Maintenant sont el bos ale,
£q -XV* joors ont tant oyr^
720 Qu*il orent fait une maison
Close de palis environ,
Qne moiilt i fa bien herbegie (sie)
La dame et tonte sa maisnie.
Et li serjant aparellierent
725 Le tiere et si le gaaingni^rent ;
Et, qnant il les orent arees,
De biet les ont moult bien sem^es.
Ensi ont longement este
Et la dame a son fil gard6
730 Tant ke il sot bien ce?aucier
Et de gaverlot bien lancier
Que li fi] au maior faisoient
Qui moult bien faire le savoient.
Quatorse ans a la dame este
735 En la foriest et conviers^
Qae hom de m^re nel savoit
Le liu ou ele conviersoit.
Et ses gens le faisoient qnerre
Et cerkier par mer et par terre,
740 Mais rien aprendre n*en pooient,
Mais tot ensamble bien qaidoient
Qne ele et tonte sa maisnie
Fnscent en mer morte et noie;
Si Tavoient laissiet atant.
745 Et la dame fait entendant
A son fil qn'U n'avoit maison
N'ome, ne fame, sHluec non,
El mont, si grant com 11 estoit.
Et li enfes bien le qnidoit,
750 Qni monlt aToit de sens petit.
L^s li s'assist desor «I* lit
La mere et -C* fois le baisa,
Biaus fius et signor Tapela,
Et si li dist: „Fius, vous aUs
755 En la foriest, si ochies
725 Qaaingnier, cultiver, rendre productif.
726 Ce pronom pluriel les r^pond irregulierement au singulier tiere.
735 Convierser, lat. conversari^ sejourner.
736 Lisez hom de mere net.
745 Fait entendant, tonrnure remarquable pour fait entendre,
762 — 3 Ces vers rappellent ceux de W. von Eschenbach (vv. 3350 — 3) :
Die küngin des gelüste
Daz sin vil dicke kuste.
Si sprach hinz im in allen fliz
„Bon fic, scher fiz, beä fiz«.
48 Ch. Potvin
Cevrieus et cers asa^s BOYont;
Mais une chose vos deffent:
Se voas une gens i veries
Qni sont issi apparellies (p. 16 1.)
760 Com s'il fuscent de fer coyert,
Ce sont li dyable en apiert
Qui sont felon et empene;
Tost Yos aroient devorä;
Gardes od eus n'i arrest^s,
765 Mais tost arribre reven^s
Et si vos en sainies moult bien,
Ja en tout qou ne perdres rien;
Et si dires Yostre credo,
Bians fius, por Dieu, je ie vos lo;
770 Ja puis n'ares garde de rien.«^
„Dame, fait-il, jel ferai bien;
Sacies se joa tel gent veoie,
Moalt tost arriere revenroie,
Se jou m'en pooie venir,
775 Et Dex m'en done le loisirl*« -
Atant d'ilueques se leva,
Trestonte la nuit demora
Jasqu'au matin qu'il se leva.
Isnelement s'aparella,
780 Au plus tost qu'il se pot haster,
Son ceval a fait enseler,
Puis si ert maintenant montes.
En la forest s'en est entres,
Ses -III* gaverlos en sa main,
785 Et cerke le bos et le piain,
Trestout le jor, c'ains ne fina
Qne nule bieste n'encontra;
Et dist que l'endemain iroit
Asses plus loing que ne soloit.
790 Atant ert a l'ostel yenus,
Isnelement est descendus;
Sa mere encontre lui ala,
Qui plus de cent fois le baisa,
Et apries li a demande %
795 Moult doucement et comand^
Qu*il li die que trovet a,
Et eil de rien menti n'en a:
„Dame, je fui en la forest
Et sacies bien que moult me plest
761 Diable, prononcez di-ahle.
762 Empene, all. befiedert; de penna, plume.
770 Garde, danger.
Le Perceyal de Chrestien de Troyes. 49
800 L'envDis^ure et li deduit/«
Ensi OQt est^ cele nuit;
Sa m^re plus ne li enqaist
Et li valles plus ne li dist.
800 Envoiseure, amosement ; deduiiy plaisir.
802 Enquerre, dans le sens de questionner, est construit avec le datif
comme demander ; on voit aussi le datif de la chose avec enquerre ;
p. 16 2 : „li valUs a autres noveles enquiert et demande et entent/«
Apr^s ce premier chapitre, commence le r^cit, cette
fois bien preparä, de la rencontre des Chevaliers. En
voici les premiers vers:
Ensi come Perchevaus trova en la lande les Chevaliers.
Ce fa el tans c'arbre fiorissent,
Faelles, boscage, prä verdissent,
Et eil oisel, en lor latin,
Docement cantent aamatin,
Et tote riens de joie flame,
Que le fius a la vaive dame
De la gaste foriest sontaine
Se leva et ne li fu paine
Qae il sa siele ne mesist;
Et son cac^onr, ne presist
Trois gaverlos et tout issi
Fors del manoir sa m^re issi, etc.
On peut dejä rcmarquer le caractere transitoire de
ce d^but qui rappeile, m^me par la forme grammaticale,
la fin du chapitre precedent, oü Perceval se propose d'al-
1er chasser le lendemain:
Et dist qne Tendemain iroit . . .
Puis, que signifient ce nom de ßla de la veuve dame
donne au heros et cette gaste /ortest sotUaine ^), si le premier
chapitre manque, et si le lecteur n^a pas ^tö mis au cou-
rant des ev^nements qui ont rendu veuve la mere de
Perceval et l'ont portee k se cacher dans la ga^te foret^
evenements qui sont le fondement meme du sujet.
Le recit continue de meme, en s^appuyant sur le
^) Soutaine est interpr^t^ par les philologues fran^ais comme me-
ridional, comme on derive de aouth, sad. Wolfram en a fait an nom
propre et le traduit par Soltane.
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 1. A
50 ^^* Potvin. Le Peroeval de Chrestiea de Troyes.
chapitre premier et il renferme plus d^un trait qui man-
querait d'explicätion süffisante ou qui perdrait tonte sa
valeur poetique , sans cette indispensable^ entree en matiere.
Ainsi, tout prouve que les manuscrits qui, apres un
court prologue, commencent par le second chapitre du ma-
nuscrit de Mons, ont, d^s le d^but, une grande lacune^
que ce manuscrit vient combler.
C'est la Belgique qui possede le manuscrit le plus
complet du chef-d'oeuvre de Chrestien de Troyes; le pu-
bliera-t-elle?
Ch. Potvi
I
Ebert. Die ältesten italienischen Mysterien. 54
Studien zur Geschichte des mittelalterlichen
Dramas.
I. Die Ütesten italienischen Mysterien.
Die älteste Nachricht yon dem geistlichen Schauspiel
der Italiener datirt yon dem Jahre 1244 (nicht 1243 wie
. in der Regel unrichtig geschrieben wird. *) In einem Ver-
zeichni/s der Regiminea Paduae vom Jahre 1174 — 1364
finden sich bei den Namen der jährlichen Podestk die
wichtigsten Ereignisse ihrer Regierungszeit in aller Kürze
angemerkt. Dort erfahren wir denn, dafs in dem ge*
nannten Jahre eine Darstellung — repraesentatio — der
Passion und Auferstehung Christi^) im Prä, della Valle,
einem grofsen, heute wenigstens mit Rasen bedeckten
und von Bäumen beschatteten Platze Paduas, am Oster*
tage selbst feierlich stattfand. In einer andeni Hand-*
Schrift der Regimines wird dem eolemniter noch ein ordi^
^) Man kann hier wieder einmal sehen, wie selten die Quellen selbst
— obschon man sie in der Regel zu citiren pflegt — in solchen Fällen
befragt werden, oder weni'gstens mit wie geringer Sorgfalt. Tira-
bp0chi (1. in, c. 3, § 25), ans welchem die Meisten ohne Zweifel die
Nachricht schöpften, drücki; sich zuf&r nicht unrichtig aus, inden^ er, die
Stelle nach der italienischen Version wörtlich wiedergebend, die Worte
vorausschickt: in cui (Muratori) alC an. 1243 si legge; aber da er
keine weitere Aufklärung rücksichtlich der Jahreszahl gibt, hat er
nicht bloXs den Irrthom derer, die ihn abschrieben, Terschuldet, sondern
er scheint ihn auch selbst getheilt zu haben. Die Stelle lautet nämlieb
im lateinischen Text: 1243. Idem Dominas GaWanus Potestas Paduae.
ffoc anno facta est repraesentatio etc. Und doch fand die Darstellung
nicht 1243 statt; eine Nota, welche dem ganzen Denkmal vorausgeht,
liesagt nämlich: „Nota, quod tempora Potestatibus aenteseripta dicnnt
tempus electionis cujuslibet Potestatis sive Consulis. Unde quilifoet
Bector, sive Potestas tenet medium annum »uae elecHonis et medium
sequentem^ qaaYum Potestatum fiebat electio circa Feetum Sancti Petri
de Junio," Muratori, Rer. ital. Script. T. Vin, p. 375.
*) In der einen Handschrift heifst es nur: repraesentatio, ^össtonw
ei mortis Christi, in der andern, mit wekher die italienische Version
übereinstimmt : passionis et resurrectionis ; da aber gerade nach der erstem
Handschrift die Aufführung in ipsa die Pa9eAee« stattfand, ist nicht zu
bezweifeln, dafs auch die Auferstehung dargestellt wurde.
4*
52 Ebert
nate beigefügt: „wie es sich gehorte''. Dieser Zusatz
allein würde bekunden, dafs eine solche Darstellung nichts
Neues war, wenn nicht schon dafür die Art des Aus-
druckes im Uebrigen spräche. Ohne Zweifel aber hatte
die „Darstellung" in jenem Jahre eine besondere "Wir-
kung gehabt, sodafs sie hier verzeichnet wurde: wie
andererseits auch die Fassung jener Stelle zu der An-
nahme nothigt, dafs keineswegs alljährlich schon solche
Aufführungen statt&nden, zum wenigsten nicht in der-
selben Art. Sehr beachtenswerth nämlich ist, dafs diese.
Aufführung im Freien statt&nd, nicht in der Kirche; es
zeigt sich also in dieser ältesten Nachricht das Mysterium
bereits von dem Gottesdienst gelost, selbständig; auch läfst
eine solche Aufführung im Freien* an eine grofsere mate-
rielle Entwicklung der Spiele denken. Es weist daher jene
Urkunde auf eine viel frühere Entstehung des geistlichen
Schauspiels in Italien hin; es hatte dasselbe bereits ein
paar Perioden seiner Entwicklung durchlaufen. Die
nächstfolgenden Nachrichten bekunden dies in noch höhe-
rem Grade. Zwei Decennien später nämlich wird uns
von der Gründung zweier Laiengenossenschaften (com-
pagnie) berichtet, unter deren frommen Zwecken die
Aufführung von Mysterien eine, vielleicht selbst hervor-
ragende, Stelle einnahm. 1261 wurde die Compagnia de'
Battuti (Geifselbrüderschaft) Treviso's errichtet, in deren
Statuten der Verpflichtung ihrer Kirche — denn jede
solche Corporation war schon -bei ihrer Gründung mit
einer bestimmten Kirche verbunden, wo sie mindestens
ihren eignen Altar hatte ^) — gedacht wird, für die Rol-
len der Maria und des Engels zwei dem gewachsene und
im Singen wohl unterrichtete Cleriker der genannten
Genossenschaft^) alljährlich an dem in herkömmlicher
1) Vgl. Jahrbuch I, p. 47.
^ diciae scholae heifst es in der Urkunde, s. den Auszug aus der-
selben bei Tiraboschi, 1. 1. § 28, Note (welche Note aber in der ersten
Ausgabe fehlt). Schola hatte die aus spät römischer Zeit überlieferte
Bedeutung von Corporation, Gilde, selbst Zunft; s. Hegel, Gesch. d^
Stadteverf. y. Italien II, p. 261. Gerade die Geifselbrüderschaften Ve«
nedigs werden in den lateinischen Urkunden: scholae battutorum oder
verberatorum genannt.
Die ältesten itaUeoischen Mysterien. g3
Weise an dem Tage der Verkündigung zu feiernden Feste
zu stellen; doch sollten die Vorstände der Compagnie
für die Anschaffung des Costums der beiden Cleriker
Sorge tragen. Dafs aber hier von der Aufführung eines
Mysteriums die Rede ist, was die Anmerkung zu Tira-
boschi als zweifelhaft hinstellt, zeigt nieht blofs die eben
Äuletzt von mir angeführte Stelle der Statuten, sondern
auch eine andere, in welcher der Aüsdtuck Repraesentatio
selbst sich findet. Die Sänger, heifst es da, sollen an
dem Tage der Verkündigung der heiligen Jungfrau, wann
die „Repraesentatio^^ stattfindet, 10 Solid! jeder haben.
Drei Jahxe später fällt die Errichtung der Compagnia
del Gonfalone in Rom, deren vomehmUchster Zweck nach
Tiraboschi die jährli«he Darstellimg der Passion war, wie
ihre Statuten zeigen sollen, über die meines Wissens leider
nirgends eine ausführlichere Mittheilung gemacht ist. ^) —
Wir sehen also wie in den sechziger Jahren des 13. Jahr-
hunderts bereits Laien die Aufführung der Mysterien in
die Hand nehmen, wenn auch noch unter Betheiligung
des Clerüs, der dann, wie in detn ersten Falle documen-
tirt ist und sich auch von selbst schon erwarten liefs, die
Hauptrollen noch besetzte. Dafs der Clerus aber noch
längere Zeit auch allein solche Aufführungen veranstaltete,
.erweisen bereits die nächstfolgenden Kachrichten. In der
Friaulschen Chronik des Julianus, Canonicus von Civi-
dale*^), wird uns vom Jahre 1298 erzählt: „dafs am
^) Die Stelle bei Tiraboachi L 1. lautet: L' ultimo argomento che
si arreca a persuaderci che fin dal sec^ XIII erano In, uso tra
noi le rappresentaziooi teatrali, si trae dagli Statuti della Compagnia
del Gonfalone istitoita in Roma Tan. 1264, il cui fine primario era il
rappresentare ogni anno % Misteri della Pasaione del Redentore* Dieae
Stelle ist aber keinenfalls so aufzufassen, als wäre ein oder gar der
Hauptzweck der Gründung der Gesellschaft das Passionsspiel gewesen f
Yielmehr wurde dasselbe offenbar erst mit der Z<eit einer der „yornehm-
lichsten Zwecke^*. Die Compagnia del Gonfalone, welche von ihrer
mit dem Muttergottesbild geschmückten Fahne diesen Namen der
„ Fahnengenossenschaft << im eminenten Sinne führte, war auch eine
GeiTselbrüderschaft. Ich hoffe, das Verhältnifs dieser Brüderschaften
zu dem geistlichen Schauspiel später an einem andern Orte genauer
darlegen zu können.
2j BeiMuratori, Rer. ital. Script., T. XXIV, col. 1205 u, 1209.
54 Sbert
Ffingsttage imd den beiden ihm folgenden durch den Cle-
rus in der Curie des Patriarchen in anstandiger und lob-
licher Woise das Christus^Spiel aufgeführt ward, nämlich
die Passion, die Auferstehung, Himmelfahrt, Ausgiefsung
des heiligen Geistes uftd das jüngste Gericht" Vom
Jahre 1304 berichtet derselbe Chronist über diese durch
den Clerus ,|Oder das Capitel von Cividale" angeführten
Pfingstspiele, die nur noch stofflich erweitert erscheinen,
indem hier, aiifser den genannten fünzelspielen, noch die^
folgenden ];iam^ntlich aufgeführt werden ^) : die Schöpfong
von Adam und £ya, die Verkündigung Maria, die Geburt,
sowie der Antichrist. Auch diese Aufführung fand, wie die
erste, in Gegenwart des Patriarchen, eines Bischofs sowie
vieler Adligen statt. Hier erscheinen 4$o schon groise Col-
lectivmysterien, die auch das alte Testament in ihrßn Be-
reich hineinziehen.^) — Noch wird uns. von einer grofsen
Aufißihrung des Dreikönigsspiels berichtet, welche 1336 am
Tage der Erscheinung Christi in Mailamd von den Pre-*
digtmönchen veranstaltet ward, und danach , eine Zeitlang
wenigstens,, jährlich wiederholt ward*^) Diese Darstellung
zeigt schon das Streben, mehr durch Schaug^pränge als
^) Eodem anno facta fnit per Clerum sive per capitulum cividatense
repraesentatlo, sive ihctae -fuerant repraesentationes infra scriptae [hier
gibt sich recht die Natur des OolleotiTtitjsters zu erkennen], i]q>rimi8
de oreatioq^ pnmoriun parentom, 4einde de annuntiatione beatae VirgiaiSi
de partu, et aliis multis^ et de passione, et resurrectlone et ascensione, et
adventu Spiritus sancti , et de Antichristo et aliis ; et demum de ad-
ventu Christi ad Judicium. Ob' und welches Gewicht den von mir
durch Cursivflchrift hervorgehobenen Worten beizulegen sei, muTs ich
dahingestellt sein lassen.
«) Aller Wahrscheinlichkeit nach waren diese Stücke ebenso wie
die im Prk della Valle gespielten nbch lateinisch; ob auch die der
Battuti im Anfange? Auch dies scheint mir wahrscheinlicher, als das
Gegentheil. — Von den im Folgenden erwähnten Spielen aber nehme
ich an, dafs sie italienisch terMst waren.
*) Der Bericht findet sich in Galvanei de la Flamma ordinis Prae-
dicatorum Opusc. de rebus gestio Abaxone etc. v. J. 1326-^1342 bei
Muratorl, Äer. ital. Script. T. XII, col. 1017 f. Im Eingang des Be-
richts heifst es da: Isto tempore (1336) fuit liicöeptum föstum trium
Regum etc.; und am Schlufs: £t fuit ordinatum, quod omni anno i9tad
festum fieret. Da der Chronist weiter nichts hinzufügt, die Chronik
aber bis 1342 reicht, ist die Aufführung jedenfalls bis dahin jährlieh
wiederholt worden.
Die ältesten itali^mschen Mysterien. ^
durch dramatische Mittel zu wirken; es war, mochte man
sagen, ein geistliches Spectakelstück. Von dem Kloster
der Mönche zogen die heiligen drei Konige, die goldene
Krone auf dem Kopfe, in der Hand einen goldenen Be-
cher mit Gold, Weihrauch oder Myrrhen, hoch zu Rofg
mit vielem Gefolge und vielen Saumthieren, unter Tnmi-
peten- und Homerklang aus; allerhand Afien und man-
nichfache andere Thiere wurden voransgetragen oder ge*
fuhrt — offenbar um das Morgenland zu charakterisiren. ^)
Allen voran aber zog der goldene Stern. An den Säu-
len des heiligen Laurentius liäachte^ der Zug Halt. Dort
war eine Tribüne aufgeschlagen, wo König Herodes mit
seinen Weisen und Schreibern- sich befand. Hier spielte
die erste Seene. Auf die Frage der Konige nach Christi
Geburtsort werden von den Weisen viele Bücher nach-
geschlagen, uiid sie dann „nach dem 5 Meilen entfemten^^
Bethlehem gewiesen. Sofort setzte sich der Zug nach
der Kirche des heiligen Eustorgius in Bewegung. Dort
zur Seite des Hochaltars £Emd sich die Krippe und darin
das Christuskind, von der heiligen Jungfrau überwacht,
der Ochs und der Esel daneben. Hier werden die Ge-
schenke dargebracht. Die Könige legen sich zum Schlum-
mer nieder. Der warnende Engel erscheint, und heifst
sie, statt dureh die Strafse des heiligen Laurentius, durch
das Komische Thor« heimzuk^ren. Auf diesem Wege
geht dann der Zug zu dem Kloster zurück. — Eine wahr-
scheinlich ganz ähnliche, ebenso prächtige Darstellung
wurde über hundert Jahre später von den Bürgern von
Florenz unter Peter von Medici ausgeführt, der auf dies
Mittel verfiel um die unruhigen Köpfe der Müfsigen zu
beschäftigen, da die Vorbereitungen zu dem Schauspiel
allein mehrere Monate in Anspruch nahmen.^)
^) Auf dem die Anbetung der heiligen 3 Konige diurgteUenden Tem^
peragemälde des Gentile da Fabriano (um 1420), das sich in der Aca-
demie zu Florenz befindet, ist die Darstellung eine ganz ähnliche; da
sieht man, aufser den Saumthieren, Kameeie mit Affen, selbst zwei
Tiger oder Leoparden , deren Kopfe aus dem Gedränge hervorragen ;
die Könige, die vom Rofs gestiegen, halten auch in den Händen
Becher^ die ihre Gaben einschliefsen.
2) Machiavelli, Ist. fior. L. VII.
56 ^bert
. Wie schon das Mailänder Spiel zeigt, blieben die
Kloster in Italien nicht hinter der Weltgeistliehkeit in
Betreff dieses Schmuckes der kirchlichen Feste zurück;
die spätere reichlicher documentirte Geschichte des geist-
lichen Schauspiels der Italiener — seit dem 15. Jahr-
hundert —- belegt dies noch mehr; nirgends haben die
Kloster einen so bi&deutenden Aatheil an der Entwicklung
des mittelalterlichen Dramas gehabt, als gerade in Italien.
Aus dem 14. Jahrhundert ist nur noch eine Nachricht,
die auf diesen Antheil hinweist, mir bekannt. Sacchetti
erzählt in Nov. 72, wie einer seiner Freunde am Tage der
Himmelftlirt einer Aufführung (festa) derselben durch
die Mönche des Ordens del Carmine in Florenz beige-
wohnt, und dabei das langsame Heraufwinden Christi an
einem Seile nach der Decke zu Späfaen des Publikums
Veranlassung gegeben habe. In der Kirdie d(^l Carmine
wurde auch noch nach der Mitte des 16. Jahrhunderts,
wie wir aus Borghini's Aufzeichnungen wissen^), regel-
mäfsig die Himmelfahrt dargestellt, wenn auch nicht
mehr von den Mönchen, sondern von einer Laienbruder-
schaft, der Compagnia dell' Orciuolo, wie deren in jenem
Jahrhundeii so manche gerade zu den. Zwecken solcher
Auffuhrungen bestanden. £s zeigt dies Beispiel zugleich,
wie solche Bappresentazioni an bestimmten Tagen und
Orten herkömmlich wurden, und sich ein paar Jahrhun-
derte hindurch erhielten.
Auf so spärliche Nachrichten , die genauer zu unter-
suchen man sich nicht einmal die Mühe gegeben hatte,
war bis vor kurzem unsere Kunde von den italienischen
Rappresentazioni der Zeit vor dem 15. Jahrhundert be-
schränkt: erst 1860 hat Palermo in dem zweiten Bande
seines Werks über die Manuscripte der Palatina von Flo-
renz*) durch sehr werthvoUe Mittheilungen aus bisher ganz
unbeachtet gebliebenen Handschriften das Material för eine
beträchtliche Erweiterung unserer Kenntnifs geliefert. Zwei
Mittheilungen sind vor allen andern von besonderm Werth,
1) Palermo, I Mauoscritti Palatini, T. II, p. 459.
-2) S. den Titel genauer Jahrb. Bd. HI, p. 439, Nr. 179.
Die ältesten italienischen Mysterien. 57
indem die eine von ihnen uns das älteste Mysterium in
italieniseher Sprache, das uns erhalten ist^ die andere das,
meines Erachtens wenigstens, älteste Mirakelspiel der Itar-
liener kennen lehrt. Beide Stücke aber sind, ganz von dem
Alter abgesehen, vne ich zeigen werde^ von mannichfachem
und selbst allgemeinem Interesse. Das erstere^ welches
in dem Codex CLXX sich findet, ist zugleich der ein-
zige Vertreter, der ersten Entwicklungdstufe des italieni-
schen Mysteriums, deijenigen nämliclL, wo dasselbe noch
in engster Verbindung mit dem Gottesdienst selbst er-
scheint, eine Entwicklungsstufe, von der die andern Län-
der kein so vollkommenes Beispiel in der Vulgärsprache
aufzuweisen haben.
Dieses Stück verdient daher eine besonders genaue
Berücksichtigung, und es ist sehr zu bedauern, dafs der
gelehrte Bibliothekar es nicht vollständig publicirt, son-
dern nur eine Analyse, verbunden allerdings mit sehr
reichlichen Auszügen, davon g^eben hat*)
Das Stück besteht aus zwei Abtheilungen, oder wenn
man will aus zwei Spielen, hier „.Devozioni" (Andachten)
genahnt, von denen das eine am Grünen Donnerstag, das
andere am Charfreitag aufgeführt wurde, die aber ihrer
Composition nach, wie man sehen wird, so zusammenge-
hören, dafs sie vielmehr den Akten eines Stückes, als den
Theilen einer Trilogie gleichen.
Die „Devozion" des Grünen Donnerstags*) beginnt
mit der Mahlzeit, welche Christus in Bethanien sechs
Tage vor Ostern im Hause des Lazarus hielt (Joh. 12,
V. 1), die aber hier auf den Grünen Donnerstag ver-
legt und dem „Abendmahle" substituirt worden ist.')
Die Rücksicht auf die heilige Jungfrau hat dies offenbar
1) 1. 1. p. 272 ff. „Ma prima di ogni altra oosa, e bene in prin-
cipio esporre esse Devozioni : il che £aremo , arrecando via via i versi,
che piii giovino a conoscere bene Tindole dell' antico componimento ; e
co' versi le rubriche, e dichiarazioni, che di continuo vi son tra mezzo,
a regolar soprattutto il modo dell' azione. E in tutto serbiamo V an^
tica scrittara, in coi yedonsi effigiati i dialetti.<<
2) So heifst es am Schlafs derselben: Qua fenise la Devotione de
Zobia cTi sancto*
^ Incommenza lo Convito , che fece Xpisto con la Matre^ lo zobia
58 ^^^^
veranlafst: an die Stelle des mit den Jüngern gehaltenen
Abschiedsmahles tritt ein solches mit der Mutter ge-
feiertes; wie dies die eben unten angeführten Eingangs-
worte des Stückes selbst andeuten.
Christus tritt auf als von Jerusalem kommend; Maria,
begleitet von Magdalena und Martha, geht ihm entgegen.
Sie umarmen sich. Ohne weiteres beschwort Maria den
Sohn nicht nach Jerusalem zurückzukehren, weil sie ihn
dort, wie er wisse, todten wollten. Christus antwortet,
dafs er seinem Vater gehorchen müsse; doch solle sie nicht
so traurig sein, da er nichts unternehmen würde, ohne es
ihr zu sagen, ehe er ginge.*) Darauf umarmen sie sich wie-
der. Indessen trägt man auf. Während dem bleibt Maria
bei Christus stehen, indem sie immer sagt: ,^Mein Sohn!"^
An dem dann folgenden Mahle nimmt auch Lazarus Theii.
Nach Beendigung desselben ruft Christus Magdalena bei
Seite (da canto), und entdeckt ihr, während sie vor ihm
niederkniet, dafs er noch heute nach Jerusalem gehen
wolle, wo er den Kreuzestod erleiden werde. Er em-
pfiehlt ihr seine Mutter^ die so tief betrübt sein werde.
Sie selbst solle indessen diese Mittheilung durchaus ge-
heim halten, bis er gefangen sei.^) Magdalena verspricht
es, indem sie Christus die Füfse küfst. Dieser geht dar-
auf „hinein" wo die Andern sind (dentro dove stano li
altri), während Magdalena bleibt. Zu ihr kommt Maria
und will wissen was der Sohn ihr mitgetheilt : Magdalena
darf es nicht sagen; beide begeben sich darauf zu
Christus. Maria will niederknien, wird aber von ihm
aufgehoben. Sie fragt ihn, warum er so bekümmert sei;
ihr selbst sprängen vor Schmerz die Adern, und vor
(Giove) di sancto; E primo la Vergine Maria, stando in casa d' Marta
e de Madalena ■- Mit diesen Worten beginnt die erste Derozion.
1) Non faria cosa che non lo dicese
A vui, Madre, ante che partese.
*) Nach den Worten Christi: „Dito questo se abrazano. E in-
'terim se mete a la mensa per manzare. E in qnesto mezo la Madre
sta con Xpisto, e basalo, dicendo sempre: Figlio miol Poi sedendo a
manzare, uno de li manzaturi sia Lazaro. Fornito lo manzare'* etc.
') E questo lo tiene fortemente celato,
Per fin tanto che sero pigliato.
Die ältesten italienischen Mysterien. 59
AngBt gehe ihr der Athem aus. ^) Christus sagt nun, dais
er, zur Erlösung der Welt, zum Tode gehe: worauf Maria
ohnmächtig zu Boden fällt. ^) Als sie wieder zu sich
gekommen, beklagt sie ihr Schicksal : „nenn mich kiinfkig
nicht mehr Maria, seit ich dich verlor, mein Sohn.^^ —
Am Ende dieser schmerzlichen Unterredung fallen beide
wie todt zu ßoden. Nachdem sie sich wieder erhoben,
Umarmung. „Christus geht dann zu sitzen'^ (ya a se*
dere; ohne Zweifel an dem Tische), Maria aber begibt
sich zu Judas, vor dem sie niederkniet — ohne von ihm
aufgehoben zu werden; sie empfiehlt ihm Jesus, Judas
mioge ihn nicht verlassen, „wenn ihr Sohn unter jenen
Leuten sein werde^^ Judas tröstet sie mit den doppel-
sinnigen Worten: „Es ist nicht nöthig, mich zu sehr zu
bitten, denn ich weifs wohl was ich zu thun habe.^ Ebenso
bittet Maria dann Petrus, der sie aber nicht knien lä(st;
und Christus gegen alle Welt zu vertheidigen verspricht.
Darauf gehen Maria, Magdalena,. Martha und Lazarus
zu Christus hin, welcher, die Mutter ehrerbietig b&*
grüTsend (fa reverentia) und umarmend, Miene macht
wegzureisen (facendo vista de partirse). Magdalena bittet,
dafs sie ihn bis zu den Thoren der Stadt begleiten dürf^
ten: was Christus bewilligt. „Darauf gehen alle zusam-
men nach Jerusalem hin.^' An einem der Thore ange-
kommen (e como sono a una delle porte), erklärt Maria
sich nicht von dem Sohne trennen zu wollen. Jesus gibt
dies nicht zu; aber er will ihr den Engel Gabriel zum
Tröste senden, bis er Johannes schicken werde. Jener
erscheint auch auf der Stelle. Maria segnet den Sohn.
Beide fallen wieder zu Boden (cadeno in terra). Dann
erhebt sich Christus und ,9 tritt durch ein anderes Thor
Dimilo, Filgio, dimilo a mi,
Perche stai tanto afaoato?
Amara ml, piena di äiispiri,
- Perche a mi lo ai eellato?
De gran dolore se speaano le vene,
£ de dolgia, Figlio, me esse el fiato.
Che te aoao, FigUo, con perfecto core,
Dimelo a mi, o dolce Segnore.
, Maria cade iu terra, e sta un poco; e Xpisto la leva euso.'^
60 Ebert
in Jerusalem ein^^. Magdalena und Martha richten Maria
auf und unterstützen sie, während sie „zum Volke redet^'
(al popölo — zu den Zuschauern, die das Volk vertreten) :
O mein so liebreicher Sohn, o mein Sohn, wohin bist
Du gegangen? Durch welches Thor bist Du hinein-
getreten? Sagt mir, o Frauen, um Gottes Liebe
willen, wohin ist mein Sohn gegangen?^) Dann ^,zi2m
Engel gewandt ^^ bittet sie ihn, ihr^le die Leiden Chrisli
zu erzählen, damit ihr selbst durch den heftigen Schmerz
der Sohn deu Tod sende.^) Magdalena bittet Marien bis
zu Johajmis Ankunft nach Bethanien zurückzukehren.
Maria aber beschwort die beiden Schwestern . sie nicht
zu verlassen, vor ihnen niederkniend. Darauf kehren sie
zusammen nach Bethanien zurück;- Maria langsam dahin
wandelnd (andando piano) redet die Frauen (des Publi-
kums) wieder an mit einigen rührenden Worten.^) Nach
dieser Kede „treten alle zusammen hinein^^ (entrano)«
„Und es beginnt das Gebet Christi auf dem Oelberg. Er
nimmt zu sich Petrus, Jacobus und Johanna ^^ (nach
Matth. 26, V. 37) ^), und ermahnt sie zu ruhen aber zu
wachen, indem er zum Grebete geht. Er kniet nieder,
nimmt den Kelch in die Hand und die Augen hinaufge-
richtet, betet er.^) Die Rückkehr zu den Jüngern wie in
^) O Filgio mio taYito amoroso,
O Filgio mio , due se' tu andato ?
O Filgio mio tuto gracioso,
Per quäle porta ee* tu intarato ?
Filgio mio asai deletoso,
Tu sei partito tanto sconsolato!
Ditime, o done, per amore de Dio,
Dov' h andato lo Filgio mio?
2) Azö che per lo mio piangere forte
Lo mio Filgio me mandi la morte.
3) Vediti, done, per cortesia y
Con che cor me poso tornarel
Azo [Ho] perduto la speranza mia
E non so dov^e la dibia torvare. etc. etc.
^) Es schliefst sich diese Scene so unmittelbar in der Handschrift
an die vorausgehende an, dafs noch in derselben Zeile nach dem en-
^rano fortgefahren wird mit den Worten: lacomenza la oratione che
Xpo fece nel monte etc. etc.
^) E stando inzenochiato, e pil^a lo calice in mano etc. Es ist
Die ältesten italienischen Mysterien. ßl
der Bibel; beim zweiten Mal legt isich Christas einen
Stein unter den Kopf, und schlummert selbst ein wenig ^),
ehe er sich zum dritten Gebet wendet. Nach dem drit-
ten Gebet erscheint der starkende Engel (Luc. 22, t. 43).
Christus weckt dann die drei Jünger auf, „während ~-
laut der Bühnenanweisung — die Bewaffneten sich rüsten
ihn gefangen zu nehmen"; Christus begibt sich darauf
zu den andern Aposteln, die Häscher mit Judas kommen
heran. „Quem quaeritis?" Diese und die folgenden der
Bibel entnommenen Reden Christi werden von ihm Icaei^
nisch gesprochen. Die Gefangennahme erfolgt Mit einem
Strick gefesselt, wird Christus hinweggeführt, während die
Jünger, bis auf Johannes und Petrus, ihn verlassen. Hier-
mit endigt das erste Spiel.
Die „Devozion" des Charfreitags beginnt wenn der
Prediger (predicatore) zu der Stelle gekommen ist, wo
Pilatus befiehlt, dafs Christus gegeifselt werde; nachdem
der Prediger geschwiegen, kommt Christus nackt mit den
Geil'selem^) die ihn mitten durch das Volk fuhren, Frauen
wie Männer^), ^^<^^ dem bestimmten Orte, wo die Säule
steht. Johajmes steht neben Christus, die Geifsler geifseln
ihn ehrerbietig ein wenig (un po devotamente) und hören
auf als Christus zu Johannes reden will, der vor ihm
niederkniet. Ihm befiehlt er die Jungfrau zu rufen. Hier*
auf schlagen und schimpfen die Knechte Christus'^), und
dies der „Leidenskelch^^ Man sieht hier einmal wieder recht den Ein*
flafs der kirchlichen Bildwerke auf die Mysterien; in. dem deutschen
Passionsspiel bei Mone, Schauspiele des Mittelalters, Bd. II, p. 263, ist
der Leidenskelch wenigstens gegenwärtig , obwol ihn Christus nicht er-
greift. Es heifst da in der Bühnenanweisung: „und denn gat der Sal-
?ator von inen und knmpt an den Oelberg, dar uff sol ein Kelch stan/<
1) e trovali dormendo, e lui se mete una pietra sota el ca-
po, et fa Tista de dormire. E stando un poco, si se leva
^ Incomenza la deyotione de venerdi sanoto. Quando lo predi-
catore ave predicatp fin a quello loco , quando • Pilato commanda che
Xpisto sia posto a la colonoa, lo predicatore tase, et yene Xpisto nu-
do con li frustatori; et vano a lo loco diputato, dove sta la oolona.
*) se si puö fare: ist hinzugefügt.
*) E Giovanni si parte: e intanto ora uno, ora un altro „de' fru-
statori««, percuotendo Gesu, con male parole Ip vilipendono: so re/Is-
rirt Palermo; leidet ist die Stelle selbst nicht mitgetheilt.
g2 Ebert
fuhren ihn dann ab. ^) Johannes aber redet die Gemeinde
an (Signori, done e bona gentel) und fragt sie wo Ma-
ria sich befinde; er zeigt ein schwarzes Kleid (negra go-
nella), das er ihr bringen solle, und sucht die Rührung
des. Publikums zu erwecken indem er die Frauen an ihre
eignen Söhne erinnert. Darauf kommt Magdalena Ton
der Frauenseite nach der Bühne (vegna da la parte de
le done verso lo talamo^ und tritt Johannes gegenüber
(a&ontase), indem sie über die traurige Neuigkeit, die sie
vernommen, klagt. Johannes bittet sie, ihn zu Maria zu
begleiten, da er nicht das Herz habe, allein hinzugehen.
Indessen kommt schon Maria von der andern Seite*)
und jene gehen ihr entgegen. Sie klagt, da sie das
schwarze Kleid gesehen habe. Magdalena theilt ihr die
Gefangennahme Christi mit, und fordert sie auf, das Kleid
anzulegen. Nun erscheint Christus, das Kreuz auf dem
Nacken, mit den Räubern, ^ine Anzahl Frauen folgen
ihm'), an die er die Worte der Bibel richtet. Unter-
dessen nähert er sich der Stelle wo Maria mit Magdalena
und Johannes steht. Maria eilt auf ihn zu, ihn zu um-
armen, die Juden jagen sie weg. Christus läfst das
Kreuz zur Erde &llen, Maria ihn bejammernd wiU das
Kreuz nehmen.*) Die Juden aber treiben sie zurück.
Sie fällt ohnmächtig hin, während Christus nach Golga*
tha geführt wird. Maria erwachend sucht den Sohn,
fragt die „Frauen", und begibt sich dann mit Magdalena
und Johannes zu der Richtstätte. — Nun predigt der
Prediger wieder, und auf ein von ihm gegebenes Zeichen
nageln die „Juden*' Christus an, und richten dann das
Kreuz auf.*) Christus redet und bittet für seine Feinde.
Maria spricht zum Kreuze: Neige Deine Zweige damit
^) e (sia) portato dov* e determinaio,
2) Dito questo la Madalena se parte da lo talasno, e vano per
scontrare a Maria cheviene da /' a/^a parte.
3) et certe done li verano dietro: gewifs wohl aus dem Pablikam.
^) Derselbe schöne Zng findet sich in den Towneley Mysterien, s.
Jahrb. I, p. 141.
^) Et lo predicatore predica: e oomo fa signo che Xpisto sioposto
in croce , 11 Judei li chivano una mano, e poi V altra. Et chiavato obe
e, lo levano snso.
Die ältesten italienischen Mysterien. g3
Deiu. Schopfer Ruhe finde 1 ^) — Darauf von Neuem der
Prediger; das Spiel pausirt indeTs^), bds er ein Zeipben
gibt, worauf das Gespräch mit den Räubern, nach der
Eibel, folgt. Danach erstehen die Todten (vgl. Mtth. 27,
Y. 52 f.). Drei reden nach. einander Christus an: die See-
len in der Hölle erwarteten ihn, die Patriarchen und Pro-
pheten; einer aber ist auferstanden, um Maria beizustehen
und ihr zu dienen. — De;r Prediger erklärt dann diese
Handlung. ^) Indem auf ein von ihm gegebenes Zeioheii
das Spiel wieder beginnt, bittet die Jungfrau Magdalenen,
Christi Aufmerksamkeit auf sie, die Mutter, auch einmal zu
lenken; habe er doch mit de,m Räuber gesprochen, um sie
sich aber nicht gekümmert."^) Magdalena erfüllt den Wunsch
und Christus befiehlt nun seine Mutter dem Johannes
(Joh. 19, V. 26 f.), welcher darauf niederkniend und Ma-
rias Füfse küssend sie zu trösten sucht. Maria klagt
1) Diese ebenso eigenthümliche als poetische Red« lautet:
Indina li toi ravni^ o croce alta,
£ dola [dona] reposo a lo tuo Creatore;
Lo corpo precioso ja se spiaata;
Lasa la toa forza et lo tuo vigore.
^ Et mentre che predica, non se fiaza niente.
3) Dito questo (dal secondo morfco), lo predicator dechiara questo
ato de li morti. E como fa signo, Maria dica etc.
*) Pregoti, cara filgia Madalena,.
Che parli un poco a lo mio Filgio,
Che moito h grande la mia pena;
Forsi a ti parlera Tamoroso gitlio,
lo non so* piu Maria de gratia piena!
Tanto e grande lo mio exilio,
Che a queso latro sia parlato,
E de mi aflita non se [s*^] n' curato.
Menschlich rührend und motivirt: aber vom religiösen Standpunkte
nicht zu rechtfertigen. Ebenso übrigens in den Coventry - Mysterien,
nur dafs sich hier Maria direct selbst mit dem Vorwurf und der Bitte
an Christus wendet:
O my sone! my sonel my derlyng dere!
What have I defendyd the?
Thou hast spoke to alle tho that ben here
And not o word thou spekyst to me!
Ludus Coventriae pag. 322.
64 Sbert
weiter ^)) umarmt das Kreuz und sinkt ohnmächtig nieder,
unterdessen wieder Predigt, bis Jesus die Worte spricht:
Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!
(Matth. 27, V. 46). Darauf spricht Gott Vater zu den
Engeln, welche indessen sich um ihn geschart haben.
Sie sollen seinen Sohn starken. 2) Die Engel verneigen
sich, und sich entfernend steigen sie hinab bis zur Mitte.')
Sie schauen zunächst, wer von den dreien der Sohn sei.
Indessen kommt der Teufel hervor (ven fura) und gebt
auf das Elreuz zur Rechten. Einer der Engel aber
steigt vollends herab und nimmt (piglia) das Blut Christi
auf.*) Jesus dürstet. Die Juden reichen ihm unter Spot-
ten Essig mit Galle (Matth. 27, v. 34), und er verweigert
es zu kosten;^) Maria jammert über diese Bosheit der
Juden. Jesus: Es ist vollbracht (Joh. 19, v. 30). —
Hierauf der Frediger. Dann, auf ein Zeichen von ihm,
redet der Teufel mit demüthiger Stimme zu Christus, in-
>) O Filgio mio, Filgio amoroso,
Como me lasi sconsolatal
O Filgio mio tanto precioso,
Como rimango trista, adolorata!
Lo tao eapo e tuto spinoso,
E la tna faza de saagne bagnata;
Alsri che ti non volgio per Filgio»
O dolce fiato, e amoroso gilgio.
>) ' Da lo mundo ostendo (intendo?) una grande voce
Che me a moso a grand pietade,
Che lo mio Figlio grida da la croce.
3) Dito qaesto, 11 angeli se iuehinano a Dio patre et si se parteno
et dessendono sin in mezzo.
*) Ganz entsprechend alten italienischen Gemälden: so erscheinen
auf einem Frescogemälde von Giunta da Pisa (aus der ersten Hälfte
des 13. Jahrhunderts), in der Kirche des heiligen Franciscus in Assissi,
drei Engel, welche in Schalen das Blut des Gekreuzigten auffangen,
zwei davon das Blut aus den Händen, einer das aus der Seite; auf
einem Wandgemälde des Campo santo Pisas von Buffalmacco (aus der
ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts) findet sich, wie in unserm Myster,
nur ein Engel, welcher das Blut und zwar das aus der Seite, und in
einem Kelche, auffängt.
^) Dito questo , li Jude! li dano aceto con fei , como e consueto^ fa-
cendose befe de lui, e lui non volendo gustare. Der Spott der Juden
an dieser Stelle findet sich u. a. auch in einem deutschen Mysterium
bei Mone Schauspiele des Mittelalters, II, p. 323.
Die ältesten italienischen Mysterien. 65
dem er ihn zu überreden sucht, die Welt ihm zu über-
lassen, und sich selbst vom, Tode zu retten. Christus
weist ihn ab: Da wirst mich nimmer ruhen sehen, bis
ich Dich nicht vertrieben habe. Der Teufel aber spricht
nur lauter und drohender, die Herrschaft der Welt ihm
verheifsend. — Es folgt der Lanzenstofs des Longinus,
dessen Heilung und Dank. Jesus spricht von Neuem
zum Vater und befiehlt ihm seinen Geist (Luc. 23, v. 46).
Der Teufel. wirft sich mit dem Gesicht auf den Boden.
— Nun wieder Predigt. Darauf klagen Maria und Jo-
hannes über Christi Tod zu der Gemeinde. Maria fallt
an dem Kreuze nieder, Joseph und Nicodemus treten auf
und nehmen Christus vom Kreuze ab, sie bitten Maria
ihn bestatten zu dürfen: sie willigt ein, nur wolle sie ihn
noch einmal in ihren Armen halten.') Darauf folgt eine
Scene von grofser dramatischer Wirkung. Zu dem Haupte
Christi steht Johannes, Magdalena zu seinen Fiifsen, in
der Mitte die Jungfrau. Sie küfst die Glieder Christi
der Reihe nach, so die Augen, die Wangen, den Mund,
die Seite, die Fiifse, indem sie rührende Worte für sich
oder zu den beiden Andern spricht, oder diese auch
zu ihr. So zeigt sie Johannes die zerfleischten Hände,
„Dies sind die heiligen Hände, womit er alle segnete":
sagt Johannes. So sagt bei den Füfsen, zu Magdalena
sich wendend, die Jungfrau: „O meine Tochter, dies sind
die heiligen Füfse, wo Du so heftig weintest!'* — Der
Engel Gabriel erscheint dann, Maria zu trösten und sie
zu bereden, dafs sie Christus begraben lasse. Unter vie-
len Klagen willigt Maria endlich ein , worauf Joseph und
Nicodemus ihn ins Grab legen, Maria, Johannes und
Magdalena aber auf dem Frauenweg sich entfernen (per
la via de le done). Maria wendet sich noch einmal an
das Volk die Nägel des Kreuzes zeigend, welche sie trägt.
Magdalena aber fordert das Volk auf, seinen Feinden zu
^) Joseph und Nicodemus versprechen dies. Dann heifst es: E
dito questo se facia sclamacione, secondo ch'e consueio, E poi stando
Xpisto dov' h ordinato, la Matre se meta in mezo, et Johane al capo,
e la Madalena al pie; et la Matre se lamenta sopra li membri di
Xpisto, ad uno ad uno basandoli, e in primo al capo etc.
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 1. e
66 ®*>«'^
verzeihn, wie Christus gethan hatJ) Hierauf treten sie
in Jerusalem ein.
Die vorstellende Analyse ist möglichst getreu mit
den Worten des Stückes selbst gegeben, sie folgt seinem
Verlaufe genau, indem zugleich jede in den Bühnenan-
weisungen verzeichnete Handlung oder Gebärde von. mir
angezeigt worden ist — natürlich soweit meine Quelle,
Palermo's Werk, das Manuscript reproducirte; .derselbe
hat indessen • allem Anscheine nach keine der Bühnenan-
weisungen weggelassen, vielmehr sich bei seinen Auslas-
sungen darauf beschränkt, die Reden nur zum Theil
wortlich zu citiren, zu einem andern blofs ihrem Inhalt
nach anzuführen.^) Die von mir auf die Analyse ver-
wandte Sorgfalt war aber um so nothwendiger, als die-
selbe für die •folgenden Untersuchungen zur Grundlage
zu dienen hat: versuchen wir es nämlich jetzt das We-
sen und die Bedeutung des analysirten Stückes zu er-
örtern und damit zugleich die zu seinem Verständnifs
nothige Erläuterung zu geben.
Das Stück ist, wie oben bemerkt, der einzige Ver-
treter der ersten Entwickelubgsstufe des Mysteriums in
Italien — und ein Vertreter • wie ihn in solcher Gestalt
keine zweite Literatur aufweist — jener Stufe nämlich,
wo das Mysterium aus dem rein liturgischen lateinischen
Officium sich eben entpuppt hat, ohne gleichsam sich
von der Schale die es einhüllte, schon voUkonunen los-
gerissen zu haben. £s zeigt sich hier das Mysterium
noch in der engsten Verbindung mit dem Kultus. Schon
der Titel „Devozione" zeigt dies an, ein Titel, der sich
1) O bona geilte, volgiove pregare
Che lo mio consiglio vai ascultate:
Che ad oni homo debiate perdonare,
E piu noD vogliate star ostinati:
A la morte de Xpisto debiate pensare,
"Se volete da Esso essere salvate:
Lui perdona a chi le dede morte.
E lor pregando diceno forteu
Dito questo, cntrano dentro in Jerusalem. Qua fenise la Devozione
de Venerdi Sancto M". CCC». LXXV.
2) Vgl. oben Seite 57, Anm. 1.
Die ältesten italienischen Mysterien. g7
in der Literatur des geistlicben Schauspiels Italiens nicht
wieder findet, wie wir ihm auch nirgends sonst begegnet
sind. Mehr als der Titel aber belqgen die Behauptung
der ganze Charakter sowie yiele Emzelheiten beider Spiele.
Beide wurden meiner Ansicht nach') wahrend des Got^
tesdienstes dargestellt. In der ^^Devozion^^ ded Charfrei-
tags tritt dies vollkommen zu Tag. Die Lection an die<^
sem Festtag war, wie noch heute, Kap. 18 und 19 des
Erang. Johannis. Das 19. Kap. aber beginnt mit dem
Verse: ,,Da nahm Hiatus Jesum und geifselte ihn.^^ Nun
pflegte die Predigt sich deiki Texte der Lection anzu*
schlieisen. Solauge die Predigt über das erste der bei-
den Kapitel sich verbreitete, wurde nicht gespielt; vom
zweiten aber an begleitete sie die dramatische Darstd-
lung, indem sich beide dann offenbar ergänzten, wie ja
angemerkt w;ird, dafs der Prediger einzelne der dai^e-
stellten Handlungen erklärt, also hier gewissermafsen die
Rolle des Expositor andrer, namentlich der englischen
Mysterien spielend.*)' Leider vermag ich das Verhältnifs
der Predigt zur Darstellung nicht genauer festzustellen:
dazu wäre vor Allem erforderlich eine vollständige Aus-
gabe des ganzen Stücks vor sich zu haben.')
Dafs die Darstellung beider Devozioni in der Kirche statt-
fand ist allerdings unzweifelhaft; dies zeigen schon manche
Ausdrückjß der Bühnenanweisungen, wie die Frauenseite,
der Frauenweg u. s. w. : nur würde dieser Umstand allein
noch keineswegs für den liturgischen Charakter der Spiele,
am wenigsten in Italien, zeugen, da dort gerade, selbst
in ganz später Zeit noch, es durchaus gewohnlich war,
die Kirchen als Theater für geistliche Schauspiele zu be-
') Derselben Ansicht ißt auch Ff^lermo, 1. 1. p. 290: • non solo
eseguite in chiesa, anzi immedesimate con esso lepraüche della chiesa,
2) So der Chester Plays, wo der Expositor z. B. die vorbildliche
Bedeutung der alttestamentlichen Stücke darlegt.
*) Palermo , der überhaupt sehr wenig zur Erläuterung seiner Ana-
irse beigefügt bat, meint hier, dafs die Aufführung in den Interrallen
er Predigt stattgefunden habe, „cosicche a vicenda la Devozione rap-
resenta agli occhi i fatti che il predicatore racconta, e il predicatore
liarisce i fatti rappresentati/^ Für den ersteren Satz aber bringt er
einen .Beweis bei.
5*
68 Ebert
nutzen, selbst wenn diese ron ganz weltlicher Färbung,
fast allein die Tendenz ästhetischer Unterhaitang hatten,
blofse Festspiele waren, was namentlich von vielen Mira-
kelspielen gilt. Was nun die scenische Einrichtong im
Einzelnen betrifft, so war eine besondere Bühne, die
hier die Bezeichnung „talamo^^ ^) hat, aufgeschlagen —
wie ich annehme, in dem Mittelschifi der Kirche, wdche
vielleicht einen Unterchor oder eine Chortenne, die »ich
über den Boden der Kirche erhob, hatte, so dafs auf die-
ser die Bühne aufgeschlagen war. Auf dieser Bühne war
in dem ersten Spiel eine Localitat abgegränzt, welche
das Innere eines Zimmers darstellte; dort war der Efs-
tisch zugerichtet; dieses Gemach stellte das Haus des
Lazarus vor. Vor und in demselben spielt das erste
Spiel zu Anfang; dorthin kehrt auch Maria zurück, als
Christus in Jerusalem eingetreten, und es ist wohl dar-
auf durch einen Vorhang geschlossen worden. An einer
andern Stelle dieser Bühne befindet sich der Oelberg
markirt. — Im zweiten Spiele ist die Bühneneinrichtung
mannichfaltiger. Ein Gerüst ist aufgeschlagen, auf wel-
chem das himmlische Paradies sich befindet, Gott mit
seinen Engeln, von welchem Stufen herabführen: nicht
weit von demselben und den Stufen zur Seite wurden
die 3 Kreuze errichtet. An einer andern Stelle befindet
sich die Säule an welcher Christus gegeiiselt wird. Auch
das Grab ist vorgestellt. Noch mufs eine Localitat, die
den Eingang der Holle bezeichnete, auf der Bühne vor-
handen gewesen sein, denn es heifst, dafs der Teufel
„hervorkomme", von den Todten indessen nur, dafs sie
auferstehen (reauedtano): sie lagen vielleicht einfach am
Boden, obschon sie an dieser Stelle sehr wohl auch aus
der Holle hervorkommen konnten. — Auf dieser also
eingerichteten Bühne ward aber weder in der ersten noch
in der zweiten Devozion allein gespielt. Vielmehr be-
wegt sich öfters das Spiel, wie man bemerkt haben wird,
noch durch andere Theile der Kirche. Die Bühne bildet
nur den Hauptschauplatz und Mittelpunkt. Der andere
I) S. Du Gange, s. v. Thalamus, Gali. Estrade.
Die ältesten italienischen Mysterien. g9
Punkt aber, yon wo, oder wohin sich das Spiel bewegt,
der Jerusalem bedeutet, ist meines Erachtens der Chor
selbst. Von dort geht im ersten Spiel Christus aus um
nach Bethanien sich zu begeben, dorthin zurück beglei-
ten ihn und die Apostel Maria und Magdalena ; die Thore
Jerusalems sind Chorthüren, Gabriel kommt aus dem
Chor; Maria langsam zurückkehrend nach der Bühne
(Bethanien) redet unterwegs die Frauen an: sie geht
durch das nordliche Schiff, wo deren Plätze sich fanden.
Denselben Weg nehmen Maria, Johannes und Magdalena
am Schlüsse des zweiten Spiels. — So bewegt sich das
Spiel durch die Kirche. Diese Sitte, die sich auch in
viel spätem, noch in der Kirche gespielten Stücken, z. B.
den Ton Feo Belcari, zeigt, findet sich auch bereits in
den lateinischen Officien. Wie in einem derselben die
Bühnenanweisungen selbst dies genauer documentiren,
will ich unten, weil es zur Begründung meiner Darstel-
lung dient, im Einzelnen belegen.^)
Auch die mimische Darstellung hat manche eigen-
thümliche Züge, und darunter solche die einen entschie-
den liturgischen Charakter tragen: so das beständige
Niederknien bei den Anreden an Christus, auch an die
Jungfrau und Apostel, sowie das Fufsküssen: während
andrerseits die Engel sich vor Gott nur verneigen. Hier
liegt ganz offenbar, zumal die Bühnenanweisungen, wie
wir sahen, dergleichen so genau vorschreiben, das Cere-
1) Es ist das „OMcium Peregrinorum'^ Roaen's (Ecclesiae rothoma-
gensis), zuerst von Du Gange, dann von Du Meril, Origines latines du
theätre moderne p. 117 fif. veröffentlicht. Es beginnt: Duo de secunda
sede portantes bacnlos e peras in similitudinem Peregrinornm
exeant a vettiario cantantes hymnnm. — Venientes lento
pede per dextram ahm ecclesicie usque ad portas occidentales ^ et sub-
sUtant et cum cantaverint quidam sacerdos de majore sede
— - — ferens crucem veniens usque ad eos per dextram alam
ecclesiae, subito stet inter illos et dicat. Nun folgen die Reden Chri-
~ti mit den Reisenden. Jener will dann -weiter ziehen, worauf diese:
lane nobiscum etc. Et ita cantantes, ducant eum usque ad tabemaou-
um in medio navis ecclesiae^ in similitudinem castelli Emaux praepara-
um. Quo cum ascenderint et ad mensam ibi praeparatam sederint etc.
im SchluTs des Office heilst es: etprocessio, factis memoratis,
edeat in choro, et ibi finiantur vesperae.
70 Ebert
monial der Liturgie zu Grunde. ^) Das Ceremoxdenwesen
der kircihlichen Hierarchie erscheint auf die himmlische
übertragen. — Von dergleichen findet sich in den spätem
Mysterien keine Spur. — Auch gehört wohl hierher daa
Auffangen des Blutes Christi durch die Engel; sowie der
symbolische Kelch, den Christus, beim Gebet, auf dem
Oeiberg, ergreift, um sogleich hier noch der wichtigsten
andern Anzeichen des liturgischen Charakters unserer De-
vozioni zu gedenken, bemerke ich, dafs die Aufforderung
zum Stillschweigen oder zur Aufmerksamkeit fehlt, mit
der die spätem italienischen Mysterien, so gut wie die
andrer Nationen anhoben: theils verstand sich das Schwei-
gen beim Gottesdienst von selbst, theils ging eine Auf-
fordemng zur Aufmerksamkeit schon der Lectio voraus.^)
Auch das Hereinziehen des Publikums in das Spiel selbst,
in welchem es hier das Volk vertritt, ist, obschon nicht
an sich — denn es findet dergleichen auch in ganz von
der Kirche schon gelosten Mysterien statt 3) — doch in
der Weise und Ausdehnung, wie es hier erscheint, ein
Zeugnifs mehr für die Verbindung der Aufführung mit
dem Kultus.
Aber auch der Inhalt wie der Stil der Spiele spricht
nicht minder dafiir. Alle weltlichen Zuthaten sind fem
gehalten; das Komische ist nur einmal in der Form des
Spottes, die tragische Wirkung zu erhohen, zugelassen
und wie es scheint, nur andeutungsweise — als die Ju-
den Christus am Kreuze den Trank reichen, den er ver-
schmäht^); die Roheit der Henker wird die Gränze des
^) Man vgl. z. B. in dorn Cerem. Episcop. I, 22: „Quicunqne ser-
monem habitorus finito Evangelio ducendus est per cerimoniarium cum
debitis reverentiis ad osculum manus episcopi, quam, nisi fuerit Cano-
nicus, genuflexus osculatur; Canonicus autem stam profunde inclinansy
OBcnlatur manum etc.
^ Sobald der Lector an das Lesepult getreten, und die Gemeine
entweder von ihm, oder durch den Priestor begrüTst worden war, ge-
bot der Diacon allgemeine Ruhe, indem er rief: „LaTst uns mit An-
dacht zuhören I'< Alt, der christliche Gottesdienst, p. 557.
') So in den Towneley und den Coventry Mysterien, s. Jahrb. I,
p. 157.
*) Vgl. oben Seite 64, Anm. 5.
Die ältesten italienischen Mysterien. . 71
Schicklichen nicht überschritten haben*), wird doch ein-
mal ausdrucklich vorgeschrieben: da/a sie nur ein wenig
und „andächtig" geifseln sollen. (Dies Wort „devota-
mente'' ist zugleich für den liturgischen Charakter be-
zeichnend.) Auch dem Teufel sind keinerlei Ausschrei-
tungen gestattet, wie wir ihnen in den andern Mysterien,
selbst in sehr alten bereits*), begegnen, weder Spafse,
noch Lärmen. Der sprachliche Ausdruck ist im Allge-
meinen nicht unwürdig, einfach, durch die Einmischung
dialectischer Formen Tolksthümlich gefärbt, der gewöhn-
lichen Kanzelsprache wohl ähnlich: mitunter erhebt er
sich sogar in einer schwungvollen und kräftigen Weise •),
während er freilich andrerseits auch öfters, an sehr wich-
tigen Stellen selbst, zur Trivialität herabsinkt. Merkwür-
dig ist der frühe Gebrauch der Ottava rima, welche ja
auch später, trotz ihrer acht epischen und damit eben
antidramatischen Natur, der Vers der Rappresentazioni
blieb. Doch scheinen in unserm Stücke die Strophen
sehr selten, wenn überhaupt, durch den Dialog zerrissen,
wie dies später so gewohnlich ist. Die Wechselgespräche
sind überhaupt kurz, so dafs oft nur Rede und Gegen-
rede in je einer Ottave erfolgt. — Rücksichtlich des In-
halts ist gerade im Hinblick auf die Verbindimg der
Spiele mit dem Gottesdienst, die freie schöpferische Thä-
tigkeit, welche die erste Abtheilung des ersten ganz selbst-
ständig producirte, und in der andern, ebenso wie in dem
zweiten Spiel über den Stoff auch gar frei schaltete,
sich manche Zusätze erlaubend, höchst merkwürdig, ja
&8t befremdend. Ein leitender Gedanke läTst sich indeis
nicht verkennen, der sowohl über der Schöpfung der
ersten Abtheilung des ersten Spiels als auch in der gan-
zen Anlage des zweiten Spiels waltete. Es ist der Ge-
danke, die heilige Jungfrau zu verherrlichen; wie ihr jene
erste Abtheilung ganz gewidmet ist, ebenso spielt sie in
^) Dies vollkommen iu beurtheilen, ist leider durch eine Aus-
lassung nicht möglich. — Siehe für das Folgende S. 61.
2) So in dem von Luzarchc unter dem Titel ,,Adam" heräusgege-
)enen französischen.
3) Vgl. Seite 64, Anm. 1.
72 • Ebert
dör Devozion des Charfreitags eine weit bedeutendere Rolle,
als ihr nach dem Berichte der Evangelisten zukam. Man
sieht hier die Wirkung jenes Marienkultus, welcher im
14. Jahrhundert zur vollen Culmination gelangte.
Dies fuhrt uns auf die Zeit der Abfassung des Stückes.
Am SchluTs desselben stehen die oben Seite 66 Anmerkung 1
bereits citirten Worte: „Hier endigt die Devozion des Char-
freitags 1375"; diese Worte besagen in jedem Fall, dafs
die vorliegende Handschrift auf eine Aufführung des ge-
nannten Jahres sich bezieht. Der alterthümliche, liturgische
Charakter der Spiele läfst aber allein schon ein höheres
Alter ihrer Abfassung vermuthen. Nun zeigt femer die
Sprache, wie bereits Palermo nachgewiesen hat, eine merk-
würdige Mischung des Paduanischen und Komischen Dia-
lects, welche indefs leicht erkennen läfst, dafs der letztere
die Sprache des Originalwerks gewesen, welches hier ziun
Theil in das Paduanische umgeschrieben erscheint ^) (fin-
den sich doch in demselben Codex auch die Laude des
Jacopone da Todi ebenso paduanisirt) : diese Devozioni
waren also schon länger gespielt. Darauf weist auch ganz
offenbar der in der Bühnenanweisung häufig wiederkeh-
rende Ausdruck: como econaueto hin, der als solcher zu-
gleich fiir den liturgischen Charakter ein neues ZeugniTs
ablegt, indem er ganz der in der Mefsliturgie so häufigen
Formel; ut mos est^ entspricht. Dafs in der von mir oben
angeführten Schlufsstrophe das Volk zur Beil^ung von
Parteifeindschaften aufgefordert werde, wie Palermo wül,
ist nicht unwahrscheinlich; vielleicht handelt es sich hier
ganz speciell um die Zurückberufung Verbannter. Für
eine genauere Bestimmung des Alters und der Herkunft
des Stückes, für welche uns das volle Material gebricht,
möchte jedenfalls jene Strophe zu berücksichtigen sein;
dafs aber mindestens in die erste Hälfte des 14. Jahr-
hunderts die Abfassung des Stückes zu setzen ist^ unter-
liegt für mich keinem Zweifel.
^) Dies zeigen u. A. die durch die Umsetzung falsch gewordenen
Beime: wie z. B. a mine, das an die Stelle von a me/te getreten, nicht
mehr mit pene reimt.
Dio ältesten italienischen Mysterien. 73
Als das älteste der uns erhaltenen italienischen Mira-
kelspiele aber erscheint das folgende, welches zugleich die
Beziehung dieser Stücke zu den Klöstern aufweist. Es
ist in dem im Jahre 1485 geschriebenen Codex 445 der
palatinischen Bibliothek, zugleich jnit 7 andern Feste
(worunter 4 bereits edirte, so eins von F. Belcari und eins
von Lorenzo de' Medici) enthalten. Palermo macht uns
auch mit diesem Stück zuerst bekannt, dessen bisher nir-
gends gedacht wurde, indem er es zum grofsten Theüe
wortlich wiedergibt.*) Palermo hält für gewifs, dafs es
„älter als die ersten Jahre des 15. Jahrhunderts" sei;
seine Ansicht theile ich vollkommen, es gehört das Stück
in der Gestalt wie es vorliegt, sicher noch dem 14. Jahr-
hundert an, ja bei der grofsen Einfachheit, die es aus-
zeichnet, kann es selbst aus einer noch älteren Zeit als
dem Ende dieses Jahrhunderts stammen. Es führt in dem
Codex den Titel: U uno Monaco che andd a aervigio di
Dio. Mit- dem folgenden ausführlicher^ Titel hebt das
Stück selbst an : „Qui comincia la Rapresentazione d' uno
Santo f)adre e d' uno monacho. Dove si dimostra quando
il monacho ando al servizio di ddio et com' ebbe molte
tentatione, et era buono servo di ddio; intanto che'l San-
to padre suo maestro," con chi stava, volendo intendere
che luogo dovesse avere in cielo, fece oratione a ddio,
che gli rivelassi in che stato egli era." Dann: „L'Angelo
annuntia la festa, e dice chosi:
O voi, ch'avete mutato de fuore
L' abito , per andar me' pel chanmino ,
Che cci fu schorto dal pio Salvatore;
Chosi Yogliate, drento, del divino
Amor vestirvi, avendo humile chore,
Credendo certamente che *P)*destino
DeU' alte Iddio ,- ch' ogni cosa prowede ,
E di far salvo chi *1 serve con fede;
Perö vi fia per chostoro dimostrato
Un Santo padre , a chni V angiol predisse ,
Che '1 suo buon serro sarebbe ') dannato :
Onde , per questo , al benfare si misse ,
1) E Tesponghiamo qnasi che intera, poca cosa de* versi lasciando
solo, ma col recame il discorso. 1. 1., p* 337.
^ Palermo : cK el. ') Palermo : V arebbe.
74 l&hert
Cho meritö gli fossi rivel&to
Ch' e' ssare* salvo, e che '1 ben far seghuisse.
Per6 in silentio istarete' attenti,
Et State sempre di ben far chontenti.
Dieser in mehrfache^r Beziehung wichtige Prolog zeigt
also, dafs das Publikum Mönche sind, wie ohne Zweifel
auch die Spieler, welche, wie man sieht, schon — und
wohl sämmflich — gegenwärtig sich befinden. In dem
Schlufs der zweiten Strophe hebt der Engel die mora-
lische Tendenz des Stücks hervor, worauf ich später
zurückkomme.
Die Handlung beginnt, indem ein Jüngling, welcher,
wie eine Bühnenanweisung uns belehrt, daran denkt Mönch
zu werden, und doch den Eltern damit zu mifsfallen
fürchtet, in diese Gedanken versunken auftritt.^) Seine
Mutter fragt ihn nach der geheimen Sorge, die ihn drücke.
Der Sohn antwortet: die Liebe zu ihr rufe einen Kampf
seines Gefühls mit seiner Vernunft hervor, und weil die
letztere siege, so zeige sich sein Angesicht mit Schmer-
zen gemalt.^) Er entdeckt ihr dann den Grund dieses
Kampfes, nämlich seine Absicht die Eltern zu verlassen
und sich dem Dienste Gottes allein zu widmen. Die
Mutter ist dagegen, indem sie ihn des Undanks anklagt.
Der Vater kommt hinzu, und unterrichtet von dem Streite,
pflichtet er der Mutter bei: sie sind beide alt, und haben
nur dies eine Kind. In der dritten Scene erscheint dann
der Gevatter (compare): er schilt auf die Mönche, ihre
. Gewinnsucht und ihrö ünmäfsigkeit im Essen, und fährt
seinen Pathen heftig an, indem er ihn, ganz im Wider-
spruch mit dem Eingange seiner Rede, durch die Ent-
1) Man sieht auch hier wieder zumal im Hinblick auf die folgende
Antwort des Sohnes, welche Rolle der Mimik in diesen italienischen
Schauspielen schon züertheilt wurde.
2) Se io ti pajo fuor d' uso turbato ,
O dolce madre mia, non n'^ chagione
Mal ch' i' mi senta, ne perche io se' stato
Da altri offeso; ma V affetione
Che io ti porto et ho sempre portato,
Fa chonbatter chol senso la ragione:
E perche ragion vince e '1 senso e '1 vinto ,
Si mostra il viso di dolor dipinto.
Die ältesten ftalienischcn Mysterien. 75
behrungen des Klosterlebens abzuschrecken sucht. Der
Jüngling beharrt aber auf seinem Entschlufs: ^r sucht
nur das ewige Leben, und will deshalb in die Einöde
(al diflerto), dort Bufse zu thun. — Nun willigen die El-
tern ein, und nehmen, unter Schmerzen ihren Segen ge*
bend, Abschied.^) Darauf folgt eine stumme Scene, in*
dem der Sohn, nach der Trennung Ton den Eltern, sich
umkleidet, ein Einsiedlergewand anlegt, seine bisherigen
Kleider dagegen einem Armen schenkt. Unmittelbar da*
nach begibt er sich in die Einode, wo er einem alten hei-
ligen Vater begegnet, der ihn auf seinen Wunsch als
Sohn aufnimmt: denn der Jüngling beharrt, trotz der
offenen Darlegung der Beschwerden des Einsiedlerlebens
durch den Alten selbst, in der Hofihung auf Gottes Bei-
stand bei seinem Entschlufs. In einem hierauf folgenden
Monolog druckt der Jüngling von Neuem diese Gesinnung
aus. Zwischen dieser Scene und der folgenden ist eine
längere, in dem Stück selbst aber gar nicht markirte
Zwischenzeit von dem Zuschauer zu denken: der Alte
tritt nämlich — nach dem eben erwähnten Monologe —
auf^ um den Jüngling zu rühmen, der alle seine Befehle
freudig vollzöge und ihm eine wahre Stütze geworden sei.
Nun erscheint auch schon der Jüngling, und verlangt des
Alten Befehle wieder. Auf sein Geheifs beginnt er dann
Wurzeln, Kräuter und Früchte für das Mahl zu suchen,
während der Alte ein in würdigem Stil gehaltenes Gebet
spricht: er beklagt darin, dafs Gottes Herde blökend
herumirre und die süfse Weide lasse, da sie von dem
Hirten schlecht geführt werde ^); bittet aber für die Sünder
um Barmherzigkeit; schliefslich wünscht er, wenn es keine
Sünde wäre, zu wissen, welche Stelle im Himmel oben
1) Auch hier wird ein stummes Spiel besonders angewiesen, zuerst
beim Vater, worauf es bei der Mutter heilst: E per lo simile 1' abbrac-
cia, et bascia, et benedicha, chon quegli atü amorevoli et piatosi, che a
ttale pariito 8* appariiene.
*) Signor, deh, guarda alla tua inferma greggie,
Che bela errando, e lascia i dolci paschi,
Ghuidata male dal pastor de la reggie!
Piü tosto fa, Signor, che del ciel naschi
76 S^bert
seinem jungen Eremiten aufgehoben sei (riservato). Ein
Engel erscheint mit der Antwort, sein Knecht werde ver-
danamt werden. ^) Der Alte bejammert nun seinen Vorwitz;
selbst wenn der Mensch gut handle, sei er also doch nicht
sicher des ewigen Lebens. Er begibt sich, indem er
dies redet, nach seiner Wohnung (verso la stanza sua),
während der junge Eremit, „der indessen die Speisen
bereitete", damit er während dieser Sorge für den I/eib
nicht Gottes vergesse, ein geistliches Lied anstimmt, nach
Art der Rispetti es singend (dicha cosi, chantando con^
e^ rispetti). — Man sieht hier, dals auf der Bühne ein
doppelter Ort markirt ist, wahrscheinlich zwei Eremiten-
hütten. ■— Das Lied, von einem einfach edlen Ausdruck,
besteht aus 3 Ottaven, und handelt von dem Unterschied
der betrachtenden und der sinnlichen Seele, indem jene
nur von dem Korper befreit zu sein wünscht, um sich
mit Christus zu vereinen.^) Die volksthümlichen Rispetti
Toscanas, einstrophige Liebesgesänge^ können bekannt-
lich auch aus 8 Versen bestehen, wenn auch nicht in der
Form der Ottave; die Weise konnte also dem Liede an-
gepafst werden, das sonst nichts mit den Rispetti gemein
hat. Uebrigens wird durch diese Stelle die toscanische
Herkunft des Stückes, die ja Sprache und Schrift ohne-
dies bezeugen, auch documentirt. Doch kehren wir zu
Chi la rayvii, e rinformi tna leggie,
Che sopra lor la tua degnia ira caschi.
Deh, pio Signor, no IIa lasciare perire,
Pol che per lei ti fu grato il morire.
Die Stelle ist sehr beachtenswerth , indem sie vielleicht zugleich einen
Anhalt zu einer genauem Bestimmung des Alters des Stückes bietet.
1) E tu che yai cerchando el destinato,
Sappi che 1 servo tuo sara dannato.
2) Die erste Strophe:
L' anima sensitiva che ss' inchina
Nel mondo a tutto quel che IIa diletta,
Apprezza pocho la leggie divina,
£ tien civile questa vita prefetta;
E cosi, stolta, nella gran ruina
Del baratro infernal chader s' affretta.
Onde cosa peggior esser non penso,
Che nel regno deir alma regha il sendo.
Die ältesten italienischen Mysterien. 77
dem Stück zurück: der junge Eremit trägt die Speisen,
die er bereitet hat, auf, es sind Wurzeln und Fruchte,
Kastanien und Nüsse: da kommt der Alte wieder, recht
zu gelegener Zeit. Aber sein Gesicht ist ganz verändert.
Der Junge forscht nach der Ursache. Zögernd erzählt
jener die Verkündigung des Engels, der Jüngling aber
tröstet ihn: er werde nur mit um so mehr Liebe Gott
dienen. Der Alte sieht hierin ein sicheres Zeichen seiner
ßettung; er speist darauf, und legt sich dann zur Buhe
nieder. Nach einer Weile erhebt er sich wieder, als wenn
inmittelst einige Zeit verflossen und es Morgen geworden
wäre, wie die Bühnenanweisung sagt*), und fordert den
Mönch ^) zum Gebet auf, während er selbst zu diesem
Zweck sich zurückzieht. Der Mönch bittet, wenn Gott
ihn zum Verderben bestimmt habe, um Kraft, in seinen
heiligen Willen sich zu fügen. Nachdem das Gebet be-
endet, erscheint in der Gestalt und Kleidung des Gevat-
ters der Teufel (il demonio), „um ihn unter dem Schein
der Liebe und der Güte zu betrügen" (Bühnenanweisung).
Er stellt ihm vor, dafs er sich ja vergeblich jetzt mit
BuTsethun (penitenza) abmühe, da ihn Gott doch einmal
verworfen habe, und zwar sei dies geschehen, weil er
seine Eltern verlassen, die natürliche Liebe gebrochen
habe (perch^ guastasti Pamore naturale). Er möge des-
halb nach Hause zurückkehren, und Gott werde seinen
ürtheilsspruch ändern. Als der Mönch aber darauf be-
harrlich bleibt , geht ihm der Teufel entgegen um ihn zu
ergreifen. Nun erkennt ihn der Mönch, beschwört ihn,
macht mehrmals das Zeichen des Kreuzes und spricht
verschiedene Gebete, worauf der Teufel mit Schrecken
entflieht. 'Einen „Schufs" oder einen „Blitz von Feuer"
wünscht hier die Bühnenanweisung zur Erhöhung der
^) Doppo questo il padre santo si chonforta, e piglia de' cibi pre-
parati , e poi si riposa, chome se passasse in mezzo alchuno tempo ;
et infine chome se si levasse dammattina , si volta inverso il monacho
e dice.
^ Als „ monacho << bezeichnet das Stück den jungen Eremiten
öfters.
78 Ebert
Wirkung. *) — Jetzt tritt der Alte wieder auf, geht zum
„Orte des Gebets" (luogho dell'orazione), — ofltenbar
ein besondrer Platz der Bühne — und betet für das Heil
seines Jüngers: da erscheint der Engel von Neuem und
bringt die trostliche Botschaft seiner Bettung.^) Der
Alte spricht ein Dankgebet und geht zu dem „gewohn-
lichen Ort" (al luogho usato) — der Hauptbühne also
— zurück, um dem Mönche die frohe Nachricht zu
bringen. Dieser antwortet: Vater, obgleich die mensch-
liche Intelligenz, mit der Sünde beschwert, wenig ver-
steht (intende), dennoch fürchtete ich niemals, wenn
ich gut handelte, zum Feuer verdammt zu werden. —
Beide stimmen darauf ein Tedeum oder eine Lauda an. ^)
In dem Epilog (der Verabschiedung, licentid) werden
die Zuhörer aufgefordert, aus allen Kräften das Fleisch
zu zügeln imd Werke der Frömmigkeit zu vollbringen,
um des ewigen Lebens theilhaftig zu werden.
Das eigentliche Sujet des Stückes ist offenbar eine
Legende; es ist aber mit einer bestimmten, dem Stoffe
von Haus aus fremden*), moralischen Tendenz bearbei*
tet. Dieselbe zielt dahin, zu zeigen, dafs das Mönchs-
leben als solches mit seinen Entbehrungen und seinen
äufsern Pflichten noch nicht die Anwartschaft oder die
Bürgschaft des ewigen Lebens gebe: dafs das äufsere
Kleid es nicht thue, sondern „die götthche Liebe, in
welche die Seele sicTi zu kleiden habe'', und die sich
in Werken der Frömmigkeit und Tugend bethätige, eine
1) Potrebbesi fare qualche ischoppietto, o baleno di fuocho, o al-
tro che figurassi lo spavento diabolicho.
*) O tu, che picchi su la nostra porta,
Tal che 'nfin drento il tuo romor si stende;
£ se Ha tua intelUgentia chorta
De' giudicj di ddio pocho chomprende,
Non ti dolere; ma presto ti chonforta,
Che r alto ddio , che ci6 che yuole intende ,
Novellamente ci a manifestato ,
Che '1 tuo buom servo debb* essere salvato.
3) Fuossi chantare qualche chosa, chome s' e dire il teddeo, o
qualche lauda, appartenente a detta materia di ghaudio.
*) In der Legende, die zu entdecken mir nicht gelungen ist, wird
ohne Zweifel der „padre santo" die Hauptrolle gespielt haben.
Die ältesten italienischen Mysterien. 79
Liebe, die nicht um des jenseitigen Lohnes willen han-
delt, deren Hoffiaung auf Gott aber unerschütterlich ist.
Diese didactische Tendenz beherrscht das Stück durch-
aus, welches ein „Klosterspiel" im vollsten Sinne des
Wortes ist, wie sich meines Wissens kein zweites in
irgend einer Literatur findet.
Adolf Ebert.
gO Kritische Anzeigen:
Kritische Anzeigen.
Historis critica de la literatura espaflola, por Don Jo8e Amador de
los Rio8. Madrid, 1861— 1862. 4o. Tomo I. CVI u. 526 p. —
Tomo II. Vm u. 634 p. mit 2 Tafeln Fac-similes.
Die Spanier können mit gerechtem Stolze ihre National-
literatur eine der originellsten und reichsten nennen; und doch
sahen sie sich his jetzt bemüfsigt — wollten sie eine einiger-
mafsen befriedigende Darstellung, eine den wissenschaftlichen
Anforderungen entsprechendere Geschichte derselben erhalten — ,
zu Uebersetzungen von Werken der Ausländer, wie Bouter-
wek's, Sismondi's, Ticknor's, ihre Zuflucht zu nehmen.
Hr. Amador de los Bios hat nun durch das vorliegende
Werk nicht nur diesem für dea Nationalstolz so verletzenden
Mangel abzuhelfen, er hat in der Einleitung dazu auch nach-
zuweisen gesucht, wie es gekommen, dafs die Spanier erst
von Ausländern lernen mufsten, ihre heimischen Schätze in
das rechte Licht zu bringen, ihre Nationalliteratur pragmatisch
darzustellen und kritisch zu würdigen.
Er schildert nämlich in dieser Einleitung^) den Einflufs
der kritischen Ansichten, die vom 16. Jahrhundert an in Spa-
nien herrschend wurden, auf die Nationalliteratur, ihre Auf-
fassung und Darstellung. Er zeigt, wie durch die lange vor-
herrschenden einseitigen Ansichten und Geschmacksrichtungen
der italienisch- und der französisch - classischen Schule die
eigentlich nationalen Elemente so zurückgedrängt und verkannt
Vurden; wie daher die wahrhaft volksthümlichen Denkmäler
der mittelalterlichen Literatur so sehr vernachlässigt, der
Volksgeist und Nationalcharakter so wenig gewüriligt wurden,
dafs deren Auffassung und Darstellung mangelhaft und ober-
flächlich ausfallen mufsten. Erst in unserm Jahrhundert, erst
seit die Resultate der deutschen Kritik auch in Spanien Ein-
gang und Verbreitung fanden, auch dort das durch die poli-
tischen Ereignisse geweckte Nationalbewufstsein stärkten and
klärten, habe sich auch dort das Bedürfnifs immer fühlbarer
gemacht,- die echten Erzeugnisse des Volksgeistes gehörig zu
1) Introduccion. Espiritu, caracter y tendencias de la critica lite-
raria en Espaila. — La critica en el siglo XIX.
J. A. de los Rios, Historia critica de la literatura espaftola. 81
würdigen und sich selbst an einer pragmatischen Darstellung
derselben zu versuchen.
Diese Anerkennung des Einflusses deutscher Kritik und
der Verdienste deutscher Gelehrten um die Geschichte der
spanischen Literatur mufs uns um so mehr erfreuen, als sie
uns von einem Gelehrten wird, der ein sehr lebendiges
Nationalbewuistsein und die umfassendste und gründlichste
Kenntnifs seiner vaterländischen Literatur mit der nöthigen
Unbefangenheit verbindet, um darüber auch Urtheilen von
fremdländischem Standpunkt gerecht zu werden.
Eben diese Eigenschaften befähigten aber auch Hm. Ama-
dor de los Bios, dem oben erwähnten Mangel abzuhelfen, den
Spaniern eine Geschichte ihrer Literatur, von einem Spanier
im Nationalgeiste au/ge/a/st^ aber vom jetzigen Standpunkte der
wissenschaftlichen Kritik beurtheUt, zu geben. Er hat daher
mit Becht sein Werk eine „kritische Geschichte'^ genannt.
Seit mehr als zwanzig Jahren hat er sich dazu vorberei-
tet ^) und vier Bände druckfertig ausgearbeitet
Es gereicht der Konigin von Spanien zur Ehre, dals sie
endlich die Erscheinung dieses wahrhaften Nationalwerkes er-
möglicht hat. Denn wegen des grofsen Umfangs, den es sei-
ner Anlage und der Ausführung in den beiden vorliegenden
Bänden nach erhalten wird, und bei dem engern Kreise von
Fachgelehrten, auf den es berechnet ist, konnte wol kaum ein
Verleger sich dafür finden lassen.
Der Verf. hat sich nämlich zur Aufgabe gesetzt: die Ge-
schichte der spanischen Nationalliteratur im weitesten Sinne zu
schreiben, d. h. die Entwickelung des spanischen Volksgeistes
und Nationalcharakters in allen ihren Phasen und Formell dar-
zustellen, insoweit sie sich in der literarischen Cultur und
Prodnction manifestirt hat. ^) Er beschränkt sich daher nicht
1) Beweise dayon hat er gegeben in seiner schon in den Jahren
1841 — 42 zu Sevilla erschienenen „Historia de la literatura espaflola,
per M. Sismonde de Sismondi; traduccion con nnnierosas anotaciones
y adiciones<', 2 Bde. 4:^.; — in seinen <'£studi08 histöricos, politicos y
literarios sobre los Jadios de £spaJla<< (Madrid, 1848. 4*^.); — in seiner
trefflichen Ausgabe der ,,0bra8 de don liligo Lopez de Mendoza, Mar-
ques de Santillana" (Madrid, 1852. in-fol.) mit einem sehr gelehrten
Commentar; — u. s. w.
^ So gibt er selbst als das Ziel seines Werkes an, pag. XCV :
„examinar las producciones del ingenio espaflol bajo todas sus faces
y en todas las edades de su laboriosa y gloriosa vida^^ — Und p. CI:
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V, 1. Q
g2 Kritische Anzeigen:
auf difl Nationalliterattur im eigentlichen Sinne in d«r casti-
lischen, oder in den Yulgarsprachen der pjrrenaischon Halb*
inBel, sondern beruoksicbtigt aach die römische nnd die müteU
läieiniiche Literatur, insofern Spanier daran tbeilgenommen
und die EigenthSmiiobkeit ibres Geistes und Charakters datin
sehon ausgeprägt haben; Ja er hält diese Berücksichtigung für
nnerlfifslieb, um jene Eigentbfimlichkeit in ihren Ursprangen
und ihrer Oontinuitat nachweisen zu können.^)
Er hat demzufolge seine „kritische Geschichte der spa-
nischen Literatur in zwei grofse Cyklen getheilt, deren erster
ihre Manifestation in lateiniioher, der zweite die in oastüiacher
Sprache darstellt ^^ (dividiremos la Hist. orit. de ia lit. esp. en
dos grandes ciclos, comprendi^ndo el primero la manifestacion
latina y abarcando el segundo la daeUllana),
Der erste Cyklus oder Haupttheil (Primera parte) reicht
bis t\xm 12. Jahrhundert, bis zur Entwickeiung der castilischeii
Schriftsprache. Er schildert nicht nur den Antheil der Spanier
an der römischen and mittellateinischen Literatur ^ sondern auch
die Entwickeiung des spanischen Romanzö aus der romischen
Schrift- und lateinischen Vulg&rsprache, und der volksthumlichen
„nnestlros trabajos abtazan la historia de la civill^acion espaflöla, re-
pregentada pot el arte literariö^^
^) Der Verf. hat selbst gefühlt, dat^ mau besorgen könne, er
^erde dem Beispiele der Brüder Mohedano folgen, die bekanntlioh in
den nenn erschienenen Qaartbänden ihrer „Historia Uteraria de Bdpafla«'
nur bis zum Pomponius Mela gekommen sind, indem er sich ausdrück-
lich dagegen verwahrt, pag. XCVII: „Y no se tema que, seducidos
por cl egemplo de los Mohedanoft, intentemos remontarnos a tan lejanos
tiempos, para hacer gala de erudicion inoportünat hay en el genio de
S6neca y de Lttcano cuaiidades que pertenecen al jfeni^ e^anoi de todits
las edadeSj bomo han pertenecido siempre a nuesträ Peninsala el dima
meridional 7 la prodigiosa fertilidad de sus campos. Estas cualidades
internas, que conviene separar con todo* esmero de las circunstancias
exteriores, que han podido influir una y otra vez en la edncacion lite-
raria; que son extraflas a las costumbrea sociales j 4 las creencias
religiosas, y que Uevan profundamente grabado el seih de ia fiaciona-
Udad moB ardiente, merecen ser detenida y madnramente estndiadas y
conocidas con tanto mas razon, cuanto que re»altan vivoMente en ioi
mda distin^idos poetas de nuestro gran dcio Hterario,*' — Wir aber
haben um so mehr dißse Stelle im Original hierhergesetzt und den
Verf. sich selbst vertheidigen lassen, als wir nicht sweifeln, dafs ihm
diese Ausdehnung des Begriffes „Nationalliteratur« zum Vorwurfe ge-
macht werden wird.
JyA.de los Rio8, HUtoria critica de 1« literatura espaflola. §3
poetischen Formen aus denen der altolassisohen und der latei-
nisch-christlichen Poesie.
Dieser erste Haupttheil reicht also nur bis su den Anr
fangen der castilischen, oder spanischen Nationalliteratur im
engem Sinne, und enthalt nach dem gewöhnlichen Begriff von
der Geschichte einer solchen eigentlich nur ProUgomena dazu.
Den zweiten Haupttheil — die Geschichte der spanischen
Nationailiteratur im gewohnlichen Sinne — wird der Verf,
wieder in zwei Cyklen untergetheilt (dos subciclos) behandeln;
nämlich im ereten die Literatur des spanischen Mittelalters bis
sur Entwickelnng der classich* spanischen unter Karl Y., und
zwar in sechs Perioden: 1) von den ersten künstlerischen
Schöpfungen im castilischen Bomanzo bis ssn Gonzalo de
Berceo; — 2) von diesem bis zu Alfons X; — dj bis zu
Heinrieh IL von Castilien; — 4) bis zum Tode Heinrichs HI.;
— 5) die Regierung Johann's II. von Castilien umfassend; -^
6) bis zur Regierung KarFs V.
Der zweite Cyklus wird in drei Perioden untergetheilt:
1) von Garcilaso bis Gongora; — 2) bis zu Luzan; — 3) bis
auf unsere Tage. Dabei sollen auch aulser der castilischen
die in den andern Hauptmundarten der pyrenäischen Halbinsel
(die galicisch-portugiesische und catalanische) und die spanisch-
amerikanische Literatur berücksichtigt werden«
Die beiden vorliegenden Bände enthalten nun die erete
Hauptabtkeilung (Primera parte), oder das, was wir Prolego-
mena genannt haben. ^)
In dem ersten dieser beiden Bände hat der Verf«- den An«
theil der Spanier an der romischen und christlich -lateinischen
Literatur bis zum Untergange des westgothischen Reichs in
zehn Kapiteln besprochen.
Wiewol der gelehrte Verf. den AntheU der Spanier an
der romischen Literatur, unter welchen bekanntlich sehr be^
rühmte Namen sind, mit groDser Belesenheit sehr ausfuhrlich
behandelt und sie im Einzelnen charakterisirt, so müssen wir
doch das Urtheil darüber competentern Richtern, den classi-
schen Philologen,^) überlassen und uns begnügen, jene Stellen
^) Die ebenfalls druckfertig ausgearbeiteten Bände 3 und 4 werden
die Geschichte der Literatur des spanischen Mittelalters umfassen.
^ Es ist zu bedauern, dafs dem Verf. so manche Resultate der
Forschungen unserer Philologen aus der neuern und neuesten Zeit, wie
SS scheint, noch nicht bekannt geworden sind, sonst hätte er wol
6*
g4 Kritische Anzeigen:
hervorzuheben, worin er den in ihnen schon sich manifesti-
renden eigenthümlick spanischen Geist schildert oder Parallelen
zieht zwischen Schriftstellern der classisch- romischen und der
classisch - spanischen Zeit
So findet er in dem Geiste, der sich in den spanischen
Schriftstellern aas der Periode der ersten beiden römischen
Kaiser ausspricht, schon den eigenthümlich nationalen Cha-
rakter ausgeprägt (p. 48): „jene Ursprunglichkeit und rauhe
Einfachheit (cierta originalidad y ruda sencillez), jenes Zur-
schautragen (ostentacion) eines unzähmbaren Unabhängigkeits-
sinnes und jene männliche Energie, die so völlig jenes Volk
kennzeichnen, für welches kein Leben preis würdig war ohne
Waffen, nur durch Blut und Feuer gebändigt von der Republik
in einem zweihundertjährigen Kriege". •
So fafst er am Ende der römischen Periode die charak-
teristischen Züge, in welchen sich der spanische Geist während
derselben schon ausgesprochen hat, in folgender Rückschau
zusammen (p. 193): „In den spanischen Schriftstellern, welche
in der römischen Literatur glänzen, zeigen sich als hervor-
ragende Eigenschaften die ausserordentliche Ejraft, womit sie
jedes Joch abschütteln, und die brennende Liebe, womit sie
das lebendige Andenken an ihre verlorene Freiheit hegen.
Diese beiden mächtigen Regungen rissen sie, wie wir gezeigt
haben, bis zu dem Punkte hin, dafs sie wissentlich die Regeln
und Vorschriften der Kunst des Horaz und Virgil verachteten
und übertraten. Aber so entschiedene und glänzende Charak-
tere gehören nicht etwa ausschliefsend einer bestimmten Epoche
in der Geschichte der spanischen Literatur an; gleichmafsig
allen Zeiten angehörend, bilden sie, so zu sagen, die unzer-
störbaren Pole, auf welche unsere literarische Nationalität sich
stützt, hinreichend sie zu schützen in Mitten der grofsen Um-
wälzungen und harten Proben, welchen es der Vorsicht gefiel
sie auszusetzen. Daher verstehen wir die Geschichte der Lite-
ratur auf unserem Boden nicht, wenn wir nicht den Blick
rückwärts wenden, und das, was der spanische Geist war,
von jenem Moment an betrachten, in welchem es uns gegeben
ist, seine Schöpfungen zu würdigen, um durch deren Ver-
schwerlich Florus (den er noch Lucius Annaeus nennt) und Silius Ita-
liens den Spaniern zugezählt, dem Philosophen Seneca alle unter des-
sen Namen gehenden Tragödien (mit Ausnahme der Octavia) zu vindi-
ciren gesucht u. s. w.
J. A. de los Rios, Historia critica de la literatura espafiola. 85
gleichung mit denen aus näher liegenden Zeiten mit Grund
entscheiden zu können, ob die verschiedenen Invasionen, welche
die iberische Halbinsel erlitten hat, dazu beitragen, diesen
Geist sich selbst untreu zu machen (a adulterarlo); oder ob
sich bei den Spaniern jene angeborene und eigenthümliche
Energie und jener ruhelose Unabhängigkeitstrieb von Jahr-
hundert zu Jahrhundert erhalten und fortgepflanzt haben, welche
sie antrieben, den Untergang der bewundernswürdigen grie-
chisch-romischen Kunst zu beschleunigen/^
Nicht minder als durch diese aus seiner Darstellung sich
ergebenden allgemeinen Resultate hat der Verf. durch die er-
wähnten Parallelen auch im Besondern die Continuität des
spanischen Geistes zu zeigen, und zu beweisen gesucht, dals
zu dessen völligem Verständnifs und erschöpfender Würdigung
ein so weit zurückgesetzter Ausgangspunkt nicht nur sach-
gemäfs, sondern auch unerläfslich sei*
Nachdem er z. B. Parallelen zwischen den Andalusiern
liucan und Gongora, und den Aragonesen Martial und Lupercio
Leonardo de Argensola sowol in Bezug auf ihren literarischen
Charakter als auf ihre Zeitverhältnisse gezogen hat, hebt er
sogar den in ihnen sich manifestirenden provinziellen Einflufs
auf folgende Weise hervor (p. 145): „So grofs war der Ein-
flufs, den auf die Dichter Betica's (Lucan und Gongora) jene
üppige und vielgestaltige Natur geübt hat; sie erregte lebhaft
ihre Einbildungskraft, entlockte ihren Lippen reiche dichte-
rische Ergüsse voll Farbengluth, preiswürdiger wegen des
Glanzes der Form, der Harmonie der Sprache und der Pracht
und Grossartigkeit der Bilder, als wegen der Zartheit der Af-
fecte und der Tiefe der Gedanken. Einen ebenso grofsen Ein-
fiuis übten auf die aragonesischen Dichter (Martial und Lupercio
de Argensola) der melancholische Ernst ihres Himmels, das
finstere Aussehen ihrer felsigen Berge und die glanzlose Frucht-
barkeit (sombria fertilidad) ihrer Thäler. Die Ersteren, ein-
genommen von ihrer Umgebung, finden alle Kunstgesetze zu
enge, sobald sie ihre Gluth zu mäfsigen, den Flug ihres In-
geniums zu zähmen suchen; die Anderen, nachdenklich, über-
legend und an dem Autoritätsprincip festhaltend, binden sich
strenge an die literarische Nachahmung und streben nur im
Schatten grofser Muster empor (se levantan ä la sombra de
los grandes modelos). Unter den an den Ufern des Ebro ge-
bornen Dichtern wird nie ein Lucan oder ein Gongora blühen;
^ Kritische AnMigtir:
aber ebenso venijg vrerden an deo Grestaden des Guadalqnivir
BO nüchterne und strenge Geister emporkommen, wie Martial
(wenn er etnet ist) and die gelehrten Argensolas. Die Erste-
ren werden immer geneigt erscheinen, jede Art von Neuerang
in die literarische Bepablik einzufahren; die Letzteren werden
Tielleicht dagegen ankämpfen; aber sie werden unterli^^n
im Streite, omsonst die Gesetze des guten Geschmackes an-
rufend." 1)
In der spätem romisch • christlichen und in der west-
gothischen Periode wird dargestellt, wie sich trotz des Zerfalls
des Imperatorenreichs und der germanischen Eroberung die
römische Cultar fortpflanzte und das nationde Element sich
erhielt in der lateinischen Race, wie sich in dieser das christ-
liche damit verband und zu dem eigenthumlich spiuuschen
Katholieismas entwickelte im Kampfe gegen den Arianismus,
bis es diesen besiegte und auch das Germanische immer mehr
sich amalgamirte. Er zeigt, wie besonders seit dem dritten
toledanischen Goncil in den Kirchenvätern und chTistli<^en
Dichtem Spaniens dieser eigenthümliche Nationalgeist immer
mehr sich aussprach, und wie aus den altclassischen Formen
die Rhythmen der lateinisch -kirchlichen Poesie hervoigingeii,
in welchen die Prototype der volksthumlichen Vulgärpoesie zu
suchen seien.
Wir können hier natürlich nicht auf die reichen Einzeln-
heiten eingehen, die der Verf. mit ebenso umfassender Be-
lesenheit als groOser Beredtsamkeit darstellt, und müssen uns
begnügen, daraus nur einige der am meisten cfaarakterisirenden
oder am wenigsten bekannten hervorzuheben.
Schon mehr €ds in den Spaniern der heidnisch-römischen
Zeit flndet der Verfl die diesem Volke eigenthümliche Selb-
ständigkeit und Unabhängigkeit von allem Traditionellen in
Prüden tius Clemens ausgesprochen, da trotz dessen formellem
Anschliefsen an 'die antik-heidnischen Moster sich in ihm schon
der modern-christliche Geist entfesselt zeigt ^)
^) Es ist kaum nöthig slvl bemerken, dafs die Urtheile unserer
Philologen über Lucan und Martial von den sehr patriotisch gefärbten
des Verf. bedeutend abweichen. — Er hat auch eine Parallele zwischen
Columella und Hioja angestellt.
^ Vgl. das damit zusammenstimmende tJrtheil Bähr*8: Die christ-
lichen Dichter und Geschichtschreiber Roms. Carlsruhe, 1836. 8*.
S. 46 — 47.
J. A. de los Bios , Historia criticft de 1» literatara espa&ola. 87
Maturlieh betont der Verf. die HersteUung der Einheit
des Glaobens, die Herrschaft des Katholicismas seit dem drit-r
ten toledanischen ConcU, und die dadurch bewirkte grofsere
Eiüheit des Reichs und angebahnte Yerschmelzung der beiden
Hanptracen, der germanischen und lateinischen, als ein Haupt*
moment der Bildung der spanischen Nationalitat; betont dabei«
wie billig, das immer mehr sich geltend macbeude Ueber-
gewicbt der lateinischen Cultur. i)
Natürlich widmet er dem Haupttrager und Vermittler die*
ser Coltur, dem Polyhistor jener Zeit, Isidor von Sevilla, gan^
besondere AufmerksarnJ^eit« ^). In diesem und in den aus de#*
sen Schule hervorgegangenen oder naoh dessen Muster gebil-
deten Prälaten und Geistlichen, wie Braulius, Mazimus, Co-
nantius» Eugenius, Ildefonsus» Julianus, Paulus Emeritensis
cu s. w:., sucht der Verf. die Continuität und Tradition der
lateinisch-byzantinischen Gelehrsamkeit und literarischen Cultur
ebenso nachzuweisen, wie er die der Kunst in seiner berübm*
ten Abhandlung: „El arte latino-bizantino en Espafta y las
Coronas visigodas de Guarrazar*' (Madrid, 1861; fol.) und in
seinen Beitragen zu den „Monumontos arquitectonicos de
Espana^ gezeigt hat.
Das besonders interessante zehnte und letzte Kapitel des
ersten Bandes schildert die Zustande am Ende des 7. Jabr^^
bunderts und kurz vor dem Untergang des Westgothenreichs»
und die JEntvHckelung einer volksthündleh-l^ieiimohen Poesie
(Poesia populär latina durante la monarquia visigoda). Der
Verf. findet eine der Hauptursachen des Verfalls der west*
gothischen Monarchie und der Verwilderung des Klerus in
dessen Theilnahme an den politischen Intriguen und Thron-
slareitigkeiten und, weil dessen Einfluiiai immer ma&gebender
wurde, in der Competenz der westgothiscben ßace um dif
ersten geistUoheA Wurden^ yon weleben sie die lateinisehe zu
▼erdrängen suchte, ohne sich doch ihre Bildung anzueignen,
>) Er verkennt aber aach nicht, dafs die IJebermacht der katho-
lischen Hierarchie den Grund legte zum Verfall des westgothischen
Reichs* und bedauert deren zelotische Verfolgung und Vernichtung aria^
nijsKjher Schriften (p. 336—339). — Vgl. HelffeHch, Der westgothische
Arianiswus und die spanische Ketzergescbichte. Berlin, 1860. 8^
*) Nach einer ausführlichen Analyse von dessen Origines gibt der
Verfasser (p. 365) auch eine Beschreibung der ihm davon bekannt ge-
wordenen Handschriften in den spanischen Bibliotheken.
gg Kritische Anzeigen:
wodurch der Katholicismus seine frühere Kraft und Mission,
das Band der Einheit und das Mittel. der Cultur zu sein, im-
mer mehr verlor. Dazu kam noch. die Verweichlichung der
westgothischen Race, deren ganze Verfassung doch zunächst
nur auf einen Kriegerstaat berechnet war, durch die Nach-
ahmung des römisch -byzantinischen Luxus und die Annahme
so mancher trotz des Katholicismus in der lateinischen Race
fortlebenden heidnischen Sitten. Zu diesen gehorten nament-
lich auch die Spiele des Circus und des Amphitheaters, gegen
welche mehrere Concile, wie es scheint, vergebliche Verbote
erliefsen und gegen die insbesondere auch Isidor geeifert hat.
Ja der Verf. glaubt, Isidor habe sein Buch, das den Titel
Synonyma *) fuhrt, hauptsächlich in der Absicht verfafst, um
den heidnischen Spielen ein vom Geiste des Christenthnms
durchdrungenes entgegenzusetzen und es wol gar zur Auf-
führung zu bringen (tambien escrito de intento para ser
repreaentado por la juventud, que bajo la tutela del episcopado
se consagraba al sacerdocio). Dieses weniger bekannte Buch
Isidor's, das durch seinen sonderbaren Titel wol manche ver-
leitet hat, es für eine grammatische Abhandlung zu halten, ist
eine dramatische Allegorie, und als solche wol jedenfalls durch
das hohe Alter merkwürdig, in welcher der Mensch (homo)
dargestellt wird, wie er ob seiner Sünden und seines elenden
Lebens an sich und der Welt verzweifelt; da tritt die Vernunft
(ratio) zu ihm, tröstet ihn und verweist ihn auf die unendliche
Barmherzigkeit Gottes ; von ihr geleitet, büfst er seine Sünden
und wird des einzigen wahren Glücks, der ewigen Seligkeit,
theilhaftig.
Ebenso hatten nicht minder unter der gothischen als unter
der lateinischen Race von dieser aus dem Heidenthume über-
kommene Sitten oder vielmehr Unsitten sich erhalten, ver-
breitet und selbst unter der orthodoxen Geistlichkeit Anhänger
^) Nach dem Vorgange Isidor's hat auch sein Schüler Ildefonsus
sein Buch „de perpetua virginitate" ebenfalls „de Synonymia^^ genannt;
der Verf. glaubt, dafs sie durch diesen Titel ihre Werke als rhetorische
Uebungen, als Producte der Wohlredenheit bezeichnen wollten. —
XJebrigens führen Isidor's libri duo synonymonim auch den Titel:
„Soliloquia, de lamentatione animsB peccatricis" und werden nach der
gewöhnlichen Annahme für erbauliche „Selbstgespräche" angesehen.
Die im Text davon gegebene Ansicht des Verf. hat jedoch vieles
für sich.
J. A. de los Rios , Historia cntica de la literatara espafiols. 89
gefunden; wie das Treiben der Zauberer und Wahrsager (ma-
lefici, harioli, salisatores), di€ von den westgotbischen Konigen
den romischen Kaisern nachgeahmten und bis in die unteren
Schichten verbreiteten nächtlichen Banquete (comessationes),
die Hymenäen und Todtenfeiern , oder threni, wie sie Isidor
nennt, bei welchen Gelegenheiten allen Tänze und Gesänge
aufgeführt wurden, die immer mehr ein volksmäfsiges Gepräge
annahmen und eine bedeutend entwickelte Volkspoesie in latei-
nischer Sprache voraussetzen lassen. Dafs durch diese letztern
selbst der christliche Gottesdienst entweiht wurde ^ beweisen
die dagegen erlassenen Verbote des ersten bracarensischen und
des dritten toledanischen Concils.
Der Verf. bemerkt mit Recht, dafs die westgothische Race
so sehr in diese Anschauungen und Sitten der civilisirteren
lateinischen sich eingelebt ' hatte , dafs sie darüber die ihrer
Stammväter, die germanischen Mythen und Traditionen ver-
gab; eine Thatsache, die so manche spätere Erscheinung in
der spanischen Literatur erklärlich macht. ^)
Da die Kirche diese Lust des Volks an Tanz und Ge-
sang^) natürlich nicht unterdrücken konnte, suchte sie wenig-
stens das Heidnische, ihr Anstofsige darin zu verdrängen durch
im christlichen Geiste Erdachtes und Hels das Volk nicht nur
in Kirchengesängen am Gottesdienste theilnehmen, sondern
ersetzte auch die bei den Familienfeierlichkeiten abgesungenen
heidnischen Lieder durch christliche. Daher wurde schon durch
die Beschlüsse des vierten toledanischen Concils das Absingen
kirchlicher und religiöser Hymnen bei all diesen Gelegenheiten
eingeführt und dann auch auf politische Feste und Anlässe
ausgedehnt, wie zur Krönungsfeier, zum Geburtsfeste des Kö-
nigs, beim Auszuge des Heeres (In ordinatione regis; — In
natalitio regis; — De profectione exercitus) u. s. w.
In diesen Hymnen findet der Verf. nicht nur die Gefühle
ausgesprochen, welche stets das spanische Volk am mächtig-
sten beherrscht haben, sondern auch die formellen Prototype
der spanischen Volkspoesie. „Diese Hymnen", sagt er (p. 457),
1) Vgl. z. B. F. Wolf Studien, p. 408 und 510.
*) Diese Sangeslust des Volks bei jeder Gelegenheit schildert z. B.
Eugenius in folgendem Distichon:
Quum coniux, natus vel servus peccat alumnus,
Canttca vulgus habet; nos tarnen ipsa latent.
(Biblioth. Patr. Tolet. I. 66.)
90 Kritische Anseigen:
,9 waren ganz vom religiösen Gefahl darchdnuigeD; und ebenso
waren es auch die Yolksgesange (cantos populäres), die den
Enthusiasmus der Nation entzünden und unterhalten , welche
von der Vorsehung berufen wurde, in einem Kampfe von acht
Jahrhunderten ihren Gott und ihre Altare zu vertheidigen. In
jenen Hymnen finden Nahrung und Stärkung die verehrungs*
würdigen Traditionen des Volks des Peiayo und Alfonso VI.;
in ihnen sind all die Lebenskeime eingeschlossen, die inmitten
der Conflicte und Wechselfälle eines heiligen Krieges zu
Früchten reifen sollten; in ihnen endlich sieht man schon den
Model (molde), in welchen die Volkspoesie gegossen werden
sollte, die aus dem Bedürfnisse hervorging, so wunderbare
Ereignisse zu künden und zu feiern.^'
In dieser* Kirchenpoesie sieht also der Verf. das formelU
Mittel' und Bindeglied zwischen der heidnisch-lateinischen und
christlich-vulgären; er sieht aber auch in dem Geiste, von
dem sie durchdrungen ist, nicht nur den neues Leben und
Hoffen gebenden, in seinem Glauben alle Bekenner, ob gothi-
scher, ob lateinischer Race, einigenden und reinigenden des
allgemeinen, sondern schon den des epecifiech^epani$6hen Kch
tholicismus.
Die Wichtigkeit dieser Hymnen für die Geschichte der
spanischen Literatur veranlaiste den Verf. in einem Anhange
zum ersten Bande (Ilustraciones. Himnos de la iglesia espaüola
durante el siglo VII.) die berühmte toledanische Handschrift
welche die älteste Sammlung derselben enthält, ausfuhrlich zu
beschreiben, ihren Inhalt zu charakterisiren und zu verzeichnen
und 18 Proben daraus wiederabzudrucken. Die Handschrift
stammt nach Florez (Espaüa sagrada, T. IH, cap. UI, p, 94)
aus dem jLO., jedenfalls noch aus der ersten Hälfte des 11.
Jahrhunderts und enthält ein Psalterium, Cantica und Hymnen.
Diese letztem^ 185 an der Zahl, sind noch vor dem Einfall
der Araber abgefaist, da keine Anspielung darauf in ihnen
vorkommt; ^) zuerst wurden einige derselben in dem Missale
veröffentlicht, welches im Jahre 1770 in Puebla de los Angeles
(Angelopoli) erschien; dann alle von Lorenzana seinem Bre-
viarium gothicum (Madrid, 1775) einverleibt In der bekannten
^) Vgl. auch Mone, Lateinische Hymnen des Mittelalters, Thl I,
p. 87, der als einen Beweis des Alters ansieht, dafs ein Hymnus im
mozcprabischen Brevier vorkomme, „worin jene Hymnen -stehen, die
vor .dem 8. JÄhrhundert gemacht sind".
J. A. de los Rio8, Historie ciittca de la literatnra espaftola. 91
Sammlung von Ar^valo (Hymnodia hispantca; Rom, 1786)
finden sich nur zwei, die auch in dem toledanischen Codex
8tehen, und diese in einer viel Jüngern Redaction und ver-
stümmelt, wie denn in Arevalo^s Sammlung überhaupt die
eigentlich kirchlichen Hymnen einer spätem Zeit angehören.
Der Verf. sucht das Alter dieser toledanischen Hymnen noch
näher zu bestimmen, und zwar hält er fast alle aUgemeinen
(9,generales"; denn unter denen zu Ehren bestimmter Heiligen
finden sich auch hier die altern von der spanischen Kirche auf-
genommenen, wie von Prudentius, Hilarius, Ambrosius u. s. w.)
erst nach dem vierten toledanischen Concil abgefafst oder
doch in die Liturgie dngefnhrt; aber drei: „In sacratione
Basjlicae (£cce te, Christe, tibi cara semper); — In anniver-
sario sacrationis Basilic» (Christe, eunctorum dominator alme);
— In restauratione Basilicae (O beata Jerusalem, priedicanda
eivitas)^^ glaubt er schon dem ersten Regierung»jahre Becca-
red's I. (Ö87) zuschreiben zu können und fuhrt dafür jeden-
falls plausible Gründe an. ^) Mit weniger Wahrscheinlichkeit
sucht er auch die beiden Hymnen: „In ordinatione regiB (In-
clite rex, magne regum^"; — und ,^In natalitio regis (Anni
peracto drculo)^^ auf diesen König zu beziehen, sowie noch
einigen andern Hymnen ein höheres Alter X^^^ ^^°^ vierten
toledanischen Concil) zu vindiciren. Dem Canon U und XIII
desselben Concils zufolge sollten in den Kirchen Spaniens und
der Gallia gothica dieselben Hymnen auf dieselbe Weise (unns
igitur ordo orandi atque psailendi pari modo Gallia
Hispaniaque celebret etc.) gesungen werden.
lieber die Verfasser der allgemeinen Hymnen wagt auch
Hr. Amador de los Bios nur als Conjectur auszusprechen, dafe
wohl einige derselben von den Bischöfen Maximus von Zarar
goza, Conantius von Pidencia Und Eugenius III. von Toledo
herrühren dürften, von welchen es bekannt ist, dafs sie kir^
liehe und religiöse Gesänge abgefafst haben.
Jn dem Yerzeichniis der Hymnen werden allerdings bei
einzelnen die entweder bekannten oder vermuthlichen Verfasser
angegeben.
Als Proben hat der Verf. unter den allgemeinen Hymnen
^) Die beiden letzten dieser drei Hymnen -sind auch in andere
Hymnarien übergegangen und finden sich z. B. in-Daniera Thesanrus
hymnologicns, Tom. I, p. 107, XCVI (hier unter dem Titel : „De dcdi-
catione eccleBise") und Tom. IV, p, HO, wieder abgedruckt.
92 Kritische Anzeigen:
die ausgewählt, welche am meisten nationales Gepräge und
volksmäfsige Färbung haben. ^)
Unter den dem ersten Bande beigegebenen Facsimiles
findet sich auch eine Schriftprobe aus diesem toledanischen
Codex.
Der zweite Band umfafst die Periode von dem Einfall der
Araber bis zum Beginn des 12. Jahrhunderts. In dem Vor-
worte (advertencia) dazu sucht der Verf. die Ausführlichkeit
seiner Darstellung dadurch zu rechtfertigen, dafe einerseits
gerade diese Periode am wenigsten bekannt, ja so verkannt
ist, dafs man sie in Bezug auf die christlich - spanische Lite-
ratur schlechtweg als eine völlige Barbarei ansieht; anderer-
seits aber die genauere Kenntnifs und Würdigung derselben
um so wichtiger ist, als sie eben die Uebergangsperiode von
der römisch-lateinischen zur castilisch-spanischen Sprache, Cul-
tur und Literatur bildet, nur darin deren Continuität sich zeigt
imd die Entwickelung der neuen Elemente aus dem antiken
sich klar herausstellt.^)
Das XI. Kapitel (Escritores de la Invasion mahometana)
schildert die Zustände unmittelbar nach der arabischen Er-
oberung, und zwar sowohl bei den der arabischen Herrschaft
unterworfenen Christen, den Mozarabern, als auch bei dem
Häuflein freigebliebener in den Gebirgen Asturiens.
Die Mozaraber suchten gegen den Druck der Gegenwart,
gegen die Angst vor der Zukunft Ersatz und Trost in der
Vergangenheit; sie waren es, welche die Trümmer der latei-
nisch -westgothischen Cultur sammelten, die Sitten und Tra-
ditionen ihrer Vorältern bewahrten, die Schriften der Väter
ihrer Kirche studirten, sich darnach bildeten und ihren Nach-
kommen überlieferten; daher bekamen die Werke, die sie selbst
schufen, eine elegische Färbung, eine ascetische Tendenz. Die
freigebliebenen Christen hingegen erstarkten immer mehr im
Kampfe gegen die Gegenwart, ihr Blick richtete sich hoff-
nungsvoll auf die Zukunft, auf die Neugestaltung, die sie auf
breiterer. Basis aufführten, ohne Racen-, ohne Standesunter-
1) Von den 18 hier gegebenen Hymnen finden siqh auch in DanieFs
Thesaurus aufgenommen: I (IV, 63), HI (I, 107), IV (IV, 110), XIII
(I, 31), XIV (I, 29), XVI (I, 198), XVn (IV, 117) und XVIII (I, 139).
^ Viel neues Licht über diese so wenig gekannte und doch so merk-
würdige Periode verbreitet auch das treffliche Werk Dozy's; Histoire
des Musulmans d*Espagne, p. 711—1110. Leyde, 1861. 80. 4 Vol.
J. A. de los Rios, Historia critica de la literatnra espaflola. 93
schied, auDser dem der bevorzugten Stellung, die Wehrkraft
und Tapferkeit erwarben; der Krieg ist ihre Lebensaufgabe,
die Vertreibung der Eindringlinge und die Vernichtung der
Glaubensfeinde ihr Zweck, die Erhaltung ihrer Freiheit, die
Wiedereroberung des vaterländischen Bodens ihr Lohn. Dieses
fortwährend um Existenz und Boden kämpfende, sich neu ge-
staltende Volk hat allerdings keine Zeit zu Meditationen, zu
Studien; es kann höchstens, wenn die Uebermacht des Gefühls
nach Ausdruck drängt, in religiösen oder kriegerischen Hym-
nen, die seine Geistlichen anstimmen, Gott für den Sieg
danken, die Thaten seiner Tapferen feiern. Aber in diesen
Gesängen sprechen sich schon die Grundznge der spätem
spanischen Volkspoesie aus : Begeisterung für den katholischen
Glauben, für Vaterland und Unabhängigkeit; in ihrer Ent-
stehungsweise und Bildung ist der Schlüssel zu dem lyrisch-
epischen Grundton derselben zu finden.
Mozaraber und freie christliche Spanier stimmten aber
vorzugsweise in zwei Punkten vollkommen überein: in der
Anhänglichkeit an ihren Glauben und in der bis zum Hals sich
steigernden Abneigung gegen die Araber und Ungläubigen.
Aus diesem und anderen Gründen erklärt sich auch der
Verf. gegen den so vielfach überschätzten Einflufs der arabi-
schen auf die spanische Literatur; ja gerade die Mozaraber
bestrebten sich, an die vaterländischen 'Muster der vorher-
gehenden Jahrhunderte, an Isidor, seine Schüler und Nach-
folger in Gesinnung und Form sich möglich anzuschliefsen.
Er zeigt dies zunächst an den Schriften von Gixila, Isidor von
Beja, Etherius und Beatus.
Das folgende XII. Kapitel (Escritores cristianos del Cali-
fato) zeigt diesen Gegensatz zwischen den Moslims und den
Mozarabern in steigender Progression; schildert die von den
Chalifen von Cordoba zunächst allerdings aus politischen Grün-
den unternommenen Bekehrungsversuche und Verfolgungen der
Mozaraber, um sie zu zwingen, in arabischen Schulen ihre
Sprache und ihren Glauben zu vergessen und sich mit den
spanischen Arabern zu Einer Nation zu verschmelzen; und
wie die Verfolgten erst durch passiven Widerstand und dann
durch das Märtyrerthum ihre Nationalität und ihren Glauben
zu wahren suchten, bis gie als V^^^ vernichtet wurden.
Als Protagonisten der Mozaraber in diesem Kampfe, als
Träger und Wahrer der nationalen, der lateinisch - spanischen
94 Kritische Anzeigen :
Onltur und Literatar werden dann besonders aufgefohrt die
Märtyrer und Schriftsteller Speraindeus, Eulogius^ Alvarns
von Cördoba, der Abt Samson, die Priester Leovigild und
Cyprianus. *)
Insbesondere wird hervorgehoben das Bestreben des Bu-
logins und Alvarus, die in Vergessenheit gerathenen classischen
Muster und Regeln der Metrik wieder bekannter zu machen,
and wie der letztere in seinen poetischen Versuchen an Eu^e-
nius sich anzuschliefsen beflissen war. Wenn man daher die
bekannte Stelle des Alvarus, worin er das Vergessen der
lateinischen Sprache unter den Mozarabern beklagt, so oft als
Beweis der völligen Arabisirung derselben angeführt hat, so
hätte man dagegen auch seine und der Obengenannten Werke
berücksichtigen und als Zeugnisse anerkennen sollen, dafs ge-
rade durch diese glaubenseifrige, sogenannte fanatische Partei
zugleich die nationale Tradition, die lateinisch-spanische Cultur
selbst unter den Mozarabern in der Zeit ihrer grofsten Unter-
drückung vor gänzlichem Erloschen bewahrt wurden, bis dies
infolge der Verschleppung und Vernichtung der Mozaraber als
Volkes natürlich eintreten mufste.
Wie hingegen bei den freien Christen nicht nur die natio-
nalen Elemente sich immer mehr stärkten und zum Selbst-
bewufstsein kamen, sondern auch die literarischer Cultur all-
mählig sich zu entwickeln begannen , stellt das XIII. Kapitel
dar (Primeros historiadores de la Reconquista).
Während ihre Brüder, die sich unterworfen hatten, nur
passiven Widerstand leisteten, sich vergeblich opferten und
untergingen, hatten die Flüchtlinge in Asturiens Gebirgen für
ihre Unabhängigkeit gekämpft, durch ihre Thatkraft sie ge-
sichert und neue Reiche gegründet. Als daher . mit gesicher-
tem und geordnetem Zuständen das Bedürfnüs geistiger Ent-
Wickelung und die Möglichkeit literarischer Beschäftigung wieder
eintraten, mufeten vor allem die Erinnerung an die vollbrachten
Thaten und der Drang, sie durch Aufzeichnung zu wahren und
zu überliefern, für sie richtunggebend werden. Daher wandte sich
ihre literarische Thätigkeit vorzugsweise der Historiographie zu.
1) Der Verfasser vertheidigt diese Männer, die nicht nur für die
Währung des Glaubens, sondern auch der Nationalität kämpften und
durch ihr Märtyrerthum sie zu retten glaubten, gegen Dozy, der sie
allerdings zu einseitig und nüchtern als muth willig sich opfernde Fana-
tiker darstellt.
J. A de los Rios, HUtoria critica de la literatura espaflola. 95
Der erste Impuls dazu ging von einem Könige ans, der
durch seine Thaten sich den Beinamen des Chrofaen erworben
hat, von Alfons III. von Astarien. Die unter dem Titel
„Ghronicon Sebastiani Salmanticensis sive Alphonsi Magni^* be-
kannte Geschichte von Wamba bis zu Ordono*s I. Tod ist,
wenn auch nicht, wie einige geglaubt haben, des Königs eige-
nes Werk, so doch jedenfalls von ihm angeregt und auf seinen
Befehl verfafst worden. In dem dieser Chronik als Einleitung
dienenden Schreiben des Königs an Sebastian Bischof von
Salamanca spricht er ausdrücklich den Wunsch aus, dais sich
diese Geschichte an Isidor's von Sevilla Gothen- Chronik an-
schlieise; wie sich daher einerseits darin das Bestreben zeigt,
das Gefühl der nationalen Continuität, des Zusammenhangs
der neuen Monarchie mit dem Westgothenreich auch literarisch
zu manifestiren, so hat andererseits diese von dem dritten
Alfons angeregte Idee durch den zehnten, Alfons den Ge-
lehrten von Castilien, ihre völligere Entwickelang in der auch
dem Könige selbst zugeschriebenen Cr6nica generai gefunden«
So wenig eigentlich historischen und literarischen Werth diese
Chronik Sebastian's von Salamanca auch haben möge, so hat
sie doch eben durch die in ihr zum Ausdruck gekommene
Idee einen ^nationalen, und selbst die patriotischen Ueber-
treibungen, die gläubig nacherzählten Fabeln, womit sie ange-
füllt ist» gewinnen als Manifestationen des nationalen und
religiösen Gefühls eine höhere, literarhistorische Bedeutung.
Fast gleichzeitig mit dieser Chronik entstand die von AI-
belda; in gleichem Geiste verfafst, sich ebenfalls an Isidor,
Ildephons und Julian anschlieisend; hauptsächlich aber unter-
nommen, um die Thaten Alfon^ des Grofsen aufzuzeichnen
und der Nachwelt zu überliefern.
Allerdings erst nach einem Zeiträume von fast hundert
Jahren sind uns wieder Beweise von der Verfolgang dieser
Richtung aufbewahrt worden in den Chroniken des Sampirus,
Pelayo's Bischofs von Oviedo und des Mönchs von Silos.
Der Verf. analjsirt und charakterislrt alle diese Chroniken
sehr ausfuhrlich. Er zeigt uns femer, dafs in gleichem Maise,
wie das Werk der Wiedereroberung fortschritt, die Neugestal-
.ng an Ausbreitung und Festigung gewann, besonders durch
le Eroberung von Toledo und Gründung des Königreichs
astilien, sich auch das Nationalgefuhl immer selbstbewuister,
imer volksthnmlicher in den gleichzeitigen historischen Wer«
1
96 Kritische Anzelgeu.
ken aussprach, so in den Gesta Koderici Campidocti, in der
Historia Compostelana, in der Chronica Aldephonsi Imperato-
ris. Die Gesta Roderici hält auch der Verf. für unbezweifelt
echt und aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts (vor 1126)
stammend; die Originalhandschrift ist im Jahre 1852 wieder
für Spanien aequirirt worden von der k. Akademie der Ge-
schichte von Madrid, die auch eine Copie aus dem 15. Jahr-
hundert besitzt. ^) Den Charakter des Cid findet der Verf.
darin in derselben Weise aufgefafst und gezeichnet, wie im
„Poema del Cid 'S nämlich als den stets sieghaften National-
helden voll Religiosität und Loyalität. Auch sieht er in der
Sprache und selbst in der Diction (extructura de la diccion),
trotz des Bestrebens nach Eleganz und Classicität, den EJinflufs
des vulgären Idioms.
Neben den Grofsthaten der Wiedereroberer fanden auch
die Leiden der Glaubensheiden Berücksichtigung bei den Ge-
schichtschreibern jener Zeit^ wovon wir als Beispiel das Leben
des heiligen Dominicus von Silos von Grimaldus ^) anfuhren
wollen, weil es, wie die Gesta des Cid i^i Poema, in dem
von Gonzalo von Berceo bearbeiteten bald ein poetisches
Seitenstück in der Yulgärsprache finden sollte, was bedeutsam
auf den Zusammenhang der neu entstehenden vulgären Lite-
ratur mit der lateinisch -nationalen hinweist. Einen noch un-
mittelbarem und bedeutendem Einflufs auf die Entwickelung
der vulgären Poesie übte die lateinisch-kirchliche, die, wie die
Historiographie und im engern Zusammenhange mit ihr, vor-
zugsweise von der Begeisterung für Glauben und Unabhängig-
keit eingegeben und durchdrungen, im Laufe des 9. — 12. Jahr-
hunderts immer mehr eine nationale Färbung und einen volks-
thümlichen Ton annahm. Von dieser handelt das XIY. Kapitel
(Poetas y escritores del siglo^ IX al XII). Vor allem waren
^) Diese Copie wurde in demselben Jahr 1852 von Tomas Mnftoz
unter den Handschriften Salazar's aufgefunden; — s. Manuel Malo de
3folina, Rodrigo el Campeador. Madrid, 1857. 8®. p. XXXII, der im
Anhang XIX zu diesem Werke die Gesta nach der Leoneser Handschr.
mit Vergleichung der Copie hat abdrucken lassen. Malo de Molina
aber setzt, wie Dozy, die Leoneser Handschr. zwischen die Jahre 1170
und 1200 (1. c. p. XXIX).
*) Des Grimaldus „Vita Beati Dominici confessoris Christi" wurde
zugleich mit Berceo*s Gedicht und den „Miraculos romanzados*^ des-
selben Heiligen von Pero Martin (aus dem Ende des 13. Jahrhunderts)
vom Fray Sebastian de Vergara im J. 1736 herausgegeben.
J. A. de los Bios, Historia critica de la literatara espaftola. 97
es die Hymnen, za deren Absingen beim Gottesdienste nach
dem toledanischen Ritus nicht nnr die Geistlichen verpflichtet
waren, sondern anch das Volk daran theilnehmen zu lassen
hatten^ wodorch der Sinn für Poesie erhalten, yerbreitet nnd
zur Nachahmung angeregt wurde. So kamen zu den seit dem
vierten toledanischen Concil in die Liturgie aufgenommenen
neagedichtete von spanischen Geistlichen, wie von dem er-
wähnten Grimaldus, von Philippus Oscensis u. s. w. ; so wurde
das allgemeine Hymnarium hispano-latino-visigothicum durch
viele, man konnte sagen lokale Hymnen bereichert, die, gleich
den fneros municipales, bestimmten Orten eigen waren ^), ' ihre
Schutzheiligen feierten, die wunderähnliehe;i, ihrem Einflnfse
zugeschriebenen, in dieser Gegend vollbrachten Thaten und
errungenen Siege über die Ungläubigen priesen u. s. w.
Alle diese auf Spaniens Boden entstandenen Hymnen sind,
nach des Verfassers Ansicht, mehr oder minder der Ausdruck
der beiden damals die Nation vorzugsweise beherrschenden
Gefühle: des religiösen und des patriotischen (de los dos sen-
timientos fundamentales de la religion y de la patria). Sie
sprachen sich am allgemeinsten und häufigsten aus in den
Hymnen an die Jungfrau Maria und an den Nationalpatron,
den Apostel Santiago von Compostela: in den erstem das
sanftere Glefuhl religiöser Devotion, in den letztern die kriege-
rische Begeisterung für Glauben und Vaterland, von der die
Geisüichen nicht minder erfüllt waren, als die Krieger, deren
Waffen sie segneten, deren Lager- und Kampfgenossen sie
oft waren, deren Siege sie nach der Heimkehr in den Kirchen
feierten. „Nachdem also'*, sagt der Verfasser, „die beiden
Hanptgefnhle, welche wir als die Grundlagen der Wieder-
eroberung erkannt haben , durch neue Bande noch enger ver-
bunden worden waren, vermittelte die geistliche Poesie die
vielfachen Formen, die sie von der altclassischen überkommen
hatte, an die heroische Poesie, indem sie ihr gleich bei ihrem
1) Nicht unpassend vergleicht der Verf. diese lokalen Hymnen mit
den Fueros municipales, weil sie aus ähnlichen Verhältnissen und Ur-
sachen im Laufe des Wiedereroberungskrieges hervorgegangen waren;
die letzteren, um durch Privilegien den neu eroberten oder gegründeten
Orten besondern Rechtsschutz zu gewähren; die ersteren, um durch
die Yermittelung eigener Patrone den besondern Schutz des Himmeis
für den Ort zu erflehen.
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 1. 7
98 Kritische Anzeigen:
Entstehen den Charakter aufprägte, den $ie selbst innerhalb
der mysteriösen astnrischen Basiliken gßzeigt hatte.'* ^)
In der Nichtbeachtong dieser Yermitteinng, dieser Con-
tinuitat zwischen den altclassiscfaen, kirchlichen und volkstbim-
liehen Formen, glaubt der Verf. den Hauptgrund zu sehen^
weshalb die Ursprünge der letsEtern so oft verkannt und un-
nothigerweise in der Fremde gesucht worden sind.
Denn, wie die Hymnen, so waren auch die nun entstehen-
den kriegerischen Gesänge (eantares belicos), zum Preise der
Nationalheroen, dem Volke und der Geistlichkeit gemeinsam.
Daher die auch in ihnen sich findenden formellen Anknüpfungen
und sonstigen, wenn auch noch so entfernten Anklänge an das
classische Alterthum, dessen Sprache die der Geistlichkeit und
der Kirche geblieben war.
Von dieser heroischen Poesie, wie sie der Verf. nennt,
ist uns allerdings nur Weniges und dieses Wenige meist nur
fragmentarisch erhalten, wie die Elegie auf den Tod Borell^s HI.
von Barcelona; das in die Chronik Boderich's von Toledo ein-
geschaltete Bruchstuck eines Gedichts auf die Eroberung von
Toledo; das bei weitem bedeutsamste, aber leider auch unvoll-
ständige lateinische Cidgedicht, das der um die mittellateinische
Poesie so hochverdiente Du-Meril zuerst herausgab, und das
einerseits in seinen sapphisch - adonischen Strophen und in
Anspielungen, wie die der Eingangsverse (Paris et Pyrrfai,
nee non et Aeneae), deutlich die Nachwirkung des classisdien
Einflusses zeigt, wiewohl es andererseits, wie Du-Meril mit
Recht bemerkt hat (Poesies populaires latines au moyen a^e.
Paris, 1847. 8°. p. 296 u. 301), gerade durch die Wahl dieser
Strophe und seinen ganzen Ton einen volksthümlichen Cha-
rakter trägt.*)
^) . . asi, estrechado^s con nuevos vinculos los dos grandes senti-
mientos que hemos reconocido ya como bases fundamentales de la re-
conquista, daba la poesia sagrada sus multiples formas, heredadas de
la antigüedad, a la poesia heroica, imprimiendole al salir al mundo, el
mismo caracter que habia osCentado dentro de las mlsterlosas basillcas
asturianas.
*) Unser Verfasser stimmt darin, wie auch in den Urtheilen über
Abfassungszeit und Ort, mit Du-M^ril überein, und widerlegt die von
Mila y Fontanals angestellten Behauptungen (Observaciones sobre la
pioesia populär. Barcelona, 1853. 4^ p. 62—64), dafs das Gedicht in
Catalonien abgefaTst und zum Theil Auszug, zum Theil Uebersetzung
eines volksmäfsigem , wahrscheinlich castilischen Gedichts sei. — Der
J. A. de losRios, Historia critica de la literatara espafiola. 99
Ebenfalls mar fragmentarisch sind uns ans jener Zeit er-
halten worden die heroischen oder yielmehr historischen Ge-
dichte auf Bamon Berenguer IV. (1159 — 1162) und auf die
Einnahme Almeria's durch Alfons VU. von Castilien und seine
Bundesgenossen. Das letztere, jedenfalls vor 1157 verfafst,
ist aber nicht zum Absingen besthnmt gewesen und tragt mehr
den Charakter einer Reimchronik und eines gelehrten Werks,
das sich nur stellenweise zum poetischen Ausdruck erhebt.
Es bildet bekanntlich einen Anhang zu der obenerwähnten
prosaischen Chronica Aldephonsi Imperatoris. Auch in diesem
Gedichte, besonders in dessen Sprache und Diction, zeigt sich
auf eine inerkwürdige Weise einerseits die Fortwirkung clas-
sischer Vorbilder, andererseits der Durchbruch des vulgären
Idioms bei einer durchaus nationalen Gesinnung.
Diese Doppelseitigkeit, die sich in jenen historischen Ge-
dichten immer mehr aussprach, weist schon bedeutsam auf die
nun bald eintretende schärfere Scheidung der halb gelehrten,
halb nationalen und der eigentlich volksmäisigen, bis di^in
traditionellen Poesie (poesia erudita, j poesia tradicional), die
mit der Befähigung der Vulgärsprache zum literarischen Aus-
druck und mit der grofsem Verschiedenheit in den Interessen
und Bildungsgraden der Stände und Schichten der Gesellschaft
zum völligem Durchbruch kommen sollte.
Dafs aber neben der gelehrten lateinischen schon in jenen
Zeiten eine eigentlich volksmäisige Poesie in der lingua romana
rustica und in den sich daraus entwickelnden vulgären Idiomen
existirt habe, liegt in der Natur der Sache und bed&rfte nicht
einmal der historischen Zeugnisse, wenn sich solche auch nicht
zahlreich anführen liefsen (und vom Verfasser angeführt wer-
den), welche dies ausdrücklich beweisen; sowie es nicht min-
der natürlich ist, dafs von dieser traditionellen, nur im Volks-
munde fortlebenden Poesie keine Denkmäler auf uns gekonmien
sind. Denn die einzigen, die sie hätten aufbewahren und uns
überliefern können, die gleichzeitigen Schriftsteller^ sahen da-
mals noch mit Verachtung auf diese Producte der ungelehrten
Menge in einer in ihren Augen barbarischen Sprache herab,
md wenn auch ihre Schriften schon Spuren genug von dem
Einflüsse derselben tragen, so setzten sie doch gerade in den
Verf. gibt eine Analyse des Gedichts, worin er zeigt, dafs es ans den-
elben Quellen wie die Gesta geschöpft habe, und einen Wiederabdruck
iesselben in der Ilustracion I. No. XXI.
7*
100 Kritische Anzeigen:
Gebrauch der lateinischen Schriftsprache ihren Stolz und grün-
deten darauf den Haupttitel ihrer Gelehrsamkeit. ^) Ja gerade
^ie waren es, die eben dadurch die Entwickelung der Vulgär-
poesie verzögerten, wenn sie auch andererseits wieder fordernd
darauf einwirkten. So verbreiteten sie durch Epitaphien auf
Leichensteinen in Kirchen und Klostern, worin populäre Na-
men gefeiert wurden, und durch Sprichworter in lateinischen
Versen die Kenntniis poetischer Formen auch in weitern Kreisen
und regten zu deren Nachahmung in der Vulgärsprache an.
So wurde in einem andern Gebiete der Poesie, im Apolog
in ungebundener Rede, ein lateinischer Schriftsteller jener Zeit
von bedeutendem Einflufs auf die Entwickelung dieser Gattung
in der spanischen Literatur, in die er zugleich ein neues Ele-
ment, das orientalische (nicht biblische), brachte. Der unter
dem Namen Petrus Alphonsi getaufte Rabbi Moseh trat hierin
mit seiner Disciplina clericalis epochemachend auf, die nicht
nur bald nach Entwickelung der Vulgärsprachen in mehrere
derselben übersetzt wurde ^)9 sondern auch zu Nachahmungen
in denselben veranlagte, wie z. B. zum Conde Lucanor des
Infanten Juan Manuel.^)
Noch erwähnt der Verf. eines theils in Prosa, theils in
Versen geschriebenen lateinischen Werks jener Zeit, des Petrus
Compostelanus zwei Bücher „de consolatione rationis'S das
sich handschriftlich erhalten hat (aus den Jahren 1140 — 1157),
und das insofern berücksichtigungswerth erscheint, als sich
darin die Anwendung allegorischer Personification, nach Art
von Isidor^s Schrift de synonymis, und schon sehr complicirter
Reimkünsteleien neben altdassischen Reminisoenzen zeigen.
^) Bekanntlich bezeichnete man damals die Gelehrten durch den
Titel: Grammaiieus.
^ Aufser den bekannten beiden nordfranzosischen Uebersetznngen
in Versen und einer in Prosa (letztere aus dem 15. Jahrhundert) haben
sich auch, wie unser Verf. nachweist (p. 241 u. 294), eine catalanische
aus dem 13. Jahrhundert (Handschr. der Nationalbibliothek zu Madrid)
und eine castilische aus dem 14. Jahrhundert erhalten. — Der Verf. ist
übrigens der Meinung, dafs der Tanfpathe des Petrus Alphonsi der
König Alfons VI. von Castiiien war, weil nur dieser im Jahre 1106
den Titel Imperator geführt habe. Er erwähnt noch eines andern, bis
jetzt unedirten Werkes des Petrus Alphonsi: „De scientia et philo-
sophia", das metaphysische Fragen von dem katholischen Standpunkte
aus behandelt.
') Vgl. Les vieux auteurs castillans. Par M. le comte 7%. de Puy-
maigre, Paris, 1862. S». Tome IL p. 16—17.
J. A. de los Bios, Historia critica de la literatura espafiola. 101
Das XV. mid letzte Kapitel dieses Bandes und der ersten
Hauptabtheilung (Primera parte) fafst in einem Baek- und
Ueberblicke die Resultate von der gegebenen Charakteristik
und Entwickelnng der latemisch-spanüchen Literatur zusammen
und zeigt ihre Continuität in den Uebergangen v zu der neben
ihr und nur aus ihr hervorgegangenen vulgären oder eigentlieh
spanisefaen Nationalliteratur (Consideraciones generales sobre
la manifestacioh latina. Aparicion de la literatura vulgär).
Nadidem der Verf. in 'sehr beredter Weise seine Schilderung
der literarischen Manifestationen des eigenthumlich spanischen
Geistes in dem Ablauf von zwölf Jahrhunderten recapitulirt
und als das unter den verschiedensten Verhaltnissen und Ein-
flüssen darin sich Gleichbleibende, Charakteristische nochmals
hervorgehoben hat: den energischen Unabhangigkeitssinn , die
Ueppigkeit der Phantasie und die Liebe zum Redeprunk bis
zum Hjperbolismus, und trotzdem, dais er, wohl, wegen der
letztem Eigenschaften, eine Art von Orientalismus, wie er sich
etwas wunderlich ausdruckt (aquella manera de orientalismo,
que habia echado raices en el suelo de la Betica), darin ge-
funden haben will, nimmt er die Frage des arabischen Ein-
flusses nochmals auf, um sie noch bestimmter und energischer
zu verneinen, ^) Wir können ihm nur vollkommen beistimmen,
wenn er als Resultat seiner Untersuchungen des Verhältnisses
d^r christlichen Spanier zu den arabischen auüstellt: „Die
Christen, abgesehen von ihrem grundlichen Hasse gegen die
Araber, waren damals noch gar nicht im Stande, die Cultur-
elemente zu würdigen, welche durch die Beni-Omeije zu C6r-
doba aufgehäuft worden waren, und noch weniger konnten
sie zum Schmucke ihrer Volkslieder die complicirten Formen
>) Er macht bei dieser Gelegenheit eine Digression (p. 268 — 278),
um die zur stereotypen Fabel gewordene Behauptung zu widerlegen:
dafis der Papst Sylvester II. (Qerbert) in den Schulen der spanischen
Araber studirt und dort die auTserordentlichen Kenntnisse erworben
habe, die ihm den Ruf der Zauberkunde und Nigromancie zugezogen
haben. Der Verf. weist "nach, dafs Sylvester vielmehr von dem Abt
Ton'Aurillac zu Borell II. von Barcelona gesandt und von diesem dem
Bischof Hatto von Ausona (Vieh) zugewiesen wurde, in dessen Schule
er sich ausgebildet habe. Weder in Gerbert's eigenen Schriften, noch
bei einem gleichzeitigen Schriftsteller wird der arabischen Schulen er-
wähnt, und diese Fabel kam zuerst durch Vincentius von Bcaavais
auf, wurde durch Piatina und noch Spätere erst verbreitet und seitdem
immer wieder nachgeschrieben.
102 Kritische Anzeigen:
einer KuilBt verweAden, die ihnen so anüpathisch war, als die
Civilisation ver halst, die sie darstellte. Eben deshalb haben
wir dadurch, wenn wir von nationalen und ausländischen Kri*
tikern diesen arabischen Einflufs a priori angenommen fanden,
der demgemaüs die spanische Ynlgärpoesie ins Leben gerofen
haben sollte (que debia en este concepto dar vida al arte
vulgär espafiol), alle Gesetze einer gesunden Kritik verletzt
gesehen und es für unerlä&lich gehalten, diese Stadien neu
vorzunehmen und sie mit all der Ausführlichkeit zu behandeln,
die uothig war, um ins Klare zu kommen/^ —
Der Verf. erklärt sich daher mit Recht gegen die, trotz
ihrer Oberflächlichkeit so oft wiederholte, ja bis auf den heu-
tigen Tag noch nicht gänzlich aufgegebene Behauptung, dafs
die Spanier den Reim und mehrere ihrer rhythmischen For-
men, namentlich ihre volksthümlichste, die der Romanzen, den
Arabern zu danken hätten; er erklärt sich überhaupt gegen
den Einfluls einer fremdländischen, und insbesondere der ara-
bischen und provenzalischen Literatur auf die spanische vor
der Mitte des 13. Jahrhunderts (was wir allerdings nicht so
unbedingt unterschreiben mochten); denn er findet allein in der
lateinischen Sprache und Literatur, in der lateinisch-kirchlichen
und historischen Poesie die Ursprünge und Elemente der vnl«
gären Idiome Spaniens (wie des castilischen, galicischen and
catalanischen), ihrer rhythmischen und poetischen Formen, so-
wohl der noch ganz volksmäfsigen als auch der ersten konst-
mäüsigern, und der in ihnen sich bildenden Literaturen. Des-
halb hat er sich bemüht» die Continuität zwischen der spanisdi-
romischen, spanisch-lateinischen und spanisch-vulgären Literator
so ausführlich nachzuweisen, den in all diesen Phasen sic^
gleich bleibenden eigentbümlich spanischen Geist und Orund-
charakter so nachdrücklich hervorzuheben; nur dadurch, glaubt
er, könne die Geschichte der spanischen Literatur eine solide
Grundlage bekommen, die zum volligen Verständnifs ihrer
eigeuthümlichen Bildung und Entwickelung ausreicht; und
darum nennt er eine Geschichte, welche diese Ursprünge über-
geht, oder doch diese Continuität und Einheit des Geistes
nicht hinlänglich nachweist und hervorhebt, eine „hauptlose ^^
(acefala)! —
Die vorstehende Anzeige, wenn sie sich auch nur auf die
leitenden Ideen und einige Hauptzüge beschränken mufste,
dürfte doch genügen, um von der Wichtigkeit des besprochenen
J. A. de los Rio8, Historia critica de la literatara espafiola. 103
Werks y seinem Beichthom an neuen Ansichten, grandlichen
Untersnchungen und interessanten Einzelnheiten einen Begriff
zn geben ; noch wichtiger und tiefer eingreifend in die Ge-
schichte, der spanischen Nationtdliterator im engern Sinne sind
die dem zweiten Bande (von S. 303 — 620) beigegebenen sechs
Excnrse (Uustraciones) und sncei Anhange (Ap^ndices).
. Der erste Excars behandelt aosfahrlich die im Text so
oft angeregte Frage von den lateinischen Ursprüngen der
Bhffthmen und Reime in der spanischen Vulgärpoesie (Origenes
latinos del md^o y de la rima).
Wiewohl es nach den Untersnchungen von Muzl, Diez,
Fachs, Jak. and Wilh* Grimm u. A. ^) für uns kaum mehr
nothig ist, den Beweis zu fahren, da/s und wie Rhythmen imd
Beim in den romanischen Valganprachen sich durch die Yer-
mittdang der mittellateinischen Poesie ans der altdassischen
entwickelt haben, so ist. doch des Verfassers Bemuhuagy dies
in Bezog aof die spanische ansfahrlich nachzuweisen und histo-
risch zu belegen, immer sehr beachtenswerdL Doch können
wir nns darauf beschranken, daraus nur ihm eigenthiimh'che
Bemerkungen oder neu mitgetheiltes Material Jiervorzuheben.
So macht er daraaf anfinerksam, dafs, wahrend die Hymnen-
poesie die kurzem Metra, besonders die acht- und sieben-
sUbigen und das sapphische (zehn- bis elfsilbige), bevorzugte,
die historische und didactiscfae ausscfaliefsend sich des beroi-
sehen oder elegischen Mafses bediente, das auch in Inscriptio-
nen, Epitaphien, Sprichwörtern häufig angewandt wurde (wir
werden spät^ sehen, was der Verf. für Conseqaenzen für die
VuJgärpoesie daraus ableitet).
So trug nach des Verfassers Ansicht vorzuglieh der mundr
ajrtliche Volksgesang «dazu bei, die quantitirenden Metra in
accentnirte Rhytlxmen zu verwandeln, welche erst durch die
gelehrten und Kunstdichter in der Vulgärspraehe eine syllabi-
sehe Norm und Regelung wieder erhielten. 2) ,
In Bezug auf den Reim bemerkt er die bei den lateini-
schen Schriftstellern Spaniens besonders häufige absichtliche
Anwendung desselben in der Prosa seit der westgothischen
Periode. So ist z. B. die Prosa des Alvarus von Cordoba
1) S. die Resultate davon kurz und treffend bei Bemhardy, Grund-
ri£s der römischen lat. 3te Bearb. Braanschweig, 1867. 8^ S. 316.
^ VgL Du-Meril, Melanges archeologiqaes et litteralres. Paris,
1850. 80. p. 355 sq., besonders p. 375 — 378.
104 Kritische Anzeigen:
mit Reimen überladen^); — nicht minder das Chronicon Al-
beldense, die Oesta Roderici Campidocti u. s. w.
Um die Entwickelang des Reims aas den rhetorischen
Figuren der Romer, homoeoptoton oder similiter cadens, und
homoeoteleuton oder similiter desinens, zaerst als onvolikom-
mener (Assonanz) und dann als vollkommenere Gonsonanz
ersichtlich za machen, gibt der Verfiisser (S. 320 — 325) eine
Zosammenstellung blofs bei spanischen Schriftstellern bis zum
12. Jahrhundert vorkommender Beispiele in drei Tabellen, nach
den Endvocalen in Reihen gesondert (Romas ladnas, emplea-
das segun la figura homoeoptoton; — Rimas cometidas por la
figara homoeotdeuton; — Yarias rimas perfectas que resultan
del usa de ambas figuras).
Dann lafst er, chronologisch geordnet (vom 7. bis zum
14. Jahrhundert), eine Auswahl (in 37 Nummern) von Poesien,
sammtlich (?) auf der pyrenaischen Halbinsel entstand»!, fol-
gen, mit Angabe der Daten und Quellen, in welchen sich die
Geschichte der Metrification und des Reimes veranschaulicht,
da nur zweifellos echte und urkundlich beglaubigte gewählt
wurden, und worunter manche von ihm selbst nach den Origi-
nalen copirte Inschriften und mehrere zum erstenmal gedruckte
Stücke sich befinden (S. 328 — 360).
Wir glauben unsern Lesern einen Dienst zu erweisen,
wenn wir sie auf diese letztem aufinerksam machen.
So wird in Nr. XVI (p. 339) aus einer Handschrift, die
dem Kloster von San Millan de la Cogulla gehorte und jetzt
in der Bibliothek der k. Akademie der Geschichte zu Madrid
aufbewahrt wird, ein Scholarenlied: „Versus ad pueros'* mit-
getheilt, das zwar nicht gereimt ist, in dem aber nach dem
einen Hexameter (mit Ausnahme des eisten und letzten, auf
welche eigene Pentameter folgen) der Pentameter:
Gelica dona libens, optime carpe, puer *
und nach dem andern der:
Quseque Sophia docet, optime disce, puer
refrainartig wiederholt wird, sodafs, mit Ausnahme des ersten
und letzten, alle Disticha mit dem Refrain „puer^' schliefsen.
Das Lied ermahnt die Jugend, nicht nur die,Gaben der Natur,
') Bei diesem sowie bei den Mozarabem überhaupt dürfte doch
auch die so häufig gereimte Prosa der Araber einigen Einflufs gehabt
haben? —
J. A. de los Rios, Historia critica de la literat'ura espafiola. 105
sondern auch die der Weisheit oder vielmehr der Gelehrsam-
keit zu sammeln und sich eigen 2a mach^i, wobei aaf die
classischen VorbUder, namentlich anf Vergil ^} und Gato hin-
gewiesen wird. Unter das mit dem sogenannten isidorischen
Charakter geschriebene Lied (nnter den diesem Bande bei-
gegebenen Facsimües befindet sich eine Schriftprobe davon,
nach der das Lied neumiert ist) ist mit schwärzerer Tinte,
aber auch noch mit demselben Charakter das Datam: Era
ICXX (1120, d. i. 1082) geschrieben. 2) Doch halten wir das
Lied für älter and franzosischen Ursprungs, wahrscheinlich
durch die frimzosischen Mönche nach Spanien gebracht, wie
wohl aus dem ersten Distichon hervorgeht:
Fistula, pange melos puero, meditante Camena:
Regia Pipino, fistula, pange melos.
Und aus Vers 27:
Francia curvat equos proceram, stipata trium^^o.
Jedenfalls ist aber das Lied sehr merkwürdig.
Ferner Nr. XXYIH (p. 350) » ebenfalls aus einer Hand-
schrift im Besitz der k. Akademie der Geschichte zu Mtfdrid,
enthaltend : „Himnario de Santa Clara de Allariz^% in Galicien,
eine Sequenz: „In anuntiatione Sanctse Marise^S ^^ anfangt:
Ave Maria, gratia plena
Dominus tecum, Yirgo serena.^)
1) Und zwar wird dem Vergil das Pervigilium Veneris hier bei-
gelegt: «Pervigil, oro, legas, cecinit quod masa Maronis.
2) Dieses Datam gibt der Verfasser im. Abdruck des Liedes an;
in einer Anmerkung des Textes, p. 238, wo er die Handschrift be-
schreibt, gibt er das Datum: Era ICLX (1160, d. i. 1122).
*) Doch ist dieses Lied weder ein Hymnus, wie der Verfasser an-
gibt, noch war es frulier ungedruckt; denn Daniel (1. c. Tom. 11 , p. 92
und V, p. 131) und Mone (a. a. O. Bd. II, p. 112) hatten diese Sequenz
bereits nach Handschriften deutscher Bibliotheken herausgegeben, und
zwar, da sie die Gattung, der das Lied angehört, erkannt, richtiger
abgetheüt. — Dafs auch dieses Lied französischen Ursprungs ist, geht
schon aus der Bemerkung DanieFs hervor: „Obiges 'Lied hat die fran-
zosische Form der Troparien und ist ein halber Kanon derselben. Die
Franzosen gebrauchten fünffüTsige Jamben vorzüglich in ihren Helden-
liedern, aber auch in lyrischen Gedichten." — Wir geben zu DanieFs
Abdruck die Varianten der spanischen Handschrift: V. 28 (6): reformas.
V. 30 (7): Que es Dei mater et filia. V. 32 (7): Per te bonis fulget
gloria. V. 33 (8): Virgo maris Stella. V. 34 (8): Verbi. V. 37 (8):
Ex qua. V. 39 (9): Saluet. V. 40 (9): Castitatis. V. 41 (9): Cum
etema festula (?). — Der Verfasser setzt dieses Lied in die zweite
10g Kritische Anzeigen:
Unter d^ Nummer XXXIY und der Rubrik ^^Versocr
J0C0S08 y de escarnio^^ (p, 353) werden aus einer in der Ma-
drider Nationalbibliothek befindlichen Abschrift eines toledani-
sehen Codex mitgetheilt: 1) Spruche und Epigramme (Prolo-
quios, Adagios, Epigramas), meist leoninisch gereimt, darunter
aiich bekannte (wie: In taberna bibo solus etc.); 2) ,,Satira
del dinero^^ und 3) 9,8ätira de las mujeres"; beide ebenfalls
leoninisch gereimt; in der erstem Satire beginnen die meisten
Verse mit „Nummus^^ in der zweiten fast alle mit ,,Foe-
mina. 0*
Die zweite ,,Ilu8tracion*' enthält eine Abhandlung ub^
die Ursprünge und Bildung der romanischen Sprachen und ins»
besondere der casHliscken (Sobre los origenes j formacion de
las lenguas romances. Lengua castellana).
Auch hieraus wird es genügen, nur die dem Verf. eigen-
thümlichern Ansichten und Bemerkungen anzuführen, da er,
von richtigen Principien ausgehend, im Ganzen zu den-
selben Resultaten kommt, die durch die Arbeiten von Wilh.
V, Humboldt, Diez, Fuchs> Pott u. s. w. sichergestellt und
allgemein anerkannt worden sind.^)
Der Verf. nennt als die neuesten Bearbeiter dieses Gegen-
standes unter seinen Landsleuten Pedro Felipe Monlau und
Severo Catalina del Arno, welche in den Jahren 1859 und
1861 Abhandlungen darüber in der k. span. Akademie gelesen
haben, wovon der erstere als Thesiö aufstellt: „Solo del latin
nacio el romance castellano^S der letztere zu beweisen sucht:
„que si el diccionariö de la lengua castellana tiene mäs de
Hälfte des 12. Jahrhunderts (auch Daniel sehreibt es dem 12. oder 13.
Jahrhundert zu) und gibt eine Schriftprobe in den Facsimiles, wonach
es ebenfalls mit Neumen Yersehen ist.
1) Unter Nr. XXXV und XXXVI gibt der Verfasser als Proben
der neben der lateinischen aufkeimenden Vnlgarpoesie das bekannte,
xnerst von Fauchfst herausgegebene Fragment eines provenzalisehen Ge-
dichts auf das Leben der heil. Fides Yon Agen, und die nicht minder
oft angefahrte galicische oder altportugiesische „Qancion de Gonzalo
Hermi^es a Oaroana<S deren Echtheit aber mehr als zwei£elhaft ist
(vgL F. Wolf, Studien, S. 694). — Die letzte Nummer, XXXVII, gibt-
als Muster eines sohon ganz kunstmäfsig gereimten Gediphts desn latei-
nischen Hymnus zum Lobe des heil. Ildefons, der anfangt „Gelsi eon-
fessoris", aus dem 14. Jahrhundert.
*) Vgl. auch hierüber das treffliche Resnm4 bei Bernhardy, a. a. 0.
S. 323—325.
J, A. de los Rios , Historia chtica de la literatura espaftola. 107
Istino que de semitico, la gramatica de la lengua oastellana
tieae mas de semitioa que de latina^^
Wir benutzen diese Gelegenheit, am ans Monlau's Ab»
handlang ^) eine für die spanische Lautlehre interessante Notix
mitzutheilen, die selbst Diez unbelcannt geblieben ist«
Indem er nämlich der so oft wiederholten Behanptnng
entgegentritt, dsSa die spanischen Kehlaspirate G J X aus dem
Arabischen herrühren (s. Diez^ Grammatik d. roman. Sprachen,
2te Ausg., Thl. 1, S. 366), macht er dazu die Bemerkung, es
lasse sich urkundlich nachweisen ^, dafs die Aussprache meh*
rerer spanischmi Laute vor dem 16. Jahrhundert veraehiedmi
von der seitdem üblich gewordenen gewesen sei, und fuhrt
unter anderm an, dafs / und X (ab eini^cher Buchstabe) im
Castalischen bis zur angegebenen Zeit ebenso ausgesprodien
worden seien, wie im Catalanischen, Portugiesischen, Galiei*
sehen und Asturischen , namUch als weiche Palatal^ oder Zisch
laute. 3)
Dies wird bestätigt durch W. H. Engelmann (Glossaire
des mots espagnols et portugais deriv^ de l'arabe: Leyde,
1861. B"". p. XXI— XXII), welcher Beispiele anfuhrt von der
Transscriptioa des arabischen ^ durch spanisches x und ^,
^) Sie ist abgedruckt unter dem Xitel : „ Del origen y la formacion
del romance castellano^S in den „DiscarsQs leidos en \9a tecepciones
pnbUcas que ha celebrado desde 1847 la Real Academia espailola<^
Madrid, 1860. 4o. Tomo II, p. 307—367; — auch separat (Madrid,
1859. A9. — Die hier erwähnte Stelle findet sich in den „Discursos**
p. 314 — 316; im Separatabdruck p. lÄ — 14). Die „Contestacion« von
Dr. J. £L H<»ttBenbtt$ch enthilt eine rdohe Sammlung von Beispielen
romam9cher Formen in lateinischen Urkunden und Schriften Spaniens
aus den ersten zehn Jahrhunderten n. Chr. — Monktu hatte sich früher
schon Tortheilhaft bekannt gemacht durch seinen „Dicdonario etimo-
logico de , la lengua castellana, precedido de unos rudimentos de etimo-
logia". Madrid, 1856. 4«. '
•2) Er sagt nämlich: „Tal (das nachfolgende Factum) resulta, segun
Tariob autores, no solo de las Gramatieas Cästeüanas y obras grafna-
tieales sntiguas, eseritas por nacionales y eztranjero^, sino tambien de
las obras no gramaticale».''
3) i,Iia j sonaba «uave, lo mismo que en ciUalan 6 en iranc^: el
jo de joyoy Terbi gracia, sonaba como en franc^s el jo de joli.^^
„La z, en aeabon, madexoy quixada, Quixote, relox (y demas Toces
que hoy escribimos con j), sonaba como la ch del fraae^s en chapeau.
Asi Oerrantes pronnnciaba el nombre Quixote oomo lo pconimcian faoy
los franceses, aunqne no hacia mnda la e final."
108 Kritische Anzeigen:
und daxm über die AuBsprache der letztern bmnerkt: „ü resnlte
de ces ezemples qu'il me serait facile, d'augmenter, qa^au com-
mencement du XVI® siecle encore (le livre de P. de Alcala
a ete imprime en 1505; nämlich dessen Vocabnlista arayigo
en letra castellana [Granada, 1505], worans er Beispiele an-
geführt hatte) le o; et le ^' (^) avaient un son correspondant
a celui du chm et du dßm des Arabes. Je ne suis pas de
meme ä preciser repoqne,~a laquelle cette prononciation , qui
se perp^tue de nos jonrs dans les Asturies (Yoyez la note de
M. de Molina, Rodrigo el Campeador, p. XLVI du Discours
prelimin.), a ete remplacee par la prononciation gutturale.'^ —
Eine fernere Bestätigung erhält diese Behauptung dadurch,
dals die Spanier hingegen für die arabische Kehlaspirata ^
nicht y, sondern / gebraucht haben (Diez, a. a. O. I. S. 308),
was sie, wäre j schon damals Guttural gewesen, nicht nothig
gehabt hätten, was aber nicht geschehen ist, eben weil j, sei-
ner damaligen Aussprache gemäfs, für die arabische Palatale
gebraucht wurde, wie Engelmann nachgewiesen hat ^)
Dazu kommt noch, dafs, wie Delius bemerkt hat (Born.
Sprachfamilien, S. 31), das Portugiesische (Galicische und
wir mochten hinzufügen, auch das so nahe damit verwandte
Asturische) im Ganzen in einer altern Gestalt sich bewahrt
hat, als das Spanische (Gastilische).
So wenig es daher den Lautgesetzen entgegen, ja viel
normaler wäre^ dieselbe Aussprache des G J X auch im Spa-
nischen früher anzunehmen (JDiez, a. a. O. I. S. 248 — 249),
so liegt das Anormale und die Schwierigkeit, es zu erklären,
in dem so späten Uebergange der palatalen in eine gutturale
Aussprache. Dafs im 16* Jahrhundert ein solcher Uebergang
stattgefunden habe, wird selbst noch aus des Juan Lopez de
Velasco im Jahre 1582 zu Burgos erschienener „Orthographia
y Pronunciacion castellana^' ersichtlich, indem er die Aus-
sprache des G vor e und i also beschreibt (p. 115 — 116):
„Formase esta voz con el medio de la lengua, indinada al
principio del paladar no apegada a el, como para formar la
c sin cedilla, que se forma alli: ni arrimada a los dientes,
que es como los estrangeros la pronundan: sino al paladar,
^) Herr Prof. Muasafia macht uns darauf aufmerksam, dafo die
spanischen Juden in der Türkei und im Orient noch heutiges Tages
J G und X in den gegebenen Fällen nicht guttural, sondern wie fraa»
zösisches j aussprechen.
J. A. de los Rios, Historia critica de la literatura espafiola. 109
de manera que pneda salir el espiritn y aliento con que se
haze: ni tampoco moj meüda en la garganta, porque suena
alli la x^ con qnien tiene mucha semejanza en el sonido etc.^^
Und die Aussprache des X als einfachen Bachstabens
(p. 240): „Y aonqne la voz antigna desta letra parece aner
sido la mesma que de la x, chiy Oriega, mny metida a la
garganta: como los moro8 la pronuncian: la pronnnciacion
Castellana naturalmente ahorrece este sonido, por ser may Ueno«
y affeetado: y assi se ha venido adclgazando el de la x, y
llegandose al medio de la boca, donde se forma el de la g,
de manera que se ha confundido ya el nno con el otro: en
tanto qae en muchas palabras apenas percibe la oreja la dif-
ferencia que ay entre ellos etc/^
Monlau bleibt die Präcisimng des wann und Erklämng
des wie dieser Veränderung in der Aussprache schuldig; denn
was er darüber vorbringt sind nur Conjecturen, und er will
sie auch nicht für mehr geben. ^)
Auch wir müssen uns begnügen, auf dieses Factum auf-
merksam gemacht zu haben; halten es aber für so wenig be-
kannt und doch für so merkwürdig, dafis wir dadurch diese
Digression wohl entschuldigen zu können glauben.
Um zu unserm Verfasser zurückzukehren, so spricht auch
er sich für den lateinischen Ursprung der vulgären Mundarten
der iberischen Halbinsel aus, in denen sich nur wenige Reste
der Ursprachen erhalten und die sich zunächst aus der lingua
romana rustica^ oder richtiger dem niedern Redegebrauche ent-
^) So bedarf es keiner ernsthaften Widerlegung, wenn er eben nur
als einen Einfall vorbringt: „A la moda introducida por los cortesanos
de Carlos I. , al aleman modemo, qae tambien introdnjo cierto nümero
de Yoces en el castellano, debe este idioma, mas bien que al arabe (I),
el sonido gutural fuerte que tanto distingue ni^estra pronunciacion de
la de los restantes idiomas aeo-latinos. — Conste, sinembargo, que esta
es una mera conjectura etc.«
Daher ruft er am Ende selbst ans:
„^Cuales fueron las causas de haberse ido alterando la pronun-
ciacion primitiva del castellano? — Problema es este que no se halla
todavia resuelto.'*
„^Cuando empezo, cuando se generalizo, la nueva pronunciacion? —
El celebre gramatico latino Gaspar Sciopio, que estuvo en Espafla a
mediados del sigloXVII, atestigua como reciente, en aquella ^poca, la
mudanza en el pronunciar. Otros varios datos y testimonios hay que
confirman el de Sciopio.«
1
XIO Kritische Anzeigen:
wickelt haben. Er gibt nur geringen EinflnTs des Grermani
sehen und Arabischen zu. In Bezug auf das letztere, bemerkt
er, müsse man wohl unterscheiden zwischen den Mozarabem
und den freien Christen. Dafs aber selbst bei den erstem
das Latein sich lange erhalten und dem arabischen EinfluTse
widerstanden habe, beweisen nicht nur die von den Arabern
geprägten Münzen aus den ersten Zeiten der Eroberung , denen
sie für nöthig hielten , lateinische Inscriptionen beizugeben ^),
sondern auch der in den Schriften der cordobesischen Märtyrer
sich ausspre<^ende Widerstand und deren Halten an der latei-
nischen Sprache und Tradition bis zu der Mozaraber Tolligen
Unterjochung und Zerstreuung im Jahre 1124. Bei den freien
Christen aber erlangte das Arabische erst einigen Einflufs durch
ihr Zusammenleben mit den von ihnen unterworfenen Arabern,
den Mudejares, nachdem sich das Romanzo schon gebildet
hatte ^); und dieser Einflufs beschränkte sich hauptsächlich
nur auf die Aufnahme technischer Worter aus dem Bereiche
der Wissenschaften, Künste, Gewerbe u. s. w. ^
Den germanischen Einflufs, der allerdings auch kein be-
deutender und grofsentheils nur lexikalischer war, schlägt der
1) Von solchen arabisch -lateinischen Münzen (monedas arabico-
latinas) gibt der Anhang I. genaue Beschreibungen.
^ Aus diesem Verkehr entstand eine Mischsprache, Aljamia, wor-
über der Verf. folgende einer Handschrift der Esoorial-Bibliothek (cod.
Y. m. 9) entnommene Stelle der „Cronica poetica de Alfonso XI"
anführt; Alfons sagt nämlich zu dem Boten, den er an den Mauren
konig Albohacen absendej;:
Vos, escudero,
Sabedes bien la arabia:
Seredes bien yerdadero
De tornarla en aliamia.
Departierdes ei lenguaie
Por oaatellano muy bien:
Levat delante mensaie
AI rey moro Albofacen.
>) Vgl. Engelmann ^ 1. c. p. II — III; und Diez, a. a. O. I. 97, der
treffend über den aus dem Arabischen entlehnten Wortvorrath bemerkt:
„Nicht ein einziges Wort ist aus der Sphäre des Gemüthes entlehnt,
als ob das Verhältnifs zwischen Christen und Mohammedanern sich
schlechthin auf den äuTsern Veikehr beschränkt, keine herzliche An-
näherung , wie zwischen Römern und Gothen , gestattet hätte.<< — Unser
Verf. bemerkt, dafs im Poema del Cid nur 26 Worter unbezweifelt
arabischen Ursprungs vorkommen.
J. A. de losRios, Historia critica de la literatura espaftoia. Hl
j
Verf. doch gar za gering an, indem er selbst den unbezweifelt
grammatischen auf die Bildung der Patronymica (auf iz, ez,
vgl. Schmeüefs bekannte Abhandlong darüber und Diez Ety-
molog. Wörterbuch der rom. Sprachen, 2. Aufl. S. XV) ver-
kennt und darin einen „recuerdo de indubitable (I), aunque
remota (II), influencia helenica^^ sieht! —
Der durch die Wiedererobemng, besonders nach der To-
ledo's, sich gestaltenden politischen Bildung gemafs entwickel-
ten sich, durch die davon hervorgerufenen localen Einflüsse
modificirt, die drei Hauptmundarten des Romanzo der pyre-
näischen Halbinsel: im ostlichen Spanien die cataXanisehey im
centralen die castüuche und im westlichen die gaUdsch-^ortur
giesische. Der Verf. erklart sich gegen die Behauptung, dafis
in Aragonien und Navarra die catalanische Mundart die herr-
schende und dafs die Volkssprache dieser Länder (denn* die
aragonische Hof spräche war allerdings bis zum 15. Jahrhundert
die catalanische) überhaupt je wesentlich verschieden gewesen
sei von der. castilischen; im Anhang I. fuhrt er die Wider-
legung dieser Behauptung ausfuhrlicher aus und unterstutzt sie
durch eine Beihe von Urkunden des 13. und 14. Jahrhunderts
aus Aragon und Navarra. ^)
Die asturische und leonesische Mundart reiht der Verf.
ebenfalls der castilischen an; wir mochten aber in Bezog auf
erstere glauben, dafs sie naher mit dem galidsch- portugie-
sischen Zweige verwandt seL ^)
Die dritte „Ilustracion^' sucht spedeller nachzuweisen : wie
sich die rhythmischen Formen (mit Einschlufs des Reims) der
^) D. Geronimo Borao, der Verfasser eines „Diccionario de voces
aragonesas, precedido de una Introduccion fllolögico-historica*« (Zara-
goza, 1859. 4^), selbst ein Ari^onier, stimmt nnserm Verfasser toU-
kommen bei; so sagt er z.B. p. 16: „Ko paede dadarse que se hablo
en Aragon un idioma del todo conforme cuando no mas rico que el
castellano, pudiendo asegurarse .... que, sobre ser an error filologico,
es may gratoita la siTposicion de qae los aragoneses usasen el romance
l^nosin hasta qae recibieron el castellano al advenimiento de D. Fer-
nando (IV) de Antequera."
2) Vgl. Vamhagen*s Einleitung zu seiner Ausgabe der „Trovas e
cantares de um codice do XIV. seculo: ou antes, mui proyavelmente,
o livro das cantigas do Conde de Barcellos << (Madrid, 1849. in -32.
pag. XXXV— -XXXIX). — - Der Verf. gibt an, dafs D. . Gumersindo
Layerde Ruiz geschrieben habe: „Un numeroso glosario de las voces
pertenecientes al mismo romance, que va ä todo andar desapareciendo
en los y alles de Asturias."
112 Kritische Anzeigen:
spanischen Volgarpoesie, und zwar zanächst der kqnstmafsigem»
als der zuerst angezeichneten, aus den altclassischen Metren
und den mitteUateinischen Rhythmen entwickelt haben (Sobre
las formas artisticas de la poesia vulgär escrita. Metros y
rimas vulgares).
Nachdem der Verf. nämlich in der ersten ,,Ilustracion^\
gezeigt hatte, dafa die lateinische Poesie alle Elemente ent-
halte, aus welchen sich die Formen der Vulgarpoesie ent-
wickeln k(yimten^ fuhrt er in dieser dritten specieller aus, in
welcher Weise sie sich wirkUch nach jenen lateinischen Mustern
gebildet haben und wie sich dies durch die uns erhaltenen
ältesten Denkmäler der Vulgarpoesie noch urkundlich belegen
lasse. ^) Und zwar hat er dazu gewählt die beiden Gedichte
von den heiL drei Kdnigen^\ das Leben der heiL Maria Aegyp-
tiaca^ die „Gronica rimada'^ und das „Poema del Cid", die er
sämmtlich für älter hält, als die Werke Gonzalo^s de Berceo.
Der Verf. nimmt drei Entwickelungsphasen der vulgären
Rhythmen an: 1) die eigentlich volksma/sige^ „in der sie mit
der Sprache zugleich sich entwickelten und der ungelehrten
Menge (ä la muchedumbre ajena ä toda aspiracion literaria)
zum Mittel dienten, ihre Gedanken und Gefühle dem Gesänge
anzupassend^ (para acomodar al canto sus ideas y. sentimientos).
2) Die ihrer ersten Aufzeichnung, d. i. „als sie, mit der vor-
geschrittenen Bildung der Yiügarsprachen gleichen Schritt
haltend, bereits die Au£aierksamkeit jener erregten, die des
Schreibens kundig waren, ohne aber eine bestimmte gelehrte
Absicht damit zu verbinden (los que han aprendido ä escribir
sin deliberado intento erudito), und sie der Aufzeichnung werth
hielten, sei es mit Beobachtung ihrer Formen (ora como tales
metros), sei es wie simple Prosa, ohne einen andern Wunsch
als den, auf eine dauerhaftere Weise zu erhalten, was bis
dahin blos dem Gedächtnifs anvertraut war'S 3) Die Phase
^) Der Verf. hat wohl diese dritte „üustracion" durch die zweite
von der ersten getrennt (was allerdings nicht ganz pragmatisch scheinen
konnte), weil er erst das rein lateinische Gebiet völlig absolviren wollte,
bevor er das vulgare betrat? —
^ Der Verf. hat nämlich, aufser dem von Pidal zuerst herausge-
gebenen Gedichte von den heil, drei Königen (Los tres Reys d'Oriente)
noch ein ebenso altes in einer Handschrift der toledanischen Bibliothek
aufgefunden, das denselben Gegenstand behandelt, aber von jenem ver-
schieden ist, und das er „Los Reyes Magos'^ betitelt. Er wird im Ver-
folg seiner Geschichte es ausführlicher besprechen.
J. A. de lo8 Rios, Historia critica de la literatara espaflola. flS
ihrer kunstmäfsigem Ausbildung; „als nämlich die Vulgär-
sprachen schon bei allen Classen der Gesellschaft Eingang
gefanden hatten, legten auch die Gelehrten (los doctos) die
natürliche Verachtung (el desden natural) ab, mit der sie bis*
her sie angesehen hatten, und nahmen mit ihnen zugleich die
volksmäfsigen Rhythmen (metros populäres) an, sie nun ge-
wissermafsen erst sanctionierend und ihnen, wie den Sprachen,
ihre Sorgfalt widmend ^^
Naturlich haben sich nur aus der zweiten Phase Denk-
mäler erhalten (in castiiischer Sprache die oben erwähnten).
Von diesen sagt nun der Verf. wortlich: „Ihre Metren (sus
metros), eine handgreifliche Ableitung (derivacion palmaria)
aus den lateinischen Hexametern und Pentametern, sowie auch
aus den jambischen Tetrametem oder Octonarien, haben 10 —
18 Silben, und zeigen eben darin die Unsicherheit und den
Mangel an Fixheit der zu verwerthenden Mittel (la inseguridad
y falta de fijeza de los medios de apreciacion), über welche
die Volkssänger verfugten , selbst als schon diese zweite Phase
eingetreten war. Aber selbst dieser aufserordentlichen Ver-
schiedenartigkeit (variedad), wenn man sie auch für eine Ca-
price (capricho) des ungebildeten Gehörs (del mal educado
oido) jener Sänger halten kann, fehlt es nicht an einer ge-
wissen Gesetzmälsigkeit (cierta ley), welche Aufschlufs geben
hilft über den speciellen Ursprung der erwähnten Metren, in-
dem sich von den castilischen eine bestimmte Anzahl um jeden
Typus gruppirt-, .eben der Natur ihrer Hemistichien entspre-
chend. Es läfst sich nicht läugnen, dafs viele Verse der in
Rede stehenden Gedichte dieser allgemeinen Anordnung (dis-
posidon general) nicht folgen; da sie aber die einzige Be- .
Ziehung (relacion) ist, die man mit irgend anderen, unserer
Poesie fremden Versen aufstellen kann, so ist es klar und
evident, dafs sie hinreichen wird, die Filiation jener Metren
zu legitimiren, welche eine grossere Regelmäfsigkeit und gleich-
bleibendere Aehnlichkeit (mas constante semejanza) in den er-
wähnten Denkmälern zeigen.'^
„Auf drei Haupttypen lassen sich die in ihnen vorkom-
menden zurückführen, von einer fixen, durch zwei theilbaren
Silbenzahl (fijandose en silabas pares), denn diese ist der
musikalischen Recitation angemessener und geeigneter zum Ge-
sang, indem sie beinahe immer auf Hemistichen von verschie-
dener Natur insistiren ' (insistiendo casi siempre en hemistiquios
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 1. 8
J}4 Kritischo Anzeigen:
de diferente naturideza). Solche sind die Metren von 18 Sil-
ben, deren Hemisüche von 9 Ticknor (in dem Gedichte von
der Maria Egipciaca) irrig f&r achtsilbige angesehen hat; —
die von 16 Silben, welche Lopez de Ayala «versetes de an-
tigno rinoar» (vgl. Wolf, Stadien, S. 152) genannt hat und die
im 15. Jahrhundert den Namen apies de romance» erhielten
(nach Nebrija^s Angabe; s. Studien, S. 448); — und die von
14 Silben, die, in Hemistiche von 7 getheilt, in der gelehrten
(erudita) castilischen Poesie groisereB Gluck machten als die
übrigen, wie sie es auch in der lateinisch -kirchlichen gehabt
hatten, und auch in der provenzaliscben und franzosischen,
und bald darnach auch in der italienischen >) erlangten. Wir
halten es für angemessen zu bemerken, dafs diese Metren, eine
rohe Nachahmung der Pentameter^ sich mit denen von 10 Sil-
ben verbinden, hervorgegangen bald aus Hexametern ^ bald aus
Octonarien, indem sie auch die Verbindung (consordo) mit 15-,
13- und 128ilbigen zulassen, jede Verschmelzung (amalgama)
mit 188ilbigen aber verwerfen, welch letztere von der spani-
schen Muse weniger cultivirt worden sind." —
Wir haben diese Theorie des Verf. möglichst mit dessen
Worten wiederzugeben versucht, weil, da ihre Fassung uns
nicht ganz klar geworden ist, wir durch eine freiere Ueber-
tragung leicht eine irrige Auffassung und ungerechte Bearthei-
Inng hatten verschulden können. Haben wir sie aber richtig
aufgefaiflt, so können wir in zwei wesentlichen Punkten ihr
nicht beistimmen. Erstens müisten wir uns gegen die unmittel-
bare Ableitung der vulgären aecentuirenden Rhythmen aus den
eigentlichen, quantitirenden Metren erklären, und daher um so
mehr gegen die „handgreifliche Abstammung von Hexametern
and Pentametern** *); — zweitens sehen wir in dem Schwanken
1) In Bezug auf die italienischen citirt der Verf. als Beispiel die
auch von Diez (Altroman. Sprachdenkmale, S. 108) angeführten Verse
von Ciullo d'Alcamo, die Diez jedoch mit Recht für zwol/silhige erklärt
hat, wie auch die vom Verf. hier erwähnten provenzalischen und fran-
zosischen eben die Alexandriner sind.
3) Nachdem so anerkannte Autoritäten wie Diez, Fuchs, Du-Meril,
Qoicherat, Litträ sich so bestimmt und überzeugend gegen diese un-
mittelbare Ableitung ausgesprochen, bedarf es wohl keiner weitem
Widerlegung mehr; ein tüchtiger Schüler derselben, Hr. Gaston Paris
(]6tude sur le role de Taccent latin dans la langue fran^aise. Paris,
1862. 80. p. 105) fafst das Resultat ihrer Forschungen kurz und tref-
fend in folgenden Worten zusammen: „II est incontestable qu'a Tepoque
J. A. de los Rios, Historia critica de la literatara espaflola: 115
zwischen 18 (ja 20 und noch mehr) und 10 Silben der rhyth-
mischen Langzeilen jener ältesten Denkmäler eben nur die ersten
rohen Versuche, blos durch eine bestimmte Zahl von Hebungen
(Accente), noch ohne alle Rücksicht auf Silbenzahl, höchstens
mit Beobachtung von Einschnitten (Gäsuren), wodurch Hemi-
stiche (im Gastilischen , dem Sprachgenius gemäfs, meist gleich-
theilige) entstanden, Verse zu bilden^ auf deren Bildung die
in andern romanischen Sprachen (der lemosinischen, franzo-
sischen, galicischen) spontan hervorgegangenen und früher auch
sm einer syllabisch geregelten Form gelangten epischen Mafse
nicht ohne Einfiofs geblieben sind. ^) Denn erst in der vom
Verf. aufgestellten dritten. Pluuse tritt die bewufstere, kunst-
mäfsigere Ausbildung und Regelung nach Silben ein, wie in
den Gedichten von ApoUoniofi (de nueva maestria) und von
Alexander (a silabas cuntadas), worin die Nachahmung des
franzosischen Alexandriner nach spanischer Messung (12 — 16
Silben; vgl, Studien, S. 417, Anm. 1) unverkennbar ist, wäh-
rend schon Diez (Altroman» Sprachdenkmale, S. 117) von
jenen altern Gedichten, und namentlich von dem Poema del
oa les longues connnes se cr^rent et prodnisirent leors premieri vers,
la guaatite n'^tait plos connue qae de quelques »avaats, au moins dans
la plupart des mots , et les chantres popnlaires etaient tout ä faxt in-
capables de construire des yers d'apr^s le Systeme classique. Ce fut
donc Taccent qui domina la versification romane comme il avait dominö
la laingne; ce fat l'accent qui deTinC le principe de tons les syst^mes
prosodiques de l'Enrope latlne." — Littre, der die Entwickelung dieser
nen-lateinischen und romanischen, principiell von der altclassischen v^er-
schiedenen Versification so schon als treffend dargestellt hat (Histoire
de la langtie franpaise. Paris, 1863. 8». Tome I. p. XXIV und 266),
erklärt sich ausdrücklich gegen die Ableitung von Hexameter und Penta-
meter (p. 258), und gibt eher noch eine Nachbildung des sapphischen
Verses, vermittelt durch die lateinische Kirchenpoesie, zu (p. 19 — 20).
1) Vgl. hierüber Gaaton Paris, 1. c. p, 106. — Da der Verf. in
Bezug auf den erwähnten Einflufs die B'ranzosen, und namentlich Hrn.
Damas Hinard, der allerdings in anderer Hinsicht zu weit geht, der
nationalen Parteilichkeit beschuldigt, so verweisen wir ihn auf seine
Landsleute, wie Mild y Fontanals, De los Trovadores en Espafla. ßar-
'»'^lona, 1861. S«. p. 511, besonders Anmerk. 6; — und vor allen auf
^ran, der von den Rhythmen der Cronica rimada del Cid sagt : „Este
3ema .... debe presumirse obra de un juglar que con pretensiones
B poeta artistico reduce ä versos largos, de forma francesaf los redon-
illos de la nuestra nacional" (Romancero gen. 2. ed. T- I. p. 482),
eich treffendes ürtheil von allen diesen Gedichten gilt.
8*
X\6 Kritische Anzeigen:
Cid, sehr richtig bemerkt hat: „es ringt offenbar nach^ dieser
Form (der Alexandriner), kann aber, wenn es auch die Paase
wahrt, die regelrechte Silbenzahl nicht erreichen; die rhyth-
mische Kunst ist hier noch ganzlich in ihrer l^indheit^S ^)
Wir halten noch immer für das einzige indigene, aus dem
Sprachgenius organisch entwickelte castilische Mafs die versos
de redondilla mayor y menor, und geben höchstens einigen
EinfluTs des trochäischen Tetrameter, wie er schon mehr blos
accentuirend durch die Hymnenpoesie vermittelt wurde, auf die
versos de redondilla mayor zu (vgl. Diez, a. a. O. S. 123 und
127, und Studien, S. 429).
Wir können uns daher ebensowenig mit dem Verf. ein-
verstanden erklaren, wenn er auf die noch gar nicht mafs-
haltende und noch weniger mafsgebende Silbenzahl jener rohen
Rhythmen die Eintheilung in ^^Haupttypen" gründet und dar-
aus Schlüsse zieht, wie z. B. es wären wirklich im Spanischen
ISsilbige Verse zu bewufster Anwendung gekommen; oder über-
haupt in ihnen Muster von 13 — iSsübigen Versen findet; denn
man kann darin ebenso gut 19-9 ^0- und noch mehrsilbige
nachweisen..
Der Verf. geht dann zum Reime über und zeigt, wie auch
dieser zunächst nach mitteUateinischen Mustern anfangs als As-
sonanz und in leoninischer Weise gebunden, aber auch schon
als Gonsonanz und Endreim in jenen ältesten Denkmälern der
castilischen Poesie vorkommt, indem er aus ihnen Beispiele
1) S. die Nach Weisung der Nachahmung der Formen der Chansons
de geste im Poema del Cid bis ins Einzelne durchgeführt und wohl
begründet bei /)oi»uw fitnar(^ Po^me du Cid. Paris, 1858. 4^. p.XXXÜL
suiv. — Dafs aber eine geregelte Form des epischen Langverses /raher
im Provenzalischen und Franzosisfehen sich ei^twickelt hatte als im Casti-
lischen, würde, wenn auch alle historischen Daten nicht dafür sprächen,
sich schon daraus ergeben, dafs er in jenen zuerst in seiner eigentlich
romanisch-organischen Form» der zehnsilbigen^ auftrat, woraus erst später
die Abart des zwölfisilbigen oder Alexandriner hervorging, während
im Castilischen nur dieser (in roher Nachahmung und später in ge-
regelter Form) und der zehnsilbige als epischer gar nichts als lyrischer
vor dem 16. Jahrhundert (in dem er als Novität und als Endecasilabo
aus dem Italienischen wieder eingeführt wurde) nur in vereinzelten
Versuchen und offenbar durch lemosinischen oder galicischen EinfluTs
vorkommt (vgl. Studien, S. 191 und 412). Die vom Verf. oben er-
wähnten zehnsilbigen in jenen ältesten Denkmälern, „hervorgegangen
bald aus Hexametern (!), bald aus Octonarien«, sind wohl eben nur
rohe Nachahmungen der Alexandriner? —
J. A. de los Rios, Historia critiea de ia literatara espaflola. 1X7
dieser verschiedenen Beimweisen anfuhrt^) Im Ganzen stim-
men wir dieser Darstellung bei; nur halten wir in den meisten
Fällen die vom Yerf. als leoninisch gereimt g^ehenen Lang-
zeilen für kurze Reimpaare; auch hätten wir gewünscht, dafs
er zwei wesentliche, in jenen Denkmälern noch vorkommende
Merkmale der volksmafsigen Beimweise ausdrucklich hervor-
gehoben hätte: die Geltung der noch nicht beabsichtigten (un-
kunstmäisigen) Assonanz als (rohe, unvollkommene) Consonanz;
und die noch stets, unmittelbare Bindung der Beime. Dafii
übrigens die mittellateinische Poesie zur Bildung des Beims in
der romanischen wesentlich beigetragen habe, kann man zu-
geben, ohne damit in Abrede zu stellen, dafs er der Natur
einer blos accentuirenden Bhythmik gemäfs sich jedenfalls auch
organisch hätte entwickeln müssen.^
^) Aas dem nOch unbekannten Gedichte „De los Reyes Magos^'
führt er folgende Verse an, die wir nach seinem Vorgänge als Lang-
zeilen schreiben, wiewohl sie unserer Ueberzeugung nach paarweise
gereimte versos de redondilla mayor sind, allerdings in noch ungenauer
Messung. Es beginnt:
Dens Criador quäl marauelal | non se qaal es achesta strela:
Agora primas la e ueida: | poco tiempo a que es nacida.
Nacido es el Criador, j que es de las gentes Senior , . .
Non es uerdad, nin s^ qu^ digo: | todo esto non ual uno figo, etc.
Und dann, als sich die heil, drei Könige dem Herodes vorstellen:
Key unic es nacido, | ques Senior de terra;
Qui mandara el seclo | en grand pace sines gnerra.
— Es assi por vertad? | — Si es, Rey, por caridat.
— E ouemo lo sabedes, | et aprouado lo anedes? etc.
Auch die Verse ans der „Vida de Santa Maria Bglpciltoa»' f&hrt
der Verf. immer paarweise in eme Langzeile vereint an. — S. dagegen
Studien, S. 432—433.
Von der Versification der „Cronica rimada del Cid" sagt der Verf. :
„estriba principalmente en el octonario latino 6 pie de romanoee^* (und
hierin hat er Recht; Tgl. in der vorigen Anmerkung Durands noch tref-
fendem Ausspruch). — Und voq der des „Poema del Cid«<: „si bien
abunda en pies de trece, quince, diez y seis, diez y siete y aun diez
y ocho siläbas, reconoce por mas oonstante modelo de su versificacion
el pentdmetro latino'* (!).
^ Der Verf. polemisirt hier nochmals gegen Hrn. Damas Hinard,
'!er Sanchez scharf getadelt hatte, weil er in den Versen des Poema
iel Cid eine Nachahmung des altclassischen elegischen Mafses finden
trollte; denn unser Verf. — wohl vor allem sein Continuitatsprincip
m Auge habend — sieht in der unmittel- oder doch mittelbaren Nach-
"^ildung altclassischer Metren „die einzige Seinsbegründung'' (la nnica
azon de ser) der castilischen ; — aber wir sind hierin spanischer als
]Xg Kritische Anzeigen:
In die Darstellung der tuistUisehen Versification in der
dritten FhaBe, d. L ihrer kumtma/sigem Ausbildang im 13. und
14. Jahrhundert^ fahrt uns der Verf. mit folgenden Worten
ein: „Die Ton den gelehrten Knnstdichtern dieser Phase vor-
sngsweise begonstigte Form ist die des Pentameters, ohne dafs
sie die Nachahmung des lateinischen Octonarius deshalb yer-
worfen hatten; aber sie nahmen bei ihrer Constraction nicht
mehr die unvollkommene und veränderliche Modulation des
Gesanges zu ihrer Fuhrerin an, wie es ia jenen Denkmälern
der vorhergehenden Phase geschehen, sondern schlössen sich
unmittelbar an die Master der kirchlichen Literatur an, welche
sich stets befiils, die Tradition derdassischen Kunst zu wahren/^
Es genügt wohl zu bemerken , dais hierunter die in dieser
Phase herrschend gewordene vierzeilige, einreimige Alexandri-
ner-Strophe gemeint ist, welche die Spanier selbst „versos
franceses^^ genannt haben; dais aber unser Verfasser, seinem
Systeme gemäls, die Behauptung zu widerlegen sucht, sie seien
franzosischen Ursprungs. Er fuhrt als Beispiel zwei Strophen
von Gonzalo de Berceo an, wovon die eine (Vida de S. Do-
mingo Nr. 1) die normal-sparUsche, vierzehrisilbige Alexandriner-
Strophe ist, die andere (Vida de S. Millan Nr. 1) aus drei
dreizehnsübigen und einem zwolfsilbigen Alexandriner besteht^)
die Spanier und glauben , wie die Entstehung der Sprache, so auch die
des Bhythmus und Keims vor allem in der organischen Selbstentwicke-
lung suchen zu sollen.
^) Abgesehen von der oben erwähnten Benennung der Alexandriner :
i^yersos fr^cesef , wofür wir keine ältere Autorität anzufahren wüTs-
ten, als Luis Alfonao Carvaiio „Cisne de Apolo** (1602), zeigt sich ihre
Fremdartigkeit im Castilischen schon darin, dafs hier nicht nur das
normale Mafs, das der Spanier nach den üanos bestimmt dem Genius
der Sprache gemäfs, dad lieübige^ d. i. mit weiblicher Cäsur und weib-
lichem Ausgang, wurde, sondern dafs man auch, ganz unrhythmisch,
beiden Ver&hälften gkitendtn Ausgang gab , also 16silbige Alexandriner
machte (vgl. Diez, a« a. O. S. 108). — Wie man aber zwischen zolchen
Versen und dem Pentameter auch nur die entfernteste A^hnlichkeit
finden kann, begreifen wir nicht. — Vgl. über die verschiedenen Com-
binationen, des spanischen Alexandriner von 12 bis zu 16 Silben das
Schema bei Sarmiento, Memorias para la bist, de la poesia y poetas
esp. p. 189. — Es ist daher natürlich und spricht ferner für unsere
Ansicht, dafs wie die Spanier nur einmal einen Langvers aus indiyenen
Bestandtheilen gebildet hatten, die seit dem 14. Jahrhundert üblich ge-
wordenen Versos de arte mayor, . sie die fremdartigen Alexandriner völlig
aufgaben (Studien , S. i27).
J. A. de los Rios, Histori« critica de la literatura espafiola. IXQ
Er bemerkt daza, dafs Berceo daneben auch den Octonarius
in der Uebersetzung des Epitaphs auf die heil. Oria und 8 —
9silbige volksmä/sige (a la manera populär) Verse in dem be-
icannten Jadenliede gebraucht habe.
Dann bespricht der Verf. die noch in diese Phase fallende
knnstmälsigere und reichere Entwickelang in verschiedenen,
auch lyrischen MaTsen, wie sie yorzüglich durch Alfons X.,
den Infanten Juan Manuel and den Erspriester von Ilita b&>
wirkt wurde. So habe Alfons X. unter andern auch die versos
de arte mayor and die endecaeilahos eingeführt, wofür Belege
aas dessen in galioiacher Sprache gedichteten Cäntigas ange-
führt werden, wodurch die Anzweifelung der Echtheit der
ihm zugeschriebenen „Querellas^^ und des poetischen „Tesoro",
wenn blos deshalb^ weil sie schon in castilischen versos de arte
mayor abgefafst sind, wegfallt In Bezug aaf den Ursprung
. derselben kommt der Verf. um so mehr auf seine schon früher
(in den Estudios bist, polit. y lit sobre los judfos de Espafia,
p. 352 — 353) gemachte Bemerkung sniruck, dftfs sie mit einer
sehr früh und sehr häufig im Hebräischen vorkommenden Vers*
art eine bedeatungsvolle Analogie zeigten, als sie gerade von
Alfons, der viel mit gelehrten Joden verkehrte, zuerst ange-
wendet worden wären. ^). Wir berufen uns dagegen auf das
in den „Studien" (S. 412 — 413 und 427) über den Ursprung
und die wahre Natur der versos de arte mayor Gesagte. Uebri-
gens sieht man aus den vom Verf. noch angefahrten Ver-
gleichen des Nebrija und Endna, von denen der erstere die
versos de arte mayor den „adonicos doblados^, oder den „tri«-
^) Der Verf. vertheidigt sich etwas empfindlich gegen den von uns
(Studien, S. 427) gebrauchten Ausdruck: „gelehrte Grille«, von dieser
Ableitung oder doch Zusünmenstelluiig ddr „yersos de arte mayor <<
mit den hebräischen Mafsen. Indem wir bedauern, einen leicht zu
mlfsdeutenden Ausdruck gebraucht zu haben, wollen wir zu unserer
Entschuldigung anführen, dafs Wir, eben weil wir die Gelehrsamkeit
des Verfassers sehr hoch anschlagen, doch in dem gegebenen Falle
bemerken zu müssen glaubten, er sei dadurch verleitet worden, zwi-
schen einem so durchaus indigenen, organischen Producte, wie die
„versos de arte mayor«, und dem einer so heterogenen Sprache, wie
die hebräische, einen Oausalnexus anzunehmen, was uns um so mehr
unnötbig, gesucht (und in sofern grillenhaft) erschien, als schon Ren-
gifo, Sarmiento etc. den wahren Ursprung derselben aus der Verdop-
pelung der volksmäfsigen versos de redondilla menor, und Santillana
ihre erste Anwendung im Galicischen richtig nachgewiesen haben.
120 Kritische Anzeigen:
metros yambicos 6 senarios^S der letztere den „asclepiadeos^
ahnlich findet, wozu wir noch Niebahr (Lydia, S. 3 £) an-
fahren können, der von den Versen eines von ihm aufgefunde-
nen, wahrscheinlich der letzten Zeit des weströmischen Reichs
angehorigen gereimten lateinischen Gedichts sagt: „unsere Yers-
art hat eine so auffallende Aehnlichkeit mit den coplas de arte
mayor, dafs ein gemeinschaftlicher Ursprung mir unver-
kennbar scheint ^^, was man alles herausbringen kann, wenn
man die Gegenstande nicht mit unbefangenem Blicke und ihrer
Natur gemäfs, sondern von einer vorgefafsten Meinung ge-
blendet und nach einer angenommenen Schablone, sei sie auch
di^ altclassische, auffa&t! —
Dafs Alfons seine galidschen Endecasilabos wohl diesem
in der Troubadourspoesie herrschenden Mafse (als Dekasyl-
laben) nachgebildet habe, gibt auch der Verf. zu. Bekanntlich
fand dieses Versmafs im Castilischen vor dem 16. Jahrhundert
nur wenig Eingang.
Ferner zeigt der Verf. an Beispielen aus des Alfons Cän-
tigas die Anwendung und kuustmäXsigere Ausbildung der echt
nationalen sechs- und achtsilbigen Redondilien, und zwar
schon mit überschlagenden Reimen (redondilla encadenada),
auch siebensilbiger Verse und die Mischung mit Halbversen
(pie» quebrados). *)
Dafs diede von Alfons im Galidschen angewandten Rhyth-
men und noch manche andere, mehr lyrische Mafse und stro-
phische Combinationen auch im Castilischen schon seit dem
14. Jahrhundert neben dem „antiguo rimar^S den Alexandriner-
strophen sich entwickelten und einbürgerten, beweisen die in
des Infanten Don Juan Manuel Conde Lucanor vorkommen-
den Versgattungen und noch mehr die Poesien des Erzpriesters
von Kita, der bekanntlich damit auch beabsichtigte, Proben
1) Vgl. „Studien«, S. 193; — und Mild y Fontanals, De los Tro-
Tadores en Espafia, p. 496 — 497, der die in Alfons' Cantigas sich
zeigende formelle Ausbildung sehr gut charakterisirt: „En cuanto a la
forma no podemos yev en ella, como se ha supuesto, una derivacion
de la poesia artistica provenzal (a excepcion de un corto nümer» de
composiciones, eben der in Dekasyllaben oder nach spanischer Messung
Hendekasyllaben), ni tampoco el empleo de metros exclusi^amente na-
cionales, sino mas bien un sistema especial inspirado por las practioas
de la poesia eclesidstica y de la populär y que generalmente ofrece una
marcada analogia, aunque no identidad, con la forma posterior de los
gozos (cantlcos religiosos lirico-narratiTOs).*«
J. A. de los Bios, Historia critica de Is literatara espaflola. 121
von allen damals ablieben, oder von ibm selbst eingefnbrten
oder erfundenen rbjtbmiscben Gombinationen zu geben , wovon
auch unser Verf. Beispiele mittbeilt und erläutert.^)
In der vierten „Ilustracion^' sucht der Verf. nachzuweisen,
daJfs nicht nur die kunst-, sondern auch die volkgmä/sigen, die
eigentlich nationalen Bhythmen und Formen der castiUscheD
Poesie, selbst in der*6estalt, wie sie mannichfach modificirt
auf uns gekommen sind, noch Spuren ihres Zusammenhangs
mit der lateinischen Poesie genug tragen, um in dieser ihren
Ursprung und ihre Vorbilder zu sehen (Sobre las formas de
la poesia populär. Los Romances). ^)
Der Verf. beseitigt vor allem in dieser Frage nach dem
Ursprung der Bomanzenform — denn natürlich handelt es sich
um diese — die, vorzuglich seit Conde, so oft wiederholte
Behauptung ihrer arabischen Abstammung. Selbst nachdem
Duran, Dozy u. A. die Haltlosigkeit dieser Behauptung gezeigt
haben, ist noch immer von Gewicht, auch das Urtheil einer
solchen Autorität, wie unser Verf., darüber wenigstens summa-
risch anzuführen.
Auch unser Verf. erklärt sich nämlich um so mehr gegen
die Nachahmungen so kunstlicher Formen , wie die der arabi-
schen Poesie^ durch die Volkssänger jener ersten Zeiten, als
anch — und das mochten wir besonders betonen — in den
ihre Lieder „charakterisirenden Ideen, gläubigen und sittlichen
Ansichten sich kein anderer orientalischer Einflufs zeigt; als
etwa der der biblischen Schriften^* (tampoco, descubren en las
*) Leider sind uns von Juan Manuel nur die wenigen versificirten
Spruche („tJteso«*«, d. i. refranes oder adagios, und nicht „versos*', wie
Argote de Moliua irrig gelesen und alle Späteren ihm nachdrucktea,
bis die neue von Qayangos nach allen bekannten Handschriften besorgte
Ausgabe der Werke des Infanten im 51. Bde. von Ribadeneyra*» Blbl.
de aut. esp. erschien und diesen Lesefehler berichtigte) am Ende der
Beispiele im Conde Lucapor erhalten; dessen „Libro de las Cantigas«*
und „Libro de las reglas del trovar" aber bis jetzt noch nicht wie-
der aufgefunden worden. — Von den Poesien des Erzpriesters von
Hita sagt Mild (1. c. p. 512) kurz und treffend: „La obra miscelanea,
ä lo menoB en su forma» del mismo Arcipreste, nos da pruebas de la
existencia (por otra parte tan natural), de una antigua poesia lirica
castellana, que hemos de suponer altamente nacional y populär, no sin
algun resabio 6 probabilidad de influencia provenzal.**^
*) Dieser Excurs ist eine Umarbeitung eines schon im Jahre 1840
in der Academia Sevillana de Buenas Letras gelesenen „Discurso sobre
los Romances castellanos*«.
122 Kritische Anzeigen:
ideas, creencias y costambres que los caracteman^ mäs direeta
inflaencia oriental qne la qne legitimamente emanaba de los
sagrados libros). „ Aber nur", fährt er fort, „wenn man sich
gegenwartig halt die enge Verbindung zwischen dem spanischen
Volke und der katholischen Kirche während des letzten Jahr-
hunderts der westgothiscben Herrschaft; nur wenn man sich
ins Oedachtnüs ruft, wie die von Peläjo und seinen Nach-
folgern angeführte Schaar (grey) in die Kirche zieht, um dem
Ootte ihrer Väter zu danken für die ihr verliehenen Siege
über das Maurenthum (morisma); nur wenn man die Be-
ziehungen fest im Auge behält, die wir gelegentlich nachge-
wiesen haben zwischen den religiösen und den Volksgesängen,
zugleich berücksichtigend die langsame Entwickeluug der konst-
mä&igen Formen, sowohl in der lateinisch -kirchlichen als in
der vulgären Schriftpoesie (vulgär escrita), kann und wird man
es veimeiden, in neue Widersprüche (wie jene der Arabisten
und der Parteigänger des provenzalisch-franzosischen Einflusses)
zu verfallen, und festen Fufses dem gewünschten Ziele zu-
schreiten."
Daraus geht wohl zur Genüge hervor, dafs der Verfasser
dieses „Ziel", die Auffindung des Ursprungs der volksmäisigen
Formen, ausschliefslich in denen der lateinischen, und be-
i^nders der lateinisch - kirchlichen Poesie gesucht — und ge-
funden hat. Er stellt daher als Resultat auf: „Die Grundlage
der Romanzenform war der lateinische Octonarius, oder jam-
bische (?) Tetrameter, der, seine Herrschaft theilend mit dem
Hexameter und dann auch mit dem Pentameter, endlich den
speciellen und charakteristischen Namen pH de romances er-
halten hat (d. h. von Nebrijal)."
Der Verf. beruft sich dann zur Bekräftigung dieser Theorie
und zur Vergleichung mit der Romanzenform auf die Beispiele
von solchen Octonarien und Quaternarien, oder 16- und
8silbigen Versen, die so häuüg in der lateinischen und kirch-
lichen Poesie, besonders in dem westgothiscben Hymnarium,
vorkommen, in welchen sich auch schon die den Versen der
„maestria real" (d. i. der Bedondilien) eigenthümliche rhyth-
mische Bewegung erkennen läfst (revelando .... el movimiento
de los metros de maestria real).
Wir haben schon oben bemerkt, dafs wir die Redondilien,
namentlich die achtsilbigen in der Romanzenform, für ein
naturwüchsiges 9 aus dem castilischen Sprachgenius organisch
J. A. de los Rios, Historia critioa de la literatura espaflola. 123
entwickeltes Product halten; gestehen aber immerhin der
Theorie des Verf. einige Berechtigang zu, um so mehr, als
aaoh er in den accentuirenden Octonarien (nur wurden wir
die mit troehäi4ehem Fall zur Vergleichung gewählt haben) der
kirchlichen Lieder die nächsten Vorbilder der Romanzen sieht,
auf deren Ausbildung jene jedenfalls EinflnÜB gehabt haben
mögen. ^)
Völlig aber stimmen wir dem Verf. bei, wenn er die As-
sonana» (d. i. die ans Roheit noch unvollkommene Consonanz)
für die ursprüngliche und volksmä/sige Reimweise erklärt (aso-
nante, forma propia de la poesia vulgär; — consonante, gala
exclosiva de la erndita que solo por acaso admite ya la aso*
nancia); wejin er eben die Assonanz für ein Kriterium des
Alters der Romanzenform erklärt; und es verdient um so
mehr mit Anerkennung hervoigehoben zu werden, dafs der
Verf. überhaupt die Volkspoesie als die „erstgeborne Tochter^'
(hija primogenita) , als die Vorläuferin der Kunstpoesie an-
sieht, als diese bei uns schon längst nicht mehr bezweifelte
Ansicht unter den romanischen B^tikern noch keineswegs gang
und gäbe geworden ist. ^)
Ebenso waren wir sehr erfreut, durch die Resultate der
1) Der Verf. sagt selbst in einer Anmerkung (p. 467) und in B«*
fsng auf das bekannte lateinische Trinklied: „In tabema bibo solas, etc.
Estos versos, construidos ya, more hispano, manifiestan hasta qu^ punto
habia desaparecido de -las esfera« populäres la idea de la mosical pro-
sodia greco-latina, y cömo pudo infloir la poesia eclesiastica, nacida
para el canto y accentuada conforme a esta ley suprema, en la for-
maeion de los metros populäres, probando que los octonarios eclesias-
ticos faeron sin dada el modelo mas directo e inmediato de los ro-
mances.'^ Und, unserer Ansicht noch näher kommend, p. 471: „Ä la
verdad, cuando reparamos en la sencillez y espontaneidad de los ro-
mances, forma po^tica tal vee la mas populär de aquellos dias entre
cuantas, resistiendo el embate de los siglos, se han trasmitido hasta
nosotros; cuando consideramos la natural rudeza de sus cultivadores,
ayunos de toda nocion artistica y de todo aprendizaje escrito, no
juzgamos desacertado el suponer que aquella no interrumpida enseflanza
de la Iglesia, trasmitida de padres a hijos, Uega a hacerse connatural
en el pueblo cristiano, apareciendo en consecuencia la expresada com-
binacion como /ruto propio de su ingenio, en la estimacion de nuestros
padres.*<
^ S. K. B. Discursos leidos ante la Beai Academia Espafiola en
la recepcion publica del sefior D. Juan Valera^ el dia 16 de mftrzo de
1862, p. 28—30.
124 Kritische Anzeigen:
UntersachoDgen des Yorf. die der unsero (Stadien , S. 443 fL)
bestätigt zu. finden, indem auch er einen Beweis für die ur-
sprüngliche Geltang der Assonanz als (nar aas Roheit noch
onvollkommene) Consonanz darin sieht, dais die ältesten, aas
dem 15. Jahrhundert stammenden kunstmafsiger an^ebildeten
Romanzen in der That eine vollkommene Consonanz anstrebten,
wofür er, aufser den apch von uns citirten Belegstellen von
Encina and Aionso de Faentes ^), eine sehr merkwürdige aas
Nebrija'e ans leider anzagänglich gebliebenem sehr seltenen
Werke: „Arte de la lengua castellana^' (Salamanca, 1492.
Cap. VI.) anfahrt, die wir deshalb hierher setzen wollen:
„Naestros majores no eran tan ambiciosos en tassar los con-
eonantee; y harto les pare9ia qae bastaba la semejanza de las
vocales, aunque non ee coneiguiesee la de las consonantee. E
assi fjAZian consonar estas palabras santa, morada, alva, etc.,
como en aqael romance antigao:
Digas tu, el hermitafio, | que fa9e8 la yida Santa,
Aqnel ciervo del pie blanco | i donde fa^e su morada?
Por aqui passo esta noche | ana ora antes del alna. *)
Der Verf. bemerkt daza^ dafs daher die von den Kunst-
dichtem* des 16. Jahrhunderts in ihren Romanzen gebrauchte
Assonanz keine Neuerung, sondern nur eine Wiederherstellung
der ursprunglichen Formen gewesen sei (no como una faz
nueva, j si como una restauradon de las indicadas formas);
^) Der Verf. rügt bei dieser Gelegenheit als einen von uns und
Dozy begangenen Lesefehler, dafs wir in des Aionso de Faentes „Epis-
tola*<: „consonantes mal dotados^, statt: „mal dolados^^-y d. i. „no
limadoB^S „no perfectos" gelesen haben, wie auch in der von ihm
gebrancbten Ausgabe des „Libro de los cuarenta cantos^S Sevilla, 1550,
stehe; allein uns .war nur die Ausgabe von Alcala, 1587, zur Hand,
und wir können versichern, dafs diese ganz deutlich ^^dotados^^ hat,
was wir keine Veranlassung hatten, zu verbessern, da, wie der Verf.
selbst sagt, „esta leccion no es enteramente absurda«'.
*) Dadurch wird zugleich das Alter dieser Romanze von Lanzarote
festgestellt (s. Primavera y Flor de rom., T. II, Nr. 147, p. 69); —
Nebrija citirt daraus die beiden ersten Verse nochmals (Cap. VIII),
aber schon mit, wahrscheinlich von ihm verbesserter Consonanz, wie
im Canc, de rom,:
Digas tu, el ermitafio | que hazes la santa vida,
Aquel ciervo del pi^ blanco | ^d6nde haze su manida?
Unter den Kunstdichtern des 15. Jahrhunderts, von welchen Romanzen
sich erhalten haben, nennt der Verf. auch die minder bekannten: Fray
Ifligo Lopez de Mendoza und Pedro Manuel de Urrea.
J. A. de los Rios, Historia ciitica de la literatura espafiola. 125
was ganz richtig ist; nur mufs man dabei hervorheben, dafs
die Assonanz in den Kanstromanzen sich wesentlich , d. h.
principiell von jener der Yolksromanzen unterscheidet, indem
sie in diesen die Stelle einer eigentlichen Consonanz vertrat and
der Yolksgesang, wie überall^ sich mit dieser rohen, unvoll-
kommenen begnügte, wahrend die Kunstdichter ahsicktlich die
Consonanz durch die Assonanz verdrängten und diese ihrem
Principe gemafs künstlerisch ausbildeten, weil sie die einreimige
Consonanz zu schwerfallig und für das gebildete Ohr zu lästig
fanden (vgl. Studien, S. 450).
Der Verf. theilt aber über die frühere Geltung ^ der As-
sonanz als Consonanz noch eine wichtige ^ vor ihm nicht be-
achtete Stelle mit. Nämlich aus dem prosaischen „Libro del
Tesoro", das auch Alfons X. oder seinem Sohne Sancho lY.
von Castilien zugeschrieben wird, aber nach Sarmiento (1. c.
p. 286, Nr. 636) nur eine Uebersetzung von Brünette Latini^s
gleichnamigem Werke ist; und zwar aus Parte IH, cap. X
folgende Stelle: „Ca el que bien quiere rimar^ conviene contar
los puntos et sus dichos en tal manera que sean acordados
en cuento et que los unos non ajan mäs que los otros: et
convienele mesurar que las dos postreras sjlabas sean se-
meiantes, et al menos la vocal de la sylaha que vd ante la
postrimera; et conviene que contrapasen los acentos et las
voces, asy que en las simas se acuerden en sus acentos, ca
magüer que las letras se acuerden, syn facer las sylabas eortas,
la rima non serd derecha, si el acento desatmerda^^ *) Durch
diese Stelle wird aber nicht nur die Geltung der Assonanz
als Consonanz, sondern auch unsere Ansicht (Stadien, S. 444)
bestätigt, dafs , wie in der Yolkspoesie überhaupt, so auch in
der spanischen, und namentlich in den Romanzen der Reim,
oder sein Aequivalent (Assonanz) ursprünglich stumpf oder
^) Diese Stelle ist um so merkwürdiger, als sie, wie es scheint, in
der span. Uebertragung eigenthümliche Zusätze enthält; die italienische
des „Tresor" gibt sie wenigstens bedeutend at)weichend (nach der Aus-
gabe von Venedig, 1839, 12o., Vol. H, p. 266): „Chfe chi vol bene
rimare, dee ordinäre le sillabe in tal modo, che e' versi siano accorde-
voli in numero, e che Tuno non abbia piu che Taltro. Appresso cio
gli convien misurare le due diretane sillabe del verso, in tal maniera,
che tutte le lettere delle diretane sillabe sieno simili, ed almeno le
Yocali della sillaba che va dinanzi alla diretana. Poi li conviene con-
trappesare la intenzione. Che se tu accordi le lettere e le sillabe per
rima, e non sia diritto alla intenzione, si discorderä/«
126 Kritische Anzeigen:
männlich war, und dafs gerade dies Veranlassung zur spätem,
kunstmäfsigen Ausbildung der AssonaQz gab.
Bei dieser Gelegenheit kommt der Verf. nochmals auf eine
zwischen ihm und uns stattgefundene Controverse zu reden;
nämlich auf unsere Behauptung: auch in der spanischen volks-
mäfsigen Poesie fände sich die Bindung einsilbiger mit zwei-
silbigen stumpfen Reimen oder Assonanzen (mit unbetontem
Vocal) meist «^ in der zweiten Silbe); daher sei das Verfahren
einiger Herausgeber der Romanzen^ in diesem Falle auch allen
einsilbigen stumpfen Reimen, selbst gegen alle Etymologie, ein
e anzuhängen (von Nebrija e paragogica genannt), eine Ver-
achtung oder Vericennung dieses Factums, ein Product der
„WiUkühr oder der Unwissenheit" (vgl. Studien, S. 446—449).
Dagegen hat der Verf. zuerst Nebrija's Autorität gegen uns
geltend gemacht und dann in dem Briefwechsel, den wir mit
ihm über diesen Gegenstand in Folge der Replik in ungern
„Studien" führten, das Verfahren jener Herausgeber sehr ein-
gehend vertheidigt und es als ein sprachlich und historisch
begründetes und daher sehr beachtens- und anerkennenswerthes
dargestellt, weil: 1) die zweisilbigen weiblichen Ausgänge und
Bindungen (graves, Uanos) die dem Genius der spanischen
Sprache gemäfsen und daher die für das Versmafs normalen
geworden sind; — 2) die Melodien sie fordern; — 3) die
ältesten Musikschriftsteller, wenn sie solche Volksmelodien auf-
zeichneten und die Texte beigaben, in dem gegebenen FaUe
ebenso e paragögiccts darin anbrachten, wie jene Herausgeber;
— daher 4) zu schliefsen, dafs auch die* Volkssänger selbst
schon beim Absingen den einsilbigen Bindungen solche e an-
gehängt haben. Der Verf. hat nun diesen Briefwechsel im
zweiten Anhange zum vorliegendem Bande abdrucken lassen
(Sobre las rimas agudas de los antiguos romances populäres),
und wir fühlen uns dadurch nicht nur hochgeehrt, sondern
auch sehr erfreut, die Veranlassung zur Bekanntmachung sei-
ner scharfsinnigen und gelehrten Untersuchungen und zur Mit-
theilung sehr schätzbaren und seltenen Materials (vorzüglich
der Romanzenmelodien aus den älteren Musikschriftstellem)
über einen so interessanten Gegenstand gegeben zu haben.
Auch bekennen wir gerne, dafs uns seine Gründe bestimmt
haben, unser hartes Urtheil über das Verfahren jener Heraus-
geber zurückzunehmen; ja auch wir gestehen ihnen das Lob
zu, darin einen merkwürdigen Zug der Vortragsweise der
J. A. de los Rios, Historia critica de la literatnra espafiola. 127
Romanzen erhalten zu haben, und müssen nun ihrem Verfah-
ren in sofern Berechtigung zugestehen, als die Melodien dazu
Veranlassung gaben, die wieder in dem durch den Sprach-
genius gegebenen Normalmafs begründet waren. ^) Hingegen
scheint selbst nach des Verfassers Ansicht unsere Behauptung
aufrecht zu bleiben: dafs die Bindung einsilbiger mit zweisilbi-
gen stumpfen Reimen stattfand; denn er sagt selbst (p. 613):
„usaron asonantes graves en correspondencia eon los agudos^';
und (p. 615): „esa frecuente mezcla de rimas graves y agudas
en un mismo romance^^; und ebenda: „el nso de las eee pa-
ragogicas en los asonantes agudos de las poesias tradicionaies
principalmente con relacion al canto es un hecho hi8t6rico^^
Er weicht nur darin von unserer Ansicht ab^ dafe er, von
der normal gewordenen und allerdings im Sprachgenius be-
gründeten Messung nach den graves ausgehend, die agudos
für eine Anomalie und ihre Verwandlung in graves für eine
Restauration anzusehen scheint; daher sagt er (p. 616): „En
el e^emplo de los primitivos poemas de ia poesia castellana,
donde es por demds freciiente el liso promiscuo de rimas graves
y agudas en unas mismas tiradas de versos, skndo mas na-
tural en todos sentidos el que las agudas pasaran d ser graves
que no el hecho contrario ^^ Und wir stimmen ihm auch
hierin bei, dais (eben durch den Einfluis d«r Kunstpoesie) die
einsilbige in die zweisilbige, weibliche oder klingende Bindung
überging (pasaran), die maisgebende im Spanischen wurde und
daher, gebraucht man auch blos eiiiailbige, stumpfe Bindungen,
diese dann im geregelten Versmais als zweisilbig zu gelten
haben. Hingegen aber sind wir noch immer der Ansicht, dals
auch im Spanischen, wie in allen romanisofien und germani-
schen Sprachen, der stumpfe (ein- oder zweisilbige) An- oder
Einklang die ursprüngliche, wahrhaft volksm^fsige Reimbindung
war; denn es liegt in der Natur der Sache, dafs das noch
^) Diez (Grammatik, 2. Aufl., II, S. 159) bemerkt darüber ganz
richtig: „Das häufige e in der Endung are (cantare), dessen sich die
alten Romanzen bedienen, ist nur eine ausfüllende musikalische Silbe
"nd kommt im Innern des Verses nicht vor." Dies gilt natürlich noch
lel mehr von solch unetymologischen Formen, wie z. B. han-e^ van-e,
orazon-e, son-e, etc. Doch wollen wir nicht verschweigen, was der
/erf. mitBocht bemerkt, dafs nämlich im Asturischen (Dialecto Bable)
ind Galicischen sich viele Worter mit weiblichen Ausgängen erhalten
laben, die im Castilisch'en nur mit stumpfen sich finden.
128 Kritische Anzeigen:
minder fein gebildete Ohr sich anfänglich mit dem Gleich-
klang des letzt betonten VocaU begnügt ^) , der nicht gestört
wurde, wenn auch noch eine Silbe darauf folgte, nur mulste
sie dann eine unbetonte sein, wie eben in den zweisilbigen
stumpfen Reimen (wenn z. B. auf hochtoniges a oder o eine
Silbe mit unbetontem e *) folgte). Selbst die oben angeführte
Stelle ans der spanischen Uebersetzung von Brunetto Latini's
„Tesoro" scheint, wenn wir sie recht verstanden, gerade
durch den ihr eigenthümlichen Zusatz unsere Ansicht zu be-
stätigen und damit eben jene im Spanischen gebräuchlichen
zweisilbigen stumpfen Reime im Auge gehabt zu haben, indem
sie ausdrücklich bemerkt: „ca magner que las l^tras se acuer-
den, syn facer las aylabas cortas (das heifst doch wohl: wenn
die auf den accentuirten Yocal folgenden Silben nicht kurz,
oder unbetont gemacht werden?), la rima non serä derecha,
si el acento desacuerda*^.
Wir glauben daher, dafs ein kritischer Herausgeber der
alten Volksromanzen die in den ältesten Drucken derselben
vorfindliche Mischung ein- und zweisilbiger stumpfer Reime
beibehalten müsse, weil sich eben darin eine Eigenthümlich-
keit der ursprunglichen volksmäisigen Reimweise erhalten hat
(ebenso wie in den alten, auf gleiche Weise gereimten Ge-
dichten, z. B. in dem von der „Maria Egipciaca^S ein An-
fügen solcher e unkritisch wäre); wiewohl wir nun in Bezug
auf das erwähnte Verfahren der späteren Herausgeber dem
Verf. vollkommen beistimmen, wenn er unsere Gontroverse
mit folgenden Worten schliefst: „Las eee paragogicas de las
rimas agudas en los romances y cantares populäres, no son
fruto de la ignorancia de los editores del siglo XVI, sino
hijas de la indole especial de la lengua espa&ola (castellana)
y de la imperiosa necesidad del canto, que sirve de funda-
mento y norma constante ä la poesia de la muchedumbre/'
1) Vgl. Wolf, üeber die Laie, S. 171; — Dtez, Altrom. Sprach-
denkmale, S. 83; — Gaston Paris, 1. c. p. 115 — 116. — Und über die
Natur dieser stumpfen Ausgänge im Romanischen, Fuchs, Die rem.
Sprachen, S. 234.
^ Der Verf. gibt in der Uebersetzung der Stellen aus ansem
„ Studien <<: „tonlos^* durch: sordo oder gar mudo, statt: durch: no
acentuadOf durch welches Misverstandnifs er zu Rügen veranlafst wurde,
die wir nicht verschuldet hatten. Wir haben daher nun vorgezogen,
statt „tonlos", unbetont zu gebrauchen.
1
J. A. de los Rios, Historia critiea de la literatura efpaflola. 129
Sf hr dankenswertb sind auch die vom Verf. beigegebenen
Melodien (Tonadas) von Yolksromanzen, wie eie nocb jetzt
in Astarien, Andalusien, Castilien nnd Catalonien gesnngen
werden nnd wie sie ihm von den Musikmeistern Saldoni
and Jos4 Ineenga j Castellanos aufgezeichnet worden sind,
von denen der letztere seit Jahren sich beschäftigt, eine
,,Coleccion de cantos j bailes populäres de Espafla" vorzu«
bereiten.
Der Verf. geht dann zn den Romamengattungen nach ih-^
rem iw^em, besonders stofflichem^ Charakter aber nnd classificirt
sie, ihrer i^t^fort^e^^n Eutwickelung gemafs, in: Romances kis^
t&rieosy oabaUereseos, marisöos, paetorilee y vulgares. Wir ver^
weisen auf das in unsern „Studien^* (S. 482) Gesagte, wor^
ans sich ergibt, in wiefern wir im Ganzen dieser Eintheilnng
anstimmen, und beschränken uns hier nur auf Bemerkungen
über das Einzelne. ^)
Da, wie Lemoke treffend sagt, die historiaeken Volkslieder
das erste, unmittelbarste poetische Product einer sich bilden-
den Nationalität sind, so mufften auch die Romanzen dieser
Gkittung nicht nur die am frühesten entwickelten, sondern aueh
die den Nationalobarakter am reinsten aussprechenden sein,
nnd es prägten sich daher in ihnen, wie unser Verf. mit Recht
bemerkt, die Grandzüge dieses Charakters, der Unabhängig'
keitssinn nnd der gläubige Math, vor allen aus (siendo per
tanto poUiicos y religiosos, como lo era la gran necesidad qne
los habia creado ponen de resalto, con las costumbres
de aquellos siglos de hierro, el amor al suelo ä tanta Costa
defendido, el extrcmado cariilo ä la libertad desastrosamenta
perdida, y la confianza sin limites en el trionfo de una canaa,
que tenia ä Dios por bandera y por eifecudo).
Die Entstehung der Ritterromanzen setzt der Verf. in das
14. Jahrhundert und glaubt die Ursache dieser spätem Ent-
stehung und ihrer geringern Verbreitung darin zu ünden, dajts
das eigentlich feudale Ritterthum in Spanien nie recht Warc»&
1) Wir ' verweisen auf die for die Yolksdichtang äberhanpt onA
daher auch für die Romanzenpoesie geltende treffliebe genetisch - b!st6<^
rische Entwiokelnng und der gemäfse Kintheilung der Haaplgattttngeik
in dem ebenso fein- als scharfsinnigen Aufsatse Lerncke*»: „Ueber
einige bei der Kritik der traditionellen schottischen Balladen zu be-
obachtende GhPandsätsM'S in dietem ,,Jafarbaefa«<S Bd. IV, besonders
S. U8 — 157.
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 1. Q
J^gQ KritUche Anzeigen:
fabte und erst in jener Zeit sich einigermeisen nationalisirte.
Wir sind mit dieser Ansicht einverstanden, nnr mochten wir
glauben, dafs die Sagen von Karl dem Grolsen and seinen
Pairs, besonders von deren Kämpfen gegen die spanischea
Sarazenen, schon viel früher Gegenstand von Volksromansen
geworden sind, und weniger durch literarische Yermittelung
als durch mündliche Tradition. Gedenkt doch schon die Cro-
nicageneral der „Cantares de gesta" — und darunter darf
man wohl auch Volkaromanzen verstehen (der Verf. vindicirt
fogar diese Benennung ganz besonders für die historischen
Romanzen) — von Karl dem Grossen und seiner Sippe, and
schon der Verfasser des lateinischen Gedichts von der Erobe-
rung Almerias (1147) und Berceo sprechen von „Roldan^^
^ad „Olivero^^ als von allbekannten Helden. ^)
Ganz mit Stillschweigen hat aber der Verf. anderwärts
sowohl als hier, wo sie sich am naturlichsten ein- and jeden-
fSalis den historischen zunächst anreihen, jene Romanzen über-
gangen, welche sagenhafte Züge aus dem Familienleben der
hohem Stände und der ritterlichen Gesellschaft zum Gegen-
stände haben, die, wie Lemcke so treffend nachgewiesen hat,
der zweiten Entwickelungsstufe der Volksdichtung angehören
fnd jedenfalls zu den genuinsten zählen. Wir haben sie in
Ermangelung einer besaern Bezeichnung „novelescos^^ ge-
nannt und in unsern „ Studien ^^ (S. 503 — 505) charakterisirt
*) Vgl. „Studien«', S. 485 und 497; — Mild y Fontanala, 1. c.
509 — 510 Dieser (p. 473) und Helfferich (Entstehung und Geschichte
des Westgothen- Rechts. Berlin, 1858. S^. S. 378) erwähnen einer Es-
6brial-Handschrift, worin eine Abhandlung a. f. T.: „Incipit opuscnlum
rcrerendissimi ac prudentis virl Ildefonsi recordationls alte, Regis Dei
gratia Roraanorum ac Castelle; de iis que sunt necessaria ad stabilimen-
tum Castri tempore obsidionis, et fortissime guerre et mnltam vicina",
upd darin heifst es: „Item sint ibi romancia, et libri gestornm, vide-
licet Alexandri, Karoli et Rotlandi, et Oliverii, et Verdinio, et de An-
telimo lo Danter, et de Otonell, et de Bethon, et de Comes de Man-
latl, et libri magnorum et nobilium bellorum, et prelioram, que facte
sunt in Hispania*^ — Sollte diese Abhandlung auch nicht von Alfona X.
^rühren, und sind auch die darin erwähnten „Romaticia*< anbezweifelt
keine Romanzen, sondern „Romans'« oder Chansons de geste im fran*
sosiscben Sinne, so ist sie doch alt genug, um für die frühe Verbrei-
tsDg dieser Sagen in Spanien za zeugen. Auch spricht dafür, dafe
diese Sagen hier eigentbumliehe, echt nationale Zweige getrieben
haben, wie von Bemardo del Carpio, Montesino«, Gidmaltos, Gid*
feros u. s. w.
J. A. de los RioB, Historia eritie« de 1« literatora aspafioU. 181
(Daran gibt sie anter der Rabrik: „CaballereiöOft «Quitos y
varios")-*) ' -
Unter der Rubrik ^^Ramances morisoos*^ begreift anser
Vert sowohl die ecbten historischen Yolksromanzen «o» den
granadischen Grenzkriegen (Romanoes front^aos), als aadi
die kanstmälsigen im maarischen Costfim (die gewohnlieh so*
genannten moriscos). Dafs wir die Vereinigung so prineipiM
heterogener Producte in eine Klasse nicht billigen können,
haben wir in den „Stndien^^ (S. 519 fT.) ausführlich motivirt;
and wir wandern uns am so mehr, dafs unser Terf. sie also
vermengt hat, als schon Durands Vorgang ihn davon hatta
abhalten können, und als auch historisch nachweisbar fast ein
Jahrhundert zwischen der Entstehung der fronterizos and der
Mode der moriscos liegt üebrigens erklart auch der Verf.
sich mit aller Bestimmtheit in Bezug auf die letsteren gegen
die Annahme arabischer Originale«^)
Eine andere Art künsüichen Modeproducts sind die Sehä/er*
romanzen, durch den EinfluTs der aus Italien stammenden, im
16. und 17. Jahrhundert auch in Spanien so cultivirten arka-
dischen Schäferpoesie veranlabt Auch unser Verf. betrachtet
') Der GT&f.Puymaigre gibt (l. c. T. 11, p. 329—423 und 453 —
491) eine gute Charakteristik dieser „Romances detach^**, wie er sie
nennt, nebst einer reichen Auswahl in Uebersetzung und mit vielen
Parallelen aus der Volkspoesie anderer Nationen.
<) Wie himmelweit von diesen gemachten Moderomansen die alten
volksmäfsigen aus den Grenzkriegen verschieden sind» und wie» nad
warum sich gerade in den letztern der primitive Bildungsprocefs der
Volksdichtung als historischer erneute, hat Lemcke (a. a. 0. S. 152) treff-
lich dargestellt: „Vorübergehende analoge Zustande, etwa partielle Nach-
spiele des grofsen Nationalbildungskampfes können auch wohl später»
hin noch einen Aufschwang der Stimmung ereeugen, welcher einzelne
spate Blüthen dieser Gattung treibt, die erfreulich an ihre längst ver-
welkten Schwestern aus dem Lenze erinnern. So sehen wir z. B. auch
in der spanischen Volksdichtung, nach langer Unterbrechung durch
eine sogenannte romantische (besser: nichthistorische) Perlode, den
echten Volksgesang für einige Zeit in den sogenannten Romances fron*
terizos wieder aufleben»«^ *^ Ja wir möchten nebst dam gehobenen
Nationalgefühle durch Granada's Eroberung gerade diesen unmitteU
barsten Producten desselben, diesen Fronterizos die Wiedereinführung
der Romanzen in die höhern Kreise, ihre Wiederbeachtung und Cultl-
virung durch die gelehrten und Kunstdichter zuschreiben, was sich
eben vom Ende des 15; und Anfang des 16. Jahrhunderts da6rt un4
ehronologiseh naehweisbar ist
9*
1S2 KHtiBck« Anzeigen :
•ie nüUif diMem Oecdchtspankte nnd hat ihnen wohl nur d<^-
halb eine besondere Stelle in seiner Classificimng eingeranml
-» die ii« sonst kaam verdient hatten — , weil er sie 1Ü9 eine
MäoifeaCationsforai der politisch -socialen Zustande Spameos Ifi
jenen Zeiten ansieht. £r glaubt nämlich — und diese An-
sicht ist ihm gewifs eigentbümlich — dafs die damals politisch
oad religiös geknechteten Spanier sich in dieses fingirte Arka-
dien gefluchtet hätten 9 nm nnter dieser Maske sich geistig
freier bewegen und durch den Gegensatz dieser idealen Welt
ihrem Unmuth ober die realen Zustände Ausdruck geben zu
können. Der Yerf. unterstützt diese Ansicht durch die seit
den Coplas de Mingo Bevulgo in . Spanien gebräuchlich ge-
Y^ordene Anwendung der pastorilen Form zur politischen Sa-
tire. ,9 Die Bomances pastoriles^S sagt er, „bilden eine Art
ron Paren&ese in der Geschichte der Volksdichtung, indem
sie, obgleich auf eine indirecte Weise, den Zustand der
Küeehtschaft manifestiren , in welche das spanische Yolk ver-
sunken war."
Die Absonderung der verschiedenen Gesellschaftsklassen,
die, so lange die patriotische Begeisterung sie vereinte, nur
Ein Volk ausmachten, diese Trennung, die sich schon in den
Schäferromanzen zeigte, erscheint als eine vollendete in denen,
die mit Recht den Namen der vulgären tragen. Der Verf.
charakterisirt sehr beredt und treffend diese Gattung oder viel-
mehr Abart der alten Volksromanzen. So sagt er: „Nachdem
dem spanischen Volke alle Wege verschlossen waren, die zu
Macht und Ansehen fahren; beherrscht von dem Fanatismus,
welcher wissentlich die gewaltthätige Spürkraft der Inquisition
nährte; gewöhnt an die Scenen voll Schreck und Blut bei den
Antoa de fe, die sich in den ansehnlichsten Städten der Mon-
archie so oft wiederholten; ahgetonderi für immer von jener
Aristokratie^ die grofeentheile aus seinem eigenen Schoo/se her-
vorgegangen war, brach es den alteh Bund, den es mit ihr
geschlossen in Mitte der Kämpfe, und in sich selbst sich zu-
rückziehend, trachtete es nur Innerhalb seiner eigenen Sphäre
zu leben, und verachtete die Groisthaten der Adeligen, w^
es nicht mehr Pathenstelle dabei vertreten durfte. So sein^a,
den Eindrücken sich hingebenden und irregeleiteten Instincten
aberlassen, weihte es seine Liebe und seine Zuneigung einem
andern Gescblechte von Helden, bis dahin der spanischen
Poesie fremd geblieben; Helden, mit welchen es am Ende
J^ A. de los Kios, Historia ciitica de la Uteratara espafiola. 138
derselbe Glaube, dieselben Gefahle und Sitten verbanden; aber
deren Ursprung die Leichtfertigkeit (liviandad), deren l&r*
Ziehung das Verbrechen und deren Ende das Schaffot war.
So entstanden in der Mitte des 17. Jahrhunderts die sogenann«'
tea Vulgär 'Bomanzen, diese letzte Entartung der historisoheDf
obgleich, wie diese, bestimmt, den Zustand der spanischen
Nation zu offenbaren/' — Der Verf. bemerkt dazu, dafs, da
das spanische Nationaltheater stets in der engsten Verbindung
mit der Romanzendichtung stand, sich auch der Einflufs dieser
vulgären darauf geltend machte, wie denn selbst ein so hoch-
stehender Dichter, wie Calderon, sich dadurch veranlaGst £and,
Bandoleros zu Helden seiner Comedias zu machen.^)
Wir können uns begnügen, der fön/ien „Ilustracion: Sobre
los ßefranes, considerados como elemento del arte. Sa in*
fluencia en la poesia popular^^ hier blos zu erwähnen, da ihr
jedenfalls sehr beachtenswerther Inhalt den Lesern dieses
„Jahrbuchs ^^ ohnehin durch die darin (Bd. II, S. 46 — 81)
abgedruckte vollständige deutsche Uebersetzung derselben be-
kannt ist, und ans dem, was wir bei den beiden vorhergehen-
den Excursen über den Ursprung und die Entwickelung der
apanischen JRbythmen bemerkten, sich von selbst ergibt, in
wiefern wir mit der hier grofsentheils nur wiederholten Theorie
des Verf. darüber einverstanden sind.
Die sechste und letzte „ Ilustracion^' handelt von dem
Eirifiasse der Troubadourspoesie auf die älteste castilische (Sobre
la influencia de los Trovadores provenzales en la primitiva
poesia castellana). ^) Der Verf. widerlegt mit einem ^o/sen
Aufwand von Gelehrsamkeit und Beredtsamkeit die von einigen
italienischen, französischen und selbst spanischen Kritikern
aufgestellte Behauptung: dafs die castilische Poesie (denn nur
von dieser bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts oder bis zu
Alfons X. kann hier die Rede sein) sich nach ihrer altern
1) So vielfach berechtigt auch diese Auffassung der vulgären Ro-
manzen und der sie veranlassenden Zustände ist, so wird es doch
gerathen sein, um nicht allzu einseitig zu urtheilen, die von einem
andern Standpunkte darüber gewonnenen Ansichten Durands un4 Huberts
da|)ei zu berücksichtigen; vgl. „Studien«, S. 543 — 544. — Unser Verf.
betrachtet die Zt^et/ner-Romanzen (rom. de germania) nur als Unterart
der vulgären.
^ Der Verf. hatte einen grofsen Theil dieses Ezcurses seiner im
Jahre 1850 gedruckten akademischen Thesis einverleibt: „La poesia
espafiola no debe su nacimiento a la lemosina«.
134 Kritische Anzeigen: J. A. de los Rlos, Historia eriUc» etc.
Sehwester, der provenzalischen, oder genauer der echten ho-
fischen Troubadonrspoesie gebildet habe; er zeigt, wie grund^
▼erschieden diese beiden in Bezog auf Inhalt und Geist sind,
dafs die Aehulichkeit der Formen sich nur auf die epischen
beschränke, was aber nur davon herrühre, dafs beide gemein-
samen Vorbildern, den lateinisch -kirchlichen, namentlich den
Kirchenprosen hierin gefolgt sind. Auch wir stimmen mit
diesen Ansichten im Ganzen vollkommen überein, um so mehr,
als wir stets die echt volksthümliche Grundlage, die Sponta-
neität und Originalität der castilischen Poesie anerkannt und
verfochten haben; dem thut auch keinen Abbruch, wenn wir
in einigen einzelnen Zügen, namentlich in formellen nicht nur
prbvenzalischen; sondern auch nordfranzosischen Einflufs an-
nehmbar und nachweisbar finden , und wir sind um so weniger
besorgt, dadurch eine Ungerechtigkeit zu begehen, oder auf
einer vorgefafsten Meinung zu beharren , als ein so unbefange-
ner, gelehrter spanischer Kritiker, wie Hr. Mild y FontanaU
(1. c. p. 507 sg., wo er ganz dieselbe Frage behandelt), nun
sich in gleichem Sinne ausgesprochen und dies durch schla-
gende Belege erhärtet hat.
Wenn wir aber hierin und in manchen andern Puncten
dem geehrten Verf. nicht unbedingt beistimmen zu können an-
verhohlen erklärten, so wird man um so eher an die Auf-
richtigkeit unserer Anerkennung der grofsen Verdienste des
Verf. glauben, und unseres Wunsches, dafs es ihm gegönnt
sein möge, ein Werk zu vollenden , das durch Wichtigkeit und
Reichthum des Inhalts, Fülle von Gelehrsamkeit und patrio-
tischen Geist ein wahres Nationalmonument zu werden be-
stimmt ist
Ferdinand Wolf.
Miscelien. 135
Miscellen.
Zum Kanfinann von Venedig.
Oben, Bd. II, S. 330, habe ich das in diesem Schauspiel
vorkommende Gleichniss von den vier Kästchen and dessen
muthmafislichen Ursprung besprochen. Hier lasse ich eine
ähnliche Parabel folgen^ die sich in Westafrika findet und
von dem Engländer Hutton in seiner Reise nach Aschanti
(1820) so erzählt wird: „II y a parmi les Achantis une tra-
dition qui veut que des les premiers jours du monde, Dien
ait cree trois hommes blancs et trois noirs avec un nombre
^gal de femmes, et pour que ces crcatures n'eussent point
lien de se plaindre ä lui dans la suite, ii leur donna le choix
du bien et du mal. Une grande boite on calebasse fut mise
ä terre avec un morceau de papier scelle sur un des cot^s.
Dieu donna d^abord le choix aux noirs; ils prircnt la boite
s^attendant h y trouver quelque chose de bon, mais en Tou-
vrant ils n^^^irent qu'un morceau d^or, un morceau de fer
et plusieurs autres pieces de metaux dont ils ne savaient pas
Tusage: les blancs ayant ensuite ouvcrt le papier, y apprirent
tout. Dieu laissa alors les noirs dans les bois; mais il con-
duisit les blancs an bord de Teau, communiqua avec eux
chaque nuit, et leur montra a bätir un petit vaisseau qui les
emporta dans un autre pays (car tout ceci se passe en Afrique),
et ils en revinVent longtemps apres^'*. S. Albert -Montemont
Bibliothäque universelle des Yoyages etc. vol. .28, p. 407.
LSttich. Felix Liebrecht.
Zum Ossian.
Das alte Manuscript, dessen ich in meinem Aufsatze:
„Das Neueste zur Ossian-Frage" (Jahrbuch Bd. II, S. 183 ff.)
Erwähnung gethan und dessen theilweise Veröffentlichung ich
für sehr wünschenswerth erklärt hatte, ist jetzt vollständig im
Druck erschienen, unter dem Titel: The dean of Lismore's
Book, ö' Selection of Ancient Gaelic Poetry. Translated by the
Rev. T.iPLauchlan, with an Introduction by W. F. Skene, Esq.;
Edmonston and Douglas, Der Verfasser hat zuerst die phone-
tische Orthographie des Mannscripts, ihr gegenüber die jetzige
Schreibweise des Hochschottischen und endlich eine englische
138 ^^^^ y FontanaU
aber wegen des Inhalts sowie der Formen seiner Poesien
ein besonderes Stndinm verlangt. Deshalb und weil wir
einen Einfluss von ihm auf die spätere poetische Schule
nicht bemerken, unterlassen wir es, ihn in diese Au&äh-
lung oder Uebersicht einzuschliefsen.
Ehe wir sie beginnen, müssen wir einige häufig ge-
brauchte Formen anzeigen, die wir in Parenthese anfuh-
ren werden, wenn sie nicht der mitgetheilte Text an-
gibt. Die gewohnlichste ist die Octava oder Stanze
(Strophe) von 8 zehnsöbigen Versen *) (dem italienischen
oder castflischen Endecasflabo) mit einer Cäsur (pauza)
und Versaccent auf der vierten Silbe (Leys d'amors
I, 114 u. 132), indem die welche den letztem auf der
dritten haben, sehr selten sind. Die Stanze kann sein:
1° croada (crozada L. A. I, 170 u. 240), nämlich mit die-
ser Reimstellung: ABBACDDC. UP encadenada (L. A.
I, 170 u. 238): ABABCDCD. lU«^ mig croada e mig
encadenada (crotz- encadenada L. A. 1, 240) ABBACDCD.
Aso ay de lati en romans tomat
A honor de la Comtesse que' Dens guart
D' ampuries (1) Marchessa a nom
£ fo fiyla d' an gran ric hom
Qui fo vescompte de Cabrera
£ lexa esta hereteyre
De Montsoriu e del vescomdat
Tot qaant avia la laxat.
De Catalunya porta flor
D^ensenyament e de valor
De franquea, de gai parlar,
D'umilitat crey no a par
De Deu li plats soven parlar
Molt deiunar e molt horar.
Diese „Marchessa«, scheint es, kann keine andere ^ein, als die Toch-
ter von Pens Vicegrafen von Cabrera und Grafen von Urgel, ver-
mählt 1243, wann ihr Vater starb, mit 6. de Peralta (Monfar Condes
de Urgel I, 526). »
1) Wir wollen für diese Arbeit unser italienisch - spanisches pro-
sodisches System aufgeben, welches, wie wir glauben, das musika-
lische Mass des Verses {la medida mmccU) besser feststellt und ausser-
dem die ungeeignete Anwendung des klassischen Ausdrucks „ Cäsur <<
vermeidet, und wollen die Silben nur bis zur letzten betonten, diese
eingeschlossen, zählen, nach dem franzosischen System, das allgemei-
ner angenommen und auch das der Leys d*Amors ist.
Catalanisohe Dichter. J39
IV° aperiada la meytcU oder dos (riam) derrera appariats^)
(crotz- oder CQdena-cai^dada L. A. I^ 242 u. 244), nämlich
die 4 letzten Verse gepaart. Die verschiedenen Strophen
können unter sich unabhängig sein: obra solta {rims «m*
gulara oder cobla amffular L. A. I, 166 u. 212); oder
2) sie können dieselben Reime in jedem correspondirenden
Verse aller Strophen wiederholen: uni^nant, (^unüeonan
L. A. I, 270; oder 3) es wird das Ende jeder Strophe
mit dem An£Euige^ der folgenden verknüpft: cobla capcau-
dada (oder capeoada L. A. I, 168, 236), indem der Beim
des letzten Verses der ersten Strophe in dem ersten der
zweiten sich wiederholt und so fort: z.B. ABBACDDC —
CEEC etc., oder auch (ein Fall, welchen die Leys nicht
vorsehen) ®) die beiden letzten Reime der ersten in den bei-
den ersten der zweiten, z. B. ABBACDDC— DCCD etc.,
was wir capcaudada von 2 Versen nennen wollen. Es
gibt Gedichte von einer einzigen Strophe, cobla esparßa
(L. A. I, 252') und estrampe oder obra estrampay nämlich
Gedichte von versos sueltoa oder Obres, ohne dafs sie alle cars,
d. h. von seltnen Ausgängen sind (L. A. 150, 208). Die
meisten Gedichte haben das Geleit, tomada^ mit dem vom
Dichter angenommenen Merkzeichen oder Wahlspruch'),
') Wir wollen uns für alle Reimpaare {pareados) dieses Namens
bedienen, trotzdem wir ihn bei den Alten nur gebraucht finden, wenn
die Beimpaare einen Theil einer Strophe bilden, wie im vorliegenden
Falle. Die L. A. geben den Reimpaaren (aber auch den Reihen von
3 Monorlmen) den Kamen rima caudats. J. Roig nennt immer noves
rimades sein Gedicht in Reimpaaren von Viersilblem.
*) Ebenso wenig ist in den L. A. der Fall vorausgesehen, wenn
der erste Vers der zweiten Strophe sich mit dem vorletzten der ersten
reimt (wie in „Tots jorns«* von Jordi), eine Strophe, die wir auch
capcaudada nennen wollen, trotzdem dafs wir anerkennen, dafs im
Sinne der L. A. dieser Namen nur gegeben werden soll, wenn die
Verse welche reimen, unmittelbar auf einander folgen.
*) In den L. A. senhal; bei J. March divis, eine Bezeichnung,
die wir adoptiren wollen, obgleich wir die: senyal auch in dem Conort
Farrer's finden, welcher von den Dichtern, die sich ihm darboten,
redend, sagt:
No n'i ach hu qu*ab son senyal
No-m fos present de conaxen^a
Si be n'i viu que-us fas creenpa
Que no'ls conech sino per fama.
10*
X40 ^il^ y Fontanals
gebildet aus dem ersten Hemistich des ersten Verses;
auch zwei tornadas finden sich (L. A. I, 388) , oder eine
tomada und endressa (Adresse), ein Ausdruck, welchen
man erst später, und ohne Zweifel von den Catalanen
ihn entlehnend, in Toulouse gebrauchte (Joyas del gay
saber, p. 47, ein Gedicht v. J. 1459). Vgl. auch Bartsch
im Jahrb. Bd. II, p. 286 - 7.
Aufser diesen kunstreichen Formen finden sich ziemlich
häufig auch andre, Tolksthümlichere angewandt. Erstens
die Reimpaare appariats^ s. die vorige Seite, Anm« 1 (das
Metrum der provenzalischen Novas^ novo» rimadas^ L. A-
I, 138, rims eaudatSy ib* 168), von lauter Acht-^), Sechs-
oder auch Viersilbern ; zweitens andre Reimpaare, in wel-
chen Vier- und Achtsilber alterniren: AAbBcCdetc, eine
Form, die sich bei N. de los Pirineos im Anfange des
XIV. Jahrhunderts findet (Bartsch, P.D. 75, anonym 114;
Lunel de Monteg oder Moncog 1326) und die in der
catalanischen Poesie zu allen Zeiten angewandt ist; man
gibt ihr den Namen eodolada^ analog, wie man sieht, den
Töulousisohen Bezeichnungen *). Drittens -folgen mitunter
... — i — . — » , . ■ ' " '
1) Trotz des Vorgangs der lateinischen Volkspoesie und des sehr
singbaren Charakters des Verses von 7 Silben (des castilischen Acht-
silblers), zogen die Sprachen von Oil und Qc, die so reich an beton-
ten Endungen (männlichen Ausgängen) waren, im Allgemeinen unter
den kurzen Versen den Achtsilbler und auch den Sechs- und den Vier-
silbler vor (der letztere meist als der gebrochene Vers des Achtsilblers),
alle von jambischem Rhythmus. Dennoch pflegten die toulousischen
und catalanischen Tanzlieder (danzas) den Siebensilbler anzuwenden.
2) Von coda (cauda oder coa). Vielleicht wandte man ursprüng-
lich die Bezeichnung auf alle Reimpaare an, auch von gleichen Ver-
sen (vgl. rims caudats L. A.). Als Beispiele von codoladas können
wir aus demselben XIV. Jahrhundert einige disparate Verse (versos
diaparatados) anführen, welche sich unvollständig finden (im Verein
mit den beiden Gedichten von maritimen Inhalt, von welchen wir so-
gleich Nachricht geben) , darunter die folgenden : •
Qui-m donas .1. caderniu
Ab escabeix
Nom plaguera tant, fe que-us deig
Com .1. molto.
Gran plaser m'avench sela saho .
Si que la mar
Snbraxia, vaien puyar
Tro al tinel etc.
Catalwiisclie Dichter. 141
dem kurzen Verse zwei andre lange mit demselben Reime :
AAbBBcCCd etc., eine Form, welche wir mit dem Namen
y^cadolada von zwei langen Versen" bezeichnen wollen
und die schon fast vollständig ein Gedicht des alten Trou-
badour E. Miraval (Bartsch, P. D. 128) ^ zeigt; endlich
viertens findet sich noch eine andre Form, in der der
langen Verse 3 sind: AAAbBBBcCCCd etc. *)
Aus dem XY. Jahrhundert aber das Testament von Serradell, einige
theils religiöse, theils satirische Verse, welche mit dem vorausgehen-
den in einem Manuscript der Bibliothek von Barcelona sich befinden,
und viele andre in den Kunstpoesien zerstreute Beispiele. Aus dem
Beginne des XYI. Jahrhunderts , aufser den , welche der vorigen Klasse
angehören, eine Erzählung von den Kriegen der Gemeinden (comuni-
dades) von Mallorca. Ferner von ungewisser 2^eit „Lo Uibre del ven-
turos pel^gri«* (eine allegorische Eeise), und die „Relacio de la vida
dels pastors" welche der gedruckten Volkspoesie angehören. Es fin-
det sich auch eine lange Codolada in dem „Entrem^s d'£N! Lldrens
mal casadis^S gedimckt 1853 in Mallorc», wo noch immer die Ahiai^-
Ting von Poesien in dieser Form sehr volksthümlich ist. -^ Verschie-
den von der wahren Volkspoesie, welche mit Bestimmtheit die musi-
kalischen Perioden markirt, trennen in diesen Werken (wie es auch
bei vielen Reimpaaren von gleichen Versen der Fall ist, übrigen» »loht
bei allen , noch bei den ältesten) die Sinnpaust»! in der Begel die beiden
reimenden Verse, was sich nicht für eine gesungene üfichtung pafst, wohl
aber für eine recitirte und von einem der Conversation ähnlichen Tan.
1) Diese Form eignet sich für die elegische Poesie und man hat
auch eine Aehnlichkeit zwischen ihr und der von J. Manrique gebrauch-
ten Copla finden wollen; in dieser ist aber die Ordnung natürlicher
und zugleich musikalischer, auch läfst sie die Strophen getrennt:
ABcABc etc.
*) Diese Form pafst für die Dichtungen von feierlichem und doc-
trinärem Ton (de sono solemne y doctrinal), S. ein Beispiel (worin die
gröfseren Verse unregelmafsi^ sind) : Aquest libre s*apella medicina del
cor; 90 es de la ira e de la paciencia . . . Aquest servens conte en
sententia tot lo libre de la ira dit desi atras:
tu xstia qui est ven^ut de la ira
En aquest servents e libre mira
Quants m»ls tal vici en lo cor tira
Ardidament.
De tot mal la ira es fonament etc.
Servents qui cont^ en sententia tot lo libre de la paciencia:
Qui völ apendre de faaver paciencia " '
De aquest tractat mir be la senteäcia
Demostra sa bondat e exellencia
E sa valor.
Aquesta vertut fa Tom rey e senyor etc.
142 ^^^^ y PontanaU
BttDOn Muntaner.
Der mit Recht berühmte , ivenn auch mehr poesie-
Yoile als sorgfaltige Chronist Muntaner sandte im Jahre
1323, als der Konig D. Jaime Q. und die Infimten, seine
Sohne, die Vorbereitungen zu dem Zuge gegen Sardinien
und Corsica trafen, ihnen durch Yermittelung des Juglar
Comi (cap. CCLXXI u. II) einige Rathschläge in einrei-
migen Strophen von 20 Alexandrinern (die letzte weist
solche auf, wie wir sie in unsrer alten Poesie kennen),
von welchen der zweite sagt:
En son de Gui NantuU faray «i- bell serxno.
Der Infiuit EH Pere.
Derselbe Chronist erzählt uns, dafs bei der Krönung
Alfons^ m., des Sohns und Nachfolgers Jaime^s IL., 1327,
sein Bruder, der Infant D. Pedro (1304—80) die Feier-
lichkeit durch verschiedene Poesien erhöhte, die er ver-
Mst. „E lo senyor infant en Pere, ab dos nobles qui
ab eil se tenien ma per ma e eil el mig, veng primera-
ment cantant una danpa novella que eil hach feyta^ e tots
aquells (doce nobles) qui aportaven lo menjar responien
li a cascun menjar que portd deya una danpa*) no-
Man findet dieselbe Form in den Vaticinio8 von B. Mogoda (wie
man annimmt aus dem 13. Jahrhundert.), worin die groXseren Verse
Sechssilbler. In den Sentenciaa des Turmeda ist der gröfsere Vers un-
regelmäfsig, aber öfters von 8 Silben; der kleinere Vers ist frei. —
Die Form der citirten Serventa des Pseudo-Mogoda ist strenggenommen
capcaudada und hat einige Analogie mit der einiger provenzalischen
Dichtungen, wie der des Chastel cfAmor^ deren wir alsbald gedenken
werden.
1) Von dieser Klasse der Ronstdichtung, bei welcher man so scharf
ausgeprägt den volksthümlichen Ursprung sieht, bietet die provenzalische
Poesie manche Beispiele dar , wie die verschiedenen von Bartsch (Prov.
Leseb. u. Denkm.) gesammelten und einige andre. In den L. A. hat
die danza eine sehr bestimmte Form (welche sich schon in einigen der
provenzalischen findet): die Verse dürfen nicht 9 Silben überschreiten;
es gibt respos (tema oder semi-estancia inicial)» drei Strophen und
Tornada. Die ersten Verse aller ßtrophen müssen von ein und dem-
selben compds sein und die letzten mit dem tema und der tornada reimen.
Es findet also eine Widerholung der Eeime nur am Ende der Strophen
statt und nicht mit Nothwendigkeit ein wahres estribillo (L. A. I, 340,
198 , 296, 548). Von dieser Klasse sind die 8 Danzas d'amor de Nos-
Catalaniche Dichter. X4g
vella qu'ell mateix havia ftiita. (öap. COXCVIU)
£ com foren tuyt assegul«, EN Romaset jutglar cania
ahes vens un serventesch *) davant lo senyor rey novel
qn'el senyor infant EN Piere hach feyt a honor del dit
senyor rey : e la sentencia del dit serventesoh era aytal,
qu'el dit senyor infant li dix en aqnell, que significava
la Corona e el pom e la yerga, e segons la sigiüfican^a,
lo senyor rey qne debia fer>^ Das serventeioh besagte nach
Mnntaner, dafs die Krone durch ihre Rnndang Gott be-
deute, der auch nicht Anfang und Ende habe, und dais
mit ihr der Fürst die Krone der himmlischen Glorie ge-
"vnnnen sollte; das Scepter (vara) aber bedeute, weil es
trs Dama, welche sich in den Joyas del Gay Saber finden, alle Ton
Versen von 7 Silben und in dieser Ordnung: ABABCDCDAB etc. und
eine catalanische (obgleich von 4 Strophen) vielleicht aus dem Ende
des XnL oder dem Anfange des XIV. Jahrhunderts.
Resp6s. Flor de lir, Verge Maria
Xantaray fort de bon cor
Vostre laus ab alegria.
1^ estancia. Verge de gran alegran^
Can rängel del Salvador
Vo8 aportet salndan^
De Dien qui es payre e senyor
Don conceb^s sens feania
Veray sol de gran claror
Poder6s sens maestria.
Tomada. Per nos pregau, Verge pia,
Vostre fiU lo Salvador
Que-ns meta en bona via.
In den danzas des Infanten £N Pere sieht man,' dafs das reapos
(vielleicht ein estribillo) im Chor gesungen wurde. Mit estribillo oder
nur mit der Gorrespondens der Reime werden wir modernere catalanir
sehe Beispiele finden. Mit der Form der alten danzas bieten vielfache
Aehnlichkeit die castilischen Letrillas und Villancicos und vor allem un-
sere Goigs (Gozos : lyrisch erzählende Gedichte) dar. In den letzteren hat
sich noch mit ihrem eignen Namen die Tomada erhalten. Mit,unter hat
die Strophe diese Ordnung, welche ihre beiden Theile verknüpft:
CDDCCBBA.
^) Nach dem, was aus den Worten des Chronisten geschloäHen
werden kann, durfte man dem Namen serventesch hier nicht die klassisch.
provMizalisehe Bedeutung geben, sondern eine andre, volksmäfsigere und
weitere. Das vorher citirte Servents ist auch von moralischem Inhalt
(vgl. £. du Meril, Jahrbuch I, 9). Später werden wir jenen Namen
einem Gedicht von Puig in Form einer danza gegeben finden.
J44 ^^* y PontaDsls
gerad und fest sei, die Gerechtigkeit, und der Apfel, den
der Konig in der Hand trüge, die Reiche, die er mit
Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Milde regieren sollte.
„E apr^s com lo dit Romaset hach dit 16 dit serventesch,
EN Com! dix una canso novella que hach feyta lo dit
senyor infant EN Pere e per 90 com EN Coml canta
mills que null hom de Catalunya donala a eil que la cantas.
E com la hach cantada, callä e Ueva-s EN Növellet
jutglar e dix en parlant DCC versos rimats^) qu'el dit
infant en Pere haviä novellament feyts. E ia tenso e el
regiment öot© tot al regiment*) qu'el dit senyor deu fer
a la hordinaciö de la sua cort e de tots los seus offidals
(cap CCXCVIII)."
Der König EN Pere.
Von dem Konige D. Pedro IV. (R. 1335—87) el
ceremonioso oder el del punyalet^ welcher in seiner Ju-
gend, wie es scheint, Liebesgedichte verfafste (D'amor
no xant axl com far solia) sind uns die folgenden Dich-
tungen erhalten:
I. Arch. Ar. Sig. secr. 129. Cobles fetes per lo
senyor Rey. Vetlan ^1 lit suy'n un penser cazut. —
Zwei „estancias croadas unifonants'' mit regelmafsiger
tornaday obgleich es nicht der Titel besagt. Rathschläge
für die, welche den Ritterschlag empfangen wollen, von
wem und wo sie ihn nehmen sollen. Er schrieb dies Ge-
dicht schon im Alter (me trop en anys avant empes),
II. Ib. 133. Mon car fill per sent Anthoni. —
17 Verse in .volksmäfsiger Weise (de tono vulgär)^ alle
in oni oder in at^ im Jahr 1379 an seinen Sohö D. Juan
gesandt, ihn wegen seiner Vermählung mit t)* Violante
de Bar tadelnd.^)
1) Es mochten Keimpaare (pareados), novas rimadas, sein, eine
Poesie, auf welche man einen specielleren and ehrenvolleren Namen
nicht anwenden konnte.
^ Diese Stelle ist (lunkel und gibt keine Aufklärung über den
Inhalt der canso. Steht temo- hier für raao^
*) Es gehören auch in diese Regierung die Verse, welche der Pfau
(pavo real) bei dem Bankette zur Krönwiigsfeier der D* Sibila mit-
CslalaniBche Dichter. X45
Währesd dieser Kegiertmg beginnt str^ig genommen
die Schiüe unsrer secundären Troubadours (trovadorea
seoundarios)^ welche man catalano-lemosinische nennen
kann, wdl der Grund ihrer Sprache zwar catalanisch ist,
sie sich aber bemühten (ohne Zweifel um ihren Dich-
tnngea duen mehr literariöohen Charakter zu gehen),
häufig Lemosinismen (Provenzalismen) ^) anzuwenden, -r-
Während dieser Regierung wurden 1356 in Toulouse
Ton Molinier die Leya d'amora yerfafst^ von denen man
in Catdloni^i eine Abschrift erhielt, femer das Compen-
dium eines Theils von ihnai von Castellnou, dem In-
fanten EN Pere, Onkel des Königs^ den wir als Dichter
kennien lernten, gewidmet; der Dictionari des J. March,
die Glosa des Castellnou oder Verbesserungen zu dem
Dootrinal in Versen des Bamon Comet, gewidmet dem
Dalmau de Bocabert^, und vielleicht noch andre Abhand-
lungen, wovon sich Nachricht erhalten. Von da an seh^i
wir die von der Toulouser Schule bevorzugten metri-
schen Formen gebraucht, einen wissenschaftlichen und
fast mechanischen Bau des Satzes und de» Verses^ und
Bezeichnungen entlehnt dem Buche des Molinier.
Hessen ^) Jacme March.
Die ältesten Personen diese(\ Namens, die wir in der
Geschiphte kennen lernen, . sind Pedro und Berenguer,
brachte, und welche aufforderten, ritterliche Wunsche nach' der Sitte:
De leB gratis corts d^Inglaterra e de Fransa darzubringen (s. meinen
Aufsatz: De sJgunas re^resentaciones catalanas, in der Mevista 4e Ca^
taluna, Tomo 11, p. 72).
^) Wie heu oder eu (wenn es sich auch einmal in catalanischer
Prosa findet , so ist es eine Ausnahme) ; jo oder yo — aycel : aquel oder
aguell; — ley: ella; — Dteu: Deu; — mayre: mare; — Peyre: Pere; —
mi-dons oder mi dona: ma dona; — razo: raho; — plazer: piaer; —
guazanyar: guanyar ; — croiz: creu; — seser: seure; — layre: ladre; —
provechj amech (im Catalani sehen findet sich caechj stech und einige
andere): |)roüa, ama; — vey.veig; — emisom; — pauch (i^roY. pauc):
poch etc., der Gebrauch des euphonischen z und die Anfügung des »
an Nomina im Singular, obwohl zuweilen unrichtigerwöise in den Casi-
bus obliquis.
2) Massen^ wofür sich auch Mosen findet, Contraction von Monsenyer,
ein Titel, welchen man damals den Rittern gab, der spater aber weiter
ausgedehnt wurde und zuiftzt sich auf die Geistlichen beschränkte.
146 ^^1^ y Fontanals
die den König D. Jaime auf seinen Kriegen gegen die
Moren von Valencia begleiteten, wo sie mit Erbgatem
bedacht wurden (Ribera: Prim. cent dellnst. de la Merced,
p. 533). Ihre Nachfolger müssen die theils catalanischen,
theils Valencianischen ^) Dichter dieses Namens sein. Der
Dichter Jacme Maroh kann nicht der ,Sr. de Alampmnä
(Eramprunya) sein, welcher so besondre Auszeichnungen
von D. Pedro IV. erhielt und eine Erzählung von seinem
Ritterschlage schrieb, denn er war 1376 gestorben (Id.
20 u. 534, Peliu: Anales II, 272). Es wird vielmehr der
Ritter (vielleicht der Sohn und Nachfolger des vorigen)
der Waffenträger (ugier de armas) desselben Königs sein,
der ihn 1378 mit königlichen Auftr%en (reffios negociados)
nach Mallorca sandte, oder auch (wenn es nicht derselbe
ist) das Mitglied des in Barcelona residirenden perma-
nenten ständischen Ausschusses Cataloniens ^, als dessen
Schuldner für eine gewisse Summe der Konig D. Martin
sich erkennt (Torres Amat), und der in demselben Jahre
starb (Fei. II, 342). Von diesem Ritter oder von einem
der beiden andern konnte die Ghaillermina d^Esplugues
die Gemahlin sein, welche als Wittwe 1400 starb und
in einem Kloster von Valencia begraben wurde (Fuster).
Es ist nicht glaublich, dafs ein andrer Ritter desselben
Namens, Vertreter des Ritter -Armes auf den Cortes von
1413 (Compromiso Caspe III, 107), der Dichter wäre.
Wie dem auch sei, dieser lebte 1371, in welchem Jahre
er den Dictionari verfafste, und 1393, wo D. Juan I. ihn
und Luis de Aversö zu Magiatros et Defemores (maestros
1) Ohne die geringste Bedeutung iler Frage beizulegen, behaupten
wir, dafs Auzias unzweifelhaft Valencianer war, Pere sein Vater scheint
es zu sein; Jacme scheint mehr wohl ein Catalane, von Amau aber
wissen wir nichts. Zur Zeit des Gil Polo (Canto del Turia in der
Diana) galten alle schon für Valencianer. Gerda y Eico, in den An-
merkungen zur Diana p. 291, will sogar die catalanische Abkunft der
Familie leugnen, indem er sagt, aus dem Bepartimiento de Valencia
erhelle, dafs die Marchs aus Jaca stammten. In dem Rep. (Doc.
Arch. Ar. XI, 156) finden wir i. J. 1237 unter den Leuten Yon Jaca
einen J. de Mar^ (sie)
^ „General de Catalufla'S s. darüber Obert, Quellenforsch. aus
der Geschichte Spaniens, p. 87. • D. Üebers.
CataUnisehe Dichter. X47
mantenedores) der Qaya Gieneia ernannte, damit man ver-
mittelst der letztem in Barcelona jährlich das Fest der
.Jungfrau Maria im Monat März feierte. ^)
I. C. P.2) 128. (Strophen von 10 Versen: 4 croats,
2 appariats, 4 croats, uni9onants) Jacme March, cobles
de fortuna.
1. Qaant heu cussir*) | en los fets mtmdanaU,
Totes les gents | vey regir per fortuna,
Segons lo cors | del sol e de la lnna:
Les plenetes | fiin obres diyinals
^) Arch. Ar. Div. 3 Joan I und auch T. A. jedoch mit dem MiTs-
verstandnifs : Marti für Marchu Die Ernennung erfolgte auf das Ge-
such der beiden Dichter : supplicantibus nolns . . . vobis . . . Jacobo Mar-
chi milite et Ludovico de Averceno cive Barchinone. Von Aversö kennt
man nichts weiter als den „Torcimany del Qt^y Saber«'. Er mnfs der
„honorable EN Luis de Aversö eiutada de Barcelona« sein, von dem
Parlament dieser Stadt 1410 ernannt, die Edicte (bandos) von L^rida zu
recognosciren, und der 1411 „missatger** desselben Parlaments bei den
Jurados und dem Consejo general von Mallorca war (Compromiso Caspe
I, 248—345; H, 199; HI, 69).
*) Can^oner de Paris. Auszüge von Tastu, ver^entlicht von Torres
Amat und später von Ochoa. In den kurzen Fragmenten und den
Varianten, die wir copiren, werden wir das Blatt (foiio) nach Tastd
anzeigen und seiner Lesart folgen, indem wir nur die offenbaren Irr-
thümer corrigiren.
S) Cu88ir für cosHr (considero). Nach der (Ton uns an einem
andern Orte festgestellten) Regel der mitunter eigenthümlichen Aus-
sprache Cataloniens tritt das a an die Stelle des e und das u an die
des o in den unbetonten Silben. Dieser Gebranch infiairte auf die
Handschriften: axir für «xtr, daver für dever, matrete für metretz und
so sehr viele andere; « für Ao (hoc), wovon man auch im Provenzalischen
ein Beispiel findet, cusair für couir und manches andre. Dies brachte
Unsicherheit namentlicfa im Gebrauche des a und des e hervor, und
man schrieb in das entgegengesetzte Extrem verfallend mitunter e wo
man a setzen mulste: pertit für partitf ebrieh für cUfrich, eytal für aytcU,
me für ma etc. — Ebenso rief die Unterdrückung des r in Wörtern,
in welchen der claesische Gebrauch es forderte, z. B. smyoe iür genyors,
durch dae natürliche Reaction den Gebrauch hervor, es mitunter da
zu setzen , wo es nicht stehen durfte ; cars für c<u (von ctuaus)^ predor»
fax precios (von preiiosus). Jedoch diese und andre Anomalien, wie U
für /: leyall für leyal, cabaü für cabal (sp. caudal; nicht mit cavall:
caballo zu verwechseln), und der capriciöse Gebrauch des « bei den
Nominibus des Singular müssen den Abschreibern vielleicht mehr als
den Dichtern zur Last gelegt werden.
148 ^i^^ y Fontanals
Ffass^n^) lar prou | o lor dan a vegades,
Axi qne *1 mon | es pertit per jornades.
Mas Deu no vol | Tarma sia sotmesa
Fforeivolment | aytal astre segnir *) ,
Ans la raho | pot e den ben regir
Lo cors , don han | entre si grau comptesa. ^
Aber in der Welt entsprechen das Glück und das
,IIeil nicht dem Verdienst.
E sino fos I com dins mon cor m'albir
Qu'atre mon^ es | mellor per avenir ,
Hagre del tot | la mi' arma malmesa. ^)
Also darum, Freunde, bekämpft das Schicksal, liebt
die Freunde und dienet Gott. — Es sind zwei Tomadas.
1. Dens en cuy es | tota virtuts compresa
E s^) ha format | los als (cels?) e'ls fa irogir.*)
Pot si li play | astre mal convertir
E tot affan | tornar en gran bonesa. ,
2. Columba pros | supliquem la nautesca')
De Deu que-ns gaart | d'arrar e de fallir
Volent nos aut | en lo cel acullir
Qu'es guauigS) sens fi | e complida riquesa.
II. M. 5. Bibl. Colomb. (Cerdä notas al GU Polo).
Libre de concordances, de rims e concordans, apel-
lat Dictionari, e primerament tracta de les vocals, e apres
de les müdes segnen Forden (?) del A. B. C.
1) Wir setzen den Accent bei den Wörtern, welche den Ton auf ^
der letzten Silbe haben und in einen Vocal, 8. oder n eines Verbam
endigen , und bei denen, welche den Ton auf der Yorletzten haben und
in einen Consonanten endigen, der kein s oder n eines Verbum ist.
2) Die Planeten machen göttliche Werke, indem sie mitunter ihren
(der Menschen) Nutzen, mitunter ihren Schaden Tcrursachen, so d&fs
die Welt in gute und böse Tage zerfällt; aber ißott will nicht, daCs
die Seele gewaltsam dem unterworfen ist, einem gewissen (d. h. eiii;em
bestimmten) Gestirne zu folgen.
«) contienda, lucha.
*) hubiera echado a perder, destrozado mi alma.
^) Das 9 kann drei Geltungen haben: s suelta = euphonischem x^
ohne Bedeutung; -s = reflexivem se; 's = es, 3. Person Sing. Ind.
von esser.
*) dar vueltas. Vogit ist noch immer eine Art von Achse, ein
Stuck der Maschinen, welches dreht (da vueltas).
^ altura, prov. nauteza.
^ guauig (T. A. guanig), guaig, gaug, goig: gozo.
Catalanische Dichter. J49
Presentaciö e Prolec del libre de concordances apel-
lat Dictionari, ordenat per EN Jacme Marc a instancia
del molt alt e poderos Senyor EN Pere per la gracia de
Deu Rey Daragö: e feu (1. fon) fet en lany M. CCC. LXXI.
(Appariats.)
Den e raho ha mos cinch senys forzats,
E mon Senyor, a cuy me son donats,
Qu'al siey senrir, cullirs (1. oallis) de töts los sims
A flor a flor concordances de rims,
E qu'en fases de tot an exemplari,
Lo qnal compost a nom Dictionari.
Pero no yuU que s a mi Jacme Marc
Sia notat, que de tot fay-me carch:
Car ja d'altres n'avien molt tractat,
Mas al meu seny yo The mes ampliat,
E diviset, seguint la dretxa via
Del A. B. C. si com far se devia;
E tot primer e (es?) le (lo?) comensaments,
Yocals, fioaU e müdes precedents,
Puix es apres de les müdes finals.
Mas del comenz del libre perqn'es tals
VuU que sapia la rahö mon Senyor.
L'Esprit (1. Esperit) Sant que (qu'es ?) ych ^) per nostra honor,
Qui-s Yolch mostrar en semblant de colomba^
Auzell sueu (suau?) e pur ab blanca plomba,
Beneslra sil play nostres dictats,
Si que per tuyt ne sera mays presats,-
£ mais grasits, car sens Den nuUa re
No podem far qui fenescha en be.
La altra raho ^) es per dret de natura.
Colomba es auzell de molt gran cura
De SOS pach- (1. pauchs) fills, que fort soven noyrex,
Si que'n breu temps son linatge molt crez.
1) ycA, obgleich man ihm sonst auch begegnet, halten wir für
einen Latinismus = hie; ebenso wie wir später nunquam finden und
noch adhuc sagen.
^ Wie schon Gerda vermuthet hat, mnfs sich in dem Codex eine
Tau6e gemalt finden.
*) Der Dichter gibt drei Gründe dafür an , das Emblem der Taube
gewählt zu haben; der erste ist ein religiöser, der zweite der natürlichen
Fruchtbarkeit der Taube entnommen, der Vervielfältigung der Reime
vergleichbar, womit das Dictionari vermehrt werden konnte, und der
dritte, da das Wort Colomba das divia ist, welches derselbe Dichter in
seinen Gedichten (wie wir in der That in dem vorausgehenden sehen)
gebraucht und das er so lange er lebt, zu gebrauchen beabsichtigt.
150 ^^^^ y Pontanals
Aquest dictst, si hom be 8i apriina>),
Fora cr^zer axi de rima en rima
Car tot sauber no cap en una testa,
Segons que trob en una ley *) que'y (1. qu'ey) lesta :
Perqu^ aycells qni aso leg^ran,
E mais de'rims de aquets trobaran,
No repten mi, si be no'ls he tots vists
Car Dens es sols qui s en tots faits avists ^.
Enapr^s dich que la colomba y mis
Per zo com es aquest lo meu divis,
Que tinch ai cor e als pits a vegades:
Et enquer mays que (qu'en?) les mies tornades
De mos dictats sapiats que no-m oblida,
Ne fara may tan cant sia ma vida.
Per zo, Senyor, que tots tems que lijats
Aquets dictats, de me siats memhrats,
Qui-us suy de cor hnmil en vos servir.
Dens prech que-m (1. qne-us) larg en tot fayets
(1. fayts) a venir
Tot en axi com vostre cor desira,
Ab salut gran y engrat (e-us gart?) de mal e d'ira,
E-us do honor de vostres enemis.
Et en apr^s cent anys en paradis.
lu demselben Werk gibt er als Beispiele drei Stro-
phen; eine von ihnen, die ein Beispiel von einer cobla
derivativa sein soll und verschieden von denen, welche
die L. A. (I, 186, 274) geben, ist, lautet also*):
Si a Deus plagues que m*agues format bell
Per leys servir qui me 's sus tota (1. totes) bella
Fora sus tots los aymadors isneil
Tant cant ill es sus les altres isnella.
E pus nol plats, es drets que me no playa (play?)
Mas ges per zo de Hey servir no-m tull;
Ans la supley qu'ella de mi no-s tulla
Sino sera-m de tot mortal la playa.
^) se aplica con sutileza. Aprimar von prim: delgado oder sutil.
^ Dies Gesetz, welches der Dichter gelesen, ist ohne Zweifel die
Stelle von B. Vidal: „greu trobar^s negun sahen tan fort ni tan pri-
mament ditz que us hom prims no i saubes melhurar o maüi metre.<'
>) avieta wahrscheinlich für avis. Vgl. fr. aviaer,
*) Man beobachte die besonders provenzalisirende Sprache dieser
Strophe (obschon mit einigen 'catalanischen Formen). Das provenzali-
sche (und beinahe deutsche) Wort imell findet sich in catalanischen
Schriften wenig.
Catalaniflcbe Dichter. }5l
in. C. Z.J) (in Tant mon voler de Tirroella) 192.
Parle Mos. Jacme Marcb.
Vn soptos pler m'es vengut per lo veure
Fent^me pensar e conzebre desigs
Qui no-s pertra de mi ho (1. o) no-m (no-u?) poch creura
Pu8 calitat veig star en lo migs
E a-m (1. ha-m) creseut un tan strany voler
Qui per son nom es nomonat amor
Que-m toll lo seny, dentiment he (1. e) saber
E fan que may he gustat tal sabor «...
Der König ES Pere, Jacme March und der Vefoomte
de Socaberti.
Der Dichter Vizegraf von Bocaberti muf» derselbe
sein ^), welchem Castellnou seine Glosa widmete. Er hiefs
Dalmau und war der Sohn eines andern Dalmau, welcher
1323 das Schlofs Caller belagerte (Zurita II, 49). ») Es
scheint, daTs nicht der von Sardinien, sondern der Sohn
der sein muTs, welcher um 1362 in den Kriegen Arago*
1) Cancionero de Zaragoza. Obgleich der ausgezeichnete Professor
und Schriftsteller Borao und vor allem unser vortrefflicher Forscher
Aguilo sich mit diesem Codex beschäftigt haben (und der letztere auch
mit dem Jardinet de brats), so hat man doch keine andere Nachricht
davon als die der Anmerker Ticknor's und die viel ausführlichere und
instruetivere des D. V. Ralaguer (zuletzt gegen Ende des 3. Bandes
seiner Geschichte von Catalonien wieder abgedruckt), welche — in dem
Theil, den sie erreicht und zwar vermittelst der Rectification verschie-
dener Punkte — uns die Arbeit bei der Untersuchung des Codex er-
leichtert hat. — Als der Yerüasser der Note bei Ticknor den Codex
untersuchte, hatte seinen Rand noch nicht ein unwissender Buchbinder
beschnitten und man las noch die Namen der Verfasser von Poesien,
welche jetzt als anonym erscheinen; indessen haben wir durch sorg-
föltige Untersuchung der untern noch übrigen Partie manches Titels
und durch Beobachtung der divis oder senyals den grölsten Theil
der Dichternamen wieder herstellen können.
^ Tarawa (Cron. dels Cav. cat M. S. Bib. bare. f. 86 u. 87) zählt
nur zwei Vizegrafen Rocaberti mit dem Namen Dalmau in dem 14. Jahr-
hundert, und ihnen gehen voraus und folgen zwei Jofres. Da das
Gompendi von Castellnou einem Dalmau, Sohn eines andern Dalmau,
gewidmet ist, so mufs dies der zweite sein.
') Nach Tarafa irrthümlich zur Zeit der Expedition Pedro's IV.
1454. Ebenderselbe glaubt, dafs es der Vater war, welcher Dugues-
clin folgte.
152 Mila y Fontanals
niens eine Rolle spielt (Fei. II, 272) und der vor 1369
mit Dugnesclin nach Castilien gegen D. Pedro zog (Frois-
sart, Lib. I, Chap. CCXXXII). Der Sohn war es, wel-
cher 1382 von dem Konig von Aragon znm General der
nach dem Orient gesandten Armada und zum Vizekonig
der Herzogthümer Athen und Neopatria ernannt vnirde
(Fei. II, 304), und der in kurzer Zeit den Artal de Ala-
gon nothigte, die Belagerung des Schlosses von Agosta
aufzuheben, wo Roger von Moncadä und die Infantin
und Konigin von Sicilien, Maria, eingeschlossen waren
(Cron. de D. Pedro, 397; Fei. ib.). Später aber schlofs
er sich dem Infanten D. Juan an, der durch seine Ver-
mählung mit Dona Violante bei seinem Vater in Ungnade
gefallen war (Fei. 11, 311). Nach dem Tode D. Pedro's
war der Vizegraf der Günstling der neuen Herrscher.
1379 und 80 finden ;peir ihn in Frankreich; es handelte
sich darum, zwischen dessen Konig und dorn von Aragon
ein immer engeres Bündnifs herzustellen, und man be-
schlofs sogar eine Zusammenkunft (1389). Die Königin
schreibt ihm häufige indem sie ihm Neuigkeiten (novells,
novells ardits) mittheilt, und darum bittet, worauf sie
sehr erpicht war. ^)
Cod. bare. ^) Questio entre lo Vepcomte de Rocha-
bertl e Messen Jacme March sobre lo depertiment del
i) Im December 1388 : „ . . . qae pus d'escriure los (novells ardits)
nos sots caresti6s e pereös, vingats d'aquells ben carregat e ple per
tal que'ls nos recitets de peraula" (Arch. Ar. Cur. sig. sec. I. Reg.
lolandae, f. 85). Ein andres spätres Schreiben sagt noch: „E rescri-
vets nos com pus soven porets de tots novells ardits que aqui sien car
cosa es en que recebre gran piaer <*; und in einem andern dankt sie
ihm, „per los novölls", welche er ihr mittheilt, „majorment per les
festes e solemnitats fetes per nöstre frare molt car lo rey de Ffranca."
In einem andern Schreiben findet sich das Wort ardit allein in dem-
selben Sinne von Nachricht (noticia).
2) Dieser Codex, der im Besitze eines Privatmanns, wurde von
dem Canonikus Ripoll copirt und von T. A; (art. J. March y Rocaberti)
veröffentlicht. Im C. Z. findet sich dies Gedicht unter dem Titel:
„Tenso moguda per lo ve^comte de Rocaberti a Mos. Jacme March. <<
Und die 3 Strophen des Königs fuhren die Titel: „Lo rey ... La
sentencia ... La condempnacio. "
Catalanische Dichter. 153
estiu e del ivern. Mossen Jacme 8i-us platz vullatz
triar. — 13 Stanzen tmifonants, und nur mit 2 Keimen
(ABABBAABB), die Strophen zwischen den beiden Strei-
tenden wechselnd. — Sentencia dada sobre la dita questiö
e depcrtiment per lo senyor Rey EN Pere. 3 Strophen
von derselben Form.
MoMen Pere Maroh.
Mossen Pere March, Schatzmeister (teaorero) des
Duque real von Gandia, war im Jahre 1395 mit Leonore
Ripoll, einer Enkelin von Francisco Juan Ripoll, Herrn
von Genoves, vermählt, wie aus einem Codicill von die-
sem Datum, in Xätiva aufgenommen, hervorgeht. Pere
March machte vor einem Notar derselben Stadt am
22. December 1413 sein Testament, worin er als Sohn
den Auzias nennt. Santillana, Proemio XIII: ,,Pero March
el Viejo valiente y honorable caballero £90 asaz fermosas
cosas: entre las cuales escribio proverbios de gran mo-
ralidat."!)
I. C. Z. 204 — C. P. 126. (Croada. uni^onant).
1. AI pant c'om naix | comence de morir
E morint creix | e creixen mor tot dia,
C'un pauch momeat | no cessa de far via,
Ne per menjar | ne jaser ne dormir,
Tro per edat | mor 2) e descreix amassa,
Tan qu'aysi vay | al terme ordenat
Ab dol, ab gnaig | ab mal^, ab sanitat;
Mas pus ayan | del terme null hom passa.
') Dieser Pedro Marcb kann nicht der sein, welcher seit seiner
Jugend Alfons V. diente und 1420 sein Schatzmeister war (Ribera 535),
und ebenso wenig sein Sohn, denn es findet sich keiner dieses Namens
in dem Testamente jenes.
^ Es scheint es müsse heifsen mort^ indem der Sinn sei: „hasta
que por edad, [causas de] muerte y degeneracion amontona. << Indes-
sen könnte man vielleicht lesen: „mor e descreix a massa/* Massa:
demasiado; bei 6. Riq.: ab massa de . . . — C. Z. mor, destruix e z
amassa (s'amassa?).
3) C. Z. ab guaig, ab mal, ab pler.
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 2. JJ
X54 ^>1^ y Fontanals
2. Trop es cert fayt | que no podem gandir ')
A la greu mort | e que no-y val ibetgia,
Ffor^a ne giny') | ricat ne senyoria,
E trop incert | lo jorn que deu venir,
Com, quant ne hon | que tot arn^s trespassa;
£ no-y te prou*) | castell, mur ne fossat,
£ tan leu pren | lo neci co*l senat^)
Car tots hem uns | e forjats d*una massa.
3. Be sabem tots | que hich havem de exir^)
O tart o breu | que no-y val maestria ^) ;
Breu es tot cert | qui pensar bo sabria,
Mas lo foU hom | no s'en dona cossir:
Que remiran | sa cam bella e grassa
£*1 front polit | e lo cors ben tallat,
Ha tot lo cor | e lo sen applicat
Als fayts del mon | que per null temps no-s Uassa.
4. V Si be volem | un petit sovenir
Com som tots fayts | d'avol merxentaria
£'1 sutze ^ loch | hon la mayre-ns tenia,
£ la viltat | de que-ns hac a noyrlr,
£ nexent nos | romas la mayre lassa,
£ nos ploram (ploran?) | de fort anxietat
Bntram al mon | ple de gran falsedat
Qu'ades al^iu^ | e ades nos abrassa. '
5. O vell poyrit •) | e que poras tu dir
Qui-t Teus nafi&at | tot jorn de malaltia?
Missatge ^O) cert | es que la mort t'envia
E tu no Yols I entendre ne auzir^i);
Mas com a^*) porch | qui jats en la gran bassa
De fanch pudent | tu-t bolquesi*) en peccat,
Dis^n, tractan | fieiss^n tot mal barat i<)
Ab lo cor falp | e la ma trop escassa.
1) huir, evitar, lit. garantir.
«) ingenio. C. Z. seny.
>) no tiene en ello provecho; no aprovecha.
*) y tan fäcilmente toma (arrebata) al necio como al sensato.
«) hich C. P. ych. exir C. Z. axir.
') astuda, C. Z. e que no-y mestria.
^ sucio.
•) que ya mata, ya abraza (acaricia). Al^iu = aupiu = occin.
«0 C. P. podrit.
**•) Mensaje.
») C. P. hoyr.
12) Obgleich im Prov. coma geschrieben zu werden pflegt, folgen
wir dem catalan. Gebrauch.
^') te revuelcas.
") cambio, trato. C. P.: molt mal barat.
Gatalanische Dichter. 155
6. De cor pregon >) denriem advertir
En Testat d'om | qui tot jom se cambia,
Que'l ric es baix | e'l baix pren manaatia ^ ,
£1 fort es fiac | e*l iSac sab enfortir;
El jove sa | dolor breament Tabrassa')
E mor ten leu | co'l vell despoderat
E'l Teil mesqni | fay leho de son gat *)
E pense -poch | en la mort qui*l manassa.
7. Den sap perque | lexa mal hom regir
O folls o pechs I e los bons*) calnmpnia,
Que tal es bo | com no te gran batllia
Qa'es fer e mals | si-n (si-n?) pot aconseguir;
E tal hnmil | qaant es monge de Grassa
Qu'es ergullos | quant a gran dignitat,
E tal regeix | una nobla ciatat
Ffora millor | a porquer de Terra^a. «)
8. Qui be Yolgues | a Dieu en grat servir
Ez en est mon | passar ab alegria
Tot son Yoler | a Dien lexar deuria
E no pas Dieu | a son yoI^ convertir;
Gar Dieus sab mils | a qui tany colp de massä
Per acabar | o qui tenir plagat
Per esprovar | o fer ta Tolnntat
De 90 del sieu^ | e que-s raho que-s fassa.
1) profundo, de lo hondo del corazon.
^ manentia (riqueza).
8) C. P. la (lo?) cassa. ^
*) hace leon de su gato. Wohl sprichwörtlich, um unbegründete
Hoffiiungen zu verspotten.
^ C. Z. Ila9 bens. Die Lesart des 0. P. ist vorzuziehen. — los bons
calumpnia: los buenos hiere, aflije.
•) Cjrasa in dem Rosellon, Terrasa in Cat. Vielleicht eine An-
spielung auf bestimmte Personen. Der Dichter mochte nicht die Er-
hebung geringer Personen: „Ney (sie) hom trop baix pux*en granda
baylia" (Tots grans).
^ Obgleicb vol als Nomen „vuelo" bezeichnet, scheint es hier
für voler (3. pers. pres. vol): querer, voluntad, zu stehen; mills :
mejor (que nosotros); tany: toca, es entspricht atafle. C. P. aqui-s
tany.
^ de lo que es suyo. (7o de N, bezeichnet immer: propie-
dad de N.
11
«
J56 ^ilc^ 7 Fontanalfl
Tomada.
Del Payre Sant | ay ausit qaan trespassa »)
D'aycest exill | al juhi destinat ^
Que ditz: „er fos | eu un bover*) estat
Qu'onor del mon | a peccatz embarassa. " *)
Endre^a.
Heu Peyres Marcb | pregui *) Den que luy plassa
Donarme cor | e voler e8for9at
Que-8 ab plaser | pendra Tadversitat
£ sens erguU | lo be que breument passa.
IL C. Z. 105 v^. (Croada uni^onant).
1. Cest fals de mon | no'l presi hun pug^s^)
Car tot lo trop | ple de mals e d*engan,
De Tanitats | de dolor e d*affan,
Has qu*en faray | com fa *1 rey d*un pages ^
Que Tol lo sieu | e no yol sa paria,
E pressa '1 pauch | mas que s'en vol servir
E quant lo pert | no s'en dona cusir
Si com de re | que (1. de) tan pauca valia.
Endressa.
Mayres de Dieu , | humils Verges e pia
Per servidor | me tuII a vos oflfrir
Per que d'est mon | eu (en?) pusca desrenclir^
Tot lo que vos | desplagues si-u fasia.
Tomada.
Mas val donar | que mandicar tot dia,
£ comendar | que mandament sofrir,
Pero ben lleu | pot hom en tot fallir:
Deu nos laix £ar | 90 que millor nos sia.
') Man sieht, dafs er im Allgemeinen Ton dem Augenblick des
Todes der Päpste spricht, und nicht von einem bestimmten, wie Tastii
glaubte, vielleicht von der Lesart verführt, die er aus dem CC. P. gibt:
„ Del payre hom aussi quan trespassa**, welches in diesem Falle ireapaaad
lauten müfste, was nicht in das Metrum des Gedichts pafst.
2) C. Z. a juhi de Trinitat.
3) bover: guardian de bueyes.
<) enreda para pecar.
») C. Z. En Peyres March pregats — Donarli.
^ Moneda pujesa = pictavina 6 picta; de poco valor como las
meajas (mallas) y dineros (Salar, Mon. de Gas. 115 y 116).
^ aldeano, labrador (de pagvm),
®) abandonar (derelinqnere).
Catalanitche Dichter. ]^57
III, C. Z. 203) C. P. 125. (Croada uni^onant).
Jo-m merayell i) com no-s vea qui huUs ha.
Es findet sich Tornada und Endre^a:
Tornada.
Prengae xascüs | segon la su'abtesa
D'aycest dictat | algun milloramen ,
No guardan me | ne mon defallimen ;
Car tal sab dir | qui ha pauca bonesa.
Endre9a.
Verges hnmils | Corona de noblesa ,
Mayres de Dien | per nostre salvament,
Preyats per mi | vostre fill axellent
Qu*en tot be far | me do gran fortalesa.
IV. C. Z. f. 107. (Croada e appariada la meytat uni^onant).
1. Tots grans senyors | qui be vol avenir*)
En far sos fayts | los passats dea membrar,
E los presents | ab consell dispensar
E 'sser prenst | al (1. als) qai han a vemr;
£ so que pot | espetzar ') en un dia
No dar da (tarde?) pus | qu'en (qu'nn?) pauch de res des via
Lo temps e 1s faits | e'l cor d'om examen:
E'l fay es cert | e'l farai es nien ^) . . . m
V. C. P. 127. (Croada uni9onant).
1. Gert qui so fay | don li den seguir dan
AI arm' e '1 cors | per sola voluntat,
Que no'l constreny | pnnt de necesitat,
E (1. Es) foU o pech | o parent de tiran
E si per 96 | Deu li dona dampnatge;
En cors o bens | Deu (ben?) li deu trop grasir,
Car mes li val | say lo deia punir
Que si dellay | pren Tinfern per statge ....
1) C. Z. Jo 80 meravellat, equivocadamente haciendo el verso de
12 silabas.
^ concertar, mantener en concordia.
^ despachar, terminar.
*) El hago (presente) es cierto, el hare (futuro) no es nada. —
Wir setzen keine Tomada, weil, obgleich in dem Mscpt. die Zählung
fortgeht, ein Blatt fehlt.
158 ^'^^ y FontBnals
Er spricht von der in der Welt unter den clercha,
.Cdballers^ lauredors^ marchan und m^n^^^rab festgestellten
Kangordnung.
Tornada.
Rey den haver | tot bon cor de paratge^),
Sauver de clerch | per los faits descemir,
Cos de pages | per tot affany soffrir,
Ffay mal trencar | a* ytal rey bomenatge. *)
Jaome nnd Pere March.
C. P. 103 v^ Cobla equivocada ') feta per Mossen
Jac. March a Mossen P. March. — Ib. 104. Kesposta feta
per Mossen P. March a Mossen Jac. March. — Coplas
clnicas. (T. A.)
Lorenz MalloL^)
I. Cod. Bare. (Croada capcaudada), Vers figurat*)
fet per EN Lorenz Mallol. — Sobre '1 pus alt [ de tots los
cims d'un arbre. — Der arbre ist la vera crotz; das Vog-
lein, auzelety ist ihus lo salvayre etc. Es sind zwei Tor-
nades: die erste an „Unsre IVau", Mon rieh thesaur; die
zweite lautet:
O vers si-t play | vay-t' en al consistori*)
Del gay saber | qui^s nomne per lo mon,
E en (En?) sopleyan | als senyös set qui-y son
Que-t Yullyen dar | esmenda y adjutori.
1) nobleza.
^ Mala cosa es romper a semejante rey el bomenaje.
^ Cobla equivocada ist in den L. A. (I, 278) die, deren Verse in
bomonyme Wörter endigen; fi (fino): fi (fin).
*) Nacb der Spracbe und weü sie sich in demselben Codex als
die Tension von Rocaberti und J. March finden, glauben wir Mallol
und die folgende anonyme Dichterin annäherungsweise ans derselben
Epoche als jene.
») In den Joyas del Gay Saber (p. 33) finden wir einen „Vers
figurat et declaratiu« von 1453.
*) Das Consistorium von Toulouse und nicht das von Barcelona,
dessen „mantenedores" nach E. de Villena nur vier waren. Folglich
kann das Gedicht vor 1391 gesetzt werden.
Catalaoische Dichter. (59
IL Ib. (Croada solta). Escondit*) fet per Lorenz
Mallol. — Molt (1. Moltes) de vetz | dompna-m cuy — pre-
sentats. Er vertheidigt sich, gesagt zu haben ^ dafs er
von der Dame geliebt würde. Von der dritten bis zur
vierten Strophe beginnen alle: Si^u digui may: wenn ich
es sagte, so mag mich Gott nicht begnadigen, Ihr mich
verachten; ich sei aus den Cortes gestofsen; ich mag
altern arm und einsam; bei dem Damen- oder Schachspiel
(si juego a taules 6 aquaca) mag ich verlieren, und mag
fluchend die Würfel zerbrechen, so dafs Alle mich von dem
V^uer auf der Hohe des Castells eingeschlossen sehen;
meine Feinde mögen mich vernichten; bin ich Notar, so
mag ich tälschen; bin ich Cleriker, sei ich Simonist; ver-
heiratbe ich mich, so sei^s mit einem hä&licheu Weibe
und von übelriechendem Athem; jage ich, so mag ich
den Falken verlieren und die Wölfe mögen mir die Hunde
auGGressen; reise ich, so mag ich mich in die Wildnifs
verirren; werde ich Mönch, so sei ich von meinen Freun-
den verabscheut und böser Künste augeklagt u. s. w. *).
Die Tornada, obgleich an die Dame gerichtet, hat das-
selbe divi8 als die des vorigen Gedichts: Man rieh thesaur.
Eine anonyme Dichterin.
Cod. Bare. (Croada solta). Ab lo cort trist enviroUat
d^esmay. Ein sehr gefühlvolles Gedicht auf den Tod
ihres Geliebten. Es endigt mit einer Halbstrophe, ohne
Ueberschrift (sin titulo) und ohne mit den vorhergehen-
den Reimen zu correspondiren: Mon doU amich*
Domingo Masco.
Ein berühmter valencianischer Jurist, von dem Fuster
Nachrichten gibt, denen man hinzufügen kann, dafs er 1411
in Barcelona sich befand und zwischen den Parlamenten
1) Escondig: ein Gredicht, worin der Verfasser gegen falsche Be-
schuldigungen sich vertheidigt. (L. A. 348.)
*) Merkwürdig ist die Aehnlichkeit zwischen dem „leu m'escondic«
von B. de Born (Mahn I.), der Canzone Petrarca's „Si'l dissi mai**
(Parte prima, XV), dem gegenwärtigen Gedichte Mallofs und einem
andern späteren Romeu LuU's.
IgO Mila y Fontanals
von Catalonien und Valencia vermittelte (Compr. Caspe
II, 379). Er starb 1447. Puster. Regles d'Amor i par
lament d'un home y una fembre fetes per Miser Domingo
Masco a requesta de la Carrosa Dama del rey D. Juan
(Joan?) I., y carta amorosa de esta al Rey i sa resposta.
Man legt ihm auch noch bei: „L^Hom enamorat y
la fembra satisfeta^^, eine Tragödie, welche auf dieselbe
Liebschaft anspielt, dargestellt im königlichen Paläste von
Valencia 1394.
Anonyme.
Von ein und demselben Autor sind wahrscheinlich
zwei im Inhalt wie Stil ähnliche Gedichte, welche in ein
und .demselben Codex auf der Bibl. Bare, sich vereinigt
finden (mit der Chronik von Desclot).
Das erste ist eine Satire auf das Leben des See-
manns in Form einer Frage an den Schiffer Vilaruhir.
(Appariats.)
Oar say que caminant
Per terra navegant
Avets sercat lo mon,
Vivent ab gran sejorn
E a les vetz desayre^,
Perque podets retrayre
E respondre al pertit ^)
Melor dejüs eserit,
Donchs no*m vlate (1. vulats) mentir,
Amich Vilaruhir,
Ans vos prech que-m digats
Qual vida mais tos plats,
De la terra ho (1. o) la mar;
Car moltes veus lauzar
^) An einem andern Orte stellten wir die Conjectnr auf, dafs diese
beiden Werke ein einziges sein könnten (ob in Prosa oder in Versen
wissen wir nicht), indem wir es aus der Vergleichung der von Fuster
und von Lamarca, Teatro de Val., p. 9 u. 50, gegebenen Nachrichten
deducirten.
^ Sejorn: descanso (vergl. Fr. sejourner); desayre: molestar.
Ebenso bei P. Galvany : guerres, dols, affanys e desayre. Dieses Wort,
welches sich nicht .in dem L. R. findet, ist prov.: „E mal e desayre«*
L. A. I, 250. Im Castilianischen hat es sich mit einem verwandten
Sinne erhalten in: dar 6 recibir.un desaire.
^) Man sieht, er fingirt ein Joe partit vorzuschlagen.
Catalanische Dichter. 161
Vo8 e (i. he) hoida la terra,
E major ment si gerra (1. guerra)
Ere, deyets qne (1. que'n) Vieh
Fariets vostre brich (1. vostr' abrich)
Tos temp de yostra yida.
Mas yey qne be-us oblida,
Car Yos ets si girats
Que de lay ^) les tres parts
Ffets vostro domissili
£n la mar, que navili ^
No gaardats al ne bo
Ab que ayats dins pro,
Nuyl peril aguardant,
Sol qne vostron infant
Pugats be aretar')
E l'arme infernar
Ffaent bomba e bebany ^).
Die satirische Beschreibung des Schifferlebens fahrt
fort, und wie es scheint nicht im Munde des befragten
Vilaruhir,' sondern in dem des Dichters selbst, und
schliefst dann:
Suma, volets conort
Tot azi com de mort,
Con dix EN Servari «)
De male fembre qui
En destret toI tener,
Ne castel def ender
Hon no age riande,
Ne forsar aigae grande,
Ne d'om pobre leyal,
Perque yo.men cayl.
Das zweite Gedicht" bezieht sich auf eine geschieht*
liehe Thatsache, auf die Vorbereitungen, welche 1393 in
Barcelona zu der Seeexpedition gemacht wurden, die
Konig Johann gegen Corsica unternahm. Unter den von
dem Konige zur Ausrüstung des Geschwaders Bestimm-
ten befanden sich ausgezeichnete Personen, wie der Bi-
schof von Lerida, Gilaberto de Cruilles, Galceran Mar-
1) Ohne Zweifel sagte er: de lany (die drei Viertel des Jahres).
*) No mirais si la nave es de alto bordo (alt) y si es buena.
^ Con tal que heredeis bien a vuestro hijo.
*) Das bbmba ist das franz. bombance und das bebany das proT. bevanda.
*) Serveri von Gerona in «einer Satire gegen die bÖsen Weiber:
Volets qu' eu 's en conprt
Toi axi con de mort etc.
IQ2 Milä y Fontanals
quet und verschiedene Bürger Barcelona^s, unter denen
auch einer Namens Berenguer Simon (Fei. 11, 329). An
diesen wendet sich in boshafter Weise unser Dichter, in-
dem er annimmt, dafs derselbe auf die Ehre^ in solcher
Gesellschaft sich zu finden, sich viel einbilde:
Per so com mariner
Sota hoc e mercader
Segons c'om veu e diu
E avets senyoriu
Sobre 'Is homens de mar
E vuy que avets privats
Cavallers e prelats ....
Avets altre virtut
Que vivets gay e cast
Per so sou i) de tal past
Avinent e adorn;
EN Berenguer Simon,
Prech vos que-m vulats dir,
Car nit e jorn cossir
En esta tal empresa,
E de tan gran despesa
Qu* exi com solem fer
Les ancores de fer,
Eres les fan d'argent *) ,
£ veg que molta gent
Ne porten ya al col.
Wir müssen unter die Anonymi, welche wahrschein-
lich dem Ende des 14. oder dem Anfange des 15. Jahr-
hunderts angehören, auch die Verfasser' der Gedichte des
Mscpt. von Carpenträs rechnen,^ von welchem Hr. Cam-
boliu Nachricht gibt 8); es sind die folgenden Gedichte:
I. Ein Auszug aus der Erzählung von den „Sieben
weisen Meistern von Rom'' (Benalts, Enalts, Bentuls...).
Senyor, s! entender volets
Holte bon ezemplis auzirets
E tals que-us poran profitar
Si be los volets escoltar.
Die Verse sind appariatsy ohne dafs Sinnpausen die
Verse, welche miteinander reimen, unterbrechen.
1) Man beachte diese Form aou für sota,
^ In diesen Versen schimmert ein Geist der Opposition oder der
Beschwerde gegen die übertriebenen Ausgaben durch, welche die See-
rüstungen verursachten.
3) Essai sur Tbist. de la litt. cat. p. 42 ff.
Catalanifiche Dichter. 163
II. Liebesunfalle eines Ritters, erzählt, wie es scheint,
von demselben.
m. Coplas bezüglich der Unruhen von MBÜoiea.
Com per alguns homs de Mallorca ai estat preg^A que
fas (sie) e ordenas un tractat de la divisio del regne,
supös que lo meu enteniment es grosser e no sotil en
Fart de trobar, empero per dar alguna satis&cciö a lurs
prechs, he fetes algunas coplas grosseres en parlar ca-
tala ^) seguns que veurets.
IV. Cobles fetes per lo preciors cors de Jhesu Xrist
per alguns homens de Valencia. Die erste cansö beginnt :
Actor de patz, tot lausar e honor (mig croada e mig en-
cadenada; uniponant): eine kunstmäfsige Dichtung (poesia
artistica), welche aus einer späteren Epoche als die vor-
hin erwähnten scheint.^)
Fra Änselm Tnrmeda.
Ein Franziskaner von Montblauch, der, wie man
glaubt, zugleich mit dem Bruder Marginet, Mönch
von Pöblet, dem Kloster entfloh^ nach dessen Conver-
sion 1413 Turmeda nach Tunis ging, wo er seinen
Glauben abschwur; später bereute er und predigte das
Evangelium, woför ihn der Konig von Tunis 1419 ent-
haupten liefs (T. A.; s. auch Pinestres bist, de Pöblet)*
1) Man beachte den Gegensatz, der sich zwischen dem ort de tro-
bar und den Coplas grosseres en parlar catald darstellt.
S) Der Bibliothekar von Carpentras beschäftigt sich gegenwärtig
mit der Herausgabe eines ausführlichen Katalogs dieser Bibliothek,
welcher ohne Zweifel grossere Notizen Ton diesen Manuscripten geben
wird, unter denen sich auch: Fra Anselm, La vida d& los marine-
ros, und ein Dialog in Prosa findet: „De que es fondat lo castell
d'amor? — Lo fonament es de deztrs, las parets son de sospirs, las
torres de dolzor, la plassa de ben amar, la porta d' esperanza. —
Qual es la clau que'l castell pot desfermar? — Pregar continuada-
ment etc." Vgl. das proY. 6ed. (Anon. in Vat. 3,206) Chastel d'(amor):
Las portas son de parlar
AI ensir (1. eissir) e al entrar
Qui gen no sap raszonar
De fors li yen a estav;
E las Claus son de preiar:
Ab cel obron li cortes
— Dedinsz la clausor qui es? etc.
1Q4i ^il^ 7 FontanalB
M. S. Bib. Bar. ^) En nom de Den iota via que-ns
vuJla guiar ab la gloriosa humil Verge Maria. Llibre
compost per Frare Anselm Turmeda^) de alguns bons
amonestaments; ja sia qu^ell los haja mal seguits pero
pense^n aver algun mörit per divulgar los ä la gent....
En nom de Den Omnipotent
Vall comensar mon parlament;
Qui aprendre voll bon nodiiment
Aquest seguescba.
Primerament quant seras batejat etc.
Von seinem Buche redend, sagt er gegen das Ende-
Y no ll'e dictat en lati
Perque lo vell e lo fadri
L'estranger y lo cosi
Entendre'U pugaen
Aqo fou fet lo mes d'abril
Temps de primavera gentil
Novantavuyt tres cents y mil
LlaTors corrien.
In dem Escorial gibt es noch ein andres Gedicht
von ihm unter dem Titel: De les coses que han de esde-
venir segons alguns profetes, e dits de alguns estrolechs,
tant dels fets de la esglesia e regidor de aquella, e de
lurs terres e provincies etc. (T. A. u. Andre). *)
^) Dies Bueb, welches wir nocb zum Unterriebt im Lesen "gebrau-
chen sahen, ist wiederholt gedruckt. Wir besitzen die Ausgabe von
Cervera: En la Ymprenta de la Universität. Any 1818.
2) In dem Druck ist hinzugefügt: en Tünez per lo Reverent Pare
Fra Anselm Turmeda, en altra manera nomenat Abdala.
3) Ueber die Berühmtheit, welche dieses Buch erlangte, s. eine
merkwürdige Stelle bei Monfar II, 453: „Valiase la condesa (Marga-
rita de Monferrat) para animar mas a su hijo (el ultimo Conde de
Urgel pretendiente de la corona cuando se eligiö a Fem. I) de unos
vaticinios y profecias de un fray Anselmo Turmeda que habia pasado
a Tunez y renegado de la fe y de fray Juan de Rocatallada y del
Abad Joaquin de Merlin y de una Cassandra y otros que habian com-
puesto unas poesias y las llamaban profecias y mudando los hombres
6 las (1. los nombres a las) personas que en aquella sazon gobernaban
el mundo (mas adelante di«e que al Papa le llamaban el seÄor de
las abejas, al rey Lancesiao ei Antecristo de Oriente, al de Inglaterra
el seüor de la colmena dulce, a Benedicto de Luna el gallo etc.)
decian cien mil disparates, con terminos y frases anfibologicas y am-
Catalanische Dichter. 165
Pere de Queralt.
Er wurde zum Ritter geschlagen 1399 bei der Krö-
nung D. Martin's (Fei. IE, 354), welcher ihm in dem-
selben Jahr sowie 1401 sehr wichtige Aufträge an den
Konig von Tunis gab; „cui esf — sagt D. Martin von
diesem Ritter — ,,amica familiaritate - acceptus. " Man
glaubt, dafs diese Freundschaft also entstand: nachdem
Pere in die Gefangenschaft der Maaren gerathen war,
wünschten diese sich davon zu überzeugen, ob seine
Tapferkeit dem Namen, den Alle ihm gaben, cor de rowrey
auch entspräche, und so liefsen sie ihn mit einem Löwen
kämpfen, den der catalanische Ritter mit einem Dolche
tödtete, — welche That ihm die Freiheit verschaffie.
Sie wurde an drei verschiedenen Stellen des Klosters
de la Merced de Santa Coloma de Queralt dargestellt
und veranlafste die erlauchte Familie des Helden, das
neue Wappen eines springenden Löwen, die Brust von
einem Dolche durchbohrt, plattirt in rothem Felde, anzu-
nehmen (Rib. 416 u. 17).
I. C. P. 111 v°. Messen P. Queralt, cavaller (Croada*).
Sens Yos tardar | me ve de vos partir.
Tornada.
AI Dieu d'amor 2) | suppley ab reveren^a
Qa'en breu de temps | siats pus freturosa
De servidors | que vos non sots bastants^
E no trobets | qui-us aport benvolen^a.
bignas a imitacion del oraculo de Apolo." — Bekannt ist, dafs ausser
seinen poetischen Werken Tnrmeda schrieb oder ihm beigelegt wurde
ein Buch, gedruckt in Barcelona 1519, unter dem Titel (nach T. A.):
„Disputa del ase contra frare Enselme (?) Tormeda sobre la natura
et nobleza (?) dels auimals. <*
*) Wir zeigen nicht an, ob dies Gedicht Queralt's soUa oder cap-
caudada, weil T. A. nur die erste Strophe und die Tornada gibt, was
wohl genügt, die uni^oncmts zu erkennen, nicht aber die, welche es nicht
sind, zu unterscheiden.
3) Diese klassische Personificatiou, def wir zum ersten Mal in der
catalanischen Poesie begegnen, hat, wie bekannt, nicht allein in der
italienischen, sondern auch in der provenzalischen und französischen
Poesie ihre Vorgänger.
166 Mila 7 Fontanals
II. C. P. (In dem Conort von Farrer 158 flf.) (Croada).
Si-8 pogu^a fer | que tot qnant ne agut . . .
Perque in*en leix | e dix vos que prou basta,
Yostr' ainistat | e no-us pensets d'uy may
Yo xant per vos | can^o danpa ne llay ^) • • .
Pau^) de Bellvinre.
Santillana, Proemio XTTT, setzt diesen Dichter zwi-
schen G. de Bergadan und P. March, und sagt, dafs es
unter den in der Pasion von Jordi compilirten Dichtungen
auch welche von ihnen gebe. Bei Auzias March lesen wir:
En recort es | aqaell Pau de Bonviure (sie)
Qae per amar | sa dona-s toma foll.
In dem Conort von Farrer findet sich diese Strophe
von Pau de Bellviure:
Per fembra fo | Salomö enganat,
Lo rey Dayiu | e Samsso exament, ' .
Lo payra Adam | ne trenca '1 manament,
Aristotill | ne feu com encantat,
E Virgili | fou pendut per la tor,
E Sent Johan | perde lo cap per llor,
E Ypocras | mori per llar barat. ^
Doncbs si avem | per dones folleiat
No smayar | tenir (1. tenint) tal companyia.
1) Dieses Wort findet sich auch bei den Troubadours, eine poeti-
sche Schöpfung zu bezeichnen : „ E d*EN G. vers e chansos . . . E d*au-
tres vers e d'autres lays (R. Vidal: Abril)"; in dem lärmenden Concerte
Flamenca's hörte man lay8 von bretonischem Ursprung spielen nnd
singen. Später 'werden wir catalanische Gedichte ron elegischem Ton
mit dem Namen lay bezeichnet sehen. Da dieser Name sich weder in
den Titeln der provenzalischen Poesie noch in den L. A. (nur relays
p. 348) findet und aufserdem bei uns der Name virolay existirte, wie
das bekannte von der heil. Jungfrau v. Monserrat gesungene und noch
erhaltene, so haben wir diese Namen vielleicht von den Franzosen
empfangen.
2) Pablo.
3) Hippocrates und Virgil finden sich als romanhafte Personen schon
in dem Gabra juglar erwähnt, jedoch ist es möglich, dafs Bellviure
französische l^rzählnngen kannte, wie das bekannte Lai von Aristote-
les, worauf er auch anspielt.
Catalanische Dichter. 167
Andre alte Dichter des Conort yon Fanrer.
Diese CoUectivdichtung legt eine Strophe in den Mund
andrer Dichter verschiedner Epochen, sämmtlich Catala-
nen (mit Ausnahme des Troubadour B. de Ventadom):
Yo fin mos grata als pns antichs
£ *l8 altres tots molt largament.
Es ist schwierig, bei allen das Datum zu bestimmen;
aber nach der Sprache und einzelnen historischen An-
zeichen glauben wir, dafs die folgenden der Periode an-
gehören, mit der wir uns beschäftigen:
Messen Berenguer de Vilaragut. Von diesem Na-
men, dem wir in früheren Epochen begegnen (Fei. II,
von p. 88 an), linden wir einen unter der Regierung Juan I.
(Fei. n, 320 u. 8), der vielleicht derselbe ist als der wäh-
rend des Interregnum von dem Parlamente von Vinaroz
an das von Barcelona abgeordnete, welcher den König
Fernando nach Perpinan 1416 begleitete und 1430 ernannt
wurde, einen Tractat mit Castiüen zu unterzeichnen (Fei.
n, 426 u. 434; Zur. III, 173). Dies wird der von Farrer
als „bo e conegut" citirte sein, welcher ahm eine Strophe
von 10 achtsilbigen Versen (zwei rims croats und ein
appariat) beilegt:
A Dien prey me fira Tarn ')
Si eu am dona tan meysopressa ....
Messen Pröxida (sie). Seit dem berühmten Juan
de Pröxita, dem „Anti-anjuino^^ finden sich in unsrer
Geschichte häufig Glieder seiner FamUie, die in Valencia
angesessen war, wo ihm schon 1281 D. Pedro lEE. ver-
schiedne Flecken (mllas) gegeben hatte (Zurita I, 236;
Fol. n, passim). Ein Juan de Pröxita wird neben Vila-
ragut in dem oben genanntem Tractat von 1430 erwähnt.
Die Strophe des Dichters dieses Namens in dem Conort
ist eine croada:
Trasit m*avets dona desconaxent
Per foll amor qui-us gira lo voler ....
') Wohl eine dichterische Freiheit für arma (alma), wenn er nicht
sagt: „que-m tira (für tire) l'am«* (me eche el anznelo).
"H
16g Mila y Fontanals
Frare Basset (Croada und appariada die Hälfte):
Per grau rays6 dona cmel mal?ada
Fas clam de vos e maldich vostra vida.
Er nennt sie sogleich:
Mayres d'arguU, mayastre del Satan.
Der „Mercader mallorqiii":
Cercats d'uy may ja siats bella e pros
Que'ls vostres pres e laus eris (sie) plasents
Car yengut es lo temps que m'aurets menys.
No m'au^ira Yostre sguard amoros
Ne la semblanpa gaya
Car trobat n'ay
Altra qui-m play
Sols qu'a luy playa;
Altre sens vos perqu^ li*n volray be
E trindre 'n, car s'amor qu'exi-s conv6.
Hossen Aman ICarch. ^)
I. C. P. 93 v°. (Croada capcaudada). Cansö d'amor
ten^onada feta per Mossen Aman March e ha-y senten*
cia donada per eil mateix, la cual no es acl per mana-
ment de la senyoja reyna Dona Margarida*) a eil fet. —
Parle lo seny. — Presumtuos | cors ple de vanitats ... —
Streit zwischen dem Verstand (seny) und dem Herzen
(cor, cor9)^ 7 Strophen: in den beiden ersten spricht der
1) Gil Polo in seinem Canto del Turia erwähnt diesen Dichter,
welcher später dem Gerda (s. p. 295) unbekannt war und von dem
Fuster nicht spricht.
^ Wie es ziemlich wahrscheinlich ist, wurde dies Gedicht ver-
fafst während der Regierung der Doika Margarita, vermählt am 7. Sep-
tember 1409 mit dem König D. Martin, der den 13. Mai 1410 starb,
indem das Datum der Abfassung zwischen diese beiden Zeitpunkte zu
setzen ist. In jedem Fall mufs es älter als 1426 sein, wo (und viel-
leicht noch früher) die Königin schon Nonne war (Ribera 586). In
der Zwischenzeit lebte sie in Barcelona, in Perpignan und Valencia
mit einem gewissen Rang, trotz der Dürftigkeit, über welche sie be-
ständig sich beklagt. Es scheint, dafs sie gegen die Literatur und die
Künste nicht gleichgültig war: so bittet sie in zwei Briefen sehr drin-
gend um ein „ libre apellat Titua livius '<, welches sie einem' Canonicus
von Barcelona geliehen hatte, und in einem andern (F. 83) empfiehlt
sie den „Rodrigo de la gnitarra ministrer<( (des Königs Martin). Ihre
Briefe finden sich „Arch. Ar. n® mod. 2355. S.«* aiifserdem Compr.
Caspe und Moufar.
CatolaniBche Dichter. Jg9
Verstand, welcher das Herz tadelt, an so hober Stelle
zu lieben; in der dritten behauptet das Herz, dafs es
besser ist, mit grofsen Hofinungen sich zu nähren als
in einer gemeinen Weise zu leben. Es findet sich auch
eine Tomada des Senj/ und eine des Cbr. In der letzten
spricht das Herz ohne Zweifel von berühmten Liebenden
und schliefst:
Si mort son celis | la lur fama vinra,
Perqne m 's bo | sofferir tals affants.
II. C. Z. 87. Mossen Amau March de Nostra Dona.
— Qui pora dir | lo misten ten alt . . . Strophen von Zehn-
und Sechssilblern: ABBAccDEEDX; der letzte Vers einer
jeden Strophe ist ein Vers des Evangelium, wie Ecce
concipiea etc. Schluss:
Verges humils | a vos clam e desir
Qai tota sots | ipisericordiosa
Preguets per mi | qu*en la vall tenebrosa
M' arma no-y pas | 8on co»tiimat maityr.
in. C. Z. 310 (Mig croada e mig encadenada). Vers
de la Nativitat de Ihxpst per Mossen Amau March seguint
lo Evangeli de Sant Joan :
1. IIa noyell fruyt | exit de la reba^a ')
D'etemitat | humanal cam vestit
Lo fiU de Den | nat per aquesta nit,
S'es demostrat | en la temporal plasa,
Peregrinant | nostre cami passible,
Lo cors huma | seguint la Deitat,
Per que '1 Satan | ne fos mils enganat,
Lo Salvador | s'es fet a tots visible ....
Sofort glossirt er in jeder Strophe einen Vers des Evan-
gelium und schliefst mit der Endressa:
Lo Sperit Sant | prech que mon cor encena
De gran ardor; | tostempei puxa servir
L'infant qu'es nat | e puls volgue morir
Per nostr' amor | rement l'infernal pena.
IV. C. Z. 193 v^». (Torroella: Tant mon völer). Paria
Mos. Amau March:
1} cepa, tronco.
Jahrb. f. rom. h. engl. Lit. V. 2. ]^2
170 ^*** y Föntanais
-^ Tot hom se gnart de mi
De si avant | tteua pus no tindria
^ Ne pau ne bona fi
Bon' amistat | no la conseryaria
Qu'amor vbl que seu sia
No guardant dret | mas sola voluntat
E jo me so | ab tal pacte donat.
Arnan de EriU (?).
Der berühmte Name Erill ist der eines der neun
Kämpen des fabelhaften Otger Catalon, des, ersten Wie-
derherstellers pataloniens. Die drei Bruder Arnau, Fran-
cesöh oder Franci und Ramon Roger (J'Erill waren wahr-
scheinlich Sohne eines andern Arnau oder Arnau Roger,
welcher unter der Regierung D. Pedro's lebte (Fei. II,
228 — 73, Monfar II, 251), und (wenn nicht schon von
dem Sohne die Rede ist) zu Anfang der D. Juan I.
(Fei. II, 320). Die drei Brüder spielen während des
Interregnum eine Rolle. In den Streitigkeiten von Lerida
zwischen Comes und EN Sanso de Naves nahm Franci
für den letztern Partei, \<^elcher fora de 'pau e de treua
War. Nachdem Arnau die Stelle eines Capitan de§ Valle
de Aran abgelehnt hatte, um in der Stadt Barbsiötro' zu
bleiben, von welcher er es seit 20 Jahren war, übertrug das
Parlament von Barcelona jene Stelle dem Franci. Arnau
wurde zum allgemeinen Parlament Aragoniens in Alcaniz
berufen, wo er auch einer der Gresandten des Herzogs von
Gandia war (Compr. de Caspe I, 294; II, 39 — 63. Zurita
III, 15 — 75)* Als D. Fernando Konig war, blieben die
drei Brüder ihm treu und Franci wurde von denen, welche
den Anspruch des Grafen von Urgiel begünstigten, ver-
folgt. Am letzten Mai des J. 1413 brachen einige Ge-
wappnete aus den Gütern des Grafen, hervor, da er-
hielt er aus Tärrega einen Brief seines Bruders Ramon
Roger, des Cömendador von Berbens, ^^scrita ab cuyta^^^
welcher ihm seine bevorstehende Vereinigung mit ihm an-
kündigte (Compr. de Caspe, apend. 66—71). Franci .wurde
hernach von dem Grafen von Urgel bei Magajef geschla-
gen und zeigte als Fiscal sich wenig nachsichtig in dem
Procefs, welcher gegen diesen unglücklichen Fürsten folgte
.Catalaniscbe Dichter. J'JI
(Monfar 539 ff.)- Spater ^nden wir Ramim Roger in Rho-
du8 als einen der Johanniter, die Zeugen des 1413 zwischen
den Gesandten des Königs von Aragonien und den des Sul-
tans von Babilonien und dem Konig von Xaraf abgeschlos-
senen Vertrags waren (Zurita III,206v«; Fei. 11,450).
Das folgende Gedicht ist gegen Ramon Roger d'Erill
von dem Orden von S. Johann, Comendador von Berbens,
gerichtet und wird (unsres Erachtens ohne Grund) einem
Aman von Erill, seinem Oheim, zugeschrieben.*) Alle
Strophen beginnen: O tu traidor.
C. Z. 206 v^ (Croada e appariada la meytat solta). 2)
O tu traidor | que tan sovint renegues
Ihesuxrist Den | e Senyor etemal ....
Tu vas fugent | no aussas far batalla;
Por has de foch | la coha tenß de paTIa.^
O tu traidor [ que tots joms proferles *)
D'entrar en eamp | per cobrir ta faUen^a
Ben has mostrat f aver por e t^mensa
Despny trobist | qui-t provech tes Caloies . . . . •
Tu t*e6t confes | per ta carta pubblica ') . . .
1) Die Anmerker Ticknor*8 zählen unter den Dicbtem des C.Z,
den Arnaldo de Vill (1. Erill) auf, einen Neffen (sobrino) des Fray
Ramon Boger de Vill, Comendador von Berbens, in dem.Kloster S. Jo-
hann Ton Jerusalem. Von dem Titel des Gedichts liest man noch jetzt:
„ . . . . nabot fra Ramon Roger d^Erill comenador de Berbens del orde
de S. lohan de Ihrm. lo cual deya que U avia una sna filla
monge del monestir del Guayre". Indem wir diese beiden Angaben
vergleichen, schlieTsen wir, dafs der Titel in der That besagte, daTs
das Gedicht Ton Aman d'Erill war und dafs er es gegen seinen Neffen
(9u sobrino) Ramon Roger geschrieben hatte, von dem er sich beleidigt
nannte. Aber trotz der Autorität des Codex war Arnau, zum minde-
sten der Aman, welchen wir in jener Epoche eine Rolle spielen sehn,
ein Bruder und kein Onkel des Comendador; auTserdem finden sich
in dem Gedicht auch Ausdrücke, welche der Verwandtschsft zwischen
dem Verfasser der Invective und dem Angegriffenen widersprechen (si
fossen bons mort t*agren tos parents . . . morta s*en fos cella qui t'a parit).
^ Dies Gedicht, geschrieben in einer sehr provenzalisirten Sprache
und in einem Versmafs, einem von G. von Bergadan ähnlich, zeigt
auch, ohne einen gleichen Grad von Cynismus, einen den Invectivcn
des alten Troubadour ähnlichen Geist.
*) miedo tienes del fuego, tienes cola de paja. Dieser letzte Aus-
druck ist noch immer sprichwortlich.
♦) ofrecias. Das Volk sagt immer noch proferta für o/erta,
^ Ans diesem Verse sieht man, dafs öffentliche Anklagen in Be-
treff des Punktes, der die Feindschaft verursachte, stattgefunden hat-
12*
]72 ^^^^ y FoiitanaU
O tu traidor | ab lo le6 sei» testa >)
Od pots anar | ab aytal entresenya?
Consell te do | que vages en Serdenya;
Car los arauts | portaran sobrevesta
D'aitals armes | com dits aycesta daoca
Dias en Rodes | ez enqner en Costan^;
Per tot lo mon | te cridaran no fages,
Pus de mal far | bo veu hom que t'enuges. ^
O tu traidor | mal guardist la comanda ^
E les dones | qui son dins en Alguayre;
Tu t'est desdit*) | mae no ti») dones guayre,
Tal por aguist | qnant ausaiat la demanda
Que-t dech Taltrir^ | aycell de Masdovelles:
No-t plague res | aucir aytals novelles
ten. Weiter nnten ist von dem Brief und der Schrift die Rede, auf
welche Ramon Roger die Antwort schuldig blieb.
1) Das Wappen der Erill war in der That ein gekrönter goldner
L5we (Garma, adarga cat. II, 312). Die Annahme, dafs der Schild
des Ramon Roger einen Löwen ohne Kopf trüge oder tragen müfste,
wird eine Anspielung auf die Sitte sein, auf den Wappenschilden zur
Sfcrafe derjenigen, die sie führten, die Thiere su zerstückeln oder zu
entehren (desmembrar 6 difamar) (id. 179). Unter dem „aytal entre-
senya" des folgenden Verses mufs derselbe „leo sens testa" verstan-
den werden.
") Diese Verse sind nicht ganz klar, obgleich grammatisch ver-
standlich. Es scheint, dafs der Dichter seinem Feinde rath, nicht nach
Rhodus oder Constancia zu gehen, wo er mehr gekannt sein mufste
(Rhodus war ja der Hauptsitz des Johanniterordens) und wo die Herolde
seine Schande offenbaren würden durch Anlegung eines Ueberkleids
mit einem solchen Wappen als diese danza (Gedicht) besage, nämlich
mit der ausgedrückten entresenya^ dem kopflosen Löwen; er möge viel-
mehr nach Sardinien gehen, vielleicht weil dort, als in ein^r Colonie
oder erobertem Lande, die Abenteurer zusammenströmten. Und er fugt
hinzu, nicht allein in Rhodus und in Constancia, sondern in der gan-
zen Welt würde man ihm zurufen, er möge nicht ausreifsen, wie man
es bei denen zu machen pflege, welche, wie er, nicht müde würden.
Böses zu thun.
^ Die Comthurei von Berbens. Der folgende Vers möchte den
Titel, welchen das Gedicht in dem C. Z. führt, veranlafst haben.
*) te has desdecido, has vuelto atras la palabra.
») Man könnte lesen: fi (t'hi), te das a ello; da aber kein Object
da ist, worauf sich das Relativadverb bezieht, so verstehen wir: no te
das, no te das por culpable 6 por vencido', ö bien no das tu persona,
no te pones a mi alcance.
*) antes de ayer. Masdovelles, ohne Zweifel ein Verwandter der
Dichter dieses Namens.
Camanificlie Dichter. (73
Qiian te remi ^ | oors a oors de combatr«,
Judes malvat, | perque-t lexes abatre.
O ta traidor | be t'est mes al berney *)
Vituperat | et ab pauca vergonja ....
O tu traidor | retallar <) te deoria
£ qae-t nomens | Ali de Barbaria ....
No has armes | de qai-t puxea fiar
Ayso faven | per lo teu faU jorar. *)
No-m has tengut | la carta ne 1 gcrit ....
No has gossat | a la plasaa venir . .*. .
O tu traidor | coraata e dos joms
Agnist compiite | per anar vuyt jornadas ; <)
Mas ton flach cor | te bat dins las coradas *)....
Del jutge dius ^ | de que-t den bom rependre
£ d'altra pari | tu mateix te fos pendre.
O tu traidor | e com poguist donar
Per suspitos | lo prlncep de valor ? ^)
Car de boatats | es vuy cabdels e flor:
Ta malyestats | te fa guinerdeiar ....
O tu traidor | pus veus que jo-t apell
Per tan tUI hom | com no serqnes senyor
£ jutge gran | que^ preu de sa honor
Hon io e tu I provem la nostra pell?
Car jo-t promet | que-t eeguire dins Fran^,
Per ^o qufn hau | molt millor la usansa
*) Von remetre (remitir, enviar de nnevo) und nicht von redimir,
prov. redemer, reemer, welchem das catal. remut (redimido) entspricht.
Masdovelles möchte der Träger der Herausforderung sein.
*) Te has puesto a la verguensa, al ludibrio de todos. Vgl. fr
6erite:^manta, acto de mantear; btmer mantear, bnrlarse de alguno
Heute sagen wir in einem analogen Sinne: estar en berlina.
•J" circuncidar.
^ no tienes armas de que te puedas fiar, lo cual te sucede per tns
falsos juramentos.
^ estas ocho jornadas mediarian entre los dos enemigos.
*) entrafias. Heute bezeichnet coradelia cat. und corada cast. die
Eingeweide der Thiere, die gegessen werden.
7) Es scheint, dafs Ramon Roger den Kampfrichter recusirte und
man konnte aus dem folgenden Verse schliefsen, dafs er sich gefangen
setzen liefs, um sich nicht an ihn zu wenden. ^
^ Es ist schwer zu errathen, wer dieser ^um Richter erwählte
Fürst sein mag. Wenn das Gedicht vor der Unterwerfung des Grafen
von Urgel (1413) verfafst wurde, so könnte es dieser sein; wenn später,
der Prinz Alfons (hernach Aifons V.).
- ^
}74 Mil4 7 Pontsnftls
De fayt d*armes | moatrant cavelleria,
Per 90 voll eu I seguir aycella Tia. *>
O tu traiddr | ouant m'auras agut jatge
E'^sertament | aure de leys jomada , *)
'No-t fallire | a la taula *) jurada
Ans mon martell | ferra dessüs Teiiclasa
Ab gran plaser | ez ab trop gran desdnyt,
Mas tu m'auras | tot primer sal-conduyt^)
£z ab aysö | lo gatge-s ^ complirar
Alli Teurem | qui bon dret mantendra.
£ que '1 arnes 1 sia de nostre grat
Sens refusar | e sens tornar a mida,*)
Lanpa, coltell | spasa ben fabrida
Atxe pesant | o que 'n sie laugera ....
O tu «raidor | be saps que Ferriol ^
T'a ensenyat | man bei colp e repich
Mas lo teu cor | flach , cohart e manich ^)
Non ha soffert | c'om ne veses un vol.
Dins lo palau | de la flor Margarita*)
^) Man sieht, dafs er. ihm anheim gibt, einen andern Richter zu
wählen und ihm zeigt, wie leicht der Kampf in Frankreich sich ausfuhren
liefse, wo, wie er versichert, diese barbarische Sitte eher zugelassen
war. — Guinerdeiar ist obrar como la zorra (goiper prov., guineu cat.).
^ Jornada, d. h. dia sefialado.
^ Diese „ taula << wird Bezug haben auf die „enclusa^* (yunque)
und den „martell" des folgenden Verses.
^) Dieses Verlangen sicheren Geleits scheint anzuzeigen, dafs der
Herausforderer feindliches Gebiet zu passiren hatte, und bestätigt die
Vermuthung, dafs der Dichter ein Parteigänger des Grafen von Urgel
war .und sein Feind ein Diener Ferdinands.
^) nuestro compromiso se öumplirä.
®) d. h. sin escusas y sin volver a medir el arnes (um den Kampf
zu verschieben).
^ Wahrscheinlich ein maestro de armas.
*) pero tu corazon ddbil, cobarde y maniatico no ha permitido
(ha sido causa de que no) que se haya visto un vuelo, es deöir, una
muestra de tus pasos de armas.
^) Der palau menor, zuletzt ^a/au genannt, und vor kurzem abge-
rissen; er wurde, wie Aguirre bemerkt (Palacio real de Barcelona),
palau de la reina Maryarita genannt, und später palau de la condesa,
weil der König D. Martin ihn seiner Gemahlin Margarita angewiesen
hatte. Man glaubt, dafs die Templer und später die Johanniterritter
dieses Gebäude besessen hatten, und vielleicht bewahrten sie noch ei-
nen Theil davon. Die hofliche Art, wie von der Königin gesprochen
wird, läfst vermuthen, dafs diese noch lebte und erinnert an die Ga-
lanterie, welche G. de Bergadan in seinen gemeinsten Gedichten affec-
tirt, wenn er von Damen spricht.
Cataiaoiflche Dichter. 175
Gran fiissaig ») fist \ pero dnptant la dita , *) .
No est gosat | exir de Barcbinona,
ßacallar ^ fat, | com est tan vill persona
Ara-m p{net | eom te fLn cavaller *)....
Si fossen bons | morts t'agren tos parens ....
O tu traidor | si U M^tre ^) sabia
Com es traidpr, | certes no pens ni creu
De9i avant | tu portassas la creu ....
O tu traidor | per XXXVIII vegades
T'apell traydor | en aycest pauch coem •)...'.
Mas eu DO puch | traura tu d'Aragö;
Remauras say | muUas ^ degvergonyit:
Morta s*en fos | cella qui t'a parit.
Hosen Jordi de Sant Jordi. ^)
Der Zuname Sant (oder Sent) Jordi war 1436 be-
kannt und erhielt sich in Valencia bis in. unser Jahrhuu-
^) ensayo, muestra (de su pericia en el manejo dö lits armas).
^ Man gebraucht dita im Sinne von haeer poatura 6 propotieioii
ei) emgresas (> negocios; so wil*d;es proposicion, ofrecimiento sein Qder
vieUeicht einfach dicbo.
^ Obgleich dieses Wort unter andern einen militärischen Grad
(grado militar) bezeichnete, wird es hier wie an andern Stellänf in
herabwürdigendem Sinne genommen. ■ i .
*) Dies ist dier einzige Vers , der uns zu dem Glaubea verleiten
könnte, dafs ein Verwandtschaftsverhältnifs zwischen den beiden Fein-
den bestand. Te flu cavaller: te hice caballero. Nach dem Konig
EN Pere (Pensan el lit) muTste man die Ritter würde von dem Lehns-
herrn, oder von einem ausgezeichneten Ritter, oder von dem Haupte
der Familie empfangen. '
*) Der Grofsmeister des Ordens. Ebenso ruft G. de Bergadan den
König oder den Erzbischof gegen seine Feinde an.
^ cuaderno. Man sieht, dafs das Werk nicht zum Gesang bestimmt,
sondern ein wahres ehrenrühriges Libell war.
^ Aumentativo de mul (mülo).
8) Indem der C. P. verschiedene Male „Mossen Jordi" ohne Hin-
zufügung des Zunamens setzt, so findet sich darunter einmal von moder-
ner. H&nd (wie Tastü eingesteht) del Rey hinzugefügt, um die Vor-
datirung eines Dichters dieses Namens vor Petrarca zu begründen , so-
wie das folgende Plagiat des letztern (wie Beuter, dem viele Andre
folgten, annahm). Man sagt, der Jordi del Rey, Dichter des 13. Jahr-
hunderts und Gefährte des Königs D. Jaime, sei in dem Reparti-
miento von Valencia genannt (in der ed. Bof. finden wir nur in die-
sem Jahre einen A. Jorda). Mag dem sein wie ihm woUfe, es kann
niemand daran zweifeln, dafs die Poeßien des C. P. und C. Z. von
einem einzigen Jordi sind.
176 ^^1^ y Fontatiftls
dert (Fuster). Als 1416 die Konigin Maria, Gemahlin
und Stellvertreterin Alfons' V. , den Bischof von Valencia
und die Äbtissin von la Zaydia dringend ersuchte, eine
Schwester des Jordi de Sant Jordi als Nonne aufzuneh-
men, nennt sie den letztem in diesen Schreiben „cambrer
del senyor Key'' und erwähnt „los agradables serveys que
dit Jordi fa al dit senyor Rey" (T. A.). Jordi begleitete
Alfons auf den Kriegszügen, die dieser in demselben
Jahre 1416, dem ersten seiner Regierung, untemahnci,
und wurde, wie wir in dem folgenden Gedichte sehen,
zum Gefangenen gemacht. — Santillana, welcher eine
„Coronacion" oder, Art von Apotheose auf den Tod uns-
res Dichters schrieb (Rios: Obras, 332), sagt in seinem
Proemio XTII; „en estos nuestros tiempos floresoio Mosen
Jorde de Sant Jorde Caballero prudente: el cual cierta-
mente compuso asaz fermosas cosas que el mismo aso-
naba: ca fue müsico excelente/' Er spricht dann von
seiner „cancion de opösitos'', d. h. Antithese (Tots joms)
und von der „pasion de amor en la cual copilö muchas
buenas canciones antiguas asi destos que ya dije (Ber-
gadan, P. March, P. de Bellviure) como de otros", was
eine CoUectivdichtung sein würde, wie die von Farrer
und Torroella.
I. C. Z. 96v° — C. P. 96 (Croada unifonant).
1. Desert d'amichs | de bens e de senyor,
En strany *) loch | e'n estrany' encontrada,
Luny de tot be, | fart d'enuig e tristor
Ma volentat^ | e pensa cativada,
Me trob del tot | en tal poder sotzmes
No Teig negüs) j que de me s'aja cora,
E soy guardats , enclos *) \ ferrats e pres
De qu'en fau grat | a ma trista Ventura.
*) strany. Dies ist eins von den vielen Beispielen, welche bewei-
sen, dafs 8 ein Silbe bildet, d. h. dafs man lesen muTs, wie wir heute
aussprechen: estrany, — encontrada: comarca.
«) C. P. voluntat.
*) C. P. no vuy algu.
*) C. P. en dos. Man könnte lesen: en clos (guardado en un lugar
cerrado), aber vorzuziehen ist: enclos.
J
CtktüamiBche Dichter. 177
2. Heu hay Yi«t temps | qne no-m plasia res
Are-m content | d'a^o qni'm fay tristara,
£ los grillons | leitgers ara preu mes
Qu'en lo passat | la bella*) bordadnra;
Ffortuna yey | qu'a (1. qa'ha) mostrat *) son voler
Sus me TOlent | qti'en tal pnnt vengat sia
Pero no cur | pns hay fayt mon daver
Ab tots los bons ^) | qne-m trob en companyia. *)
3. Car prench conort | de com sny presoner
Per mon senyor | servint tan com podia,
D'armes sobrat | e per major poder
No per deffalt ^ ) gens de Gavallaria.
£ prench conort | c'om no pot conqnerirj
Honor en res | sens qae treball no senta,
Mas d'altra part | cayt de tristor morir
Com yey qne '1 mon | d^ revers se contenta. *)
4. Tots aquets mals | no son res de sofirir
£n esguart d'u | qai del tot me destenta , ^
£-m fay tot jorn | d'esperan^a partlr *)
C*om no yeyrets | que-ns ^^ ayans d'una spenta ^ ')
£n acun^ar^') | nostre desiinramen,
£ mes com ^') yey | 90 qn-ns demana forpa
Qae i<) no soffer | algun rehonamen;
De que lengneix | ma yirtut e ma for^a.
1) C. Z. bona.
*) C. Z. que-m mostra.
») C. P. bens.
*) con todos los bnenos en cuya compafiia me hallo. £r schreibt
companya^ aber man mofs companyia lesen.
*) C. Z. defant jes. Vencido por las armas y por un poder mayor,
no por falta de hechos de caballeria.
«) Vielleicht mnfs man yerstehen: cnando yeo qae el mundo se
contenta con lo opuesto (nach dem erhabenen Grundsatz, dafs die £hre
Arbeit (trabajo) y erlangt); oder yielleicht einfach: se contenta de nuestro
reyes (desgracia).
7) C. P. al cor.
^ me hace perder el tiento, el juicio. Vergl. cast.: desatentar,
desatentado.
9) separarme de la esperanza.
^^ que-m.
^^) spenta: empuje; proy. espenher oder empenher: empujar. Heute
gebrauchen wir eapenta als Nomen und empenyer als Verbum.
^^ C. Z. acunsar. £8 muTs dem proy. acuyndar, acoindar, acoirUar
entsprechen in dem Sinne yon disponer, arreglar : ein Sinn, in welchem
wir coindar gebraucht sehen. L. B. II, 406.
^*) C. P. que — y mas cuando yeo lo que nos exige la Fuerza
la cual no consiente ningun razonamiento.
1*) C. Z. Qui.
178 Mila y FontMuds
5. Perque no say | ni yuj res al presen
Que-m puixa dar | en valor d'una soor^a ^)
Mas Deu tot sol | de qui prench fnndamen
E de qui fin ^ | hi 'b qui mon cor 8*esfor^ ,
£ d'aitra part | del bon rey liberal
Qui 3) socorra ^) | per gentiiesa granda ,
Lo qui-ns ^ ha mes | del tot en aqaest mal ;
Qu'ell m*en treara«) | car suys jus sa comanda.
Tornada.
Rey virtuos, | mon senyor natural,
Tots al present | no-us fem altra demanda
Mas que-us record | que vostra sanch reyai
May defalli | al qui fos de sa banda.
II. C. Z. 98 vo (Estramps).
1. Jus lo front port | Yostra bella semblan^a
De que mon cors | nit e jom fa gran festa
Que remiran | la molt bella figura
De vostre fa^ | me 's romasa Temprenta;
Que ja per mort | no s'en partra la forma
Ans quant serai | del tot fores d'est segle
Cells qui lo cors | portaran al sepulcre
Sobre me (l. ma) fa^ | venrän lo vostre signe.
2. Si com l'infant | quan mira lo retaula,
E contemplant | la pintura ab imatges,
Ab son net cor^ | no Ton poden gens partre, *)
Tan ha plasser | del aur qui-U environai
Atressi-m pren | denan Tamoros sercle
De vostre cors | que de tants bens s*anrama, ®)
Que mentre '1 vey | mes que Deu lo contemple
Tan hay de joy | per amor qui-m penetre.
3. Axi-m te pres ( e liatz en son car^re
Amors ardents | com si stes en hun cofFre,
Tancat jus claus | e tot mon cor fos dintre,
On no pusques | mover per null encontre ; ^^
^) corteza.
^) C. Z. suy. — hib für y'b, oder nach den, wenigstens in der
Schrift, gebräuchlicheren Formen: e ab.
8) C. Z. Qui'n.
*) C. P. socorech. Sinn gibt nur die Lesart des C. Z.
^) Vielleicht los quins, d. h. sooorrera a aquellos que.
«) C. P. m*entenra.
7) limpio, inocente corazon.
^) no le paeden separar de la contemplacion del retahlo (cuadro).
^ für enrama (se adorna).
^^ moverme por ningun eneuentro (accidente).
Catalsniflche Dtebten 179
Cartftnt es grans ] Tamor qae«4is «i e fei^me
Que lo meti cor | no-s part punt per angoxa,
Bella de tos | ans esay ') ferm com torres ,
£n söl amar | a vod, blanxa colomba.
4. Bella sens par, | ab la preveasa noble
Vostre bei oors | bell feoh Deu sobre totes
Gays e donös | Una pus qne fina pedra,
Amoros, bels, { pus penetrans qn'est^ia,
Don qnant vosrey | ab les antres ab flota
Les justametz >) | si com fay lo canrondes
Qae de virtnts | les fines pedres paasa
Yos etK sus ley (1. leys) | oom l'estors sas Tesmirle.
ö. L*amor que-ns ai | en totes les parts mascle , '
Qnan (qiiar?) non ameöh | pös coralment nuls homens
Tant fort amor | com sesta que 'i cor m'obre,
Ne foncbf jamays | en nol cors d'om ne arme 3)
Mas sny torbats | que no foncb Aristötüls*)
D'amor qui m'art | e mos sinch senys desferme.
C'ol monjos bos *) | qui no*iB part de la setia
No-s part mon cor | de tos' tant coin'dit d*ungle. ^)
6. Ho (1. Oh) cors d'onors | net de fran e <delicte^
Prenets de mi | pietat bela dona,
£ no snfiräts | qnez aman tos peresca,
Perqu' eu tos am | may qne null» hom afferrae. ^)
Perqu-us snppley | a tos qu'ets le ^ bells arbres
De tots los fruyts | hon Talor girans pren sombre
Qne-m retenyäts | en vostre valent cambre
Pus Tostre suy | e seray tant com visque.
Tornada.
Mon rieh balays, ^ | cert tos portats le tiitibre
Sus ^uantes son | ^1 mnndanal registre <^ /
>) esay hat hier den weiten Sinn Ton mantenerse, resistir.
^ Vielleicht: just'aTetz(?): las teneis cerca; oder es bedeutet wohl:
dais ä conocer su Talor, las jnstipreciais (?).
3) arma (alma).
*) Aristoteles vencido del amor. - i
') el buen monje.
^ como el dedo no se aparta de la ufia.
^ afirma, es decir, mi amor es en realidad mayor de lo que dicen
otros (de este amor 6 del suyo).
^ lefür lo.
^ balaja, piedra preciosa.
^^ Dieses Register wird sich auf [die Adelsbücher (Ubros nobilia-
ffos) beziehen, worin sich die timbres und biasones der erlauchten Fa-
milien befanden.
180 Mili 7 PoBiamOa
Gar totfl Jörns naix | en vos ^) cors e reoida ^
Bondatfly tirtuto | nies qu*eii Pantaailea.
III. C. Z. 84 V® (Encadenada capcaudada).
1. Axi com 8on | sub l'eapera ^) los signes
Per instroir | los scientals astrolechs,
Son en mi-dons*) | totes virtots insignes
Qae divissar ) pusqnen alguns teoleehs;
Les qoals hi mes | Dien qne n'a fet retaules
Perque cascü | miran sa bella talla
Yeja d'onor | cap, pes, mas es spadles^)
£ quo pensan | en leys ha mes <) no faUa.
2. Axi com dech | a Moyses (1. Moises) les taules
Dien per gardar | de fallir lo seu pobles,
Nos ha tram4s | sens monsongaes ne faules
Per nostre be | de say lo sieus cors nobles,
Be qu'el es tals | que tot lo mon abarca
Le renoms sieus, | tan es valenz e casta,
Perqu'eu Tapell | archius de prets e barca
E fruyt deleyt ') | del quäl nagii no tasta. »)
3. Si com saWech | Noe lains en Tarca
Tot so que-y mes | en lo temps del diUuvi
Salva mi dons | ley e eells de sa marca
Ab son engeny | del yergonyahle flavi •)
Qui per mon cor | on trop negat per £ama> ^^
Gar leys es tals | que no consent la taca,
De Parlament | ne de faits ne de fama
Perque'n lo preu | d'onor son pretz estaca. ^i)
4. Si com deffes | Dleu lo fruyt de la rama
Que non manges | lo primer pare nostre,
Deffin mi dons | als qui per sieus reclama
Qu'en fayts ni'n dits | alguns vlltats no-s mostre;
1) Yos, scheint ein Gallicismus für -vostre. Vielleicht hiefs es:
en vos creix(?).
^ se anida (?); renace (?)
*) espera wie im Prov. und Ital. für esphera.
*) mi dama, wie im Prov.
^ Es sollte heifsen: espaules (von espcU^iee) wegen des Reims.
*) ha mes = james?
^ prov. deleig oder deliet (deleitoso).
^ nadie prueba (gusta).
^ del rio de la vergüenza: hat einen Dante'schen Beigeschmack.
1^ Dieser dunkle Vers scheint zu bedeuten, dafs in jenem Strom
der Dichter sein Herz verliert und seinen guten Ruf (fama) ertränkt
findet. Die unmittelbare Wiederholung des Wortes fama könnte den
Argwohn erregen, dafs der Vers corriunpirt sei.
^1) fija, clava; M. S. estancha.
Catalaaisehe Dichter. Igi
Ne teme ges | de perdre la persoaa
Per far s'oaor | en montany» ne plaMa
£ *8 en aycests ^) | ella 8*ami8tat dona
£z als Tolpells ^ | ab vergonya 'Is manassa.
5. Perqn' eu ayssi | com celifl qui 8'abandoaa
Lansant-se en mar, | vai^n perda^ la fasta
E preya Dien | qae 'I desllmra del hona,
Me ren a ley | on gpran valor s'ajusta
Sopleyant-la | qae-m retraga dels yieis
Qui-m poden far | perdre Fonor del segle,
Qu'eu en tal pnnt | en vey mos artificis
Qu*en pcrill YMcb ( si per ley no m'arregle.
Tomada.
Reyna d'onor^) | tots homens tench per nicis
Qui*n8 Tol d'amor | sopplear ne requerre,
Car faom no-s pot j trovar en tos indicis
Perque deiats | causa semblant soferre.
rV. C. Z. 97 V**.*) (Croada e appariada la meytat;
solta e retronchada per dos bordös). •)
1.^) Pas que tan be | sabets de oambiar
£ couaizets | moneda com sie ^ val
^) seil, a los que obran con honor.
*) cobardes.
*) perda far perdre. — la fasta: el baque.
*) Diese so ehrerbietige Prodaction möchte der Konigin Maria,
der Beschützerin des Dichters, gewidmet sein, wie auch das divis an-
zuzeigen scheint.
*) Dies allegorische Gedicht (in welchem der Dichter eine Frau
angreift, indem er sie mit einem Wechsler vergleicht), unedel von In-
halt, obgleich etwas reservirt in den Ausdrücken, ist, abgesehn von
der Gewandtheit der Ausführung, merkwürdig durch die Aufzählung
alter Münzen: dineroa (kleine Kupfermünzen), florines (der von Arago-
nien galt etwas weniger als der von Florenz), dueados (der del rey
genannte galt soviel als der venezianische), doble esctido (er war einen
Florin und 9 Gran schwer) , cruzado (was später real hiefs) , malla (ein
halber dinero) , dinero jaques (in Jaca geschlagen) , cruzado maliorquin,
dinero melguriense (maluyre, von Melgor) und de cabeza. S. Monfar
II, 289 ff., Ribera 629—31 etc.
®) Wir nehmen diese Bezeichnung aus den.L. A. Hernach werden
wir „ab nn retronx<< von dem C. P. gebraucht sehn, wann das estri-
billo von einem Verse ist.
^ Der Conort von Farrer (C. P.) legt diese Strophe dem Mossen
Jordi in den Mund, und zwar mit folgenden Varianten: pus que tant:
pus axi; sie: sse; tenits: tenlu; perroquians: parroquians; guassanyets
ab me: que guanyets ab mi.
^ s'ic? Das Reflexiv verbindet sich auch heute noch mit dem
Verbum valer in der gewöhnlichen Redensart: tant se val.
1
1^2 ^^^ f Foatanals
Assat tenito [ prou eovinesi cabal ^)
Si dnra taat J la taula d^esmer^ar %
Perroquiaas | no-ii8 faltan per bon bus
Mas io no crech | gaassanyetz ab me pus ;•
Ja no matrets [ vostres diners mannts
Ab mos florins | de pes ben conaguts.
2. Flori de pes, | dacat [e] doble scut
E mitj flori j^croat malla diner
Masclat auretz | en lo vostre carner')
Que contar may | no voletz per mannt*)
£ creu que«u fatz | per franquesa de cor,
Mas jur vos Den | que per aqueixa por ^) •
Ja no matretz etc.
3. Un bon flori | say qne val per tot loch
D'aycest pais | honze sous o lo pes
£ datz-lo Yos I per un diner jaques ^
£ no curats | si val mol mes o pocb;
Cert ara fetz | lo guany de NA Peix-frit ?).
Pero no cur | de vostre bon par tit^)
Ja no matretz etc; . .i
4. Un fin ducat | ^o que val hom be sap
£ d'un escut | e doble qu'es d'or fi;
Cambi fetz vos | ab croat melorqui
£z ab diner | maluyres e de cap.
Qni-us trametres | en Flandes per esmer^
No cregats Dieu | que'n hi volges lo ter^ ;
Ja no matretz etc.
5. Mas pus lo toch | dels matals fer sabets
Prou destramen | que autre be no-us say
£z avetz fayt | dels bons lo bon assay
E com ets tals | que '1 millor vo '1 trietz.
No-us pensetz vos '| que-us bo dia per me
Qu aicest traut | no>us vull far per ma fe
Ja no matratz etc.
1) caudal, capital.
^) tabla 6 mesa de cambios. Im Allgemeinen ist esmer^ar nego-
ciar, dar empleo al diner o.
9) Entspricht dem französ. chamier.
*) no OS contentais de contar al pormenor y creo que lo haceis
por generosidad.
5) por este miedo (por miedo de lo que haceis?).
®) M. S. de jaques.
^ Wahrscheinliph ein berühmtes Fischweib. .
8) Für partit (trato).
Catftiftnische Dichter. Ig3
Torbada. /
EN Cftmbiador | tan aots de bona f e .
' Que tot. es hu | en vo3 lo mal e U be;
Ja no matretz etc.
V, C. P. 97 v<>. Setje d'amorO fet per Messen Jordi
(Encad^nada).
Aiofitat vey | d'amor tot lo poder
.. ; E sobre me | ja posat son^ for siti, ^)
8i qae no-m val | for^a, giny ne »aber
Tänt suy destrets ') | que no-m tinch gens per qniti *)
De- perdr'el cor», | l*arm» e tbts-los bes
Gar jo no paob | soffrir la Tid'ftstretay •., )
;Nel tresmuytar; | tan for cirreg ay.pres, ^
Perque la (a la?). fi | me convendra que-m reta. ^)
Torimda.
Reyna d*onor | en loch de Capitan
Me doa a vos | e-m Tirdins vostra teuda
Ab qne-m salvetz | la vida ftens engan
£ sl no-u fets | non aurets bon' esmenda. ^ ' '• ^
Bndressa.
Amors, amörs | no veig qu'eiats fer tan .' '
De vencre hom | ven^uts que (l. qo'a) vos se renda^
Maa «Tordi'-s ret | qui yos abs.al lo dan
Fins cojn es morts | qu'en. algun temps se renda.*
VI. C. P. 98 v**. Enyörament enuig dol e dispit
(Encadenada). Beklagt die Abwesenheit. 2 Tornadas;
in der ersten das divis : NA Ysabel.
>) Dieser Titel, welcher den Inhalt des Gedichts anzeigt, ent^
spricht keiner Bezeichnung der L. A. Tastu, welcher bei Petrarc^ii
eine neue Reminiscenz aus Jordi zu entdecken wünsqht, hebt aus dem
Sonett XCI hervor: Amor E *1 suo seggio maggior nel mio
cor tenne. Dies seggio bezeichnet: sede, asiento, und das setje des
Jordi: asedio cerco. ...
^ siti bezeichnet dasselbe als das setje. oben. Beti oder #tli:cat/,
w^e sitio past. und siege fr. bedeuten zugleich sede oder asiento und
asedio oder cerco.
*) estrechado, apremiado, districtus, wie schon T. A. bemerkte.
i Im Vida del marinere finden wir es als Substantiv : mala dona . . . en
i destret vol teuer.
*) libre fr. quitte^ cast. quito, Cf. Cron. rim. del Cid: que el rey
quitase a Castilla.
*) me rinda, von retre,
^) Bezieht sich auf das Lösegeld, das die Gefangenen zahlen.
184 Mila j FontftMls
VII. C. P. 110. Da ¥er lo nom | e lo drei tal d'aymia
(Encadenada). Wenige Damen so vollkommen wie die
seinige. Tornada mit dem divia: Reyna d'onor. Endre^a:
A dones prou (prous) — worin er bittet, dafs sie ihn nicht
verwünschen wegen dessen, was er gesagt hat.
Vin. C. P. 110 v*^. Ära hoiats | domnas que-us fan
saber (Encadenada). Dieser Vers hat die Form des pre-
gon. Er läfst die Frauen, von welchem Stande oder Glau-
ben sie auch seien, wissen, dafs wenn er ihnen Liebe zeigt,
alles Trug sein werde. In den Tomadas: Reyna d^onor....
Qu'eytal com vos, scheint er eine Ausnahme zu machen.
IX. C. P. 102. Comiat^) de Messen Jordi. Sovint
sospir I dona per vos de luny (Encadenada capcaudada
von 2 Versen). Er beklagt den bevorstehenden Abschied,
zu dem er genothigt sein werde. Er sagt, dafs er lie-
ber sterben wollte. „Com fech Sent Pehir (Peir') o Sant
Johan Babtista.^^
X. C. Z.; C. P. 112. Tot joms aprench | e desaprench
ensemps. Jeder Vers enthält eine oder zwei Antithesen
(Encadenada capcaudada: ABABCDCD— CEetc). Es
finden sich 3 Verse und 3 Hemistichen aus Petrarca über-
setzt. In der Tomada nennt er dies Gedicht vers reversat
d^68oriptura und sagt, es könne dienen, möge man sehen
aZ dret o al revers.
XI. C. P. 129. Altra obra feta per Mossen Jordi
de Sant Jordi uni^onant e aperiada la meytat En mal
podiers ^) | enqueres en mal us. Er beklagt sich über
die Liebe.
XII. C. P. 97. Un cors gentil | m'ä tan enamorat.
Lo cor e Is ulls e mon fin pensament (Encadenada). Die
drei streiten, wer am meisten liebte. 2 Tomadas. NA
Ysabel En bona fe.
Xni. C. Z. 94. Cobla esparsa de Mossen Jordi de
Sant Jordi (Croada e appariada la meytat).
>) Ist das prov. comjat oder conjat, das sich indessen nicht als
Titel eines Gedichts findet,
^ podier für poder moTs ein solcher ProvenzaUamns sein, wie
auch das a im Casus obliquus des Singular.
Cfttalanische Dichter. Ig5
No-m asssut d'bom ^) \ qu'en tots affers no sia '
Leyals e prous | com la fina balansa^,
Ne-m assaut d*hoin | qne sincb jorns la semana
.... en 808 dits | e vol ab drnts *) paria ^
No-m assaut d'hom | que-m len ploma ni palla
De mon ^68^1 | ne-8 jacte de batalla,
Ne-m assaut d'hom | que no aia vergonya
Car de tot part | fa gorga com sagonya. *)
XIV. C. Z. 99 V«; C. P. 121.
Lo enuigs ^) de Mo86eii Jordi (Verse von 8 und 4 Silben)
Enuig enamichs de jovent . . .
Tornada.
Tal senyor hay | on puix dir tan de be
Qu*el jorn qu*el vey ( no-m pot falir en re.
XV. C. P. 198 v^ (Taut mon voler von Torroella).
Paria Mossen Jordi:
Jarnos gnasanye tan en re
Com quant perdi m'aymia
Car perdent leys goasanye me
Cni eu perdut avia;
Petit giiasany fa qai pert se
Heu creu guasany li sia
Que m'era donat per ma fe
A tal qui m'ansisia^
No se rabo perque. ^
1) Er zählt die Personen auf, die ihm nicht gefallen. Eine der
Strophen von „Jo-m meravell" yon P. March bat dieselbe Form als
diese esparsa und beginnt: No m*azaut d'om qu'aje us d'alacra (alacran,
cast. ; franz. scorpion).
^ fina balansa; aus dem Reim sieht man, dafs es heifsen müfste:
fina romana (especie de balanza), ein von dem Abschreiber nicht ver-
standenes und schlecht ersetztes Wort.
«) drut; galan favorecido, wie im Prov.
^) Le crece la garganta por todos lados como a la ciguefia.
B) Das ennuigs war eine poetische Gattung (enuegz L. A. I, 348).
Das obige ist von Bartsch in diesem Jahrb. II, 288 ff. herausgegeben;
8. dort auch über die Aehnlichkeit dieses Gedichts mit einem andern
des Mönches von Montaudon. ^
•) ausisia für aucia? Etwa auciria? Vielleicht sollte der Vers eine
Silbe weniger haben und es einfach heifsen aucia. Wenn man wie
oben liest, gibt es l^einen Sinn.
7) In dem Canc. gen. von Antwerpen (Fuster I, 65) werden dem
Jordi diese Verse beigelegt, ohne Zweifel das Thema einer danza:
Esperanza res non (1. no-m) dona
A ma pena confortar
L'ora que vinch a pensar
Qui ofent nnnca perdona.
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 3. ]^3
Xgg Mila y Fontanal s
Serradell.
Testament d'EN Serradell de Vieh. Die Sprache
dieses Gedichts scheint dem Datum (1419) zu entspre-
chen; am Ende trägt es die Testamentsformel und es
wäre nicht unmöglich, dafs sein Verfasser wirklich den
Namen Serradell führte. M. S. Bibl. Bare. (Codolada).
Un jorn cansat de treballar
£ desitjös de rapansar
Quant vespre fo
£u retorn6 a la mayso
Volent sopar . . .
Er fühlt sich krank, beruft einen Beichtvater. Komi-
scher Zwischenfall ; läfst einen Notar holen ^) , dictirt das
Testament.
En qui de fonts hay nom Bemat
De Serradell,
En tot mon seny si be-m sou vell . . .
An einer andern Stelle nennt er sich lo Prom EN Serradell,
Er gründet ein Hospital auf der Spitze des Monseny (mit
Schnee bedeckt im Winter), von welchem er zum Director
seinen Neffen, den „corredor" Jacme Planes, ernennt und
ihm erlaubt, jeden Sonntag im Februar alle die, welche Lust
haben zu diesem Ort hinaufzusteigen, zu bewirthen. Andre
komische Zwischenfälle. Serradell fühlt sich schlecht. Es
folgt ein geistlicher Abschnitt mit der Beschreibung des
Paradieses:
La flayra dol9a qui exirä
Segons ay dit
Del [sagratj cors de Jesuxrist
E d'autres sants
Sera plasent als adorants
Axi fortment
Que flors e ambre son nient
A llur esguart;
^) Er sagt , dafß er ihm ein Geschenk macht cTaicest pixer de fin
argent. Der pixer (cantara, jarro) findet sich wieder im valencianischen
pitxer, im catal. pitxell, im Patois pitcherro (anch im engl, pitcher)
und im ital. bicchiere.
Catalanische Dichter. I37
£ dich TOS qae qni Is presentas
Tots los jojells
Viles, ciutatB, borchs e castells
Q'om pot mirar
Ells no porien sepparar
D'aqaell esguart
Tan flamegaat qae tots los art
Per fin' amor.
Er verlangt in den Himmel.
Qaez an fill mea poga^s trobar
Qai era mort.
Es findet 8i()h anoh eine Beschreibung der Holle. ^)
Pere Galvany.
Dieser Dichter gehört dem Anfange des 15. Jahrh.
an, da er sich auf das Schisma des Abendlandes wie
auf ein gleichzeitiges Factum bezieht. Obgleich dieses
Schisma rechtlich mit der Wahl Martins V. durch das
Concil von Konstanz (1417) auf horte, hatte der Gegen-
pabst Benedict XIII. (Pedro de Luna) in Aragonien noch
Anhänger bis zu seinem Tode 1223, und an seiner Stelle
wurde noch Gil Munoz gewählt, welcher erst 1227 nach-
gab. Es scheint, dafs das Gedicht vor dem Tode Bene^
dicts geschrieben sein muTs.
C. Z. 226. Pere Galvany per lo cisme (Croada).
1. Pub yey lo mon es vengat en tal cm
Qae leyaltat non es de fill a payre
Pere, Joan volgr' aver mort son yratr«,
£ Tereter l'aratador al v<u *)
Anteerist es qui ve de pas a pas
Gaerres bastint, dols, affanys e desayre
Deus nos aiat e la Verge sa Mayre
Sino del dot nos te '1 Satan al ras.
>) Serradell citirt die bretonischen ^rzahlangen :
Tristany ne fora combatut
De Leonis . . .
De Lan^alot ni Gobernal
Mai s'es Uegit.
2) Pedro y Jaan (este y el otro, fnlano y zatano) quisieran ver
mnerto a sa hermano, y el heredero al heredador (al qae ba de de-
jarle la berencia) en el sepalcro.
13*
Jgg ~ Mila y Frontanais
2. Per aqnest mala ha Dens perm^s lo ccta
Que 'Is cardenals han fayt lay al Sant Payre etc.
Jaquint lo ver eliegint un llur fayre etc.
Jeder entsprechende Vers aller Strophen endigt mit
demselben Worte cas^ payre etc. Diese Spielerei ist in
den Leys d'amors nicht vorgesehen, die als erstes Muster
von coblas retronchadas eine Strophe hinstellen, deren
Verse alle mit demselben Worte endigen (I, 280).
Ramon 9ftvall. ')
Es gab einen Rath von Barcelona von diesem Namen
1393 (Fei. 11,342). Im J. 1411 wurde Ramon ^avall von
dem Furstenthum Catalonien an den Infanten Fernando
von Castilien, spätem Konig von Aragonien gesandt, mit
der Bitte, aus jenem Reiche die castilischen Truppen her-
auszuziehen. Nach diesen Daten, welche mit der Sprache
des Gedichts in Einklang stehen, mochten wir den Dich-
ter in den Anfang des 15. Jahrhunderts setzen, trotzdem
die „Bauernbanden" auf die Erhebung der pageaos de
remensa zur Zeit Juan II. bezogen werden könnten.
C. Z. 226. Strophen von 7 Versen ABBACCA —
ADDAEEA etc. Die erste beginnt: De mal saber | ab
verinös coratge. Die zweite lautet:
Pensar no pux | que 'Is homens de peratge ^
Haguessen rey | si fos a lur voler;
So qn' eis fig | mes e 'Is fa lo cor doler
Es temps de pau | com non han sous ne gatge:
Los ciutadans fan | stament reyall
En lur vestit | meten guay e caball ')
En breu fondran | e mudaran penatge. *)
*) Die erste Silbe dieses Zunamens ist der Artikel es, sa oder ^a,
ces (gebildet aus ipse, ipsa) auf den Balearen in Gebrauch, in Cata-
lonien aber fast verschwunden, ausgenommen in den Ortsnamen: Des
(Del)-Pujol, Ca(La)-Roca, Ces (Les) - Gunyoles.
2) ¥xa paratje, Hombres de paraje, de solar; solariegos: welche
den Infanzones Aragoniens und den Hidalgos Castiliens entsprechen.
') 1. guany e cabal, es decir no solo la ganacia (6 venta) sino tam-
bien el capital.
*) plumaje.
Catalaniache Dichter. 189
Die Kaufleute zu Pferde bilden zahlreiche Cavalca-
den; die Handwerker gefallen sich zu klatschen, essen
viel und arbeiten^ wenig; die Bauern (pctgesos) werfen sich
auf die Schlächterei (a carnatffe)^ Banden bildend (menant
bandositats) und „pentinats van ab los coUars brodats/^
Tornada.
Dona del mon | qui fes lo pariatge
De Deu e hom | per qui fom reperats
Pregats per nos | qui som descaminats
Lo vostre fill | qui 'n vos feu son hostatge.
Endressa.
Mete-8 cascü | la ma en son coratge
E Vera si | d'aycel mal es tocats
£ si-u ven dar | lunye-s de taU barats:
Prenets mos dits | per peres e formatge. ^)
Es folgt in dem C. Z. (vielleicht von demselben
^avall) eine Coble ab resposta.
Vostre dona 's ablatiua
Que-us fa esser vocatin ....
Mi dona 's indicatiua
Qui-m fa esser obtatiu. *)....
N Andrea Fabrer. -
T. A. (Bibl. Esc). Comenza la comedia de Dant...
trasladada per 'N— Andren Fabrer, Algutzir del molt
alt princep et victoriös senyor lo rey D. Alfonso d'Aragö,
de rims vulgars toscans en rims vulgars cathalans. —
Completum fuit die prima mensis Augusti a nativitate
Domini MCCCCXXVIII »). Santillana: „Messen Fehler
1) tomen mis dichos por peras y queso. Es wird sein wie im
Castil.: estas son tortas y pan pintado. Der Dichter will sagen, dafs
er in seinen Invectiven sich hätte stärker ausdrucken können.
^ La beutat nominatiua
Che avets e'l gran valor
Dona de pretz genetiua
Mal cuia de ma dolor etc. (Mahn Ged. I, 165).
*) Vgl. auch Jahrb. V, 56. Der junge D. C. Vidal hat eine Abschrift
dieses Codex zur Veröflfentlichung vorbereitet. Dieser Aufzählung
der Dichter, die wir für die ältesten unter den catalanischen halten,
fügen wir hinzu, dafs wir in dem C. Z. 112 unter dem Titel: „Lo
jutge d'auren^a** (Aurenga? Orange) die folgende Strophe finden, die
X90 ^^ y Fontansüs, Catalanische Dichter.
fi^o obras nobles: e alguns afinnan haya traido el Dante
de lengua florentina en catalan, no menguando punto en
la orden de metrificar e consonar.^^
In der Collectivdichtung des Torroella (Tant mon voler)
findet sich eine Strophe: „aquell lay que dixFebrer^^
C. Z. 206. O Deu a qui dir^ (dir?) ma langor
Qui-8 planyera do mon greu plant
Qni pendra part de ma tristor
Sera mill (1. mills) tant leyal amant,
Qui de mon zant
Qa' en la mort xant
Mostre semblant
D'ayer dolor.
Barcelona, December 1862.
M. Milä y Fontanals.
(Aus der Handschrift übersetzt von dem Heraasg.)
alt scheint und dieselbe Form und Reime zeigt als die des „No sap
cantar qui 1 so non di <* von J. Budel :
Hanch diable no s'adormi
Ne james no s'adormira,
Ans vetla contra mi en va
£ no repausa ne ha fi,
Per 90 'm (90 om) deu vellar atressi
Qu'a m*ala nit no ladra ca.
Morris, Anticrist and tbe Signs before the Doom. 191
Anticrist and the Signs before the Doom.
Now first publißhed from a Cottonian Ms.
The following short poem on Antichrist and the signs
of the Doom is, now for the first time, transcribed &om
the Cursor Mundi (Cottonian Ms. Vespasian A iii), a col-
lection of Scripture narratives, legends etc. in verse, writ-
ten in the Northern or Northumbrian dialect. The lan-
guage presents several f eatures of considerable interest to
the philologist, and affords a good opportunity of studying
some of the peculiarities of the dialect of Northumber-
land as spoken in the latter part of the XIII^^ and the
beginning of the XIV"* Century. Early literature makes
US acquainted with three leading English dialects, the
Southern (or West Saxon) , the Midland (or Mercian) and
the Northern (or Northumbrian). These dialects were
during the XIIl*^ and XIV*** centuries spoken within
certain well deiined geographical limits. They had much
that was common with respect to vocabulary and gram-
matical structure, but there were differences of inflexion and
idiom which have exercised an influence upon the literary
dialect and are still to be traced in the English language
as now spoken and written. The Southern dialect is
remarkable for the tenacity with which it clung to the
forms and inflexions of the Anglo- Saxon speech.
Not only do we find it retaining inflected demonstra-
tives, plurals in en (as houaen, honden^ peasen)^ and the
genitive plural of nouns (as clerken^ of clerks, thomene
of thorns, wermene of worms), but also the accusative
of adjectives (as godne, gratne etc.) and the inflexion
of the verb upon the model of the old West -Saxon
idiom:
192 Morris
Iiitinitire Mood lov^-
Preaent Teoae (Ifldic. Mood).
SiDguJar. Plural.
^love laveth
lovest loveth
loveth loveth
Faät Tenae«
loved loven
lovedat loven
loved loven *
Imperative (PI.) l<roetk
Imp. Partie, luvend^ lovinde: Perfect Part, y-lov&d.
The Midland dialect, while rescmbliiig the Soutbern
in manj^ respects, coDJugated its verbs as follows:
Infinitive Mood loven.
Pres CD t Tense.
Singalar. Plural.
love loven
lovest loven
loveth loven
Fast Tense.
loved loveden
lovedat loveden
loved loveden
Imperative (PI.) loveth
Imperf. Partie, lovend^ lovond
Perfect Partie, y- loved,
The Northumbrian is distinguished for its absence of
inflexion and the simplicity of struetnre and grammatical
forme. In it we find very few'plurals in en\ no inflexions
of adjectives, and the yerb had the following uniform
conjugation.
Infinitive Mood love.
Present Tense.
loves loves
loves loves
loves loves
Anticrist and tBe Signa before the Boom. 193
Fast Tense.
loved
loved
loved
loved
loved
loved
Imperative.
2. Sing, loves
2. PL loves.
Imperf. Partie, lovand
Perfect Partie, loved.
The Northombrian pronouns are unlike the Southern
ones.
Sonthem. Northern.
!■* pers. (sing.) ich Ic, I
3^ pers» sing. fem. JieOj ho sco^ sho
3** pers. pl. hiy he thai^ tha
heoTy hör (here, ha/re) thair^ thar
heom^ hont, hem, harn tham^ thaim.
So for ilk^ whilk, swilk the Southern dialeet prefers ech
(ichy uchjy which (whuch)^ swich (swuchj zuich).
The Northumbrian vocabulary contains a large num-
ber of words unknown to the dialeets of the South of
England, many of which are of Norse origin.
Few forms are more common than the foUowing:
at = that (conjunction); a* = to, at say = to say;
thivy ther == these; slike = such; fra = from; omell =
among.
The Old English dialeets have, as yet, received
but little attention from English phüologists, certainly
not as much as they deserve, when we consider that
many peculiarities of grammar and vocabulary still in
existence are only to be explained by supposing that all
these dialeets contributed to form the language now spo-
ken by the English people.
194 Morris
Fat anticrist o danis sede,
Sum thing of him es for to rede ^) ;
He {>at saa fild o godds gram^,
Quarfor he sal ha suilk a nam,
5. Ffor|>i es he cald anticrist,
Ffor he sal he gains Jhesa Crist,
Agains Crist, |)at es to say,
Ffor gain his werc ha sal werrai ^.
Crist come meke ai in his tide^);
10. He sal cumme reth^^) raisand in pride; |
Crist come at^') do the lagh^) to rais,
]pe siuful for to mak rightwyse;
Bot he sal cum the meke to feile ^), ^
Sinful rais, sa sais |>e spelle*); i
15. Alle god theus ^<^), wit might and maiu, {
He sal warrai^ al thaim again; !
J>e gospelle and al hall writt.
He sal fordo, wa worth his wiit;
He sal do rise alle maumentri i ^) ,
20. And clepe ^') him godd seif al mighty.
}>is anticrist has had ful feie ^^
]^at has til his servis ben lele.
Als antioche and domiciane;
And nu {>ar es wel maui an ^^),
25. Ffor quatkin man sum-ever it es,
Ute o |>e rule o rightwisnes,
Oi|>er land or relegion,
Or clerc, or manc, or canon.
And warrais |>at |)at pal suld wer ^^)
30. Of anticrist |>e nam mai bere.
Nu sal yee her i wil you rede **),
Hu {)at anticrist sal brede,
Nathyng sal I fene yow neu,
Bot |)at I find in bokes treu.
35. firi7) Clerkes telles ^sX er wise,
{>at he o Juus king sal rise;
And o |>e kind man clepes ^^ dane,
{>at prophet mas ^^ o |>U8 his nam.
Dane he sais neder in strete,
^0. Waitand hors to stang*®) in fete,
To do J)e rider falle bi |)e way.
*) to be told 2) anger ') war *) time *) wrath ^) to ^ law
^) to put down ') Story *^ customs ^^) idolatry ^^) call **) many
>*) one 1») Protect i«) toll ^^) these ^^) makes >») sting
Anticrist and the Signa before the Doom. 195
{>at als nedder sal he sitt,
{>at alle |>aa >) men {>at he mai witt ^
Ridand in {>e reule o right,
45. He sal f>am smeit and dun ^am light.
He sal ^am give fnl attre^) dint*),
Ute of f>air troath {mm for to stint.
O fader and moder he sal be born,
Als other men es bim biforn '),
50. Bituix a man and a woman,
And aoght of a maiden allan*),
Als it es foli tald o sinn;
Nogfat tnix a biscop and a nnn,
Bot of bismer brem and bald,
55. And geten^ ofaglotnn scald^,
}>at |>ar mai be na foler tuin^.
Geten in sin, and born in plight^^*),
Over alle he sal be maledlght.
In his getingii) {>e feind of helle
60. Sal crepe in his moder to duelle;
Maistnr of ermr and of pride,
{>ar-in he sal his birth abide,
J>of 1*) he be in prisnn banden i*),
Als it in hall writt es fanden >^),
65. |>at Seint Gregor seif has wroght;
{>ar*for he sais, he lies noght,
pe kind o strenght |>at he had ar>^),
t>of {>an his might be laten mare,
{>at his might es noght sal bee knaun;
70. Ur laverd has don it als for his aan,
Ffor is he moght, al wald he quelle >*)
Ffor^i, he banden has {>at feile i^^.
He sal be lesed ^^ |)an o band^*).
And mikel wa'<^ sal werc in land.
75. |>is es he {)at sorfuPi) dring**),
We rede of in bok o sceuing *») ;
An angel he sais i sagh lendand *^) ,
Wit a mikel cheigne in band.
And bar |>e kai |>e mikel pitt
80. Als sais Sant John in hali writt.
To pe dragon suith»*) he wan**),
}>at men calles devel and sathan,
And in pat pitt him sperd^^ fast,
^) those *) know ') poisonous *) biow ^) before ^ alono
^ couceived **) scold •) combination ^^ sorrow ^^) conception
ia)thoagh i») bound i*) found ") formerly, before i«)kill i7)wretch
>*) let loose 1*) bond *0) woe *!) aorrowful ^^ chieftain ^^ book of
revelations **) descending ^5^ quickly **) went 27^ gj^ßt
196 Morris
For to be laisd ^) at f»e last
85. To-qulls a thasand yeir at |>e last;
Quen ^at thusand yeir war past,
To walk bis forth^ fra f>at quile'),
And mani man for to bigile ;
Right sna {>e devil sal descend
90. In anticrist moder lend <),
To fiUe ^at caitif ^) ful unclene ,
And umbelai*) hir al bidene,
AI in bis weild^ bir to receive,
And do bir ^oru a man conceve,
95. {>at al |)at birtb |)at ^ar es born,
Be wick«) and fals and felun lorn*),
Ffor|>i bis nam es cald wit right,
Sun o tinsel ^^ , |>at maledigbt ;
Ffor al J)at be may wire ^ar-to,
100. AI manskind be sal fordo i^).
Of bis geting i tald yow ar,
Of bis birtb I teile you quar i^;
Ffor als |>at crist bim-selven cbese ^^
Be born in betbleem for ur ese,
105. His maidenbede for to bring in place,
{>at be tok for us wit bis grace,
Rigbt sna sal |>e feind bim |)is
Cbese i") bim stede i*) o birtb iwise **),
{>at best es titeld til bis stalle,
110. Quar^^ es {>e rote of ivels alle;
{>ar left o godd men makes sin in,
J>at es, tun o babilon wit-in;
{>is tan was qoilom ^^ cbefe o pers,
O mani otber alsna divers,
115. A tun o selcutb 1^ mikel pride,
Hefd ^^) o maumentri |>at tide;
Betbsaida and Corazaim,
}>ir taa^^) cites sal foster bim.
Ur laverd snaips ^O) |)ir tua tnns ,
120. And |>us be sais in bis sermuns:
„Corozaim ai be ye waa
And sua be ye Betbsaida,
And Capbarnaum ai wa ye be!
{>e sinfal san sal regne in |>e;
125. {>of ^oa |>e rais np until beven,
To belle depe sal |)ou be driven."
1) =loused=let loose *) way *) time *) loins •) wretch *) lie
witb 7) power" ^) wicked ^) lost lo) perdition ") ruin **) where
1') cbose 1*) stead, place '*) certainly *®) formerly ^^) wonderful
>8) bead *») two '^ curses
Anticrist and the Signs before the Doom. |97
Norys him aal enchaunters,
O nigranci and o jugulors,
Of alle maner o craftes *) ill« %
130. Of alle falshed {>ai sal him fille,
l>e wicked gastes •) his wiers *)
Him folaand in al his afers.
To Jurselem sal he ßij)en*) fare«);
Alle |)at he cristen finds {>are,
135. K |>ai wil noght tnrn til his lare^,
He sal |>am sla witaten spare;
And in pe temple o Salamon
{>an sal bat traitur sett his tron,
J>at al Was feld lang si|)en gan ^ ;
140. He sal do rais it eft«) o stan ><0.
Circumcise him ]^ar he sal,
And goddes snn him do to calle.
^e grett kaisers and |)e kinges,
And alle suilk ") laverdinges ^*),
145. Turn |>ai sal til him titesti^j,
And si|)en |)aas '*) other at his list **),
Overalle |>ar crist was wont to ga,
He {>aim sal over-gang ^^ alsna.
Bot first he sal do alle destrn
150. J)at halud was of nr laverd Jhesu;
Si|)en over J)i8 werld wide,
He sal send sand ^^^ wit mikel pride,
His prechars for to spelle !•) his wille,
Alle for |)e cristen lagh to spüle !•).
155. Ffra est to west, fra north to soth,
He sal do mak his sarmans cuth><^;
He sal do mani signe to scene'i)
^at nan ne haf of forwit**) sene;
Thoner23) o-loft «*) fal sal he gar 2«),
160. And tres brathli blomes ><^ bere;
Brathli to do |)e se be reth *^, ,
And brathli to do it be smeth 2^);
O thinges sere^^ J)air natars
Turnid to be in sere figurs;
165. Cains kind and wit devils craft,
J)e bums»«) for to rln»') obaft^S);
1) works ^ bad ') ghosts, spirits *) protectors *) afterwards
6) go ^ lore, teaching *) long since gone ^ again i") stone ") such
'2) lordings, lords ^') the soonest >*) those ^*) pleasure ^•) over-go
^^ message ^^ preach !•) destroy »^ known *^) to appear, shine
*«) before «») thunder **) aloft ^6) cause ««) flowers «?) fierce
28) smooth 29) divers '<>) streams *') run ^S) out of straight course
198 Morris
{>e wind to do rngbli^) to rise,
pe stormes do man sare to grise^;
To rais pe ded fra mans sight,
170. Sua selcuthli') to scea his might.
Bot it-be moght nr laverd chossing,
He sal [alle] unto his errur bring.
Bot alle sli^) thinges wroght wit art,
O sothfastnes ^) sal ba na part;
175. With jugulori Jiai sal be wroght,
And fantum be and «lies noght.
Als Symon Magus in his quile
Bight sua sal he {>e folk bigile.
Als he did wit sli craf^ til an,
180. He slog^) a scep, wend^) him ha slain
{>e godmen sal snilk se be wroght,
{>ai sal be studiand in |>air thoght,
Qae][>er f>at he be crist or nai
t>at pai of here ^e scriptur sai.
185. It^) es na land« |)at man can iMven^,
Under pe rof of cristes heven,
{>at he ne sal do |>am to be soght,
To bring f>e cristen men to noght.
He sal him seif al do to rise
190. Again f>e lele on thrin ^^ wise,
|>at es to say, wit gift or au")
And wit signes for to scau.
pai ^at in his trou|> wil bebold,
Sal plente haf o silyer and gold;
195. Ffor alle J)e hordes i«) J)ar i«) ar hid,
Sal hali^^) in his time be kid^^);
paas ^at he ne mai wit giffces drau
Until his trou^, he sal wit au;
And |)ai f)at he mai noght wit dred
200. fe signes sal he fand i*) to spede*^;
And qua ^^) wil noght bileve him sua,
He sal {>am wirc ful mikel wa,
Mani sorful pain to drei^»).
And si|)en drerili ^o) to dei.
205. {>an sal I>ar rise in {>at siquar
A soru, suilk was never ar,
Sin man was made bituixand {)an,
And si|)en |)e werld first bigan.
1) roughly ^ to terrify, frighten ^) wonderfuUy *) such *) truth
«) slew 7) thought s) there 8) name lO) three ") awe=fear ^2) trea-
sures >') pat? ") whoUy ^*) made known ^^) try *^ prosper
18) who 1^ suffer ^o^ sorrowfuUy
Anticrisf {m4 tbe Signs before the Doom. 199
{>an sal {>ai fle |)at wald be hidd,
210. And to |>e feiles i) sal I>ai bidd^);
"Felles falles apon us dun,
To hiden us fra f^is felun"»)
And he {>at in hns *) es stadd, ^)
{>at time sal he be radd;^
215. Never sal him reck qtiar ute to win 7)
To bileve«) al his werlds win»)
To funden be; sa sal he sterck i**)
Over hogb ^^) to lepe his hals ^^ to brek.
{>an sal alle |)ai, scortli ^3) to sai,
220 ,pat es fanden lele in cristen lai'^,
Oither to Jhesu Crist forsake "),
Or underli !•) sa waful wrake^^,
Wit ime, or fire, or atter beist,
Hn f>at |>ai mal {)e hardest;
225. And sua wit sere manere o pine,
In crist J)a sal haf blisful fine i«)
J>is dreri ^*) time |)at yee of here,
Sal lastand be half thrid yere'<))
Ffor his derlinges, {>e stori sais,
230. ür layerd sal do scort^i) J>e dais,
Ffor if I)e dais ne scorted were,
Unnethes suld ani flexs be fere^»).
|>e time o |)is anticrist come^*),
And of ur laverd dai o dorne,
235. Sant Panle |)U8 sais in his sarmuns,
To |>e folk of 1)6 Tessaluns:
Bot-if dessenciun bitide,
And he be cum men {)e chlld o pnde,
{>at es bot-if discord and striif,
240. Over al I)is werld be runnen riif,
{>ora {>e sarrezins and |)e anticrist;
His tome^^) sal be ur laverd crist.
We wat bath ^oru stori and wers,
|)at |)e kingrikes**) o grece and pers,
245. War hefd kingrikes^*) in form-tide,
Wit pottste*«) Aorist mast o pride;
And 8i|)en was rome at pe last,
/ Of alle {)aas oJ)er over-mast 27),
{>at |)ar suld be na lede ^^) o land
250. J>at rome ne suld haf over-hand^»);
J) hills *) pray ^ wretch *) house *) placed ^ afraid ^ go
ö) to deposit ®) possessions ^^) endeavour ") = how, hill i^ neck
1») briefly i*) law i«) deny i«) undergo i^) vengeance ^^ ending
19) ßorrowful 20) two and a half years 21) störten 22^ gafe 23^ coming
**) time 2«) klngdoms *^ pow^r ^tj uppermost ^sj people 2») upperhand
200 Morris
{>at alle folk to rome sald heild i)
And trouage*), als til hefd yeild
Sant Paul sais for ^is resun;
{>at flrst sal be dlssenciun,
255. Ar anticrist sal cum in land,
|>at es |>us-gat at understand;
Bot 3) alle kingrikes |)at rome was under,
Fra laverdhed^) o rome |)am sundre,
{>at arst war under romes au,
260. J>e anticrist him sal noght scaa ^.
|>i8 tidd noght yeitt o romani,
Ffor |)of it armd es grete parti,
AI quils |)e frankis kinges es;
J>at agh«) J)e imparnr o rome to wiss;^)
265. O rome Imparre {>e dignite,
Ne mai na wai al perist he,
Ffor in |)aa kinges sal it stand
AI to-quils^ {)ai ar lastand.
Ur maist^rs telles o ^is chance,
270. t>at {>ar sal be a king o France,
{>at of |)e romani sal Impire
Hali laverd be and sire;
He sal be, in pe last dais,
{>e mast^ king of alle it sais;
275. Bath |>an sal he be mast^
And of other alle |>e last.
J>is king sal be umset^^^) wit sele'*),
Efter fat^*) he has regned wele.
{>an bis regning es til end
280. To iarselem |>an sal he wend;
{>ar sal he bath yeild up of band,
His coran and bis king wand^'),
To Jhesu Crist ur dere drightin^*);
Sua sal [^is] cristcn kingrike fine,'
285. And alsna of |>e Imperi of rome.
{>an sal wel sone |)e anticrist come,
Efter Sant Paule |)e Apostel sais;
He sal him son al in |)aa dais,
{>at sinful man wituten mak>^,
290. {>at soruful sun and ful o wrak^^, -
J>e warlau 17) aun child to wille,
His Werkes wrangwis to fulfille;
He sal be cald his aun sun,
AI wickednes in him to won;
') bow 2) fealty ^ except *) lordship *) show •) ongfat
^ direct «) whilst •) greatest i^^) surrounded *i) bliss i*) according
as »») sceptre i*) lord i*) eqnal i«) yengeance ^^ wizard
Anticrist and the Signs before the Doom. 201
295. AI falsbed and feloni i),
And al tresun sal in him lii;
He sal him rais sud hei on hight,
t>at men sal wen p&t he es dright^;
He seif sal do to ra«en bim
300. Oyer godds alle o pe ald tim,
Over Jabiter and Apoline,
{>at godds war o sarazine,
Heier |)an ^aim he sal bim bere
For he sal be weil >) mightier.
305. He sal man do him for to ros *) ,
Over-al •) t)at man to wirscep «) dos ,
Ute-oyer |)at hali trinite,
|>at aght over-alle^ wirsceped be.
In J[>e temple sal he sitt,
310. And do men falsli for to wiit,
{>at he es |>at ilk crist to lete,
{>at hight ^ J>am was thom prophete.
> {>ar sal he do him circnmcise,
And sceuing^ make of bis maistris,
315. „lam {>at Crist <S I>An sal he sai,
„That you was hight ^ for mani dai;
Nu am I comen al for yur hele".
}>ns sal he to |)e Jnas mele*):
„Cnmen I am to gedir you
320. pat has ben scaild ^^ ai to nu<<.
The luns sal scort {>am {>air consail,
And tum {>am tille bis tronth al hail;
t>ai sal wene crist at nnderfang > *) ,
And sal receiTe |>e gerard sträng,
325. Als crist has to |>aa Inas bald,
In bis gospell« forwit^^ tald.
„I come in mi fader name,
And yee me seke with mekil gram i^),
If anoither cum in bis aun,
330. Fful snn yCe sal til him be draun<<.
Als sibil sais in hir spelling><),
{>at in time o I>is forsaid king,
Constans man sal him clepe ^^ in lede^^,
He sal half mikel laverdhede
335. Of romanie and alle |>e impire,
And o grece he sal be sire'^;
*) crime ^ lord ^ much *) praise *) everywhere •) honour
^) promiscfd ^ manifestation ») teil lo^ deceived ") reeeive ^*) be-
fore 1») wrath 1*) Story i») call »«) land *?) lord
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 2. J4
202 M<>"*»
A mikel man o statar hei,
Ffair in faciun for to sei,
Lnyed wel wit-aten lame^,
340. Wit-nten last*) al his lieam.*)
Mikel riches f>an sal be,
^e erth sal give o frnt plent^;
{>e mett^) o quete, als it es tald,
Ffor a peni it sal be sald;
345. Wine and oyle [of] I>at ilk pris.
{>an sal fra noght a folk ris
{>at Alexandre spred in gog.
And in a land {>at hight^) magog;
{>at fnle folk nan nith may mele
350. O {>air nnmbre f>at es sa feie.
{>is ilk forsaid unlaus^ lede,
Over-alle landes sal |>ai sprede.
And do {>e men to drede ful sare,
To fellis^ fle to hide |>am |>are.
355. Man flezs sal |>ai noght spare.
Es na mete {>ai sal yem mare;
Hors and ass, woman and barn,
Sal nan ha might |>air might to warn^;
Bot at {)e last the romain king
360. Sal of his ost mak gret gadering;
He sal bring {»am alle to |>e gründe,
And at I>e last |>am alle confnnde,
Gains Sarazins grett werrenr,
Bath destrui {>am tnn and tur,
365. And o {>e maumentri |)air temples alle,
And to {>e baptime he sal I>am caile,
At^ tarn to crist |>at scedd his blöde,
In temples he sal rais the rode. ^^
Quen |>at I>is ilk dughti^i) dring i^
370. Sal haf an handret hinter king
Ben and tneWe, {>an sal he fare
To iorsalttn, als tald eS^are,
And yeild np {>are his diademe,
To |>at layerd |>at ai sal deme,
375. }>e cristen kyngrik up to yeild
To Ihesu I>at has al to weld ^S).
Tua prophetes |>an sal cum in hü,
{>at es enoch, and als ^*) heli,
I>at gain ^>) |)e saut^«) of anticrist,
380. Sal do |>e lele to be wamist.
>) fanlt *) fault «) body *) measure •) called •) unloosed
') hüls •) forbid •) to ^^ crop *') powerful i*) chief '») rule
'*) also 1») against ^•) attack
Anticrist and the Signa before the Doom. 203
He sal |Mun teche, he sal j^ani rigfat.
And strength |>am again {>at fight;
^e laus sal convert, aU it sais.
Alle |>at fanden bes |»aa dai8,
385. Qaen ^ai falfiUed has |>air servis,
J>e anticrist sal gain') {»m rise;
The bok o spelling scaus sua,
t>at he sal |>an bath {»am sia.
Quen |)ai ha lien tna dais,
390. Til liif ur laverd sal |>am rais,
J>aas o|>er alle he mai orer-reke ^
Wit suerd he sal apon |>am wreke^,
Or do |>am for to crist renal ^) ,
If {>ai sal bere ^air liif away.
395. Alle {>at he trujn him sal ger,
In frunt |>ai sal {>e taken ber.
Bot quen |>at ilk warlan bridd,
His caitivt^ has tua yelr kidd ^),
Tua yelr and a half ^Kt-io,
400. Wit alle |)e droving") he mai do,
Over al {>is werld on leng|> and brede^
Nameli^ again |)e cristen lede^
}>at alle {>at wille, him sal witstand,
Sal coronnd be to liif lastand;
405. t>an sal ur laverd apon him send,
}>is dome {>at sal him drive til end;
Ffor crist com sal be sa bright
Him sal of stand sa mikel an'),
{>at alle {>e filthe« of his mangh ^o)
410. Sal brist ^1) ute at his hindwin i*),
Ffor dred he sal haf of drightin.
Sua sal he peris, al be-seeten,
Bath wit driten and soru-beten,
And o|>er maisters ma for|>i.
415. }»at folns |»e word o gregori,
Sais Sant Michel sal him qaelle,
In papilon, that mikel feile ^'),
In ^at stede in his aon stal;
{>at f>is be soth^^) fal wel mai falle.
420. Ffor if Sant Michel cum to place,
To dome befor ur layerd grace,
Him sla it sal noght his vertu,
Bot elles wit bidding ^^ o Ihesu;
') against ') over-reach ») take vengeance *) deny ^ known
«) trouble, vexation breadth «) especially «)dread ^^ maw ^^) Ijurst
^*) anus ^5) hill ^*) truth '^j command
14*
204
Morris
And stabili agh i) we tru «) als stan ,
425. t>at als-saith^) als he bes slan,
Crist sal noght cum bis dorne to del,
Bot als we find in Daniel,
Ffourti dais he sal (tham) yate*),
^at fallen ar ute of |>air State,
430. ^oru foluing o |>at fals prophet,
{>at |>ai mai f>am wit penance bete^),
Quen {>air penaunce til end es wroght.
I understand alle in mi thoght,
p&t es na man sa wise |>at mai
435. Teile quen sal be J)e last dai.
Bot he ^at al has for to yeme;
Alle es in bis wille to deme.
{>e last dai |)at alle sal end,
He give us laverd wit bim to lend.
440. Of anticrist wrang and wogb^)
Me thinc {)at I haf redd inogh,
Bot i mai nagat bot i mene ^
{>aa cruel dais and {>aa kene,
Ffore domes dai |>at sal be sene,
445. Wit sorful signes {>aa fiftene;
If yee o J)am wille list») a thrau»),
I sal yow teile o t)aim soth-sau^^
^ar es na man in erth sa feile,
J)at herken herteli wil J)is spelle,
450. O J)is wreched werlds end,
J>at be ne bis liif agh to mend.
Gret signes sal nr laverd make,
Ffor to sceu J)e wie * ^) his wrak ,
Als il es tald o Jeremi,
455. Zorobabel and o Ysai;
Ala Jerome sais |>at man wel truns ^^,
Sais he fand i^) in |)e bok o Juus.
Que|>er |)ai sal hal on rau i^) bitide,
Or enterwal bituix |)am bide,
460. }>at undos he us nour-quar,
J>of he was mikel clerc o lare i*).
J>e iugement a little are^*),
}>at nan sal of |>e feluns spare,
Sal ur laverd his migbites scau ,
465. {>at nan it sal in erth knau.
Hider nu I bidd |)am drau.
Alle |)ai |>at of bim Standes au,
*) ought ä) belle ve ') directly, immediately f) grant ^) amend
«)wickedness 7) teil 8) listen ») a short time lo) true-saw »i) wicked
i^ trows »3) found ^*) lore ") before
Anticrist and the Signa before ihe Doom. 205
And herken soa that i sal sai,
{>at he wenid ^) noght he fles awai ^.
470. Soa sorful sight was nerer a
^at |>ai sal bide sal teile owa.
{>e first dai sal i of rede,
Ffal mikil it es al for to drede,
Ffor I)ar sal falle dun fra |>e liift *)
475. A blodi rain» a dreri drift.
{>e erth sal be al rede of heu,
Ne sagh i never suilk a deu.
Childer in moder wamb to lii,
Wit-in {>air wambs sal |>ai cri,
480. Wit hei not and lüde Steven *) ,
„Mierci nu laverd king of heyen,
Ffor to be bom ha we noght mint^),
{>ou do it laverd us for to stint*);
Quar to snld we be bom to dai,
485. Quem al thinges sal turn to waiV*'
Gretand^ |>ai sal calle on Ihesu,
„Lanerd ha merci on alle na.<<
{>e to{>er^ dai to bide iwisse,
It sal be welle war^ {>an {>iB.
490. I>e Sterns ^<^ wit J)air lemanc^^i) leven *^
Fful saddli i*) falle sal ptA dun fra heven,
Es nan sa wel fest o {)am alle
{>at it ne sal dun |>at dai falle:
And titter 1^) sal {>ai rin on grnnd,
495. j^an fire-slagh ^^) dos quen it es stund.
{>ai sal on erth rin her and |>ar,
Wepand als {)of {>ai men war.
Na Word {>an sal Je quether*«) sune i'),
Til |>at |>ai be alle fallen dune,
500. Unto {)e abime wit-uten sight.
And {>ar {>ai sal haf tint ^^ |>air light,
And worth^^ al blak snm ^^ ani cole;
Loverd how mai, we I)an ^is thole*^),
{>at es sua sulwed ^^) in ur sin,
505. And als we wonden war I>am in!
Efter |>e tua fnles |)e {>rid.
An uncuth>S) dai {>an es it kidd,
{>at {)e mone, Jat es sa scene'^)
Quen it es in |>e waxand sene.
1) weni8 = thinks *) let him that believes not flee away *) sky
*) voice 5) mind «) cease ^) weeping ^ second ») worse i«) star»
»») gleaming >*) light ") heavily ^*) quicker i») lightning i«) wea-
ther 17) sound ^^) lost »») become 20) as «>) suffer »«) soiled
'») Strange «*) bright
1
Morris
510. Sal becum rede als ani blöd,
{>ortt dred of him [that] was don on rode.
On ertb don it sal descend,
Bot {>ar [it] ne sal na wigbt lend >),
Bot to |>e see {>an sal it rin,
515. And f>ar sco ^ sal hir bide f>ar-in,
Ffor to fle |>e dai of au,
Quen crist sal com bimself to scan.
{>e fer|> signe efter ]^e t>re,
Sal be fiil griseli>) on to see,
520. }>at |>e sun |>at es sa brigbt,
And ser?is al |)is werld o ligbt,
It sal becum |>an fnl unfair^)
Dune ^) and blak sum ^ ani bair;
Quen it es f>e falrest on to loke,
525. At middai time, als sais pe bok,
Blacken it sal I>at ilk time,
J>at nan |>ar-wit sal se a stime').
AI laTerd ful wa sal be |>at man
t>at ne sal have na mercy |>an.
530. To |>am J^at he bis wretb ^ sal ky tb >)
Ne sal |>ai never fra ^an be blitb.
Uggeli 10) sal be |)e fift dai,
Mare ]>an ani tung can sai;
Alle bestes dnmb under ^e lift,
535. Up |>an sal I>air hefeds lift,
Apon nr layerd for to cry,
If |>ai moght spek at ask merci.
Rigbt to I>e air al sal |>ai ria
Ffor dredness^^) |>ar to bide |>am in,
540. And |>an cry sal wit 8tiJ)er i*) steven,
{>an nu mal do ten or elleven,
Alle for dred of bis cuming,
}>at dome sal deme of alkin tbing.
I>e sext dai es redd i') in rune i*),
545. Quen al |>is werld batb dale and duneH),
Even ilik ^^ be sal wortb all«,
^e daJs uprise, {>e felis dunfalle,
And al |>i8 ertb nu under heven,
Sal be |>at dai ilike al even,
550. Ffor drednee o {>at demster ^^.
{>e pes sar al tum into were ^^,
{>e ertb sal quak, never ar sa fast,
Tur and tun al dun to cast;
^ 1) stay s) sbe >) dreadful «) dark ^ dan *) as *P^^
•) wratb •) Show *«) horrible ") fear »•) stronger »») told
") Story ««) bin ") alike i7) judge i8) war
Anticrist and the Signi before the Doom. 207
{>aii «8 na werc sa sträng, or walle,
555. {>at it ne dun ^at dai sal falle;
Wodd and walle al dun sal dran
O denuter |>at dred-fdl an.
Sorfnl sal be {>e signe sevend,
Mar |>aii sex |»at i ha neyend i).
560« |>e tres foreasten sal I>aDi pain
For to right j^am up ogain,
Dun ^6 eroppe, npward {m rote,
mnrthes |>an es nan to mote*);
Ungainfnlli |»an sal |>ai quak,
565. t>at alle |>e erth it sal do scak;
Nof^t a leif o |>ani sal last
Quen |>at J^e gref) of ^am sal brast,
Larerd! qnar sal we |>an rest
Qnen nan sal wite^) qnar {»am to nest
570. Alle wanes ') fiat time sal us be wane *)
Bot we ne haf I>e grace of ane.
{>an behoves alle folk to die,
"poTVL sorfnlnes |>at |>ai aal drei ^.
}>e aghtand^ signe it has na mak*),
575. Nan forwit^^ o sa mikel wrak;
Of hir Chanel |>e see sal rise
To hide it, bot it may na wise
It sal brest over dale and dna ^ ^) ,
Alkin thinges for to drnne,
58b. Bot he ne us fall |>at bas it tald,
t^at waa Moses f>at ald i^).
Up to |>e lift^^ rise sal {»e se,
{>ar wit strenght to get entre.
t»e fixses |>at |>ar in er Stade ^<),
585. {>at we mak us oft of glade,
Til erth [o] wai |>an sal |>ai fle,
And wene |>at God |>am mai noght se;
Again |>e se |>an sal it drau,
Don fra the lift unto |>e lau^^),
590. Until hir chanel |>an sal sco turn,
And alsua to''|>airs ilk bum^^.
The neuund^^) sal be cruel and kene,
Was nan suilk o |>aa forwit^^ sene,
Wit speche sal al thing |>am mene^*)
595. Als it wit mans muth had bene;
1 dran to warand Saint Austine,
{>at spekes hu |)is werld sal fine^^').
1) named *) discuss *) tears *) know *) walls *) wanting suffer
•) eighth »)equal i«») föreknows ")hill ^^^oldman i»)sky i«)placed
") pit ") stream ^^ =:neynd, ninth "^before ") mention *<>) end
208 Morris
{)ai sal cri on ur layerd dright,
„Haf mercy on us for {»i might,
600. Laverd Godd |>at lastes ai,
J>ou sal as do to wite ^) awai,
To turn again als noght we war;
Laverd {»oa lat us noght forfar*).^
{>e tend>) ntenemes^) es for to neyen,
605. t>at es na halas under {>e heven,
And he^en seif it sal be ferd^),
Qain him {>at wrogbt middelerd.
Als at ns teils Saint Jerome,
And Gregor |>at was pape of Rome;
610. J>e seif angels sal quake unqneme*)
Ffor dute of him {)at alle sal deme;
For |>an sal quak sant, Cherubim,
And alsua sal do seraphim;
Na creatur sal I>an list plai,
615. Sant Petre sal be dumb {>at dai,
{>at he a word ne sal dnr speke;
Ffor dute o demester J>e wreke ^.
Ffor heven he sal se part in sundre,
And he sal here it cri to wonder,
620. Bath cri and brai for dute and drede,
„Ha merci larerd' for nu es nede.<*
{>an sal ^ai |>at in helle es cropen,
Quen sal seine {>e hevennes open,
paa warlaus ^) alle sal walk |>an ate ,
625. Sant Faule sais, it es na dute;
Herkens nu quat |>ai sal sai,
Ffor dred ^ai sal haf o |>at dai;
„Ihesu Crist, laverd {>at wroght ns a
In heven, and si|>en it tok us fra,
630. We haf it tintt wit gret foli;
In J)is gret nede to f)e we cri,
J)in wrethe havd werc in wa
|>at ^ou ute-wandre us suflers sua,
Caitives {>at nu sorus mare,
635. |>an ever in helle we won war ar;
{>an yeild us gain ur ostel nn,
{>at US es reft, and we ne wat*) hu,
We wald it underfang'O) ful fain^^),
If we moght havö ur erd again. «*
640. pe signe o {>e dai elleft,
It es na skil that it be left;
') vanish *) come to ruin ^) tenth *) chiefly *) frightened j
•) disquieted »7) Tengeance *) faithbreakers *) know ^^ receivc |
») terrify ]
Antierist and the Signa bdfore the Doom. 209
Sair t>Bi sal do for to grise,
Windes on ilk side sal rise,
Sa fast gain oj^er sal j^i blau,
646. ^ar es na tang ^at it may scau;
^e erth {)ai sal do for to rifti)
And up ont of |>e sted to lift.
{>e devels nte sal be fordriven,
O |>at erth {)at sal be riren;
650. Bers |>air bodis in f>at air,
pat sight it sal be fol unfair^.
J>an sal {>e rainbow descend
In ha') o galle it sal be kend^)
Wit |>e wind sal it melle^),
655. And drive |>am dnn alle antil helle,
And damp<>) |>e devels |)ider in,
In |>air bale alle for to brin'),
And sal {>am bidd to bald |>am {)ar,
Aboven erth to cum na mar.
660. {>e term es ciimen haf we ^ sale ^) ,
|>e income to be in yur bale.
|>an sal |)ai bigin to cri and calle,
„Laverd godd ur fader of alle,
{>oa lat US ander erth be hidd,
665. {>at we ne be here na langer kidd.'*
pe twelft signe es of soras sere,
{>ora might of him {>at alle can stere.
{>at es na man in erth wroght,
{>at agh to lat it ute o tboght,
670. And for to mend bis lyf |>e nuire,
To Ihesu |)at nr levedi bar.
Heven it sal be loken again,
Sal nan be |)an ^at thai ne sal qaaini<>)
Ha-gat here na mai we lend ^^).
675. Qaen alle thinges draos |>as-gat til end,
pe angels {>at in heven sal be,
' Sal knele dnn befor cristes kne,
And sal cri merci to {)air king,
t>at |>a se bun i') til alle thing.
680. Ffor |>at rethnes i«) sal |)ai be radd^*),
^ai se overal ^^) |>e werld sa stadd i^;
Quen angels sua sal dred {)at pas,
O sinful quat sal worth i^) alias?
J>e thrittend sal be to *®) snelle *•)
685. Mar {>an man wit tang mai teile.
1) rend ^ dark ') hew *) seen *) mix ^ dash ^ bun ^) yef
*) shall ^^ whine ii) remain ^^ ready ^') fierceness, wrath i<) afraid
15) everywhere i») placed ") become ^^ very **) quickly
210 Morris, Antiierist aad the Signa b«lore the Doom.
O |>at sorfnl grisli dai,
J>at Crist sal til Mb seaftes^) scau
Quen alle |>e stanes |>at are made,
linder ^e lift in werld brade,
690. Abore I>e erthe and bine|>en,
Right an[t]o {>e abime fra be{>en'),
Sal smitt togedir wit all maght>),
Als thoner dos wit firen^) slaght^,
Wit herd dintes mone «) ptd kyeth^),
695. t>an nan has heven to be blith.
Wit thran[g]ing ^ sal Jai samen •) threst lo) ,
{>at al to pieces sal |>ai brest^i).
^is sal be lastand al a dai,
t^e.signes o |>is sorful plai.
700. {>e men {>at |>at dai sal o^erbide,
Under a feile |>ai sal |>am hide.
{>e dai fourtend sal be ful il,
Til al Je werld it sal be grillt);
A stormi dai, a stret of an,
705. Bath o frost and hall and snau.
J>an sal |>ar cum bath thonder and levin ^^)y
And drove^^) al that es under heyin;
{>e cludes to the se sal rin,
Ffor to hid |>am |>ar-in,
710. Ffor to fle f>at dai sa bremei«),
J>at ur laverd sal deme.
Quat sal |>e fiftend dai?
Als I haf fnnden i sal it sai;
Men sais and soth al be mai falle,
715. ^ai it salle ending be of alle.
{>i8 midel erth ful wall [a]wai,
AI to noght sal brin awai;
The se that umlukes ^^ |>e land,
And watres alle that rivers in Strand,
720. AI sal turn again to noght.
Als {>ai war first, ar al was wroght,
Heyen and erth to be mad neu,
t>at ever sal be {>an last and treu.
*) creatures ») hence ») might *) flery *) flash •) shah ') make
known »j pressure, foroe »)together i<7thmst ii)bur8t '^jjjreadful
18) ligbtning »*) trouble ") flerce i«) Surround
London.
Richard Morris.
Tobler, Li dis det YIII blsMiu. 211
Li dis des VIII blasons.
Von Jehan de Batery.
Ch'est li dis des .Ym. blatonB.
Ensi comme auentore mainne
Ciaas qa*elle tient en son demainae,
Qni 8*en ceurent par le pays,
Fui Tautre ionr moult esbahU
5. De mes seigneurs que i*ai pierdnf,
Dont dolans fui et yrascas
Et en ai au euer grant contraire.
Mes antre cose n*en puis faire
Fors que tant seulement prijer
10. A dieu le pere droitnrier,
Qui faice a leur ames pardon
Et si leur doinst saluatlon
Lassns en sa saintisme gloire.
Mol ceminant en teil memoire
15. Parmi le pays de Barry
Con cils qni ot le euer marry,
M'en ving au giste en le rille;
Descendus, ce n'est mie gille, ^)
Puis fui^ menes en rne salle
20. Qui ne fu pas orde ne salle,
Ains estoit noblement paree
Et moult cointement paintnree
De Couleurs de pluiseurs manieres
Qui estoient nobles et cieres.
25. La auisai ge maint blason
Et maint escu de grant regnon
Que ml gentil seigneur portoient,
Qui de leur biens me confortoient
Au tamps qu'il estoient en nie;
30. Caseuns d'iaus auoit grant enrie
1) Kichtelision des stummen e yor einem Vokale, wie im vorher-
gefaenden Vers, ist nicbt selten, vgl. 110, 212, 305. Die Stelle scheint
aber sonst verdorben; vielleicht ist zu lesen: M^en ying au giste en
vne ville, Descendi etc.; vielleicht aber steckt in au giste der Name
einer Stadt von Berry, vielleicht in Descendus, welches leicht etwa
aus D'issoudun entstehen konnte.
') Hdschr. fu menes
212 Tobler
D'escoater biax mos et Maas dis;
Ihücrist leur doinst parradis,
Car maintenant plus n*en dirai,
Vne autre fois em parlerai,
35. Quant il sera tamps et saison.
Kant i'ou soupe en le malson
Dont ie uous ai au deuant dit,
Coucier alai sans contredit
Et m'endormi en grant pensee.
40. Mes ains que le nuit fust passee,
Vieh en dormant tel exemplaire
Qui doit a oir cascun plaire.
£n Celle salle y ie gisoie
Et ou lit on ie me dormoie,
45. Me fu visablement auis
Que iou ueoie vis a vis
.VIII. dames douces et piteuses
Qui toutes estoient songneuses
De dire moi leur uolente,
50. Et cascunne par uerite
Par grant humelite portoit
.1. escu qui moult biaus estoit
Et moult plaisans a regarder.
La ne me poi onques garder
55. Que les dames ne saluasse
Et que ie ne leur demandasse
Comment elles auoient non.
— Amis, et nous le te diron,
Puisqu'il le te piaist assauoir.
60. II a passe mout lonc tamps uoir
Que ne fusmes si tourmentees.
Nous sommes dou tout esgarees,
Se hardemens ne nous radrece.
Compains, on m'apielle Proecce;
65. Mes i'ai pierdu mon cier ami
Qui auoit grant fiance en my,
Et ie rauoie flaute
En lui et loial amiste;
Car onques iour ne me menti,
70. Mes tout adies se combati
Pour garder m'onnour et mon droit.
Se ie le plains, i'ai tresboin droit ,
Car ie uoi proecce enterrer
Et ceualerie arrerrer ')
^) Hds. arrer.
Li dis des VIII blssons. 213
75. Contre droit et contre raison.
Yrai diens, qaant aerrai le saison
Par qaoi ie soie radrecie
Et qne ma basiere drecie
Soit ensi com il le portoit
80. Par les cans ou se deportoit
Si biel et si conrtoisement ;
Qu'il ^) n'estoit painne ne toorment
Qu'il ressoingnast, se diex m'ayoie;
Mes tont adies tenoit^ sa noie
; 85. Oa 11 sauoit ses anemis.
Ensi mes tresloians amis
I S'est portes sa nie et son temps.
II n'estoit ^erre ne contens
Ne biax fiais ne toumois ne ionste
90. Qne il ne fost adies de ionste
y en la presse tont denant,
De ceste cose bien me nant.
Et uolentiers auoit Fonnonr,
Fnst en toumoi v en estour
95. y en ionstes ▼ en bataille.
Est il donqnes raison c*on faiile
A mettre ses fais en escript?
Nennil, par le donc IhQcrist.
Car il n'est menestrel de bonce
100. Qui ia y doie anoir repronce;
Car cascnns se poet bien nanter
Es fais don prince raconter
De qnoi ie te faic mensciön.
Je croi a mon entention,
105. James ionr ne recounerrai
Teil ceualier a dire nrai.
Et pour Tamonr de lui ie porte
Cest escu, dont ie me deporte,
Et m'est anis qnant ie le tieng
110. Qne ie uoie en son maintieng
Encore en nie le bon roi
Qni le portoit en son arroi.
Regarde, il est escartelles
De genles et si est bnlles
115. D'argent snr asnr, ce me samble;
Et sour les geules ha ensamble
.II. lions d'argent, conronnes
De fin or, et si sont ongles
D*or et s'ont les qneues fonrchies.
1) Hds. qui ^ Hds. de uoir
214 Tobler
120. Qui noblement y sont coucies.
Sur les quartiers buUes d'argent
A .II. lions qui sont moult g^nt,
De geales, coaronnes sont d'or
Et oDgles par les pies encor.
125. Or t* auise bien sour ce point,
A fin que tu ne mentes point.
Car on doit rimer et escrire
Cose c'on ne puisse desdire. —
Et qnant j'ouy Proaiche adonques,
130. Mes si ioians ie ne fui onques,
Pour Tonnenr, ponr le reuerencbe
Ke Proaice par ezellenche
Me disoit par loial amonr.
La m*agenoillai sans demour
135. En disant: — Ma tresciere dam«,
Ou il n'a orgoeil ne diffame,
Je uous 1) rencb grasces et miercbi
De cou que uous m'aues dit chi.
Car a tous les boins conterai
140. Ses fais et les ramenteurai ^
En quelconques lieu que ie soie.
Mes, dame, se diens me doinat ioie,
Dites moi comment a a non
Celle dame.de grant regnon
145. Qui la porte par grans delis
Cel esca point a fleur de lis,
Bordes de geules tout en tour.
')
— Amis, dist eile, et tu Torras,
150. Et ie croi que mieus en nauras.
Compains, on Tapielle Francise,
Yne dame de bonne guise.
Or ua a lui si le salue
Comme dame de grant ualue. —
155. Adont a lui parier alai,
A mon pooLr le saluai
Et lui dis: — Dame grascieuse,
Je pri la yierge glorieuse
Qu'elle uous doinst bonne auenture.
160. Proaice, qui aime droiture,
M'a dit qu« de uous m'aprooaise,
Dame, et que ie uous demandalse
Toute la propre uerite
De cou que mes cuers a pense
>) Hds. uois? >) Hds. Et ses fais et ramenteuerai -^
3) Hds. Raum für eine Zeile.
Li dis des VUI blasons. 215
165. Et pen86 encore iour et niiit. —
— Amis, dUt eile, ne t'amdt.
Cest eicu a flenr de lis pamt
Qae tu uois deaaat moi empaint
Granti) ezemplaire segnefie
170. Je 8Qi>) pries d'estre deaeonfie
De mon pouoir et de m*oimour,
Se Ihncrist par uk doucour
ProcaiDnement ne me radrece;
Vinre me faut en gmat destr^ce,
17&> S'aucnns bona chenalier uaUlant
Qai a honnour ne soft laillant
Ne me retoarne*) a hardement
Asprement et Tigrensement.
Tu uois qne c'est oose notaire;
180. Ponr cou a tant ie m'en uoel iaire
Et noel sooffrir ma patience
Et grant doeil et en peatilence. —
Ensi Franchise a moi parla
Et sa uolente me compta,
185. Et me sembla que ie le vi^)
Parier ensi eon ie uons di.
En .1. autre liea regardai
Et yne dame y anisai,
Qu! fa GentiUecce nommee
190. Et portoit, c'est cose pronnee,
.1. escn Yermeil bien tailliet
' A .m. peus qai forent nairiet
D'argent snr asur de recief,
Et de fin or estoit le cief.
195. Geste dame par sa bonte
Me dist tonte sa nolente.
— Amis, dist eile, entent a moi.
Ses tn la raison et poar.quoi
Je porte en ma main cest eacu?
200. Plains estoit de boine viertu
Ciens qni le portoit sans dontance,
Et si fn nies dn roi de France.
Je, c'on appielle Gentillece,
Demoorai en Ini et largece
205. Et tonte ioie et tonte honnour. ^)
Le siemimea sans deshonnonr;
1) Hds. Quant ^ Hds. foi ^ Hds. retoument
^) Vielleicht zu lesen: que ie Toi
») Vielleicht ist der Punkt nach V. 204 statt nach V. 205 zu
setzen und in diesem Falle zn lesen: En tonte i.
216 Tobler
Mes il a dare poi de temps,
Dont ie sui en mon euer doubtans ^)
Que iames si boin ne recoeure
210. Qu'il estoit en fais et en oeare. —
Apries Tne autre dame vint
Si doucement qne il couuint,
Qui^ auoit a non Loiaute,
Et .1. escu de grant biaute
215. Doucement portoit en sa main,
Et si jaous dl tout de ciertain ,
L'escu fu d'or, ce n'«st pas fable,
A .1. lion rampant de sable.
Loiaute fort se dementoit
220. Et moult souuente fois dlsoit:
— He, gentils cheaalier loiaus.
Tu ies or') mors pour les roiaus
Et pour loiaute maintenir.
Or ne me sai mes v tenir;
225. Car loiautes est adiree,
Qui par toi estoit honnouree.
He, mi lasse, que deuenrai?
Loiaute, en quel part yrai?
Car mes plus souffissans amis
230. Sont mort ensi con m^est auis,
Si ne sai mes quel part aler.
Je croi qu'il me couuient finer. —
J'anisai en .1. autre lieu
Vne dame a .L euer pieu,
235. Qui bien sambloit iestre esploree;
Sobrietes estoit nommee.
.1. escu portoit deuant li
De fin or, pour uoir le vous di;
Vne bende y auoit sans doubte
240. De geules, .III. aigles en route
D'argent sur le bende seans,
Qui bien y furent aferans.
Sobriete par grant tristece
Disoit: — Frans dus plains de largece,
245. Ciertes, eil ne m'amoient mie
Qui si tost t'osterent la uie^
Cil qui t*ont mort par leur outrage
M'ont fait a ceste fois damage.
Je prie a dieu que il te doinst
250. Paradis et qu'il te pardoinst.
*) Hds. fui e. m. c. doubtemps ^ Hds. quil ') Hds. es pries
Li dis des VIII blasons, 217
Se il lui pl«st, tous les pecies
Dont ta ins onqnes entecies. —
Pnis vi uenir de*aier8 senestre
Vne dame qui en sa destre
255. Main portoit .1. moult rice escu
D'asur, dont ie fui yrascn.
Et a fin que cascuns Tentende,
D'argent y aaoit vne bende
Et si anoit d'or .II. cotices ^)
260. Potencies sens nal malices.
Hardiece trop se*) plaignoit*
Et en disant se complaignoit:
— He, gentils ceoaliers hardis,
Qai onqaes ne fastes tardis
265. Des biaus fes d'armes radrecier,
Caseims doit ton non essancier,
Et plas a le mort qn'a le Tie.
n n*estoit bonne compaingnie ,
Toomois ne iouste *) ne cembiaus
270. Que tes gens corps hardis et biax
Ne uansist iestre en tous boins fes.
Se ie te piain, ie n'en pnis mes.
Or te doinst diex neoir sa face
Et de tes mans pardon te face. —
275. Tantost ^) apries, se dies me gart,
D*autre part toumai mon regart.
Karite Tic viers moi nenir
Humlement sens desconnenir,
Qui estoit em bon apareil
280. Et portoit .1. escn vermeil
A .II. saumons et a eroisetes
D^argent, qui forent naitelletes.
Mes trop fort regretoit le conte
Et disoit, pour uoir le vons oonte:
285. — Jeban de Biteri, biau sire.
De la mort dou conte grant yre
Hiraut et menestrel aront,
Kant le uerite en saront.
Car nolentiers les confortoit
290. Et as gens d*armes departoit
Des biens que dieus li ot prestes. —
Pour cou le plaignoit Carites,
! 1) Hds. concices ») Hds. le ») Hds. ioustes
I *) Tantos
. Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. Y. 2. 1^5
218 Tobler
Qu'il estoit dous et caritables
Et en tous ses fais ueritables.
295. Puis vic uenir, quoi que nuls die,
, Aussi con de uiers Normendie
Vne dame de tous biens cointe,
Qui fu d^obedience aoointe.
.1. escu de geules portoit
300. Ouquel .11. faces d'or auoit;
Mes trop faisoit mauuaise eiere.
Je me retrais .1. poi arriere
Et nie pingnonciaus et banieres
Et timbres de pluiseurs manieres.
305. Mes trop a faire y aroie,
Se deuiser les uous uoloie,
Et seroit mon dite trop grans.
Sar ce polnt m'esueillai engrans
De faire .1. dite de mon songe
310. V il n*a goute de mencongne.
Mes touteuois ie prl a dieu
Qu'il doint em parradis leur lieu
As rois, as cheualiers, as contes
Pour qui prononcies est eis contes,
315. Tant qu'en le gloire celestial
Soient tout par espescial,
Et toutes armes ensement
Doinst li dous IhüB sauuement
Et nous aussi sans contredit.
320, Jehan de Batery son dit
Plus gentieument ne poet trouuer,
Et a fin c*on puist mieus prouuer
Que ce soit ueritable coze,
Vous trouueres escript en gloze
C
325. L'an.mil.III.XLVI.
Que nos seigneurs furent occis
En le bataille de Crecy.
Ihücris leur face miercy,
Et nous doinst tous bien uiure au siecle
330. Li rois des rois qui sans fin siecle.
Amen, explicit.
Vorstehendes Gedicht von Jehan de Batery (V. 320) oder
Biteri (V. 286), das erste, das meines Wissens von diesem
Dichter bekannt gemacht wird, ist der nämlichen Handschrift
der casanatensischen Bibliothek entnommen, aus welcher im
zweiten Bande des Jahrbuches Jehan's de Condet dit dou
roagnificat und in der Bibliothek des Stuttgarter literarischen
Li dis des VIII blasons. 219
Vereins weitere Dichtuogen desselben mitgetheilt worden sind
und deren Inhalt an beiden Orten verzeichnet worden ist.
Ueber die bei Grecy (den 26. August 1346) gefallenen
Adelichen des franjEosischen Heeres , deren Andenken der
Dichter feiert, geben Froissart und Villani hinreichenden Auf-
schlufs. Ans des ersteren Chronik führe ich hier folgende
Stellen an:
„Le vaülant et gentil roi de Behaigne, qui s^appelait mes-
sire Jean de Luxembovirg, car il fut fils de Tempereur Henri
de Luxembourg, .. . alla si avaot sur ses ennemis que il ferit
un coup d^epee, voire trois, Toire quatre, et se combattit moult
vaiUamment; et aussi firent tous cenx qui avec lui etoient pour
Taccompagner; et si bien le servirent et si avant se bout^rent
sur les Anglois, que tous y demeurerent, ni oncques nul ne
s^en partit; et furent trouves lendemain sur la place autour de
leur seigneur/^ (Ausg. von Bnchon, II, 361 — 363. Die Gra-
fen von Auxerre und von Sancerre werden S. 362 unter die-
sen Begleitern angeführt.)
„ Et fut la mort sur la place le dit comte fde Harcourt)
et aussi fut le comte d'Äumalle son neveu. D'autre part le
comte d^Alengon et le comte de Flcmdre . . . furent la occis sur
la place. Le comte Louis de Blois et le duc de Lorraine
son serourge . . . demeurerent sur la place. Aussi fit le comte
d' Auxerre et le comte de Saint Pol'^ (ebend. S. 368, 369).
„Encore ne savoit le dit roi (de France) la grand perte
des nobles et des prochains de son sang qu'il avoit perdus.
Ce dimanche au soir on lui en dit la verit^. Si regretta gran-
dement messire Charles son frere le comte d^Alengan, son neveu
le comte.de Blois ^ son serourge le bon roi de Behaigne, le
comte de Flandre, le duc de Lorraine et tous les barons et
les seigneurs, Tun apr^s Tautre^^ (ebend. S. 382).
Uebereinstimmend damit berichtet Villani (Istorie Fioren-
tine, Vin, 8. 177. Milano 1803):
„Intra gli altri notabili signori vi rimasono morti il re
Giovanni di Buemia, . . . il conte di Lanzone (Alen^on) fra-
tello del re di Francia, il conte di Fiandra, il conte di Brois
(Blois), il duca di Loreno, il conte di Sansurro, il conte ä*Alli'
Corte, il conte d'Albamale (Aumale) e'l figliuolo."
Noch grofsere üebereinstimmung als die Stellen aus Villani
und Froissart zeigt mit unserm dit das Gedicht von Colin de
15*
220 '^^^^^^
Renaot, welches Buchon im vierzehnten Bande seiner Ausgabe
der Chronik Froissart's nach der Handschrift 6271 ^) der kai-
serlichen BibKothek zu Paris — nicht sehr sorgfaltig — be-
kannt gemacht hat. Dort wie hier erzählt der Dichter einen
Traum, in welchem allegorische Gestalten — bei Colin sind
es Renom, Nature, Largesse, Loyant^, Prouesse, Honneur —
ihm erscheinen und den Tod der bei Crecy gefallenen Edeln
beklagen. Unter diesen wird namentlich des Königs von Böh-
men mit Ruhme gedacht, aufser ihm der Grafen von Alen9on,
von Blois, von Flandern, von Saumes, von Harcourt und
von Saussojre, und des Herzogs von Lothringen, woran
sich die Namen einer grofsen Zahl weniger hoch Gestellter
schliefsen.
Von den acht Schildern, die auf die angeführten Gefalle-
nen zu vertheilen sind, ist der erste beschrieben V. 113 — 24;
er enthält die vereinigten Wappen von Böhmen und von Znixem-
burg (buUes V. 114 und 121 = bureles der jetzigen heraldischen
Sprache), gehört also dem König Johann; daher V. 111 roü
Der zweite, beschrieben V. 146, 147, 167, ist derjenige
des Grafen Karl von Alen^on; wenigstens gibt J.-F. Jules
Pautet du Parois, „Nouveau Manuel complet du Blason on
Code heraldique", Paris 1854, S. 306, folgende zutreffende
Beschreibung des Wappens dieses Hauses: seme de France,
a la bordure de gueules.
Der dritte, beschrieben V. 191—94, gehört dem Grafen
Karl von Blois. Pautet du Parois S. 323 : de gueules , a trois
pals de vair, au chef d'or; daher V. 202 : nies du roi de France.
Den vierten, dessen Beschreibung V. 217, 218 zu derjeni-
gen von Pautet S. 300 stimmt: d^or au lion de sabje, arme
et lampasse de gueules, trug der Graf von Flandern; den
fünften (V. 237-- 41) der Herzog (daher dus 244) Baoul
von Lothringen.
Der V. 265 — 60 beschriebene sechste ist nach Pautet du
Parois (S. 301: d'azur ä une bände d'argent accompagnee de
deux doubles cotices potencdes et contre-potencees d'or et de
treize pieces) derjenige des Grafen von Äumale.
1) Es findet sich daselbst von Aegidius de Musis (seit 1331 Abt
von Saint Martin de Toumay) in sein im übrigen lateinisch geschrie-
benes Chronikon Flandri» eingeschaltet.
Li 4i8 des VIII blasoas. 221
Welchem gräflichen Hanse (conte Y. 283, 286) das siebente
V. 280 — 82 beschriebene Wappen angehöre, ist mir bei der
Dürftigkeit der mir zn Gebote stehenden heraldischen Hnlfsmittel
nicht möglich zn entscheiden.
Das achte und letzte (Y. 299, 300) ist dasjenige des nor-
mannischen Grafen von Hareourt (daher Y. 296 de uiers Nor-
mendie), welches Pautet da Parois S. 314 so beschreibt: de
gneules ä denx fasces d'or.
Solothurn, August 1863.
Adolf Tobler.
222 KriUsehe Anzeigen:
Kritische Anzeigen.
Le Br^8il litUnUre. Histoire de la litterature- bresilienne snirie d'un
Choix de morceaux tiris des meiUeurs aatears br^UieoB; par
Ferdinand Wolf, Berlin, Asher & Co. 1863. (XYI, 242; 334 S.
gr. 8.).
Der Wissenschaft der allgemeinen Literaturgeschichte, so-
wie der besondern der romanischen Sprachen ist durch das
vorliegende Werk ein neues, zum grofsen Theü bisher un-
dnrchforschtes Gebiet erobert worden. Im Znsammenhange
und selbständig war die Geschichte der Literatur Brasiliens
noch von keinem Gelehrten Europas dargestellt worden; nur
sporadisch, bei Gelegenheit der portugiesischen Literaturge-
schichte, war wohl auch einzelner Werke der Brasilianer, und
zwar blofs aus dem Gesichtspunkt, dafs sie einen integriren-
den Theil jener ausmachten, gedacht^); selbst in Brasilien ist
die Geschichte seiner Literatur bislang nur fragmentarisch,
skizzenhaft oder in kurzen Uebersichten , welche nicht einmal
die neueste wichtigste Periode umfafsten, behandelt worden.
In unsrem Werk aber sind nicht blofs alle literargeschichtlich
nur einigermafsen bedeutenden, in portugiesischer Sprache yer-
fafsten Erzeugnisse geborner Brasilianer vorgeführt, sondern es
wird, was weit wichtiger ist, die Entwicklung dieser Literatur zu
einer selbständigen nationalen Bedeutung dargelegt. Brasilien,
so sehen wir am Schlufs, ist nicht nur ein vollkommen un-
abhängiger Staat geworden, sondern es hat sich auch geistig
von dem Mutterlande emancipirt, bis zur Schopftmg einer eig-
nen Nationalliteratur, die, gro&tentheils allerdings ein Werk
der Gegpnwart, die portugiesische heute an Eigenthnmlichkeit
wie an Reichthum überragt.^)
1) Allerdings macht Ferd. Denis, dessen Werk wir uns leider hier
nicht Terschaffen konnten, in einem gewissen Sinne eine Ausnahme.
Wolf sagt von demselben: „Ferdinand Denis est le seul litterateor
enrop^en qui ait ajoute a son resiime de Thistoire litteraire da Por-
tugal un appendice sur la litterature de la grande monarchie am^ri-
caine (Paris 1826), et encore cet ouvrage a-t-il paru a nne ^poque
on le d^yeloppement dont nons avons parU, ne faisait que commencer.^*
^ Man sehe den Artikel : Futur o litter ario de Portugal e da Brazil
von Herculano, bekanntlich einem der ausgezeichnetsten Gelehrten und
Ferd. Wolf, Le Bresil ütteraire. 223
IHefte Eotwicklong bietet ein grofses Interesse, und oft
von einem imiversellen Cbarakter, du*. Das kleine Portngal,
nor ein Abschnitt der pyrenäischen Halbinsel, ohne besondre
physikiJische Eigenthümlichkeit, konnte nnr ausnahmsweise
gleichsam, in einzelnen Epochen und in gewissen Gattungen,
zn einer vollen literarischen Selbständigkeit gelangen^ nament-
lich seitdem eine solche in hohem Grade in dem Centrnm und
Hauptlande der Halbinsel sich entwickelt hatte. Das castili-
sehe Spanien, welches die eigenthumliche Literatur der Ost-
knste, Cataloniens nämlich, seit der politischen Vereinigung
beider Reiche ganz absorbirte, dehnte wenigstens seine Herr-
schaft, bald mehr bald weniger, absolut, auch über die Lite-
ratur der Westküste der Halbinsel aus. Selbst in der frische-
sten Blüthenperiode der portugiesischen Dichtung sehen wir
ihre bedeutendsten und originellsten Vertreter, wie einen Gil
Vicente, neben der Muttersprache mit fast gleicher Vorliebe
auch der spanischen sich bedienen; wann aber die spanische
Literatur selbst auswärtigen Einflüssen, wie dem franzosischen,
unterthan wurde, folgte ihr die portugiesische noch unter-
würfiger nach, um sich viel später und mit weit geringerer
Energie und Erfolg davon loszuwinaen. Die portugiesische
Poesie wurde aber nach Brasilien verpflanzt oder dort zuerst
cultivirt zu einer Zeit, wo sie bereits im vollen Niedergange
begriffen von der spanischen nichtr blois beherrscht, sondern
im eigenen Lande beinahe verdrängt war. Dort in Brasilien
wuchs dann die anfangs so schwache Pflanze zugleich mit der
geistigen und materiellen Entwicklung der Colonie auf, mehr
and mehr gleich dieser erstarkend und zu dem Bewufstsein
selbständiger Eigenthümlichkeit gelangend, welches denn auch
die Frucht äofserer Unabhängigkeit reifte. Die Grofsartigkeit
und Pracht der Natnrschonheit der neuen Heimath, die Be-
ziehungen zu den Eingefoomen, die theils gewaltsam verdrängt
werden muisten, theils sich mit den Colonisten vermischten,
gaben der Phantasie . nicht blo£s neue Stoffe, sondern eine
eigenthumliche Auffrischung und Anregung. Ueberhaupt aber
war der Antrieb zu einer regern geistigen Thätigkeit dort
Schriftsteller Portugals heute, in der Revista universal lisbonense 1847,
abgedruckt in der bei Brockhaus erschienenen Ausgabe der Cantos von
Biaz. — Üebrigens werden wir im nächsten Hefte des Jahrbuchs einen
Aufsatz über einige neue bedeutende Erscheinungen der portugiesischen
läteratur aas Wolfs Feder bringen. :
224 Kritische Anzeigeii:
Starker als in dem Mutterlande, und je mehr dies doreb eine
unverstandige Politik die Entwicklung der Colonie hemmte,
um so eher erwachte nur das Streben nach politischer Selb-
ständigkeit und bürgerlicher Freiheit in ihr. Die Poesie aber
erscheint dort bald als Hauptfactor der allgemeinen Cultur,
enge verknüpft mit den Schicksalen des Landes. Wie die
Jesuiten vor Pombal die Träger und Verbreiter der Bildung
in Brasilien waren, dort durch würdigere Ziele zu einer an-
dern, sittlichem Thätigkeit geführt als in dem Mutterlande, das
vielmehr ihre Herrschbegier demoralisirte: so gehören auch die
ältesten brasilischen Dichter fast alle jenem Orden an, und
wurden zum Theil auch von den Verfolgungen des portugie-
sischen Reformators getroffen. Später ist es gerade ein Kreis
von Dichtern^ die Schule von Minas, wo zuerst das Streben
nach nationaler Unabhängigkeit zum vollen Bewufstsein kommt;
mehrere von ihnen waren die Hauptschuldigen jenes „Hoch-
verraths von Minas ^S welcher in den achtziger Jahren des
achtzehnten Jahrhunderts schon Brasilien von Portugal los-
reifsen wollte. Und selbst in der neuern und neuesten Zeit
findet sich dieses Bündnüs der Poesie und Politik wieder):
bedeutende Staatsmänner glänzen zugleich unter den Namen
der ersten Dichter des Landes.
So kann in der That von einer Nationalliteratur Brasi-
liens im vollen Sinne geredet werden. Wie der Ableger einer
Pflanze, in einen andern Boden und ein andres Klima v^-
pflanzt, wenn er Wurzel falst und gedeihet, sich zu einem
eigenthümlichen Gewächs mit der Zeit entwickelt^ zu einer
besondem Species, obschon dieselbe das Qenus, wozu sie ge-
hört, nicht verläugnet: ebenso die Literataren zugleich mit
den Nationen selber. Natürlich müssen die Verhältnisse ein
neues frisches, selbständiges Wachsthum begünstigen, da sonst
auch nur verkrüppelte und verkümmerte Exemplare entstehen
können. So ist bis heute von den romanischen Literaturen
nur der portugiesischen, und zwar in Brasilien, von den ger-
manischen nur der englischen, und zwar nur in den Vereinig-
ten Staaten Nordamerikas, die Gunst zu Theil geworden, eine
selbständige Tochterliteratar — wenn wir diesen Ausdruck bil-
den dürfen — entstehen zu sehn. In den spanischen Colonien
finden sich, soweit wir wissen, nur erst schwache Ansätze
hier und da zu einer literarischen Unabhängigkeit, und erst
seit neuester Zeit. Bis dahin erscheint ihre Dichtung, wie uns
Ferd. WoK , Le Bresil Kttiraire. 225
Hwrn Gatierrez lehrreiche Abhandiang froher zeigte (vergl.
Jahrb. III, p. 177 ff. n. 245 ff.)) ^^^ ^^ ^^^ matter oder auch
vei^robernder, die Fehler allein kraftiger reprodudrender Ab-
klatsch der Spaniens, indem zugleich seltsamerweise gerade
das Gebiet vor allen andern, ja nicht selten ganz allein cnl-
tirirt ward, wo die Poesie des Mutterlandes selber von Beginn
nachahmend, nie etwas Eigenthümliches nnd Bedeutendes zu
erzeugen im Stande war, wir meinen das Gebiet der in der
Ottaya rima Terfafsten romantischen Epopöe. Und auch das
ist sehr charakteristisch, daüs in diesen Epen, ganz im Ge-
gensatz zu denen Brasiliens, das Moment der Erzählung das
der Beschreibung weit überwiegt; das Land, der Boden der
neuen Heimath , tritt hier meist ganz in den Hintergrund; es
bandelt sich nur um die Thateu, welche die über das Meer
gekommenen EuropiLer dort vollbrachten; die Helden werden
als Spanier verherrlicht, nicht als die Vorfahren und Grunder
eines neuen Volkes, das sich mit dem von ihnen eroberten
Lande nunmehr eins fühlt, in ihm die Wurzeln seiner Lebens-
kraft findet.
Natürlich ist auch in Brasilien die selbständige literari-
sche Entwicklung nur eine sehr allmälige gewesen. Unser
Verf. unterscheidet fünf Perioden, von denen er die erste von
der Entdeckung Brasiliens bis zum Ende des 17. Jahrhunderts
rechnet; die zweite Periode umfafst dann die eine^ die dritte
die andre Hälfte des 18. Jahrb., während die vierte vom An-
fange des 19. Jahrb. bis zum Jahre 1840, die letzte Periode
endlich von da an bis heute gerechnet wird. Dieser sorgfalti-
gen Periodisirung , welche den Vorzug hat, den Stoff sogleich
vollkommen gegliedert vorzulegen, läfst sich unsers Erachtens
zugleich der Vortheil grolster Uebersichtlichkeit leicht gewäh-
ren ^ wenn man die beiden ersten Perioden als zwei Abschnitte
einer Epoche und ebenso die beiden folgenden betrachtet, wäh-
rend mit der fünften Periode dann eine dritte Epoche anhebt.
Die erste Periode nämlich charakterisirt sich als die Zeit der
E^führung der literarischen Onltur überhaupt durch die Jesui-
ten, und der ersten späriichen literarischen Versuche der Co-
lonisten, die selbstverständlich noch blofse, servile Copien por-
tugiesischer und spanischer Muster sind — man erinnere sich
in Betreff der letztern, was wir oben über das Unterthänig-
keitsverhätnifs angedeutet haben, in welchem zu Spanien Ja-
mals die portugiesische Literatur, zugleich mit dem Lande
226 Kritische Anzeigen:
selbst, stand. In der zweiten Periode breitet sich diese ein-
geführte literarische Cultur aus und fafst Wurzel: war dieselbe
bis dahin nur von einzelnen besonders begabten und zugleich
wissensehaftlich gebildeten Männern, zumeist Oeistlichen und
Rechtsgelehrten,' gepflegt worden, so wird sie jetzt, wo Bahia
der Sitz eines Yicekönigs geworden , unter dem Patronate die-
ses glänzenden Hofes von der hoher gebildeten Gesellschaft
cultivirt. Der Vicekonig Yasco Fernandez Cezar de Menezes
selbst gründete im Jahre 1724 in Bahia die erste poetische
Akademie, die der „VergeDsnen*' (dos Esquecidos). Wie schon
dieser Name ahnen läfst, war es eine literarische Gesell-
schaft im Stile der italienischen Akademien, die am Ende des
17. Jahrhunderts in der damals gegründeten bekannten Arcadia
eine neue, sehr einfluTsreiche Vertreterin, deren eigenthümlicher
Kunstgeschmack später auch nach Brasilien hinüberwirkte, ge-
funden hatten. Die Literatur verbreitete sich also in weitern
Kreisen, ind^m sk als ein Mittel der Unterhaltung und des
Glanzes hochgeachtet wurde. Die hofische Gel^«>nheitspoe8ie
aber, die dort erblühte, konnte schon weil sie innerlich unfrei
war und gerade die höchsten Stufen des socialen Lebens am
wenigsten für eine nationale Entwicklung empfänglich sein
mufsten, sich der Banden der Abhängigkeit vom Mutterlande
keinenfalls entledigen. So sehen wir, wie in diesen beiden
Perioden, die wir als Abschnitte Einer Epoche betrachten
können — welche Epoche also von der Entdeckung des Lan-
des bis zur Mitte des 18. Jahrh. reicht — der Sinn für lite-
rarische Production geweckt wird, und Brasilien sich schon
bestrebt, darin mit dem Mutterlande zu wetteifern, welches in
jener Zeit ja auch nur, zuerst die Spanier, dann die Franzo*
sen copirend, eine rein akademische Dichtung prodocirt In-
dessen finden sich auch in dieser Epoche schon in Brasilien,
wenn auch »ur erst schwach und vereinzelt, Spuren einer
e%enthümlichen nationalen Richtung. Sie zeigen sich hier zu*
erst in dem patriotischen Interesse, womit in einzelnen Dich-
tungen die landschaftliche Schönheit der Ueimath gefeiert wird,
welche von da an für immer eine Hauptquelle nationaler diehr
terischer Begeisterung geblieben ist. Sogleich der erste brasi-
lische Dichter, welcher seine Werke selbst herausgab (zu
Lissabon 1705), Manoel Botelho de Oliveira (1636 — 1711),
hat ®^ Sylva, wie er deren nach dem Vorgänge Gongora's
verfafste, einer ins Eineeine gehenden, allerdings etwas pro-
Ferd. Wolf, Le Bresil litteraire. 227
sakch trockenen, aber wie es scheint sehr getreuen Beschrei-
bung der Insel Mare bei Bahia gewidmet, welches Gedicht zu
seinen vorzüglichsten gehört; diesem Master folgte gegen Ende
dieser Epoche ein andrer Dichter in der Beschreibung der Insel
Itaparica in Ottaven nach.
Mit der dritten Periode, die unser Verf. aufstellt, der
zweiten Hälfte des 18. Jahrb., tritt schon Brasilien auf litera-
rischem Gebiet entschiedner hervor, und gewinnt hier selbst
bereits ein uniyersalgeschichtUches Interesse. Der Aufschwung,
den das geistige und materielle Leben Portugals durch Pom-
bal ehielt, wirkte auch günstig auf Brasilien hinüber, obwohl
dies keineswegs einer Regeneration in demselben Grade ab
das kläglich herabgekomniene Mutterland bedurfte. Rio de
Janeiro wurde jetzt der Sitz des Vicekonigs und somit ent^
stand ein neuer Mittelpunkt der Bildung dem Lande. Neue
Akademien traten nun dort ins Leben, unter denen die Area*
dia ult|*amarina , nach dem Muster der oben erwähnten römi-
schen gegründet, den gröfsten unmittelbaren literarischen Ein-
flnis hatte. Auch in materieller Beziehung nahm die Golonie
einen Aufschwung. Was Pombal dafür that, findet sich in
aUer Kürze trefflich zusammengestellt und beleuchtet in der
Greschichte des 19. Jahrhunderts von Gervinus (III, p. 452).
Pombal bereitete sogar in einem gewissen Sinne die Selbstän-
digkeit des Landes vor, indem er die Stellung und Lage der
Eingeborenen bedeutend hob, so dafs „die Gehässigkeit der
gesetzlichen Unfähigkeiten der Farbe, denen die Racen in
spanisch Amerika erlagen, in Brasilien verschwand. ^^ In die-
ser Periode Jlndet sieh also dort schon ein reges und in man-
nichfacher Beziehung bedeutendes literarisches Leben. Einmal
treten in Jose Basilio da Gama und in Santa Rita Duräo zwei
Epiker auf, deren Gedichte nicht blofs ihrem Gegenstande
nach national, sondern auch im Stil bereits von einer eigen-
thümlichen Färbung, die sie den Einflüssen des brasilischen
Vaterlandes verdankten, und dabei zum Theil von nicht ge-
ringem ästhetischen Werthe sind — Werke, denen wenigstens
Portugal damals nichts Ebenbürtiges zur Seite zu stellen ver-
möchte. Unter beiden aber verdient den Vorrang sicher Ba-
silio's Dichtung, Uruguay (in den siebziger Jahren verfa&t),
welche zugleich ein besondres Zeitinteresse h^tte. Den Ge-
genstand bildet nämlich der Kampf der spanischen und por^
tugiesischen Truppen gegen die von den Jesuiten, die sie be-
1
228 Kritische Ansteigen:
herrschten, aufgereizten Eingebornen Paraguay's in Folge des
Vertrags von San Sacrameoto im Jahre 1756. Obschon der
Dichter, sagt unser Verf. mit Recht, 'den Sieg der portugiesi-
schen und spanischen Waffen besingt, lenkt er doch das Haupt-
interesse durch Charakter- und Sittenbilder, durch fesselnde
Episoden und prachtvolle Beschreibungen auf die Eingebomen,
so dafs sich die Sympathien den Besiegten, den Opfern der
Verfuhrung, zuwenden; — die Jesuiten selbst allerdings wer-
den von dem Dichter, der in seiner Jugend selber diesem
Orden angehört hatte , ganz im Geiste seines spätem Gönners
Pombal auf das heftigste angegriffen. Es ist hier das In-
teresse für die heimische Erde, den Boden Südamerikas^ auf
seine ursprunglichen Besitzer, die gleichsam auch als eine
Frucht desselben erscheinen, übertragen. Dafs das Werk be-
reits einen brasilisch nationalen Charakter und zuerst in einer
bedeutenderen Weise offenbart, bezeugt am besten ein Aus-
spruch des berühmtesten der neuern Dichter des eifersüchtigen
Portugal; Almeida-Garrett sagt: Dem Jose Basilio verdanken
die Brasilier die beste Krone ihrer Poesie, welche bei ihm
wahrhaft national und legitim amerikanisch ist. Wie das Ge-
dicht schon in seinen Stile — soweit wir nach den im An-
hange des vorliegenden Werks gegebenen Proben selbst ur-
theilen können — bei allem Glänze der beschreibenden Stilen,
doch durch eine gewisse mafsvoUe Eleganz sich auszeichnet,
so hat auch der Dichter dem Reimpomp der Ottave entsagt,
und wohl nach dem Vorgange der Italiener seiner Zeit^ eines
Cesarotti und Parini, den reimlosen Elfsilbler gewählt, der
zumal bei einer so harmonischen Behandlung dem epischen
Stile trefflich zusagt. Auch hierin ist Basilio den späteren
Dichtern ein Vorbild geworden. Freilich der gleichzeitig dich-
tende Duräo schlug nicht diesen Weg ein, indem sein Cara-
muru in Ottaven verfaßt ist; wollte doch der Dichter auch
mit Camoens wetteifern. Wie dieser die Eroberung Indiens
durch die Portugiesen, so wollte Duräo ihre Entdeckung und
Colonisation der Bai von Bahia besingen, indem er den durch
Volkssageff zu einer halbmythischen Person gewordnen Diogo
Alvares zu seinem Helden machte. Obgleich seine Dichtung
in Betreff der Composition hinter der Basilio's sehr zurück-
steht, zeichnet sie sich doch nicht minder als diese durch
schone Episoden, die Land und Leute aufs lebendigste schil-
dern, aus.
Ferd. Wolf, Le Brasil litteraire. 229
Neben dem Epos blühte in dieser Periode vornehmlich
die Lyrik, msnnichfach und bedeutsam vertreten in der oben
genannten Schale von Minas. Die Bedeutung dieser Lyrik
aber war von andrer Art als die jener epischen Dichtung.
Ein nationales Kolorit läfst sich hier kaum erkennen ; ja nicht
einmal der Inhalt zeugt von dem glühenden Patriotismus jener
Dichter, die meist das Streben nach der Selbständigkeit und
Unabhängigkeit ihres Vaterlandes mit einem frühen Tode in
der Verbannung auf der unwirthlichen ungesunden Küste Afri-
kas bezahlten, wenn sie nicht etwa, einer solchen Strafe zu
entgehn, ihrem Leben freiwillig ein Ende machten. Mit selt-
nen Ausnahmen sind ihre Gedichte allein der Liebe ge¥ridmet,
verfaTst theils in der neubelebten Form des Petrarkischen So-
nettes, worin namentlich Claudio Manoel da Costa Vortreff-
liches leistete, theils in freien lyrischen Rythmen und in schä-
ferlicher Einkleidung, wie beides die romische Arcadia aufge-
bracht und von welcher Dichtuugs weise danach der melodische
Metastasio reizende Muster gegeben. Der eben genannte da
Costa war selbst in Italien gewesen und Mitglied der dorti-
gen Arcadi« geworden. So sehen wir die italienische Dichtung
selbst in einer Nebenperiode des Uebergangs bis auf die andre
Hemisphäre ihren Einfiofs erstrecken. Andrerseits wirkte diese
brasilische Dichterschule durch ihre Koryphäen auf Portugal
selbst zurück, indem dieselben dort nicht minder geehrt und
hochgefeiert unter die Zahl der portugiesischen Classiker ein-
gereiht wurden. So erwarb diese Dichterschale schon damals
Brasilien eine Stellung in der Weltliteratur. Nach da Costa,
welchem schon unser Bouterwek hohe Anerkennung zollte, ist
Thomas Antonio Gonzaga, mit seinem Dichternamen Dirceu,
der bedeutendste und berühmteste dieser Poeten. ^) In den
Liebesliedern, in welchen er, nach Petrarca's und Anacreon*s
Vorbild, seine Marilia feiert, erscheint er, was den Schmelz
des Ausdrucks und die Melodie des Verses betrifft, als ein
würdiger Nebenbuhler Metastasio's, indem sich hier zugleich die
ganze Weichheit und Biegsamkeit der portugiesischen Sprache
zeigt. Die tiefe Wahrheit der Empfindung aber, die nament-
^) Allerdings war Gonzaga in Portugal, und zwar in Oporto ge-
boren; aber seine Eltern waren Brasilier, die' sich nur ganz vorüber-
gehend dort aufhielten; in Brasilien erzogen, verbrachte dort Gonzaga
auch den gröfsten TheiK seines Lebens.
230 Kritische Anzeigen:
lieh in der zweiten, im Kerker und der Verbannung geschrie-
benen Abtheilung' seines Liederbuches hervortritt, verleiht die-
sen Gedichten auch inhaltlich einen unvergänglichen Reiz.
Die vierte Periode, welche unser Verf. annimmt, schlielst
sich nun, wie angedeutet, ihrem allgemeinen Charakter nach
ganz an die dritte an: nur tritt das nationale Element in der
Dichtung inhaltlich immer mehr hervor, selbst auch auf dem
Gebiete der lyrischen Poesie; denn während dieser Zeit ent-
wickelte und coQSolidirte sich ja unter innern und äufseren
Kämpfen die Selbständigkeit des brasilischen Reiches zugleich
mit der bürgerlichen Freiheit Jetzt bildet nicht mehr allein
der heimische Boden mit seinen eigenthümlichen Reizen die
Basis der Vaterlandsliebe des Brasilianers, sondern es ver-
binden sich mit ihm die besondern politischen Institutionen,
welche das Reich als eine selbständige Grolse in die Staaten-
familie der civilisirten Welt einführten und ihm die Aussicht
auf eine mannichfache weite Entwicklung eröffneten. So fin-
den wir denn auch in dieser Zeit nicht blofs unter den Dich-
tern die angesehensten Staatsmänner vertreten, sondern auch,
wie die Anthologie unseres Verfassers mehrfach zeigt, Gedichte
von rein politischem Charakter: so des bekannten Ministers
D. Pedro's L, Jose Bonifacio, an seine Wähler, die Bürger
Bahia's, aus der Verbannung gerichtete Strophen (AosBahianos),
die auch mehr politisches Interesse als poetischen Werth haben;
SQ des Marineministers Vilella Barbosa Gedicht auf den Tod
Pedro's L; so die Poesien eines andern Ministers, des Grafen
von Caravellas, Manoel Alvos Branco, von dem eine Ode auf
die Freiheit ans dem Jahre 1820 hier mitgetheilt ist, und der
in einer Reihe von andern unter dem Titel: Ao dia dois de
Jtdho, die am 2. Juli von den portugiesischen Truppen voll-
zogene Räumung Bahia's besang. ^) — Daneben mangeln auch
in dieser Periode keineswegs die von Patriotismus erfüllten
Naturschilderungen, xlenen wir hier nicht nur auf epischem,
sondern weit mehr als früher auch auf lyrischem Grebiete be-
gegnen. — Dafs das Interesse für Poesie zugleich sich immer
mehr ausbreitete, die Menge der Dichter und der Leser an-
sehnlich wuchs, wie denn die Zahl der Gebildeten und der
Bildungsanstalten in dem Reiche, seit der Uebersiedlung des
^) Auch ein andrer brasilianischer Dichter, Ladislao dos Santos
Titara, feierte diesen Tag durch ein Dutzend Lieder.
Ferd. Wolf, Le Brasil litteraire. 231
Hofes aus Lissabon, sich ungemein gemehrt hatte, bezeugen
die „Blumensammlnngen'' und „Parnasse^^ Brasiliens zur Oe-
nüge. In Bezug auf den Kunststil aber schlofs sich diese
Lyrik Qoch ganz an den älteren brasilischen und portugiesi-
schen, welcher selbst nur ein modificirter italienischer oder
spanischer war, an; während die episch -beschreibende Dich-
tung, die in dieser Periode auch mehrfach vertreten ist — am
bedeutendsten durch Jaauario da Cunha Barboza's Nictheroy —
sich im Allgemeinen in -Vers und Stil an Basilio^s Uruguay
anreiht, nur dafs in manchen ihrer Erscheinungen die breite
Einmischung der antiken Mythologie einen wahren Rückschritt
^egen das eben genannte Werk bewirkte.
Ein paar eigenthümliche Erzeugnisse dieser Periode mögen
noch besonders erwähnt werden. Einmal eine geistliche Dich-
tung^ die Himmelfahrt der Jungfrau Maria {A Ässumpgäo da
Santisaima Vir gern) von Säo Carlos, einem Priester, der sich
auch durch seine Kanzelberedtsamkeit einen bedeutenden Na-
men machte, wie denn überhaupt diese Gattung der Eloquenz
in Brasilien recht gedieh; — jene im Jahre 1819 herausgege-
bene, in acht Gesängen verfafste Dichtung schildert einmal
wieder den Kampf von Himmel und Holle — indem Lucifer
dem Triumphe der Jungfrau sich widersetzt — sowie das Pa-
radies, die Wohnung der Seligen, zu dessen Ausmalung der
Dichter seinem Yaterlande die glänzendsten Farben entlehnt
hat. Hat dies Gedicht durch den Gegenstand ein universelle-
res literargeschichtliches Interesse, so ein andres Epos, von
ganz entgegengesetztem Charakter, durch denselben ein be-
sondres nationales. Es ist „Baldo's Fest" (A Festa do Baldo)^
ein heroisch -komisches Gedicht in acht Gesängen, über wel-
ches leider unser Verf. nur nach einem Bruchstück in einer
Anthologie hat berichten können, da eine vollständige Aus-
gabe ihm zu beschaffen nicht möglich war. Dies Gedicht, das
Werk eines brasilischen Diplomaten, Alvaro Teixeira de Ma-
cedo, welcher zuletzt in Belgien Gesandter und ein grofser
Freund der englischen Literatur war, soll sehr getreu und
wirksam das öffentliche und sociale, sowie das Familienleben
Brasiliens, namentlich des Bürgerstandes, von seiner komi-
schen Seite her abconterfeien. Die Satire des Dichters ist
aber vornehmlich gegen die Demagogie gerichtet, welche auch
das prächtige, zur Feier eines Familienfestes angestellte Gast-
mal des Gerichtschreibers und seiner würdigen Ehehälfte, die
232 Kritische Anzeigen:
durch den Schulmeister sich plötzlich zu Epikurs Lehre hatte
bekehren lassen, zerstörte. In der That scheint dies Gedicht,
nach den mitgetheilten Proben zu urtheilen, und bei seiner gan-
zen witzigen Anlage, einer besondern Beachtung werth zu sein.
Die fünfte Periode unsres Verf. umfafst die Literatur der
Gegenwart; sie bildet zugleich eine neue Epoche, und zwar
von allen die wichtigste. Nicht blofs erfahrt die Dichtung
eine bedeutende Wandlung jetzt, sondern es roUendet sich
auch Hand in Hand damit ihre Emancipation von der Poesie
Portugals. Diese Epoche hebt nämlich mit der Einführung
des Romantismus an, welcher denn, wie der Verf. sehr richtig
aufweist, dem Nativismus die ideelle Weihe und Berechtigung
verleiht, ja man kann sagen ihn als nothwendige Voraus-
setzung forderte. „Denn", sagt der Verf., den Begriff des
Wortes und seine Herleitung von romanisch erklärend, „der
wahre, berechtigte Romantismus ist ja nur der von jeder blofs
Conventionellen Schranke befreite Ausdruck des eigenthum-
lichen Volksgeistes." Diese Epoche rechnet der Verf. vom
Jahre 1840 an, indem sich ihm wahrscheinlich diese Zahl als
eine runde, ein Decennium anhebende, empfahl; wir mochten
dagegen dem Jahr 1836 als Anfangstermin den Vorzug geben,
da in diesem Jahre das Werk erschien, das die neue Bahn
zuerst brach , wahrhaft Epoche machend gewirkt hat. Es sind
die Suspiros poeticos e Saudades des Domingos Jose Gon^al-
ves de Magalhäes. Magalhäes, 1811 zu Rio de Janeiro ge-
boren, hatte sich bereits 1832 durch eine Sammlung: Poesias,
die aber, obschon nicht ohne einen originellen Qeiai zu be-
zeugen, noch im herkömmlichen lyrischen Stile verfaist wa-
ren, bekannt gemacht, als im folgenden Jahre eine Reise nach
Europa, namentlich nach Frankreich, ihn den eben dort in
junger üppigster Blüthe aufwuchernden und bereits zur vollen
Herrschaft gelangten Romantismus kennen lehrte, der alsbald
in ihm einen ebenso begeisterten als befähigten Anhänger fand.
Namentlich war es Lamartine, der Schüler Chateaubriand^s,
Saint-Pierre's und Byron^s, der durch seine damals so aulser-
ordentlich gefeierten „Meditations poetiques" (1820 — 23) und
„Harmonies poetiques et religieuses" (1830) auf ihn wirkte.
Diese besondre Einwirkung offenbart sich vornehmlich in dem
christlichen Zuge der Begeisterung, sowie in der damit zusam-
menhängenden elegischen Stimmung der Lieder. Was das erstre
betrifft, so bezeichnet Magalhäes selbst in der Vorrede der
Ferd. Wolf, Le Bresil litteraire. 233
Suspiros als sein Ziel, die Poesie zu der Quelle zu erheben,
der sie entflossen, zu dem Idealen, dem Gottlichen, und zwar
wie sich dasselbe in der christlichen Religion nns offenbare.
Das „Meditiren'% das philosophische Betrachten aber lag in
des Dichters Natur, und eben deshalb zog ihn Lamartine so
an. Daher sind auch seine Gedichte, wie selbst wenige Bei-
spiele schon uns zeigen, nichts weniger als blofse Nachahmun-
gen Lamartine^scher Poesie^ indem sie überhaupt den Stempel
der Originalität in nicht geringem Grade an sich tragen. Sie
zeichnen sich sogar vor jener durch Kraft und Tiefe aus,
während zugleich das Kolorit in seiner Eigenthümlichkeit und
Frische den Sohn der tropischen Natur Brasiliens überall be-
kundet. Nur indem Magalhäes ein wirklich origineller Dichter
war, konnte er auch bahnbrechend wirken. In formeller Be-
ziehung folgte er dem Beispiele Lamartine's darin, dafs er
nicht blofs aus den Schranken der herkömmlichen Dichtungs-
formen heraustrat, sondern, die subjective Freiheit über die
objective Gesetzmäfsigkeit stellend, in ein und demselben Ge-
dicht je nach der Stimmung Yersform und Strophenbildung
beliebig zu ändern unternahm — ein Verfahren, das allerdings
eine Gonsequenz des Romantismus , aber keineswegs ästhetisch
zu billigen war, zumal in der Ausdehnung, wie es Magalhäes
anwandte. Jenen Suspiroe^ welche 1859 eine zweite verbes-
serte Auflage, wie die erste zu Paris, erlebten, folgten noch
zwei lyrische Sammlungen Magalhäes': die erste (Paris 1858)
ein in sich abgeschlossener Cyklus von Trauergesängen auf
den Tod zweier Kinder des Dichters: Os Mysteriös; di^andre,
erst unlängst (Wien 1862) unter dem Titel Urania herausge-
kommen, umfafst Lieder maunichfaltigen Inhalts, namentlich
aber der früher von dem Dichter selten besungen'fen Liebe
gewidmet.
Auch das Drama strebte Magalhäes zu reformiren, zu-
gleich der erste der brasilischen Dichter überhaupt, der durch
Originalwerke einen Bühnenerfolg erzielte. Vor Magalhäes
wurden auf den Theatern Brasiliens neben der auch noch
heute, wie es scheint, durchaus vorherrschenden italienischen
Oper nur Dramen portugiesischer Dichter, vornehmlich aber
Uebersetzungen aus dem Französischen, seltner auch aus dem
Englischen, gegeben. Das portugiesische Trauerspiel aber war
nur ein Abklatsch des französisch -klassischen; noch war es
nicht durch Garrett reformirt. Da verfaiste Magalhäes seine
Jahrb. f. rom. ii. engl. Lit. V. 2. Jg
234 Kritische Anzeigen:
erste Tragödie: „Antonio Jose oder der Dichter und die In-
quisition", in welcher er den auch durch Ferd. Wolf zuerst
unter uns, und wohl überhaupt, literaturgesehichtiich zur Aner-
kennung gebraxjhten Verfasser der „Opern des Juden", einen
der originellsten Dramatiker Portugals, bekanntlich ein Opfer
der Inquisition, zum Helden erwählte. Der Gegenstand hatte
noch das besondere Interesse, dafs der Held, wenn er auch
seiner Bildung und schriftstellerischen Thätigkeit nach allein
Portugal angehorte, doch ein geborner Brasilier war.*) Die-
sem Stück, welches 1938 in Rio de Janeiro zur Aufführung
kam, liefs unser Dichter schon ein Jahr später ein zweites
Trauerspiel, Olgiato, folgen, dessen Gegenstand aus der Ge-
schichte Italiens genommen ist. In diesen Dramen aber ist
MagaJhäes der romantischen Schule Frankreichs in ihrer Re-
gellosigkeit und ihren Uebertreibungen nicht gefolgt, vielmehr
hat er einen Mittelweg eingesehlagen; ohne das Gesetz der
drei Einheiten . pedantisch zu beobachten, hat er doch die Ein-
heit der Handlung streng gewahrt, alle Einmischung des Ko-
mischen vermieden und im Ausdruck die einfache Energie
Alfieri's wie Corneille's erstrebt. Wenn auch, wie es scheint,
unser Dichter nicht als ein bedeutendes dramatisches Talent
sich bewährt hat, hat er doch ohne Frage auf diesem Gebiet
auch den ersten und zwar nachhaltigen Anstofs zu einer neuen
Entwicklung gegeben.
Den gröfsten Beifall aber endlich bat bei der Masse sei-
ner Landsleute wenigstens Magalhäes als Epiker geerntet; ob-
gleich jer einen neuen Weg hier nicht eröffnete, erreichte er
doch höhere Ziele als seine Vorgänger. In der Epopöe:
A Confederagäo dos Tamoyos (Rio de Janeiro 1857) besingt
er die Kämpfe der Eingeborenen Brasiliens, an deren Spitze
die Tamoyos stehn , gegen die erobernden Portugiesen, nament-
lich deren Ansiedlung in der Bai von Rio de Janeiro. Das
Gedicht ist in 10 Gesängen und in reimlosen Elfsilblern ver-
fafst. Wie sich in der Wahl des Stoffes und in seiner Aus-
fuhrung die nationale Selbständigkeit Brasiliens Portugal ge-
genüber bekundet, welch ein patriotisches Interesse die Dich-
^) Aus dem letztern Grunde auch allein hat unser Verf. ausnahms-
weise jenen in den Sitzungsberichten der pfailosoph..historischen Clause
der k. Akademie der Wissensch. 1860 zuerst erschienenen Aafsatz über
D. Antonio Jose da Silva dem vorliegenden Werke einverleibt.
Ferd. Wolf, Le Brasil litteraire. 235
tnng besitzt, wie sie schon darin ihre Vorläufer überflügelt,
hat unser Verf. treffend nachgewiesen. Aber auch in ästheti-
scher Beziehung erhebt sie sich über jene. Der Inhalt ist
reich und mannichfaltig ; zu den äufsern Conflicten gesellen
sich innerliche. Das lyrische Moment tritt zwischen dem epi-
schen hervor und verleiht dem Ganzen jenen dramatischen
Charakter, der der Epik unsrer Zeit so eigenthümlich ist.
Auch in diesem Gedicht verläugnet sich Magalhäes als Roman-
tiker nicht. Die Naturschilderungen sind reich und glänzend,
doch mit besonnenem Geschmack ausgeführt; Vers und Sprache
von reizendem Wohllaut. • .
Der nächste Nachfolger Magalhäes* auf dem Felde der
nationalen Romantik war sein Freund und Schüler, der Maler
und Architekt Porto- Alegre, der, wie sich dies von einem
bildenden Künstler von vornherein erwarten liefs, vornehmlich
in der dichterischen Beschreibung sich auszeichnet, obschon
er sich in den verschiedensten Dichtungs- und Stilarten ver-
sucht hat. So sind seine Brasilianas^ eine Reihe von Poesien,
„die die grofsen Scenen der Natur, die Sitten und Phänomene,
welche Brasilien eigenthümlich sind, zum Gegenstand haben",
am berühmtesten und am wirkungsvollsten geworden. In der
einen dieser Dichtungen wird die Ausrodung der Urwälder
zur Gewinnung von Ackerboden , in einer andern die Aussicht
von dem Corcovado zugleich mit den Empfindungen, die sie
erweckt, durch den Dichter geschildert. Üeberall durchglüht
sie das Feuer patriotischer Begeisterung. Dies hat auch sei-
nen Antheii an dem Plane einer Epopöe: Colombo^ mit wel-
cher Porto-Alegre beschäftigt ist und von der bereits grofeere
Bruchstücke in brasilischen Zeitschriften veröffentlicht sind.
Eins wird danach auch von unserm Verf. mitgetheilt.
Bedeutender als Porto - Alegre , und überhaupt als ein
Dichter von nicht geringer Begabung erscheint uns Antonio
Gon^alves Dias, der beträchtlich jünger als die beiden Vor-
gänger — er ist 1823 zu Cachias in der Provinz Maranhäo
geboren — von ihnen allerdings beeinflufst und angeregt wurde.
Sein Genius ist vorwiegend lyrischer Natur, obschon — ganz
abgesehen von seinen lyrisch -epischen, balladenartigen und
romanzenhaften Gedichten — er auch eine Epopöe zu schrei-
ben begonnen hat. Der Grundton seiner Poesien ist ein ele-
gischer, wie der der Dichtung des Magalhäes, aber darin un-
terscheiden sie sich, wie unser Verf. mit Recht hervorhebt,
16*
236 Kritische Anzeigen:
von dieser, dafs in ihnen Empfindung und Pathos vor der
Speculation und Reflexion durchaus in den Vordergrund treten.
Auch scheint dieser Dichter mehr als ein andrer seiner Lands-
leute den mannichfaltigsten Einflüssen der Weltliteratur sich
hingegeben zu haben: dies zu erkennen, braucht man nur auf
die nicht blofs aus Lamartine, Chateaubriand, Victor Hugo,
aus Petrarca sowie den neuern Italienern, aus Byron und
Shakespeare, sondern auch aus Schiller und Goethe, und selbst
aus Kleist genommenen Motto^s seiner Gedichte einen Blick
zu werfen. Aus dem Studium dieser und andrer Dichter, zu
denen gewifs^uch Thomas Mqore gehören mochte, ist aber
der Dichtung aes Dias kein Nachtheil erwachsen, denn er ist
darum nicht zum blofsen Nachahmer irgendwo geworden; viel-
mehr verdankt seine Dichtung diesem Studium einen gewissen
* universellen Charakter und sicher zum Theil auch die reiche
Mannichfaltigkeit der Motive und Formen, die sie auszeichnet.
Andrerseits bewährt sich Dias deshalb nicht weniger als ame-
rikanischer, brasilischer Dichter. Die Natur, die dem Dichter
die Farben leiht, ist vor allem die der Heimath. Eine
grofsere Anzahl Gedichte , unter dem Titel Poesias Americanas
in der Sammlung hervorgehoben , sind besonders der Verherr-
lichung der Heimath gewidmet, indem sie die Reize ihrer
Natur besingen oder das in der Dichterphantasie poetisch
verklärte Leben der früheren Herren des Landes, der Einge-
bornen zum Gegenstand nehmen. Nur zum Theil hat Dias
der oben berührten Formlosigkeit Magalhäes^ gehuldigt; sehr
viele seiner Gedichte befolgen vielmehr mit Recht das Gesetz,
der ersten Strophe eines Gedichts alle andern gleich zu bilden.
Gar mannichfaltig aber und stets in schönem Einklang mit
dem Inhalt ist die Vers- und Strophenbildung. Die Geschmei-
digkeit der portugiesischen Sprache zeigt sich da in einem
glänzenden Lichte. Nachdem in den Jahren 1846, 1848 und
1851 Gedichtsammlungen von Dias in Rio de Janeiro erschie-
nen , kam eine vollständige, von dem Dichter selbst veranstal-
tete Sammlung 1857 in Leipzig (bei Brockhaus, 1860 eine
dritte Ausg.) heraus, wo dann auch die vier ersten Gesänge
seines Epos: Os Tymbiros, Poema americano^ 1867 erschienen.
Eine ganz andre Dichternatur als Dias ist offenbar Joa-
quim Manoel de Ma9edo, den die Leser des Jahrbuchs bereits
kennen gelernt haben , da wir einen ihn betreffenden Abschnitt
aus der Handschrift des vorliegenden Werks im vorigen Bande
Ferd. Wolf, Le Bresil litteraire. 237
(p. 121 fF.) mittheilten. Die dort gegebene ausführliche Ana-
lyse seines lyrisch -epischen Gedichts, Nebulosa, zeigte eine
Gluth und Ueberschwenglichkeit der Phantasie, die sich in
das Mafslose und Ungeheuerliche verlierend die Excentricitäten
Victor Hngo^s ins Gedächtnifs ruft; aber diese Dichtung legt
zugleich ein vollgültiges Zeugnifs von der energischen Natur
dieses Genius ab, der in seinen Fehlern wie in seinen Vor-
zügen hier so recht als ein Kind der tropischen Sonne er-
scheint Daher erklärt sich denn auch der aufserordentliche
uneingeschränkte Beifall, den dieses Werk in Brasilien fand.
Wenn nicht jede Vergleichung hinkte, so moch^n wir sagen^
dafs der Dichter der Nebulosa zu Dias, wie Hugo zu Lamar-
tine sich verhalte; Dias besitzt aber zugleich einen feinern und
mehr universell gebildeten Geschmack als Macedo. Wie bei
letztrem, im Zusammenhang mit der grofseren Energie der
Phantasie, schon in der Nebulosa das lyrische Moment zum
dramatischen wird, so hat er auch auf dem Gebiete des Dra-
mas selbst wohl vor allen andern Dichtern Brasiliens die
grofsten Erfolge erzielt. Seine Tragödie, Cobe^ so genannt
nach ihrem Helden, einem Häuptling der Tamoyos, der als
Sklave verkauft in seine weifse Herrin sich verliebt, ist, nach
der von unserm Verf. gegebenen Analyse, ein ebenso origi-
nelles als ergreifendes Stück, das zugleich in Stoff und Aus-
führung ein entschieden nationales Gepräge hat. Noch grofse-
ren Beifall fanden seine komischen Opern, dem Vaudeville
der Franzosen nachgebildet, in welchen sich ein reicher Witz,
nur eben auch in etwas excentrischer farcenhafter Weise zeigt.
Früher aber noch als durch die erwähnten Werke hatte sich
Macedo als Romanschriftsteller bekannt und beliebt gemacht.
Auf diesem Felde brach er selbst zuerst in Brasilien die Bahn.
Seine Romane^ deren Basis das gesellschaftliche Leben der
Heimath ist, zeichnen sich vornehmlich in der Charakterzeich-
nung und Sittenschilderüng aus. Allerdings läfst sich oft, un-
serm Verf. zu Folge, ein Einfluis französischer Muster, inson-
derheit des Pigault- Lebrun, nicht verkennen.
Nach den von uns hier vorgeführten Koryphäen der bra-
silischen Dichtung der Gegenwart wird von dem Verf. noch
mancher andern Poeten zweiter Ordnung gedacht, welche
recht den Beweis dafür liefern, wie reich und mannichfach
der brasilische Parnafs heutzutage bebaut wird. Da ist vor
andern der fruchtbare Joaquim Norberto d^ Souza Silva zu
238 Kritische Anzeigen;
nennen^ der vornehmlich als lyrisch-epischer Dichter sich aus-
zeichnete. Die meisten seiner Gedichte hahen ihren Stoff ans
der Geschichte Brasiliens genommen und ednd ebensowohl von
patriotischer Begeisterung^ als liberaler Gesinnung erfüllt Lite-
rargeschichtlich am bedeutendsten sind wohl seine Balladen
(balatas)^ welches Wort hier in dem englischen und deutschen
Sinne gebraucht wird. Von dieser Gattung gab Norberto in
Brasilien die ersten Beispiele, die um so mehr Lob verdienen,
als Form und Ton oft wahrhaft volksmäfsig ist. Norberto
hat sich auch als Dramatiker und Novellist versucht, und als
Gelehrter mehrfach, namentlich auch um die Literaturgeschichte
seines Vaterlandes verdient gemacht. Ein andrer, fast ebenso
fruchtbarer Schriftsteller, Antonio Gon9alves Teixeira e Souza^
bat lyrische Gedichte, Epen und Romane herausgegeben. Aach
er zeigt sich überall als ein durchaus nationaler Schriftsteller,
wie denn eins seiner Epen die Unabhängigkeit Brasiliens zum
Titel und Gegenstand hat, allerdings noch im Stil der altem
romantischen Epopöe, sogar noch mit mythologischer Auszie-
rung verfällst; während ein zweites: „Die drei Tage eines
Neuvermählten", in modernerer Form, eine indianische Legende
zur Grundlage hat. Bedeutender als diese Dichtungen sind
seine Romane, die unser Verf. für noch nationaler als die des
Macedo erklärt. Stehe er auch in Betreff der Charakterzeich-
nung, meint er, und der geistvollen Lebendigkeit des Dialogs
gegen jenen zurück, so übertreffe er ihn doch in der glück-
lichen Schürzung und überraschenden Auflösung des Knotens.
Eigenthümlich sei ihm die Vorliebe für tragische Katastrophen.
Seine Romane erinnerten öfters an die der Eiigländer, nament-
lich James. — Sehliefslich ist noch der Werke zweier Lyriker
zu gedenken, die originell genug sind. Der eine, ein früh-
reifes Genie, der sein Leben schon im 21. Jahre beschlois,
Manoel Antonio Alvares de Azevedo, hat sich vornehmlich
nach dem Muster Byron's gebildet; wie dieser ein Dichter
des Weltschmerzes, zeigt auch er jene schroffen Uebergänge
von der zartesten Sentimentalität zu dem rohsten Cynismus.
Der andre, Luis Jose Junqueira Freire, auch nur 23 Jahre
alt geworden, war in ein Kloster gegangen, erkannte aber
sehr bald, wie wenig dad Mönchsleben in Wirklichkeit dem
idealen Bilde, das er sich von ihm entworfen,' entsprach. Li-
dessen war Freire eine ebenso geistliche Natur, wenn man so
sagen darf, als Azevedo eine weltliche. „In seinen Poesien
Ferd. Wolf, Le Brasil litteraire. 239
sehen wir EÜcht^ wie In denen des Azeyedo'', sagt treffend der
Verf., „den Kampf des Idealen and der Sinnlichkeit, begleitet
von der ganzen Gkith unbefriedigter Leidenschaft. Vielmehr
finden wir hier den Kampf des Bndlichen mit dem Unend-
lichen, dem der Dichter traurig und resignirt beiwohnt." Der
innere Kampf spiegelt sich unverfölscht in seinen Gedichten
wieder, die den Reiz der Originalität, sowie wahrer and tie-
fer Empfindung haben.
Blicken wir auf die Leistungen dieser Epoche, der letzten
fünfundzwanzig Jahre zurück, so sehen wir die brasilische
Literatur nicht blofs zu einer eigenthumlicfaen nationalen Aus-
bildang und einer selbständigen Stellung im Kreise der Lite-
ratur der Kulturvölker gelangen, sondern auch ein so frisches
jagendlicbes Wachsthnm entfalten, dafs sie auch far die Zu-
kunft noch eine reiche Entwicklung verheifst.
Das Resume, das wir von dem vorliegenden Buche uns-
res verehrten Freundes gegeben haben, wird, hoffen wir, die
Bedeutong desselben erkennen lassen; es wurde sich für uns
an dieser Stelle am wenigsten passen, der Ausführung des
Werks Lob spenden zu wollen: die Art der literarhistorischen
Darstellung des Verfassers, der objective Pragmatismus, der
allen seinen Arbeiten eigenthümlich ist, findet sich auch hier,
wie sich erwarten lafst, wieder. Als ein besondrer Vorzug
dieses Buchs ist von andrer Seite (Literar. Centralbl. Nr. 34)
schon gerühmt worden^ dafs das biographische Moment, so
wichtig oft für eine objective Beurtheilung und das rechte
Verständnifs der dichterischen Werke, mit besondrer Sorgfalt
und Ansfuhrlichkeit behandelt worden ist; wir aber mochten
noch auf die Verbindung der reichhaltigen Anthologie mit der
Literaturgeschichte speciell aufmerksam machen. Dafs eine
solche Sammlung im vorliegenden Falle von aufserordentlichem
Werth ist, liegt auf der Hand, denn nur sehr wenige der aus-
gezogenen Werke sind den meisten Gelehrten überhaupt er-
reichbar: aber das Princip selbst, mit einer Literaturgeschichte
eine solche Beispielsammlung zu verbinden, die dem Leser
nicht blofs die Möglidikeit verschafft, sich ein eignes Urtheil
zu bilden, sondern, was im Allgemeinen noch wichtiger er-
scheint, die von dem Verf. ausgesprochnen Ansichten zu be-
legen und aufs lebhafteste zu veranschaulichen vermag, —
dieser hier zur Anwendung gekonmiene Grundsatz erscheint
uns neu und von nicht geringem "Werth und Bedeutung; denn
240 Kritiflche Anseien:
es ist etwas ganz andres, eine Anthologie mit einer Litera*
tui geschiebte, als literargescfaiohüiche Uebersichten und Aus-
fährungen mit einer Anthologie za verbinden, von welchem
letztern nicht minder anerkennenswerthen Verfahren wir ja
mannichfache gelungene Beispiele schon besitzen.
Nor eins müssen wir schliefslich bedauern: dafs dem Verf.
es nicht vergönnt gewesen ist, das Werk in deutscher Sprache,
in welcher es verfafst wurde, zu veröffentlichen, so dicht der
franzosische Uebersetzer auch, Hr. Dr. van Muyden, an das
Original sich zu halten bemüht war. Allerdings sind die
Gründe der Yerlagshandlung , welche dem Werke eine sehr
würdige Ausstattung hat zu Theil werden lassen, leicht denk-
bar und begreifUch; auch liegt es im Interesse der deutsehen
Wissenschaft selbst, in den Landern, deren Läteratur sie zum
Gegenstand ihrer Forschung und Darstellung macht, auch in
weiteren Kreisen bekannt zu werden: aber das Vaterland hat
auch seine Rechte, und so hoffen wir, dafs später auch noch
das deutsche Original seine Veröffentlichung finden werde.
A. Ebert.
Francisci Petrarcae Areüni carmina incognita ex codieibns bibliothecae
Monacensis in lucem protraxit, ipsoromque ad instar manascripto>
rum edidit Georg. Mart Thomas. Monach. 1859. (Auch u. d. Titel:
Monumenta saecularia, herausgeg. v. d. kon. Akad. d. Wissensch.
zur Feier ihres hundertjähr. Bestehens. I. Classe).
Schon im Frühjahr 1858 machte Herr Dr. Thomas der
konigl. baierschen Akademie der Wissenschaften „zur Vorfeier
ihres 99sten Stiftungstages" die demnächst gedruckte Mittbei-
lung, dafs er in einem früher Weiserischen Manuscripte der
münchner Bibliothek (627. Ital. 259) eine grofse Anz^l noch
unbekannter Gedichte des grofsten italienischen Lyrikers auf-
gefunden habe. Das Jahr "darauf folgte als Festschrift zur
Säcularfeier der genannten Akademie und in deren Auftrag
der wortliche Abdruck der 114 Sonette und einer aus einem
andern Codex (Ital. 230) entnommenen Canzone. Die „Pro-
legomena" (39 Seiten) verheiJfeen (p. XL) eine zweite wohl-
feile Ausgabe, in der die Gedichte lesbarer gemacht und an-
gemessen geordnet werden sollten (carmina bene distincta et
lucide dispositüy und zwar, wie es weiter heilst, obscuritate
sermonis et scripturae discussaj. Diese abzuwarten schien aller-
dings rathsam; da sie aber innerhalb einer Zeit von mehr als
Petrarcae carmina incognita ed. Thomas. 241
vier Jahren nieht eracfaienen ist^ darf meines Erachtens die
Bespreehong des mnnchner Fandes nicht langer versehohen
werden.
Unsre Ausgaben des Petrarca^schen Canzoniere bieten
wenig über dreihundert (3J7) Sonette. Sind also die von
Hm. Thomas bekannt gemachten wirklich acht, so bereichem
sie unsern Yorrath um mehr als ein Drittbeii. Diese Aecht-
heit, die ich entschieden verneinen zu müssen glaube, soll nun
im Folgenden geprüft werden. Ein auTseres Zengnifs für den
Verfasser der Sonette fehlt, da die ersten Blätter der Samm-
lung in der münchner Handschrift verloren gegangen sind.
Die Canzone („ Tenebroaa, crudele, amara e lorda^') schreibt
das Manuscript, dem sie entlehnt ist, allerdings dem ,>Mes8er
Francesco d^Arezo'^ zu; es liegt aber für jetzt nicht in meiner
Absicht, mich mit ihr zu beschäftigen.
So beschränkt sich denn die Beweisführung des Herrn
Herausgebers im Wesentlichen darauf, die zahlreichen Bei-
spiele von Yerwandtschait in Gedanke und Ausdruck hervor-
zuheben, die allerdings unverkennbar zwischen den von ihm
publicirten Gedichten und manchen unzweifelhaft Petrarca an-
gehörigen besteht. ^) Diese Argumentation erscheint überhaupt
als eine bedenkliche; denn gewiljs mindestens ebenso gut, als
daTs ein bedeutender Dichter so viellach mit wenige veräbder-
ten Worten das Gleiche wiederholt haben sollte, läfst sich an-
nehmen, dafs ein mechanischer Nachahmer jenes Dichters sich
dessen Gedanken und Redeweise mit mehr oder minder Ge-
schick angeeignet habe. Nun ist es aber eine allgemein be-
kannte Thatsadie, dais eben an Petrarca's Sohlen sich im
fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert eine ganze Schaar
solcher Nachtreter — die sogenannten Petrarcheschi — ge-
heftet hat, ja dafs italienische Sonettenschmiede noch heute
ihren Ruhm darin setzen, sich dem Schwan von Yaucluse so
nahe als möglich anzuschliefsen. — Um das Bedenken zu he-
ben^ dem die Yoraussetzung unterliegt, derselbe Dichter habe
sich so vielfach fast wörtlich wiederholt, vermuthet der Her-
ausgeber (p. XY, XYI, XYII), der münchner Codex enthalte
Petrarca's frühere jugendliche Yersuche , einzelne Gedanken in
1) Uebrigens fehlt es auch nicht an Remioiscenzen aus Dante.
Einzelne davon hebt der Herausgeber p. X, XI selbst hervor. Andre
finden sich p. 7, Z. 5 und p. 15, Z. 14 vgl. mit Inf. XXIV, 138, und
p. a3, Z. 11 vgl. mit Purgat. XXXIII, 54.
242 Kritische Anzeigen:
Versen anszasprechen , welche der Autor dann spater in dasr
zierlichere Gewand gekleidet habe, welches sie in dem längst
bekannten Canzoniere tragen. Dieser Annahme widerspricht
aber ein ausdrückliches Zeugnifs der neu herausgegebenen
Sonette, laut dessen (p. 33) der Dichter schon im Greisen-
alter stand.
So viele dieser Gedichte nennen die Geliebte entweder
direct „Laura**, oder spielen in Petrarca's bekannter Weise mit
Vavra oder lauro, dafs es viel kürzer ist, diejenigen aufzuzäh-
len, in denen sich dergleichen nicht findet (1 — 18, 21, 33, 37,
43, 44, 50, 51, 54, 55, 56, 58, ^9, 65, 70, 72, 74, 75, 94, 98,
113, 114). Mit Recht hat der Herausgeber auf diesen Um-
stand kein besonderes Gewicht gelegt, da, abgesehn von der
Möglichkeit blofser Nachahmung, ein zufälliges Znsammen-
treffen des Namens leicht möglich jst, wie denn auch Bürger
und Schüler ihre Laura besungen haben. Jedenfalls aber zeugt
ein so übermäfsiges Häufen jenes Spieles (im 41. Sonett kommt
Laura acht mal, im 91. gar vierzehn mal vor) von einer Ge-
schmacklosigkeit, deren Petrarca wenigstens in diesem Mafae
nicht fähig gewesen wäre.
Desto gewichtiger erscheint Herrn Dr. Thomas die Er-
wähnung des Cola Rienzi^ die er gleich im ersten Sonette zu
finden glaubt. Da dies kleine Gedicht die damaligen Zustände
in harten Worten schilt, so verlegt der Herausgeber seine Ent-
stehung in die Zeit kurz vor dem Sturze des romischen Volks-
tribunen, hält es also für ungefähr gleichzeitig mit dem be-
kannten Anklageschreiben an diesen (26. Nov. 1347). Der
Inhalt des Sonettes beschränkt sich auf einen einzigen Ge-
danken: Italien wird angeredet und ihm mit dem höhnischen
Schlufssatze godi adunoha (unleidlicher Barbarisäius für adun-
que^ vorgeworfen, dafs es sich von den hohen Sorgen frühe-
rer Zeit zu aller Art von Schlechtigkeiten verkehrt (volta) habe.
Diese Schlechtigkeiten werden in dreizehn Zeilen aufgezählt;
die vierzehnte lautet aber in der Hdschr.:
Volta mia itälia orensi godi aduncha,
Herr Thomas glaubt nun, ,,orensV^ sei zu lesen: o Eienzi.
Dagegen ist zuerst zu erinnern , dafs die italienische Form des
Namens des Tribunen nicht Bienzi, geschweige denn Rensi,
sondern Cola di Renzo, oder di Eienzo ist. Sodann hielt
Petrarca den Cola bis zuletzt immer noch viel zu hoch, um
ihm zurufen zu können, er möge sich freuen , dafe Italien sich
Petrarcae carmina incognita ed. Thomas. 243
nun allen Lastern zugewandt habe. Endlich aber wird das
ganze Sonett, in solcher Weise geschrieben, völlig sinnlos.
Während ihm nämlich das Zeitwort, auf das sich die voran-
gehenden dreizehn Zeilen stützen sollen, völlig abgeht, redet
es in der vierzehnten zwei sprachlich anverbundene Personen
(Italien und den Volkstribunen) an, auf welche sich dann der
Nachsatz im Singular zurnckbezieht. Offenbar steckt das feh-
lende Verbum in dem sinnlosen ,^orensi^% das vermuthlich in
^^ora sei'' zu berichtigen ist. Dann wird das Gedicht leicht
verständlich; es lautet nämlich, wenn man die wortreiche Aufn
zählang aller der einzelnen Schlechtigkeiten, zu denen Italien
sich gewandt haben soll, fortläfst^ einfach dahin:
Da st alte eure a pensier pravi ecc.
Volta, mia Italia, ora sei; godi adunque.
Weitere Argumente zu Gunsten der Autorschaft Petrarca's
finde ich in den Prolegomenen nicht. Ihre Widerlegung hat
zum Theil schon selbständige Argumente geboten, namentlich
Beispiele von Geschmacklosigkeit und von incorrecter Sprache,
die auf Norditalien, vielleicht die venezianische Terra ferma,
hinweisen. Jene Beispiele liefsen sich auiserordentlich verviel-
fachen. Unter anderm gehört hierher auch das vom Heraus-
geber p. X ohne Zweifel richtig entziflferte Baxon statt ragione
(p. 9). Ebenso ist das y,disuicid'' (p. 12) jedenfalls ein arger
Barbarismus, möge es nun disviticchiato , oder was soijst im-
mer bedeuten.^) Reime, wie quella und querela, afflitta und
vita, scettro und tetro^ sferza und quercia, scherzo und guercio,
collo und polo, fönte und aggiunte, brama und Jiammay Etiopi
und zoppi^ tempo und Olimpo, occhi und pochiy eletta und
acqueta sind häufig; in den Terzetten des 70. Sonettes ist aber
gar ein Reim ganz ausgefallen. Als Belege für die Geschmack-
losigkeit des Dichters mögen aber noch das 40. Sonett mit drei
lateinischen Zeilen und das 43. mit nur zwei Reimen dienen.
Nach solchen Beispielen wird, wie ich glaube, wer für die
nur zu anspruchsvolle Eleganz Petrarca's irgend ein Ohr hat,
über die Unmöglichkeit, dafs solcherlei Verse aus Messer Fran-
cesco's Feder geflossen seien, keinen Zweifel hegen.
Die achtzig oder mehr Sonette zum Lobe der schönen
Laura enthalten natürlich keine historischen Anspielungen, die
^) Ueber Petrarca's Orthographie vergl. meine Prolegomeni critiei
zur Divina Commedia, p. LVII, Nota 1.
244 Eritisebe Anzeigen:
über die Zeit der Entstehung der ersteren Aufischlafs geben
könnten. Dennoch bleibt eine, wenn auch kleine Anzahl von
Gedichten übrig, die deutlich auf geschichtliche Ereignisse hin-
weisen, und diese zu ermitteln, dadurch also für die Zeitbe-
stimmung eine feste Grundlage zu gewinnen, war sicher eine
unabweisliche Aufgabe des Herausgebers. Leider hat er die-
selbe völlig unberührt gelassen. Ich zweifle nicht, dals sich
auf diesem Wege sehr bestimmte Aufschlüsse (unter anderm
auch über die mehrerwähnten Persönlichkeiten Giovan Lodo-
vico und Fabrizio) erzielen lassen; doch fehlen mir zu ein-
gehenderen Studien aufser der Mufse auch die Hülfsmittel.
Nur was sich mir auf den ersten Anlauf ergeben hat, will
ich mittheilen.
Das 11. Sonett voll heftiger Invectiven ist an Genua
(Janua) gerichtet. Die coda desselben lautet:
Apri hen gli occhj e leggi
Ch* hai negata la croce, e adori un angue
Che si nutrica e pasce del tuo sangue.
Entsprechend heifst es im 15. Sonett:
quel verme
Che Janua abborre, e con Etruria regge.
Im 12. wird dagegen statt des angue oder verme gesprochen von
La vipera del sangue umano ingorda.
Es springt also in die Äugen, dafs von dem Wappen-
thiere, welches die Visconti's schon zu Dante^s Zeit führten
(Purgat. VIII, 80), mit andern Worten von einem Visconti ge-
sprochen werden soll. Nun heifst es in dem einen Sonett,
Genua bete diese Schlange an, in dem andern, es verab-
scheue dieselbe, was schwerlich anders ausgelegt werden kann,
als es habe sich einem Visconti unterworfen, trage aber un-
willig dessen Herrschaft. Wir wissen aber, dafs Filippo Maria
Visconti auf besonderes Anstiften der genueser Ausgewander-
ten (der Adorno's u. s. w.) am 2. Nov. 1421 Genua besetzte
und es bis zum Ende des Jahres 1436 behielt, dafs aber die
Unzufriedenheit mit der mailänder Herrschaft schon seit dem
schlechten Empfange der Huldigungsbotschaft begann und sich
seitdem bis zum Aufstande des Jahres 1435 fortwährend stei-
gerte. Wir haben also das abborre nicht minder als das adora.
Der den Genuesen gemachte Vorwurf, das Kreuz verleugnet
zu haben, findet seine volle Rechtfertigung in der Thatsache,
dafs sie zuerst unter allen christlichen Staaten mit den Türken
Petrarcae carmina incognita ed. Thomas. 245
in freundlichen Verkehr traten, dnrch welche sie die venezia-
nische Macht in der Levante zu brechen dachten , was ihnen
bekanntlich nur allzuwohl gelungen ist. War doch schon im
14. Jahrhundert die osmaniscbe Flotte grofsentheils mit genue-
sischen Seeleuten bemannt — Die weitere Angabe des 16. So-
nettes „0 con Etruria regge^^ ist undeutlich; jedenfalls deutet
sie auf eine Herrschaft des Visconti in Toscana, oder doch
auf sein Bestreben, eine solche zu erwerben hin. Seit 1422
war aber Florenz im Kriege mit Filippo Maria und im Jahre
1430 hatte dessen Feldherr Piccinino, als Bundesgenosse ge-
gen Florenz, Lucca inne.
Eine noch genauere Zeitbestimmung gestattet das zuletzt
erwähnte Sonett in Folge seines sonstigen Inhaltes. Es er-
wähnt, dafs die schwachen Kräfte des Stellvertreters Christi
genothigt gewesen seien, fremden Wohnsitz aufzusuchen. Es
weist dies darauf hin, dafs Eugen IV. durch die Intriguen
Filippo Maria^s, besonders durch Fortebraccio , im Frühjahr
1435 genothigt ward, sich von Rom nach Florenz zu flächten.
Gegen diese dem Kirchenfursten angethane Gewalt verweist
indefs das Sonett auf einen durch den Löwen, der das adriar
tische Meer zügelt, berufenen Heerführer, den es ermuntert,
des Beispiels der alten Kreuzfahrer eingedenk zu sein. Offen-
bar ist damit der, solchen Vertrauens allerdings nicht beson-
ders würdige, Francesco Sforza gemeint, den die mit dem
Papst verbündeten Venezianer und Florentiner im Jahre 1435
zu ihrem Feldherrn ernannten.
Ein zweites der oben gedachten Sonette, das zwölfte,
dürfte nur ein paar Jahre jünger sein. Es berichtet^ wie jene
blutdürstige Schlange den Benacus schon dreimal mit Men-
sehenblut gefärbt habe. ') Fast unwillkührlich denkt man da-
bei an den Kampf um den Gardasee, der in den Jahren
1439 und 40 zwischen Gattamelada, dem Feldherrn der Vene-
zianer und dem des Filippo Maria Visconti, Piccinino, geführt
wurde, in welchem die kühne Unternehmung des Candioten
^) Ne (di sanyue umand) . ha tinto tre volle Benaco, — Hinter N' ha
tinto steht in der Udschr. „tn nybro^*, was ich nicht zu erklären weifs ;
,yin ro880^^, das der Sinn zunächst vermuthen läfst, liegt den Buchsta-
ben zu fern. Wahrscheinlich ist Insuhro das Richtige. Das Fehlen des
sprachlich nothigen Artikels (N*ha tinto tre volte VInsubro ßenaco) kann
bei einem so incorrecten Schriftsteller, wie der Poet des münchner
Codex, kein Bedenken machen.
246 Kritische Anzeigen: Petrarcae carmina incognita ed. Thomas.
Sorbolo, venezianische Galeeren über die Abhänge des Monte
Baldo za fuhren, eine so denkwürdige, aber doch nicht ent-
scheidende Episode bildete. Die Kämpfe anf dem See wiederhol-
ten sich noch einige Zeit, so dafe man, um 1440 wohl sagen
konnte , seine Flathen seien dreimal von Blut gefärbt worden.
Das 17. Sonett feiert einen von Gott zum Träger seines
Scepters erwählten Hirten:
Per cui del (lies dal) cartier tenebroso e ietro
Buanzia uscisse neue ausoniche acque.
Es handelt sich also um eine auf Anlafs des Papstes unter-
nommene Seereise eines byzantinischen Machthabers nach Ita-
lien. Man konnte an den Besuch des Johannes Cantacuzenus
(1369) oder seines Sohnes Manuel Paläologus (1400) denken;
die weiteren in dem Sonett erwähnten Umstände sind aber
nur mit der berühmten Reise des Johannes Paläologus zum
Concil von Ferrara (später Florenz) vereinbar, wodurch die
Entstehung des Gedichtes in die auf 1438 zunächst folgende
Zeit verlegt wird, und der gefeierte Papst sich als Engen IV.
(seit 1431) ergiebt. Ohne Zweifel ist dieser auch des gespen-
deten Lobes würdiger als Urban V. und Bonifaz IX. In der
zweiten Quartine und weiterhin vnrd nämlich der Papst ge-
feiert, weil er dahin wirke, daJGs derjenige, der stets dem
Weltall nuTsfallen habe (der türkische Sultan) nach drei Lastren
sich zur Flucht wende und den ägyptischen Meerbusen (wo der
Ruhm Gottfrieds von Bouillon erwachsen sei) um Christi willen
mit seinem Blute färbe. — Als Anfangspunkt jener 15 Jahre
türkischer Uebermacht wird das Obsiegen Murad II. und die
erste Belagerung von Konstantinopel (1422), oder der Frieden
von 1424 anzunehmen sein, was gleichfalls an das Ende der
dreifsiger Jahre führt. Seit dem Besuche des Paläologen und
der wenigstens äufserlichen Wiedervereinigung der beiden Kir-
chen hatte Eugen ein BündnÜB gegen die Türken angestrebt.
Nach den ersten Siegen des Johann Hunyades (1442) gelang
es ihm, Ladislaus von Ungarn und Polen, Philipp den Guten
von Burgund, Georg von Servien und andre zu einem Kreuz-
zuge zu verbinden, für den Indulgenzen, geistliche Zehnten u. s.w.
die Mittel beschaffen sollten. So- wurden die Siege von Nissa
und Cunowitza (1443) erfochten, welche die glänzendsten Hoff-
nungen zu rechtfertigen schienen. Diesen setzte alsdann der
Friede von Segedin (Sommer 1444), dem also jenes Sonett
vorhergegangen sein mufs, Schranken.
Miscellen. 247
Dieser Verherrlichang des Papstes gegenüber schmähen
ihn einige andre Sonette. Es liegt nahe, vorauszasetzen, dafis
sie sich auf einen andern Papst beziehn. Eines derselben, das
sechste, redet einen ^yspirto gentil^\ von dem Hülfe erwartet
wird, an und sagt:
Mira d'Itali la piü nobil parte
Volta in 'resia e fatta un lupanario
Per celebrare gli olocausti a Marte.
Dieser Marte, dem die der Ketzerei zugewandte Hälfte Italiens
Weihrauch streut, dürfte unbedenklich Papst Martin V. (Otto
Colonna) sein. Die Gründe des Hasses gegen den Papst weifs
ich nicht anzugeben, vielleicht sind sie in der im Jahre 1426
zwischen ihm und Filippo Maria Visconti getroffenen Einigung
zu finden. Das Datum selbst aber wird durch das Sonett 3 be-
stätigt, in welchem zwei gegenüberstehende Eirchenhirten (dui
pastori) erwähnt werden, was also auf den Fortbestand des
mit 1378 beginnenden grofsen Schisma's hinweist, das 1429
durch die Entsagung Clemens YUI. beendigt ward.
Diese Nach Weisungen werden, wie ich glaube, vollkom-
men genügen, um darzuthun, dafs die Publication des Herrn
Dr. Thomas uns weder Gedichte Francesco Petrarca^s, noch
auch nur eines seiner Zeitgenossen , sondern mehr als ein hal-
bes Jahrhundert nach dessen Tode entstandene Arbeiten eines
norditalienischen, vielleicht venezianischen, Dichters bietet.
Karl Witte.
Miscellen,
Ich bin gehabt = ich bin gewesen.
In meinen „Beiträgen zur Geschichte der romanischen
Sprachen" (Wien 1862, S. 24ff.)^) besprach ich jene Fügung,
nach welcher das Participium von habere zur Bildung der
Conjugatio periphrastica von esse dient. Ich führte Beispiele
aus Bonvesin und Pietro da Bescape an, dann aus einer noch
ungedruckten afr. Handschrift der k. k. Hofbibliothek, deren
Sprache vorwiegend burgundisch ist. Mir war damals diese
Fügung sonst unbekannt: genaueres Nachsuchen liefs mich je-
doch dieselbe auch in anderen Gebieten auffinden. Es sei mir
gestattet, hier das Versäumte nachzuholen.
1) Separatabdrack aus dem 39. Bande der Sitzungsberichte der
phil. bist. Classe der k. Akademie der Wissenschaften.
248 Miscellen.
1. In den catalanischen Versen bei Keller, Romv. 699,
liest man:
. . . gran be qui conagat
No fora si no fos haut
Peccat e pena per peccat.
Es dürften sich in dieser Sprache manche andere Beispiele finden.
2. Unser verehrter Meister, Friedrich Diez, schreibt mir:
„Es fehlt selbst im Provenzalischen nicht an Beispielen. Drei
finden sich bei Raynouard Lex. Rom. 2, 157^ ^), dazu fuge
ich noch: Sirvens suy avutz et arlotz Chx. 4, 462'.
3. In Schnackenbarg, Tableau synoptique etc. (Berlin
1840), findet sich S. 64 folgendes:
„Dans le departement da Haut-Rhin, dans quelques par-
ties de la Franche-Comte et sans doate dans plusieurs autres
contr^es, le langage a consacre des meprises bizarres, telles
que vos ates avü ce qui signifie litteralement vous "Stes eu et
ce qui doit signifier: vous avez 4te,^^
4. In der jüngeren Redaction des Girart de Rossillon,
die in burgundischer Mundart verfaTst ist und von Mignard
(Paris 1858) herausgegeben wurde, begegnet man:
V. 346. Et maintes grant tresour y sont hiu trove*),
wozu der Herausg. bemerkt: „Y ont ^te; nos pajsans boar-
guignons parlent encore comme on vient de lire^S und an einer
anderen, von Littre (Hist. del. I.fr9. 2,416) besprochenen Stelle:
Si 8ont heu trop foul de faire le conti-aire. *)
Wir können demnach diesen Gebrauch in den aneinan-
der gränzenden Gebieten Provence, Catalonien und Nordwest-
Italien*), dann auch in dem mehr nordwärts sich über die
Loire erstreckenden Gebiete von Burgnnd nachweisen.
A. Mussafia.
^) eron avug = avaient ete ; fos agatz = eüt ete ; es avatz == a ete.
Wenn Baynouard sagt: „II (le verbe aooir) forma aussi ses temps com-
poses en employant i'auxiliaire esser<<, so scheint er sich nicht ganz
genau auszudrücken. Es liegen in den angeführten Beispieleu keine
vergangene Zeiten von „haben", sondern von „sein" vor.
^ Dieses Beispiel ist lehrreich; es zeigt, dafs die Substitution
stattfindet nicht blofs wenn „sein" als Verbum substantivum, sondern
auch wenn es als Auxiliare gebraucht wird.
') Dazu sagt Littre: „il ne me souvient pas d*avoir rencontre
aillears . . . la locution que je Signale ici".
*) Derselbe Gebrauch findet sich auch im Alt-Waldensischen.
S. Jahrb. IV, p. 386, Anm. 1. Der Herausg.
Druck Tou F. A. Brockhaus in Leipsig.
Zarncke, Ueber das Verbal tnifs des Brut y Tysylio zu Gottfried. 249
üeber das Verhältnifs des Brut y Tysylio zu
Gottfried's Historia regum Britanniae.
In der Geschickte der Artussage nimmt kein zweites
Werk einen bedeutungsvolleren Platz ein als die Historia
regum Britanniae des Gottfried von Monmouth. Vorwärts
wie rückwärts ist die Wichtigkeit dieses Werkes unschätz-
bar. Für die europäische Literatur des Mittelalters war
Gottfried geradezu der Vater der Artussage. Ohue ihn
wäre Artus Name schwerlich über den engen Kreis sei-
ner Stammesgenossen in Wales und in der Bretagne be-
kannt geworden, ohne ihn wäre es schwerlich einem frem-
den Dichter jener Zeit, am wenigsten einem hotischen, in
den Sinn gekommen, in einem grofsen Epos den Artus
zu besingen, wäre es sicher nicht Sitte geworden, aus
den Ländern keltischer Zunge sich Stoffe zu holen, die
an Artus und seine Tafelrunde anknüpften oder sich doch
leicht anknüpfen lielsen. Gottfried aber hatte in seiner
glänzenden Schilderung der fabelhaften britischen Konige
in der Charakteristik des Artus zum ersten mal' das Bild
eines ritterlichen Helden zu entwerfen gewufst, wie es
als Ideal bereits damals (im Beginn des 12. Jahrh.) in
den Kreisen normannischer Herrschaft aufzuleben begann,
nach den drei Seiten kriegerischer Tüchtigkeit und Ge-
wandtheit, romantischer Neigungen und ausschweifender
Freigebigkeit. Bei (Jottfried war dies ideale Bild zwar
noch nicht Selbstzweck gewesen, es war nur die Glorie,
mit der er den Haupthelden seiner nationalen üeberliefe-
rung verherrlichte; Artus blieb bei ihm in erster Linie
immer noch ' der ruhmgekronte Befreier seines vorher
und nachher unterdrückten Vaterlandes, hierauf liegt öas
Hauptinteresse seiner Darstellung; die französischen und
die ihnen nachfolgenden Dichter aber liefsen den kymriscben
Nationalbelden fahren, sie hielten sich nur an das glän-
zende Bild ritterlicher Herrlichkeit, mit dem Gottfried
jenen ausgestattet hatte, und dies genügte zum idealen
Helden ihrer Gedichte. So war der Stoff so zu sageü
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 3. 17
260 Zarncke
courföhig geworden und zum zweiten male wanderte der
Name des Artus über den Kanal, diesmal aber nicht blofs
zu einem blutsverwandten Stamme, sondern über die ganze
gebildete Welt, über den ganz^i Oöcident bis tief hinein
in den Orient.
Und wichtiger fast noch als Gott&ied^s Werk nach
vorwärts geworden ist für die Verbreitung und Weiter-
entwickeluug der Artussage, ist es für uns rückwärts als
Quelle tür die zu seiner Zeit vorgefundenen nationalen
Ueberlieferungen. Dals er aus solchen geschöpü;, bedarf
für kundige Leser keines JBeweises, auch wenn man die
ausdrückliche Angabe Gottfried^s, dafs ihm ein aus der
Bretagne herübergebrachtes wälsches Buch vorgelegen
habe, für eine Fiction halten wollte. Aber wie er seine
Quellen benutzt, wie weit er von ihnen abgewidien ist,
in wie weit sie noch wieder zu erkennen sind in seiner
Darstellung, das ist eine schwer zu lösende Frage. Denn
abgesehen davon, dafs Gottfried nachweislich und einge^
standeuerma&en auch noch andere Quellen benutzt hat,
wie den Beda, Gildas und Nennius, gewinnt man aas
seiner glatten und tendenziösen D^steUung sehr bald das
Urtheil, dafs es ihm nicht auf Treue und wahrhafte Wie-
dergabe des ihm Ueberlieferten ankam, sondern dafs er
seine Quellen nur benutzt hat als Material zur Herstel*
lung des glänzenden Geschichtsbildes, mit welchem er der
altbekannten Eitelkeit seiner Stammesgenossen schmeicheln
wollte. Mit ihm völlig frei zu schalten hielt er sich für
berechtigt, wie er denn z. B, aus den via: von Gildas als
gleichzeitig erwähnten Fürsten der Britten vier nachein-
iuider ein ganzes Jäirhundert hindurch regierende Könige
gemacht hat. Wir können daher zur Reoonstruction sei-
ner Quellen sein Werk nur sehr eingeschränkt benutzen.
Und das ist um so bedauerlicher, als kein älterer Schrift-
steller über dieselben Gegenstände sich verbreitet; denn
was bei Nennius über Artus gesagt wird ist nur ein Ent-
wurf und höchstens dadurch von Interesse, dafs Nennius
ebenso wie die seinem Werke in einigen Handschrifben
angehängte D^scriptio Britanniae deaa Artus nie rex^ son-
dern ausdrücklich nur mil^ nennt, während daneben von
Ueber das Yerhältnifs des Brut y Tysylio za Gottfried. 2öl
andern als Königen die Rede ist. Ebenso wenig können
meiner Ansicht naoh die angeblichen Barden des 6. Jafar-
honderts, Aneurin, Taliesin, Llywarch Hen u. a. herbei-
gezogen werden, in deren, wenn auch durch die Kritik
schon sehr zusammengeschmolzenen Werken ich schon
wegen ihrer überkünstlichen Beimweise unmöglich Ge-
dichte so alter Zeit erkennen kann.
Um so wichtiger würde es für uns sein, wenn sich
die Annahme bestätigte, dals wir jenes von Gottfried als
die Quelle genannte wälsche Buch wirklich noch besäfsen.
Kicht wenige Gelehrte h^gen diese Ansicht wirklich, und
bei uns in Deutschland ist sie durch San Marte, der sie
in seiner Ausgabe des Gottfried vertreten und zu bewei-
sen gesucht hat, wohl zur herrschenden geworden. £s
ist mir wenigstens nicht bekannt geworden, dafs sich von
irgendwoher ein Widerspruch erhoben hätte. Dennoch
theile ich dieselbe nicht, und ich hoffe im Folgenden den
Beweis erbringen zu können, dafs das in Bede stehende
Werk erst aus dem Gottfried^s entstanden ist
Wir haben die von Gottfried behandelte Geschichte
zweimal in wälscher Sprache, einmal in dem Brut y Gruf-
fudd ap Arthur, der in mehreren Handschriften (minde-
stens 6) erhalten, und im zweiten Bande der Myvyrian
Archaiology abgedruckt ist. Es ist offenbar eine wälsche
Kückübersetzung des Werkes Gottfried's und als solche
auch allgemein anerkannt. Dagegen das für die Quelle
Gottfried^s gehaltene Werk ist der weit kürzer und skiz-
zenhafter abgefafste sogenannte Brut y Tysylio, der eben-
falls in dem zweiten Bande der Myvyrian Archaiology of
Wales abgedruckt ward und auch, wie es scheint, in
mehreren Handschriften erhalten ist, von denen eine das
rothe Buch von Hergest ist, bekannt durch die aus dem-
selben herausgegebenen Mabinogion. Die Ansicht, die
z. B. der Verfasser der Britannia after the Romans hegt,
da& diese Chronik ein Werk des Bischfs Tysylio (von
660 — 720) sei, isl von San Marte in der Vorrede zu sei-
ner Ausgabe des Gottfried (S. XVI fg.) ausreichend wi-
derlegt, ebenso die, dafs sie von einem Britten des Con-
tinents um 930 verfafst sei, wie der Graf Villemarqu^
, 17*
"1
252 Zarncke
meinte. Sie kann, wie auch S. Marte zugibt, nicht vor
der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts geschrieben sein,
das ergibt sich aus den Anspielungen, wie es auch aus
den bereits ganz ritterlich gefärbten Schilderungen her-
vorgeht. Aber dafs dies Werk die Vorlage Gottfried's
gewesen sei, hält auch S. Marte fest.
Eigenthümlich sind die Schlufsworte: „Ich Walther,
Archidiaconus von Oxford, übersetzte dieses Buch aus
dem Wälschen ins Lateinische, und im höheren Alter
übersetzte ich es zum zweiten male aus dem Lateinischen
ins Wälsche." Bekanntlich ist Walther, Arch. von Oxford,
derjenige, der dem Gottfried seine Quelle aus der Bre-
tagne mitbrachte. Auf mannichfaltige, aber stets vergeb-
liche Weise hat man diese Worte mit Gottfried's Angabe
in der Hist. regum Britanniae in Verbindung und Ueber-
einstimmung bringen wollen; Hr. v. ViUemarqu4 scheint
sich sogar eine der bei wälschen Forschem gar nicht
seltenen Fälschungen haben zu Schulden kommen lassen,
indem er behauptet, in dem reihen Buche von Hergest
stehe, Walther habe es übersetzt, „aus dem Bretönischen
ins Kymrische", so dafs diese seine wälsche üebersetzung
die Quelle Gottfried^s geworden sei. Andere Gelehrte be-
streiten diese Behauptung entschieden. Jene Worte füh-
ren uns also nicht weiter und wir sind zur Entschei-
dung der Prioritätsfrage auf die beiden Werke selber
angewiesen.
Der erste Eindruck ist der Priorität des Brut nicht
eben günstig. Wir gewinnen durch die Lecture des Gott-
fried bald den Eindruck, dafs der Verf. ein geistvoller,
gewandter Mann war, der sich unmöglich bei Herstellung
seines Werkes in spanische Stiefeln einschnüren liefs.
Sollte aber der Brut seine Quelle sein, so würde er ETa-
pitel für Kapitel derselben gefolgt und fast nur, nament-
lich im Anfange, stylistischer Ausputz und hier und da
Aenderungen würden seine Arbeit sein. Das widerstrebt
dem Urtheil, welches wir uns über Gottfried's Art und
Kunst gebildet haben. Ueberdiefs wird auch im Brut so
manches erzählt, das nur von einem Gelehrten herrühren
konnte, das den Gesichtskreis einer Volkssage so ganz
TJcber das Verhältni£s des Brut y Tysylio zu Gottfried. 253
Übersteigt (z. fi. die chronologischen Notizen, die aus
Nennius herübergenommen sind), dafs, wäre der Brat
wirklich das Original, sein Werth als Sagenquelle doch
betrachtlich gemindert wäre, da dann der Verdacht be-
gründet wäre, dafs bereits sein wälscher Verfasser sich
ähnlich gelehrt umarbeitend zu seinen Ueberlieferungen
müfste verhalten haben, wie wir dies bei Gottfried ganz
^klärlich finden, wie es aber bei einer selbständigen Ar-
beit in der Vulgärsprache kaum wahrscheinlich ist, da
dem Gelehrten in jener Zeit die lateinische Sprache offen-
bar näher lag. Wenigstens wurde ein von gelehrten Sta-
dien zeugendes selbständiges prosaisches Werk in der
Lsmdessprache um jene Zeit, so viel ich weifs, ohne Ana-
logie sein.
Doch über solche Grründe mag sich streiten lassen,
wir wollen sie nicht als entscheidend ansehen.
S. XIX seiner Ausgabe des Gottfried sagt San Marte,
das von ihm angenommene Verhältnifs beider Werke zu
einander werde sich durch genaue Vergleichung dersel-
ben sehr einfach herausstellen, und S. LXXII wird end-
lich diese Vergleichung angestellt. Es sind fünf Grande,
mit denen S. Marte seine Ansicht stützt:
1) „Ueberall fast, wo der Brut Erklärungen gewisser
wälscher Ausdrücke oder Uebersetzimgen darin ins Säch-
sische oder Englische gibt, wiederholt Gottfried diese in
gleicher Weise; wo sie aber im Brut fehlen, vermissen
wir sie auch bei Gottfried/^ Erstaunt fragt man sich, in
wiefern aus dieser einfachen Uebereinstimmung irgend et-
was über die Priorität der beiden Werke folgen solle.
S. Marte fährt fort: „ja, wo er sie auf eigene Hand ver-
sucht, sind sie mitunter unrichtig, so dafs sich sogar die
Vermuthung aufdrängt, dafs Gottfried selbst das Wälsche
nur unvollkommen verstanden habe>^ Diese Vermuthung
ist durchaus unstatthaft bei einem Manne, der in Wales
geboren und erzogen war, der dort sein Leben beschlofs
und der die volle Nationaleitelkeit der Walliser zur Schau
tragt und in ihrem Sinne ein Werk schreibt. Wenn sich
ihm falsche Etymologien nachweisen lassen, so theilt er
diesen Fehler mit manchen viel Gelehrteren, und wenn
254 ZanJcke
er keltische Beinamen zuweilen nicht ins Lateinische über-
setzt, sondern die keltische Wortform beibehalt, so dür-
fen wir ihn deswegen nicht znr Rede stellen, da solche
Beinamen gar wohl auch als Eigennamen behandelt wer-
den durften; und wenn die Form des Namens meist nicht
die rein keltische ist, so hat überhaupt Gottfried stets
die latinisirte oder doch diejenige Form des Namens vor-
gezogen^ die in den nicht stockwälschen Kreisen, in de-
nen er sich zu bewegen hatte, in den anglonormannischen,
gebräuchlich waren, üeberdies müssen wir hierbei noch
die Ueberlieferung in Betracht ziehen; Gottfried's Werk
b^and sich natürlich meistens in den Händen solcher
Schreiber, die des Keltischen nicht mächtig waren, was
beim Brat nicht der Fall war. Was S. Marte an Spe-
cialitäten zur Erläuterung seiner Ansicht bringt, beweist
nichts anderes. Man vergleiche sie a. a. O.
2) „Die zierlichen Orakelverse in L. I, c. 11 ent-
sprechen dem eleganten Stil Gottfried's. Der Tysylio
hat einfache Prosa. Hätte die wälsche Sprache das Ora-
kel in Verse gefafst gehabt^ so würde sie der Brut gewifs
aufgenommen haben." Der letztere Schlufs ist keines-
wegs gerechtfertigt, denn man dürfte auch annehmen,
dafs der Verfasser des Brut sie nur nicht gekannt habe.
Aber was in aller Welt hat dieser Schlufs überhaupt mit
der Prioritätsfrage zu thun? Mochten nun wälsche Ora-
kelverse existiren oder nicht, was folgt daraus für die
Frage, ob Gottfried den Brut übersetzt oder der Ver-
£Etöser des letztem den Gottfried? Ja, wenn man hieraus
durchaus einen Schlufs in dieser Frage ziehen wollte,
würde nicht mit viel mehr Wahrscheinlichkeit daraus
folgen, dafs der Verfasser des Brut das Werk Gottfried's
vor sich hatte und es übersetzte, aber sich nicht die
Mühe nahm, die lateinischen Hexameter in wälsche Verse
zu übertragen, sondern sich mit Prosa begnügte?
3) „Gottfried übergeht die von Tysylio wditläuiig
erzählten drei Plagen der Insel, die Einäscherung von
Circencester durch Sperlinge, und die Sage, dafs auf den
Fluch des heil. Augustin die Kenter mit Thierschwänzen
geboren wurden, vermuthlich weil wenigstens die erste
Ueber das Yerhältnils des Brut y Tysylio zu Gottfried. 255
und leiste Sage ihm nicht historisch g^ing erschienen.
Dem Brut als Auszug aus Gottfried würde es wider**
sprechen, diese Geschichten als Zusätze hinzuzufügen.^^
Warum? Was steht denn dem entgegen, dafs der Verfasser
des Brut, wenn er 'Gottfiried's Werk vor sich hatte und
es im AUgemeinen auch nur au^ugsweise wiedergab,
doch hin und wieder auch Zusätze aus seiner eigenen
Kenntnifs maciien durfte? Er übersetzte doch nicht, wie
unsere heutigen gelehrten Uebersetzungen, um eine treue
Wiedergabe des Originals zu gewahren, sondern um den
Inhalt dessdben, die Kenntnifs der alten Geschichte von
Wales, weiter zu verbreiten. Was sollte ihn abhalten,
wenn er dazu fähig war, an den Stellen, wo seine eigene
Kenntmfs weiter ging, seine Vorlage zu interpoliren ?
S. Marte's Behauptung ist um so naiver, wenn man sieht,
wie der Brat an unzahligen Stellen in Kleinigkeiten, ja
zuweilen sogar in der Erzählung der BegcJ^enheiten ab-
weicht, so dafs wer ihn für eine Bearbeitung ans dem
Werke Gottfried's erklart, doch ihn ganz ungenügend
charakterisirt, wenn er ihn einen blofsen Auszug nennt.
S. Marte ficht also nur mit Worten, und zwar mit eigea-
mädbtig und ungenau gewählten.
Ebenso wenig kann ich irgend etwas Entscheidendes
darin finden, wenn im Brut die Schlnfsworte des 10. Ka-
pitels des 11. Buchs, „haec alias refibram, cum libmun de
exulatione eorum transtulero^^, feU^ai. Der Verfasser oder
Uebersetzer des Brut hatte einmal nicht die Absicht, das
Angedeutete zu erzählen, Gottfried aber hatte me. Ueber
das Verhältuifs der Werke zu einander ist hieraus gar
nichts zu entnehmen.
Ganz gleich verhält es sich mit einigen anderen,
nichtssi^enden Zusätzen resp. im Bmt und bei Gottfried,
so z. B. wenn der Brufc zusetzt: „Dieses ist alles, was
von Arthur^s Tod. hier gesagt wird. Constantin, Sohn
des Cador, folgte nach Arthur's Wunsch auf den Thron.
Hier endet die Geschichte von Arthur und Me<kavd."
Einen solchen Zusatz konnte jeder Abschreiber, ge-
schweige ein Uebersetzer und Bearbeiter, Bnachen. —
Wran zu Anfang von XI, 1 Gottfiried versichert, „dafs
256 Z»rncke
er zwar nicht die Liebesgeschichte des Modredas und
der Gunhumara, wohl aber erzählen werde von Arthur'^
Knegstibaten, was davon in Walther^s Buche stehe ^^, und
wenn S. Marte triumphirend hierauf hinweist mit den
Worten: ^^Und in der That erzählt er auch nicht ein
mehreres davon, als der Brut enthält ^^, so ist dies völlig
imbegreiflich. Denn die wenigen angedeuteten und an-
geführten Stellen ausgenommen enthält ja der Brut über-
all dasselbe, was bei Gottfried steht, also dieser auch
nicht mehr als der Brut.
4) Der Schlufs des Brut weicht in nicht uninteres-
santer Weise ab von Gottfried. Der Brut sagt: „So
verlor die ursprüngliche Nation ihren Namen und wurde
abwechselnd dem Druck der Sachsen und ihrer eigenen
Fürsten unterworfen.^^ S. Marte fuhrt aus, dafs auch im
Anfiuige des 12. Jahrh. ein Walliser so zu sprechen Ur-
sache hatte und dai's er es in seiner Landessprache schon
wagen konnte, was beides man auch wohl ohne besondere
Ausführung glauben würde. Bei Gottfried lautet die ent-
sprechende Stelle: „Gualenses nunquam postea monar-
chiam insulae recuperaverunt , immo nunc sibi, nunc
Saxouibus ingrati consurgentes , intemas atque domesti-
cas clades incessanter habebant^S ^^^ ^^^^ milder gegen
die Sachsen. Mit Kecbt macht S. Marte geltend, dafs
Gottfried, der sein Werk einem anglonormannischen Für-
stensohne widmete, sich vorsichtiger ausdrücken mufste,
selbst, fügen wir hinzu, wenn er im Herzen anderer An-
sicht gewesen wäre. Aber was haben diese verschiede-
nen Bücksichten, die die Verfasser beider Werke ihrer
Lage nach zu nehmen hatten, mit der Priorität ihrer bei-
den Werke zu thun? Durfte nicht auch der Verfasser
des Brut, selbst wenn er Gottfiried^s zahmere Worte vor
sioh hatte, sich in seiner Landessprache, seinen eigenen
Empfindungen gemäiser, derber ausdrücken?
5) „Die Prophetia, die Gottfried ausdrücklich fiir
sein Werk ausgiebt, fehlt auch im Brut.^^ Genau ausge-
drückt ist dies nicht, denn Gottfried giebt die prophetiae
Merlini nicht in höherem Grade für sein Werk aus als
die ganze Historia; er sagt auch von jener ausdrücklich,
lieber das Verhäitnifs des Brut y Tysylio zu Gottfried. 257
er habe sie aus dem Britannischen ins Lateinische über-
setzt, aber, und das will S. Marte auch wohl nur ss^en,
er giebt sie ausdrücklich fiir ein besonderes Werk aus,
das er sogar selbständig yerö£Fentlichte, mit einer beson-
dem Dedication versah, und nur später unter die Bücher
seiner Historia mit aufiiahm. Allerdings dürfen wir wohl
annehmen, dafs es in dem wälschen Buche, das ihm Wal-
ther verschaffte, nicht stand. Aber ebenso leicht ver-
ständlich ist es, dafs jemand, der die Historia auszüglich
in der Landessprache wiedergab, dieses, die Geschichte
störend unterbrechende Buch, das gewÜs die meisten
Leser noch heute bei der ersten Lecture überschlagen,
ansliefs, und wir brauchen ^ar nicht darauf hinzuweisen,
dafs es nachweislich auch Handschriften des lateinischen
Originals gab, die die prophetiae Merlini gar nicht ent-
hielten undj deren eine dem Bearbeiter des Brut voi^e-
legen haben kann.
Man sieht, alle diese Gründe sind im besten Falle
ganz nichtssagend, einige von ihnen aber sprechen sogar
mehr für das Gegentheil von dem, was S. Marte durch
sie beweisen will, und man kann sich nur wundem, dafs
ein so gelehrter und mit den einschlagenden Studien so
genau vertrauter Mann eine so wichtige Frage so leicht
hat nehmen und mit so wenig Nachdenken für erledigt
hat halten können.
Wenn ich nun dazu schreite, die Gründe geltend zu
machen, die mich zu einer der S. Marte's ganz entgegen-
gesetzten Ansicht gefuhrt haben, zu der nämlich, dafs der
Brut eine verkürzende Uebersetzung des Werkes Gott-
fried's sei, sehe ich davon ab, die Beweisgründe zu häu-
fen; ich will mich auf einen beschränken, der meiner An-
sicht nach hinreicht, die Frage endgültig zu entscheiden.
Da , wie wir nachweisen können und wie S. Marte in
seiner Ausgabe mit dankenswerthemFleifse durch verschie-
denen Druck dem Auge sofort erkennbar angedeutet hat^),
^) Dabei ist freilich za bedauern, dafs kein Unterschied gemacht
ist zwischen wirklicher Entlehnung und ganz gewöhnlicher Benutzung.
Um sich ein eigenes Urtheil zu bilden, mufs man also stets die Worte
der Quelle selber nachlesen.
268 Zarncke
•
Gottfried andere Schriftsteller, namentlich den fieda, Nen-
nius und Gildas für sein Werk benutzte (ohne, jedoch
eigentlich längere Stellen wortlich aus ihnen zu entlehnen,
woran ihn schon das Bedürfnifs eines elegantem Stiles hin-
derte), so mufs sein Verfahren, falls ihm der Brut als Quelle
vorlag, dies gewesen sein, dafs er an solchen Stellen sei-
ner Uebersetzung und Bearbeitung des wälschen Buches
die äätze aus den genannten Schriften einschob. In sei-
ner wälschen Vorlage konnte etwas Aehnliches stehen,
aber unmöglich etwas mit Nennius und Gildas wortUch
Gleichlautendes. Denn dies konnte nur durch eine dop-
pelte Annahme erklärt werden, von denen die eine ge-
radezu lächerlich sein würde. Einmal nämlich mufste
bereits der Verfasser des Brut den Nennius und Gildas
benutzt haben, was zwar nicht umnoglich wäre, da, falls
der Brut Originalwerk ist, er auch ohne das, wie schon
oben angedeutet, einen gelehrten Verfasser voraussetzt, aber
sicherlich unwahrscheinlich, da einem gelehrten Werke die
lateinieche Sprache natürlicher war. Sodann aber müiste
Gottfried jedesmal, wo im Brut Stellen aus jenen Schrift-
stellern benutzt waren, dies bemerkt, seine sonstige Weise
zu übersetzen aufgegeben und die betreffende Stelle aus
den lateinischen Originalen fast wörtlich abgeschrieben
haben. Zu einer so künstlichen Annahme würde man sich
nur verstehen] können, wenn sie durch sehr zwingende
Gründe nothwendig gemacht würde, wie deren kein ein-
ziger vorliegt. Völlig unmöglich aber wird diese An-
nahme in solchen Fällen, wo bei Gottfried die lateinischen
Worte jener Quelle mit seinen eigenen zusammengefögt
sind. Wenn auch da der Brut dasselbe Satzgefüge ent-
hält, so ist keine andere Erklärung gestattet als die, dafs
er das Satzgefüge Gottfried^s vor sich hatte, dafs er also
aus Gottfried^s Werke übersetzte.
Ich will nun einige der Hauptstellen, in denen bei
Gottfried und im Brut eine Benutzimg des Nennius uad
Beda vorliegt, hier anfuhren. San Marte hat auf dies
Kriterium gar keine Rücksicht genommen, so wenig, dafs
er nicht einmal gemerkt zu haben scheint, dafs der Brut,
wenn er Originalarbeit war, die genannten Scbriflsteller
Ueber das Verhältnifs des Brut y Tysylio zu Gottfried. 259
mufste benutzt haben. Denn S. Marte spricht stets nur
von Benutzung derselben durch Gottfried.
Gleich der Anfang des Brut ist bezeichnend. Hier
ist Nennius als Quelle benutzt, dessen Worte so lauten:
Aeneas post Trojanum beUum cum Ascanio filio soo yenit ad Ita-
liam et superato Tnrno aceepit Layiniam filiam Latini, filii Fanni, flUi
Fiel, filii Satumi, in coniagium: et post mortem Latini regnum ob
tinuit Romanoram vel Latinorum. Ascanins antem Albam condidit et
postea uxorem daxit et peperit ei filinm nomine Silrium. Silvius duxit
nzorem et gravida fait et nnnciatam est Aeneae, qnod nnms sua gra-
vida esset; et misit ad Ascanium filinm snnm, nt mitteret magnm suam
ad considerandam nzorem et exploraret, quid haberet in ntero, si mas-
cnlnm vel feminam; et magns consideravit uxorem et reversus est.
Fropter hanc yaticinationem magns occisns est ab Ascanio, qnia dixit
Ascanio qnod mascnlom haberet in utero mnlier, et filius mortis erit,
quia occideret patrem snum et matrem suam et erit exosus omnibns
homlnibns. Sic eyenit; in natiyitate illius mulier mortua est et uutri-
tus est fiUns et yocatum est nomeü eins Brato. Post mnltum inter-
vallum, juxta yaticinationem magi, dum ipse ludebat cum aliis, ictu
sagittae occidit patrem suum, non de industria sed casu.
Im Brut lautet die entsprechende Stelle nach San
Marte's Uebersetzung :
Nachdem die Stadt genommen war, flohen Eneas und sein Sohn
Ascanius zur See nach Italien, wo Latinus, zur selben Zeit König von
Italien, ihn ehrenvoll aufnahm. Und nachdem Eneas mit Turnus, dem
Könige der Butuler, gefoehten und ihn erschlagen hatte, beirathete
Ascanius die Lavinia, Tochter des Latinus, und nach dem Tode des
Eneas erlangte er grofse Macht und. Konig geworden ^ erbaute er eine
Stadt am Ufer der Tiber. IJier ward sein Sohn Sylhys geboren, der
nachmals eine leichtsinnige Sinnesart bewährte, da denn die Nichte van
ihm schwanger ward. Und ais Ascanius hörte^ dafs sie so sei, befragte
er die Wahrsager darüber, welche antworteten, dafs sie yon einem
Sohne wurde entbunden werden, der für Vater und Mutter Ursache
des Todes sein und nach langer Umfahrt grofsen Ruhm erlangen würde.
Und sie hatten sich nicht geirrt. Die Mutter starb im Kindbette. So
tpdtete er seine Mutter. Das Kind war ein Knabe, ward Brntus g«-
naimt und erhielt eine Amme, Und als er futrfgehn Jahre alt war, be-
gleitete er seinen Vater auf die Jagd. Und einen grofsen Hirsch auf-
jagend, schofs er nach demselben und sein Ffeil fuhr in des Vaters
Brust. So todtete er auch seinen Vater.
Bei Gottfried lautet die Stelle folgendermafsen:
Aeneas post Trojanum bellum, urbis excidium cum Ascanio
diffugiens, Italiam navigio adiyit. Ibi cum a Latino rege honorifice
receptus esset invidit Turnus Rutulornm rex et cum illo congressns est.
Dimicantibns Ulis praevalnit Aeneas, pereraptoque Tnrno, regnum Italiae
260 Zaracke
et Laviniam filiam Latini est adeptas. Denique suprema die ip9iu8
8uperveniente, Ascanius regi^ poteaiate sublimatus, condidit Albam supra
Tyberimy genuitque filium, cui nomen erat Sylvias; Yl\c furtivae Veneri
indulgens, quandam Laviniae neptem uxorem duxit eamque fecit praegnan-
tem, Gumqae id patri Ascanio compertum esset, praecepit magis suis ex-
phrare, quem sexum puella concepisset. Certitudine ergo rei com-
perta dixerunt magi ipsam gravidam esse puero , qui patrem et matrem
interficeret, pluribus quoque ierris peragratis in exilium ad summum tan-
dem culmen honoris perveniret. Nee illos fefellit vaticinium suum. Nam
ut dies partus accessit, edidit mulier puerum etinnativitate eius
mortua est. Traditur . autem iUe nutrici vocaturque Brutus. Postremo
cwn ter quini anni elapsi essent, comitabatur juvenis patrem in vencuido
ipsumque inopinato ictu sagittae interfecit.
Die Abweichungen von Nennius, in denen der Brut
und Gottfried übereinstimmen, sind cursiv gedruckt. Man
sieht, während sie mit geringen sachlichen Abweichungen
(z. B. daTs Ascanius statt des Aeneas die Wahrsager fragt)
dem Nennius folgen, stimmen sie in den Zusätzen und
stilistischen Umwandlungen wortlich überein. Von wem
sind nun diese Umwandlungen ausgegangen? Vom Ver-
fasser des Brut oder von Gottfried; wer von beiden hat
sie von dem andern entlehnt?
Nehmen wir an, San Marte's und der gewohnlichen
Annahme entsprechend, Gottfried habe den Brut über-
setzt^ der Brut sei also das Originalwerk, so will ich
nicht zurückkommen auf die schon ^ geäufserte Unwahr-
scheinlichkeit, dafs ein Werk in der wälschen Landes-
sprache lateinische Autoren selbständig sollte benutzt
haben, auch will ich kein Gewicht darauf legen, dafs im
Brut fälschlich steht, Ascanius habe die Lavinia gehei-
rathet statt des Aeneas, während Gottfried das Richtige
bat. Das kann handschriftliche Verderbnifs sein, die un-
schwer geheilt werden könnte. Aber die wortliche Ueber-
einstimmung Gottfried^s mit Nennius zeigt offenbar, dafs
er diesen Schriftsteller vor sich hatte. Die Gleichheit des
Anfangs, Aeneas post Trojanum beUumt ist gewifs nicht
zufallig, noch weniger die Worte in nativitate eius mortua
est. Im Brut heifst es ganz allgemein: er befragte die
Wahrsager darüber^ bei Gottfried: quem seamm puella
concepisset^ welcher speciellere und aus dem Brut nicht
zu entnehmende Ausdruck nur eine Umschreibung der
üeber das Verhältnifs des Brut y Tysylio zu Gottfried. 261
Worte des Nennius ist: quid haberet in utero ^ n mascu-
tum vel feminam. Cbenso ist der einfache Anschlufs Gott-
fried's an Nennius in den Worten ictu sagittae interfecit
um so bedeutungsvoller, da im Brut dieser Unfall farben-
reicher erzählt ist. Nehmen wir den Brut für die Vor-
lage und Gottfried fiir den Uebersetzer, so bekommen
wir von dessen Art zu arbeiten ein so complicirtes Bild,
dafs demselben alle Wahrscheinlichkeit abgeht, zumal
wenn wir die glänzende Leichtigkeit in Erwägung ziehen^
mit der Gottfried die lateinische Sprache handhabt, des-
sen Stil überall wie aus einem Gusse ist, am wenigsten
mühsam zusammengeflickt; während umgekehrt alles in
Ordnung und ohne Schwierigkeit ist, sobald wir den
Brut für eine abkürzende, hier und da auch Ifrei ver-
ändernde Uebersetzung Gottfried's erklären. Sehr naiv
sagt S. Marte in den Anmerkungen zu diesem Kapitel:
„Gottfried's Quelle ist in der ersten Hälfte dieses Ka-
pitels Nennius." Er von seinem Standpunkte mufste sa-
gen: des Brut's Quelle. Aber so flüchtig hat er den
Gegenstand ins Auge gefafst, dafs er das letztere nicht
einmal beachtet hat.
Je weiter wir im Brut vorwärts rücken, um so skiz-
zenhafter wird die Darstellung, so dais sich schliefslich
kaum noch Stellen auffinden lassen, denen ihre Quelle
in überzeugender Weise nachgewiesen werden konnte.
Ich will auch von solchen Stellen noch eine hervor-
heben.
Gegen Schlufs heifst es im Brut (San Marte S. 579) :
Cadwallader selbst gab die Welt aus Liebe zu Gott auf und kam
nach Rom und begann ein religiöses Leben. Er starb und seine Seele
ging zum Himmel ein am 12. Dec. 688.
Bei Gottfried lautet die Stelle so:
Tunc Cadwaliadrus abjectis mundialibus propter Deum regnumque
perpetuum venit Romam et a Sergio' papa confirmatus non multo post
inopino etlam languore correptus est, duodecimo autem die Kalendarum
Majarum anno ab incam. dorn, 689, a contagione carnis solutus coe-
lestis regni aulam ingressus est.
Die cursivgedruckten Stellen stimmen wortlich über-
ein mit Beda H. E. V, 7.
1
262 Zarncke
Kurz vorher heifat es im Brut (bei San Mftrte S. 576):
Und Penda umstellte ihn an einem Orte, Namens Himmelsfeld.
In dieser Lage richtete Oswald ein Kreuz auf und ermahnte seine Ar-
mee niederzuknien und fromm den Allmächtigen anzuflehen, dafs er sie
von dem grausamen Penda befreien möchte, sagend, dafs es ihr ein-
ziger Wunsch sei, Freiheit zu erlangen. Am folgenden Tage griff, Gott
Tertranend, Oswald seine Gegner an und war an dem Tage Sieger.
Bei Gottfried (XII, 10):
At Oswaldus, dum a praedicto Peanda in loco, qui vocaiur Heven-
feld, i. e, coelesHs campvs, qnadam nocte obsideretur, erexit ibidem
crucem domini et commilitonibus suis indixit, ut suprema voce in haec
verba clamarent: „Flectamus genua omnes et Deum omnipotentem vivum
et verum in commune deprecemur, ut nos ab exerciiu super bo Britannici
regis et eiusdem nefandi ducis Peandae de/endat: seit enim ipse, quia
insta pro salute gentis nostrae bella snscepimus." Fecerunt ergo omnes,
ut iusserat: et sie incipiente diluculo in hostea progressi iuxta auae fedei
meritum victoria potiti sunt.
Auch hier stimmen die cursivgedruckten Worte genau
mit der Quelle, hier Beda III, 2, oder sind doch, wenn
auch in der Stellung etwas verändert, aus ihr entnommen.
Auch hier wieder, sobald wir annehmen, dafs Gott-
fried der Uebersetzer war, jene verzwickte Manier zu-
sammenzuflicken, die in Gottfried's Art und Kunst so gar
nifht passen will, auch hier gar keine Schwierigkeiten,
sobald wir den Brut Tysylio wie den Brut Gruffudd ap
Arthur für eine wälsche Bearbeitung des Gottfried halten.
Von weiteren Gründen will ich absehen, da ich den
entwickelten für durchschlagend halte; beiläufig sei nur
erwähnt, dafs auch ganze Kapitel im Brut fehlen, z. B.
das zweite des ersten Buchs, und dafs in diesem eben
dieselbe Anlehnung an die Quellen und Mischung mit den
Worten derselben sich zeigt, wie in den übrigen Theilen
des Werks, so dafs Gottfried's Weise eine ganz überein-
stimmende bleibt, sobald wir das ganze Werk von ihm
gleichmäfsig verfafst annehmen, nicht aber ihm die Arbeit
zuweisen, die in einer wälschen Vorlage aus gelehrten
QueUen entnommenen Stellen erst ängstlich und getreu-
lich mit dem Original verglichen und danach interpolirt
zu haben.
Wir sehen von neuem aus dem Resultate dieser Un-
tersuchung, wie bemüht die Walliser waren, alles was
Ueber das Verhältnifs des Brut y Tysylio za Gottfried. 263
auf den Kahm ihres Landes und dessen Helden Bezug
hatte auch ihrer Landessprache, die sie von jeher hoch
gehalten haben und noch gegenwärtig mit besonderer
Kunst üben, einzuverleiben. Von Gottfried's Werken
giebt es, wie wir jetzt sehen, zwei ganz verschiedene
Uebersetzungen, die längere, der Brut GrujBhdd ap Ar-
thur, und eine kürzere und freiere, der sogenannte Brut
y Tysylio, beide in vielen Handschriften erhalten und
vielleicht beide in mehrere Recensionen zerfallend; die
Untersuchung der wälschen Handschriften scheint leider
noch sehr im Argen zu liegen. Zugleich sehen wir, wie
man in den Werken in der Landessprache die Umstel-
lung ins Wälsche völlig durchführte, also z. B. auch die
latinisirten und anglonormannisirten Namen wieder rein
keltisirte, aus Wal wein wieder Gwalchmai, aus Iwein
wieder Owein machte u. s. w. Ich glaube, dafs uns dies
Resultat wohl noch nach einer andern Seite hin ein Fin-
gerzeig sein kann. Doch will ich hierauf nur andeutungs-
weise eingehen.
In derselben Handschrift, die, wie es scheint, die beste
Ueberlieferung des Brut y Tysylio erhalten hat, in dem
rothen Buche von Hergest, befinden sich bekanntlich auch
die meisten der sogenannten Mabinogion, von denen, wie
bekannt ist, drei mit allgemein verbreiteten Gedichten des
Chretien von Troyes, mit dem Iwein, Erec und Parzival,
mit den ersten beiden beinahe ganz genau, mit dem letz-*
tem in vielen wesentlichen Punkten und meist im Gange
der Erzählung übereinstimmen. Würden wir diese Ma-
binogion ohne Rücksicht auf ihre Abfassung in wälscher
Sprache ins Auge fassen, wir würden sicherlich nicht
anstehen, sie für spätere prosaische Wiedererzählungen
der franzosischen Epen zu erklären. Die Abweichungen
sind der Art, dafs sie sich leicht erklären theils aus un-
genauer Erinnerung, theils aus Nachlässigkeit in der Auf-
fassung, theils aus den verschiedenen Anschauungen und
Sitten des Wiedererzählenden und aus den verschiedenen
Culturverhältnissen des Kreises, für den er das Aufge-
nommene wieder vortrug. Eine treffende Vergleichung
gewährt die nordische Thidrekssaga, die nach deutschen
264 Zarncke, lieber das Vcrhaltnifs des Brut y Tysylio zu Gottfried.
Gedichten wiedererzählt ist, die an vielen Stellen diese
noch wörtlich erkennen läfst, und die dessen ungeachtet
von ihren Originalen weit mehr abweicht als die Mabi-
nogion von den franzosischen Epen. Was uns so geneigt
macht, an ihre wälsche Originalität zu glauben, ist nur
der Umstand, dafs die Epen der Artussage aus wälschen
und bretagnischen Quellen entstanden sind, und dafs die
Namen (und noch einiges andere) so rein wälsch erschei-
nen, während sie in den franzosischen Epen französirt
sind. Aber ein Blick auf die wälschen Bearbeitungen
des Gottfried zeigt uns, wie wir gesehen haben, voll ent-
sprechende Analogie.
Ich will es nicht für eine Unmöglichkeit erklären,
dafs die Mabinogion die Quelle des Chretien von Troyes
gewesen sein können. Aber für weit wahrscheinlicher
mufs ich es halten, dafs die grofsen Epen dieses Dich-
ters, die bis in den fernsten Norden zahlreiche Ueber-
setzungen fanden, auch ins Wälsche übertragen wurden.
Sollten die Walliser, die den Gottfried mehrmals über-
trugen, jene ihren Nationalhelden feiernden, durch ganz
Europa berühmten Epen nicht auch ihrer Landessprache
einzuverleiben gestrebt haben? Wie nahe sie sich mit
andern Werken, die eben solche Uebersetzungen sind,
berühren, beweist jene Handschrift, das rothe Buch von
Hergest, welches aufser ihnen nicht blofs den als Ueber-
setzung eben erwiesenen Brut y Tysylio, sondern auch
eine Erzählung von Karl dem Grofsen, ohne Zweifel eine
Uebersetzung, ferner eine Uebersetzung der sieben wei-
sen Meister und andere von aufsen importirte Stücke
enliiält.
Ganz abschliei'send kann eine Untersuchung über die
Mabinogion erst geführt werden, wenn wir den Conte
del Graal des Chretien vollständig gedruckt haben und
die Abweichungen der verschiedenen Becensionen unter-
sucht sind. Meine Hindeutung soll daher auch nicht mehr
als ein Fingerzeig sein.
Leipzig.
Fr. Zarncke.
Ferd. Wolf, Zur Gesch. d. port. NfttionalHteratur in d. neuesten Zeit. 265
Zur Geschichte der portugiesischen Natio-
nalliteratur in der neuesten Zeit.
Unter den" europäischen Nationalliteraturen der Jetzt-
zeit 'ist wohl die portugiesische eine der am wenigsten
auiserhalb des Heimathlandes, und namentlich in Deutsch-
land be]E:annt gewordenen. Kaum mehr als dem Namen
nach kennt man bei uns die Koryphäen der neuesten
Epoche: A. F. de Castilho, Almeida Garrett, A. Her-
culano, Jose da Silva Mendes Leal, Jose Freire de Serpa.
Und doch wirkt der Tcm ihnen gegebene Impuls zn ^ner
selbetäudigeren, volksthümlicheren Entwicklung bis auf
den heutigen Tag fort und bildet gewifs ein beachtens-
wQrthes Moment in Europas Literaturgeschichte über«
haupt; und doch sind unter den Schülern und Nach-
folgern dieser Manner so manche, die nicht mir eiipen
relativen Werth als Mitwirkende an jener Entwicklung
im Yaterlande haben, sondern auch aufserhalb desselben
um ihrer selbst willen gekannt zu werden verdienen.
Auch hat von dieser neuesten Epoche der portu-
giesischen Literatur bereits ein einheimischer Kritiker^
A P« Lopea de Mendon^a^ wenn nicht eine eigentliche
Geschichte, so doch werthvoUes Material dazu geliefert
'in seinen „Memorias de Utteratura contempo^anea^^ (Lisr
boa 1805, 8.). Wir müssen uns begnügen, darauf zu ver-
weisen luid wollen hier nur drei der neuesten und berf
deutcndsten Werke ausführlicher besprechen, die , UUA
vorliegen imd hinreichen dürften, um einige der in die*
ser Epoche eingeschlagenen Hauptrichtungen zu charak-
terisiren.
1.
Luiz AuGüSTO Palmeirim gilt für den volhthümlich-
8ten Lyriker der Gegenwart.
Schon zu Anfang dieses Jahrhunderts hatte Jose
Bocage und seine Schule, die sogenannten Elmanistea
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 3. IQ
Ferd. Wolf
oder ,,ültima Arcadia^^ einen yolksthümlicheren Ton an-
zuschlagen und die portugiesische Poesie von den Fesseln
des; Psmdo-Glassicisihusy die avf ihr mehr wie auf einer
anderen ro])[xanischen lastetei), frei zu machen gesucht.
Selbst Francisco Manoel do Nasciniento (Pilinto Elysio),
der sich noch furchtsamer an die hergebrachten Formen
anschmiegte, hatte wenigstens die !BigentbümlieUceit des
portugiesischen Sprachgenhis in ihrer früheren Reinheit
und echten Classiciti.t wieder herzustellen und vor den
eingedrungenen GalKcismen zu bewahren gesucht Aber
erst Almeida Garrett hat mit dem vollen Selbstbewufst-
sein del* Nationalität ihr Ausdruck gegeben und ist bahn«
brechend und epochemachend aufgetreten. Er ist aber
auch der erste, der die heimische Völkspoesie zu würdi-
gen und zu verwerthen, und durch diesen reinsten Quell
gekraftiget, auch der portugiesischen Kunstpoei^ie neues
Leben und eiihte Volksthümlichkeit wieder einzuhauchen
Wuftfe. Er hat nicht nu!* den «o lange vemacUäsisigten
Schatz der portugiesischen Volksromanzen zu heben, er
hat ihn in seinto eigenen Schöpfungen künstmäfsig aus-
zuprägen und wieder in Umlauf zu bringen verständen.
Allerdings hatte auch auf ihn schon der durch die fran-
zösischen Romantiker geweckte tmd entfesselte Oeist na-
tionaler Unabhängigkeit und volksthümlicher Selbständig-
keit bedeutenden Einflttft geübt, und trug bei seinen
Nachfolgern noch tnehr bei, auf der von ihm gebroche-
nen Bahn fortzuschreiten; ja die minder selbständigen
unter denselben Wurden von den Extravaganzen, zu de-
nen steh "die französischen Romantiker bald hinreifsen
lieftenf, verleitet, ihnen auch auf diesen Abwegen zu
folgen.
So ehtstanden fast gleichzeitig, zwischen den Jahren
1839 und 1842, Dichterschulen zu Lissabon und Goimbra^
die von diesem neuerwachten nationalen Leben zeugten.
So hatten Joäo de Lemos Seixas Castello Branco und Jose
Freire de Serpa (dessen Soläos oder elegische Romanzen
den volksmäfsigen Ton sehr gut getroffen haben) ^) in
^ NetisK Freira haben sich noch Goiito Monteiro und Pereira da
Cnnha.darch ihre Romanzen im Volkston ansgezeichnct.
Zur Gesch. der portug. NatioiiaUiterfttur in der neuesten Zeit ^^7
Coimbm einen poetisobeQ Kireis iim sieh gebildet und
gaben ihm im „Trovador*^ (Jornal poeti<;o de Coimbra^
da9 in den Jahren 1843 Und 1844 erschien) ein Organ,
da3 die Principien dieser neuen Schule sowohl praktisch
als theoretisch gegen die alten Vorurtheile verfooht. So
s^^hloi» ai^b damals den schon früher berühmt geworde*
nen A. F. de Castilho und Alexandre Herculano, in Im*
aabon Jose da Silva Mendes Leal junior an, um in glei-r
chem Geiste zu wirken und bald neben ihnen einen Platin
im ersten Bange einzunehmen (vorzüglich durch seine
dramatischen Dichtungen).
Unter diesen jüngsten Lyrikern Portugab ist, wie
gesagt, Palmeirimi der volkstbümlichste geworden' und
man hat ihn den „portu^esischen Berangcr^^ genannt*
Er wurde 2.u Lissabon den 9. August 1825 geboren.
Sein Vater, der Generallieut^^ant Luis Ignacio Zavier
Palmeirim, bestimmte, auch ihn zum Militärstande und
lieia ihn in dem königlicheiii Militär- CoUegium erziehen.
Er wurde aber, nadiidem er einige Jahre im Heere g^
dient hatte, in dem Ministerium der öffentlichan Arbeiten
ajägestellt und zum Mitglieds der Akademie der Wissen-
schaften zu Li^f^bon gewählt.
Er ^ab seine lyrisohen. Gedichte (Poesias) zuerst ge-
sammelt zu Lissabon im Jahre 1851 heraus, die zweite
Ausgabe erschien ebenda, im Jahr^ 185^. und die drii^,
unfi^ vorliegende, ebenda 1859 in einem. Oct^vbandew
Auisierdem hat, er einige Comodift«^ Novallenj^ politi-
sche und biographische Aufsätze ged^hriebon^ ^)
Dafs Palm^irim ein geborner Dichter ist, d&is ein
inner^er Drang ihu bestimmte, dem was er erlebt, gefühlt,
gedacht, p<;^etischen Ausdruck zu geben, davon zeugen
seine Gedichte überhaupt; sie habem jeniefl (Gepräge des
Spontanen, Wahren, Natürlichen, waa die echte Poesie
von der angelernten, erkünstelten, auf den ersten Blick
^) S. das Verzeichnift seiner Schriften und die biographischen No-
tizen über 'ihn in Innoeencio Francisco da Silva* s Diccionario bfbliögra- ^
pbico portngÄtz. Lisboa 1860. 8. T. V, pag. 228.
18*
268 **««*• Wolf
unterflcheidet. Aber als nationalen, als Volksdichter im
höheren Sinne charakterisiren ihn seine patriotischen und
▼olksmafsigen Lieder, Lieder in des Wortes eigentlicher
Bedeutung, för den Gesang gemacht^ und viele davon
schon vom Volksmunde gesungen. Denn sein Genius
trieb ihn, auszusprechen, was die Nation begeisterte, in
Freude oder Leid aufregte, Gemeingefuhl geworden war;
denn sein Sinn für das Yolksmäfsige, seine Liebe zum
Volke machten es ihm möglich, in dessen einfacher Weise
nachzusingen, was er ihm abgelauscht, so dafs es sich
nur selbst zu hören glaubte und willig sich aneignete,
was ihm so homogen war.
Er ist sich auch selbst dessen bewufst geworden,
indem er in dem Vorwort zur ersten Ausgabe seiner
„Poesias^^ von denselben mit wahrer Bescheidenheit sagt:
„Mich blendet nicht die Eitelkeit. Ich weifs, dafs mein
Buch beim Volke gute Aufnahme findet (que o meü livro
e acceito pelo povo); aber ich kenne auch die Ursachen,
die ihm diese unverdiente Gunst erworben haben. Ein-
gegeben (inspirado) und geschrieben fast immer unter
schwierigen und aufsergewohnlichen Umstanden, solche
welche schmerzliche Erinnerungen im Gemüthe des Vol-
kes zurücklassen, galten (valeram) diese Gesänge, so ge-
ringen oder keinen Werth sie auch sonst haben mögen,
dann wie ein Trost im Augenblicke des Schmerzes, oder
wurden beifallig aufgenommen (applaudidos) wie ein Auf-
schrei des Enthusiasmus, wann das Volk voll Hoffiiung
oder dessen Entmuthigung grofs war (quando era muita
a esperan^a, ou grande o desalento populär). ^^
Ebenso betont er in dem einleitenden Gedichte: „A
Poesia", dafs Dichten ihm angeborenes Bedürfiiifs sei (foi
minha sina), dafs er stets das Unwahre (mentira) gemie-
den, seine einfachen Lieder so naturwüchsig (sem cul-
tura) entstanden, wie „die Lilie am Meeresufer ^^; dafs er
aber bald nicht blofs die Geschlechtsliebe, sondern vor
allem die zum Vaterlande und zum portugiesischen Volke
zum Gegenstande derselben gewählt habe; das Vaterland
sei seine Geliebte geworden; dessen frühere Grofse, ge-
« Zur Gesch. der portag. NationalUteratar in der neuesten Zeit. 269
genwärtige Leiden und HojBfnungen auf bessere Zukunft,
was Um zum Singen begeistert. ^)
1) Wir können uns nicht versagen, den Dichter selbst dies aus-
sprechen zu lassen in den folgenden Strophen dieses schonen Gedichts :
Cantei, em trovas sentidas,
Como cantou Bernardtm,*
Todas as juras mentidas
Que me fizeram a mim!
Fui poeta dos amores;
Como 08 demais trovadores
Uns lindo» olhos cantei;
Como o Tasso despresado,
Ainda nSkO sei, coitadol
Como a vida me voltei!
Mas Toltei; tinha saudades
Da minha terra infeliz,
Esqueceram-me as maldades
D^esta nova Beatriz.
Tinha prisoes mais doiradas:
Eram as cren^as herdadas
Da minha terra natal-^
Eram os contos vi^sos,
N'outros tempos mais ditosos,
Contados de Portugal.
Nascera-me dentro d*alma
Um mais forte e puro amor,
Que a todos levaTa a palma,
Que tinha maior valor.
Eram cantos decorados,
Doe altos feitos marcados
Com o cunho portnguez;
Eram as Qainas erguidas,
Nas arestas denegridas
De Ceyläo, Ormuz e Fez!
Sou um poeta-soldado ,
Näo sei a missäo mentir;
N'este canto magnado,
Disse tudo sem flngir.
* Bernardim Ribeiro, der berühmte Minnesanger aus dem Ende des
15. Jahrhunderts.
270 Ferd. Wolf
In der vorliegenden dritten Ausgabe sind die Ge-
dichte in drei Bücher abgetheilt: „Livro I. Poesias lyri-
cas; — Livro II. Poesias populäres; — Livro III. Recor-
da^öes da Peninsola.^^
Allerdings gehören eigentlich alle Gedichte der lyri-
schen Gattung an, und die in dem ersten Buche zusam-
mengestellten unterscheiden sich von den übrigen nur
durch ihren rein lyrischen Ton, ihre kunstmäfsigeren For-
men und einen höheren odenartigen Schwung.
Die der portugiesischen Poesie eigenthümliche elegi-
sche Grundstimmung (saudades) spricht sich auch in die-
sen Gedichten aus; um so mehr als die patriotischen die
gefallene Grofse Portugals klagend feiern, ein Schmer-
zensschrei über die Wirren der Gegenwart und ein Sehn-
suchtsruf nach besserer Zukunft, nach dem Wiederauf-
erstehen der einstigen Macht und des früheren Ruhmes des
Vaterlandes sind. So feiert und beklagt er in dem Ge-
dichte: „D. Sebastiäo" das räthselhafte Verschwinden
dieses zur mythischen Person gewordenen Helden von
Alcacer Quebir, mit dem zugleich Portugals erobernde
Grofse unterging; und in dem: „O Sebastianista" sucht
er Trost und Hofinung auf das Wiedererstehen des alten
Glanzes in den Prophezeiungen von dem Wiedererschei-
nen dieses portugiesischen Artus. Mit welcher Wehmuth
feiert er in dem Gedichte: „Luiz de Camoes" das An-
denken an den Sänger, der durch die Leier Portugal
ebenso weltberühmt gemacht hat, wie die in seinen Lu-
siaden gepriesenen Conquistadores durch das Schwert.
Durch dieses Gedicht, das bald auf allen Theatern decla-
miert und von Angelo Prondoni in Musik gesetzt wurde,
hat Palmeirim seinen Ruf und seine Volksthümlichkeit be-
gründet; es wurde mit Enthusiasmus aufgenommen, denn
Poeta da lib^rdade,
Fiz d'esta nova deidade
A dama do meu pensar;
Pro8trei<me aos p^s da donzella,
Heide com ella^ e por elia,
A minha terra cantar. ,
Zur Gesch. der portug. NatiojiaUiterfttiir in der neuesten Zeit. 271
er liat auck darin j^ener GrutidstiinJMing 4c3 Nlttioiial-
gefuhls, jener elegischen Erinnerung . vuid nvtehmutUg*
stolzen Feier einstiger Grofse ebenso innigen als poeti-
schen Ausdruck gegeben. ^) Diese Erinnerung, diese
Wehmuth wird in dem ^, Portugal" überschriebeuen Ge-
dichte durch den Hinblick auf die traurige Gegenwart
und die schwache Hoffiiung einer besseren Zukunft fast
zur bittern Ironie, indem darin um Almosen für das
Vaterland gebettelt wird, damit esi aus seiner Versunken-
heit, aus seinem Grabesschlafe sich aufraff«^ und wieder,
^) Wie schön spricht sich diese Stimmung in dea nachstehenden
Strophen aus, wenn er von Camoes sagt:
A Sorte fel-o poeta
Das cinzas da pobre Ignez:
mundo fel-o propheta
Do destino portuguez!
Poeta da desventura,
Previu a sorte fntura;
Escreveu com mäo segura
A prophecia que fez!
Dens, que deu aos portoguezes
D'alem-mar as regio^s;
Que nos livron dos rerveases,
Deu-nos o rei das ean^oes.
Fomos o pOTO escolhido,
O nos so tiome temido,(
Hoje ... so e conhecido
Pelos cantos de Camoes!
Que Poeta! e que soldado!
Que trovador täo leal!
De todos atbandonado
So achou . . . um hospital !
Mas a fama portugueza,
N'este sec'lo de torpeza,
So tem por toda a grandeiui
A Camoes por pedestal!
272 ^^^ Wolf
seiner Vergangenheit würdige den Völkern der Zukunft
sich anreihen könne. ^)
') Dieses Gedicht ist für den Verfasser und dessen Vaterland zu
bezeichnend, als dafs wir es nicht ganz hersetzen sollten:
Portugal.
Houve nm reino que ao mimdo absorto,
Den outr'ora costumes e leis.
Esse reino, coitado, esta morto; ' '
Mais com Yida tidTcz nlo fereis.
Era grande — podVoso — gtgante, |
Hoje pobre mendiga a pedir.
Dae-lhe a esmola de um bra^o possante,
Talvez possa da campa surgirl
Esse reino, que as ondas domava,
Que entre todos se erguia senhor;
Esse reino, que altivo encarava
Das procellas do mar o fragor;
Jaz por terra, gigante abatido,
De seus filhos a sorte a carpir; |
Dae-lhe a esmola de um peito sentido, j
Talvez possa da campa surgir!
Esse reino, que em praias distantes
O estandarte da Cruz arvorou;
Que depois, n'essas luctas gigantes,
Nunca o rosto nas luctas voltou;
Eil-o pobre, täo pobre, que o mundo
Nem se lembra do seu existir.
Dae-lhe esmola de um brado profundo, ;
Talvez possa da eampa surgir! |
Esse reino, que teve subidos,
Täo lustrosos eternos padroes;
Qu*inda falla nos cantos sentidos |
Do seu vate — do grande Camoes. '
Hoje fraco, sem vida, sem brilho,
Nem se lembra sequer do porvir.
Dae-lhe a esmola que deve um bom filho,
Talvez possa da campa surgir!
Aqui foi capitolio das artes,
Das conquistas a sede tambem:
Este reino dos mil estandartes,
Hoje pobre näo lembra a ningnem.
Zur Gesch. der portog. NfttionaUiterstnr in der neaesten Zeit. 273
Aber trotz dieser bitteren Vergleiche der ärmlichen
Gegenwart mit der gro&en Vergangenheit, nimmt der
Dichter den lebendigsten Antheil an den Bewegungen
und Eämpfen des Tages; er ist fortgerissen und begei-
stert von dem Schicksal und Streben seiner Parteigenos-
sen, der Progressisten, und ist in mehreren seiner Ge-
dichte mit grofser Energie als ihr poetisches Organ auf-
getreten. Am berühmtesten unter diesen ist das Gedicht:
,,0s Desterrados^^ geworden. In Folge einer Militar-
revolte im Interesse der Volkspartei zu Porto im Jahre
1847 wurden nämlich 40 von den Theilnehmern nach
Afirika verbannt. Dies Urtheil erregte unter ihren Ge^
Sinnungsgenossen eine bis zur Bachsucht sich steigernde
Kern nm bra^ dos sens ja Ih^ yalel
ik profondo o seu largo dormir;
Dae-lhe a esmola que ao poTo 86 cabe,
Talvez possa da campa surgirl
liinha patria, qaem sabe se ainda
A ser grande oatra vez voltaras!
A memoria de um povo näo finda,
Os teas filhos ainda acharas.
Alva estrella, que ao longe desponta,
Hade em terras da patria lazir.
Dae-llie a esmola qae a lave da affironta,
Talvez possa da campa surgir!
Talvez possa da loisa quebrada,
Despertando, bradar — aqui estou!
Ao convite dos povos chamada,
Oh! mal haja a na9äo que faltou!
Hasteada, tremüla a bandeira
Que hade os povos do mundo remir.
Dae-lhe a esmola de entrar na fileira,
TaWez possa da campa surgir!
£^prasados os poYos da terra,
Ao convite nenhum faltara;
Yoltaremos c'roados da guerra,
Que bem perto de nos soara.
Oh! despcrta, na^&o abatida!
Vem o brado dos povos ouvir.
Dae-lhe a esmola de um sopro de vida
Talvez possa da campa surgir!
1
274 F«d. Wolf-
Indignation und T^aalafste folgende von tmtm Augen-
zeugen, Lopes de Mendon^a^ geecfaild^rte Scene: ^,Da9
Theater von S. Jo&o war gedrängt voll Volkes; maa
horte nnr das ängstliche Aufkthtnen der Menge und das
wie in dumpfem Gemurre losbrechende Bachegef&U, wo-
von selbst die am wenigsten Exaltierten erfüllt wahren.
Plötzlich erhebt sich über den Köpfen der Menge ein
blasses Antlitz, mit in Unordnung gekommenen Haaren,
mit vor nervöser Aufregung zuckenden Lippen, mit Zorn
und Begeisterung sprühenden Blicken, und st)richt in ei-
nem Gedichte klar und umfassend aus, was in vagen Gre-
danketi all diesen von Schmerz und Rachsucht betattbtfeli
Menschen vorgeschwebt." Der poetische Dolmetseher die-
ser Volksstimmung war Palmeirim, und das Product sei-
ner damaligen Begeisterung ist das erwähnte Gedicht.
Sehen wir in dessen Genesis nicht di^ der echten Volks-
'poesie überhaupt? — Auch kam dieses Gedicht in der
That bald in den Volksmund und wurde von den Blinden
gesungen. Er beklagt darin das harte und seiner Partei-
ansicht nach unverdiente Loos der Verbannten und des Lan-
des, in dem solch ein Urtheil statthaben konnte, und macht
in sehr energischen Worten der Königin (Maria da Gloria)
Vorwürfe über ihre Verblendung und Ungerechtigkeit. ^)
1) Es wird genügen, bei der doch mehr ephemeren Bedeutung
dieses Liedes die ersten vier Strophen davon herzusetzen:
De teus irmäos d'armas 6 povo lamenta
De8gra9a da Sorte, castigo immoral.
Dos olhos o pranto furtivo rebenta,
Ao ver tfio abaixo descer Portugal!
Mal hajam os tygres, de saugue sedentos,
Que algemam o povo com rijos grilhoes:
Mal hajam fero^es algozes cruentos
Que intentam, com ferro, comprar cora9Öes.
Seu crime e ser livres! e säo destenrados!«
Deixando äs esposas, ttäo chortim por si;
Säo esses os mesmos valentes soldados,
Que em lucta renhida luctaram por ti.
E tu os desterras! rainha, que fazes?
Pretendes d'amigo, d^esposa e d'irmäo,
Firmar-lhes as cren^f^s, pro por-lhes as pazcs,
Tirando-lhe a vida, negando-lhe o päo?
Znr Gesch. der portng. Natioonlliteratur in der neuesten Zeit. 275.
•So dicbtete er im Jahre 1846 während der Militär*
reTolte genannt von Maria da Fönte ein Soldatenlied:
„Medita^äo^^, nämlich Betraehtong des in den Kampf zie-
henden, Ton den Seinen Abschied nehmenden Soldaten,
welches ebenfalls bald so volksthümlich, nnd besonders
beim Heere unter dem Titel: „Amores do soldado^^, so
beliebt wurde, da& man es zu Volksweisen (toadas popu-
läres) sang.
Einen edleren Kampf, den gegen fremde Usurpation,
besingen die [zwei Lieder: „O Guerrilheiro ", die nicht
minder vom Volksmunde nachgesungen wurden.
Wenn diese und manche andere Lieder des ersten
Buches*) volksthümlich geworden sind, so hat sie Pal-
meirim doch für das Volk im höheren Sinne, für das
politische^ die Nation gedichtet. Die des zweiten Buches
aber, die eigentlich volkamä/sigen^ poesias populäres, hat
er absichtlich im Geiste und in der Weise des Volkes
gedichtet, das man gewohnlich im Gegensatze zu den
Hohergebildeten, mit der Kunstpoesie Vertrauten also
nennt. Diese Lieder haben für uns ein um so grofseres
Interesse, als sich in ihnen die nationelle Eigenthümlich-
keit objectiver ausspricht, als sie, wie gesagt, die ein-
fache Naivetät des Volksliedes treffend nachgeahmt, ja
mehrere echte Volkslieder zu Grunde gelegt haben.
Zu diesen letzteren gehört das Lied: „Os desejos do
infante", dessen erste Quadra einem Wiegengesange aus
der an Volksliedern besonders reichen Provinz Alemtejo
wörtlich entnommen ist; wie einfach, und doch wie tief
ist das Liedchen, das die dem Menschen angebome Sehn-
sucht nach der Zukunft, seine stete Unzufriedenheit mit
der Gegenwart, die dem Meere gleiche Unerschopflich-
keit seines Wünschens, die mit jedem Monde neu er-
1) Wir übergehen die erotischen Lieder, Reflexionspoesien u. s. w.,
da sie, wenn auch darin ein angeborenes Dichtertalent sich ausspricht,
doch minder bedeutend und charakteristisch sind; ja einige lasi^en so-
gar in Rücksicht auf Formyollendnng so manches zu wünschen übrig,
um den strengeren Anforderungen zu genügen, die man an diese Gat-
tung zu stellen berechtiget ist, wenn mui sie über das gewöhnliche
Mafs erheben soll.
276 F«rd. Wolf
wachende Sehnsuchtsklage mit der Naivetat eines Kindes
ausdruckt!^)
Ebenso ist das äufserst anmutfaige Liebeslied: ,9An-
ninhas^S einer Volksweise von Riba-Tejo nachgeahmt,
dessen Reiz durch die Beibehaltung des volksmäisigen,
^ Wir glauben den Dank der Freunde volksmäTsiger Poesie zu
verdienen, wenn wir es ganz hierher setzen:
Deizae-me crescer
Da Ina ao luar,
Que sou pequenino
£ näo posso andar.
Se morro täo cedo
Näo posso chegar,
A ser homemzinho
A ir commungar.
Näo verei de perto
As aguas do mar,
Nem tantos peixinhos
Nas ondas boiar.
E a mäe o levava
Ao coUo a mostrar,
De perto, mui perto,
As aguas do mar.
Desejos n&o pode
Do filho matar;
Quizera ser homem
Crescer sem parar!
Deizae-me crescer
Da lua ao laar;
Que sou pequenino
Mal posso fallar.
Cresceu e cresceu,
Sem nunca parar;
Chegou a ser homem
D*acceso pensar.
Mas sempre nas qneixas
Do lindo troyar,
Sandades suspira
Da noite ao luar.
Zur Gesch. der portag. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 277
in der portugiesischen fi^unstpoesie aber über Gebühr
yemachläfsigten Refrains noch erhöht wird. ^)
1) Auch dieses, gewifs Viele ansprechende Liedchen wollen wir
ganz hersetzen:
Anninhas.
Toada populär do Riba-Tejo.
Anninhas, Anninhas,
Toma bem cautela;
Tna m&e n&o brinca
Tenho medo d'ella.
Tenho medo d*eUa,
Mais sim, ou mais ai,
Toma bem cautela,.
Ö meu zigue-zai.
Anninhas, Anninhas,
Isto assim nfto dura; '
Anda fazer queiza
Ao teu padre cura.
Ao teu padre cura,
Mais sim, ou mais ai,
Anda fazer queixa,
Ö meu zi^e-zai.
Ö meu zigue-zigue,
Fujamos da aldea,
Ha sezoes na terra,
Podes ficar feia.
Podes ficar feia,
Mais sim, ou mais ai;
Fujamos da aldea,
Ö meu zigue-zai.
So fnjo comtigo
Depois de casada;
Na terra em que vivo
Sou bem reputada.
Sou bem reputada,
Mais sim, ou mais ai:
Fug^rei casada,
O meu zigue-zai.
Ficavas mais livre
Fugindo solteira:
Contavas da festa
Näo sendo festeira.
KSo sendo festeira,
Mais sim, on mais ai;
Gosavas solteira,
6 mea zigue-zai.
n
278, ^'«rd- Wolf
Von den übrigen, worunter mehrere baUadenart^
sind, wie „A Bomaria^S „Ga^ada Real^S „O TroTador'^
(ein soläu), auch mit Benutzung des Volksaberglaubens
an Wehrwolfe (lubishomem) , schwarze Trauben (uvas
pretas), wie in: „A minha ama^^, und an den Einflufs
der Feen, wie: „As Padas", und „As tres encantadas",
ist am beliebtesten geworden das Lied der Marketende-
rin: „A vivandeira", das von Miro in Musik gesetzt
wurde, wozu es auch durch seine Frische, seinen leben-
digen Rhythmus und die gluckliche Anwendung des Re-
frains ganz geeignet war.
Das dritte Buch: „Recordapöes da Peninsula", ist
den Erinnerungen an den Unabhängigkeitskrieg gegen
Napoleon geweiht. Die in den Mund von Soldaten ge-
legten Erzählungen: „Gomes Freire^', „O Veterano" und
„O Granadeiro", suchen allerdings den solchen entspre-
chenden treuherzig-einfachen Ton anzuschlagen und sind
so beliebt geworden, daJGs sie auf den öffentlichen und
Quem da taes conselhos
Näo ama deveras;
So forja mentiras,
So sonha chimeras.
So sonha chimeras,
Mais sim, ou mais ai:
Näo ama deveras,
meu zigue-zai.
Anninhas, Anninbas,
Quem ama näo foge:
Da>me ca um beijo,
Casemos ja hoje.
Casemos ja hoje,
Mais sim» ou mais ai;
Quem ama näo foge,
meu zigue-zal.
Anninhas, Anninhas,
Toma bem cautela;
Tua mäe näo brioca,
Näo no saiba ella.
Näo no saiba ella
Mais sim, ou jpa&is ai:
Toma bem cautela,
meu zigue-zai.
Zur Gesch. der portug. Natiooalliteratar in der neuesten Zeit. 279
PrilriiitbfiliaeiQ Portugals häufig daelamirt wurden; aber
m sind viel zu breit uxmI seBtunßntal g^alten ujod ateben
bei iveitem den denselben Gegenstand behandelnden JKo-
manz^n des Spaniers Antonio de Trueba nach.
Palmeirim's Stärke ist im eigentlich sangbaren natio-
nalem und volkamaXsigen Liede, in nvelcher Crattung er
nii^ht^ nur in di^r y4t€>rläa^disohen , sondern in der Literar
tur ubethaupt.eine ansgezeichnetfe Stelle verdient»
IL
BekwnÜieh haben die Poürtugiesen stets eine gro&e
Vorliebe fui*^ das Kunstepos gehabt; aber wie sehr auch
bei ihnen diese Form sich überlebt, bis zur Selbstironie
herabgekommen war, sieht man an Jos6 Agostinho de
Macedo's Epopöe: „O Oriente", wodurch er, ein sonst
begabter Dichter, im Ernste die Lusiaden zu verdrängen
glauben konnte; aber recht eigentlich nur eine Parodie
derselben und der ganzen Gattung schrieb. Auch im
Epischen hat Almeida Garrett zuerst den rechten Weg
eingeschlagen, um es zeitgemäfs zu erneuern, theils in
romanzenartigen Gedichten, wie in der „Adozinda", theils
in poetischen Erzählungen, Novellen in Versen und iu
mehr lyrisch-dramatischer Form, wie in der „D* Branca".
Zu dieser letzteren Art gehört auch das jüngst er-
schienene, uns vorliegende Gedicht: „D. Jayme ou a
Domina^äo de Castella. Poema por Thomaz Ribeiro.
Com uma conversa^äo preambular pelo senhor A. F. de
Castilho." (Lisboa 1862, 8.).
Antonio Feliciano de Castilho, die gröiste Autorität
unter den lebenden Dichtern Portugals, hat dieses Ge-
dicht mit fast überschwenglichem Lobe eingeführt; er
findet es würdig, der Gegenwart die Lusiaden zu er-
setzen^ ja statt deren der Jugend in die Hand gegeben
zu < werden; die Nachwelt werde es mit dem Namen:
„epopeia nacional^^ beehren und es reiche hin, dem Dich-
ter die Unsterblichkeit zu sichern. *)
^) Castilho's „conversa^äo preambular" ist in der That für jeden
Empfänglichen eine reizende Conversation mit einem geistreichen lie-
benswürdigen Dichter, der, wie es nur ein solcher kann, gegen die
n
280 ^^^' w®*^
Auch hat das Gedicht bald nach seiner Erscheinung
in Portugal und Brasilien grofse Sensation erregt und ist
nicht nur von dem Publikum, sondern auch Ton den
Kritikern mit aufsergewohnlichem Beifall au%enommen
worden.
Eine solche Erscheinung verdient jedenfalls, auch
aufserhalb des Vaterlandes und Sprachgebietes, dem sie
angehört, beachtet und näher betrachtet zu werden.
Doch bevor wir uns mit dem Gedichte beschäftigen,
wird es zweckmäfsig und för die Genesis desselben nicht
unwichtig sein, die von Castilho gegebenen biographi-
schen Notizen über dessen Verfasser hier mitzutheilen.
jetzt tonangebenden Realisten und Mi^terialisten die Würde, den abso-
luten Werth und die Zukunft der Poesie yertheidigt, ein Panegjrikus
selbst voll Poesie, bald durch sein anmuthiges Sichgebenlassen bezau-
bernd, bald durch den Schwung nicht affectierter Begeisterung hin-
r^send. Als schlagendes Argument für seine Widerlegung der Be-
hauptung Peiletan*s (und wir haben leider in Deutschland auch solcher
Pelletan genug I — ): dafs die Poesie in gebundener Rede für unsere
Zeit wenig mehr tauge, für seine Ueberzeugung, dafs diese auch jetzt
wirksam sei, eine Zukunft habe, führt er eben das Torliegende Gredicht
an und wird dessen begeisterter Lobredner. So sagt er, indem er auf
dasselbe näher zu sprechen kommt: „£ra agora o lauQo proprio de en
dar conta do poema, verdadeiro alvo a que vinha desde o principio
ordenada esta Conversa^äo; mas boas razoes me aconselham de
subito que o näo fa^a. Para indicar, mas que fosse de corrida, as
excellencias de que este livrp se compoe massi^mente, era mister
commetter mais de um flagicio. Fora logo o primeiro: desfigurar em
prosa deslavada o que saira em tela viva de poema, täo animado de
cores, como perfeito no desenho, original e arrojado na inven^äo,
harmonico e perfeite no complexo; e era destrnir ao mesmo tempo a
impressfto da noTidade, a maravilha do inesperado, que eu experimen-
tei ser um dos mais certos encantos d'esta esplendida epopeia nacional.
„ Quando epopeia nacional Ihe chamo , mais näo fa^o que ante-
cipar-lhe o nome com que a ha de saudar a posteridade.«
Nichts destoweniger giebt er dann eine ausführliche Würdigung
desselben in Hinsiebt auf Erfindung, Charakterzeichnung, Form, Yer-
sification, Sprache u. s. w., worauf wir noch zurückkonunen werden.
Sollte man sein überschwengliches Lob auch herabstimmen müssen,
seine Ansichten nicht immer theilen können, so ist doch sein Urtheil
von grofsem Gewicht, und jedenfalls zeigt seine neidlose Anerkennung
und enthusiastische Einführung eines jüngeren Kunstgenossen von sei-
nem edlen Herzen und der reinen Begeisterung für seine Kunst.
Zur Gesch. der portag. National literstur in der neuesten Zeit. 281
Thomaz Antonio Ribeiko Fkrreiba wurde dea
1. Juli 1831 zu Parada de Gonta^ einem Dorfe am Ufer
des Pavia in der Nähe von Vizeu, geboren, wo seine
Aeltern und Vorältern angesessene Landeigenthümer wa-
ren und in hohem Ansehen standen. Die Fluren des
Pavia liegen zwischen dem anmuthigen Thale von Bestei-
ros am Fufse des Caramulo und der majestätischen Serra
de Estrella, eine der reizendsten Gegenden Portugals, die
auch historisch berühmt geworden ist durch den dort ge-
borenen Viriatus. So begünstigten Naturschönheit und
Erinnerung an vaterländische Grofsthaten als mächtige
Jugendeindrücke die Entwjickelung seiner dichterischen
Anlagen. Gefordert wurde dieselbe durch die sorgfö.ltige
Erziehung, welche er und sein Bruder Henrique Bibeiro
Ferreira Coelho, jetzt Abt von Santa Maria de Silgueiros
und ebenfalls als Dichter bekannt geworden, erhielten.
Thomaz erhielt die wissenschaftliche Vorbildung auf dem
Gymnasium von Vizeu und bezog dann die Universität
von Coimbra, um sich den Rechtsstudien zu widmen.
Schon dort gab er Proben seines Dichtertalentes und
machte sich bei den poetischen Uebungen und Productio-
nen bemerkbar, welche die Zöglinge dieser Hochschule
abzuhalten pflegen. Virgil war sein Lieblingsdichter ge-
worden; unter den vaterländischen natürlich Camöes. Mit
der spanischen Sprache und Poesie war er durch die Vor-
stellungen bekannt gemacht worden, welche eine Truppe
spanischer Comedianten zu Vizeu gab, und mit einem
derselben, der selbst Dichter war, D. Jose Maria Leon,
trat er in engere Verbindung. Dadurch machte er, wie
Castilho sagt, „sich mit dem entzückenden, üppigen und
reichen Idiom unserer feinsinnigen Nachbarn vertraut; kein
kleiner Vortheil für den, der ihn wohl zu schätzen weifs."')
1) „Por all, o namorado, vi^oso e o{)ulento idioma dos nossos
argntos visinhoe se Ihe veiu a tornar familiär; vantagem näo pequena
para quem bem sabe aprecial-a.'< Die folgende Bemerkung, die Castilho
bei dieser Gelegenheit über das Yerhältnifs des Spanischen zum Portu-
giesischen macht, verdient beachtet zu werden: „Na leitura do castelha-
no, se hoje em dia a frequentassemos , como cumpria, bem facil e
bem agradavelmente poderamos nos retemperar ainda boje o bom fal*
lar vernaculo, qne assim se nos vai desbaratando.*'
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 3. IG
1
282 ^^^* w**^^
Uiiter den spanischen Dichtem zog ihn vorzüglich Zorrilla
an. Eine Frucht dieses spanischen Einflusses war das
Drama: „A mäe do engeitado" (die Mutter des Ausge-
stofsenen), das in spanischer Uebersetzung und mit Musik
von D. Ramon do Prado ausgestattet gegeben und bei-
fällig aufgenommen wurde.
Mit den besten Zeugnissen über die absolvierten
Rechtsstudien versehen, verliefs er im J. 1855 Coimbra,
um in seine Heimath und zu seiner Familie zurückzu-
kehren.
Thomaz Ribeiro wurde gemeinderäthlicher Admini-
strator (administrador de concelho), Advocat, ui\4 ist nun
zum Deputierten gewählt worden; dabei blieb er aber
immer der Dichtkunst getreu.
Durch das vorliegende Gedicht, womit er zuerst vor
die Oeffentlichkeit getreten ist, hat er seinen Beruf be-
währt, seinen Ruf begründet.
Es wird gut sein, wenn wir vor allen ihn selbst über
die Genesis und den Zweck desselben sich aussprechen
lassen, wie er sich darüber gelegentlich in den Anmer-
kungen dazu mit wahrer Bescheidenheit äufsert.
So sagt er gleich in der ersten Anmerkung: „Dieses
Gedicht entstand in dem kleinen Dorfe Parada de Gonta,
Pfarre von S. Miguel do Oiteiro, Gemeinde von Tondella,
District von Vizeu, Das will sagen, dafs es völlig pro-
vinciell ist, ein Beiraner nach allen Seiten und ein Dorf-
ling vom reinsten Wasser (provinciano chapado, beiräo
dos quatro costados e aldeäo sem mistura). Indem es
sich nun der grofsen literarischen Welt vorstellt, hat es
sich beflissen, mit all der Sauberkeit (aceio) zu erschei-
nen, die ihm seine Kräfte zuliefsen und seine Erziehung
anrieth. Es will aber seinen Ursprung durchaus nicht
verbergen. Es hält ihn in Ehren und fühlt sich dadurch
geehrt; ja es setzt gewissermafsen einen Ruhm darein,
auch nicht einen Moment den mindesten Zweifel über seine
Herkunft zu lassen. Sein Jiochster Wunsch ist, treu zu
erzählen, was sein Geburtsland betrifft und dessen Weise
(o seu maior desejo e contar sinceramente as coisas da
sua terra, e ä moda da sua terra). Es entstand weit ent-
Zur Gesch. der portug. Nationalliteratur in Jer neuesten Zeit. 283
femt von den Häfen des Meeres j wie sollte es daher eine
andere Welt kennen und lieben als sein Portugal, dies
vor allen und fast mit Ausschlufs alles Uebrigcn."
Femer in einer Anmerkung zum ersten Gesänge:
„Flores d'aldeia" (Dorf blumen) , sagt er, dafs er sich
bestrebt habe, altportugiesische Sitten und Charaktere
mit möglichster Treue zu schildern, indem er hinzufügt:
„Winzig (poucochinhos) sind allerdings die Bilder, die ich
gezeichnet habe; aber ich rühme mich, dafs sie alle wahr
und gewissenhaft sind. Ja ich glaube selbst den Dichter
den Anschauungen (intuitos) des Historikers geopfert zu
haben; aber ich bereue es nicht. Ich kenne nichts Poeti-
scheres als die Natur, nichts Anziehenderes als die Wahr-
heit, im Gesänge wie im Gemälde, mit der Leier wie mit
dem Pinsel." Ebenso versichert er ausdrücklich, dafs
alle Oertlichkeiten, grofsentheils aus der Umgegend sei-
nes Geburtsortes , ja selbst bis auf einzelne Häuser, topo-
graphisch und historisch treu geschildert sind.
Endlich sagt er in der Schlufsanmerkung: „Wifst
Ihr, warum ich dieses Gedicht geschrieben habe? Um
auf die Annexionagelüste (äs aspira^ues annexionistas)
Spaniens zu antworten^ ein Echo zu sein jenes erschüt-
ternden (iNeinfi^ was selbst Napoleon I. erzittern machte,
als er einen portugiesischen Edelmann frug, ob wir uns
mit Spanien vereinen wollten."
Der Dichter hat nämlich die Zeit unmittelbar vor
der Abschüttelung des spanischen Joches im Jahre 1640
und den damaligen Zustand Portugals zum historischen
Hintergrunde seines Gedichtes gewählt. Die eigentliche
Fabel desselben ist hingegen ganz von seiner Erfindung.
D. Martinho de Aguilar lebt seit der Besiegung des
Kronprätendenten Antonio, Priors von Crato, durch die
Spanier, in dessen Heere er gedient hatte, zurückgezogen
auf seinem Edelhofe bei dem Dorfe Parada de Gonta,
blofs der Erziehung seiner beiden Söhne Jayme und Ger-
mano sich widmend, die seine früh verstorbene Gattin
ihm hinterlassen. Auch hatte er Anninhas, die Tochter
eines Kriegsgefährten, der ihm das Leben gerettet, nach
dessen Tode an Kindesstatt angenommen. Als der Anninhas
19*
n
284 Fer<J- Wolf
Vater eben von der KrAnkheit befallen wurde, der er
erliegen sollte , hatte Martinbo seinen älteren Sobn Jayme
nach Vizeu gesandt, um einen Arzt zu holen. In dessen
Hause lernte dieser eine adelige Familie aus Castilien
kennen, den D. Cesar de Aragon, dessen beide Sohne,
D. Diego und D. Juan, und dessen Tochter Estella; sie
waren Verwandte des damals allmächtigen Grafen-Herzog
von Olivarez, und daher vom spanischen Hofe begün-
stigt. Der Vater und die Sohne waren hochmüthige Pol-
trone; die Tochter hingegen ebenso liebenswürdig als
schon. Durch die Anmafsungen der ersteren, die sich
selbst erlaubten, seinen Vater der Feigheit zu zeihen,
wurde Jayme,' ein stolzer muthiger Jüngling, so weit
getrieben, dafs er die Sohne D. Cösar's forderte, wäh-
rend ihn die Reize und die Sanftmuth der Tochter so
bezaubert hatten, dafs er in heftiger Liebe zu ihr ent-
brannte, die bald Erwiederung fand. Jayme hatte sich
zur bestimmten Stunde bei der Hohle des Viriatus (Cava
de Viriato) eingefunden, wo der Zweikampf stattfinden
sollte; aber statt seiner Gegner kslm ein Page mit einem
Schreiben, worin sie ihr Wegbleiben dadurch zu beschö-
nigen suchten, dafs sie in Erfahrung gebracht, er habe
Meuchelmörder gedungen, sie zu überfallen, und worin
sie init Hohn jede Herausforderung von seiner Seite ab-.
weisen. Er überzeugt den Pagen von der Unwahrheit
der Beschuldigung und eilt rachedürstend nach der Be-
hausung der Spanier. Dort findet er Estella allein; sie
überlassen sich den Wonnen der Liebe und setzen heim-
lich ihre Verbindung fort, deren Folgen Estella dem Ge-
liebten nicht verbirgt. Jayme wirbt auf den Kath seines
Vaters, dem er alles mitgetheilt, um Estella's Hand ; wird
aber von D. Cesar und dessen Söhnen stolz abgewiesen.
Estella selbst beschwört ihn nun, sie ihrem Schicksal zu
überlassen und sich durch die Flucht der Rache der Ihren
zu entziehen. Sie haben ihn als Hochverräther bei der
spanischen Regierung angegeben, vor deren Verfolgung
Jayme sich allerdings verbergen mufs; doch hält er sich,
den Seinen und selbst Estella unbewufst, in der Nähe auf.
Estella ist unterdefs Mutter geworden und hat mit ihrem
Zur Gesch. der portag. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 285
Kinde sich in die Waldhutte eines Einsiedlers (quinta
do bosque) zurückgezogen. Ihre Bruder aber hatten das
Gerücht verbreitet, sie sei nach Spanien zurückgekehrt
und habe sich dort vermählt. Dieses Gerücht hatte auch
Jayme vernommen; aber sein Herz strafte es Lügen. Er
erkundet auch wirklich Estella^s Aufenthalt, eilt zu der
Hütte und wie er in dieselbe eindringt, stofst er auf die
Brüder; er greift sie an, gleitet aus, da der Boden von
Blut durchnä&t ist, stürzt und fallt auf eine Leiche; —
es ist die Estella'sl — Die Brüder hatten sie gemordet
und ihr das Kind geraubt. — Da giebt sich Jayme, die
Leiche der Geliebten umklammernd, den Dolchen ihrer
Brüder preis; der Tod ist ihm willkommen. — Bald dar-
auf sah man die Hütte in Flammen aufgehen, die das
Verbrechen mit ihrer Asche verdecken sollten. Doch ge-
lang es dem Einsiedler, die Leiche Estella's zu retten,
welche er in der Nähe begrub. Auch war Anninhas her-
beigeeilt, hatte den für todt liegen gelassenen Jayme ins
Leben zurückgerufen und seine Wunden verbunden; denn
jener Page hatte aus Freundschaft für Jayme, dem er
auf dem Wege zur Hütte begegnet war, die Seinen von
der Gefahr unterrichtet, die ihm dort drohte.
Jayme muJfete nach seiner Wiederherstellung sich
abermals flüchten und im Verborgenen aufhalten; die
Noth zwang ihn, Bandit zu werden. Auch D. Martinho
und Anninhas wufsten nicht, wo er sich umhertrieb; und
doch wurden Martinho's Güter confisciert, er von Haus
und Hof vertrieben und endlich gezwimgen, in Mem
Rodrigo's, ebenfalls eines alten Waffengefährten, arm-
licher Hütte, die dieser von Anninhas^ Vater geerbt hatte,
eine Zuflucht zu suchen und von dem Almosen zu leben,
was dieser für ihn erbettelte; weil er nicht angeben
konnte, auch wenn er es gewollt hätte, wo Jayme sich
aufhielt, dessen Auslieferung die spanische Regierung
von ihm gefordert hatte. Martinho wurde darüber wahn-
sinnig. An einem Jännerabend wird die Thüre von Mar-
tinho^s Wohnung au%erissen und ein Beutel mit Silber
hineingeworfen; er kam von Jayme's Hand und es war
am Jahrestage von Estella's Ermordung; er hatte ihr
1
286 Ferd. Wolf
Grrab besucht, dem Andenken an ihren Tod und an den
Verlust seines Kindes ihn weihend, nach welchem er ver-
geblich die Umgegend durchforscht hatte. Diesen Besuch
wiederholt er jedes Jahr an diesem Tage. So hatte sich
zum zwölften mal dieser traurige Jahrestag erneut, als
an diesem Anninhas zur Quelle am Feigenbaum (fönte
da figueira) geht, die Wasserkriige zu fiillen; auf dem
Ruckwege begegnet sie einem Kriegsmanne, der sie bit-
tet, ihm zu trinken zu geben; es ist Germano, dessen
sie eben, wie so oft, mit liebender Sehnsucht gedacht. —
Germano war nämlich, wie so viele portugiesische Edel-
leute, gezwungen worden, im Heere des Königs von
Spanien zu dienen, das dieser aufgeboten, um die rebel-
lierenden Catalonier zu bändigen. Anninhas und Ger-
mano, als sie mit einbrechender Nacht heimkehren und
an dem Grabe EstelWs vorbeikommen, treffen dort mit
Jayme zusammen. Dieser verwundert sich, den Bruder
hier zu treffen, da er ihn doch erst vor zwanzig Tagen
beim Heere in Spanien gesehen zu haben glaube, und
fragt ihn, ob die Campagne schon beendet sei. Germano
verneint dies und sagt, er habe eigenmächtig das Heer
in Catalonien verlassen; denn ein Soldat habe ihm ein
Schreiben gebracht, angeblich von Anninhas, mit der
Nachricht, Jayme sei gefangen und müsse das Schaffot
besteigen^ Martinho und sie schmachteten im Kerker; er
möge kommen, sie zu sehen und ihnen beizustehen. Da
habe er sich dem Könige zu Füfsen geworfen und um
ihren Pardon gebeten, und als dieser verweigert wurde,
um Urlaub, um die Seinen wenigstens noch einmal sehen
zu können. Als ihm auch diese Bitte abgeschlagen wurde,
habe er mit den Waffen in der Hand sich den Weg durch
die Trabanten gebahnt und sei entflohen, nachdem er
zwölf Jahre dem Könige treu gedient habe, nun nicht
mehr sein Soldat, sondern ein als Verräther geächteter
Bandit.
Dieses erschütternde Wiedersehen nach „zwölf Jah-
ren der Agonie" (Doze annos de agonia ist die üeber-
schrift des Gesanges, der dies beschreibt) erfüllt die
unglückliche Familie nur noch mit tieferer Trauer und
Zur Gesch. der portog. Nationaliiterstiir in der neuesten Zeit. 287
vermehrt ihre Trostlosigkeit, da sie in dem verrätheri-
schen Schreiben, das auch Germano ins Verderben stürzte,
die nicht rastende Bachsucht der Spanier, D. C^sar's und
seiner Söhne wohl erkennen konnten.
Im nächsten Gesänge (überschrieben: Latet auguis)
führt uns der Dichter nach Lissabon und beschreibt mit
bitteren Ausfallen gegen Spanien dessen Zustand kurz
vor dem Ausbruch der Revolution vom 1. December 1640.
In einer Versammlung portugiesischer Edelleute sondiert
der Dr. Joäo Pinto Ribeiro, eines der Haupter der Ver-
schworung und Agent des Hauses Braganza, deren Ge-
sinnung, und wendet sich namentlich an D. Jorge de
Aguilar mit der wie Spott klingenden Frage, was aus
seinem Neffen Germano geworden sei, der ja auch im
spanischen Heere gegen die Catalonier gekämpft habe
Weder dieser, noch sonst jemand weifs darauf Antwort
zu geben, auTser ein unter dem Namen Buy Vaz o Engei-
tado (der Ausgestofsene) bekannt gewordener Abenteurer,
der sich nim Aivaro Correa d'Aragäo nennt. Dieser rühmt
ironisch, wie beliebt Germano durch Tapferkeit und Ga-
lanterie beim spanischen Heere geworden sei; preist eben-
so ironisch Spaniens Herrschaft und Volk, und wendet
sich dann an einen eingetretenen Diener des Miguel de
Vasconcellos, des spanischen Staatssecretärs in Portugal
und Günstlings des Grafen -Herzogs von Olivarez, der
trotzdem, dafs er ein geborener Portugiese war, sich
zum Werkzeug der spanischen Unterdrückung gebrauchen
liels ^)y indem er sagt, er habe Depeschen aus Casülien
für den Minister, die er aber nur ihm selbst übergeben
wolle. Dann entfernt er sich mit dem Diener, den Por-
tugiesen und besonders dem Dr. Ribeiro zurufend: sie
würden eines Tages den Abenteurer schon näher kennen
lernen! —
Vom Minister vorgelassen, übergiebt der Abenteurer
ihm Depeschen; es sind Schreiben von dessen Freunden,
den S5hnen D. Cesar's. Während der Minister sie liest,
hat sich der Abenteurer in einen Stuhl geworfen, es mit
J) Vgl. Schäfer, Geschichte von Portugal, Bd. IV, S. 454.
288 Ferd- Wolf
seiner Ermüdung entschuldigend, ja diese vermöge ihn
zu der Bitte, ihn auf dem Fufsboden einer kurzen Ruhe
geniefsen zu lassen; zugleich übergiebt er dem Vascon-
cellos sein Schwert und seinen Dolch. Dieser heifst ihn
sich auf die Kissen hinlegen, bewacht jedoch den bald
in Schlaf versinkenden argwohnisch. Als Vasconcellos
sich von der Wirklichkeit seines Schlafes überzeugt hat,
durchsieht er aufmerksamer die von ihm gebrachten Pa-
piere und findet darunter ein Signalement (senha) des
üeberbringers, mit der Anzeige, dafs der Abenteurer —
der geächtete D. Jayme de Aguilar sei, auf den die
Justiz seit langem vergeblich fahnde, und den der Mini-
ster nun dem Henker überliefern wolle. Aber Vascon-
cellos verschmäht es, das Werkzeug der Rache der Ce-
sares zu sein; auch in der Brust dieses Vaterlandsver-
räthers ist noch nicht aller Edelsinn eines portugiesischen
Fidalgo erstorben i); er hält es unter seiner Würde, einen
Menschen, der sich ihm vertraut, der sich ihm wehrlos
überliefert hat, dem Henker zu übergeben. Vielmehr ent-
fernt sich Vasconcellos leise und kehrt mit einem Korbe
voll Efswaaren zurück. Als Jayme erwacht und noch
halb im Traume ausruft: „Endlich hat der Himmel meine
Wünsche erhört; ich sehe mich am Ziele meines Lebens;
das Schaffet sei mir willkommen ! " — ladet Vasconcellos
ihn ein, nun, nachdem er geschlafen, auch zu essen, und
dann sich davon zu machen; und auf den Einwurf Jay-
me's, dafs er ja selbst den Uriasbrief mit seinem Todes-
^) Der Dichter selbst hält es für nothig, diesen Act der Grofs-
muth, den er hier dem Vasconcellos beilegt, der Ton allen einheimi-
schen Historikern: mit den schwärzesten Farben geschildert wird, in
einer eigenen Anmerkung wahrscheinlich zu machen; theils dadurch,
dafs Vasconcellos kein böser Mensch gewesen und zum Verrath am
Vaterland nur aus kindlicher Pietät und Rachsucht getrieben worden
sei, denn er sah als Knabe seinen Vater Tom Pöbel in Lissabon grau-
sam ermorden, weil er ein Anhänger der spanischen Regierung war
(vgl. Schäfer^ a. a. O.) ; theils — und das ist wohl eher ein plausibler
Grund — weil Vasconcellos bereits unterrichtet war, dafs die Cesares
bei OUvarez in Mifscredit (desacreditados) gekommen waren , was durch
eiu von Pinto Ribeiro mitgetheiltes Schreiben des Diogo Soares an
Vasconcellos urkundlich belegt wird.
Zur Gesch. der portug. Nationalliteratnr in der neuesten Zeit. 289
uitheil ihm übergeben, wiederholt der Minister seine Ein-
ladung. — ,,Al8o abermals eine getäuschte Hoffnung ^^
ruft Jayme, ,, statt der ersehnten Todesruhe von neuem
die Mühen und Leiden des Lebens!*' — Während er nun
der dringend wiederholten Einladung zu essen folgt, ge-
denkt er dabei einer Mahlzeit, einer Orgie, deren Erinne-
rung ihn fast wahnsinnig mache; ;,ja'', ruft er, „da mein
Schicksal sich noch nicht erfüllt, so will ich essen, will
leben; aber weh ihnen, oder weh mir!" — Nach geende-
ter Mahlzeit wird Jayme von Vasconcellos au%efbrdert,
ihm diese räthselhaften Worte zu erklären und zu erzäh-
len, wie er, den man längst untergegangen glaubte, sich
erhalten habe.
Es folgt nun Jayme^s ausführliche Erzählung seiner
Erlebnisse seit dem Tode Estella's (sie bildet den sechs-
ten Gesang mit der Ueberschrift: Duas vingan9as). Er
sei, wie ein Salamander den Flammen entstiegen, für die
Liebe todt, nur der Rache lebend; habe sich unter wech-
selnden Verkleidungen herumgetrieben, die Spur der Ce-
sares verfolgend, um sich an ihnen, an den Spaniern
überhaupt zu rächen; denn, wiewohl ein Einzelner, habe
er dem ganzen stolzen Spanien den Kjrieg erklärt und
mit allen Gräueln geführt. So habe er in den Sierren
als Bandit, in den Dörfern als Landmann, in den Städ-
ten als Bettler oder Mönch Castüien durchzogen; den
Tod auf den Fersen, die Kache im Herzen; bald scheu
das Tageslicht fliehend, bald mordend, um weiter zu
kommen. *) Einst, als Bettelmonch verkleidet, wird er
in finsterer Nacht und bei tobendem Ungewitter von Ban-
1) Declarei, sozinho, a guerra
a toda a Hespanha orgulhosa;
e guerra, fiz-lh'a horrorosa!
hontem, bandido na serra;
hoje, semeador na herdade;
amanh&, frade, mendigo,
nas ruas d'uma cidade.
Mas sempre a luctar commigo
a dor da minha sajidade.
Entrei por Castella a dentro;
de porta em porta^ escutei
aquelles povos ferozes;
290 *'erd. Wolf
diten überfallen, die aber, von sekier Verkleidung ge-
täuscht, statt ihn zu berauben, ihm befehlen, in ihre
Höhle mitzukommen, um des Einen eben gestorbenen
Mutter die letzten Ehren zu erweisen. Dort angelangt,
giebt er sich den Banditen als Genosse zu erkennen und
gewinnt sie, ihm bei der Ausführung seines Rachewerkes
behülflich zu sein. Sechs Tage darnach halten D. Ruy de
Luna de Orviedo y de Medina, D* Angelina de Valla-
dares y Ossuna, dessen Gemahlin, D. Leopoldo de Espi-
nosa y Cadaval und ein Page ihren Einzug in Madrid
und treten mit so grofsem Luxus auf, dafs sie bald Auf-
sehen erregen. Dies sind die Banditen Montera und Gil
Bras, des ersteren Geliebte Gazella, und Jayme als Page. *)
Die Leiden und die Mühen des wüsten Lebens hatten
den kaum mehr als zwanzigjährigen Jayme zum alternden
Manne gemacht und sein Aussehen so verändert, dafs
sein eigener Bruder Germano ihn nicht erkannte, mit dem
er in Madrid zusammentraf, damals noch ein schmucker
Krieger und Liebling der Damen in voller Jugendblüthe,
nun auch ein geächteter Bandit, weil er das Unglück hat,
der Sohn eines portugiesischen Edelmanns, der Bruder
eines Hochverräthers in den Augen der Spanier zu sein.
Jayme weifs es zu veranlassen, dafs die Cesares, die er
^endlich hier gefonden, mit den Pseudo-Cavalieren be-
^ morte, a seguir-me os passos;
ea, fare)ando os algozes
da mulher qne tanto amei;
e na idea que ea seguia,
ora furtando-me ao dia,
ora matando, passei.
^) Der Dichter sagt mit scharfer Ironie:
Ja vedes que tinham nomes
dos melhores de Castella!
Tinham cavallos e pagens,
trens de ca^a os mais custosos,
sedas, oiro e carroagens,
de atormentar InYejosos.
Trinta mastins para a serra,
sangue inglez em cada galgot ... |
Com taes dons, em toda a terra, \
qualquer bandido e fidalgo.
Zur Gesch. der portng. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 291
kannt werden und bald mit ihnen, die wenigstens der
Gesinnung nach ihnen ebenbürtig waren, in vertrauten
Umgang treten. Beide Sohne Cesar's hatten sich seitdem
vermählt mit edlen, reizenden Andalusierinnen.
Da hat die Stunde der Rache geschlagen. Die Ce-
sares hatten nebst ihren Gemahlinnen die Einladung der
Pseudo-Cavaliere zu einer nächtlichen Orgie angenommen.
Ein schwelgerisches Mahl vereint sie ; feurige Weine und
die noch feurigeren Blicke Gazella's berauschen die Män-
ner; die sülsen leckeren Speisen, und die noch süfseren
Galanterien der Banditen — denn jeder Spanier ist ein
geborener Cavalier — bezaubern die Frauen. Gesund-
heiten auf das Wohl der Geliebten werden mit zweideu-
tigem Sinne gegenseitig ausgebracht und reichlich zuge-
trunken. Da bringt Cadaval (Gil Bras) das Gespräch
auf Estella und erkundigt sich nach ihr; sie habe sein
Herz erobert, sei ihm unvergefslich geblieben, ja, er
werbe nun um ihre Hand. Die Brüder sind genothigt
zu gestehen, dafs sie vor einem Jahre gestorben sei und
dai's ein armer portugiesischer Landjunker, D. Jayme
d^Aguilar, sie mit seinen Liebesanträgen verfolgt habe,
aber von D. Juan dafür gezüchtigt und im Duell ersto-
chen worden sei, wofür ihm die Schwester Dank gewuist
habe. Gadaval fragt nun, wo EstelWs Grab sei ; er wolle
hin, um es mit Blumen zu bekränzen. Die Brüder geben
vor, sie sei im Dome von Vizeu begraben. Cadaval be-
zweifelt es; denn er habe dort von ihrem eigenen Vater
gehört, sie sei mit den Brüdern nach Spanien zurückge-
kehrt. Zu deren Erstaunen mengt sich nun der Page,
der beim Mahle aufgewartet, ins Gespräch; er wisse, wo
Bstella begraben, wie sie gestorben sei; und erzählt, trotz
der Forderung der Cesares, den frechen Diener fortzu-
jagen, den wahren Hergang. Die Frauen fahren entsetzt
auf; die Brüder stürzen sich auf den Pagen, um ihn zu
züchtigen; aber sie werden von den Banditen entwaffiaet
und gebunden, die sich nun als solche zu erkennen ge-
ben, so wie der Page als Jayme d'Aguilar. — Dieser
sieht sich am Ziel seiner Rache; aber, ruft er den Cesa-
res zu, es genüge ihm nicht, durch ihren Tod den Estel-
n
292 Ferd. Wolf
la^s ZU sühnen; er wolle sie früher noch zu Zeugen von
der Entehrung ihrer Frauen durch die Banditen machen.
Sie beschwören ihn, dieser zu schonen, bei allem was er
noch liebe, bei seinem Vater, seinem Bruder, seiner Tock"
ter^ die noch lebe! — Diese Nachricht von dem Leben
seiner Tochter läfst Jayme auf alles, selbst auf die Aus-
führung seines Racheactes vergessen; er giebt die Ossä-
res frei, die allerdings entehrt, wie sie nun waren, Casti-
lien verlassen mufsten und deren Frauen sich von ihnen
trennten. Jayme aber beginnt von neuem sein wüstes
Wanderleben, um die Spur seiner Tochter zu verfolgen,
von der ihm die Cesares Andeutungen gegeben. So hat
er zwölf Jahre vergeblichen Suchens, todtlicher Pein zwi-
schen Furcht und Hoffnung verlebt, von Zeit zu Zeit
durch Botschaften der Cesares hingehalten, die sich, im-
mer verrätherisch erwiesen und auch seinen Bruder ins
Verderben trieben. Endlich habe er vor kurzem in einer
Höhle bei Sevilla wieder Botschaft von den Ossäres ge-
fanden, worin sie ihm künden, dafs seine Tochter in Por-
tugal sich aufhalte, und der einzige Mensch, der darum
wisse, Miguel de Vasconcellos sei, an den möge er sich
wenden und sich bei ihm als Ueberbringer der Papiere,
die sie ihm mitsandten, Zutritt verschaffen; er werde dann
bei ihm gute Aufnahme finden. — Das, so schliefst Jayme
seine lange Erzählung, habe er gethan, wohl wissend, dafs
seine unversöhnlichen Feinde ihn dadurch dem Schaffet
überliefert hätten; aber das wünsche er selbst; er sei die-
ses peinlichen Lebens satt; er bitte Vasconcellos noch-
mals um den Tod und nur noch um die Gewährung ei-
nes Priesters, der ihn absolvire, und eines Uieseaschaf-
fots (cadafalso gigante), damit alle Welt erfahre, dafs
y^auf dem entehrenden Blocke nun ein Königreich geschlach-
tet werdey nicht ein einzelner Mensch; denn der arme Aben-
teurer ist das Symbol einer Nation I'' *)
1) Que digam ao mundo inteiro,
que sobre o cepo infamante,
se mata naquelle instante
um reino ! . . . que um hörnern , näo ! !
porque o pobre aventureiro,
symbolisa uma na^äo! —
Zur Gesch. der portug, Nfttionalliteratur in der neuesten Zeit. 293
Vasconcellos hat Jayme^s Erzählung mit wachsender
Aufmerksamkeit angehört und wird davon so tief ergrif-
fen, dafs er, von Reue über sein eigenes Treiben über-
mannt, ausruft: „Ihr habt Recht, D. Jayme, Verrath
war^s, der Euch dem Tode entgegengesandt. Lissabon
ist das Schaffot, der Schar&ichter bin ich! — Ich, ein
Sohn dieser edlen und kräftigen Erde! — Ein Renegat
an dem Lande, in dem ich geboren! Verflucht von der
Mutter, die mich zur Welt gebracht!... Leset die Be-
fehle, die dieses Spanien absendet; auf diesen Tischen
seht Ihr sie zerstreut. Sie werden Euch vor Grauen er-
zittern machen! — Ihr werdet sehen, dafs nichts seinen
Hunger stillt; nicht Confiscationen, Proscriptionen, Ge-
fangnifs und Galgen, Spionage, Verrath, verruchte Com-
plotte; nicht die in Bordelle verwandelten Familien; nicht
die in Satumalien entarteten Feste, nicht das in Schmerz
verkehrte Lachen."*) — Dann aber setzt er hinzu: der
ftirchtbare Eindruck der Ermordung seines Vaters durch
Lissabons Volk, die er, noch ein Knabe, geschaut, der
Hafs gegen dieses und die portugiesische Partei, und die
Begierde, seines Vaters Tod zu rächen, die mit ihm ge-
wachsen seien, haben ihn zum Werkzeug der spanischen
1) — — — Tinheis razäo D. Jayme 1
foi a trai^äo que vos mandou a morte!
Lisboa 6 cadafalsol o algoz, sou ea!
eul filho d'esta terra nobre e forte!
renegado da patria onde nasceral
maldito desta m&e qae a laz me deul
LMe 08 mandados que essa Hespanha envia;
por essas mezas os yereis disperses! . . .
Heis de tremer d'horror!
Vereis qne nada a fome Ihe sacia;
confiscos, proscrip^oes , pris&o, patibulos,
espionagem, trai^oes, tramas perversas,
as familias tornadas em prostibulos,
a festa em satnrnal , o rizo em der ! . . .
Diese Philippika gegen Spanien nimmt sich im Mande des Vas-
concellos allerdings sehr wunderlich aus; aber als Probe von der lei-
denschaftlichen Energie, mit welcher der Dichter seiher Abneigung
gegen eine Wiederyereinigung Portugals mit Spanien Ausdruck [giebt,
ist sie jedenfalls sehr merkwürdig.
294 Fe'd- Wolf
Regierung, zum Verräther am Vaterlande gemaebt, das
ihn verfluche; dies möge seine Stellung erklären, ent-
schuldigen; er sei dadurch nicht minder unglücklich ge-
worden, als Jayme; beide seien sie Opfer ihrer Begierde,
geliebte Ermordete zu rächen; darum biete er ihm nun
seine hülfreiche Hand an; in Spanien werde man der
Aussage der Cesares glauben, dafs Jayme durch ihre
List dem Gefängnifs und Schaffet überliefert worden sei;
Jayme möge aber nach Almeida entfliehen, dort werde er
ihn gegen ihre Verfolgungen sichern.
Der nächste Gesang, „A Guarda^^ überschrieben,
fahrt uns in die Festung dieses Namens, an der Granze
Andalusiens. Mit den lebendigsten Farben wird das Trei-
ben der dort sich häufig einfindenden Andalusier geschil-
dert, wie sie durch ihre Anmuth und ihre reizenden
Nationaltänze die portugiesischen Frauen bezaubern, die
Männer aber mit herausforderndem Stolz, Hohn und Ver-
rath behandeln. ^) Durch die Menge dieses Lagers (arraial)
1) Wiewohl der Dichter dem anmnthigen reizenden Wesen der
Andalusier volle Gerechtigkeit wiederfahreii läfst, so ermangelt er
auch hier nicht, vor den Spaniern zu warnen und seiner Abneigung
gegen eine Vereinigung der Portugiesen mit ihnen sehr energischen
Ausdruck zu geben, indem er, in eigener Person sprechend, hinzufügt:
E fui pensando commigo, '
que entre Hespanha e Portugal
näo havia um peito amigo
em todo aquelle arraial!
por que o fei d'um odio antigo,
amarga e queimal e fatal!
Quando o amigo traiQoeiro,
com ademan carinhoso,
passeia o nosso quintal,
se aquece ao nosso brazeiro,
e alta noite, farto e quente,
se transforma de repente
cm nocturno salteador, •
o seu inerme hospedeiro,
da-lhe a rir o seu dinheiro,
suas baixellas de prata . . .
mas logo que pode, mata!
Entre Hespanha e Portugal
fica este marco fatal!
Zur Gesch. der portag. Nationalliteratar in der neuesten Zeit. 296
drängen sich Yermumnite, besprechen sich heimlich mit
einander; alle behaupten ihn, den sie suchen, gesehen zu
haben, hier am selben Tage in so verschiedenen Gestal-
ten, dafs es ans Wunderbare zu gränzen scheint. Diese
Vermummten sind die Ossäres und ihre Gehiilfen; — der,
den sie suchen und hier gesehen zu haben glauben, ist —
Jayme. Dieser war in der That auf seiner Flucht nach
Almeida hier angekommen und hatte, als er sich verfolgt
sah, wie gewöhnlich zu wechselnden Verkleidungen seine
Zuflucht genonunen. Er hatte in einer abgelegenen, durch
Buhlwirthschaft verrufenen Kneipe (lupanar) sich zu ver-
bergen, und im Verkehr mit Dirnen, im Genufs des Wei-
nes wenigstens augenblickliches Vergessen seines qual-
vollen Lebens gesucht. Er berauscht sich absichtlich in
feilen Küssen, im Wein, während die Verfolger ihm schon
auf der Spur sind, ihm schon auflauem. In diesem
Schlupfv^inkel der Sünde findet Jayme ein Mädchen, die
Aufwärterin Gniomar, deren ganzes Wesen so sehr das
Gepräge der Unschuld trägt, dais es selbst dem Berausch-
ten, aber von dem angebomen Gefahle einer edlen Natur
noch nicht gänzlich Verlassenen Scheu und Achtung ein-
flofst Er erfährt, dafs sie eine vater- und mutterlose
Waise sei; das erschüttert ihn; er gedenkt seiner Toch-
ter; alle seine Erinnerungen an vergangene Leiden wer-
den wach gerufen; die trunkene Begierde 15st sich in
namenloses Weh auf; er beweint sein, der Seinen trauri-
ges Geschick; den darob verwunderten. Dirnen, in de-
ren Augen er als der reiche spanische Wüstling Correa
d'Aragäo gegolten hat, schärft er ein, sie mochten, wenn
der Alcalde ihm nachforsche, sagen, es sei Pedro der
Weber, der diese Nacht bei ihnen zugebracht.
Als die Dirnen sich entfernt hatten, fordert Jayme
Gniomar auf, ihm ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Er
erfährt nun von ihr, dafs sie, ein ausgesetztes Kind, in
der Höhle des Viriatus bei Vizeu von einem Einsiedler
gefunden und von ihm aufgezogen worden sei; aber nach
zehn Jahren habe sie auch ihren Ziehvater verloren und
sich, von allem verlassen, in die weite Welt hinausge-
stofsen gefunden; sie habe viel Kummer und Noth aus-
296 ^®'^- w<>^f
gestanden und sei endlich dadurch gezwungen worden^
hier in Dienst zu treten. Sie habe noch zwei Schrift-
stücke aufbewahrt, die sich unter ihren Einderkleidem
gefunden haben; das eine, ein Legat schrecklicher Ver-
wünschung (legado de horror), das andere, ein Vermacht-
nifs der Liebe (legado de amor). Das erstere lautet:
„Tochter blutschänderischer Liebe 1 Kind des Ver-
brechens! Dein Dach sollen die Zweige dieser Ulme sein.
Die Liebe, die dii* das Dasein gab, wird dich nicht
schützen gegen die dräuende Gefahr, die du zu fürchten
hast. Unter /diesem eisigen Himmel, der auf dir lastet,
wirst du die Jännemacht nicht überstehen. Du hast der
christlichen Liebe nichts zu verdanken; denn du gehst
ungetaufb in die Ewigkeit! — Du stirbst, Tochter Ade-
licher, ohne Adel; damit du ihnen nicht zum schande-
bringenden Pasquill werdest; du stirbst, Tochter Reicher,
in der Armuth; denn du hast zur Behausung nur einen
alten Stamm, zum Bette die fahlen Kräuter der Haide,
zum Wiegengesang das Pfeifen des erzürnten Windes, und
statt der gedeihlichen Muttermilch den frostigen Thau,
die Thränen des Winters." —
Jayme kann nicht länger zweifeln, dafs Guiomar seine
Tochter ist. Die Freude, die so sehnlich, so lange ver-
geblich gesuchte endlich doch gefunden zu haben, wird
ihm aber bald verbittert durch die Erinnerung an den
Zustand, in dem beide sich finden, an die Urheber die-
ses Elendes, die Cesares, gegen die Jayme neuerdings
zur Rache aufgestachelt wird durch den Fluch, womit
sie die Neugeborne schon dem Verderben geweiht hatten.
Er droht ihnen schmachvolle Rache, wenn er sie morgen
in Almeida treffe. Da zeigt ihm Guiomar das „Ver-
mächtnifs der Liebe", die letzten Woi-te der Mutter, mit
ihren Segenswünschen, mit ihren Bitten, Gott woUe ihr
Band schützen, sie einst mit ihm wieder vereinen, und
worin sie ihren Verfolgern verzeiht. Bei diesen Wor-
ten der Mutter, bei ihrem Andenken beschwort auch
Guiomar den Vater, den Rachegedanken zu entsagen.
Er giebt ihren Bitten nach; schon hat auch er das
Wort der Verzeihung ausgesprochen, als die Thore
^ur Gesch. der portug. Nationalliteratur in der neuesten Zelt. 297
des üausee aufgerisseai werden und es sich mit Bewaff-
neten föUt.
Sechs Tage darnach ist ,ftiif dem Marktplätze^ ein
Schaffet an%erichtet; ein Mann besteigt es festen Trittes
nnd mit heiterer Miene dem Tod entgegensehend; — es
ist Jaym€, begleitet von der in Thränen zerfliefsenden
Guiomar und einem Pater. Von diesem erbittet er sich
das Gelöbnifs, die Tochter zu seinem Bruder Germano
zu führen und den Seinen die letzten Grüfse Ton ihm
zu bringen.
Noch hing Jayme^s Leiche am Ghdgen, als die Glochen
aller Kirchen Portugals zum Dankfeste ertönten für die
Befreiung vom spanischen Joche im December 1640. —
Der Galgen wurde ihm zum Monument, die festliche Be-
leuchtung zur Begräbnifsfiickell —
Mit einer Apostrophe an die Spanier^ nach ,,solchem
Henkergruhme" keine Ansprüche auf eine Wiedervereini-
gung mit den Portugiesen zu machen; an diese ,,m]t
Schrecken'' sich der Leidensjahre jener Voreinigung zu
erinnern, und mit dem Wunsche, dafs „sein Gesang in
der ganzen iberischen Halbinsel Wiederhall finden möge'',
schliefst der Dichter. ^)
Durch diese wiederholt ausgesprochene Absicht, in
der das Gedicht verfielst wurde, und durch den außer-
ordentlichen Beiiall, den es in Portugal und Brasilien ge-
funden hat, ist es jedenfalls igchon in politüeher Hinsicht
bedeutungsvoll und eine nicht zu überhörende Stimme
der Zeit für jene Utopisten, die von einer Vereinigung'
der Spanier und Portugiesen unter einem gemeinsamen
') Er ruft den Spaniern zu :
Que mais qnerem de noe? aposi tamanba
galhardia d'algoz, 6brio8 de gloria,
apagaram acaso a luz da historia?
näo leem seus feitos? . . . Qne nös qaer a Hespanha ? . . .
Quer insnltar a lapide funerea
qae peza sobre tos, heroes de Ourlquel
Estremecei de horror! filhos de Henrique!...
Repercutl meu canto, eccos da Ibeiia!
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 3. 20
1
2J?8 Ford. Wolf
Herrsoherhaufie, oder gar toh eioer iberisohaii Bepublik
träumen! —
Aber bei dieser, vom Dichter so stark betont^i Ab-
sicht muTs man sich doppelt wundem^ in politischer und
poetischer Hinsicht, dafs er seinen Helden nicht zum
activen Theilnefamer an der Befreiung seines Vaterlandes,
dafs er ihn zum mehr passiven Opfer von Privatleiden-
schaften gemacht hat; dafs er seinen Handlungen und
Schicksalen nicht die edleren, eriiebenden Motive der
Vaterlandsliebe und des für das nationale Interesse sieh
aufopfernden Heroismus, sondern die beschränkten und
egoistischen eines gewöhnlichen Liebesverhältnisses und
der daraus entspringenden gemeinen Bachsucht unterge-
legt hat. Er leidet ebenso wie alle Portugiesen unter
der spanischen Herrschaft, und das Mehr, was ihn trifft,
hat er durch sein Verhältnifs zu den Cesares selbst her-
vorgerufen. — Warum hat er Jayme, sollte er wahrhaft
tragisch enden, nicht den Heldentod beim E[ampfe im
Palast von Lissabon am 1. December 1640, sondern den
verdienten Verbrechertod als Bandit und Mörder auf dem
Schaffet finden lassen? Verliert der Held dadurch an
höherem, politischem Interesse, so wird man dafar durch
das rein stoffliche, an der Fabel selbst, an der Ver- und
£ptwickelung nur wenig entschädigt; denn die Fabel ist
dürf^ und unwahrscheinlich in der Erfindung, verbraucht
in der Verwickelung, abstofsend und doch wenig über-
raschend in der Elntwickelung. — üebrigens war die
vorstehend davon gegebene und den eben ausgesproche-
nen Tadel wohl hinlänglich rechtfertigende Analyse keine
leichte Arbeit; denn, abgesehen davon, dafs weder die
Composition noch der Ton episch oder auch nur lyrisch-
episch sind und die Erzählung in eine Reihe dramatisch
oder lyrisch gehaltener Scenen eingekleidet ist, sind diese
oft so lose aneinander gereiht, wird die Erzählung so
sprungweise weiter geführt, häufig durch Episoden, Be-
schreibungen, lyrische Ergüsse und ganz subjective Re-
flexionen unterbroehen, und oft plötzlich in Dialoge iiber-
gehend, deren Sprecher man meist errathen mufs, dafs man
nur mit Mühe den Faden der Erzählung festhalten kann.
Zar Gesch. der portug. N*lionaUitei&tar in der neuesten Zeit.
Ttot2 all di«6er Mangel hat das Gedicht nidit nur
naiiondies, sondern anoh poetisohea Interesse in hohem
Grade erregt, hat emen Dichter, wie Contilho, zum be*
geisterten Lobredner gemacht, ja so bezaubert, dafs er
es den Lusiaden fast gleich stellt, und wird selbst auf
einen Ausländer, wenn er nur überhaupt poetischen Sinn
hat, den Eindruck eines achten, bedeutenden Dichterwer-
kes machen. Castilho, wenn er auch in seiner Begeiste-
rung oft zu weit geht und blind fiir die Schwächen der
Composition und Charakteristik ist, hat doch Recht, wenn
er ausruft: ,,]& poesia, e magnifica poesial^' — Dafür
zeugen die mit dramatischer Lebendigkeit dargestellten
Scenen, die mit allem Zauber der Poesie ausgestatteten
Beschreibungen, bald reizende Idyllen, bald durch süd-
liche Farbengluth fesselnde Gemälde, dafür spricht der
Reichthum an schonen Einzelnbeiten, wie die treffenden
Bilder und Vergleiche, die zahlreichen lyrischen Stellen,
bald energisch und schwungvoll, bald elegisch -süTs.
So ist der ganze erste Gesang *) eine reizende Idylle
und z. B. die darin vorkommende Beschreibung einer
alten, von Epheu umrankten Burg ebenso malerisch als
durch den sinnigen Vergleich am Schlufs überraschend.*)
1) Das Gedicht besteht ans neun Gesängen; .1. Flores d'AIdeia; —
II. A Ben^äo da despedida; — III. Sombras; — IV. Doze annos de
agonia; — V. Latet anguis; — VI. Duas vingau^as; — VII. A Gaar-
da; — VIII. ebrio; — IX. Em fim.
2) Um dia ... quando, nfto sei;
fui' yer as gastas ruinas
d'nm velhissimo castello
qne ao desamparo eooontrai,
mas que apesar de esqnecido
na solidftOy era hello.
Acbei-o todo vestido
de tenaz hera yi^osa;
e ornado do verde brilho,
lembrou-me um yelho casquilho
qne espera noiva formosa.
Vi-lhe 08 muros oorcovados
sobre o abysmo pendarados,
porem suspenso« do ar.
20*
300 »erd. Wolf
Wie energiaoh und schwungvoll sind £. B. die den
seobsten Gesang e&nlettenden Strof^en gegen die Ra^-
8%icht, als Folge der von Egoismus, Intrigue und Lei-
BarbacAns, desamparadas ;
as torres, deseonjantadas;
; co»o folhaa dcBligadaa
da flor que se val finar.
E perganUi: — „Que portento,
pedräs que baloi9a o vento
ja sem prnmo, e sem ehn^to,
T06 tem suspensas no ar?^'
A hera, filba do muro,
foi-se eneostando, e cfesceu;
a cada csütinho esouro
eada raiz se {a-endeu;
entre cada feada estreita
uma yergontea se ajeita;
do muro em toda a largura
oontorce a activa espessura,
gira, enrosca-se e yenceul
E vai recebendo alento,
redobra em vi^o e vigor,
nem ja rajadas do vento
Ihe podem oauaar temor;
seus rebentöes melindrosos
ja säo brapos musculosos
que ensaiam for^a e valor;
e conhecendo seus brios,
aos largos muros adustos
metteram hombros robustos,
ergueram rochas ao ar.
Subiram as barbacans;
recurvaram as ameias,
ligaram rijo pilar,
com mil adustas cadeias.
£ o castello bospitaleiro
ja sem medo ao paroxismo,
yin, vd, vera sobranceiro
as profundezas do abysmo;
que a bera robustecida
de lembrada e generosa,
da vida, a quem Ihe deu vida;
for^a, a quem Ihe deu vigor.
— Sfto eomo a hera vi^osa
os fillios do noaso ainor.
Zur Gesch. der portug. Naiionalliteratur iu der neuesten Zeit. 301
'daeisGhait aufgeregten und zerwühlten socialen Zu-
stande! ^) — '
Wie zart und voll elegischer SüTse ist das Lied dov
Waise Anninhäs, das sie sich und ihrem zum wah^sinni-r
gen Bettler gewordenen Ziehvater D. Martinho zum Troete
singt) in welchem sie der auch dem Aermsten gabeospeurt
deaden Natur dankend und hoffend gedenkt ^ mit dem
wehmüthigen Nachklänge daCs eben der zu bedauern idt>
dessen Kkge kein Echo fiüdet in dem Herzen eines Ya-^
ters oder einer Mutter**)
^) Ai do homem qoe em dis de mau fado^
desejando aealipar esta fadiga
que se cüama viver,
qtiz afogar a dor qne a tanto obrtga,
e ao . BOcial T^anqnete festejadp
foi pedir de beber! . . .
O jantAT social, i uma orgia;
cada logar, um leito de impureza;
cada riso, am baldSo!
Onde faz de bacchante, uma Duqueza;
onde faz de comparsa a mediania,
e um Bei faz de estriäol
Preside a mesa o söfdido egoismo,
cortejando as paixoes doa sevs convivas
na torpe baechanal,
onde trasborda em gottas corrosivas
o veneno lethal do mundanismo,
das ta^s de cristal.
O monstro sanguinario da ymgan^a,
disfar^adas as garras e a cabe^a,
lern logar d'honra ali.
Qual do inferno de Dante a porta espessa:
— Ö voa que entrais, deixae cdfora a esp^ran^a,
ou näo entreis; fugi! etc. . . .
^) — Bem hajas 6 luz do sol
dos orphäos gasalbo e manto,
immenso, eterno pharol,
d'este mar largo de pranto.
Bem bajas agoa da fönte
que n&o desf^resas ningnem!
Bem haja a.urze do monte
que e lenha de qaem näo tem!
302 Ferd. Wolf
Selbst im achten Gesang: ^O ebrio^^, der, wie schon
seine Ueberschrift (der Trunkene) sagt, die gewifs ge-
wagte und abstofeende Au%abe sich gesetzt hat, den
Helden so tief gesunken zu schildern, dafs er in dem
Lethe eines Lupanar Vergessen seines Elendes sucht,
und dort ^- die so sehnlich gesuchte Tochter endlich
findet, selbst in diesem Nachtstücke voll Grausen und
Ekel, in dem man den Einflufi der franzosischen Pseudo*
Romantiker, und besonders Victor Hugo's nur zu sehr
merkt, wird durch die wirklich poetische Auffiassung und
durch die, freilich nicht sehr wahrscheinliche Charakte-
ristik Guiomar's, der auch im Sumpfe rein gebliebenen
Lilie, der widrige Eindruck doch bedeutend gemildert
So ist z. B. die Scene ergreifend, wie der trunkene
Jayme, im Begriff der sich straubenden Guiomar Gewalt
anzuthun, plötzlich ernüchtert wird durch den Zuruf,
dafs sie eine arme verlassene Waise sei, und dadurch
Bern hsjam rios e relvas
paraizo dos pastoresl
Bern hajam aves das seWas
musica dos lavTadoresl
Bern haja o reiDo dos eeos
qne aos pobres da gra^ e luzJ
Bern haja o tetnplo de Deus
que tem Sacramento e crnzf
Bern haja o cheiro da flor,
que alegra o lidar campestre;
e o regalo do pastor
a negra amora silvestre.
Bern haja a briza ligeira
que faz visita ao casal,
a beijar a costureira,
e a refrescar-lhe o dedal.
Bern haja o repooso a s^sta
do lavrador, e da enxada,
e a madre- Silva modesta,
que espreita a beira da estrada.
Triste de quem der am ai,
sem achar ecco em ningaemf
Felizes es que tem pae,
mimosos os que tem mAel —
Zar Qesch. der porttig. Nattonalliteratur in der neuesten Zeit. 303
an seine Tochter erinnert, nun voll Mitleid das Loos der
Verwabten beklagt. ^)
Nicht minder als durch schone Einzefaifadten ist das
Gedicht in Rücksicht anf Sprache, Stil und Metrification
ausgezeichnet und musterhaft. Castilho, der hierüber
gewifs ein competenter Richter ist, rühmt die Reinheit
und Classicitat der Sprache.^) Nicht minder classisch
1) — Viver na terra, engeitada,
tendo po patria mn deaerto I . . .
Folha erguida na rajada
de vento abrazadol incerto!. . .
Näo conhecer mäe nem pae ! . . .
Aü...
Ser o seu ber^o d'infancia,
d'affectos campa mortoaria! . . .
Ver morrer vi^o e fragrancia
como a rosa solitaria I ^ . .
Näo conhecer m&e nem pae!. . .
All. ..
Qaanta yez a horas mortas,
rez votada ao sacrificio,
vai batter do alcoice as portas
a filha do amor . . . do vicio !
como a casa de seu pae! . . .
Aü...
Branca roseira plantada
num täo exposto canteiro,
onde te cresta a geada
d'um frio escuro Janeiro
sem calor de mäe nem pae 1 . . .
Aü. ..
O rio, e filho da serra! ...
do masgo , e pae o granito ! . . .
as plantas, nascem da terra!. . .
as estrellas do iniinito ! . . .
So tu , n&o tens mäe nem pae ! . . .
AÜ...
Qne tristezal que sapplido
6, pergnntar num deserto:
— men tecto natalicio
onde estara? . . . longe oa perto?! . .^ —
sem responder m&e nem pae! ...
2) „Neste particular", sagt er von der Sprache des Gedichts,
„^ o D. Jayme obra classica e mais classica do que outras mnitas
amentadas com louvor nos catalogos dos diccionaristas e grammaticos;
e um espelho cristalino e moldarado d*oiro, do dizer, do ingenuo e
nativo dizer da nossa Beira.<^
1
304 Ferd. Wolf
findet er den Stil, inuner mit grofser Yirtiiositit den
Personen und Situationen angepafst, von dem einfach«
nairen Ton conTerBirender Landleute bis zum leid^ischaft-
lieh erregten des tragischen Pathos, der bitteren Ironie,
der fulminanten InvectlTe , . edel und würdig in der Re-^
flexion. *)
Besonders merkwürdig aber ist das Gedicht durch
seine Metrification. Der Verf. hat es verschmäht, sein
Werk in einem der in der romanischen Poesie herkömm-
lichen epischen Mafse abzufassen, ja überhaupt nur eine
bestimmte Vers- und Strophenart zu gebrauchen; er hat
es gewagt, hierin eine 7ieue Bahn zu betreten, nämlich
den Vers - und Sirophenbau zu variieren je nach den zu
schildernden Gegenständen, Situationen, Personen und
Stimmungen, und zwar nicht nur in den dramatisch ge-
haltenen, lyrischen und reflectierenden Partien, sondern
auch in den blos erzählenden. Und in der That ist diese
Proteusform seiner Auffassungs - und Behandlungsart auch
ganz entsprechend; ja, wir mochten sagen, er sei durch
diese zu jener gezwungen worden. Immer hat er sich
als Meister im harmonischen Vers- und Strophenbau be-
währt und meist hat ein richtiger Tact und ein feines
Gefühl ihn bei der Wahl geleitet^); doch, scheint uns.
^) Castilho resümiert sein Urtheil über den Stil des Gedichtes,
nachdem er dessen Vorzüge im Einzelnen angegeben hat, folgender-
malsen: „No estilo, como na linguagem, segunda yez pomos por tanto
este livro entre os dos uossos classicos mais iseguros.*'
') Wir verweisen auf die gegebenen Proben und berufen uns auch
hier auf das competenteste Urtheil, das des Meisters der portugiesi-
schen Versification, Castilho's, der unter anderen in Bezug auf die
Metrification Ribeiro's sagt: „que em nenhuma ontra coisa mostrou o
nosso autor com maior evidencia o seu instinvto de acerto, e a sua
graca original de verdadeiro poeta O que e innegavel e quo
em todas as especies e yariedades de metros» Thomaz Ribeiro apre-
senta a maior naturalidade e melodia, sendo difficil decidir quäl seja
o verso mais cougenito a indole musical do seu ouvido. Depois, que
cheio e recheio em todos ellesi Como a idea Ihes entra Toluntaria e
facil! Como facil e rica, riquissima quasi sempre, Ihes acode a rima!
Säo todos estes uns primores de que em väo se procuraria o minimo
yestigio em toda a nossa antiga poesia; e bem poncos se encontraram
mesmo na moderna. "
Zur Gesch. der portag. Nationalliteratar in der neuesten Zeit. 305
kat ihn eben seine Virtuosität auch manchmal zu un-
passenden und allzu gewagten Künsteleien verleitet^)
i) Z. B. im Bingange des achten Gesanges:. „0 ebrio'S wo uns
der Dichter in ein Lupanar einführt und von dem Loose der Unglück-
lichen, die oft nur durch die eiserne Noth sich in solchen Pfuhl ge-
schleudert sahen, eine Schilderung giebt, die allerdings sehr ergreifend
und auch in schonen Versen abgefafst ist, deren allmählige Abnahme
bis auf eirutilbige aber doch den Eindruck einer nberkünstlichen Spie*
lerei macht:
Ai! qtfe profundos misterios
se envolvem na negra vida,
da triste mnlher perdida,
que ali se gasta a morrerl
A'historia dos suicidios,
quantas lendas singulares,
se furtam nos lupanares
onde e punhal . . . o prazerl . . .
Quem sabe que martyrios
o rosto mais sereno
no lubrico veneno
vai afogar all! ...
Quem sabe que miseria,
que extremo d'agonia,
no fumo d'uma orgia
se esconde . . . ate de si! ...
Quem julga os indomitos
motejos da sorte,
sem ver mais que o norte
dos sonhos que tem,
e periido arbitro
nas penas que escreve;
näo pode, näo deve,
sorrir de niagnem!
Ao nauta placido,
pode, um momento
de mar e vento
trazer a dor;
fazel-o naufrago!
e num desmaio,
a luz do raio
mudar-lhe a cor.
306 Ferd. Wolf ^
Aus alle dem geht wohl hervor, dafs Bibeiro ein
bedeutendes Dichtertalent, dais Auisergewohnliches von
ihm zu hoffen ist; wir sagen zu hoffen^ denn das vorlie-
gende Gedicht zeugt wohl von schöpferischer Kraft, ge-
nialer AujSassnng, reicher Phantasie und einer ungemei-
nen technischen Fertigkeit; aber es ermangelt noch jener
Beherrschung des Stoffes und der Form, jenes Mafshal-
tens, jener edlen Einfachheit und Naturwahrheit, die den
vollendeten Meister bewähren.
Wenn aber Castilho den D. Jayme neben die Lusia-
den stellt,' so kommt uns dies vor, wie ein geist- und
phantasiereiches, aber von Manier und Caprice nicht
freies Genrebild neben einem grofsartig concipierten und
in gleichmäfsig-erhabenem Stile ausgeführten historischen
Gemälde.
1
Almas impiasi
Risos tredosi
dos segredos
d'ancias taes,
fngi! ide-Y08l
estas scenas,
querem penas,
pranto e ais!
Os reprobos
do Inferno,
no eterno
*8tertor,
nas furias
diaturnas ,
das furnas
da dor,
martyres
taes,
säo.
Miseros
mais,
näo.
Zur Gesch. der portug. NatioiiaUiteratar in der neuesten Zeit. 307
m.
Als Ersatz für die echten Volksepen, die aber die
Volker nur in ihrer glaubig -naiven und heroischen Ju-
gendzeit erzeugen konnten, und für die Kunstepopoen,
die eben als kunstliche Nachahmungen jener echten nur
in üebergangsperioden, die noch durch so manche Bande,
durch noch frische Erinnerungen mit jener Jugendzeit
verbunden waren, Geltung erlangen konnten, aber mit
dem Eintritt der modernen Zeit zu Parodien (wie die ita-
lienischen), oder zu ausgelebten hohlen Formen werden
mulsten, gilt dieser der Roman.
In Portugal ist zwar früher, wie in Spanien, der
Ritter- und Schäferroman, und bald nach Erscheinung
der Celestina auch diese Form des dramatischen Romans
cultiviert worden; aber die seit Beginn des 18. Jahrhim-
derts herrschend gewordenen , eigentlich modernen For-
men des Romans haben sich dort ebenso wenig, wie in
Spanien, und aus ähnlichen Ursachen *) eingebürgert.
Erst in der neuesten Zeit hat der moderne Roman
auch in der portugiesischen Literatur Eingiuig gefimden;
in den drei jüngst verflossenen Jahrzehnten haben die
Portugiesen nicht nur englische und franzosische Romane
übersetzt und nachgeahmt, sondern auch zahlreiche, und
darunter sehr beachtenswerthe Originalwerke dieser Dich-
tungsgattung geliefert. •
Gleich den Spaniern haben auch sie vorzugsweise
den historischen Roman cultiviert, der aber auch durch
so begabte Dichter, wie Almeida-Garrett (O arco de Sant^
Anna) und Herculano (O monge de Cister) mit grofsem
Erfolg eingeführt worden ist. So verdienen unter ihren
Nachfolgern genannt zu werden: Antonio d^Oliveira Mar-
reca (O conde soberano de Castella, Femäo Gonpalves),
Joäo de Andrade Corvo (um anno na Corte), Camillo
CasteUo Branco (O Anathema, und A filha do Arcediago),
und Antonio Coelho Lousada (A Rua escura, Tradi^äo
1) Vgl. meinen Aufsatz: „Ueber den realistischen Roman und das
Sittengemälde bei den Spaniern in der neuesten Zeit^^ in diesem
Jahrbuch, Bd. I, S. 347 ff.
308 Ferd. Wolf
portuense); vor allen aber Luis Augüsto Rebello da
Sylva, dessen Roman: „Die Jugendjahre Johannas V. *'
(A mocidade de D. Joäo V, Romance. Lisboa 1851 — 53-
4 Bde. 8.) uns vorliegt.
Rebello da Silva wurde den 2. April 1821 zu Lissa-
bon geboren. M^ährend er in den ersteren Studienjahren
sich, wie er selbst sagt, nur durch eine unüberwindliche
Faulheit (pela mais constante e invencivel preguipa) aus-
zeichnete, wurden seine geistigen Kräfte erst im Jahre
1838 in dem Vereine mehrerer junger Leute, der Socie-
dade Philomatica, geweckt und zur Nacheiferung an-
gespornt. Dort gewöhnte er sich auch, öffentlich zu
sprechen und legte schon damals den Grund zu jener
Fertigkeit, durch die er nun zu einem der berühmtesten
öffentlichen Redner seines Vaterlandes geworden ist. Ja
damals fing er erst mit Ernst zu studieren an und ver-
öffentlichte in dem Journal dieser Gesellschaft, dem
„Cosmorama Litterario", seine ersten schriftstellerischen
Versuche, worunter schon der Anfang eines historischen
Romans, die „Einnahme von Ceuta".*) Im Jahre 1839
bezog er die Universität von Coimbra, wo er sich fast zwei
Jahre aufhielt; aber weder an der Art, wie man dort das
Studium betrieb, noch an der akademischen Disciplin
1) „A tomada de Genta" erschien zuer&t im Jahrgang 1840 des
„Cosmorama Litterario, jornal da Sociedade Escholastico-Philomatica" ;
von neuem im Jahre 1856 in dem Feuilleton des Journals: „A PÄtria",
und auch' besonders abgedruckt unter dem Titel: „Contos do serfto.
NovellBs afrioanas. Epocha 1* A Tavola redonda* A Tomada de Ceuta'^
Aber auch hier erschienen nur die Einleitung und die ersten fünf Ca-
pitel davon, da das Journal einging, und bis jetzt hat der Verfasser
dieses Werk unvollendet gelassen. Der Verf. sagt ja selbst — bei
Gelegenheit einer Besprechung von Lope de Mendon^a^s Werken in
der „Revista peninsular <' (Lisboa 1855. 8. Tomol, p. 24) — von die-
sem und ähnlichen Werken der Jugend , die mit der ihr eigenen Keck-
heit unternommen und mit anspruchsvollen Hoffnungen veröffentlicht
werden: „Temos d*essas culpas, tambem, e näo hesitamos em as con-
fessar. Ha dois romances infantis, absurdos, e depioraveis, a Tonia
de Genta e Gon^alo Hermiguezy que nos accusam do seio do esqueci-
mento em que jazem, gra^as a Dens; e que, entretanto, fizeram bater
com alvoroQo o cora^äo do anctor, a primeira vez que sairam a lume,
enfeitados de typos novos nas columnas de um semanario. *'
Zar Gesch. der portug. Nfttionaüiteratur in der neuesten Zeit. 309
Gesehmack finden konnte; auch zwang Um eine schwere
Erkrankung, die ihn dem Grabe nahe brachte, im Jahre
1841 schon wieder nach Lissabon zurückzukehren und
«ich jeder geistigen Anstrengung zu enthalten. Nach sei^
ner Herstellung trat er wieder mit einem historisch^i
Komane auf: „Verführung aus Blutrache^ (Raüsso por
homisio), den er in der „Rerista universal ^^ (von 1842
und 1843) veroffenüiebte. £r w«r nämlich von seinem
Freunde Hercalano ermuntert worden, auf dieser Bahn
fortzuschreiten, imd bewies in der That durch jenen Ro-
man seinen Fortschritt. Auch widmete er sich von nun
an mit Entschiedenheit dieser Dichtungsgattung', zu der
Neigung und Beruf ihn hinzogen, wofür er nun die ernste
haftesten Studien machte, und durch die steigenden Er-
folge seiner Werke belohnt wurde. ^)
Im Jahre 1845 wurde er als Official in der Secre*
taria do Conselho d^Estado angestellt und im Jahre 1849
zum Secretar befordert. Ganz neuerlich ist er zum Pro-
fessor der vaterländischen und Universalgeschichte an dem
durch Decret vom 3. October 1858 errichteten „Curso
superior de Letras^^ ernannt worden. Seit 1854 ist er
Mitglied der k. Akademie der Wissenschaften von Lissa-
bon und seit 1848 ist er wiederholt zum Deputierten bei
^en Cörtes erwählt worden, wo ihm Gelegenheit ward,
sein glänzendes Rednertalent zu bewahren. Auch wurde
ihm durch einige Zeit die Redaction des „Diario do Go*
vemo^^ und des „Boletim do Ministerio das obras pu-
blicas^^ anvertraut, und er hat aufserdem in mehreren
Journalen eine Masse politischer Artikel veröffentlicht.
^) Aufser den erwähnten hat Rebello da Silva noch folgende histo-
rische Romane geschrieben:
ffOdio velbo nfto can^a'S zuerst in dem Journal „Epocba^ (1848)
und auch separat (Lisboa 1849. 2 Tom. 8.); dann überarbeitet in der
Zeitschrift „Panorama" (1852).
„A pena de taliäo"; begonnen im „Panorama" (1855).
„Contos e iendas. Üma arentnra d'el-rei D. Pedro"; im „Archiv©
nttiversal" (1860).
Auch im Dramatischen hat er sich versucht, wie:
„O Infante Sancto, drama em tres actos« (1859), und Ueber-
Setzungen und Bearbeitungen von Dramen Shakespeare's (Othello),
Victor Hugo's, Ponsard's u. s. w.
1
310 ' l^w-d. Wolf
Von Beinen vielen, theils in Zeitsahriften, theils in
selbständigen Werken veröffentlichten wissenschaftlichen
Arbeiten,) besonderjs im Fache der politischen nnd der
Literaturgeschichte, wollen wir hier nnr einiger erwäh-
nen, die zugleich als Beweis von den Vorstudien gelten
können, die er fikr seine historischen Romane, und na-
mentlich für den hier zu besprechend«! gemacht hat; wie
die „Historia de Portugal nos seculos XVII e XVIII"
(davon erschien 1861 der erste Band); — sein Aufsatz
über Diogo de Mendon^a Corte-real, den Secretar der
Gnaden unter D. Pedro IL. und Minister des Auswärtigen
unter Johann V., einen der hervorragendsten Staatsmänner^
welche Portugal damals besafe, und der auch in unserem
Romane eine grofse Rolle spielt (im Panorama, Tomo XII
unter dem Titel: „Estadistas portuguezes"); — über die
„Arcadia Portugueza", eine Reihe von Artikeln in den
von der konigl. Akademie zu Lissabon herausgegebenen
„Annaes das Sciencias e Letras" (Tomo 1) und „Poetas
da' Arcadia" (im Panorama, Tomo IX e XII); — und
die ihm von der k. Akademie übertragene Fortsetzung
des vom Visconde de Santarem begonnenen hochwichti-
gen Werkes: „Quadro elementar das rela9066 politicas e
diplomaticas de Portugal etc." (vom XVI. Bde. an). *)
Das Werk, welches wohl am meisten zur Verbrei-
tung des Rufes Rebello da Silva's beigetragen hat, ist
der vorliegende Roman. Um ihn nicht nur gerecht, son-
dern auch billig zu beurtheilen, muft man vor allen den
Verfasser selbst hören, wie er sich über die Absicht, in
der er ihn unternommen, und über die Ausfuhrung aus-
spricht.
So sagt er in dem Vorworte: „Die Idee, die mir
vorschwebte, als ich es unternahm, in meinen MuTse-
stunden die Scenen dieses unvollkommenen Gemäldes zu
entwerfen, war: in einer Art von Trilogie mit lebendi-
gen Farben die wesentlich dramatische Epoche zu schil-
dern, die Johannas V. Namen an der Spitze tragt, eines
') S. die biographischen Notizen und das vollständige VerzeichniTs
der Werke Rebello da Silva's in /. Fr. da 8iiva*s Diccionario biblio-
graphico portuguez, Tomo V, p. 228 — 32.
Zur Gesch. der portag. NationalUteratur in der neuesten Zeit. 311
Königs, der trotz seines Absolutismiis so populär gewor-
den ist. Die Vorzüge und Schwächen dieses Monarchen,
seine Prachtliebe, seine Gbrolsmuth und die Passionen, die
ihm zugeschrieben werden, bezeichnen ihn als jen^i nn-
ter unseren Konigen aus der modernen Zeit, dessen sich
das Volk mit dem meisten Interesse erinnert* Stolz, wie
Ludwig XIV., und ein Freund von Abenteuern, wie der
Chalife von Bagdad, ging Johann V. aus allen Begeg*
nissen als vollkommener Cavalier und grofsherziger Sou-
verain hervor.
„Dessen Jugendzeit^ die ich nun veröffentliche, ist
kaum mehr als der Prolog dieses ganzen Dramas. Die
beiden andern Abtheilungen, viel umfänglicher (mais ex-
tensas) und vielleicht viel lebendiger in der Action und
Färbung, sollen dieser Exposition — im Fall sie Beifall
findet — folgen und das Gemälde vervollständigen, das
nun damit beginnt, den Konig zu schildern in der Per-
spective seiner ersten Jugend, und mit einem noch [wenig
ausgebildeten Charakter, wie man ihn eben seinem jugend-
lichen Alter gemäls ihm geben mufs (come^udo pelo rei,
que na moddade apparece de longe, e com o .caracter
pouco assenie, que a verdura dos annos ainda exigia que
se Ihe desse).
„Was dem berühmten schottischen Romandichter ge-
lungen ist aus seinen Helden zu machen, war der Ver-
fasser bestrebt, ihm einigermafsen nachzuthun (imitar de
longe) in Bezug auf die Figuren dieses Versuchs. Sein
Wunsch war, ihnen solches Leben einzuhauchen, dafs sie,
Portugiesen in ihren Zügen, in ihren Ideen, in ihrer Le-
bensart, bei dem Publikum leicht Eingang finden und von
ihm aufgenommen würden mit der Intimität wie Freunde,
wie alte Bekannte. ^^
Im Nachworte (Nota geral) endlich sagt der Verf.,
dafs er seine Schilderungen und die historischen Charak-
tere den Quellen gemäfs gezeichnet habe, von denen er,
um die Leser nicht zu ermüden, nur ein paar Stellen
anfuhrt, wie z. B. zur Eechtferdgung seiner Zeichnung
des Chai-akters von Diogo de Mendon^a Corte Real, und
sucht mehrere Mängel des Werkes, die ihm nach dessen
1
312 Ferd. Wolf
VoUendung selbst aufgefaUen sind und die er in einer
neuen Auflage verbessern wolle, dadurch zu entschuldi-
gen, dais er den Roman Kapitelweise für ein Journal
verfafflt habe. *)
Beurtheilt man demgemafs den Roman im ganzen,
so wird man anerkennen müssen, dafs er von einem mit
der geschilderten Zeit sehr vertrauten Verfasser herrühre,
der es verstanden hat, seinen Personen eigenthümliches
Leben einzuhaachen und sowohl durch Charaktere als
Situationen Interesse und Spannung zu erregen, auch in
Sprache und Stil sich als Meister der Beredtsamkeit zu
beweisen; man wird es begreiflich finden, dafs in diesem
Romane, als Theil einer Trilogie, der eigentliche Held,
Johann V., nur in schwachen Umrissen und mehr im
Hintergrunde erscheint; man wird endlich manche Flüch-
tigkeiten, manche üebertreibungen, Caricaturen und Aus-
wüchse, namentlich in den komischen Partien, durch die
Abfassungsweise des Romans entschuldigen, und die ein-
gestandene Nachahmung von W. Scotts Manier, nament-
lich in den seine noch an Ausführlichkeit überbietenden
Detailschilderungen, um so mehr dem Verfasser zu gute
halten, als eor eine grofse Virtuosität hierin zeigt und
durch seine sonstige Originalität hierfür entschädiget.
Kurz man wird den ungewöhnlichen Erfolg dieses Ro-
mans gerechtfertigt, und ihn, trotz aller Mängel und
Schwächen im einzelnen, als das Werk eines begabten
Dichters und gelehrten Geschichtskenners allgemeiner
Beachtung werth finden.
Die Fabel des Romans ist sehr einfach und gründet
sich auf eine, auch sonst schon poetisch bearbeitete Volks-
sage*), nacA welcher Johann V. mit einer Novize oder
1) Er erschien zuerst in der „Revista universal Lisbonense"; aber
noch, so viel wir wissen, in keiner neuen Separatausgabe, wiewohl
die erste langst vergriffen ist, wie /. Fr, da Silva^ I. c. p. 230, bemerkt
(Acha-se ha annos exhausta). Derselbe führt ebenda an, dafs man aus
diesem Romane und unter demselben Titel ein „Comedia-drama''
in fünf Acten gemacht habe, das im Jahre 1857 zu Lissabon in der
Druckerei des „Panorama'* erschienen ist.
*) z. B. Ton Palmeirim in den schwankartig gehaltenen Romanzen :
„Ca^da Reai<» (Poesias, p. 211 — 216).
Zur Gesch. der portug. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 313
Kostgängerin des Nonnenklosters von Santa Clara zu
Odivellas ein Liebesverhältnifs unterhalten haben soll.
Dnser Verfasser fafst dieses Verhältniis aber auf als eine
ideale Leidenschaft, als die erste, sehr ernst gemeinte
Liebe des Kronprinzen Johann in seinen firubesten Jüng-
lingsjahren (mocidade) zu einem in jenem Kloster erzoge-
nen (educanda) adelichen Fräulein, Cecilia da Gama,
der er nicht nur sein Herz, sondern auch seine Hand
anbietet, die, so lange sie seinen Stand nicht gekannt,
seine Liebe leidenschaftlich erwiedert; als sie aber die
Wahrheit erfährt, und nachdem Johann seinem Vater in
der Regierung gefolgt ist, grofsherzig genug ist, ihm zu
entsagen und ihn zu vermögen, seine Liebe der Staats-
raison zmn Opfer zu bringen. Unter den zur Ver- und
Entwickelung dieser Haupthandlung beitragenden Perso-
nen spielt die bedeutendste Rolle der Jesuit Ventura, ja
man kann ihn als den eigentlichen Helden dieses Romans
ansehen, in dem Johann noch mehr als eine Nebenfigur
erscheint. Auch diesen Jesuiten und den Orden über-
haupt hat der Verfasser von einem idealen Standpulikt
aufgefafst; es ist kein Jesuit nach der gewöhnlichen
Schablone, kein niederträchtiger Heuchler und herzloser
Intrigant, sondern ein Mann, der in seinem Orden nicht
nur ein weltbeb errschendes, sondern auch ein weltbe-
glückendes Institut sieht'), das zu erhalten und zu heben
er sich zur Aufgabe seines Lebens gemacht hat und wo-
für er dieses zum Opfer zu bringen nicht scheut; mit
dieser Gxofsartigkeit der Auffassung seines Berufes ver-
bindet er die eminentesten Eigenschaften des Geistes und
1) Es wird für gewisse Kritiker gut sein zu bemerken, dafs dies
nicht die subjective Ansiebt des Verfassers ist, sondern nur die des
von ihm geschaffenen Charakters, der gewifs poetische Berechtigung
hat; denn Ventura sieht in seinem Orden die vollendetste Theokratie,
die durch geistige XJeberlegenheit und Energie, durch geschickte Be-
nutzung der menschlichen Leidenschaften und Schwächen , durch Heran-
bildung der Jugend zu ihren Zwecken die Geschicke der Welt leitet zu
dem einen grofsen, ihr allein heilbringenden Ziele: die gläubige Unter-
werfung unter die Herrschaft einer ^einzigen , wahrhaft katholischen
Kirche, die Anerkennung und Verbreitung ihrer Dogmen über den
Erdkreis.
^ahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 3. Ol
1
314 Ferd. Wolf
Herzens, die Feinheit des Benehmens und die vollendete
MenschenkenntniTs eines Weltmannes mit Billigkeit, Milde
und Mitgemhl in der BeurtheUung und Behandlung auch
jener, deren Laster und Schwächen er allerdings in maio-
rem Dei gloriam auszubeuten und sie, wie alles, wie sein
eigene» Leben und Heil, als Mittel zur Forderung des
einen grofsen Zweckes zu gebrauchen nicht verschmäht.
So begünstigt er die Leidenschaft des Jünglings Johann,
lun den bald zu erwartenden Thronfolger Pedro's ü. eben-
so fest an den Orden zu fesseln, wie seinen Vater; und
doch ist er voll Mitgefühl für CecUia, das Opfer dieser
Leidenschaft, stärkt und unterstützt sie in ihrem grofs-
heorzigen Entschlüsse, weder die Hand des Geliebten an-
zimehmen und ihn an einer standesgemäfsen Vermählung
zu hindern, noch die Maitresse des Königs zu werden.
So bewährt er seine Superiorität selbst einem so schlauen
Diplomaten gegenüber, wie Diogo de Mendon^a, und
weifs ihn 7 indem er sich durch allerdings nicht sehr lau-
tere Mittel zum Herrn eines Geheimnisses macht, wovon
dessen Stellung und Leben abhängen, ganz in seine Hand
zu bekommen; aber nachdem er ihn aus einem Feinde
zu einem VerbMudeten des Ordens gemacht hat, bahnt er
ihin selbst den Weg, Minister des Auswärtigen unter dem
neuen Konige zu werden. Die Scene zwischen Ventura
und Mendon^a, worin der Jesuit den Diplomaten über-
zeugt, dafs ihm nichts übrig bleibe, als sich dem Orden
in die Arme zu werfen, ist meisterhaft geschildert. So
hat der Verfasser, der in der Darstellung der gewählten
Epoche es kaum umgehen konnte, Repräsentanten des
damals in Portugal eine grofse Rolle spielenden Jesuiten-
ordens einzuführen, es verstanden, für den Charakter des
Padre Ventura, der sich am Schlüsse als den Jesuiten-
general Miguel Angelo Tamburini zu erkennen giebt, nicht
nur ein steigendes Interesse, sondern auch jene Sympa-
thie zu erwecken, die man für jeden fühlt, der als un-
eigennütziger Vorkämpfer fiir eine grofsartige Idee auf-
tritt; ja er hat, unseres Erachtens, gerade darin seine
Superiorität über die der Tagesströmung folgenden Ko-
manschreiber bewiesen.
Zur Gesch. der portug. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 315
Wenn der Verf. diesen Charakter mehr als Dichter
aufgefafst und geschildert hat, so hat er in der Zeichnung
des Diogo de Mendon^a und des Königs D. Pedro IL
sich als gründlich unterrichteter und wahrheitsgetreuer
Historiker bewährt.
Wir wollen zum Beweise dessen und zugleich um
eine Probe von dem Komane zu geben, eine Scene hier
mittheilen, die nicht nur einige merkwürdige Züge zur
Charakteristik jener beiden Personen enthält, sondern
auch ein drastisches Bild giebt von der Wirthschaft an
D. Pedro's Hofe.
„S. Majestät (D. Pedro IL) befand sich da ganz allein.
Es wurde dunkel, und nachdem er befohlen hatte, Licht zu
bringen, und einige male ungeduldige Blicke nach der Ein-
gangsthüre geworfen hatte, öffnete er ein in Pergament ge-
bundenes Buch, in welchem sich die Rechnungen des Hof-
haushaltes eingetragen befanden. Er begann die Zahlenreihen
zu prüfen, welche die Blätter anfüllten. In diesen arithmeti-
schen Uebungen fand ihn noch der endlich eintretende Vor-
steher des Hofhanshaltes (vedor da casa real).
D. Pedro blickte den alten Edelmann streng an und
reichte ihm mit Kalte die Hand zum Kuss, indem er den
Kopf schüttelte und die Stirn runzelte. Die Rechnungen, die
er vor sich hatte, machten dabei die Wirkung eines kausti-
schen Mittels; sie steigerten seine Erbitterung.
«Da ist's kein Wunder, dafs kein Geld vorrathig ist»,
rief der Konig, indem er mit geballter Faust auf das Buch
schlug. «Fernäo de Sousa, man macht aus meinem Hause
einen Fichtenwald (um pinhal), alle berauben mich, und du
lassest sie rauben.»
«Eure Majestät geruhen zu wissen')...
«Tch weifs, sage ich dir, ich weife I Es schreit zum Him-
mel! Man macht mir eine Rechnung, weifst du, wie hoch?
Sechs Contos und achthundert mil-reis ^) in diesem Jahr.
Aber wofür, gerechter Gott, wofür? Für die Speisekammer
(ucharia) der Konigin, die es Gott gefallen hat zu sich zu
rufen. So kostet mich die in Gott Selige nach ihrem Tode
1) Ein Conto de reis ist ungefähr 1200 Thlr., and mil-reis =1 Thlr.
ISy^ Silbergroschen.
21*
1
316 ^'«i^<i. Wolf
ebenso viel, oder noch mehr, als wahrend ihres theuren Le-
bens .. . Fernäo de Sousa, wie lange ist es her, dafs die
Königin, meine Herrin, starb?»
«Am jfingstverfiossenen 4. August waren es sieben Jahre»,
antwortete ruhig der Haushofmeister.
aFür wen ist dann die Speisekammer? Wer verzehrt
mir dann so viele Gontos de reis, wer bringt mich um dies
enorme Geld?»
«Niemand, mein Gebieter.»
«Niemand?» rief der Monarch, erstaunt über diese ab-
surde Antwort; «Niemand, sagst du?»
«Geruhen £w. Majestät^ sich zu informieren.»
«Wird das Geflügel getödtet?»
«Ja, gnadigster Herr.»
«Schafft man die Lebensmittel an?»
«Sie werden angeschafft, gnädigster Herr.»
«Kurz, giebt man das Geld aus^ nahe an sieben Contos
de reis?»
«Ja, gnädigster Herr.»
«Da seht mir 'mal den Dieb! Wer ist's, der mir so viel
Geflügel, so viel Süfsigkeiten verschlingt?»
«Den Dieb?» . . . stotterte erschrocken der Oberoffizier des
k. Hauses (official mor da casa). «Der Dieb ist niemand an-
ders, als die königliche Munificenz Ew. Majestät.»
«Meine Munificenz?» schrie der Konig, indem er die
Hände gen Himmel erhob, voll Ueberraschung. — «Du er-
kühnst dich zu sagen , dafs ich der Dieb in meinem Hause bin. »
«Ew. Majestät bestehlen sich nicht, Sie gestatten nur die
Ausgaben. »
«Ich gestatte die Ausgaben!» wiederholte der Fürst, und
liefs die Hände wie gelähmt sinken.
«Es ist die Wahrheit, gnädigster Herr. Jeden Tag ar-
beitet man in den Küchen und werden die Tafeln gedeckt.»
«Wie zu Lebzeiten Ihrer Majestät der Konigin?» fiel
D. Pedro ironisch ein.
«Genau so; und jeden Tag zur herkömmlichen Stunde
tragen der Vorschneider und der Mundschenk die Gerichte
auf und befehlen . . . .»
«Dafs man sie dahin schleppe, wo sie sie gerne haben
wollen?» sehne der Monarch. «Das erwartete ich.»
«Um Verzeihung, Ew. Majestät, sie befehlen, dafs man
Zur Gesch. der portug* Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 317
sie verzehre», erwiederte der Haushofmeister mit einer subli-
men G^eberde.
D. Pedro II. hielt sich den Kopf mit beiden Händen,
ohne ein Wort zu sagen.
aDas ist die Sitte des königlichen Hauses», fuhr der
Oberoffizier ganz heiter fort. aSo lange der Konig nicht das
Gegentheil befiehlt, geht alles seinen gewohnten Gang fort,
die Besoldungen, die Kost und die übrigen Ausgaben.»
Der Haushofmeister sprach mit der Seelengrolse eines
Dieners, der Gott furchtet und sich seiner Pflichten bewufst
ist Der Monarch zweifelte, ob er einen Schurken vor sich
habe, oder blofs einen Idioten«
«Und die Kostgelder?» frug der Souverain mit verstell-
tem Lächeln.
a Werden gegeben.»
aUnd die Damen?»
«Empfangen alle.»
«Ohne Dienste zu leisten! Und die Diener des Hauses
der Konigin?»
«Empfangen alle.»
«Sie thun in der That sehr wohl daran! Ist noch keiner
gestorben ? »
«Es starben drei. Ihr Lohn wurde zu Seelenmessen für
sie verwendet.»
«Und ich bezahle das Wachs für diese elenden Verstor-
benen?»
«Ew. Majestät bezahlen.»
«Nun will ich aber auch den Grund davon erfahren.
Herr Haushofmeister, wissen Sie, dais dies keinem wohlfeil
soll zu stehen kommen, da es nur so theuer kommt.»
«Der Gtrund ist: dafs kein Befehl vom Konig gekommen
ist, den Haushalt der Konigin aufzulassen.»
«Aber starb, oder starb Ihre Majestät nicht vor sieben
Jahren?»
«Wenigstens nicht für Ihren Haushalt. Dort ist nichts
kundgegeben worden.»
«Wo bist du unterrichtet worden, Fernäo de Sousa?»
rief der Konig wüthend.
«In dem CoUegium von Santo Antäo, geruhen Ew. Ma-
jestät zu vernehmen», erwiederte der Haushofmeister in aller
Unschuld.
1
318 Ferd. Wolf
«Da haben sie dich was Sauberes gel ehrt I»
«Den König zu ehren und zu lieben, über alles andere,
nächst Gott.»
«Woraus deine Weisheit folgerte, dafe du mich zu Grunde
richten mufst?»)
«Gnädigster Herr, der üeberfluls des Königs ist die
Freude des Armen.»
«Eine grofse Maxime I Und dann?» —
«Und dann, da diese sechs Contos und achthundert mil-
reis zweihundert Familien ernähren, so folgerte ich, dafs Ew.
Majestät vorsätzlich die Augen schlössen.»
«Habe ich dich zum Haushofmeister oder zum Almosenier
ernannt, Fernäo de Sousa?»
«Zum Haushofmeister, geruhen Ew. Majestät zu wissen.»
«Nun wohl, von heute an wirst du eingedenk sein, daik
ich nicht die Augen schliefse, sondern sie öffne. Ich will,
dafs durch diese königlichen Küchen ein Strich gemacht werde,
und ein noch größerer, wo möglich, durch diese Tafeln und
Kredenzen . . . Hast du mich verstanden?»
Fernäo de Sousa rifs die Augen verwundert auf- und
machte eine ganz verblüffte Miene. Man sah ihm an, dafs es
ihm ungeheuerlich und unerhört schien, dafs der Souverain
wegen sieben Contos de reis solchen Lärm schlage und so
strenge Befehle gebe.
D. Pedro war seinerseits in Zweifel, ob er lachen, oder
sich erzürnen solle. Die lange und hagere Figur seines Haus-
hofmeisters, in voller Selbstbefriedigung sich aufrichtend, die
sinnloseste Verschwendung mit dem Aplomb eines Menschen
vertheidigend , der sich bewufst ist, seiner Pflicht auf das ge-
wissenhafteste nachgekommen zu sein, war ein so originelles, so
ausgesuchtes und unverhofftes Schaustück, dafs der Monarch sich
nicht mehr halten konnte, und sich in seinen Armstuhl zurück-
lehnend, in schallenden Ausbrüchen lauten Gelächters sich Luft
machte. Dieser Anfall von Heiterkeit liefs auf dem Gesichte
des Oberoffiziers des k. Hauses nicht den mindesten Eindruck
wahrnehmen, es blieb ganz unverändert. Fernäo de Sousa ver-
harrte steif in seiner starren Gravität, unfähig zu gestatten, dafs
eine einzige Muskel seiner Physionomie sich verziehe und dadurch
die feierliche und strenge Gewichtigkeit der Etikette verletzt werde.
«Warum werden diese Rechnungen erst nach- Ablauf von
sieben Jahren mir vorgelegt?» frug der König.
Zar Gesch. der portag. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 319
«Das geschieht jedes Jahr; aber Ew. Majestät geruhten
nur heute, sie Ihrer Prüfung zu würdigen.»
« Ah I Und meine Gatheifsung ? »
«Es wird angenommen, dafs Ew. Majestät sie giebt, wenn
keine Censur erfolgt.»
«Gat, aber ich bin von ihrer Vorlage nicht unterrichtet
worden. »
«Der König weifs alles.»
aAlso der Eonig mnfs selbst errathen , Fernao de Sousa?»
«Nein, gnadigster Herr. Aber es ist Sitte, Ew. Majestät
von nichts eher zu sprechen, bevor Sie nicht geruht haben,
darnach zu fragen.»
«Genug davon I Was tragen die Zehentabgaben und die
königlichen Gefalle von Cintra ein?»
«Einen Conto ^ vierhundert mil-reis.»
«Und die Fischerei und die Gebühren von Aveiro?»
«Siebenhundert und fünfzehn mil-reis, in den letzten sie-
ben Monaten.»
«Nun, ihre Verwendung! .. . Was ist damit geschehen?»
«Sie sind als Almosen an die armen Kloster vertheilt
worden. »
«Bewunderungswürdig! . . . Und dann?» rief der Fürst
ärgerlich.
«Dann, nichts weiter. Es waren die Befehle Ew. Maje-
stät», erwiederte d«r Haushofmeister, schon ein wenig einge*
schüchtert.
«Ich gab nie solche Befehle I»
«Es gab sie Ihre Majestät die Konigin, schmerzlichen
Andenkens, und das ist dasselbe, wie der Konig weifs. Es
waren Einkünfte ihres Hauses.»
«Famos! In allen Angelegenheiten des Hofhaushaltes hast
du vor allem meinen Secretär der Gnaden Diogo de Mendon9a
zu boren und dich mit ihm ins Einvernehmen zu setzen. Ich
werde ihm die Befehle zukommen lassen. Fernäo de Sousa,
ich finde dich über alle Mausen freigebig; ich aber will mich
nicht um der Etikette willen zu Grunde richten . . . Hast du
verstanden?»
«Ew. Majestät wollen erlauben?»
« Sprich ! »
«Darf ich wissen, ob ich mir die kSnigliche Ungnade
zuzog?»
1
320 ^erd. Wolf
«Warum?»
«Um mich auf meine Güter zurückzuziehen.»
«Nein! Aber ich will wissen , was mit dem geschieht, was
mein ist, und du weiijst weder von Deinem, noch von Frem-
dem Bescheid ; darum wird mein Secretär der Gnaden dir hel-
fen .... Ah I Diogo de Mendon9a, weifst du eine Neuigkeit ?
Ihre Majestät die Konigin starb nicht! Frag nur den Haus-
hofmeister Fernäo de Sousa. »
Diogo de Mendon9a war in diesem Augenblick eingetre-
ten, und als er den Konig horte diese verfängliche Frage
stellen, lächelte er mit der dem Könige zugekehrten HälfLe
seines Gesichts, während er der anderen, dem alten Edel-
manne sichtbaren einen betrübten Ausdruck gab. Um nicht
gleich antworten zu müssen, näherte sich der schlaue Minister
langsam dem Konige, vor dem er niederkniete und ihm die
Hand küfste.
«Befehlen Ew. Majestät, dafs ich mich zurückziehe?» firug
der Haushofmeister, ganz roth werdend.
«Nein, bleibet... Diogo de Mendon9a, wie ich dir sagte,
Ihre Majestät die Konigin starb nicht.»
«So sehr ich es auch wünschte, kann ich nicht das Glück
haben ^ Ew. Majestät zu verstehen», entgegnete der Secretär,
um sich aus der Schlinge zu ziehen.
«Es ist die volle Wahrheit. So eben habe ich sieben
Contos de reis für ihre Speisekammer in diesem Jahre bezahlt,
laut den Rechnungen meines Haushofmeisters.»
«Die Munificenz Ew. Majestät ist nnbegränzt. Was sind
auch sieben Contos de reis? Ist nicht der König der Vater
seiner Vasallen!»
Der Haushofmeister athmete auf. Der Minister nahm seine
Partei. D. Pedro lächelte.
«Mir scheint, du bist der Ansicht meines Haushofmeisters;
du lassest den Todten die Tafel bestellen, um die Lebenden
fett zu machen.»
«Ich, gnädigster Herr?! ich dachte, Ew. Majestät sprä-
chen im Scherz. Es giebt also jemand, der Ew. Majestät be-
stiehlt und noch nicht gezüchtiget wäre?»
«Diogo de Mendon9a, niemand bestiehlt mich. Wisse, der
Dieb bin ich. »
«Nun verstehe ich erst vollends nicht; verzeihen Ew. Ma-
jestät! Denn der König, der die Weisheit selbst ist . . .
Zar Gesch. der portug. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 321
«Ich will mich erklaren. Es wurde kein Befehl gegeben,
den Haashalt der Königin, die in Gott ruht, aufzulassen, und
Femäo de Sousa, mein Haushofmeister, entschied, daCs man
in der Bestreitung desselben fortfahre, wie zu Lebzeiten Ihrer
Majestät.»
«Bei Gottt er entschied gut, verzeihen Ew. Majestät.»
«Er entschied gut?»
aGewifs. Der Gehorsam ist lobenswerth. Der Haushof-
meister hatte keine Ordre ...»
«Aber wer ist dann der Schuldige, denn es trägt doch
ohne Zweifel jemand die Schuld?»
«Wer die Ordre ihm nicht zukommen liefs; aber die
Gnade Ew. Majestät wird ihm zu gute kommen.»
«In Anbetracht dessen schuldet Roque Monteiro meinem
Hause sieben Contos de reis für jedes Jahr?» . . .
«Habe ich denn gesagt, dafs es Roque Monteiro war?
Verzeihung, Ew. Majestät, das sagte ich nicht.»
«Was in sieben Jahren macht?» fuhr der Konig fort, in-
dem er sich anstellte, als habe er nicht gebort.
«Neunundvierzig Contos genau», schlofs der Haushofmei-
ster mit seiner unfehlbaren Sicherheit im Rechnen und dem
fragenden Blicke des Königs gehorchend.
Diogo de Mendon9a stellte sich wie niedergeschmettert.
Sein Angesicht wurde zur tragischen Maske, von der Gewalt
des Schmerzes überwältigt. Sich dem Konige zu Füfsen wer-
fend, mit kaum zurückzuhaltenden Thränen in den Augen und
mit einer meisterhaft erkünstelten Heiserkeit der Stimme rief
der Secretär der Gnaden:
«Ew. Majestät ist gnädig! Es war eine Fahrlässigkeit
seinerseits, aber wer ist vollkommen, wer weifs sich davon
frei? Er ist mein Feind, ich weifs es wohl; aber das thut
nichts, er ist ein guter Minister. Sie sagen ihm Schlechtes
nach? Aber auch mirl Gott weifs es. Schenken Ew. Maje-
stät ihnen keinen Glauben. Sie wollen überreden, dals er
sich mit den Lieferanten des königlichen Hauses einverstanden
habe und von den Fremden Aufgeld empfange? . . . Bei Gottl
ich lege die Hände ins Feuer ... es ist Verleumdung.»
«Ahl» rief der Konig, der zum ersten male diese An-
schuldigungen vernahm.
«Schenken Ew. Majestät ihnen kein Gehör», fuhr der
eifrige Vertheidiger fort; «ich weifs nicht, warum er mir übel
1
322 Ferd. Wolf
wiU; ich habe ihm nie Uebles gewünscht; aber was that dies
zur Sache? Die Wahrheit mufs gesagt weiden. Roqne Mon-
teiro ist ein Ehrenmann yoU Frömmigkeit. Und doch bringen
sie ihm auf, er gehe nicht in die Messe ... die Albernen I»
«Ein schlechter Katholik, hm?» — fiel D. Pedro mit
Strenge ein.
«Glauben Sie es nicht, gnädigster Herr. Er hält einen
Capellan ... für die Familie, und hört oft Messe. Er ist kein
Ketzer, er hat nichts davon an sich! Ah, wie häfslich ist
der Neid! Beschuldigten sie nicht auch mich der Erpressung
eines Crucifixes von Elfenbein, in Indien verfertigt, und sag-
ten, dafs es vom Fufsgestell bis zur Strahlenkrone ganz mit
kostbaren Edelsteinen bedeckt war? ... Mich ärmsten!»
«Nun?»
«D^s war nicht der Fall!... Und die Schlingel wufisten
es. Bei aller Ehrfurcht vor dem heiligen Bilde, es war ein
Stuck Elfenbein von ganz roher Arbeit und von Würmern an-
genagt . . . Ich forschte nach , wer der Vater dieses Gerüch-
tes sei .. .»
«Und hast deinen bösen Geist (o teu Anito) entdeckt»,
frug der König lachend.
«Ja, ich war so glücklich! Aber ohne ausdrücklichen
Befehl kann ich nicht bekannt geben ...»
«Ei doch!»
«Ew. Majestät befehlen?»
«Ja, ich befehle es.»
«Es war Koque Monteiro, der Beklagenswerthe ! Aber
nicht aus Bosheit . . . nur aus Scherz. »
«Und du vertheidigst ihn noch!? ... Was erfolgte?»
«Ich lud ihn zum Frühstück ein und dazu die drei Per-
sonen, die es von ihm gehört hatten.»
«Das mufs unterhaltend gewesen sein .. . Sprachst da ihm
von dem heiligen Christus?»
«Ich machte ihn Wunder davon sagen! Auch konnte er
sich nicht anders helfen, die andern waren ja zugegen.»
«Das war nicht übel. Was weiter ?)>
«Ich verkaufte ihm denselben. Ich wollte nicht, dafs ein
so kostbares Werk in anderen Händen bleibe.»
«Und er kaufte ihn?» rief der Fürst unter vielem Lachen.
«Was blieb ihm übrig! Er selbst bestimmte den Preis
da£ür.»
Zur Gesch. der portag. Nationalliteratur in der nenesten Zeit. 323
«üngeschaut?»
«Der Lober ist der beste Zahler. Er kostete ihm drei»
hundert mil-reis. Und mit aller Achtimg vor dem heiligea
(gegenstände, das Ding ist keine zehn werth; ich zweifle, daCs
man mir diese gegeben hätte.»
«Das hat dir trefflich gerathen, Diogo de Mendonga!j>
«Ich erbitte mir aber die Gnade von Ew. Majestät, zu
bemerken, dafs ich nichts zu seinem Nachtheil sagte.»
«Im Gegentheill und dir gereicht's zur Ehre. Fernäo dfe
Sousa, die Rechnungen des Hofhaushaltes werden von Diogo
de Mendon9a erledigt werden. Du kannst dich entfernen.»
D. Pedro 11. war ein echter Sprofsling des Hauses Bra-
ganza, was den Geschmack betriift, sich um pikante Hof-
anekdoten zu klammern, und machte sich familiär mit Perso-
nen, die ihn in dieser Hinsicht befriedigen konnten. Die
Geschichte von dem Crucifixe ergötzte ihn ungeheuer, und es
machte ihm Spafs, witzige Gommentare dazu zu liefern. Zu-
gleich setzte sich in seinem Kopfe die ungünstige Ansicht fest,
welche der listige Höfling ihm in Beziehung auf die Redlich-
keit seines Nebenbuhlers einzuflofsen wufste. Von diesem
Augenblick an verlor Roque Monteiro, welchen der Secretar
der Gnaden durch dessen Uebermafs von Gläubigkeit zu recht-
fertigen suchte, allen Credit in der Meinung des Fürsten, und
Diogo de Mendon^a, den eine ordinäre Verleumdung erniedrigt
hätte, der sich aber zum officiosen Beschützer seines Feindes
aufwarf, erschien in den Augen des Monarchen als eine grols-
müthige Seele und ein Taubenherz. Der Haushofmeister, der
ein Freund des Roque Monteiro war, verliefs voll Bewunde-
rung für den Adel der Gesinnung Diogo de Mendon9a^s und
ganz gerührt das königliche Gemach, und wurde des letzte-
ren Lobredner."
Weniger gelungen scheint uns die Zeichnung des
Charakters Johann's V.; denn wenn er auch hier nur
noch als leidenschaftlich verliebter Jiingling erscheint,
veenn es auch dem Dichter erlaubt war, diese Liebe ganz
ideal aufzufassen, so stellt er diesen Konig, der in guten
wie in schlimmen Eigenschaften eine Miniaturcopie Lud-
wig*8 XIV. ward, den er sich in der That zum Vorbild
wählte, doch gar zu sentimental dar und läfst ihn, wie
324 Ferd. Wolf
einen zweiten Amadis, sprechen und handeln. Mit der-
selben, für jene Zeit wenig mehr passenden, verliebten
Ueberschwänglichkeit und sentimentalen Ritterlichkeit ist
auch der Capitän Jeronymo Guerreiro, der Bräutigam
von Cecilia's Schwester, gezeichnet, durch dessen blinde
Eifersucht die Katastrophe herbeigeführt wird.
Die drei weiblichen Hauptcharaktere, Cecilia, deren
Schwester Thereza und deren Freundin Catharina <Je
Athayde, sind ebenfalls sehr ideal gehalten. Auch finden
wir den Charakter Cecilia's nicht ganz glücklich angelegt,
oder wenigstens nicht consequent durchgeführt; denn sie
tritt anfangs als ein naives, mit kindlicher Unbefangenheit
der Leidenschaft sich hingebendes, dabei heiteres, ja
muthwilliges Mädchen auf, und sie ist es, die am Ende,
als sie erfährt, dafs ihr Geliebter der Kong ist, mit der
Resignation und der Standhaftigkeit einer Heroine den
drängendsten Bitten des sie knieend beschworenden Königs
widersteht, mit ihm den Thron zu theilen, ihn, der wie
Amadis um die Oriane, um sie wirbt, mit den Gründen
eines Staatsmannes überredet, ihr zu entsagen und sich
standesgemäfs zum Wohle seines Volkes zu vermählen,
sie aber im Kloster seinem Andenken leben, oder viel-
mehr am gebrochenen Herzen sterben zu lassen.
Besser und consequenter angelegt und durchgeführt
ist der Charakter ihrer Schwester Thereza, die ihren Ju-
gendgespielen und Bräutigam Jeronymo beinahe unglück-
lich macht, weil sie glaubt, er entspreche nicht ganz ih-
rem Ideale, weil sie dieses in dem Grafen von Aveiras,
dem Bräutigam Catharina's, verwirklicht zu sehen wähnt:
gut geschildert ist der Kampf des Hochmuths mit der
Liebe, der Sieg der letzteren durch Ernüchterung und
Mitleid in diesem stolzen weiblichen Herzen. Catharina
aber ist die personificierte Verständigkeit, Ellarheit und
Ruhe, die sicheren Schrittes ihrem Ziele entgegengeht
und den beiden auf dem sturmbewegten Meere der Lei-
denschaft sich umhertreibenden Freundinnen wie ein lei-
tender Stern erscheint.
Auch unter den vielen Nebenfiguren sind manche
trefflich gezeichnet, und wenn man auch die komischen
Zur Gresch. der portug. Nationalliteratur in der neuesten Zeit. 325
Partien und Charaktere als zu burlesk gehalten und oft
zu sehr an Carikatur streifend, wie der Verfasser selbst
gefühlt, für unpassend und in zu grellem Contraste mit
dem üebrigen stehend erklären mufs, so kann man ihnen
doch eine wahre vis comica nicht absprechen.
üeberhaupt sind es mehr die UeberfSille an Phan-
tasie und Beredtsamkeit, der fast ermüdende Farbenreich-
thum, das Ausmalen bis ins kleinste Detail, die manch-
mal dem Werke Eintrag thun, besonders in den Augen
des nüchterneren Nordländers. So z. B. werden wir uns
kaum eines ungläubigen Lächelns enthalten können bei
den pathologisch -physiognomischen Beschreibungen des
Verfassers, wie bei der oben angeföhrten von Mendon^a^s
Physiognomie, der jeder Hälf):e derselben einen anderen
Ausdruck zu geben wufste; oder wenn Thereza's „grüne
Augen" (olhos verdes) auf zwei vollen Blättern geschil-
dert werden 1 *). —
Doch wir wollen, um nicht unbillig zu scheinen, mit
dem Urtheil eines Landsmanns des Verfassers schliefsen,
der jedenfalls der competenteste Richter über dessen Spra-
che und Stil ist. Lopes de Mendonga (1. c, p. 130 — 131)
sagt nämlich davon:
„Der Verfasser von den «Jugendjahren Johann'sV.»
ist ein kräftiger und fruchtbarer Landschaftsmaler (e um
paysagista vigoroso e fecundo). Diese Eigenschaft giebt
seinem Stile all den Reichthum und die Farbenpracht der
Malerei. Seine Sprache ist voll Prunk und Ueppigkeit,
sein Pinsel erscheint uns mehr als einmal mit Farbe über-
laden. Die Linien einer correcten Zeichnung werden uns
oft plötzlich verdeckt durch diesen Ehrgeiz des Pinsels.
Er nähert sich den brillanten Coloristen der venetiani-
schen Schule; es ist ein künstlerischer Sensualismus in
dieser Ueppigkeit der Beschreibung, ein Uebermafs und
Luxus in diesen Ausschmückungen.
^) Wie sehr übrigens die „grünen Augen** als eine Schönheit der
Damen von jeher von den portugiesischen und spanischen Dichtern ge-
feiert wurden, hat der verehrte Diez in seiner neuesten trefflichen
Schrift: „lieber die erste portugiesische Kunst- und Hofpoesie** (Bonn
1863, 12. S. 89) nachgewiesen.
1
326 Pe^* Wolf, Zar Gesch. d. port. Nationftlliteratar in d. neuesten Zeit.
,, Seine orientalische Einbildungskraft verachtet die
strenge und einfache Schönheit. Um die Weilse eines
Halses hervorzuheben , umgiebt er ihn mit einem Schmuck
von Smaragden und Rubinen; um uns die Feinheit und
Weichheit schwarzer Locken recht lebendig zu schildern,
sucht er sie mit Perlen zu durchflechten. Aus dieser
Vorliebe entstehen gewifs wimderbare Effecte; aber ich
möchte fast behaupten, dafs der Ausdruck des Ideellen
und Philosophischen oft durch diese abenteuerlichen Züge
seiner Phantasie verliert.
„Hr. RebeUo da Silva hat einen Stil voll Eigenthüm-
lichkeit (cheio de individualidade), und schon dies sichert
seinen Einflufs, kennzeichnet (marca) seine Stellung in
der modernen portugiesischen Literatur.
„Er kann Nachahmer finden, die so gut wie er die
Geheimnisse seiner Sprache anwenden (que manejem, täo
bem como eile, os segredos da sua phrase); aber dies
wird nicht im mindesten die Ansprache seines Ruhmes
beeinträchtigen« '^
Ferdinand Wolf,
Orion, Ein Motto Confetto von Franc, di Vannoszo. 327
Ein Motto Confetto des veroneser Dichters
Francesco di Yannozzo.
Der Codex 59 aus dem 14. Jahrhandert der padaaner
Seminars -Bibliothek enthält Gedichte von Francesco di Yan-
nozzo aus Verona und 14 andern Trecentisti, die mit diesem
in literarischer Correspondenz standen : Bartolammeo da Piove,
Ghidino da Sommacampagna, Giovanni de' Dondi, Micolo de
Schachis, Marsilio da Carrara, Nie. de Leone, Nie. del Bene,
Antonio del Gaio, Nie. de Senechis, Pier della Rocca, Ye-
retta, Pietro Montanaro ^ Belletto Gradenigo, Gaspare Lanza-
rotto. Ueber die Handschrift; und den veroneser Dichter gab
schon einige Nachricht der Pater Giovanni d'A.gostini S. 290
seines Werkes über die venezianischen Schriftsteller, wo er
völlig genau bemerkt, dafs in einer Canzone des Francesco
das Jahr ihrer Abfassung 1374 versiücirt vorkommt, und dafs
die letzten Sonette, indem sie Yerona und Yicenza, nicht aber
Padua, als dem Giangaleazzo Yisconti unterworfen darstellen,
auf das Ende des Jahres 1387 weisen. Früher als der Pater
hatte der MarChese Scipione Maffei in seiner Yerona lUustrata
(U, 2, 62) nach einer seiner Handschriften, die nun wahr-
scheinlich, wie die meisten andern Handschriften Mafifei's, sich
in der veroneser Capitular-Bibliothek befinden wird, den Fran-
cesco di Yannozzo als Zeitgenossen des Mastino Scaligero
(if 6. Juni 1351) bezeichnet. Ich zweifle nicht, dafs Maflfei
dieses nicht ohne zureichenden Grupd, den er entweder den
Gedichten seines Codex oder irgend anderswoher entlehnt,
angeführt habe. Aus der paduaner Handschrift erhellt ferner,
dafs der Dichter in den Jahren 1374 — 87 im vorgerückten
Alter stand; dafs er früher in Yerona, Treviso, Yenedig und
Padua gelebt; dafs er nach Padua vom Fürsten Francesco dem
Aelteren und zwar aus l^rankreich berufen wurde, welcher
Fürst selber zu den damaligen Poeten zählt; dafs er ein inti-
mer Freund des Marsilio da Carrara, Francesco's Bruder, war;
dafs er in literarischer Yerbindung mit Petrarca stand, dem
er ein Sonett zueignet und überhaupt grofse Bewunderung
zollt; und dafs er endlich am Hofe des Giangaleazzo Yisconti
gastliche Aufnahme fand, der am 4. Aug. 1378 seinem Yater
1
328 Grion
in der Regierung gefolgt war. Von Vannozzo's Gedichten gab
zuerst Nicolö Tommaseo 1825 zu Padna zwei arg zugerichtete
Canzone ^), dann 1829 zu Florenz vier Sonetti®) heraus; ein
Sonett von ihm liest man in der Storia della Dominazione
Carrarese in Padova scritta da Giov. Cittadella ') ; ein ande-
res ^) veröffentlichte 1858 der fleifsige veroneser Literat padre
Bartolammeo Sorio: sammtlich aus dem paduaner Codex. Nach
den vorhandenen Proben würde es schwer halten, über den
ästhetischen Werth von Vannozzo's Rdme ein besonders gün-
stiges Urtheil zu fällen; denn wie sehr ist derselbe nicht mit
der Correctheit, Feinheit nnd Durchsichtigkeit der sprachlichen
Form verwachsen? und doch ist kaum eines der mir bekann-
ten Gedichte unseres Autors von Provinzialismen frei, sodafs
es wohl unmöglich ist, einige seiner Vocabeln in die gang-
bare italienische oder, wie man sie selbst im 14. Jahrhundert
nannte, toscanische Form umzuändern, solche mindestens nicht,
die durch den Reim gebunden sind. Ungetrübt von solcher
doppelten Färbung hingegen kann man das hier folgende Motto
confetto geniefsen, welches zu seinem nicht geringen ästheti-
schen Werthe auch den historischen gesellet, das älteste bis-
her bekannte poetische Product in der Mundart der Stadt
Venedig zu sein, wenn man billigerweise die Inschriften und
die schon im vorigen Jahrhundert von Brunacci bekannt ge-
machte paduaner Cantilena ausnimmt, die in einem mehr all-
gemeinern venetischen als dem echt venezianischen Dialecte
verfafst ist. Was ein Motto confetto sei, lehrt uns Dante's Zeitge-
nosse, der Paduaner Antonio da Tempo in seinem 1332 heraus-
gegebenen Werke ,,De rithimis vulgaribus " *) , wo es heifst:
1) Rime dl Francesco Yannozzo tratte da un codice del secolo XIV
in occaaione delle faustissime nozze Zacco-Yalvassori. Padova, Tip.
del Seminario edit. 1825.
^) Saggio di rime di quattro poeti del secolo XIV tratte da an
codice inedito. Firenze, Pezzati 1829.
») I, 404. Padova, Tip. del Seminario 1842.
^) Ghidino da Sommacampagna poeta veronese del trecento , sonetti
inediti. Verona, Merlo 1858.
*) Das Buch erschien mit einzelnen Zuthaten, die alle folgenden
Grammatiker nach dem Beispiele des Trissino dem da Tempo zaschrie-
ben und daraus irrthümliche Folgerungen zogen, ^1509 in Venedig per
Ein Motto Confetto von Franc, di Vannozzo. 329
ideo appellatur motus confectos, qnia verba sunt confecta cum
sententiis notabilibus et pulchris et cum verbis praegnantibus,
et ideo dicitar motus, quia homo bene et sententiose move-
tur (I) ad loquendum cum hniusmodi verbia duplicibus baben-
tibus unumcunque iam bonum ac pulcherrimum intellectum.
Quidam tarnen istos motus confectos vulgariter appeUant froto-
las; et male dicunt iudicio meo, quia frotole possent dici verba
rasticorum et aliarum personarum nullam perfectam sententiam
continentia. Nam forte omnes non babent bene pro manibus
bniusmodi motus. — Uud weiter: Scias etiam quod in huius-
modi motibus ad bene esse oportet, quod aliqaa verba pulcbra
et valde solaciosa ponantur, quae quasi nihil videantur facere
ad praecedentia vel sequentia materiae praecedentis vel sequentis;
et sie etiam 'quasi per totum sermonem cuiuslibet motus con-
fecti verba et orationes videri debent extraneae una a reliqua
in sententiis. — In dieser Frottola fuhrt uns der Dichter zwei
Gastellani (Bewohner des der Pfarre S. Pietro di Castello
nächsten Stadtqnartiers) vor, welche zur Zeit des Krieges
von Chioggia, genauer um die Mitte des Jahres 1380, sich
über die traurige Lage ihrer Vaterstadt besprechen: doch nur
der eine ist ein Schwarzseher, der andere ist voller guter
Hoffnung und geneigt, die Sorgen' im Weine zu ersticken;
aber als die Flaschen leer und die Kopfe voll werden, binden
sie mit den Kneipern und den Nachtwächtern an; woraus ein
grofses Unglück geworden, wenn nicht zu rechter Zeit meh-
rere blutsverwandte Frauen hinzugekommen wären, deren men-
schenfreundlichen Bestrebungen es gelingt, die Helden auseinan-
der zu halten. Durch den Ruf dieser heroischen Intervention
gelangt aber eine derselben Damen zur Heirath, deren Vorsich-
gehen uns der Dichter in seiner satirischen, den Venezianern
ä la Boccaccio aufsässigen Weise des Breiteren schildert. —
Ich füge dem Texte eine italienische Uebersetzung bei, zur
sicherern Auffassung des Sinnes und der grammatischen Bedeu-
tung einzelner minder bekannter Wörter und Wortformen.
Simonem de Luere. Der Druck, der nach dem Scardeone 1540 uhü
que circum/erebatur , ist gegenwärtig sehr rar; die Codices häufiger;
auch Auszüge, ja sogar eine Uebersetzung in den paduaner Dialect aus
dem 15. Jahrb, ist auf norditalischen Bibliotheken zu finden, da das
Werkchen im 14. und 15. Jahrb. als Schulbuch gebraucht wurde.
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 3. 22
330
Grion
— Se Die m* aide, a le vangiwelel
compar,
a dir cio che me par,
i' e gran paura,
8* el no n' deiven Ventura,
no perderemo la 'mbaldara,
e difiaremo fozea.
Zenovesi x' a Clozza
entro per quei Vignali;
'li fase tutti li mali;
lo xe nn peocado.
Marco Storlado
end' h pur mo vignudo
e sier Zan Saniido
con esso;
et enghe stadi appressu
a un trar di piera.
'Li a yezndo 'na bandiera
granda
con una banda
blanca e non se che vermeio:
per sen Baseio
se la rende splendorl
xe r arme del signor
da Oarrera,
che nd' ä fatto sta nera
con so traditi enganni.
Ei fa gia plusor anni
Chi ese questa bugada:
esse si r a menada,
e mo nde da panada
senza pan.
— Die I mo pur plan ,
per san Oasianl
driedo ancüo vien doman;
lassb pur andar;
mo dis^me, conpar,
che nde pnö-li £ar?
I nde puö rubar;
de che partido
non saremo nu a lido?
— E seu porti dol ') porto ,
xe sem Marco morto.
— Vu 6^ gran desconforto
-^ Se Dio m* aiuü » a le yangele !
compare ,
a dir cio che ml pare,
io ho gran paura,
s* ei non ci vien yentura,
not perderemo la baldezza,
e smetteremo V aria.
I Genovesi sono a Chioggia
entro per quei vignali;
essi fanno tutti i mali;
gli h an crepacuore.
Marco Stordito
n' h or ora venuto
e ser Gian Sannto
con esso;
e sonci stati appresso
a an trar di pietra.
Essi hanno veduto una bandiera
grande
con una banda
bianca e non so che vermiglio:
per san Basilio
quanto e splendente!
e r arma del signor
da Carrara,
che n' ha fatto questa nera
co' suoi felli inganni.
Ei fa gia plu anni
ch' esce questa risciacquata :
egli si r ha menata,
e or ne da panata
senza pane.
— ^ Dio! per6 adagio,
per san Canziauo!
dopo r oggi viene il domani;
lasciate andare;
or ditemi, compare,
che ne ponno essi fare?
Essi ne ponno mbare;
di che partito
non saremo not al lido?
— E siete voi diviso dal porto,
san Marco h morto.
— Voi siete grande sconforto
^) Der Codex: portidol; ol lautete und lautet noch der Artikel in
mehreren lombardischen Dialecten.
Ein Motto Confetto Ton Franc, di Vannozzo.
331
a la citade,
che Die ve dm firmitade,
lengua maledetta,
tolle gioso la vetta
(«se sta terra benedetta
die andar a eacoomano*';
che s' an garson di mano >)
v' avesse oldido ,
m saresse schemido
e -vitupeifMio.
Lo campo xe levado . . .
— Diö '1 voia.
— lo dico: deve bona roia,
che nu ayeremo plazer e zoia
avanti che conpla *1 mese;
co' che xe
le Bebe^ xe rescattade*
qaesto xe veritade;
ch' ie V h sapiido
da sier Benvegnado
e da mio cugnado,
e vu sh smemorado
tal co' bestia;
no me de plu molestia,
che Die v' aide.
— Chi non pn6 planzer, ride.
— A la buonazza,
CO vol^ yn che se fazza,
mov^mose de plazza,
e tocheremo '1 gotto.
Qame sier Marcotto,
e andaremo de botto
al Maratasso ^ ;
o vol^ passo passo
(ende xe nn tratto d'arco)
dire a Marco,
che vada oltra anenti
e un de li oltri fenti,
el vostro, el mio,
81, a le plaghe de Diol *)
alla citta,
che Dio vi dia fermezza,
lingua maledetta,
ritirate qnelP infilata
^<se questa terra beaedetta
dee andar a saocomanno";
che se un garzon manesco
v' avesse udito ,
voi sareste schernito
e vituperato.
II campo ^ levato . . .
— Dio il voglia.
— lo" dico: datevi buon tempo,
che noi avremo pia^er e gioia
avanti che compia il mese;
come che h (al momento che siamo)
le Bebbe sono riprese;
qaesto h vero;
ch' io r ho sapnto
da ser Ciuto
e da mio cognato,
e voi siete uno smemorato
tal come bestia;
non mi date piü molestia,
che Dio v' assista.
— Chi non puo pianger, ride.
— A la buon' ora ,
quando volete voi si faccia,
muoviamoci di piazza,
e toccheremo il gotto.
Chiamate ser Marcotto,
e andremo di botto
al Materasso;
o volete strada facendo
(quinci h un tratto d'arco)
dire a Marco,
che vada avanti prima
e un degli altri fknti,
il vostro, il mio,
si, a le piaghe di Dio!
^) Der Codex: saccomanno — di manno.
2) Das Fort delle Bebbe bei Chioggia, von den Venezianern ver-
loren im März 1379, wieder erobert gegen Ende Juli 1380.
8) Schild einer Schenke, glaub' ich, und Metathesis von materasso.
*) Das von Dante (Vulg. El. I, 14) und Boccaccio (Dec. IV, 2)
belächelte Intercalare.
22*
1
332 C^rion
Coletto Ao;
vard^me dft olto,
traggi nn gran solto
faor de Riolto,
£ corite 'nde a casa;
e puo' dira' a Tomasa
o Cattaruzza, che dia la clave
a una de le sclave,
e sia bona massera;
parecla una anghestera
con do gotti
per missier
e per Pier
Vidotti;
e se i smergoni h cotti ,
di che la manda gioso.
Co' distu , Nafoso ,
de questa nostra paxe?
— Mesier, ft co' ve plaze
pur aponto.
Vu ave a far conto,
che CO misier fo zonto
e la brigada,
'li fese tal fracasada,
che tutta la contrada
fo a remor.
Fuor
ze *nde plusor,
sier Michiel procolator . . .
e fo nde li signor de notte. ^)
Misier li se d^ tante botte,
che Dio misericordia!
Non dixe de concordia,
ni per Dio ni per senti,
homeni e fenti
li scampaya danenti.
Quel tristo abissado
era emplagado,
e r oltro a-via snodado
el costolier.
E puo* yeder mesier
cola pertresso,
il figlio Cola;
guardatemi dall' alto,
traete un gran salto
fuor di Rialto,
e indi correte a casa;
e poi dirai a Tomasa
o Catterina, che dia la chiave
a una delle schiave,
e sia buona massaia;
apparecchia una guastada
oon due bicchieri
per messere
e per *Pier
Vidotti;
e se i merghi son cotti,
di che li'mandi giuso.
Come dici, Piagnone,
di questa nostra pace?
— Messere, fate come vi place
pure cosi.
Dovete sapere,
che quando (il detto) messere fu
giunto
e la brigata,
fecero tale fracasso,
che tutta la contrada
fu a romore.
Fuori
ci sono parecchi,
ser Michele procuratore . . .
e vi fiirono i Signori di notte.
Messere ivi si die tante botte,
che Dio misericordia!
Non parla di concordia,
ne per Dio n^ per santi,
uomini e fandulli
▼i fuggivan davanti.
Queir uomo d'abisso
era ferito,
e V altro avea snodato
il costato.
E poi a veder messere
piegato il busto indietro e Tanca
in fuori.
1) Venezianische Magistratur.
Ein Motto Confetto von Franc, di Vannozzo.
333
negan ghe steya presse |
se no pno' adesso
CO venne madonna Diodada,
snor de so cognada,
la cosa fo de botto atasentada;
che CO 'lo la vete,
*lo se restete,
€ mese lo gladio en vagina.
Agnesina'
e Margarita
senza flado e senza vita
e qnella topina afflita
da ca' Moro,
bona CO* V oro ,
e col so cavo blondo,
desfarse del mondo,
baterse e afranger . . .
la fe^a planger
tntti en yeritade;
si che per so bontade
fese tanto,
che la si pno dar vanto
en qnesto stado
d'aver paclficado
do Moni;
talcb^ '1 nevodo de sier Zan Gar-
gioni
CO Dio a plasesto
s' e pareclado e presto
de tnorla per moier.
£ fin da r oltrier
el pledo h comenzado,
et enghe za invitado
plnxor donne da Corner
e li Znbler;
e tutti xe apparecladi,
li xe spalmadi
de claro.
(E se m' h ase de caro,
che sia comprado el varo
e le vamazzel)
E s' el non deyien cosa che nd' em-
pazze,
co' xe tempesta o pluoba,
io credo che zuoba
la cosa sara spazada,
e sera 'nghe brigada
da barbuda.
nessun TaTTicinava;
se non poi allora
che venne monna Teodora,
suora di saa cognata,
la cosa fu tosto assopita;
ch^ quand' ei la vide,
ristette ,
e rimise la spada.
Agnesina •
e Margarita
senza fiato e senza vita
e quella tapina afflitta
di casa Moro,
buona come l'oro,
con qnella sua testina bionda,
sfarsi del mondo,
battersi e infrangersi . . .
faceva piangere
tutti da senno;
si che per sna bonta
fece tanto,
ch' ella si puo dar vanto
in questo stato
d*aver pacificato
due lioni;
di modo che il nipote di ser Gian
Gargioni
quando a Dio piacque
s' e apparecchiato e presto
di torla in moglie.
E fin da ieraltro
il piato e cominciato,
ed hannoci gia invitato
piü signore Corner
e gli Zahler;
e tutti sono apparecchiati
e spalmati
di chiaro.
(E se mi avete niente caro,
siami comprato il vaio
e le vernaccel)
E 8* ei non avvien cosa che ne im-
pedisca,
come sarebbe tempesta o pioggia,
io credo che giovedi
la cosa sara spacciata,
e saravvi anche brigata
da barbuta.
334
Grion
Misier, co zuoba fo regnada,
la cosa fo compluda,
et iera 'aghe BeuTegoada
e sor Floretta,
madonna 3enedetta
e Madalnzza,
Santina, Catarnzza
e Flordelise,
et &n\ si «o' se dixe,
ende fo homeni assb;
e puo' creder^
ch' el non se vette me
tanti signor
de le case mazor
avantazadi
tutti a^agadi
en campo ^) de sem Polo,
si come dise el Golo
e Pier Zancani che nde iera.
£ non xe cuor de piera
che non fosse adolzido
aver oldido
el pruolego
che fese '1 nostro struolego
che fo flo del Besazza.
En mille inela plazza:
«Vedfe,
«CO nu oldir^,» —
si cominza parlar —
«nu semo a questa plazza,
«che Dio be' nde fazza,
«nu per dir
«e 7u per oldir
«Dio loldar.
«In nome de Dio par
«e de la so dolce mar
«madona santa Maria ,
«azo che Dio varenta la compagnia
«e amplifica la nostra signoria,
«sempre in mlor stado
«al presente trattado
«ende sara nomenado
«lo vangelista beado
«miser sem Marco
Signor, quavtdo ü giovedi fu venuto,
Taffare fu compiuto,
e c' era aache BenyeniLta
e suor Fioretta,
madonna Benedetta
e Lenuccia,
Santina, Catina
e Fiordalise,
ed anche, a quanto si dioe,
vi furono uomini assai;
e crederete
che non si \idex mai
tanti signori
delle maggiori case
ostentati
tutti convocati
in campo san Paolo,
a quanto dice il Golo
e Pier Zancani che c' eira.
E non ▼' h cuor di pietra
che non fosse addolcito
avendo udito
lo sproloquio
che fece il nostro astrologo
che fu figlio del Bisaccia.
Fra mille in piazza:
« Vedete ,
«con noi udirete,» —
cosi comincia a parlare —
«noi siamo in questa piazza,
«che Dio ben ci faccia,
«noi per dire,
«e voi per udire ♦
«lodare Iddio.
«In nome di Dio padre
«e della sua dolce madre
«madonna santa Maria,
«accio che Dio salvi la compagnia-
«e amplifichi la nostra signoria,
«sempre in migliore stato
«dal presente trattato
«poi sara nominato
«il vange^sta beato
«messer san Marco
^) Campi heifsen in Venedig die kleinen Plätze, zum Unterschiede
der vorzugsweise so genannten Piazza und Piazzetta.
Ein Motto Confetto Yon Franc, di Vannozzo.
335
«con Dio aiMnti
((6 tutti li altri senti.
«— Xe qua cosi preseati
<(lo sposo e la spoM.»
— A vn, donna Bebosa
da ca' Moro , ve plaxe per marido
sier Afenido
da ca* Malipier,
e cosi cosente en esBO? —
Le donne da presso
vardava tutte tresso.
Madonna Biodada •.
con la ceglia arbassada,
]a sposa vergognada
non sope responder,
e pur 86 Yuol aficonder,
e ninte dize.
Se no che Flordeüxe,
suor de la dogaresfia,
se fese la da esea:
— di, fija, di — ;
et allora essa respose: misser si.
' Et a tiy Affenido da ca' Malipier,
te plaxe per'moier
e yaosta qua cosi per to sposa
donna Bebosa,
et en essa cons^nti? —
El matto mostra i denti,
e dixe : messer, co' ¥e plaxe.
— Ande in bona paxe
e mettb i V anello ;
va doltra, donzello,
in bon viaggio,
da ca' SelTaggio ,
fa sonar li versi. —
Piero Muersi
i branoa la fozza,
Zanni da Clozza
i da sul cavo,
e '1 Sclavo
beretter ,
Nicoletto ostregber
e Pier Galina
fese una remesina
eh' elli parea stornelli;
talche do mantelli
ne fon persi.
«con Dio avanti
«e tutti gli altri santi.
« — Sono qui ecco preaenti
«lo sposo e la sposa*»
— A voi, donna Garosa
da ca' Moro , vi place a marito
ser Compito
di casa Malipiet,
e quindi assentite in lui? —
Le donne yicine
guardavan tntte sottecchi in cagne-
sco.
Madonna Diodata
con le ciglla abbassate;
la sposa vergognosa
non Seppe rispondere,)
e vuol pur anco celarsi,
e nuUa dice.
Sennoncbe Fiordilxgi,
sorella della duchessa,
si fece da lei:
— di, figlia, di — ;
e allora ella rispose: messer si,
— E a te, Cktmpito di casa Malipier,
ti place in mogUe
e vuo' tu costei per taa sposa
donna Gu'osa,
e in esaa assenti? —
II bambo fa una amorfia,
e dice: messer, come tI place.
— Andate in buona pace,
6 mettetele 1' anello;
va oltre, donaello,
in buon' ora,
da ca' Selvaggio ,
fa sttonar i versi. —
Pietro Muersi
gli abbranca la vesta,
IGriannl da Chioggia
gli da sul capo,
e lo Schiavo
berettaio ,
Nicoletto ostricaio
e Pier Gallina
fecero una barabuffa
che parean trottole;
sieche due mantelli
ne furon perduti.
336
Grion
C; con' li versi son»,
madona
Semprebona
da ca* Zustinian
li prese tuttl do per man
e feseli ballar
im aye a rasonar,
ch' el iera ben un* alegrezza vardar
CO tanta bella zente co' ie *Dghe
vitti.
£ puo' quel Marco Gritti
e Pier Grioni^),
do co' garzoni
vezadi
e 'nmantelladi
per entrar en danza,
81 CO* ze usanza
de la cittade;
pno' de 80 yoliintade
lo sposo fese artegnir
81 CO '1 vette vegnir
lo Marmora, che iera so compar,
e disse i: dolce frar,
io te Yoio caramente pregar
ch' el te plaqua de cantar
e de vegnir a tresca. —
Lo Marmora con la sua ciera fresea :
«Non Yoia Dio che me recresca,
an diroio una canzon,
diii ghe xe e io ghe 8on.»
E dixe de lo bon
bei Diridon. ^
£ CO la canzon fo riva,
lo grida c' ogn' om l'oldiya
yer lo sposado:
«Se Die te varenta '1 novizado
«e se Dio te varda da mal morir,
«plaquaye de dir una canzon.» —
Affenido co' castron
prese a dir nn madrigai,
e respose i Zanni da Oanal,
e fo tal
co' yu oldire.
E mentre le danze suonano,
madonna
Semprebuona
da ca' Giustinian
li prese ambedae p«r mano
e feceli ballare
il recitar d'un aye,
ch' era an gandio a gnardare
con tanta bella gente come io yi
yidi.
£ poi quel Marco Gritti
e Pier Grioni,
due come garzoni
attillati
e immantellati
per entrare in danza,
81 com' h usanza
della citta;
poi di sua yolonl»
10 sposo fece ritenere
81 come il vide venire
il Marmora, ch' era suo compare,
e dissegli : dolce frate,
io ti vo' caramente pregare
che ti piaccia cantare
e venire a tresca. —
Lo Marmora giovialone:
«Non voglia Dio che mi rincresca,
dirö una canzone,
dove ci son due, faccio io il terzo.»
£ disse del buono
e bei Diridon.
£ quando la canzon fu finita,
ei grida che ognun l'adiTa
verso lo sposo:
« Se Dio t' assecondi la sponsalizio
« e se Dio ti guardi da mal morire,
«piacciavi di dire una canzone.» —
11 Compito come bestia
prese a dire un madrigale,
e gli rispose Gianni da Canal,
e f u tal
quäle udirete.
1) Vielleicht der in der Leandreis erwähnte Dichter; darnach
hätte er wenigstens bis zum August 1380 gelebt.
*) Ein Lied, das zum Theil wenigstens noch fortlebt.
Ein Motto Confetto ron Franc, di Vannozzo.
337
«Po che tu 9h gionta al partido,
«fia mia, che tu s^ sposa,
«Tarda ben de non far cosa
«che desplaqua a to marido.
«E qaando ch' el vien de notte,
«che tu ve' ch' i' son irado,
«non pensar ch' io te dia hotte,
«fatte ardente^) ei mio costado,
«ch^ CO ie son adonnentado,
«da doman i h mendado.»
Co la sposa lo yh oldido,
stette forte vergognada,
e puo' dixe: tase, brigada,
ch'~io vo* dir nna ballada
ardente mio marido:
«Caro frar, dolze Affenido,
«el ö yer ch' io son to sposa,
«e Tardereme de far cosa
«che me^) tu sepi, io te nd' afido.
«E quando ch' el sera di notte,
<(se tu vien apiornado^,
«io te dar^ tante hotte
«che tu non gavera del flado;
«e se avesse a zo pensado,
«no nd' averia tolto marido.» —
Lo sier Affenido
oldi qnesta reposta,
'lo la varda de posta,
e de i una goltada.
Diodada ,
c' oldi el buffetto,
e so frar Coletto
se i fese davanti
e pluxor mercatanti
zentilhomini. £ cominzar
a cridar
per tramezar
la briga;
e nde fo gran fatiga
e gran messedada.
£ puo' venne so cugnada
e donna Marta
de Chi no nd' a affar si parta ,
«Poiche se' ginnta al partito,
«figlia mia, che tu se' sposa,
«guarda ben di non far cosa
«che dispiaccia a tuo marito.
«E quando ei viene di notte,
«che tu vedi ch'io sono irato,
«non pensar ch'io ti dia botte,
«fatti presso il mio costato,
«chö quando io sono addormentato,
«rindomani vi h rimediato.»
Quando la sposa lo ebbe udito ,
stette molto vergognata,
e poi disse: tacete, brigata,
ch' io Yo' dir una ballata
accanto a mio marito:
«Caro fratello, dolce Compito,
«egli e ver ch'io son tua sposa,
«e guarderai di farmi cosa
«che sol tu sappia, io ti sfido.
«E quando sara di notte,
«se tu vieni annuvolato,
«io ti daro tante botte
«che non avrai fiato;
«e se avessi a ciö pensato,
«non avrei preso marito.» — «
Ser Compito
udi questa risposta,
la guardo di posta,
e dielle una guanciata.
Diodata,
che udi il buffetto,
e suo fratel Coletto
gli si fecero avanti
e parecchi mercanti
gentiluomini. £ cominciär
a gridare
per appaciare
la briga;
e ci fu gran fatica
e gran rimescolamento.
£ poi venne sua cQgnata
e donna Marta
Di - chi - non - ha - affarsi - parta ,
^) Die vollere Form des gebräuchlicheren arente.
^ In ähnlicher Bedeutung häufiger das zusammengesetzte nome,
noma; aus non magis.
3) Dante's piorno (Purg. XXV, 91).
n
338 GrioDi Ein Motto Confetto von Franc, di Yannozzo.
e fese ador ana qnarta
de castron
griguol 1) bon ,
la fese arostir,
e fese vegnir
Affenido e Robosa
tppina dolorosa
che planzea,
et esso eon essa se 'xkLe dolea.
Po digando: ((Beboaa, iononcredea,
che tu te doyesse corzar;
ma s' ie non m' aniga in mar »
ie non fare
plu cosa che
te despiaqua. V)
E si c' a dö ber de V acqua
o del vin ben adaquado,
Die Cristo ne sia loldado!
£1 prövede fo clamado,
e disse i la messa,
e esso and^ da essa,
e d^ i pase per bocca.
Da pno' en navanti
tanto i de^laque la rocca,
che non a* oldi me dir che la filasse;
sempre xe Stada con bagasse ^
a lavorar di vette
bindoni e comette.
E Tun CO Toltro si plasette
con tanto amor ligadi
ch' eli xe sempre stadi
in pase e in tranqnilitade.
St^! che Dio ve dia sanitade.
üdine, 25. Oct. 1863.
e fece recare un qoarto
di castrato
greggiaolo bwmo,
10 fece arrostlre
e fece venire
Compito e Garosa
tapina dolorosa
che piangea,
ed esso con essa se ne dolea.
Fol dicendo : «Garosa, io non credea,
che tu ti dovessi corrncciare;
ma s'io non m*annieghi in mare,
iü non farö
piu cosa che
ti dispiaccla.»
£ sl Ie di^ a ber deir acqua
o del Tino ben« adacquato,
Dio Cristo ne sia lodato!
11 prete fu chiamato,
e disse lor la messa,
ed esso and6 da lei,
e dlelle pace in bocca.
D'allora innanzi
tanto Ie spiacque la rocca,
che non s'udi mal dir ch' ella filasse ;
sempre stette con fantesche
a lavorar di vette
bindoni e cornette.
E a vicenda si placquero
con tanto amor legati,
ch' ei sono sempre stati
in pace e in tranquilUta.
State! che Dio vi salvi.
Justus Grion.
I) Delicat; im Küstenland heifst noch immer di greggia oder di
mandria das im Stalle gesäagte Kalb.
^ Im guten Sinne w\e im Altfranzosischen (z. B. M^on, Nouv.
fabl. I, 104).
Wallenfels, Eine neuentd. altfraox. Bearbeitung des Petr. Alfonsus. 339
lieber eine neuentdeckte altfranzösische
Bearbeitung des Petrus Alfonsus.
Durch Vermittelang des Herrn Professor Hofinann dabier
ist mir vor einiger Zeit ein altfranzosischer Codex zuganglich
geworden, in welchem ich anter anderm eine zweite ganz neue,
bis jetzt unedirte Bearbeitung der „Disciplina clericalis'^ des
Petrus Alfonsus^ das sogenannte Castoiement gefunden habe.
Die Handschrift dieses Gedichts ist ohne allen Zweifel picar-
disch und stammt aus dem 13. Jahrhundert; sie enthalt bei-
läufig 4650 Yerse. Ich habe das Gedicht abgeschrieben, und
Herr Prof. Hofmami will, wie er mir sagte, es spater ediren.
Sein Inhah ist bekanntlich der, daüs ein Vater sich be-
muht, seinem Sohne gute Lehren und weise Lebensregeln zu
geben, und diese zu erläutern und zu befestigen sucht durch
Erzählungen der verschiedensten Art, die er jenen beifugt.
Die Art und Weise, wie der Dichter des Ineditum den
▼orliegenden Stoff behandelt hat, weicht zwar nicht wesentlich
ab von der desjenigen Dichters , dessen Werk über denselben
Gegenstand Meon in seinen „Fabliaux et Contes^' veröffent-
lichte; und es ist dies schon aus dem einfachen Grunde nicht
möglich, weil beide Texte sich ziemlich genau an den latei-
nischen anschliefsen — wenn auch der eine bald mehr, bald
weniger als der andere. — Doch sind die einzelnen Verse voll-
standig voneinander verschieden und bei genauerer Betrachtung
und Vergleichung bieten sich auch noch andere Unterschiede
dar, die wohl wichtig genug erscheinen durften, näher be-
sprochen zu werden.
Ehe der Vater mit seinem Sohne auftritt, kommt vorerst
in dem Ineditum eine weder im lateinischen, noch in dem von
Meon herausgegebenen Texte enthaltene längere Einleitung, in
welcher der Verfasser demjenigen^ „der auf dieser Welt zu
Ehren kommen wilP', den Rath ertheilt, sich nur an das Gute
zu halten und dem Bösen den Rücken zu kehren. Denn, sagt
er am Schlüsse dieser Ermahnung:
Car qui ie bien veh herbergier
Del mal doit son ostel widier
Car guerre a entre mal et bien
Si tres grant que pour nule rien
A an acord ne se terroient.
340 Wallenfels
Dann , nach einer Lobrede auf den Verstand , beweist der
Dichter, dafs für den, der den eben ausgesprochenen Zweck
erreichen wolle, das Gutesthun allein nicht genüge , sondern
dafs er auch noch alle Lebensverhältnisse, in die er komme,
eben mit dem klaren Verstände untersuchen müsse, und schliefst
mit den Worten:
Gar qui sens a si est montes
Sor toutes les autres bont^s
Pour chou que je Toi et sai bien
Que avant sens ne passe rien,
Die nun auf diese Verse unmittelbar folgende Stelle ist
mir besonders merkwürdig vorgekommen, und zwar deswegen,
weil sie den Namen des Autors des lateinischen Textes, ihn
romanisirend , selbst mehrere Male nennt. Ich will die be-
treffende Stelle mittheilen:
Veit Pierre$ Au/ona translater
Et si me puls de tant yanter
Qae se diex me velt maintenir
Tant qu'a chief en puisse venir
Et del latin en romans traire,
Nen est nus qni plus dole plaire.
Gar Auf 0718 que le livre fist
De nos boins anchisors le prist
Qui en grant sens se delitoient
Ne rien fors sens ne convoitoient
Poor (chou) que plus se delitast
Qni oist et qui escontast
I mist deduis et blas fabliaus
De gens de bestes et d'oiseaus:
Mais sachies qu'il nl a deduit,
Qui ne soit cangies en boin fruit
Ne voii plus lonc prologue faire
A l'euvre espondre voil retraire,
Et diex m'otroit, que si m'aprengne
Que nus en mal ne me reprengne
Et que a dieu en puisse plaire
Et je et chil qui T me fait faire
Pierres Au/ons qui fist le livre
Monstra qu*il devoit sens escri(v)re
Gar tout avant dieu merchia
Gom il son livre commencha
Del bien et del entendement
Que il a done a se gent,
Apres moustra dont traiteroit
Pour quoi et comment le feroit
Eine neuentdeckte altfranzos. Bearbeitung des Petr. Alfonsus. 341
Pnis fist envers diea s'orison
Si com drois estoit et raison«,
Et quant 11 ot fait sa proiere
Si commencha en tel maniere:
Ung sagee hons jadis estoit
Qui a son fii sonvent disoit
La crieme dieu et sa jnstise
Soit biax fiez ta marcheandise etc. etc.
So ist der Dichter bei dem Stoffe, den er behandeln will,
angekommen, nnd nan ist auch in beiden Texten die Reihen-
folge der Ermahnungen und Erzählungen dieselbe, wie im
Petrus Alfonsus selbst, bis zu Conte XXVI bei Meon: Du
roi Alexandre et du segretain. Diese fehlt in unserm Ineditum.
Nr. XXXIY der Disciplina aber ist in beiden Texten nicht
vorhanden. Nr. XXXYI hat Meon nicht; dagegen ist sie in
unserm Ineditum enthalten, weswegen ich sie hier raittheije:
Icist siecles vait sans menchoigne
Tout autresi comme de senge
Car maintes fois a on songie
Qae on avoit son col cargie
Et si grant avoir 7 avoit
Que nis porter ne le pooit
Et si tost com 11 s^esveilloit
Et nnle cose ne trovoit
Si ayolt sa joie perdue
Que de noient avoit eüe.
Uns yilalns songolt qu*il avoit
Mil berbls et qa'ü les vendolt,
Uns siens volsins o lui venoit
Pour cascnne .II. sols offroit,
Mals le vilains ne'l creantast
Por rien se plus ne Pen donast,
Ensl vont del pris estrivant
Qul celui n'estoit agreant (M. acreant),
Qui le songe songie avoit
JX s'esveilla et quant 11 voit
Que tout estoit songe et menchoigne
Et que ce avoit este songe
Les ex commencha a serrer
Et a baute vois a crier:
Tu qui bargueignas les berbls
Por malus les auras que ne dis
Maine les ent ne m*en lai une,
Por .XX. deniers aras cascune.
Fiex de cest siecle autresi vait
Car quant U hom a tout atrait
1
342 WftUenfelB
Et aime o grans paours
O grans frois et o grans süours
Et il cuide bien tout tenir
Se li estuet tont deguerpir
Car toat en pen de terme Tait
Sans recoyrier qne puis y ait
Tout antresi li ont muchi^
Comme a celui qui*s a songi^s.
Als Probe und um eine Vergleichung zu ermöglichen,
will ich zum Schlüsse noch einen Abschnitt aus dem Ineditum
mittheilen , der in der Disciplina elericaiis Nr. XXY, bei Meon
Nr. XXII bildet, und hier die Ueberschrifb trägt: „Du iarron
qui enbra^a le rai de la lune.^^
Conter Ol ja d'un larrou
Qui par nuit vint a la maison'
D'un riebe bomme qne il savoit
Qui grant plente d'avoir avoit
Desus le maison s'en monta
Et droit a la fenestre ala
Par ou li fus s'en seut issir,
Sa teste mist ens pour oir
Et escouta se eil dormoient
Qui dedens le maison gesoient.
Li sires del ostel yeilloit
Par la lune qui cler raioit
Et luisoit dedens le maison
Vit bien et connut le Iarron,
Se femme belement esveille
' Si li conseilla en Toreille
Qu' a baute vois li demandast
Et que gramment Ten eneberquast
Que li desist dont li estoit
Venus eil avoirs qu*il avoit.
Cele fist son commandement;
Sire, dist ele, estrangement
Me merveil et si voll savoir
Comment vous ay^s tel avoir.
. Dame, dist il, et vous que caut
La mercbi dien rien ne vous faut,
Si gardes ebe que vous aves
Et s*en faites vos Tolentes,
Et si ne vous caut dont je Toie
Car nus bons ne nous en plaidoie.
Sire, dist el, ne monte rien,
Je n'arai mais joie ne bien
Desi que je saehe de voir
Ou aves trovö tel avoir.
Eine neuentdeckte altfranzös. Bearbeitung des Petr. Alfonsuö. 343
Dame, dist il, vous \q sares,
Mais gard^s bien que le ceUs,
Je sui lierre si emblai tant
Que je cn sui rieh« et maiiiant,
Mais laissie Tai la dieu merchi.
Chertes, dist ele, tel n'oi
Merveille fu quant par embler
Peüstes tel cose assambler
Car onqnes nen fustes ret6s
Que nous s^ussons ne tnes.
Dame, dist il, car je savoie
.1. bdn cam« que je disoie,
Quant je venoie a le maison
Isnelepas montoie en son
Tout droit au louvier m'en aloie
Ou rai de la lune enclinoie
Qui par le lovier entroit ens
Et puis disoie entre mes dens
Saulem saulem qui tels estoit
Li cames qui mostr^ m'avoit,
Car quant .VII. fois Pavoie dit
Ne m'estovoit puis nul oonduit
A entrer dedens le maison
Que tout me metoi« a bandon,
Le rai de la lune embrachoie
Et aval lui m'en avaloie,
La vertus que 11 carne avoit
Desor le rai me soustenoit;
Quant je avole tout enquis
Et quanque je voloie pris
Ariere a mon rai revenoie
Et mon carne autretant disoie
[Par] .VII. fois comme au devaler,
Puis pooie desus monter
S eurem ent saus avoir mal
Et aler amont et aval,
Desus le rai m*en remontoie
Et ensemble o moi emportoie
Che que pris avoie en Tostel
N'y laissoie ne un ne el
Qui me peüst mestier avoir:
Ensi conquis je cest avoir.
Che dist la dame or sachies bien;
Que cest carne aim sor toute rien,
Mult par sui lie quant je T sai
Car a mon fil l'enseignerai
Quant il avera son a^
Pour sei garder de povrete.
n
344 Wallenfels, Eine neuentd. altfranz. Bearbeitung des Petr. Alfonsus.
Dame, dist il, bien est raisons
Desormais que nous nous dormons;
Pour dien or me laissies dormir
Car ne puis mais les ex ovrir
Tant m*a sofnmels pris et plaissi^.
Sire, dist ele, au dieu congie
Dorm^s vous et je si ferai
Car ensement gprant someil ai.
Andui fönt de dormir samblant
Mais ne dorment ne tant ne quant
Li sire commenche a fronchier
Pour le larron miex desvoier
Et li lierres qui ot oi
Le came mult s'en esjoi
Mult i avoit bien entendu
Et mult l'avoit bien retenu
II le tenoit bon et verai
Metre le volra a Tessai
Quant ses carnes est defines
Si est desor le rai montes
Ne se tint decha ne dela
Pour son came ou tant se fia
Lait soi aler tout a bandon
Et il cbiet en mi le maison
Au caioir fist merveilleus quas
Et si frainst le cuisse et le bras.
Si sire del ostel s*escrie
Comme se il ne 1' seüst mie.
Qui es tu, Ta, qui cbeens es,
As tu mestier d'^estre confes?
Et li lierres li respondi
Je sui li caitis qui creT
A ton carne que tu disoies
Pour coi decboivre me voloies
Et bien sai que tu le disoies
Pour moi trair que tu yeoies.
Biax fiex, dist li peres, trais
Fu li lierres et mal baillis
' Pour ce que folement creoit
Les paroles que il ooit,
Ja Sans marement ne seroit
Qui toutes paroles querroit.
München, im Juli 1863.
A. Wallenfels, stud. phil.
Kritische Anzeigen: Irving, History of scottish poetry. 345
Kritische Anzeigen. Sf
Irving^ David, The history of scottish poetry. Edited by John Aitken
Carlyle. With a memoir and glossary. Edinburgh, Edmonston and
Douglas. 1861. 8. XXXI u. 619 S.
Das Schottische der sogenannten Lowlands, obwohl nur
ein Dialect des Englischen, hat seine eigene Literatur, so gut
wie z. B. das Portugiesische und Catalanische, die beide kaum
mehr als dialektisch von der Hauptsprache der pyrenaischen
Halbinsel unterschieden sind, eine eigene aufweisen. Die schot-
tische Nationalliteratur, ist sie auch nur wenig auf dem Con-
tinent gekannt, wo man höchstens von den Balladen und Robert
Bums weifs, hatte doch auch ihre Glanzperiode, in der sie
der Englands, die damals nach Chaucer in einem hundert-
jährigen Torpor sich befand, weit überlegen war; diese Periode
ubfafst das ganze 15. und den Anfang des"^ 16. Jahrhunderts.
Die Schotten haben während dieser Zeit Dichter, wie Barbour,
König Jakob I., den blinden Harry, den Sänger des WaUace,
Robert Henrison, William Dunbar, Gawin Douglas, den anony-
men Verfasser des köstlichen Fabliau, „The Freirs of Berwick",
John Bellenden uijd Sir David Lyndsay aufzuzeigen , während
die Engländer ihnen nur Lydgate, Occleve, Steph. Hawes,
John Skelton und einige andere noch untergeordnetere Dichter
entgegensetzen können. Mit dem Emporblühen der englischen
Literatur im 16. Jahrhundert unter der Elisabethischen Aera
und mit der politischen Absorption Schottlands durch das
mächtigere Nachbarland ist aber freilich diese kurze Blüthe
der schottischen Dichtkunst verwelkt, und eine lange Periode
gänzlicher Unfruchtbarkeit folgt, in der sich die wenigen etwas
bedeutenderen Dichter, wie der Earl of Stirling und Drum-
mond of Hawthornden, der englischen Sprache zu ihren poe-
tischen Hervorbringungen bedienen, daher ihnen auch in einer
Geschichte der schottischen Nationalliteratur kein Platz ge-
bührt. Erst mit dem Anfang des 18. Jahrhunderts beginnt
durch Allan Bamsay und seine Bemühungen um die Sammlung
der alten Volkslieder und die Einführung derselben in die
gebildeten Kreise ein Wiederaufleben der schottischen natio-
nalen Dichtung, als deren bedeutendster, weit über die Gren-
zen seines engeren Vaterlandes hinauswirkender Vertreter ein
halbes Jahrhundert später Robert Bums auftrat, dem sich eine
bis in die Gegenwart reichende Schule anschlofs.
Jahrb. f. rom. ii. engl. Lit. V. 3. 23
1
346 Kritische Anzeigen:
Schon Warton, der Vater der englischen Literatarge-
schichte, hatte die Glanzperiode der schottischen National-
literatur richtig erkannt und gewürdigt, und den bedeutendsten
Koryphäen derselben in seinem grofsen Werke den gebühren-
den Platz eingeräumt; es verstand sich aber von selbst, dafs
sowohl er als die spätem Literaturhistoriker Englands die Lite-
ratur Schottlands nur nebenbei und in ihrem Zusammenhange
mit der Dichtkunst des Hauptlandes berücksichtigen konnten.
Eine vollständige, auch das minder Bedeutende nicht vernach-
lässigende Geschichte der schottischen Nationalliteratur existirte
bis auf die neueste Zeit nicht, denn SibbalcTs Chronicle of
Scottish poetry from the 13. Century to the union of the crowns
(Edinburgh, 1802. 8. 4 Vols.) ist keine Geschichte, sondern eine
umfangreiche Chrestomathie, die aber den Anforderungen des
heutigen Standes der "Wissenschaft nicht mehr zu entsprechen
vermag. Es war daher ein sehr danken swerthes Unternehmen,
dafs Herr Irving vor mehr als dreiisig Jahren die Ausarbei-
tung einer Geschichte der schottischen Dichtkunst begann, die
vor länger als zwanzig Jahren, mindestens schon 1839, wie
dies aus einer Ankündigung in desselben Verf. Lives of the
scotish writers (Edinburgh 1839) hervorgeht, druckfertig war,
und wenn sie damals der Oeffentlichkeit übergeben worden
wäre, gewifs den allseitigsten und verdientesten Dank geerntet
hätte; heut zu Tage ist man aber berechtigt, etwas strengere
Anforderungen zu stellen, und vor allem zu verlangen, dafs
die neueren Arbeiten der Schotten zur Herstellung kritischer
Ausgaben ihrer älteren Dichter gehörig berücksichtigt worden
seien; dies ist in dem vorliegenden Werke leider keineswegs
der FaD; der Verf., der 1860 hochbejahrt starb, scheint seit
den vielen Jahren, dafs seine Geschichte druckfertig in seinem
Pulte ruhte, an derselben keine Aenderung mehr vorgenom-
men zu haben, und der jetzige Herausgeber muls dies selbst
in seinem Advertisement zugeben. David Irving war aber,
wie nur wenige in damaliger Zeit, berufen, eine Geschichte
der Literatur seines Vaterlandes-zu schreiben; seit seiner frühen
Jugend literarisch thätig, dann durch lange Jahre an der reich-
sten Büchersammlung Schottlands angestellt, konnte er wohl
auf diesem Felde etwas Tüchtiges leisten. Ueber Irving's
Lebensumstände und seine literarischen Arbeiten hat der be-
rühmte schottische Gelehrte David Laing in dem Memoir of
Dr. Irving, welches der History of scotish poetry vorangeht,
Irying, Historj of scottish poetry. 347
ausfohrliche Auskunft gegeben; wir begnügen uns hier anzu-
fahren, dafs seine Hauptarbeiten Biographien berühmter Schot»
ten waren; so sein bekanntestes Werk, die „Memoirs of the
life and writings of George Buchanan^^ (Edinburgh 1807 > und
wiederholt aufgelegt), seine „Lives of the Scotish poets*^
(Edinburgh 1804. 8. 2 Vols.), „Lives of the scotish writers"
(Edinb. 1839. 8. 2 Yols.), zahlreiche Beiträge zu der Encyclo-
paedia Britannica, und vieles andere. Viel mehr als eine Rei-
henfolge von Biographien der schottischen Dichter, von denen
viele mit geringen Veränderungen der Encyclopaedia Britannica
wieder entnommen sind, haben wir aber auch in dieser Ge-
schichte der schottischen Dichtkunst nicht gefunden. — Aus
der Ankündigung in den Lives of the scotish writers 1839
ersahen wir, dafs der Titel des damals angeblich schon unter
der Presse befindlichen Werkes lauten sollte: „History of
Scotish Poetry from the middle of the 13. to the commence-
ment of the 18- Century ^S und wir glauben, dafs der Herans-
geber des nunmehr erst nach so langer Zeit erschienenen
Werkes Unrecht gethan habe, diesen Znsatz wegzulassen; mau
wäre durch diesen richtigeren Titel von vom herein orientirt
gewesen, was man in demselben erwarten dürfe, während man
jetzt mit Unbehagen gewahr vdrd, dafs der Verfasser die Ge*
schichte der Literatur im 18. Jahrhundert, welche die des Wie-
deraufblühens der schottischen nationellen Dichtung ist, von
dem Plane seines Werkes ausgeschlossen hat. Eine pragma-
tisch entwickelte Geschichte des Entstehens, Emporblühens
und des Verfalls der schottischen Dichtkunst haben wir in
dieser Geschichte, wie schon bemerkt, nicht erhalten, sondern
eine chronologische Aneinanderreihung mehr oder minder aus-
führlicher und zuverlässiger Biographien der Dichter, und Be-
sprechungen ihrer Werke^ aus denen ziemlich lange Auszüge
mitgetheilt werden, die bei dem seltenen Vorkommen selbst
ier modernen Ausgaben schottischer Dichter auf dem Conti-
lent um so willkommener sein würden, wenn nicht der Ver-
'asaer -wahrhaft unbegreiflicher Weise selbst die besten neue-
en Ausgaben unberücksichtigt gelassen hätte und so seine
Texte häufig unzuverlässig würden, wie vnr uns beispielsweise
avon bei den Gedichten des William Dunbar, den die Schot-
311 als ihren bedeutendsten Dichter vor Burns betrachten, selbst
berzeugt haben; auch hier hat Irving die ausgezeichnete Ans-
ähe der Werke desselben, die Laing. schon 1834 veranstal-
23*
348 Kritische Anzeigen:
tet hat (The Poems of William Dunbar, now first coUected.
With note«, aod a memoir of his life. By David Laing. Edin-
burgh 1834. 8. 2 Vols.), und die für die Geschichte der schot-
tischen Nationalliteratur überhaupt höchst wichtig ist, zum
grofsen Schaden seines Werkes nicht benutzt. Der Heraus-
geber, Herr Carlyle, hat auch die theilweise Unzulänglichkeit
desselben vollkommen eingesehen und sagt selbst in dem Ad-
vertisement: „The manuscript of this History of Scotish
Poetry etc. was put into my hands in December last. After
due consideration, 1 recommended the publication of it — both
because there is no other work of the kind, and because it
contains a great deal of accurate and solid Information, which,
in addition to its present value, will be of essential nse to
any one who may hereafter attempt to treat the subject more
completely and in a more modern form."
Im Zusammenhange mit dem bruchstückweise, nicht eigent-
lich organischen Entstehen dieses Werkes steht auch die unver-
haltnifsmäfsige Ausdehnung, die der Verfasser einzelnen Partien
angedeihen läfst, während viel wichtigere ganz stiefmütterlich
behandelt sind; so wird z. B. den poetischen (?) Producten
König Jacobs VI (von England des I.), die kaum der Er-
wähnung überhaupt würdig sind, ein Raum von 29 Seiten
gewidmet; so wird überhaupt die traurige Epoche des Ver-
falls der schottischen Dichtkunst von der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts an bis zur Union der Kronen Englands und
Schottlands mit zu grofser Ausführlichkeit behandelt, wenn
wir es gleich nicht für ungerechtfertigt halten können, dafs
auch diese in den allgemeineren literaturhistorischen Werken
meist ganz übergangene Periode mit eingehenderer Gründlich-
keit dargestellt werde. Andererseits müssen wir es aber als
eine empfindliche Lücke in diesem Werke ansehen, dafs die
Geschichte des gerade für Schottland so bedeutenden und auf
die Poesie, namentlich des 18. Jahrhunderts, so einfiufsreichen
Volksliedes und der ' schönsten Hervorbringungen dieser Art,
der Balladen, gänzlich bei Seite gelassen wird; denn was
Herr Irving gelegentlich bei Besprechung des Ursprungs der
schottischen Sprache über die Balladen und ihre Entstehung
beibringt (S. 20 ff.), ist ganz unbedeutend und ungenügend;
im ganzen übrigen Werke wird nur noch der Ballade von der
Schlacht bei Harlaw Erwähnung gethan (S. 161 f.)? ^le ^^^
diesen Namen nur uneigentlich Anspruch machen darf; denn
1
Irving, History of scottish' poetry. 349
dies sehr alte, wahrscheinlich gleichzeitige Gedicht auf diese
Schlacht, die im Jahre 1411 vorfiel, ist in einem trockenen,
reimchronikenartigen Stil gehalten; sonst wird nur noch am
Schlüsse des Werkes der bekannten, für alt ausgegebenen,
aber entschieden unächten Ballade von Hardyknute gedacht.
Das schottische Volkslied aber, von dem seit dem 16. Jahr-
hundert sich so viele echte Perlen erhalten haben, und das
in so vielen umfangreichen Sammlungen seit anderthalb Jahr-
hunderten aufbewahrt worden ist, wir erinnern nur an die von
Ramsay, Herd, Johnson, Cunningham, Chambers und Whitelaw
veranstalteten, wird ganz mit Stillschweigen übergangen. Da-
für liebt es aber der Verfasser bei jeder, mitunter auch nicht
ganz passender, Gelegenheit Proben von seiner umfassenden
Gelehrsamkeit und ausgebreiteten Belesenheit zu geben; so
gleich im ersten Kapitel eine Geschichte des Reimes bei den
Romern und Griechen, eine lange, aber meist Veraltetes ent-
haltende Digression über die Poesie der Troubadours u. s. w.
Wollte man überhaupt ein Werk nach seinem Anfang beur-
theilen, so würde man durch dieses erste Kapitel nur einen
sehr unvortheilhaften Eindruck von demselben erhalten können ;
weitschweifige Untersuchungen über Ossian und seine Gedichte,
über den Ursprung der schottischen Sprache, den Einfluis der
Araber auf die Literaturen des Mittelalters u. s. w. bringen
fast nur langst Bekanntes und zum Theil schon lange als un-
richtig Nachgewiesenes, und sehr wenig, was auf den eigent-
lichen Gegenstand, die schottische Nationalliteratur, Bezug hat.
Ein ähnliches unnöthiges, jetzt glücklicherweise mehr und mehr
aufser Gebrauch kommendes Aaskramen von Gelehrsamkeit fin-
det sich an vielen anderen Stellen, so bei Gelegenheit der
Besprechung der metrical romance von Sir Tristrem, die lange
Anmerkung über Marie de France und den ihr, wie jetzt längst
feststeht, mit Unrecht zugeschriebenen Antheil an der Verfas-
serschaft einer brauche des Renard (S. 55 f.); so eine längere
Untersuchung über die so viel besprochenen Minstrels, die aber
auch nicht viel neues darbietet (S. 176 ff.)» ^o die ausführ-
lichen Anmerkungen über Aesop und seine Fabeln (S. 211)
und über die griechischen Amazonen (S. 117); über das Flu-
chen der alten Griechen (S. 249 f.) 9 über die makaronische
Poesie (S. 250 ff.) u. s. w.
Mit diesem Aufwände von Gelehrsamkeit steht der trockene,
mitunter ermüdende Stil des Werkes im Zusammenhange, der
1
350 KritiBche Anseigen:
die LectSre zu einer nicht gerade leichten macht, und doch
glauben wir, wird ungeachtet dieser Mängel dasselbe einen
bleibenden Platz in der Literaturgeschichte Schottlands einneh-
men. «Vollständigkeit, so weit sie eben die damalige Kennte
nifs der Literatur möglich machte, Gewissenhaftigkeit und ge-
naueste, nur durch langjähriges Studium und innigste Vertraut-
heit mögliche Kenntnüs der Greschichte und Literatur Schott-
lands sind dem Werke Lrving^s nicht abzusprechen und werden
es jedem, der in Zukunft eine Geschichte der Literatur Schott-
lands schreiben wird, zum unerläfslichen Fuhrer machen. Der
Herausgeber hat ein freilich ziemlich mageres Glossar dem
Werke angehängt, und dadurch das Verständnifs der mitunter
sehr schwer zu verstehenden Auszüge einigermafsen erleichtert.
Wien. Adolf Wolf.
The romance of Blonde of Oxford and Jehan of Danunartin by Phi-
lippe de Reimes, a tronv^re of the 13. centary edited from the
nnique ms. in the imperial library in Paris by M. Le Roux de
Lincy. Printed for the Cambden society (Westminster, Nichols and
Son«). 1858. 4. (XXVH u. 214 S., LXXII Publication der C. S.)
Die erste Kunde über den Dichter Phüippe de Reimes, von
dem zwei Romane in einer einzigen Handschrift der grolsen
pariser Bibliothek — 7609* — vorhanden sind, brachte de la
Rue in seinen Essais historiques 2,366 ff.; im Jahre 1840 gab
Francisque Michel den einen, den Roman de Ja Manekine,
zu Paris heraus, bei welcher Gelegenheit er die Bemerkungen
seines Vorgängers wieder abdruckte, die Handschrift genauer
beschrieb und Anfang und Ende des anderen Stuckes, des
Romans de Jehan et de Blonde, mittheilte. In dem betreffen-
den Artikel seiner Biographia britannica 2 (1846), 344 fuhrt
Thomas Wright bereits unter den Editions der Werke Phi-
lipp's neben der von Michel auch die, welche hier zur An-
zeige gelangt und deren Druck also schon damals vollendet
war. Später benutzte Littre die Aushängebogen dieses Wer-
kes, um von demselben eine sehr genaue Inhaltsangabe im
22. Bande der Hist. litt, mitzutheilen. Veröffentlicht ist es je-
doch, nach dem Titelblatte zu urtheilen, erst im Jahre 1858. *)
Ein Buch, das wenigstens zwölf Jahre zwischen dem Drucke
und der Herausgabe verstreichen sah, mag auch erst fünf
Jahre nach seinem Erscheinen angezeigt werden.
*) Im Jahrbnchc, wohl aus Versehen, unter dem J. 1859 verzeichnet.
The romance of Blonde of Oxford etc. by Ph. de Reims. 35X
Den höchst dürftigen Inhalt der Dichtung noch einmal
vorzufahren, ist durchaus unnothig; es genüge zu erwähnen,
dais der Dichter dem Mangel an aller Handlung durch sehr
breite Exposition abzuhelfen sucht. Schildert er nun innere
Zustande, Seelenkämpfe u. s. w.^ so wird er langweilig; dort
aber, wo er uns mit Sitten und Gebräuchen seiner Zeit bekannt
macht, Geräthe, Kleidungen, Spiele umständlich beschreibt,
regt er das Interesse des Lesers an.
Ueber den Dichter bemerkt der Herausgeber nichts näheres.
Dieser nennt sich bekanntlich seihet im Roman de la Manekine
1 Phelippes de Rim ditier
und im vorliegenden
7138 Qtt« Phelippe de Reim gart.
Beide Verse sind aber, wie von Littre richtig bemerkt, um
eine Silbe zu kurz.
In einer Recension des 22. Bandes der Hist litt., welche
im Athenaeum fran^ais (1853) enthalten ist, stellte Henri Bor^
dier die Behauptung auf, der Dfchter der zwei Romane sei
identisch mit dem berühmten Rechtsgelehrten ^, Philippe de
Beaumanoir, dont le nom de famille etait Remi. Mais ce fait,
resultat de nos etudes particulieres, demande pour ^tre etabli
une demonstration speciale que nous ne pouvons donner ici.^'
Dieser Ansicht scheint nun anch die Hist. litt, beizustimmen;
vgl. 23, 680: „Philippe de Remi . . . appele jusqu'ä present
Phelippe de Reim . . . parait etre le celebre jurisconsulte
Philippe de Beaumanoir, seigneur de Remi.** Ob der von Bor-
dier in Aussicht gestellte Beweis irgendwo durchgeführt worden
sei, ist mir leider nicht bekannt; gewifs ist es, dals der Umstand,
dafe die Gkdichte Beaumanoir's gerade in derselben Handschr.
aufbewahrt sind, sehr zu Gunsten dieser Ansicht spricht.
Die Ueberlieferung des Textes durch die Handschrift ist ziem-
lich gut; der Abdrudc entspricht dem Rufe des durch zahlreiche
Arbeiten rühmlichst bekannten Herausgebers. Die Geringfügig-
keit der folgenden Bemerkungen wird dieses Lob nur bestätigen.
1) Ungenaue Verse begegnen, aufser den vom Heraus-
geber als solche bezeichneten, nur noch einige. Dazu sind
nicht zu zählen:
*) Ich eitlere nach dem Drucke. In der That sind es aber um 690 Verse
weniger. Die Zählung springt nämlich von 6090 auf 7000, und 570 ist
zweimal angegeben.
352 Kritische Anzeigen:
5 Pour aacune gens si pereceuse
33 Est d'oneur aqaerre perecheas
da perecheus unserem Dichter als zweisilbig gilt. Vgl.
44 Si preceus estre ne vost pas
2480 Bien poroit estre si preceus.
Es wäre daher vielleicht auch besser gewesen, das e im Ab-
druck zu tilgen.
920 Qu^ele me dist cose voire
923 Qu'ele de tant s'avillast
2451 Qu'il est ä Londres venus
3697 Qu'on apeloit Robinet.
Lies überall que , nach welchem Worte unser Dichter mit eini-
ger Vorliebe den Hiatus zuläfst. Ebenso 3931, 4179.
1659 Malades ert, de ce vous di bien.
De ist zu streichen.
2199 Au conte du Senefore vint
Senefort wie immer.
2797 Jehans, qui les sentiers savoit,
Quant du Senefort se voit
Au conte erramment congie prent.
Lies pres du Senefort,
3041 II seront en mal semaine - male.
3183 Je doute trop grans fains ne vous viegne-dou^.
3708 Et pour que reconeus
Ne soions. — Et p. q. notis rec.
3903 Qui erent en grans ahans.
Etwa free -grans.
4020 Si qu'entour aus asses clere voient — der.
4127 Quant ainsi courre Torroie — je Vor,
5049 Sans arreste troussent lor sommiers.
artest; vgl. 5071.
5680 Mesmement la bele Blonde — meismement.
7080 Ou li mauvaise corages tire.
Michel hat richtig mauvais,
2) Im Gebrauche der Accente verstofst der Abdruck hier
und da gegen die erwünschte Genauigkeit und Gonsequenz.
Nach dem allgemeinen Gebrauche betont der Herausgeber inlau-
tendes e, wenn es eine Silbe für sich bildet. Man findet jedoch
34 Et chaitis et maleureus
87 Pour riens qu'il li seussent dire
The romance of Blonde of Oxford etc. by Pb. de Reims. 353
907 Car plas est gries li reftcheis
1044 J'ai par moi meisme brasse
und zahlreiche andere ähnliche Fälle. Bei Jehans macht das
h den Accent nicht nothig; der Abdrack weist bald Jehans,
bald Jehans auf. Ebenso jehir und jehir,
Aufmerksamkeit verdienen die Adjectiva u. Participia auf -ie^
die bald Masculina («^ einsilbig), bald Feminina (ie^ zweisilbig) sind.
Der Herausgeber hat sie nicht immer richtig unterschieden.
657 Li quens et o li la contesse
O'irent conter sa destrece
Dont il ne furent mie lie
Veoir le. vout (1. vont) mout courecie.
Lies lie (laeti) und coureciL
1439 Tuit eil qui Taiment mult lie sont — lii.
Und an vielen andern Stellen (z. B. 1478, 3584-85, 3808-9)
nahm der Herausg. für das Masculinum die nur im Femininum
mögliche Form lie an. — Dagegen
1023 Mais s'ele puet, vengie en ert -- vengie.
3540 Puis en ont jonchie lear löge.
Es sind nur sieben Silben. Lies jonchie.
Die Formen podent 515, oes (opus) 3204, buSs 5972 mit
dem Accent zu bezeichnen ist unrichtig; öe, iie drücken den
Laut eu aus. Ebenso überflüssig ist der Accent bei eüt (habuit),
privedment statt priviem. An einigen Stellen kommt ä (Präpos.)
statt a (Verbum) vor, z. B. 642, 3554, 3686 u. ,s. w. ; dage-
gen fehlt der Accent bei remesy grietes 365-66, bei monee^
coriree 5415-16 und anderswo.
Li Bezug auf andere diacritische Zeichen bemerke ich
1136 Qu'ele s'est co'iement levee.
Ein neunsilbiger Vers; oi, das dem einfachen i von quietus
entspricht, kann aber für zwei Silben nicht zählen; das Trema
ist zu tilgen.
Die Interpunction könnte oft zum Vortheile der Deutlich
keit verändert werden. Ein Beispiel mag hier genügen:
Das Antlitz Blonde's ist weifs und roth:
288 Si soutilment entr' abatue
S'est Pune couleurs dedens Fautre
290 Qu'on ne set de l'une ä l'autre
La quele a la millour partie
A ingalment Dix departie,
La face al blanc et al vermeil.
354 Kritische Anzeigen:
Dazu wird bemerkt, dafs die Handschrift A ing, a Dix dep.
bietet. Ich fasse das a im Y. 291 als Verbum aaf und setze
nach partie ein Schlufspunkt oder ein Semicolon; das Komma
nach departie ist dann za streichen. Auch dürfte von den
zwei a der Herausgabe eher das erste zu tilgen sein.
3) An unrichtigen Verbindungen oder Trennungen wären
zu bemerken:
443 Car onqnes meis deservement
Ne li convint faire commant — de serv.
Der Herausg. druckt die in diesem Gedichte sehr häufig
vorkommende fragende Partikel enne beständig en ne (z. B.
547, 2579, 2930 u. s. w.) , was entschieden zu verwerfen ist.
. 935 Aimil oel vous m'aves traf.
Wohl besser Ai! mi oel, vous etc.
Raison und Desraison kämpfen im Herzen Bionde's.
1009 Mais Raisons
Li a monstre tant de raisons,
Qu' ades Eaison plus ne s^acorde
Mais de tout a Raison s'acorde.
Ainsi s'en fai Desraisons
En son Heu s'est mise Raisons.
Offenbar ä Desraison plus ne s^acorde.
2008 Si sagement son euer navoie
Que on ne puist apercevoir
Que dolente est de son monvoir.
Ich glaube, dafs man n'avoie (ans avoier) zu trennen hat:
„sie benimmt sich nicht so klug^S
Jehan behält bei sich seine Schwestern, denn er denkt,
wenn er einmal Blonde heimfuhrt
2130 Que les li tenront compaignie — Qu' eles.
4599 kueus
Qui avoient aguisie akeus
Leur coutiaus.
ä keus (ad cotes).
5800 Si vous pri que vous nous portes
Bon euer et del vous deport^s,
d^ el (de alio) „und andere Qefnhle (Zorn, Hafs, Rachsucht)
aufgebet ".
7100 Ne pour Service ne Vau nus.
Ice dont il est plus tenas,
C'est a Dien cremir et amer.
1
The romance of Blonde of Oxford etc. by Pb. de Reims. 365
lait, Conj. von laxare; der Schlnüspunkt nach nus ist au tilgen.
Der HeraoBg. hat offenbar die Stelle nicht veratanden, was
um 80 mehr Wunder nehmen mufe, als sie schon bei Michel,
der übrigens die noch deutlfchere Form Imst hat, richtig ab-
gedruckt steht.
2047 diluecques st. cPiL; 2483 prist alarmer st ä lar,;
2901 und 2902 poist men bien st. m^en; 4776 seure st. s'eure
(suam horam); 7047 quainques st. qu'ainques (quod unquam).
4)- Hier und da hat der Herausg. unnöthige Bedenken gegen
einzelne Lesarten. So verändert er Vs. 387 das handschriftliche
levent leurs mains zu lavent^ obwohl er selbst an anderen Stellen
das auch in anderen Denkmälern (s. HenscheFs Glossar) vorkom-
mende und grammatisch vollkommen berechtigte e (a vor einfacher
Consonanz wird nämlich zu e) stehen liefs: z. B.^4437, 4439
(reimend auf teve). Vs. 428 wird zur bekannten Form turne
„sie instead of tumbe^ bemerkt.
1022 Du desavenant et du lait
Que ele avoit ä son serjant fait.
Das a steht nicht in der Handschrift. Der Zusatz ist weder
von der Syntax noch von der Metrik (da, wie oben gesagt,
unser Dichter mit Vorliebe qtie vor Vocal unelidiert läfst) geboten.
1191 tristre in triste zu verändern ist ebenfalls überflüssig,
da Einschiebung von r nach t sehr häufig und bei diesem
Worte auch anderweitig zu belegen ist.
2255 Et ne me doit il venir querre.
Die Hdschr. hat Enne, die fragende Partikel, welche, wie
schon erwähnt, in diesem Gedichte ungemein häufig vor-
kommt und die sonst nirgends vom Herausg. angezweifelt wird.
3408 Esvillier fait ces Chevaliers.
Auch hier fugt der Herausg. sie hinzu. Allerdings liefse sich
ses lesen, da auch anderswo diese Handschrift an die Stelle
des ^ ein c setzt; indessen ist der Gebrauch des Demonstra-
tivums statt des einfachen Artikels ein ztt häufiger, als dafs
man sich hier daran stoDsen sollte.
3570 H ont leur doublier ploiie.
Die Hdschr. hat reploiid, der Herausg. meint aber, dafs der
'C'ers dann neun Silben zählen würde. Sowohl ploiie als dou-
blier sind aber nur zweisilbig; man vergleiche für das zweite
Wort, das allein einen Zweifel zulassen könnte:
3550 Un blanc doublier d'nevre menue.
Die Hdschr. war also nicht anzutasten.
356 Kritische Anzeigen:
Nachdem die picardische Form le statt la far das Femi-
ninum des Artikels und Pronomens an zahlreichen Stellen
ohne Bedenken vorgeführt wnrde, halt es der Herausg. für
nöthig, gegen das Ende
5134 Et Jehans de ses bras le lie
beim Worte le ein „«ic" hinzuzufügen.
5) Hier nun noch einige Emendationen und Conjecturen.
1312 Trop avoire euer rn'es errant
Se je plus vous en demandoie.
Ich lese auroie und meserrant.
1943 Or nous convient renendre ael
wozu der Herausg. „stc" hinzufügt. Ich vermuthe entendre
ä el. Vgl.: 2091 Qu'il leur convint ä el entendre
4860 Puis leur convint a el entendre.
2057 Ensement les vy damoiseles
Ses sereurs, qui erent mout beles.
Es sind derer nur ij; vgl. Vs. 58, 2081, 2125 u. s. w.
2078 Apres 90U vesqui pau li peres,
Du mortel siecle trespassa,
Li Dex de lui Jehan lassa.
Dex (Dens) giebt keinen befriedigenden Sinn. Es ist dex (dolor)
gemeint. Vgl. 2186 li quens du grant duel se lassa.
2260 Se eis chi a plus de monnoie
Plus de rikeke et plus de terre
Que eil qui venir me doit querre,
Lairai-ge dont, pour sa desserte
Morir mon ami par destrece?
Wohl pour sa richesse,
2270 Maves oam donques feroie
Se plus bei et millor perdoie
Et loial amour pour richese.
Beim ersten Worte hat die Hdschr. Naves und die Emendation
ist trefflich. Was bedeutet aber oamt Ich vermuthe cange.
Vgl. 2274 Je ne cangerai mon affairel
2405 Or gart Jehans qu'il ne demeure;
Car on puet asses en peu d'eure.
Jedenfalls pert.
2793 Ains erra toute jor si fort
Que jus la nuit vint Osenefort.
Das Wort jus ist wahrscheinlich statt ver« oder ver verlesen.
Auch an einer anderen Stelle findet sich
The romance of Blonde of Oxford etc. by Ph. de Reims. 357
5815 Ne le biaa semblant ne la eiere
Qa'il s'entrefont jus la Roine.
2950 Et Jehans le sentier esploite
Qui moat rent grant penr eue
Que s'amie n'eust perdae.
Lies reut oder nach der Gewohnheit des Heranag. r*6ut aus r-avoir,
Jeban und Blonde ergreifen die Flucht.
2978 As cans vienent, leur ovre acuellent.
Gewils oirre (iter); cLCcueillir^ rectteiUir la voie, Perre, le chemin
ist ein stets wiederkehrender Ausdruck.
2993 Casenn jour le bos sejornerent — eL
Jehan sagt dem Graf von Glocester bildlich, dafs er nach
dem Besitze Blonde^s trachtet, welcher er gerade vor einem
Jahre die Rückkehr versprochen hatte.
2809 Sire, dist il, ains que demonr
Vous dirai pour coi je m^entour,
Autant et auques pres de chi
ün trop bei espervier coisi,
Del avoir sui en tel bretesche
Que je i tendi ma proueche.
Darüber spottet der Graf in seinem schlechten Franzosischen:
2820 Vostre tendre fu tout pouri,
Ne puisse durer duskes chi
Ne bretesche ne oiselete.
Wie später der Vater Blonde's die Allegorie erklärt, so sagt er:
Et pour 90U Yous dist il qu'antan
Ot une bouresce tendue
La boresche si senefie
L'amour etc.
Wir sehen daraus, dafs erstens V. 2811 nicht autant, sondern
arUan (ante annum) zu lesen ist; dann müssen in den Versen
2813 — 14 die zwei Endworter ihre Stelle wechseln:
De l'avoir sui en tel proueche (?)
Que je i tendi ma bretesche (oder boresche),
3579 N'a mie hon euer qui desdaigne
Amours, pour comment qu'on en ait.
Ich lese tourment: „welcher die Liebe verschmäht wegen der
Qualen, die sie verursacht"; oder: „so grols auch die Qualen
sind, die sie verursacht (per tormenti che l'uom n'abbia)".
Robin begibt sich nach Douvres, um zu erspähen, ob die
Ueberfahrt nach Frankreich sicher sei.
358 Miscellen.
3612 Li contes dist qae tant ala
Robins, puis quMl paiü de lä
Oü ses maistres pali Tavoit,
Que (Toutre vient d'ou la mer vienL
Der Heraasg. nimmt keinen A^nstofs an dem fehlenden Reim.
Ich vermnthe: Qu'ä Douvre vient d'oü la mer voit.
8658 Dedui les mercie de boache.
Ohne Zweifel De Diu (de Deo).
3817 Le jour hors aler n'osa,
Et quant ce vint a la feri
Li quens etc.
Lies ä Vaseri. Vgl. 3798 Quant ce venra ä Taserir.
3838 ün barin de vin.
Vielleicht nur Druckfehler für bariu = bariL
4493 Tant ont a eater mise eure
Qu'il revinrent ä leur pais.
Wohl errer.
5363 A sa chevalerie irai
Ne la puis ne m'en partirai
D'avoec eus.
Lies ja.
5860 Li Rois prist le conte u laver.
Vielleicht nur Druckfehler statt ä,
6) Die Verse 2815, 4592, 4847, 5238, 5455 entbehren
des mit ihnen reimenden; der Herausg. bemerkt dies nur bei
4592 und vermuthet, dieser Vers sei eingeschoben; wahrschein-
licher ist überall durch Nachlässigkeit des Abschreibers ein
Vers ausgefallen.
Wien, im Juli 1863. Adolf Mussafia.
Miscellen.
Philipps von Thaun ^^Livre des Cr^atures''.
Allgemein wird, meines Wissens, das ältere Werk Phi-
lipps von Thaun, Liber de Creaturis oder Livre des CrSatures
betitelt, welchen letztern Titel dasselbe auch in der einzigen
von ihm erschienenen Ausgabe führt, der von Thomas Wright
in dessen „Populär treatises on science written dtring the
middle ages (London 1841)^' besorgten. Da der Inhalt des
Werkes also vollkommen- bekannt ist, mufs man sich doppelt
darüber verwundern, wie man bei jenem Titel, der za dem
Philipps von Thaan „Livre des Creatures«^
Inhalt wie die Faust auf das Auge pafst, bislang sich hat
beruhigen können, dergestalt selbst, dafs von keiner Seite je
auch nur ein Bedenken darüber geäulsert worden ist Am
auffallendsten erscheint freilich die Gedankenlosigkeit des Her-
ausgebers in dieser Beziehung. Aber auch vor dem Drucke
des Werks war der Inhalt stets richtig bezeichnet worden.
Das Werk ist, um es kurz zu sagen, ein Computus, und
gründet sich auf lateinische Werke derselben Art, an welchen
das Mittelalter ja reich ist. Philipp von Thaun giebt selbst
im Eingange seiner Dichtung eine genaue Inhaltsübersicht.
Da die Wrighf sehe Ausgabe^ als eine Gesellschaftsschrift (der
Historical Society of Science)^ selten genug ist, will ich die
Stelle, Vers 86 ff., hier folgen lassen, indem ich mich aller-
dings hierbei auf eine einfache Reproduction des Wright'schen
Textes beschränken mufs, so sehr er auch mancher Besse-
rung bedürftig erscheint:
Kar ore voil comencer i^oe dum voil traiter,
E capitles poser,
— — — or les 1 poserai.
Des ures, e del jor, des nuiz, de lur lungur;
Des semaines, des nuns des jarz, des mois raisuns;
Des calendes, des ides, des nones, e des signes;
De Tan, e chi 1 trovat, e u ele comenchat;
Del bisexte garder, e en Fevrer poser;
Del bisexte a la lune, del salt e del embolisme;
De la Inne qna hom yeit, ainz qu» nuvele seit;
Des regiilers del jor, del concnrrent yalur;
Del lunal reguler, des epactes truyer;
Des termes et des clös, indactluns garder;
Des equinoctiuns, e des jejnnesnns;
De la table -raisun Philippe de Thaun;
De la table -raisan, e de resurr ectiun;
De la table -raisun Dionisie veium;
De la table Gerlant, al prüde clerc yaillant.
Ore finet 11 capitles, si cumencet 11 livres.
Man sieht, wie der Titel Liber de Creaturis vollkommen un-
gerechtfertigt, ja widersinnig ist. Aber wir können sofort auch
zeigen, wie das Werk zu jenem absurden Titel gelangte. Un-
mittelbar nach der eben citirten Stelle fährt unser Dichter
nämlich also fort:
En un livre divin, que apelum Genesim,
Hoc lisant truvum qute Des fist par raisun
Le soleil e la lune, e esteile chescune.
Pur cel me piaist a dire, d'ipo est ma materie,
Qu^ demusterai e a clers e a lai,
Chi grant busuin en unt, e pur mei perierunt.
Car unc ne fud loee escience ceUe:
Pur 90 me piaist a dire, ore i seit li veir Sirel
360 Miscellen.
Incipit Liber de Greaiuris,
Quant Des fist creatures de diverses mesures,
Tutes ad num poset sulunc lur qualitet;
Mais nnitas truvat, quae il tens apelat — —
und nun geht der Dichter sofort zu den Stunden über, dem
ersten Kapitel, ganz seiner Inhaltsangabe gemäfs. Die un-
mittelbar nach der Einleitung eingeschaltete üeberschrift: In-
cipit etc., ist offenbar das Werk eines unwissenden Abschrei-
bers, der im Hinblick einerseits auf die vom Dichter eben
erwähnte ,^ Genesis" und andererseits auf den zunächst fol-
genden Vers: Quant Des fist creatures etc., flugs sein Incipit
Liber de Oreaturis hinschrieb. — In einer andern Handschrift,
auch aus dem 12. Jahrhundert, welche sich in der Bibliothek
der Kathedrale Lincoln's, unter D. 4. 8., findet, trägt das Werk
dagegen, und zwar sogleich ganz vorn, wie es sich gehorte,
d. h. noch vor der Einleitung, die einzig richtige üeberschrift:
Hie incipit computus secundum Philippum, (S. Wright's Pre-
face, p. XII.) Wie es sich rücksichtlich des Titels in den
andern Handschriften, deren Wright gedenkt, verhält, erfahren
wir freilich nicht, da Herr Wright an jenem sonderbaren
„Liber de Creaturis" ja gar keinen Anstofs genommen, üeber-
haupt sind die Angaben des Herausgebers über die Hand-
schriften sehr dürftig und unvollständig. Und dies ist noch
aus einem besondern Grunde zu beklagen. Das Werk scheint
nämlich, was Wright auch gar nicht bemerkt hat, in seiner
Ausgabe, und wie nicht anders anzunehmen, auch in der ihr
zu Grunde liegenden Handschrift offenbar unvollständig. Es
endet da mit den CUs. Ganz abgesehen von der Frage, ob
manche der nach den Cles in der Inhaltsübersicht Philipps
aufgeführten Gegenstände, deren der Dichter im Vorausgehen-
den nur gelegentlich gedacht hat, nicht hier noch einmal eine
selbständige Behandlung zu finden hatten, — fehlt doch durch-
aus ein Schlufs und ein Schlufswort, wie sich beides, im voll-
kommenen Gegensatz zu unserm Computus, am Ende des Bestiari
zeigt, wo der Dichter eine kurze Recapitulation des Inhalts giebt
und darauf mit einem „Amen" abschliefst. — Beide Werke Phi-
lipps von Thaun verdienten eine genauere , sorgfältigere literar-
historische Untersuchung als ihnen bisher zu Theil geworden,
der aber allerdings eine bessere Herstellung des Textes, wel-
cher in der Wright'schen Ausgabe als eine blofse Copie einer
einzelnen Handschrift erscheint, vorauszugehen hätte. Möchten
diese Zeilen hierzu die Anregung geben. Ebert.
1
Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
Volksthüml. Benennungen von Monaten u« Tagen bei d. Romanen. 361
Volksthümliche Benennungen von Monaten
und Tagen bei den Romanen.
Wenn auch der romische Kalender allmählich fast in
ganz Europa die heimischen Benennungen der Monate
verdrängt hat, so findet man doch selbst bei den roma-
nischen Völkern noch hier und da Monatsnamen vor,
welche von den lateinischen abweichen und deutlich dar-
auf hinweisen, dafs ursprünglich andere, grofstentheils
sinnigere und charakteristischere Bezeichnungen üblich
gewesen sind.
Namentlich haben die Bewohner der Insel Sardinien
fiir die meisten Monate des Jahres neben den von den
Römern überkommenen Namen eigene volksthümliche Be-
nennungen, und bei den Romanen werden beinahe alle
Monate in der täglichen Redeweise nait Namen bezeich-
net, welche nicht im Kalender stehen.
Ebenso sind zwar die Tage und Festzeiten des Jah-
res bei den Romanen den Benennungen der Earche ge-
mäfs benannt, aber auch zugleich vom Volke nicht selten
mit Beinamen versehen worden, welche nach und nach
den Sieg über die Kalendemamen davongetragen haben.
Da es nun nicht blofs für den Culturhistoriker, son-
dern auch für den Sprachforscher von grofsem Interesse
sein dürfte, diese Namen einer genauem Prüfung zu un-
terwerfen, so wollen wir hier die volksthümlichen Benen-
nungen von Monaten und Tagen mittheilen, welche wir
bereits gesammelt haben.
Unter den italienischen Dialekten zeichnet sich, wiö
schon bemerkt, der sardinische durch seinen Reichthum
an eigenthümlichen Monatsnamen aus, und die Bezeich-
nung des Septembers Capidanni^ im dialetto meridionale
Cabudanni, beweist, dafs ehemals das Jahr nicht wie bei
den Römern mit der Frühlings - Tag- und Nachtgleiche
oder dem März, sondern wie bei den alten Slawen und
einigen griechischen Stämmen mit der Herbst -Tag- und
Nacbtgleiche oder dem September begonnen hat, indem
der Ausdruck gleichbedeutend mit Capuda/nnu (im dial,
Jahrb. f. rom. u. engl. Liu V. 4. ^ 24
1
362 Heinsberg . Düringsfeld
Logudarese Cahuannu)^ dem jetzigen Namen des ersten
Januars oder NeujahrsUges, ist, welcher im dial. meri-
dionale annu nou heifst. ^)
Die Benennungen der ersten fünf Monate :
(dial. Logudar.) Bennarzu ; Frearzu^frecUzu ; Martu^ maltu ;
(dial. meridion.) Gennargiu ; Fiärgiu ; Mar zu ;
(dial. settentrion.) Gennaggiu ; Friäggiu ; Martu;
(dial. Logudar.) Abrüe; Maju;
(dial. meridion.) Abrili; —
(dial. settentrion.) Abbrili ; Maggiu ;
entsprechen den Kalendemamen der Romer; ebenso die
Bezeichnung des Augustes: austu oder su meae de austu.
Der Juni dagegen wird lämpadas (im dial. settentrion.
lämpata^ im dial. meridion. Tnesi de lämpadas) genannt,
was entweder „BUtzmonat", oder „klarer, glänzender
Monat ^^ bedeuten kann, und in diesem Sinne an den
sbukra (hell) und shukhi (glänzend), die Sommermonate
der Inder, erinnert.
Die Namen des Juli: triulas^ im dial. settentrion.
triula und im dial. meridion« treulos oder mesi de argiolas,
beziehen sich sämmtlich auf das Dreschen, indem treulai,
triulare^ dreschen, und argiöla (von arzoläre^ Korn mit
Pferden austreten) Tenne heifst, und stimmen deshalb
mit der albanesischen Bezeichnung des Juli: Xova<; oder
aXova^, Dreschmonat, und der esthnischen des October:
rehhe-rku (von rehhi, dreschen) oder rühhe-ku, Tenne-
monat, überein.
Auch die Benennung Cabidanni für September kehrt
dem Sinne nach in andern Sprachen häufig wieder, in-
dem nicht nur das romanische Cärindariu und albanesi-
sche KaXev^ou^^ sondern auch das baskische Urtarilla,
^) Ein ganz ähnlicher Fall findet hei den Albanesen statt, welche
zwar den Januar KaXev5o\>^, Kalender- oder ersten Monat, nennen,
aber in der Ri^a noch immer den ersten September als Jahresanfang
betrachten, lUid wiederum den September als ersten Herbstmonat (ßj^örsy
Herbst, September) bezeichnen, während die Sardinier sprichwörtlich
sagen:
Octo dies innantis, octo dies pustis de Sancta Maria ispezzat attimzu
[Acht Tage Tor, acht Tage nach Maria Geburt (8. September) fkngt
der Herbst an].
Volksthüml. Benennungen von Monaten n. Tagen bei d. Romanen. 363
das leitische Jauna gadda mehnefs (von jauns, jung, neu,
und gads, Jahr) und das esthnisohe Neäri-ku (von neäri,
Neujahr) dieselbe Bedeutung haben und deshalb zur Be-
Zeichnung des Januars, des jetzigen ,,Neigahrsmonats^S
dienen.
Der October heifst in der südlichen Mundart Sar-
diniens mesi de ledaminisy DungermOnat, vom lat. laeta-
men, iix der nördlichen und logudoreser ab^r Santuaini,
in der gaUureser SantigcUni, ein Name, dessen wahre
Ableitung noch zweifelhaft bleibt. Mahnt er uns auch
auf den ersten Anschein an den Halegmunät oder No-
vember der Dieutschen in Norditalien und den Häleg*
monath der Angelsachsen, welcher bald den September,
bald den October bezeichnete, so gebt doch auq den
Benennungen der beiden folgenden Monate hervor, dals
er christlichen Ursprungs ist. Es fragt ^ich nur, at^t
welches Fest er sich bezieht Aus der wörtlichen Be-
deutung von Santuaini (santu aiui, heiliger Esel) könnte
man auf eine besondere Verehrung des Esels Christi
schliefsen, wie solche z. B. einst in Mailand üblich war,
indessen aller Wahrscheinlichkeit nach ist es da^ Schutz-
engelfest (i santi Angeli Custodi, am 2. October), wel-
chem der October seinen Namen in Sardinien verdankt,
um so mehr, da dieser Monat in der katholischen Kirche
bekaimtlich den heiligen Engeln geweiht ist.
Der November wird im Süden von Sardinien Totua-
santm^ AUerheiligenmonat , vom gleichnamige^ Feste
(1. November), in den übrigen Theüen der Insel Santu
Andria^ Sanct- Andreasmonat, vom Tage St.-Apdrea
(30. November), genannt, und beide Benennungen %den.
wir nicht nur in dem mindszent hava (AUerheiligen-
monat) und szent Andras' hava (St. -Andreasmonat) 4er
Magyaren als Bezeichnungen des October und Npvepaber^
sondern auch in dem mittelhochdeutschen alrehUge^maint
und sant Andreismaint des Niederrheins als Bezeichnun-f
gen des November und December wieder. ^)
1) Die Albanesen verstehen unter öfiv Eydp^ oder ^t Ivöpe, Sapc^
Andreasmonat, ebenfalls 4ep Pecember,
g4*
364 Beinsberg -Dfiringsfeld
Auch die volksthümlichen Namen des December:
Nadäle (im dial. Logud.), Naddäli oder Natali (im dial.
settent.) und Nadali oder mesi de paechiaedda (im dial.
merid.), welche sich sämmtlich auf das Weihnachtsfest
oder Christi Geburtsfest (nadale, natali) beziehen, haben
zahlreiche Analogien in andern Sprachen.
Die Deutschen haben ihren Christmonat (mittelhoch-
deutsch Christmonet, plattdeutsch Eristmaand); die Hol-
länder ihren Kers- oder Eerstmaand; die Magyaren ihren
Karäcson' hava (von Ear^son, Weihnachten); die Esthen
ihren talwiste- oder talwiste puhhä ku (von talwiste pfihha,
Weihnachten); die Kroaten ihren Velikobo^iönjak (von
boiiö, Weihnachtsfest) und die Polen Schlesiens ihren
wanoönik (von wänoce, Weihnachten), während der angel-
sächsische Giuli, der dänische juelmaaned, der schwedi-
sche julmänad, der finnische joulukuu, der lappische jou-
lomano und der esthnische joulo ku vom heidnischen
Jul- oder Wintersonnenwendenfest herrühren, das dem
christlichen Weihnachtsfest vorausging.
Die Lombarden haben aus Gennajo (venetianisch
Genaro) Genar (in Bergamo Zener)^ aus Febhrajo (vene-
tianisch Febraro) Fehrar (in Bei^amo Febrer)^ aus Marzo
Marz^ aus Maggie (venetianisch Magio) Mas und Mag^
aus Giugno Giogn und Giügn (in Bergamo Zögn)^ aus.
Luglio (venetianisch Lugio) Löi^ Lui oder IjuI und aus
ÄgoHo AgoBt gemacht, und Settembrey Ottobre und 2)i-
cembre in Setember, Otober und Desember verwandelt.
Auf der Insel Sicilien hat sich die Gewohnheit er-
halten, den Juli Giugnlttu, kleinen Juni, zu nennen ^),
die wir auch anderwärts häufig finden, und in Toscana^
sowie in Oberitalien herrscht der Brauch, von den Mo-
natsnamen selbst Verkleinerungs - oder Yergrofserungs-
worter zu bilden. So heifst es vom Februar im Tosca-
nischen:
Febbrajetto,
Corto e maladetto!
1) Die übrigen Monate führen im Siciliauischen die Namen : Innäru,
Friväru, Märzu, Aprilu^ Maju, OiugnUy Agustu, Sitthnbri oder Sittemmiru,
Ottubri, Nuvemmiru und Dicemmiru,
Volksthüml. BenenniiDgen von Monaten u. Tagen bei d. Romanen. 3ßb
im Venetianischen:
FebraretOy
Ogni erba buta fora '1 so becheto!
und im Furlanischen:
Febrarut^
Ogni erba buta fora U so becutl
Femer vom März im Venetianischen:
Marzo mwrzan,
Ti me fa morir le piegore e anca 'I molton!
und im Brescianischen:
MarZy Marzöriy
Tri cattiv e un bon! *)
Vom April im Bergamaskischen:
Aprily AprilUy
Toc i de on sguazzet!
oder im Venetianischen:
Aprüe, AprüetOy
Ogni giomo un gozzeto!
und im Toscaniscben:
Aprü^ Apriloney
I Noii mi farai por giü il pelliccione!
und endlich vom Mai in Mailand:
Mag^ Magion^
A ti la to rosa, a mi el peliscioni
oder auf venetianisch:
MagiOj Magien^
A ti la to rosa, a mi '1 pelizzon.
Auch lieben es die Italiener, von den Monatsnamen
Zeitwörter abzuleiten, welche eigentlich die Witterung
der betreffenden Monate bezeichnen sollen, mitunter aber
auch in einem derselben entsprechenden geistigen Sinne
angewandt werden. So bedeutet marzeggiare (sicilianisch
marziäri) nicht blos das rasche Wechseln von Sonnen-
schein und Regen^ wie im März , sondern auch veränder-
lieh seiriy schwanken y und sprichwörtlich sagt man:
1) Aehnlich vom April:
Avril, Avnlettj
u de cold, ü de frecc.
806 Reinftberg - Duringsfeld
(bergam.) Se '1 Zener nol zeneresa^
Fevrer fa ona gran scoresa,
oder:
(mail.) Se Gener no '1 genareza^
Se Febrar no 1 febrarlza,
März el trk na gran Booreza;
Se Fehrwt no '1 febrarlza^ marz el verdeza;
(venet.) , Se Febrar o öo febriza^ Marzo mal pensa;
(toscan.) Se Febbrajo non febbreggia^ Marzo campeggia;
(sicilian.) Si Frivaru 'un frivia^ Marzu *un erburia,
und:
(venet.) Se Marzo no marteggia^ April mal pensa.
Spottweis nennen die Venetianer den Januar: Genaro
dal deute limgo; die Bergamasken aber: Zener, over,
gleich dem toscanischen Gennaio^ (wada. Der Februar
heifst auf der Insel Sardinien: Frea/rzu fades fades (Fe-
bruar mit zwei Gesichtern), oder Frearzu traitore; der
März im Venetianischen : Marzo dai nove colori; im Sici-
lianischen: Marzu pazzu, und im Toscanischen: Marzo
mala fede^ weil J^eide Monate sehr veränderliches Wetter
haben. Den April netinen die Venetianer: April dal dolce
dormir, und den Juli die Sardinier: TViulas triulado,
Plagejuli, weil die Landleute dann angestrengter arbeiten
müssen als in andern Monaten; oder: Triulaa depidore^
et au8tu pagadorey Juli Schuldner und August Bezahler,
weil die armem Bauern in der Regel am Ende der Ernte
die während des Jahres gemachten Schulden bezahlen.
In der churwällischen Sprache haben nur die Mo-
nate Juni und Juli die volksthümlichen Namen Zerdadur
(Zao'dadur) und Fanadwr (Fenadur) behalten, welche
geoau .den schweizerischen Brachmonat und Heumonat
(mittelhochdeutsch brächot und houwot) entsprechen und
ihnen nachgebildet zu sein seheinen. Dieselbe Analogie
dürfte auch bei der Bildung des proven^alischen Geskerech
(ghieskerec) von gaskiere, gMeskere, Brache, und Fenerec
(vom lateinischen foenum), des altfranzosischen mois de
resailhy mit welchem man sowol Juni wie Juli bezeich-
nete, und des wallonischen foenal oder final und aom-
mertras oder somairtras eingewirkt haben; denn somair^
I
[
Volksthüml. Benennungen ton Monaten n. Tagen bei d. Romanen. 367
Bommert oder somar bedeutet ,,Brächland^ Brache^S oder
,yLand, das ruht", weshalb man somairtrtu nicht bloa für
den Juni, sondern auch für den März anwendet; final
aber ist die Zeit der Heuernte, das lateinische fenicula-
rium des Mittelalters.
Der Name seval oder sefal^ welcher im Wallonischen
für Juli vorkommt, wird zwar von einigen ebenfalls von
savarty savarz^ Brache, abgeleitet, konnte indessen mit
mehr Wahrscheinlichkeit vom alten seif^ Trockenheit,
herkommen, und so dem angelsächsischen searmönath
(Juni), dem litauischen deggsis (August) und dem letti-
schen papues mehnefs (Juni) entsprechen, Bezeichnungen,
die sich sämmtlich auf die Hitze und Glut des Som-
mers beziehen.
Den Februar nennen die Wallonen |>'^V wew, kleinen
Monat, weil er kürzet ist als die andern, und der Juli
heifst in vielen Gegenden Frankreichs noch Juignet^ klei-
ner Juni. Der Januar ward in den französischen Provin-
zen ehemals häufig als onzieme mois, der Februar als
douzieme mois bezeichnet, weil das Jahr „secundum sty-
lum Franciae*' oder „more Galliöano" einst mit Ostern
oder mit dem 25. März begann, und der Februar hieis
nicht selten 7xio%9 du Purgatoire wahr^id das altfranzösi«^
sehe Deloir oder fnuns de Voir den December bedeutete,
weil die Geburt Christi, des „Erben Gottes", in diese»
Monat fällt.
In den Patois der französischen Schi^eiz, welche
reich an volksthümlichen Benennungen sind, haben dich
zwar alle heimischen Monatsnamen vedören, aber einige
ausdrucksvolle Bezeichnungen für Jahreszeiten erkalten^
die in keiner andern romanischen Muüdart üblich sind.
So heifst der Sommer tzotirij warme Zeit, der Frühliüg
fouri oder /wW, und der Herbst aderri, Anhatigsel (von
adhaerere), was die Behauptung bestätigt, dafs mdn ur-
sprunglich nur drei Jahreszeiten ahnshtn.
Auch die Proven^alen geben dem Herbst, heben dem
gebräuchlichem Ausdruck automs, den Namlen gahin^ S<^y^9
going y 2ieit, wo man die Fruchte sammelt (gaina), uüd
die Catalonier nennen ihn la tard^r.
36g Beinsberg -Dimngsfeld
Wie in den italienischen Dialekten, finden wir nicht
minder in den nord- und südfranzosischen und spanischen
Mundarten, sowie im Portugiesischen den Brauch, von
den Monatsnamen Verkleinerungs- oder Vergrofserungs-
worter und Zeitworter zu bilden. So
(picard.) FSvrier^ Fhrioty
Si tu geles, t' engfeleros mes t' chiots!
oder:
Fibruarioty
Si tu giles, gele pas mes piots!
(Patois der Schweiz.) Se fivrai ne fivrottej mar vein
ke to debliotte!
(andalus.) Febrerillo el loco
No paso de veinte y ocho.
Sacö SU Padre al sol
Y despues lo apedreö.
(portug.) Mar^o marcegäo^
Pela manhäo rosto de cäo a tarde Veräol .
und:
(andalus.) Cuando marzo mayBa,
Mayo marzea.
Die Romanen haben in der täglichen Redeweise des
Volks blos für den Februar, März, April und August
die den romischen Kalendemamen nachgebildeten Benen-
nungen Fäurariü, Martisiorü, PW^f und ^w^t^^ö ange-
nommen, för die übrigen Monate aber ihre alten heimi-
schen Bezeichnungen beibehalten. Daher wird der Januar
nicht Januariy sondern Cärindariü^ Kalender- oder Neu-
jahrsmonat, ähnlich dem albanischen KoXsvSovc? der Mai
von dem Florafeste, das noch immer am 1. Maisonntag
gefeiert wird, Florariü^ und der Juni Ciresiariä^ Kir-
schenmonat, genannt.
Der Juli heifst CuptoriÜ, Brennmonat (wortlich Ofen-
monat), von der Sommerglut, nach welcher die Deutschen
in Südungarn und im Banat den Juli Wärmemond und den
August Hitzemond, die Serben den Juli zar, und die lau-
sitzer Wenden denselben Monat pra^nik (von prazi<^ dorren,
schmoren) benennen. DerName-des September istRäpduney
ein Ausdruck, der noch zu erklären bleibt, und der No-
Volksthüml. Benennungen von Monaten u. Tagen bei d. Romanen. 369
vember heifst Brumariüy Keifmonat, wovon man JSrwwÄ-
rellu zur Bezeichnung des Octobers gebildet hat. Wir
finden hier also das in den alten slawischen Dialekten
geltende Gesetz wieder, bei der Verknüpfung zweier
Monate durch einen Namen den zweiten oder gewisser-
mafsen kleinern nicht, wie es jetzt geschieht, nach-, son-
dern vorzusetzen. *)
Die Benennung des December, Undrea, ist ebenso
dunkel wie die des Septembers, wenn man nicht anneh-
men darf, dafs sie aus dem „ Andreasmonat ^^ anderer
Volker entstanden ist, mit welchem man, wie wir be-
reits gesehen haben, bald den November, bald den De-
cember bezeichnet.
Die Namen der Wochentage sind mit wenigen Aus-
nahmen in allen romanischen Sprachen und Dialekten
aus den lateinischen abgeleitet. Nur die Portugiesen
zählen, wie bekannt, die Tage vom Montag bis Freitag,
als : aegunda — terga — quarta — quinta — seata feria.
Die Bewohner Graubündt^ns haben zur Bezeichnung der
Mittwoch das Wort mesjarrma dem Deutschen nachge-
bildet, und die Sardinier gebrauchen im Norden der In-
sel statt giohi häufig aa quinta die de sa chida, während
sie den Freitag blos im dial. settent. v^nnari^ im diaL
merid. aber cenabara^ im dial. Logud. chenabuo'ay vom
lateinischen coena pura, Mahl aus trockenen Speisen,
nennen, weil an ihm streng gefastet wird. *)
Die Woche selbst heifst auf Sardinisch chida (im
dial. settent. chedda, im dial. merid. cidd)^ was einige
aus dem Griechischen (Arbeit), andere vom etruskischen
iduare, trennen, ableiten, und die Fasttage werden in
Florenz giorni neriy in Venedig zorni magri genannt, wo-
gegeh die de magre im Catalonischen einen halben Fast*
1) So bezeichnet z. B. Serwnec oder 6rVen menäi im Altezechischen
den Juni, und 6r'wen oder SrVen welik;^ den Juli; mali srpan im
Slowenischen den Juli und velki srpan den August, und mali traven
im Altkrainerischen den April, velki traven den Mai.
^) Parasceven, coenam puram Judaei latine usitatius apud nos
vocant. Coena pura nempe quod ex aridis tantum cibis constabat.
(S. Agust. tract. in Johan. 7. 6.)
370 Reinsberg-Düringsfeld
tag oder Fischtag (die de peia, castil. dia de viSmesJ
bedeutet.
Der Sonntag hat beim sicilianiscben Volke zweierlei
Namen: duminicaria und duminichina^ indem man mit
der letzten Benennung die Fastensonntage bezeichnet,
an denen man sich nur mit Mafsen unterhalten darf.
Der Donnerstag wird im Venetianischen und in der
Lombardei eioba (in Como giohjiMa)^ bei Verona und
Vicenza jedoch zobia^ und bei Bergamo abwechselnd
ifobia und gioedij auf der Insel Sardinien im diaL Logud.
jöbia oder giöja^ im dial. merid. gidbia und auf Sicilien
jdvidi oder jovu^ genannt.
Die Sitte der Handwerker, am Montag wenig oder
nichts zu arbeiten, welche bei den romanischen Völkern
ebeoso verbreitet ist, wie bei den germanischen, heifst in
Bergamo fä 7 leunedij in Toscana fare la lunediana, in
Parma lundiana, bei den Rumänen A serba Itmea oder
luecia und in Frankreich la saint lundi oder faire le lundL
Die Hauptfeste des Jahres werden in ganz Italien
und auf der pyrenäischen Halbinsel noch immer Paequa
(spSLTt. paBcuäy povixxg^ pascoa) genannt Und durch Zusätze
unterschieden. Paaqua (sardin. Paaca^ Pascha) allein be-
deutet Ostern oder Pasqua di remrfezione, waches die
Venetianer Pasqua gYamda oder dei f>om , Eierostern (par-
mesan. Pasqua dalV ohiv) , die Toscaner Pasqua maggiore,
P. cPorOy P. d'uovo und P. d'agndlo nennen. Fällt Ostern
früh, heifst es Pasqua bassa^ in Parma Pasqua col ceppo,
weil man dann oft noch feuern mufs; fällt es spät, Pew-
qua alta^ in Parma Pasqua ßorita.
Unter den gleichbedeutenden Ausdrücken (sardin.)
Pascha de ßores und (sicil.) Pasqua di ciuri dagegen ver-
stehen die Sardinier und Sicilianer Pfingsten^ das die
erstem im Süden der Insel mit dem Namen Pascha de
SU Spiridu Santu und die letztem auch gleich den Ita-
lienern Mittel- und Oberitaliens als Pasqua rosata oder
Rosenostern (latein. Pasqua rosarum) bezeichnen. Die
Toscaner nennen es nicht blos Pasqua rosata oder rugiada,
sondern auch Pentecoste und festa dello Spirito Santo, die
Parmesaner Pasqua rolvsa (P, rugiada)^ die Venetianer
Volksthüml. Benennimgett vonMoaateti n. Tagen bei d. Romanen. 371
PoBqua de mazo^ weil es itteistens in den Mai fällt 5 und
und die Lombarden PmtecoBt. In Portugal heifst Ostern
Pascöa oder Pascoa da Remrreifao^ wie in Spanien (castil.
Pascua de Remrreceion^ catal« Pa$qua de Resurrecdö)^
und Pfingsten, das im^Casiiiliaüischen Pasctia oder ßesta
de Pentecostes y im Catalonischen Sinchogesma oder festa de
Pentecostes genannt wird, Paeeoa do Espirieo Santo.
Die Franzosen gaben zwar früher ebenfaUs jedem
hohen Feste den Namen Päque^ z. B. la Päque de rAscei^
sion^ Himmelfahrtstag; la Pdque de PEpiphanie^ Drei**
königstag; la Paque de la NaPimUj Christtag; la grande
Päque oder la Päque de la r^enrrection^ Ostern, und la
Päque de la Pentecdte oder la Pdque dee rosea^ Pfingst^i,
haben ihn aber blos noch zur Bezeichnung der Sonntage
ihrer ^^quinziadne de Päquee'^ beibehalten, indem sie das
Osterfest Päquee, den ihm vorangehenden Palmsonntag
Päques fleurüs oder P. demand^e (vom lateinischen Pasqua
floridum oder petitum s. competentium) *) und den darauf
folgenden Sonntag Quasimodogeniti , welcher die eem&ine
de Päquee schliefst, Päquee eloses (vom latein. Pasqua
clausum) nennen. Für Pfingsten dagegen hat man all-
gemein die Bezeichnung la PentecSte (vom latein. pente-
coste) angenommen, unter welcher man ehemals in Frank*
reich die ganze Zeit von Ostern bis Pfingsten verstand,
und nur selten hört man noch la Pdque des fleura oder
des roses. Auch der sonst übliche lateinische Ausdruck
Pascha militum, welcher daher rührte, dafs in Frank*
reich gewöhnlich die Ritterorden zur Pfingstzeit vertheilt
wurden, ist ebenso aufser Brauch gekommen, wie die
-Benennung Päques nhves^ Neuestem, welche das Osterfest
führte, so lange es als Jahresanfeng diente.^)
1) Der Name rührt von der Sitte her, die Catechumenen an die-
sem Tage zu instruiren und zu examiniren.
^ Bekanntlich gab König Karl IX. schon im Januar 1563 ein
Edikt, in dessen 39. Artikel er befahl, in allen öffentlichen Urkun-
den den 1. Januar als Jahresanfang ansunehmen, und TefAchärfte die-
sen Befehl noch durch das £dikt von Boussillon vom 4. August 1Ö63.
Gleichwol folgte das Parlament von Paris bis 1567, die Kirche von
Beauvais sogar bis 1580 dem alten Herkommen, das Jahr mit der
Weihe des Wassert oder der Osterkerze am Charsamstag zu beginnen.
37 2 Reinsberg * Duringsfeld
Der Palmsonntag wird abwechselnd jour des Rameaux
(proyenpalisch jorn de Rams oder Rami)^ dimanche des
Rameaux und dimanche des Bades, in der Picardie Paques
Bo oder Paques a bouis genannt, weil man statt der Palmen
Bachsbaumzweige oder andere Zweige mit Beeren weiht.
Die Wallonen in der Umgegend von Ath bezeichnen ihn
als petite Päque^ da mit ihm die Char- oder heil. Woche
beginnt, und die Bewohner von Huy nennen ihn noch
immer dimanche du grand Careme, weil an ihm ehemals
eine Yertheilung von Häringen stattfand. ^)
Die Woche, welche mit dem Pahnsonntag beginnt,
heiät in Frankreich semaine sainte, semaine de la Croix^
semaine muette (weil die Glocken drei Tage lang stumm
sind, 9)P0ur aller ä Bome^^, wie man sprichwortlich sagt),
auch la grande semaine, in der Picardie semmne peneuse
und in Italien settimana penosa (vom latein. septimana
poenosa), oder wie in Spanien und Portugal seUim>ana
Santa (ital., castil. und portug. semo/na santd). Während
aber in den letztgenannten Ländern in der Regel nur der
Gründonnerstag, der Charfreitag und Charsamstag als
„heiligt' bezeichnet werden:
catal. castil. portag.
dijous sa/nt judves santo quinta feira santa;
divindres sant viernes santo seata feira santa;
dissapte sant sdbado santo sabbado santo;
nennt man in Italien und Frankreich jeden Tag der Char-
woche „ heilig ^^, und gibt in der Picardie dem Gründon-
nerstag und Charfreitag die Namen blanc josdi oder jour
du blanc Dieu, und aor4. Aori ist der Tag, wo man
„va aorer (adorer) la croix", blanc josdi entweder dem
viamischen witten donderdag nachgebildet, oder gleichen
Ursprungs mit ihm. Die Benennung jour du blanc Dieu
scheint jedoch der gewöhnlichen Erklärung, das Beiwort
„weifs" beziehe sich auf die Farbe der Brote, welche
man am Grründonnerstag zu vertheilen pflegte, oder auf
die weifsen Grabtucher zur Decorirung der Kirchen am
Charfreitag, zu widersprechen und entschieden auf vor-
1) s. Calendrier beige (Brax. 1861), I. 208 -.9.
Volksthüml. Benennungen von Monaten n. Tsgen bei d. Romanen. 373
christliche Zeit zurückzuweisen. Da nun die Viamingen
auch den Charfireitag witten Vrydag nennen und der
Palmsonntag in der Picardie ebenfalls blanke Päque heifst,
so liegt die Vermuthung nahe, die Bezeichnung sei
dem heidnischen Frühlingsfeste, welches dem christlichen
Auferstehungsfeste des Herrn voranging, eigen gewesen
und nebst den vielen alten Gebräuchen, die wir an Ostern
noch üblich finden, auf das letztere übertragen worden.
Wie im Wallonischen der Palmsonntag, führt im
Portugiesischen der Sonntag nach Ostern, welchen die
Italiener Domenica in albü^ die Catalonier Cap de octava
de Pascua und die Bewohner der Picardie dose paques
nennen, den Namen „ Kleinostern *^ oder Paseoela^ wäh-
rend der Palmsonntag im Portugiesischen Ramoa, im Casti-
lianischen domingo de Ramos^ im Catalonischen Pascua
ßorida oder diumenge de Rams und im Italienischen do^
menica delle palme oder degli uUvi (delV olivo) heifst,
weü man besonders in der Lombardei statt der Palmen-,
häufig Lorber- und Oelbaumzweige weihen läfst. Daher
sagen auch die Venetianer sprichwortlich:
Olivo suto e vovi bagnai,
oder:
Se no piove su T olivo, piove sui vovi,
um auszudrücken, dafs, wenn es nicht am Palmsonntag
regnet, der Regen oft zu Ostern fällt, und in Verona
hört man umgekehrt:
Se piove su V olivela,
No piove SU la brassadela *),
d. h. auf die Brezeln, die man am Osterfeste ifst.
Die Romanen bezeichnen den Palmsonntag als dumi^
neka ßoriilor^ Blumensonntag, die Charwoche als septe-
mena ma/re oder patimilory grofse oder Leidenswoohe,
den Gründonnerstag und Charfreitag als Jovia mare und
Vinerea mare^ den Ostertag als dumineka pastelor oder
PaSte (Ostern) und Pfingsten mit dem Ausdruck Rosali
1) 8. Das Wetter im Sprichwort (Leipz. 1864, S. 119), dem über-
haupt die hier vorkommenden, auf das Wetter bezüglichen Sprich-
wörter und Redensarten entnommen sind.
374 Rdnsberg-Dwrii^ifeld
oder Busalije^ der wabrscheinliob nicht vom lateiniacben
pasqua rosarum, sondern von dem serbischen rusalje, dem
Fest der Rusalky oder slawischen Nixen herrührt, indem
namentlich die Gebräuche am Pfingstabend, dem aiunul
Rosalilor, auf einen Zusammenhang des romanischen und
slawischen Festes hinweisen.
Der Net4Jahrstag ^ in Frankreich jotMr de Fan oder
nouvel an, im Castilianispben principio d$ aho oder el
dia de afio nuevo, im Portugiesischen o primeiro dia d '
Janeiro^ und im ßomänischen anu noü genannt, heifst in
Italien meist capo d'anno (siciL cäpu d^annu^ parmes.
cap d^ann)^ im Catalonischen cap düany oder ninou^ im
Romansch Daniev^ Nur selten wird der Name des kirch-
lichen Festes (franzos. fete de la dreoncmon de Jieu^-
Christy ital. feeta di Circondaione^ span. la Circundaion
del Senor) in der täglichen Redeweise angewandt. Wo
es geschieht, ist er verändert worden, wie z. £. in Mont-
didier^ wo man Tüagne daraus gemacht hat.
Dasselbe Schicksal ist dem 6* Januar, dem Feste
der Erscheinung des Herrn, oder Epiphania, zu Theil
geworden. In Portugal, Spanien und Frankreich hat der
Name „Konigstag" oder „Konigsfest" (portug. dia de
ReiSy feeta dos Reis oder kurzweg oa Reia^ span. dia de
Reyea oder la Adoraoion de iQß Santoa Reyea^^ catal. la
feßta deh Reys.^ firanzos. le jour des rois oder les Roiay
den Sieg davon getragen , indem die an diesem Tage üb-
lichen Bräuche, wie z. B, das Umhertragen des Sternes
in der Provence, das in ganz Frankreich und Wallonisch-
Belgien verbreitete festin du Roi-boit, und der lärmende
Umzug der Gallegos in Madrid, sich vorzugsweise auf
die drei Könige bezieben. Bei den Romanen heifst es
Bobotizä^ Taufe Christi, und in Italien ist zwar die Benen-
nung giomo oder festa dß' tre re magi weniger häufig als
JSpifania, aber dieses hat sich nur in wenigen Dialekten,
wie in denen Sardiniens und Siciliens, ganz rein erhalten,
und selbst die Sicilianer wenden oft tufknia (vom latein.
theophania) statt epifania an. Die Parmesaner haben die
alte Bezeichnung Pasqua de PEpifania gleich den Be-
wohnern Qberitaliens in Pasquetta (lombard. und vene^
Volksthüml. Benennungen von Monaten n. Tagen bei d. Romanen. 375
tianisch Pcuqueta) ') zusammengezogen, und £pifania in
Piffan\a verkürzt; die Venetianer haben Pasqua Pecfänia^
die Toseaner Befama daraus gemacht, und die Bömer
haben es gar in Beffana verwandelt und so Anlafs gege-
ben, die Geschenke, welche man an Epiphania den Kin-
dern gibt, um sie an die Gaben der drei Konige zu er«
innern, einer Hexe zuzuschreiben, die des Nachts durch
den Schornstein fährt, sich in Gestalt einel: riesengrofsep
schwarzen Puppe zeigt und artigen Kindern die aufge-
hangenen Strümpfe mit Zuckerwerk füllt. Denn befÄna
heifst ursprünglich ein weibliches Gespenst, mit dem man
die Kinder schreckt und das in Venedig auch dona bruta,
in Brescia beröla und im Friaul Redodese oder Aredodese
genannt wird. Wie daher die Bömer und Toseaner das
Beschenken der Eander an Epiphania mit dem Ausdruck
dar la befäna oder far ad alcuno la befäna bezeichnen,
sagt man im Friaul dar oder pagär V aredodese^ und wie
man in Rom Beftkna för Epifiiuia braucht, so gibt man
in Venedig und Bergamo diesem Feste statt Befäna den
Namen la vecda (bergam. la Eciä)^ die Alte, weshalb es
sprichwortlich heisst:
(venet.) Da Nadal, un fredo coral,
Da la Veocia un fredo che se crepa,
oder:
(bergam.) A Nedal el fred fa mal,
A la äcia V e 'n fred che sa or^pa.
Die „Alte^^ ist nämlich gleich der Befäna ein böser
Geist, welcher namentlich im Aberglauben der Bewohner
der Ebene von Brescia eine grofse Rolle spielt.
Die schmuzig gelben Kreideschichten, auf welche
man bei Ausgrabungen stöfst und die von ehemaligen
Sümpfen herrühren, werden das „Bett*' oder „Nest der
Alten" genannt, und wenn bei grofser Hitze und Trocken-
heit auf den Feldern Dünste au&teigen und sich zitternd
hin- und herbewegen, sagt man in der Lombardei: el
1) Daher die Sprichwörter:
(mailändisch) A Pasqueta n'oreta.
(yenetianisch) Da Pasqueta, ^a* oreta, in Bezug auf das
Wachsen der Tage.
376 Reinsberg - Duringsf eld
bala la vecia, die Alte tanzt, weil man glaubt, sie drehe
sich unter der Erde um, wenn Kälte eintritt, und in der
Umgegend von Brescia räth man in solchem Falle:
Quand el bala la ecia,
Daghen a co la secia.
(Quando balla la vecchia, yersane, o dagliene anche colla
secchia). Auch ruft man wol ärgerlich aus: Bala por
vecia putana che ta cacasero me la matana; lassem daquä
che gho en cul el t6 balal und nennt das Tanzen selbst:
la ridda, den Kreistanz der Alten,
In den letzten Tagen des Carneval, besonders aber
am Donnerstag der Mitfasten oder dem giovedi della
mezza quaresima pflegt man in der Lombardei, wie im
Venetianischen, Figuren zu verbrennen, die man le vecchie
nennt oder, wie man im Friaul sagt, arder la veccia. In
Venedig dagegen war es früher Sitte, eine Strohfigur ent-
zweizusägen oder siegkr la veccia, was in Toscana auf
dem Lande noch jetzt unter dem Namen segar la monaca
geschieht, indem man die Puppe, welche man so halbirt,
fiir die Figur der Quaresima oder Seca ausgibt, und fast
dieselbe Gewohnheit herrschte bis vor wenigen Jahren in
einigen Städten Spaniens; so z. B. in Barcelona, wo die
Kinder „das älteste Weib in der Stadt suchten, um es
entzweizusägen", und in Sevilla, wo man sich unter dem
fortwährenden Geschrei: Aserrar la vieja, la plcara pelleja!
den Tag über auf den Strafsen herumtrieb und um Mitter-
nacht die Figur eines alten Weibes mitten voneinander-
sägte, um so sinnbildlich Halbfasten darzustellen.
Da es nun längst erwiesen ist, dafs diese Bräuche,
wie so viele ähnliche bei andern Völkern, erst in späterer
Zeit die ihnen jetzt beigelegte Bedeutung angenommen
haben, ursprünglich aber die bildliche Darstellung der
Vertreibung des Winters bezweckten, dem man die Ge-
stalt eines häfslichen alten Weibes gab, so liefert uns der
Name des 6. Januar bei den Venetianem und Lombarden
einen neuen Beweis für die Richtigkeit der Behauptung
Liebrecht's in seiner „Sagenforschung" ^), dafs unter der
^) 8. des Gervasius von Tilbury „Otia Imperialia<< von F. Liebrecht,
Hannover 1856, S. 184.
Yolksthuml. Benennungen von Monaten a. Tagen bei d. Romanen. 377
Figur des Winters eigentlich die der Holle, als Winter-
gottin, gemeint sei. Denn wie au es ist, nach welcher
der Dreikonigstag in Süddeutschland der Perch^ oder
Precktag^ in Zürich Brechtentag heifst, so fuhrt auch
Epiphania in Oberitalien die Namen la Veccia, la iJda
von der „ Alten ^^, die man zu Mit&sten verbrennt oder
entzweisägt. Dafs dies aber die Holle oder Perchtha,
die Urmutter der Welt sei, geht deutlich aus den zahl-
reichen Analogien hervor, die zwischen beiden Personen
stattfinden.
Frau Holle erscheint in den deutschen Märchen als
ein häfsliches altes Weib, das zur Weihnachtszeit kommt,
um nachzusehen, ob das Jahr über fleiisig gearbeitet wor-'
den ist und ob die Kinder artig gewesen sind. Nament-
lich am Dreikonigstage pflegt sie im südlichen Böhmen
als Bertha^ in Oberosterreich als Frau Berch oder Perch^
in Mittelfranken als Eüenbertay bei den Slovenen in Kärn-
ten als Perhta herumzugehen und artige Kinder zu be-
schenken, unfolgsame zu bestrafen oder mitzimehmen.
Dabei hat sie als Eisenberta einen halben Besen als
Euthenbüschel in der Hand und trägt als Bertha einen
Bohrer, als Perhta eine Ofengabel bei sich, um damit
zu strafen, oder zieht, nach dem Glauben der Deutschen
in Kirnten, gleich der Frick, der Frau Harke und Fru
Gode der ükermark und Priegnitz, an der Spitze des
wilden Heeres tobend durch die Lüfte. ^)
Die Berchtel in Schwaben aber, welche am Nikolaus«-
tag (6^ December) den heiL Nikolaus begleitet, pflegt die
Kinder, die nicht fleifsig lernten, mit der Ruthe zu stra^
fen und die fleüsigen mit Backobst und NüsseiT zu be-
schenken, und die Lucka der Czechen, welche am Vor-
abend des Festes der heil. Lucia (d. h. am 12. December)
auftritt und durch ihren Yogelschnäbel an die lange Nase
der Perchta erinnert, trägt einige Spähne bei sich, mit
denen sie die Kinder schlägt, die nicht beten wollen,
während ihre Namensschwester im Bohmerwald, (PLudOf
1) ß. „Das festliche Jahr", Leipz. 1863, S. 14 — 16.
Jahrb. /. rom. a. eqgl. Lit. V. i. 25
378 Heinsberg - Dürlngsf cid
an giite Kinder Obst austheilt und üble Aufführung zn
strafen droht. ^)
In ähnlicher Weise fährt die italienische Veccia oder
Redodese, wc^^che ihres entsetzlichen Aussehens wegen
auch dona bruta, häfsliches Weib, genannt wird, aus der
Luft durch die Schornsteine in die Häuser und füllt die
Strümpfe, welche die Kinder zu diesem Zwedke am Ka-
mine aufhängen, mit guten oder schlechten Dingen, je
nachdem sie mit dem Betragen der Kinder zufrieden
oder unzufrieden ist.
Dasselbe thut in den Provinzen Bergamo und Brescia,
sowie in den Städten der Küste Dalmatiens am Vorabend
der heil. Lucia diese Heilige^), welche durch ihren Na-
men an den der Perahta, der „prächtigen" oder „lichten"
Göttin^ mahnt und darum im Volksglauben hier und dort
die Stellvertreterin derselben geworden ist, und die Bef-
fana trägt, wenn sie sich sehen läfst, in einer Hand eine
Ruthe, in der andern zwei gefüllte Strümpfe. Oft jedoch
stopft sie, ohne sich zu zeigen , den schlafenden Eiindem
die Taschen voll, oder sitzt am Weihnachtsabend in ihrer
schwarzen Kleidung, das Gesicht mit Rufs beschmuzt,
unter dem Kaminsims, um die sich zitternd nahenden
Kinder mit Naschwerk zu belohnen oder mit der Ruthe
zu strafen.
Der Glaube, dafs Kälte eintritt, wenn die Veccia sich
unter der Erde bewegt, beweist nicht nur ihre Macht
als Wintergottin, sondern deutet auch gleich dem Namen
„Nest der Alten" auf ihren gewohnlichen Aufenthaltsort
unter der Erde hin, alles Züge, die zum Mythus der
Frau Holle stimmen. Selbst den schwarzen Anzug der
Beffana finden wir bei der „schwarzgekleideten alten
Frau" wieder, welche in einer holsteinischen Sage auf
einem dreibeinigen Pferde reitet und so sich als Todes-
gottin bekundet» Auch die Perhta der Slovenen ist ganz
behaart und die Buzeberoht, welche früher in der Um-
gegend von Augsburg am 7. December umherzog, war
1) 8. Festkalender aus Böhmen. Prag 1861, S. 538 — 40, 579.
») 8. „Aus Dalmatien«. Von I. v. Düringsfeld. Prag 1857, HI, 199.
Volkstliüml. Benennungen von Monaten a. Tagen bei d. Romanen. 379
in schwarze Launpen gehüllt und hielte das Gesicht ge-
schwärzt
Da nun die Beffana oder Veccia eins mit der Perchta
oder Holle ist, kann man aus dem Brauehe der Lombar-
den, die Veccia an Mittfasten zu verbrennen) leicht
schliefsen, warum es bei d^oi sogenannten Austragen
des Winters heifst:
Den Tod haben wir hinausgetrieben ,
Den Sommer bringen wir wieder,
oder auf Czechisch:
Smrt' neseme ze vsl,
Leto nesem do vsi.
Den Tod tragen wir aus dem Dorf,
Den Sommer bringen wir ins Dorf,
und warum der Sonntag, an welchem die Ceremonien
des Winterverbrennens oder Winterbegrabens gröfsten-
theils stattfinden — bei den Deutschen an Lätare, bei den
Czechen an Judica — der Todtenaonntag genannt wird*
Denn Frau Holle gilt nicht nur als Wintergottin, son-
dern ist auch identisch mit der Todesgöttin oder Hei,
und wie sie, der thiiringischen Sage nach, an einem Drei-
konigs- oder Perchtenabend als hohe verschleierte Ge-
stalt, um welche sich viele weinende Kinder herdrangten,
am ,Ufer der Saale erschien, um sich überfahren zu las-«
sen, so fliegt in Böhmen die Melusine^ welche in einigen
Gegenden, auch Halda heifst und als Wirbelwind einher-
braust, in der Christnacht mit ihren Kindern, den Seelen,
klagend und wimmernd in der Luft herum« Dazu kommt,
dafs die alten Czechen sich den Winter ebenfalls gleich
der Marena, Morana oder Mofena, ihrer Göttin des To-
des, unter der Gestalt einer weifsen Frau vorstellten, and
dafs in Eisfeld in Thüringen früher an jedem Epipha-
niassonntag nach beendigtem Nachmittagsgottesdienst die
„Frau HoUe'* verbrannt wurde.
Andererseits wiederum k^nen « wir aus der germani-
schen Gewohnheit, den 6. Janu^ zu Ehren der Holda
oder Perchta zu begehen, weil si« an diesem Tage ihren
Umzug beendete, mit Recht folgern, dafs auch in Mittel-
und Oberitalien der Dreikönigstag ursprünglich der Bef-
fana oder Veccia geweiht war, und dafs daher der Volks-
25*
3gO Reinsberg-Duringsfeld
name des Epiphaniastages älter ist, als das. christliche Fest.
Vielleicht rührt selbst das toskanische Sprichwort: ,,Be-
fania, tutte le feste manda via^^, obgleich das gleichlau-
tende venetianische: ,^^Epifania, tute le feste la scoa yia^^,
auf christlichen Ursprung hinweist, aus derselben Zeit-
epoche her, in welcher das dänische vom 7. Januar:
„St Knud driver Julen ud (St Knud treibt Julfest aus)",
und das englische yom 2. Februar:
On Candlemas-day
Throw candle and candlestick away,
entstanden, indem mit diesen Tagen die Lustbarkeiten des
alten Wintersonnenwendenfestes ein Ende hatten. Wie
aber die althochdeutsche Uebersetzung von Epiphania
AnlaTs gab, den Namen Perch- oder Brechentag als „Tag
des brechenden (glänzenden) Sterns" zu erklären, so ver-
leitete auch die Aehnlichkeit des Wortklanges zwischen
Epiphania und Beffana zu der irrigen Ansicht, das letz-
tere sei nichts als eine Verstümmelung des erstem, und
la Veccia die Substituirung des Namens der Beffana durch
den der in der Lombardei bekanntem, ihr gleichen Spuk-
gestalt
Der Montag nach Epiphania ist im nordlichen Frank-
reich und Franzosisch -Belgien unter dem Namen lundi
per du oder lu/ndi du parjuri^ in Ath unter der Bezeich-
nung li roi brouzi, und in Namur als li d^jou d'lie (jour
de Fan) bekannt, Benennungen,, die in dem schon ange-
führten „Calendrier beige" (I, 36 — 48) ausfuhrlich be-
sprochen und erklärt worden sind.
Der 17. Januar, der Gedächtnüstag des heil. Anto-
nius des Eremiten, wird, um ihn vom 13. Juni, dem.
Fest des heil. Antonius, des „Bekenners von Padua", zu
unterscheiden, in Venedig Sant^ Antonio de genwto^ in
Bergamo S<mt Antone de Zener, oder auch kurzweg Scmt
Antone de la harba bianca^ del porsel und del campanelj
in Toskana il barbuto^ in Venedig el barbuto genannt,
weil man diesen Heiligen auf Bildern meist mit einem
langen weifsen Barte, einer Glocke und einem Schweine
dargestellt sieht. In Mailand heifst er: Sant Antoni mer^
cant ^de nevy weil um diese Zeit in der Regel Schnee
Volksthäml. Benennungen von Monaten u. Tagen bei d. Romanen. 381
fällt, und auch in Toskana sagt man sprichwortlich:
,,Sant^ Antonio dalla gran freddura^^, in Brescia: „Sant
Antone de la gran fregiüra".
In ähnlicher Weise bezeichnet der Toskaner den
20. Januar mit dem Ausdruck il frecciato^ und den
3. Februar mit dem Namen il pettinato^ weü bekannt-
lich der heil. Sebastian mit Pfeilen und der heil. Blasius
mit einem Kamme, als seinem Marterinstrumente, abge-
bildet wird. Statt des in Bergamo üblichen Reimes:
Sant Antone, San Bastiä e San Bias,
£1 free r e andat a spass,
spricht daher der Toskaner:
II barbuto, il frecciato e il pettinato,
II freddo fe andato,
und der Venetianer:
Dal barbuto al frezza
L'inverno xe passä.
Da man in Oberitalien am Sebastianstage schon blühende
Veilchen zu haben pflegt, gibt man ihm in Venedig auch
den Namen San Bastian co la viola in man^ setzt aber
Vorsichts halber meist die Worte hinzu: Viola o no viola,
da Vinvemo eemo fora.
Das Fest Paul's Bekehrung (25. Januar) heifst in
Italien, wie in Deutschland, ge wohnlich der PauUtag
(giömo di s. Paolo), in Mailand aber: San Paol de h
Calende^ weil das Wetter desselben entscheidet, ob man
der sogenannten Ghirlanda oder dem Endegaro, d. h.
den Witterungsbeobachtungen in den Calende oder Zomi
endegari (giorni indicatori), Glauben schenken darf oder
nicht.
Wie nämlich die Germanen in den Zwölften oder
den zwölf Nächten vom Weihnachtsabend bis zum Drei-
konigstage, die Kelten der Bretagne in den Haupttagen
(gour-desiou) oder den zwölf ersten Tagen des Jahres,
und die Albanesen der Ri^a in den zwölf ersten Tagen
des Augusts, so beobachten die Landleute in der Lom-
bardei und im Venetianischen das Wetter der ersten vier-
undzwanzig Tage, des Januars, um danach die Witterung
des ganzen Jahres vorauszubestimmen. Sie fangen dabei
382 Reinsberg - Duringsfeld
mit dem 1. Januar an, den sie Zenaro oder Gennar nen-
nen, und fahren bis zum 12. fort, indem sie jedem Tage
den Namen des betreffenden Monats geben, dessen Wet-
ter er verkünden soll. Mit dem 13. Januar gehen sie
wieder rückwärts bis zum 24., den sie ebenfalls „Januar"
nennen, wahrend der 13. gleich dem 12. Januar Decembre
(Desember), der 14. gleich dem 11. Januar November etc.
heifst. Sind nun z. B. der 3. und 22. Januar, die Reprä-
sentanten des Märzes, regnerisch oder stürmisch, so soll
der ganze Monat es sein; sind aber beide Tage heiter,
so erwartet man auch den Märzmonat heiter und trocken,
und ebenso bei den übrigen Monaten. Ist jedoch der
25. Januar, der erste Tag nach den „anzeigenden Tagen",
halb heiter, halb bewölkt oder regnerisch, so hält man
die ganze Berechnung für unsicher, weshalb man zu
sagen pflegt:
(venet.) No me ne curo de V endegaro,
Se '1 di de san Paolo no xe ne scuro, nh ciaro,
oder:
(mail.) Se '1 giorn de San Paol V e scüro.
De la ghirlanda no me n'incüro.
Die beiden letzten Tage im Januar und der erste Fe-
bruar werden in den Provinzen von Bergamo und Brescia
i ffiami della merla genannt, indem man erzählt, die
Amsel, welche ursprünglich weifs gewesen, habe sich in
diesen Tagen vor der zu grofsen Kälte in einen Rauch-
fang geflüchtet, sei davon schwarz geworden und habe
seitdem ihre frühere Farbe nicht wieder bekommen.
In Mailand gibt man dem 29., 30. und 31. Januar
diesen Namen, und als Grund eine Sage an, welche an
die zu Dante's Zeit sehr verbreitete Erzählung erinnert,
eine Amsel habe das schone Wetter am Ende Januar für
das Frühjahr gehalten und sei mit den Worten: Or non
ti curo, domine I ihrem Herrn davongeflogen.
Das Fest Maria Reinigung (2. Februar) heifst von
der bekannten Sitte der römischen ICirche, an diesem
Tage die Kerzen zu weihen, im Franzosischen la Chan-*
deUv/r (in der Picardie : CandeleuTy Notr^^-Dame oaaidelier,
Candelüre oder jour de la oandelle)^ im Provenpalischen
Volkstbüml. BenennuDgen von Monaten u. Tagen bei d. Romanen. 383
Candeloaa oder festa ccmdeleira de NoHra Dona^ im Cata-
lonisclien la Candelera^ im Castiliauischen la Candelaria,
im Portugiesischen Candelaria oder festa das Candeaa,
im Bomansch Nossaduna de eandelae mid im Italienischen
Candelldja oder Canddlära (sardinisch Ctmdeüra oder
feata de aas candelas, venetianisch Madona de le candele
oder de la Ceriola und Ceriöla^ lombardisch Seriola [bei
Como Cerioiulci]^ in Südtirol el dl della Zeriola^ parme-
sanisch ZerioSula u. s. w.).
Der Carneval, welcher bei den romanischen Stäm-
men die Hauptbelustigungszeit des Volks geblieben und
deshalb noch immer von solcher Bedeutung ist, dafs die
Lombarden häufig ihre Jahre nach ihm berechnen, indem
sie sprichwortlich sagen:
Con sessanta camevai
Se po metes i stivai,
d. h. mit 60 Jahren kann man sich zur ewigen Reise an-
schicken, hat Veranlassung zu vielen eigenthümlichen
Namen gegeben, die sich gröfstentheils nur durch locale
Sitten erklären fassen. So heifst der vorletzte Faschings-
donnerstag, el penultimq zioba der Venetianer, in Neapel
giovedi de' parenti (in Sicilien jövidi di li parlnti)^ in
Südtirol la sorella della Zobia graeea^ während der letzte
Donnerstag vor Fastnacht, Vultimo Zioba de Carneval oder
el zioba graaso der Venetianer, in Südtirol Zobia grasaa,
auf Sicilien jövidi grassu , in Neapel giovedi morzillo (von
morzillo, Bissen, guter Bissen), und auf Sardinien larda-
jölu oder lardagiölu (vom alten Brauch, Bohnen mit Speck
zu essen) ^) genannt wird. Die Toskaner und Romagnuolen
nennen ihn giovedi grosso (in Parma giovedi graes^ in Bo-
logna Giovedi grase oder Zobia iötta^ d. h. ghiotta) und
berlingaccio ^) , und haben von dem letztgenannten Worte
das Diminutiv berlingaccino oder berlingacciuölo zur Be-
zeichnung des ihm vorangehenden Donnerstags gebildet.
Der Freitag vor Fastnacht heifst in Parma ebenfalls
grosso (Venerdi gross) , in Verona Venerdi gnoccolare^ von
1) Aehnlich das catalonische dijou8 Härder,
^ Von berlinga/re^ viel schwätzen, namentlich bei Schmauserden
und Gelagen.
384 Reinsberg - Dari agsf eld
den Klofsen (den Nockerln der Oesterr eicher), die man
an ihm zu essen pflegt, auf Sicilien Zuppiddu^ und in
Frankreich wird die ganze Woche vor dem dimancTie
gras oder dem Sonntag Quinquagesima semaine gras^e^
fette Woche, genannt, während sie bei den Romanen ?on
den Easen, die man vorzugsweise in derselben ifst, slpt^
mdna branzi heifst.
Die letzten drei Tage des Faschings werden in Spa-
nien mit dem Namen antruejo^ in Portugal als dias de
Intrudo oder Entrudo^ in der Provence als Carmantran
(aus Caresm' entrant) und in Frankreich als Careme-pre-
nant bezeichnet. Die Franzosen geben ihnen jedoch gleich
dem Donnerstag vor Fastnacht, dem Jeudi graa^ auch den
Beinamen „fett", und die Picarden nennen sie lea cari-
mietuc (karesmiaux) oder les carnavieux. Der Dienstag,
der mar di gras oder eigentliche Careme prenant ^ heifst bei
den Provenpalen scherzhaft aaint Grivaz^ weU an ihm bis
zum „Platzen" gegessen wird, in der Picardie aus dem-
selben Grunde aaint Panchard oder Panaart (von panche^
Bauch) und bei den Wallonen aaint Chardlampe. Die
Romanen nennen ihn lässatu de secu oder de came, Fast-
nacht, die Toskaner martedi grosso oder Camasciale, die
Sardinier Carrasciäli^ Carrasegare oder Segarepezza (von
segärey brechen, schneiden, und pezza, Fleisch), die Sici-
lianer Carniliväri und die Neapolitaner Carnovalaro. Diese
letzten Benennungen dehnt man zugleich auf die ganze
Faschingszeit aus, welche in Italien bereits am St. -Ste-
phanstage (26. December) beginnt, anderwärts von Epi-
phania bis Aschermittwoch währt, und in Toskana Car-
novale oder Carneväle^ in Frankreich Camaval ^ in der
Provence Camalj in Catalonien Carnestoltas^ in Castilien
Carnestolendas ^ in Portugal Carnaval und bei den Roma-
nen Cameval heifst.
Das Wort Carneväle selbst ist übrigens nicht, wie
man gewohnlich annimmt, aus ca/rne valel Fleisch leb^
wohl! zusammengesetzt, sondern aus dem niederlateini-
schen carnelevamen (camis levamen) zusammengezogen,
und hat also fast dieselbe Bedeutung wie camicapiumj
ital. carnelascia, woraus carnasciale geworden ist.
Volksthümi. Benennungen von Monaten n. Tagen bei d. Romanen. 385
Mit der Aschermittwoch, welche im Franzosischen
jour des Cendrea^ im Italienischen dl delle ceneri (in Parma
Mercordi sguroti) ^) heilst, fängt die Fastenzeit vor Ostern
an, deren Sonntage sich die Venetianer mit dem Reim-
verse merken:
Uta, Muta, Cananea, Pane pesce, Lazarea, Uliva e Pasqua fiorita.
Der erste Fastensonntag verdankt in Frankreich den Spie-
len und Gebräuchen, die sonst an ihm stattfanden, die
Namen jour du behourdiz oder bourdich, jour des bran-
donSy Bourdalenney dimanche de la Quintaine und jour du
grand feu.
Wie man nämlich in Süddeutschland und der deut-
schen Schweiz an diesem Tage Feuer anzuzünden pflegt,
müssen auch in der franzosischen, sowie in den Ardennen
und an der Maas grofse Feuer brennen, um die man
herumtanzen und über die man springen kann. Im Can-
ton de Vaud werden diese Feuer schaffairöu und im nord-
lichen Frankreich die Fackeln (brandons), mit denen die
Kinder herumziehen, bourdees oder bouhours genannt,
weshalb der Sonntag in Bethune Bourdalenne heilst.
Die in Ponthieu übliche Benennung dimanche de la
Quintaine rührt von einer Art Puppe her, die, mit einem
Stock bewaffiiet, auf einem beweglichen Pfahle stand, und
welche die Spieler an die Stirn oder auf die Brust treffen
mufsten, sollte sie sich nicht drehen und ihrerseits mit
dem Stocke schlagen. Aehnliche Spiele und Kämpfe mit
Stocken oder Lanzen veranlafsten den Namen behourdiz
in- der Provence, während die in Franzosisch-Belgien ge-
bräuchliche Bezeichnung le grand carnaval dem vlämi-
schen „groote Vastenavond" nachgebildet ist»^)
Der Festtag des heil. Vaast (6. Februar), an wel-
chem man anfängt, eine Art Pfannkuchen, ratons ge-
nannt, zu backen, heifst in der Picardie allgemein Raton
St' Vaast.
St.-Petri Stuhlfest (22. Februar) wird vom spani-
schen Volke San Pedro de catedra, und Maria Verkün-
^) Von sgurott^ kleines Beil, kleine Axt.
^ 8. Calendrier beige, I, 141 — 146.
386 Reinsberg • Duringsf eld
digimg (25. März) von den KomaDeB Bunavestire (gute
Nachricht), in Frankreich Bonne Dame de Mars und in
Mailand Maddna de Marzy in Parma aber la Madonna di
fanCi genannt, weil dort die Familien an diesem Tage
ihre Wohnimgen und Dienstboten wechseln.
Die Apriltage bezeichnen die Italiener mit dem Worte
aprilantiy und die Venetianer sagen sprichwortlich:
Tre aprilanti, quaranta somiglianti,
oder: Primo, secondo e terzo aprilante,
Quaranta di durante.
Wie der Sonntag Laetare in Frankreich als la Mi-Carime
oder Halbfasten, wird auch der 15. jeden Monats als
Hälfte desselben angenommen, und z. B. der 15. März
la Mi' Mars ^ der 15. Mai la Mi-Mai, der 15. August la
Mi-Aoüt genannt.
Der fünfte Fastensonntag (dominica Judica oder Pas-
sionis) heifst in Sicilien duminica di paadoniy in Mailand
und Venedig aber domenica di Lazaro. Ebenso wird in
Mailand der zweite Fastensonntag nicht wie anderswo
ßeminiscere, sondern domenica della Samaritana; der
dritte, statt Oculi, domenica di Abramo und der vierte,
statt Laetare, domenica del deco genannt.
Der Georgstag (23. oder 24. April), welchen die
Venetianer kurzweg San Zorzi (in Bergamo San Zorz)
nennen, weil sie überhaupt die Heüigenfeste gewöhnlich
blos mit dem Namen der Heiligen bezeichnen, führt im
Munde des französischen Volks den Namen Georgety und
in derselben Weise pflegt man auch dem 25. April, dem
1. und dem 3. Mai die Namen Marquet, Jaoquet und
Croisset (von St- Marc ^ St. -Jacques et St.- Philippe und
fete de VInvention de la sie Croix^ dem Feste Kreuz-
Erfindung) zu geben.
Ebenso heifst der 9. Mai (la translation de St.-Nico-
las) bei den franzosischen Winzern Colinet, und die trübe
Zeit ohne Kegen, welche meist drei Wochen vor Johanni
anfängt und drei Wochen nachher endigt, ist in Beauvais
unter dem Ausdruck hernu oder harnu bekannt.
Der fimfte Sonntag nach Ostern, mit welchem die
semaine des Rogations beginnt, hat* in der Umgegend
Volksthüml. Benennungen von Monaten a. Tagen bei d. Romanen. 387
Ton Chartres nach einem Feste, welohea in Mittainvilliera
an diesem Tage begangen wird, die volkstbümlicbe Be-
nennung la SainUMittainmlliers erhalten, und der PjSngst-
montag wird von den Landleuten bei Laon nach einem
Brauche, welcher bis zur Revolution alljährlich in Couoy-
le-Chäteau stattfand, noch immer als fite des Ruines be-
zeichnet.
Das Fest der Himmelfahrt Christi, in Spanien wie
in Italien auch „Tag der Galiläer" (ital. giorno dei Galilei^
span. los Galileos) genannt, weil die Messe mit den Wor-
ten beginnt: „Viri Galilei, quid admiramini?" trägt in
Venedig die Bezeichnung el dl de la Sensa oder la Sensa.
In Parma nennt man es Ass^nsia^ in Bologna AssMnsa
und in der Lombardei PAssenza (brescianisch rAssenziii)^
indem man sprichwortlich sagt:
Pü se viv, pü se ghe pensa,
Ma in giovedi ven TAssenza. *)
Der Gedächtnifstag des heil. Antonius von Padua
(13. Juni) heifst zum Unterschied von dem des heiligen
Anton des Eremiten (17. Januar) in Bergamo «. Antone
de zeugn oder s. Antone serezeul, weil man spricht:
A s. Antone de zeugn,
Sereze a peugn.
(A» St. -Anton im Juni Kirschen in der Hand.)
Das Fest der Heiligen Vitus und Modestus (15. Juni)
wird auch in Oberitalien, wie in Deutschland, nach dem
ersten der beiden Heiligen ü giorno di aan Vito (venet.
el zorno de san Vio^ mailänd. el di de san Vit) benannt,
und der Geburtstag Johannis des Täufers (24. Juni) ist
bei allen Romanen der „Johannistag" kurzweg (franz.
la Saint Jea/n^ span. el dia de san Juan oder san Juan,
port. sao Joao^ catal. san Jocm^ venet. san Zuan u. s. w.).
Aus dem Namen des heiligen Bischofs Irenee, wel-
chem der 27. Juni geweiht ist, haben die Landleute der
Umgegend von Lyon sain Tirenez gemacht^ und darin wie-
der Veranlassung gefunden, an diesem Tage keine Kirche
^) In Venedig heifst es:
Pia se yive, piü se pensa,
Ma de zloba yien la Sensa.
388 Reinsberg - Dnringsf eld
dieses Heiligen zu betreten, ohne sich an die Nase zu
fassen oder zu zupfen.
Der 1. August heifst in ganz Mittel- und Oberitalien
FerragostOy von der Sitte, diesen Tag nach Art der alten
ferie Augustali durch Schmausereien und Gelage zu be-
gehen, bei welchen namentlich der Entenbraten eine so
grofse Rolle spielt, dafs man sprichwortlich sagt:
(venetianisch) Dal primo d'agosto
Le änare se mete a rosto,
oder:
(bergamaskisch) Ai prim d'agost,
I nadröt se m^t a rost.
Der 2. August, an welchem man ü. L. F. Engelfest
oder das Portiunculafest feiert, verdankt dem bekannten
Ablafs, der an ihm ertheilt wird, in Italien den Namen
il perdono (VAssisi oder auf Venetianisch el Pardon (ber-
gamask. el Perdu)^ und die Himmelfahrt Maria (15. August)
wird in der Romagna VAssönta^ auf Sardinien Segnora de
s'aMentu oder de mem Austu , in Sicilien Madonna di menzu
agustu^ und in Toskana und Oberitalien Madonna grande
oder auch blos la Madonna (in Venedig Madond) genannt,
indem man Maria Geburt (8. September) Madonna piccola
nennt und beide Marienfeste in der Lombardei unter der
Bezeichnung i dö Madonn (venetianisch le do Madone^
zusammenfafst.
Auch die Portugiesen pflegen statt Assumpc oder dia
da Asaumpgao de nossa Senhora häufiger santa Maria de
Agosto zu sagen, gleich den Spaniern, und letztere be-
nutzen diesen Ausdruck, um Leute, welche schwer be-
greifen und langsam denken, mit der Frage zu necken:
„En que mes cae santa Maria de Agosto?" i) Auf der
Insel Sicilien wird das Geburtsfest Maria Madonna di
Fottu di settembru und in Neapel Madonna della GroUa
genannt, da das unter diesem Namen bekannte Volksfest
bei den Landleuten in solchem Ansehen steht, dafs die
Frauen es oft selbst in ihren Ehecontrakt setzen liefsen,
an diesem Tage das Fest besuchen zu dürfen.
^) Die Franzosen haben hierfür die ähnliche Frage: „Comment
s*appelait le p^re des quatre fils d*Aymon?«
Yolksthoml. Benennungen von Monaten n. Tagen bei d. Romanen. 389
Wie der St. -Antonstag im Januar in Italien: S(mf
Antonio dalla gran fredduray so heilst der St-Lauren-
tiustag (10. August) in Toskana: S. Lorenzo dalla gran
calura^ in Bergamo: San Lorenz de la gran caldma^ weil
es ge wohnlich um diese Zeit sehr heifs ist, weshalb man
auch sprichwortlich sagt:
(bergamask.) Sant Antone de la gran fregiüra,
San Lorenz de la gran caldüra,
Fortünat che poch i dura,
oder:
A sant Yisenz (22. Januar) la gran fredüra,
A sant Lorenz la gran caldüra. i)
Der 26. August, welchen man in Bergamo för Regen
oder Gewitter bringend hält, wird spottweise Sa/n lAsaan-
der daquaröl genannt, indem man behauptet: „San Lis-
Sander daquaröl, o che '1 piov o che '1 se döl", und der
29. September, welcher dem heil. Erzengel Michael ge-
weiht ist, wird in der Lombardei nicht selten mit dem
Namen FArca/ngiol (venetianisch VAnzolo) bezeichnet, wäh-
rend die Franzosen la St-Michel in St.-Michaut verwan-
delt haben.
Der 7. October, der Gedächtnifstag der heil. Justina,
heifst im Yenetianischen von den Wiesenlerchen (alauda
pratensis), welche um jene Zeit am zahlreichsten ziehen,
und zwiscden Verona und Brescia BcimkU^ bei Padua und
^) Aehnjich ^skanisoh:
Sant' Antonio dalla gran freddara,
San Lorenzo dalla gran calura,
L'una e Taltra poco dara;
venetianisch:
sicilianisch :
und spanisch:
San Vicenzo gran fredura,
San Lorenzo gran caldora,
L'nno e 1' altro poco dura ;
San Lorenzu la gran calura,
Sant' Antoniu la gran friddara,
L'una e T antra pocu dura,
San Lorenzp calura,
San Vincente frinra,
Lo nno y lo otro poco dura.
390 Reinsberg - Düringsf eld
Vicenza fixte und anderwärts aguizzete (in Toskana pispoZ«)
genannt werden, Santa Oitistina da la scmsetina^ und das
Fest der beiden Apostel Simon und Juda (28. October)
wird bei den Romanen, wie in Deutschland, als St.-Si-
meonstag bezeichnet. Nur in Spanien hat man beide Na-
men beibehalten, weshalb man in Andalusien sagt:
Por San Simon y san Judas
Mata tu puerco y atesta tres cubas.
Die letzte warme Witterung, welche je nach der Lage
der Länder früher oder später eintritt und in Deutsch-
land als Altweibersommer bekannt ist, wird von den Fran-
zosen r eti de la saint Denis ^ nach dem Feste des heil.
Dionysius, des ersten Bischofs von Paris (9. October),
in der Lombardei Peatd de santa Teresa^ vom 15. Octo-
ber, dem Gedächtnifstag der heil. Theresia, und in ganz
Italien, wie in Frankreich „der Martinssommer ^^ ge-
nannt, von dem man jedoch in Ober- und Mittelitalien
behauptet:
(toskanisch) L^estate di san Martine
Dura tre giorni e un pocohno;
(venetian.) L'istä de san Martin
Dura tre zomi e un pochetin,
oder:
(bergamask.) L^estat de san Marü
El dura tri de e'n ponini (pocheti).
Das Fest Allerheiligen (1. November) , in Frankreich
la tou88aint^ in der Provence totz sants, totsanct ©der mart-
rory in Catalonien die de töta Santa ^ in Castilien dia de
todos los SantoSy in Portugal todos os SantoSy im Romansch
tut ils Sogns und im Romanischen zioa totoru Santüoru
genannt, heifst in Venedig und der Lombardei gewohn-
lich i Santi (lombardisch i Sant\ in Bologna el d4 di sant
oder tütt al sante diy und das Fest Allerseelen (2. No-
vember), welches die Bewohner des Engadin di dellas
olmasy die Franzosen jour des trepassisy die Sicilianer/?«^a
di li mortiy die Catalonier die dels mortSy die Spanier dia
de difuntos und die Portugiesen dia de finados nennen,
i Morti (lombardisch i mort)^ weshalb man Sprichwort-»
Uch sagt:
Volksthüml. Benennungen von Monaten n. Tagen bei d. Romanen. 391
(venetianisch) Fin ai Santi, la semeiisia se porta sui campi:
Dai Santi in lä, la se porta in ca,
A San Martin, la se porta al molin*),
und:
Dai Morti, se veste i porchi,
Da san Martin, se veste '1 grando e '1 pichinin;
Da la Salute le bele pute ,
Da Santa Catarina, ogni parigina. 2)
Das Fest Maria Opferung (21. November) fuhrt, wie
schon aus dem zuletzt angefiihrten Sprichwort hervor-
geht, in Venedig den Namen la Salute ^ weil es zugleich
die sagra oder das Gedächtnifsfest der Einweihung der
schönen Kirche Sta Maria della Salute ist, welche im
Jahre 1631 als Gelöbnifs für das Aufhören der Pest er-
baut wurde.
Während übrigens sagra in ganz Oberitalien als Be-
zeichnung des Kirch weihfestes dient, finden wir in Frank-
reich dafür fast in jeder Provinz einen andern Namen.
So heifsen die Kirchweihen in der Touraine assemblieSy
in der Bretagne pardons, in den nördlichen Departements
bald kermesaesy bald, wie im Wallonenland, ducasses (von
dedicatio), im Dauphine voffues, in der Franche-Comt^, wie
in der französischen Schweiz benessons oder b^nechon (von
b^nediction), im Langued'oc la böto oder Roumeirage^
und in der Provence Roumavagi oder Romer age^ weil es
ehemals Sitte war, Wallfahrten nach Rom damit zu ver-
binden, weshalb auch in Spanien die Feste der Dörfer
romeriasy in Portugal romarias genannt werden.
Für Weihnachten haben alle Romanen den kirch-
lichen Ausdruck „Geburtsfest des Herrn" angenommen,
wobei sie theils die Benennung unverändert beibehalten,
wie romanisch Nascerea Domnulü, spanisch Natividad oder
Pascua de Navidad, portugiesisch Pa^coa da Natividade^
1) (mailändisch) Fina ai Sant, la somenza la va süi camp,
Dai Sant in la , la somenza se porta in ca ,
Per el di de san Martin , la se porta po' al mälin.
*) (bergamaskisch) Ai Mort, se vestess i porch,
A san Marti, i grand e i pissini,
Per Santa Caterina se vestess ogne damina.
' ' ehe D»talis (dies) in das ita.£siii«che
theils daa ^^^^Natalh sardinisch Natali, Nadale,
p^ila^L^cb'Taäa/, venetianisch Nadal, bergamaskisch
N d D das spanisclie und portugiesische Natal (dia de
NcUal) ' dsLS aJtspanische und catalonische Nadal, das pro-
ven^uilisclie Nadal, Nadau oder Nadalor^ das churwälsche
NadcU und das französische iVo67, statt Nael (in der
Picardie Notii oder Nouel^ im Wallonischen Nouee) ver-
wandelt haben.
Nur die Proven9alen nennen Weihnachten auch noch
^aün oder calendoa (im Dauphine und der franzosischen
Schweiz tzallandS)^ weil ehedem das Jahr mit Weihnach-
ten anüng, die Romagnuolen sagen häufig Pasqua di
ceppOy von dem JEQotze, der am heil. Abend dem Her-
kommen gemäfs auf dem Herde brennen mufs, und ^ie
Spanier bezeichnen den heiligen Abend als noche buena,
während er bei den Romanen meist azunul Cräcitmulü^
£j:ippenabend, heilst, da bei ihnen, wie bei allen Roma-
nen, die Sitte herrscht, am Weihnachtsabend Krippen
aufzustellen, welche die Geburt des Herrn darstellen.
O. Freiherr von Reinsberg-Düringsfeld.
^"^^^ Meyer, Bribea d'hwtoire Htteraire. 393
r
Bribea d'histoire Ktt6raire.
L
X7n nouveau texte de Parlabeoca.
M. le Dr Bartsch a public dand ses Denkmäler der
Proven^cd. Literatur (p. 75—79) une piöce d'un rhTthme
triste et lent^), toute pleine de miditations surla puis-
sance de la mort, la vanit^ du monde et le jugement
dernter. L^auteür ineontm de cette pö^elie djsigne s'on
oeuvre eous le nom ^arläbeoca :
Et entendes una arlabecca . . . '.
leüs ai feiiida Tarlabecca.
Ces deui exemples sont les ^euls que cite Rayuouard
du mot arlabecca (Lex. Rom. II, 121); U le traduit par
,,compIaiate, chant lugubre^'; la pi^pe elle-meme a sans
doute un caract^re peu rejoui^sant, mais uue apprecia-
tion n^est pas une traduction, et d^autre part comjplmnts
a dejä eu proyen^al son äquivalent qui est planh. Le
rapprochement que Raynouard ätablit entjre arlabecca et
Fancien portugais arrabeca^ rebec, Tiolon, semble mieux
fond^« On peut en conclure que la po^sie aiusi denom-
mee se chantait avec accompagnement de rebec. CVst
ainsi que V.Hugo a intitule deux de ses pi&ces guitare;
le rhytbme de l'une d'elles a meme quelque ressemblance
avec celiu de notre arlaheecai
Qastibeka, Phomme ä la carabine,
Chantait ainsi:
Qoelqu^un a-t-il connn dofia Si^bine,
Qaelqo^ua d*ici? etc.
M. Bartsch n^a connu et ne pouvatt connattre qüW
seul texte de F arlabecca ^ celui que contient lie ms. Bibl.
^) Ce inSme rhythme, qui ne parait paB fort ancien, se retrouve
dans V Essenhamen del guarso de Lanel de Monteg, pi^ce dat^e de 1326
(Bartsch, Denkmäler , p. 114), et en fran^ais dans le Dit des Traverseä
(Ach. Jabinal, Lettre» ä M. le conUe de Salvandy sur quelques uns de»
manuscrits de la Bibliotheqtie de La Baye, 1846, p. 249), ainsi que dans
les Resveries du ms. Bibl. Imp. fr. 837, fol. 174, publ. par Jubinal,
Jangl. et Trouv., p. 34.
Jahrb. f. rom. n. engl. Lit. V. 4. 26
394 Meyer
Imp. Fonds franpais 1745 (olim 7693). Une publication
recente m^en a iait d^couvrir an second, incomplet de la
fin ä la y^rite, mais pr^sentant quelques bonnes varian-
tes. M. Delisle', de Tlnstitut, a public dans la Biblio-
tMque de FEoöle des Chartes *) Plnventaire des manuscrita
conservis ä la Bibl. Imp. aous les n^* 8823 — 11503 dnfonds
latin. Or, sous le n° 10869 se trouye un article aiusi
con^u: „Vies des saints dont les noms suiveut: aSatur-
«ninus, Sergius et Bachus, Thomas arcbiepiscopus. —
« Sermon pour la dedicace — XIP s. — A la fin du XIII® 8.
«on a ajoute une pi^ce en provenpal (fol. 30 v°), et une
« lettre sur les affaires de Rome (42 v°). » " Cette pi^ce
en proven9al n'est autre que Tarlahecca; Fecriture en est
fort negligee ; les vers, et parfois meme les mots, n'y sont
pas separes. Je reproduis ce texte avec une scrupuleuse
exactitude, me bomant ä retablir entre [] les lettres qui
manquent et ä renfermer . entre ( ) Celles qui surabon-
dent. Je donne en note les variantes du ms. qu^a suivi
M, Bartsch. *) • v
Dios vos sar, senhor, totz esemfs] fol. 30 v*
8is fkra lo . . .
. s'ien Tosno pecca
si Tolet auzir l'arlabeca •
1) V« Serie j tomes III et IV, p. 98 du tirage a »art. (Paris,
A. Durjmd 1863.^ ' / ,
^ Quelques faiiies de lectäVe oü 'dMiäpressibn se sont glis&ees
dans le texte de M. Bartsch, d'ailleurs ^tabß'ivec oritiqoe comme
tous ceux qu'a publi^s le mSme savant. P. 76i, v. 20 piagcu 1. planes;
V. 26 almozcu 1. cUmomcu; v. 28 esser 1. aver; p. 77, v. 5 ipoteearis
1. ipoticaris; v. 26 jutjamen 1. jutzamen; v. 27 Non 1. Hon; p. 79,
y. 13 Jens 1. /m«, contraetion de ieu i^os^ oo Jens, contraction de ja
vos (voy. Flamencaj vers 1554 et note. sur le v. 1|33).
Aom. 1 Ms, eseiasM; c^est une econofnie,, Vs ^rtponr d^nx. —
2^-3 Que 918 /arß verayamens — Sieuos nom pecca; le9on ^videmment
mein eure pour le v. 2' qui, dans 'mon texte, est incomplet; quant au
▼. 3, sieuos fait difficult^; M. Bartsch uorrige si tis, mais en presence
de la lefon s'ieu vos donnee par le nouveau texte , je ne pense pas
que cette correction soit admissible; pecca est employe activement, ce
qol n'est point surprenant puisque la forme reflechie sepeccarj se trom-
per, est d'un emploi fr^quent (se pequecy Leys d^fimora, II, 56; sepecco
Ibid., 396; nos pecguet, Gavaudan, Parn. OccJ, p. 46; no in*i pecquera
Flamenca, v. 4313). — 4 Et entendes una a.
Bribes dliUtoire Utteraire. 395
5 quMo TOS velb dire,
Sapchatz non fmeac euitar »i m^
ni dar conort,
tan veg en perielh de 1» B»ri
tota la gen;
10 c*om non pot garir per argen
ni per amiz,
ni n'escapa paubre« ni rix,
savis ni fols,
car egalsmen estrenh los oola
15 als laix, als «lercz,
e no col festa ni digfnercx
ni gorn de feri,
don so besät li semiteri,
qui it 6*en dona, i
20 e negnn ome no perdona
per can que Talha. •< '
bome ric no presni meala fol. 91
per gran que sia^
ni no faria per elereia
25 lo yal d'un alh,
ans lo va segan am soii dalh
c'oras quelh plasa.^
Sapehatz cmelmen lot estrasa,
que no i fa fendia,
30 ni troba plages que la renta '
am tot soneodi/ -^ '
pueih que Ta levat en 8on odii •
que be lor est,
e pnei va levant sos test
35 e me[n]t sas glozäs, 1
que a la mort remano las novM
eis parlariaa ,
de tot que negun o sentria.
Bona mainada, (
40 beus Yolri' aver ensenbada •
a mon lati, '
que nos calgues ser ai mM
ayer temenss
de la mort, que ai paor ques vensa
6 Sttbes» — 8 .«1» poder, — 10 N<m p^t hom gandir, —
12 Np te. --* 13 Jüvean, -^ 18 bossatz. ^ 19 Quiiutnh. — 90 Sapjas
gue ad ho. — 22 Rom r. n, p*una m 23 P. rieg, — 25 Valen d*. —
30 qp hmvenmi. ' — 31 Per negun e. ^^ 32 Dejmeif» q* fa ine» e a.' —
33 ßtie he noi r^stz, ^ 34 ifalon Un paiue s, > — 36 Daf>ctn l. in: van
loa Abnomcu, *- 37 — 38 mänqnent«.- ^-^ 39-^^0 bonos maynadas .
essenhadas, — 41 Dem, — 44 que oert ek quens 9.
26*
396 Meyer
45 com ffd los Mitres;
qae no i pot pro tener empiftstres
ni medicina,
nil regardamen de la nrina,
ni los espesis,
50 ans es tot fezioias neois
qae a Ihies contrasta,
quar atresi mezeih los tasta,
qae letaaris j
no i te pro, ni apoticaris
55 am sas semensas;
ni a sels qae fan penedensas
no porta amor«
menoret ni (a) prezicador
ni (a) ome d'orde.
60 Per qae hyo tenh tot ome nesi
qa*el mon se fia, v**
car egalmen 8*en van. li dia
als rix e als paabres;
adone re[m]embre te qae langes
65 don bes te Tena.
aagas de Dayit qaen[s] ensenha
de salvamen:
decltna a fnalo ei /ae bomum, inquire paoe^m] et persequere eam
pro 8*en passa leagieramen
al mea Tegare;
70 fai be e gardat del mal fiare,
re no i tk plns;
en aqnes .ii. motz es enclos
tota la lei.
no i a enpefäre(i) al rei
75 qae also no fasa,
qae sos servizi a Dio plasa.
en vas trebala;
dont es obs qae marse nos vala
al jatgamen,
80 can Dios vendra sartanamen
am gran compana
e non peset qae gan(t) remana*
Anm. 46 Q. non hur tenon pro e. — 48 At fe$gardamen. — 49 A«&
bo8 e, *~ 50 Per jim «./. es a. — 54 Non hur. ^ 56 N^u las $tM q
57 No y an a. ,^ 58 MenudeU. ^ 59 Ni[io$]preiats. ^ SO Pergueue
die que totg howu es fats. -^ 62 — 63 manqaent, eomme aassi le Terset
de la Bible (Psalm. 33, 15) qoi sait le v. 67. ^ 72 «e conclus, -^
75 Si 41. n. jiarda (la coireetion de ^arda en fassOj proposte par
M. Bartscb, se tronve jostiAie). ^^ 78 Bobs es q^ sa m. -^ 80 Bon
tugz venrem certanamen, -~> 82 n. erextUe*
Bribes d*hi»tom litt^raire. 397
homs qae anc loanat,
que squi no sia jutgatz
d5 en aquel dia.
nes si om ars e ventat Favia '
aqui vendra,
e soD logoi^r plenier prendra
Segon sa carta
90 cassquus enans que d'aqu! parta,
Segon SOS fags.
mot er doloiros aquel plag;
on g^rentia
uon er dat ni alonc de dia,
95 mas la sentensa
dara sei que non a temensa
e'um li apel,
nt no i calra formar Übel
qnels esturmens ....
Le r^ste du feuiUet est blaue*
Anm. 83 ff. q, /. n. — 84 «. afomatz, — 85 Ad a. -^ 86 <kr« ^
omis. — 91 De totz ». — di Et er ben dL $98 p, ^ 93 Que g, —
94 iVb y er preza ni jom ni d.
n.
Portrait de fexnme.
La pi^ce ci-apr^s a iÜ ^crite au XIV* si^cle aur le
dernier feuiUet de garde du ms. H'249 de la Biblioth^
qcte de la Faoultä de M^decine de Montpellier coatouuit
le Percenal de Chresti^i de Trojes. Le Catalogue ginirtal
des manmcrite des biblioth^ques publiqties des Dipartamewte
en fait mention en ces termes: ^^A la fin, sur les gardes:,
il y a une chanson adressee k une feüime dont on c^l^bre
la beaute en vers fran^ais" (t. I, p. 380). Ce n'est point
une chanson, ce seriut, plutöt une epitre, si cette d4no-
mination classiquc pouvait etre de mise ici. De quelque
nom (jtf on veuille Tappeler, la piece que je public actuel-
lement nous donne un ciuieuz speeimen des idees uu peu
sensuelles avec lesquelles les poetes de la langue d^oil
appreciaient la beaute. La dame inconnue ä qui s'adres-
sent ces vers y est decrite de la tete aux pieds, et il ne
398 Meyer
nous est fait grace d^aucune de ses perfections. II 7 a
du reste des traits gracieux dans cette description; j^aimc
ces ^^yeux riants et bien fendus qui reluisent comme une
^toile, la nuit, dans un ruisseau'^ et ^^la belle petite
oreille" gentiment "assise sous la tresse"; et cette gor^e
blanche k travers laquelle, comme par un cristal, on yoit
descendre, le vin vermeil.
Aucun indice ne nous pennet de rien conjecturer ni
sur l'objet ni sur Pauteur du portrait; sans doute ils
vivaient Fun et Tautre au XIIP siecle, car les vers parais-
sent bien de cette epoque. On y remarque quelques par-
ticularites orthographiques interessantes: pareiul^ eiuly
vermeiul (pareil, oeil, vermeil, qui maintenant ne pour-
raient point rimer ensemble), potent (point) , etele^ ce qui
prouve que des le XIII* sie(5le au mbins la" pronuncia-
tioa supprimait Va ^tymologique dans les mots qui en
latin commencent par sty sp ou sc. ^) On remärquera aussi
que le c usurpe souvent la place de Vs (jpenceTy cenf^
aud etc.).
U est ä remarquer que cette description elogieuse
d^une beaute inconnue, presente les plus grands rapports
avec une piece que renferm^Ue manuscrit fran^ais 837 de
la Bibliotheque ImperiMe (glim 7218 avf folios 217 et 218),
et qui a ete publice par M. Achille Jubinal dans ses
Jowgleuta et T7*ouvhre8y p; 182 sous oe titre: L$ aort des
Damee. Beaucoup de vers sdit identiques dans lesdeux
ieacAes, mais celui de M. Jubinal a au commencemeat
pr&8 de 60 vers qui manquent au notre; dans tout le
reste et surtout 'It la fin, les variantes sont tres nom-
breiues.
. ^ Ceitte tendanoe est de^ m$xque%,dwa.VEpitre/areiepour lejmar
de Saint EUenne publiee ici meme par M. G. Piu-is (t. IV, p. 313);
on y remontre en effet cetui ponr cestui, deptUer (disputare)^ ecrierent
pour escrierent. Cette Observation me met snr la yoie d'une correction.
Au troisi^me verset, M. G. Paris imprlme Jocun, mot qui lui semble
douteux, et k moi aiissl; \ne serait-ce pas jaiun pourjostumf le sens
Bereit excellent; «reanissons noi^s.pour disputer avec lui'*.
.. Bribes d'hiatoire litt^aire. 399
Dame qm o'»ye» iwl pareiul,
je ne pais saouler moa eial
de regarder ¥0«tre fa^n;
qui r«iitaiUa fu bon ma^s;
5 ne pourroie pencer ne dire
de vo grant biaat^ la matir«»
grant sen^ a eo bleu ayUer
6e qa'oQ peat «n youa deviser:
vostre biaa cbef blondet et «or
10 qui reluit pliu qoe oiü fll d'or,
menaeraent reeeieeie;
si ne doit pa« es<7e cele
vostre pleia front , poU «an« fronee ,
qui Cent comme esglentier oa ron<)e,
15 et vos sonrci« plesan«» brun^s,
qui 8ont et plus gena e^ plu« nes
qne safir ae argeot pendo.
vos eius rian«, a poient fendu«
qai reluigent oomme ',u etele
20 par noit ea une fontenale,
et regardent «ant vUenie.
Du regarder ans ae c*enniue
vostre biau ne« a potent mole,
qai a'e«t ae irop lono ne trop le;
25 vostre sayotureose bouchete
vermeiUe^ riaot petitete
blan« den«, oien««ment {asai«««]
le« levtetas eenblent cerises;
manton votis, fet a compa[6]
30 si ne doit Ten oublier pa«.
Le viaire qui bien i'esgarde
. , ü'e^ pas mestier que Ten le farde.
pouif deviser sui demoure
comment est a poient coulourö:
36 conlenr de lis assiae a lai
aveqnes le rubi balai
pert emmi la face vermeille;
et la bele petite orellie,
qui est assise soo« la trece,
40 eortoisement «on chef adresse;
et le redouble du colet col. 11
blanc et poli, cras et molet.
Je ne vi onqaes fleur en brauche,
ma dame, qui fust anci blanche
Anm. 17 Jub. en a ce qui est plus clair. — 27 le mot qui ter-
mine ce vers est efface. Je complete le vers d'apres Jubinal.
400 Meyer, BHbea d'bistolre litt^raire.
45 com est voetfe bele gorgete;
moat fu a nete forge fete,
clere et deliee est com taie.
L*en saorait bien se je mentale:
qui bien i regarde de Teial,
50 qant roui baves le vin Termeiul
et la coaleur dessent a yal,
parmi relnit com par oristal
et descent jneqa'^n la coaraille.
Or ilke doient Diea que-je ne faille
55 a TOB espaales tres bien fetes
omiies et a poient baoetes;
ies bras bien fes, Ions et teitis,
pour aooler ami fetfs,
la mein petite, potelee,
60 blanche com nef amoteUe;
par la seintore grele a polen [t],
le co«t6 si poli et goient.
Le nonbrillet e Tatttre chose
que Coortoisie nommer n'ose
65 fut si bien fet k sa nature
comme il est reson et droiture;
Ies cuissetes et Ies jambetes
roonde[s], blanches et crassettes;
Ies pies petis, ortens menns
70 doivent estre pour bians tenus.
MoQt fa natfire an fere sage
qant de votts fit si bei ymage.
Anm. 57 Jub. Ies doU tretis.
Paul Meyer.
Mussafia, Zam Breviari d'amor. 401
Zum Breviari d'amor.
Der Druck dieses umfangreichen Denkmales der pro-*>
venzaliscben Poesie schreitet ziemlich rasch vorwärts^ und
so eben ist die dritte Lieferung herausgegeben worden. ^)
Ich habe die zwei ersten mit den wiener Handschriften
2563 und 2583 (ich bet^eichne die erste mit F, die zweite
mit G) verglichen und hoffe das Resultat meiner Arbeit
seinerzeit zu veröffentlichen. Indessen können diese Hand-
schriften , welche manche dunkle Stellen des gedruckten
Theiles aufhellen, auch dem ungedruckten zu statten kom-
men. In der Vorrede, S. XI, klagt der Herausgeber, dafis
der letzte Abschnitt — le perilhos tractat d^amor — in A
sehr verderbt sei, und erklärt, es wurde L nach Mahn^s
Abdrucke zu Eathe gezogen werden, um dieses Hülfs-
mittel noch nutzbringender zu machen, theile ich hier eine
Beihe von Bemerkungen zu Mahn nach beiden Wiener
Handschriften mit. Die meisten sollen den Text verbes-
sern; nur selten gebe ich gute Varianten zu sonst halt-
baren Lesarten. Leider lassen sich viele Citate aus den
Troubadours auch durch Fg nicht befriedigend emendi-
ren; für diese aber bleibt das Zurückgehen auf die Ori-
ginallieder, mit Berücksichtigung der von Matfre befolg-
ten Varianten, das beste Hülfsmittel.
Hier nun mein Verzeichnifs:
181, vorletzte Zeile 'iV Aimerics.
182, 15 en tan de folor 17 Dieus! quan pauc de con-
oichensa D'amor a«, qui ben o pensa, Gel que repren-
don aymador 19 ni loi (le lui) comton 20 nos evia
24 — 25 que pros 8i noi ehten... Quel ^ois d'amors
25 non es mos benen 27 e de valor 33, 35', 36 statt
le immer li 39 ni loi comta 47 Cum savis.
183, 14 — 15 desplassa S'ieusfau... Quez es... Quar grans
razos 18 e *' antra 19 ges qv£ cortes 2Ö ieu en sui
21 pres de lui 29 non es mos plazers 41 qui pel par-
*) Vgl. über die erste die gründliche Recension von Bartsch im
Jahrb. Bd. 4.
402 MuMafla
lar de croja gent 43 Ni so 45 Escoutatz 46 Der Vers
Nesci de malft razisst geht nach Quel mal parlan evejos.
184, 1 A prezen 7 lejaltat 8 la vai desvian 13 sofre
19 a pu8 fort de sß tensa 20 nim noz^esta 31 qnUeulh
vei per un be cen mals far. Bartsch (Lesebuch 153^ 27)
gibt vielleicht nach dem Originalliede: Que la rei per
un cen mal far. Die Lesart von Fg scheint mir deut-
licher. Der Dativ Ih wegen videre mit folgendem In-
finitive.
185, 5 Pus donex amors 13 €8 ne clamec 24 d^argen AI
vila qu'era peliciers 27 tot dar 37 en cela, Bartsch
vermuthete esta; vgl. aber Leseb. 153,45.
186, 8— 9 envejos 9 los amoros 13 In G blofs escoutatz,
'' dann abgesetzt; in F steht das Wort am Rande, sodafs
Que amors . . • und Quan vos unmittelbar aufeinander
folgen. Auch an anderen Orten findet sich ein xmnothi-
ges Escoutatz. 16 non ac par De mal dire per que nom
par .Quez el sia dignes de{^ 31 ^ en fag 38 blasman
39 quex «'avia 40 se fenhian 41 sai be que non es
42 vos die que n^es dÜ amor 43 aissi tot a pr.
187, 10 amava Lo quäl dan ges nolh donava 15 crezatz
18 enjoing „befahl", vgl. 186, 45 enjoys, wo G enjoinc
hat; F an beiden Stellen enjos 23 E pueis 25 Alqun
28 D^En Marcabrun 29 ni en lunh deu cantar 33 el
fons d'ifem 41 O a pream o a sotz man 42 Per dig e
razo natural G; F wie L. Gehort der Vers Matfre oder
Aimeric de Pegulban?
188, 3 es fols quiei (= qui i, qui Ihi, franz. qui lui) vol
contendre ^ ~ 9 que devon far 10 E dient mal per
vilain maltalent 12 E s'il s^en part 13 G uuou ge,
F uuotige 16 e ^1* (si-l) a fag 18 — 19 Quorqu* ieu
eh. dez. Nim — plai[n]ches d'amor Nin diches... Enuegz
^ ni viltatz 26 Qui fassa Vergolhoa gauzir E cel que
domnef ,ab engan 30 Mais a d'amor 36 de lieis maia
de plazers
189, 15 cochos do dezavinen 21 so qu^a demandat e vol-
gut 22 pus quez om n^a so sadolh pres D^autra part
maia creis e dura 39 hom mover 44 de plazer viu
45 per que val mais
Zam Breviari d'amor. 408
190, 4 Enquer dizon 6 azaut De so quez er plus mal
azaut quar non garda 20 s^e» sab ameznrar 21 sab
S&mcT tot 35 868 pezar Ni ses maltrag gran onransa
37 Tafan 38 o an dig 39 escrig 43 senatz.
191, 2 maldizen o trobador 5 sec sa folor 8 qui
nWova be 13 O iCt% a tort 14 falha : valha 15 Et
enaichi 26 Bo% Aimeric 27 qu^a la lebre cassada 30 en
90an 42 dorfen calque gma 44 Bo% Aim. 47 e to^ dao.
192, 3 Pero qui fort se volia 13 non avem membransa
20 Boe Aim. 31 c^aysais tanh 32 nos morfina 33 elam
ten 43 don digs Bemartz 45 quar ieu lom tuelh
193, 8 recemblara eniga 9 Maie de merav. 12 rir e jogar
28 e de sospir en planh, de planh en plor 29 — 30 non
coTe tomar 31 per la faa correns 34—35 per la l^cca,
per la cara 35 non acsetz 36 que merceus toquera don
crem f. 37 camjera 39 appar a la color 40 pltie des-
coloratz 40—41 escoutatz doncs oossi 43 falbezis m&
color 44 esdevengutz cum es 46 pen^^ dolor
194, 2 em tjei 7 nons en podem ges 8 nos i en va
11 quel liam fo d'un embra» solamen 12 quim deali ni
alhor Enliamatz sui tan que sim Tolia Desliamar ges
far non o podia (F poiria) 13 lai me lia Em ten pres
m'en liama 15 E nou (F non) fai ges 16 que fiem
forssat 24 atras o avan 26 non ai jai 29 puesc mover
. 31 nxCaisains dessena Ens fai Tiure 34 que non o fassa
• ' derenan („von nun an^') 36 sin poesem penre 38 nos
plagra 39 nons (F. nom) sembla nins (F nim) par
1969 14 pres plus que folia 23 si raut[z] ram[s] 24 Amor
ni la met en cassa 25 a ma guia 30 cum de ser
88 Yous me^dites 39 que n^a li rois de France 41 do<-
leurer 42 guia 51 quos tanh Tamoros
196, 1 Tafans 20 no mi val del enojos romieu 26 so
qu^a dezirat 30 hom enriquir
197, 4 a ma parvensa 10 si beu (be-1) queretz 15 l'en-
menda be 28 Per los fis amans
198, 6 En als an facha 7 el an encolpad' Skmor 11 mens
en val
199, 7 so an. merit 8 quar qui aut pueja 16 N^Ucs
Brunencs 15 se m^vt rancuran 16 nos fan 17 ab
404
gen pwrlar G ab bei portar F 29 Nob &a non apaon
tan 30 no9 an
^00) 7 tener amoros 10 qiiar »i Ibsson 22 Fis aunans
lo do que tendre F 23 se deligs (deletur) 33—34 E
pus la bc»:s^es Yugada (vojada F) 44 — 45 pessa Hu*
tat F p^8 fezeutait 6 45 — 46 en jatz cani (Lex* Rom.
5, 133) 46 al mila F (Lex. ßom/ 4, 233)
201) 2 engan o mcdfseatat 3 dexnanteneii 4 los sanhs
5—6 en mar dedins un sac 28 ün taüs fa ja que ocs
dames amaient 30 bacb, ^ar^^ ^W tont 44 qnez ieu
n'auzia
202, 5 m^aTenha ni guerrejar 8 Ieu entendre 17 an agut
Quar ta mal i son ayengut 20 en Folq. 22 Mi fan
26 Jäi pot 27 daus quäl part 31 tener nom poiria
39 quV^en vos 41 Et W antra 46 cum $1 o saup
203, 6 — 7 cauzid^« la melhor 10 re no pot 12 que pogues
hom blasmar 17 no fos plu9 granda 27 dels sieus bes
40 e sobransa
204, 10 Antrat^ en dirai 17 ni mos cans 20 Pros Aim,
27 Rendet de si dons 33 von dirai 38 que meue fos
(P. Vidal, ed. Bartsch 23, 47)
205, 17 bona e tant 39 re melhorar 40—41 «'ieu pogues
42 n't auria
206, 2 en una aua canso . lo cavaliers 4 parsoniers
207, 3 Et er me mout mal e greu 17 que vos nos detz
20 Ni nos 21 Cazer 31 devers, wie Bartsch Jahrb.
3, 401 richtig vermuthete 37 Mas no sian 42 — 43 ges
d^anta (Damach wäre auch die Uebersetzung Bartsch's
a. jA. O. zu verändern.)
208, 31 per gäbe 32-^33 en cui pretz entiers 33 en cui
es aunitz (kein hom\ der Vers ist achtsilbig) 36 comen-
Samen 45 corteja
209, 10 m'an emblat 13 solas amoros 15 en lo solas
qu^om noy puesca 17 ni sa valor 19 mal semenan
23 ben aculhen 32 venon de grat *) 34 que parletz
ges prim. 37 d'ome que no Vescai
^) Im folgenden Verse liest Bartsch a. a. O. perjtensaty und setzt
in der Anmerkang als Lesart der Handschr. peu pensat Aber lAahn
drackt ben p, und so haben auch F€r.
J
Zum Breviari d*amor. 405
2IO9 12 de dezonor 16 lo sap be ffazardonar 23—24 diffs
que domneis 39 U pro» - 44 dechai 45 ob p. a& p.
211, 28 domnejadors 29 ayolezas 35 — 36 nou8 en sen
(Choix 3, 425)
212, 2 Bon es doncs 14 £m tral cor de jotz (F jos)
Faichela (P. V. ed. Bartsch 14, 28) 21 trair volontos
24 — 25 be captenir 27 Enquers 34 quar no mi rix
213, 22 Tysbe non amet Priamus (Choix 3, 258) 24 lar-
gu'w (ibid.) 35 desmen. 38 — ^39 nim poiria per re dar
214, 5 Mas dratz y a e donas 16 que nos fenhß
17 — 18 qu'ea devengut 28 ieu no vei 30--31 Quem
destrenh tan perqu^ieus die mon coratge
215, 20 No far (Prov. Leseb. 64, 8) 31 A quascun
216, 12 pot hom maui acabar 13 I08 fan refodar 19 E
s^ilh Yolgues esgardar mon semblan 23 non aus querre
42 Vei» m'a vostre (Choix 3, 46)
217, 8 senatz 28 o plus que la «ta 31 qui ben o coBsira
32 ramicitatz en «r« E deu mais.
Wien, 23. März 1864.
A. Mussafia.
406 Kritigehe Anzeig«n:
Kritische Anzeigen.
l^tude 8ur le role de Taccent latin dans la langue fran^aise, par Gaston
Paris. Paris u. Leipzig, Franck. 1862. 132 S.
Es war ein glücklicher Gedanke, die Rolle ^ welche der
Accent, dieser wichtige Factor, in der gesammten romani-
schen Sprachbildung, speciell im Franzosischen spielt, zum
Gegenstande einer Untersuchung zu machen, das in ihoa. lie-
gende Princip in dieser Richtung zu bestimmen und dessen
Wirkungen auf das genaueste nachzuweisen. Solche Mono-
grdiphien können für die Linguistik höchst ersprieislich sein,
da es in ihrem Zwecke liegt, auch anscheinend geringere Er-
eignisse auf diesem Gebiete , worauf die Lehrbücher der Gram-
matik einzugehen nicht immer Anlafs haben, anfzüsBchen und
in daa System ein2utragen. Die vorliegende Abhandlang ist
eine von Hrn. Paris vor der Urkundenstshule zur Srwerbttng
des Diplomes aL^ Archiviste. paleo^raphe aufgestelte und be-
hauptete These. In dem/ Y^rwoct beklagt der Verfasser, dafs
die Freunde der franzosischen Philologie in Frankreich selbst
noch immer sehr selten seien und dafs selbst die Mehrzahl
derer ^ die sich^ init,der altfranzosischen Sprache beschäftigen,
sie eben nur als eine Cnriosität behandeln, als ob dies Fach
nicht eben sowol eine Wissenschaft sei wie die klassische oder
orientalische Philologie. Es hat sich also im allgemeinen dort
noch wenig geändert seit 1850, wo Hr. Paulin Paris (in der
Bibliotheque des chartes) aussprechen konnte: L^etude de la
grande litterature fran9aise pendant le moyen age n'est pas
repandue en France autant qu'en Allemagne, en Belgique, et
meme en Angleterre; peu de personnes sont au courant des
travaux executes, des publications entreprises etc. Aber nicht
allein war die Zahl der Freunde jener Literatur gering und
ist es noch; auch den Leistungen der Herausgeber alter Texte
fehlte es häufig an derjenigen Sorgfalt, ohne welche eine Aas-
gabe weder der Grammatik noch selbst der Literaturgeschichte
genügt. In der That hat die neue Aera der franzosischen
Philologie vieles gut zu machen, was die frühere vernach-
lässigt hat.
Herr Paris war, als er seine These unternahm, mit allem
ausgerüstet, was zu ihrer Losung erforderlich war. Ich be-
merke nur, dafs ihm auch Deutschlands grammatische Litera-
Paris, i^tade snr le role de Fftceeiit latin dans la langae fran^lse. 407
tor sfthr wolil bekaant ist. Daza zeugt seine Arbeit von Be-
obaehtang^geist imd vnabbaDgigeixi Urtheih jeder, der sieb mit
der fraasosischen Grammatik in ¥ri8S«i8chaftlicher Weise be-
schäftigt, sei er Sdiükr oder Meister, wird aas ihr lernen
können. Sie macht der neuen Schule Ehre.
In der Einleitung zeichnet der Yerfasser jenes viel be^
sprochene Ereignifs, die Herkunft und EntstehnngsarC des
romanischen Sprachzweiges, in geistvoller Weise, and nach-
dem er den Satz anerkannt hat, dafs der lateinlschiB Accent
in den Tochtersprachen im ganzen seinen Ptatz behauptet und
mit Schöpferkraft, zumal im Französischen, tief eindringende,
aber regelmafsige Veränderungen in den Wortformen, Um*
Wandlungen in der Natur der Yocale, Modificationen in dem
System der Zusammensetzung und Ableitung hervorgerufen hat,
mui^tert er zu seinem Zwecke alle Theile der Grammatik mit
Ipbenswertber, nach Vollständigkeit strebender Sorgfalt Zo-^
erst das Substantiv in seinen einzelnen Declinationen , die be-»
kanntüch im Ahfranzosischen von Seiten der Betonung einige
merkwürdige ZSge darbieten, dann das Adjectiv, den Artifc^,
das Pronomen, das Zahlwort u. s. w. Es wäre überflüssig,
den Gang, den seine Untersuchung gfeht, und die Beobachtun-
gon, womit er die Grammatik bereichert, in einer etwas <v«r->
späteten Anzeige auseinanderzusetzen/ da sich das Wefkchen
bereits in Aller Händen befindet. Besser wird ea s^n^ einige
durch die Leeture desselben angeregte Bemerknagen, worunter
einige Zweifel, die aber das Verdienst des Gänzen nicht schmä*
lern sollen, hier anzuknüpfen. *
Seite 83 bemerkt Hr. Paris' mitBeoht, dals die provenza**
lia^e Mundart dieselben Gesetze : der Betonung anerkenne wie
die franzosische, Aak also der Hochton atich hier nicht übei^
die voiietzte Silbe hinaufsteige. Das sagen schcMi ^ie Ley«t
d^amors (I, 90). Sie tireten zugleich denen entgegen, welche
behaupten, in percegua^ padena, sabeza liege der Hauptton
(accent principal) auf der ersten Sähe; auch in dieser Mundali;
schreitet er häufig von der drittletzten auf die vorletzte fort,
wie in ancora, vergina, pistola, welche gegen die neufranzösi-
sehen ancre, vierge, ^pitre übel abstechen. Man kann über*
baupt der nordlichen Mundart das Lob nicht versagen, däfs
sie in manchen Fallen dem ursprünglichen Accent fester an-
hängt als die südliche , und ihm gern mnen tonlosen Vocal anf^
ofpert Zuweilen scheint in letzterer die Betonung zu schwan-^
1
408 Kritische Anseigen.
ken: so in apöstol neben apostöl (Papfil)^ wenn das zweite
i^idifallB ans apostolus^ nicht etwa ans dem im Mittellatein
dieselbe Bedeutung zeigenden apostolicas stammt^ eoftsefaiedes
ist diese Abkürzung ans apostolicas in der Foräi apostoli =
altfranz. apostoile anzunehmen, welches in Beziehong aof das
letztere auch Hr. Paris glaubt. Capitol hat den Ton auf der
vorletzten Silbe; Guillem y. Tudela 2816 scheint aber auch
capitol zu sprechen: indessen wird für qti^era de capitol zu
lesen sein que eta de capitol. Sollten jedoch nicht einzelne
Falle der betonten drittletzte|i vorkommen? Das Beispiel der
italienischen oder catalanischen Mundart lag ja so nahe. Gram--
mdtica bei Izarn Choix Y, 229 ist unleugbar: wie aber auch
hatte man sich erdreisten sollen , grammatica zu sprechen, das
heifst, das wichtigste Wort der Schule so zu entstellen? Die
Leys freilich lehren, man müsse Worter, wie grammatica, wenn
man sie ins Romanische herüber nehme ^ möglichst (al mays
que podem) nach dem romanischen Tongesetz aussprechen,
also gramatica. Um indessen diesen Conflict zu beseitigen,
adiuf man ein neues Wort, grammaticaria (vielleicht aus gram-
maticalia), zusammengezogen gramüria, graraidra; wo gram»*
tica vorkommt, ist ein Latinismus anzunehmen. So ist viel-
leicht auch müsica als Latinismus geduldet worden ;; doch lafst
sich aber dies Wort nicht entscheiden , da es wenig vorkommt.
Cölera konnte man scfaliefsen ans odlra ; allein der Schlufs wäre
bedenklich, denn neben colra konnte ceAera bestehen. Lägremas
spricht Peire v. Corlnae vs. 888: e de plors e de lägremas.
Bartsch (Jahrb. IV, 284) streicht das erste e, sodafs lagrema
herauskommt, und dem entspricht das neuprov. lacrima; Jean
de Möung braucht einmal laerime für das wohllautende lärme.
Das Wort war im Provenzalischen wenig üblich, indem, wo es
anging, plor seine Stelle einnahm. Mu&te aber das unbestreit-
bare oathöHe (bei Izarn und .häufig bei G. v. Tudelaj ni<^t im
Feminin catholica lauten, mit betonter Antepenultima, also:
elh es catholic, elha es catholica? Oder sprach man hier
catholica? Der Widerspruch wäre zu grell gewesen. Man
föhrte ein neues, bequemeres Wort ein, catholical, das weder
der Spanier noch der Italiener kennt, und sagte z. B. sest fo
catholicals (der war katholisch), 6. v. Tud. vs. 847, la fe
catholical, Brev. d'am. I, p. 87. Vielleicht danken noch andere
Adjectiva dieses Schlages, die nur der Provenzale kemut, z. B. ,
evangeHeedj demselben Motiv ihr Dasein, doch kann ich evao-
Paris, £tade snr le rule de Tacrent latin dans la languc frafi^aise. 4fjQ
gelic nicht nachweisen. Aber es erklart sich uns ans diesein
prosodischen Motiv auch eine besondere, beim Adjectiv yor-
kommende Anomalie. Die weibliche Endung a lateinischer
Adjectiva wird nämlich im Provensalisehen schlechthin beibe-
halten. Eine Ausnahme macht nur /r4vol von irivolus, dessen
Feminin fr^vola lauten mn&te. Da dies aber gegen das Ton-
gesetz gewesen ware^ so verwies man das Wort zu den Ad-
jectiven einer Endung, im Widerspruch mit dem italien. und
span. frivolo, fnvola. So erging es auch dem nnlateinischen
düol, welches gleichfalls einer Endung ist, wiewol Neubildun-
gen fast durchaus zweier Endungen sind. Die spatern sjnco-
pierten Formen beider Adjectiva, freul und aul, bei welchen
das Tongesetz freula und aula erlaubt haben wurde, richteten
sich natürlich nach den Altern Formen.
S. 38 wundert sich Hr. Paris, dals ich in den Eidschwu-
reu deo aecentuire, weil es (in der Form den, was hier das-,
selbe ist) zur Assonanz e gebore ^ wogegen er in der Endung
eo oder eu bereits den nenfranzos. Mischlaut eu (6) annimmt.
Allerdings, sagt er, assonierte deu mit e, aber dasselbe thne
auch breu, von bref (?), und sicher habe man nicht br^u ge-
sprochen. Nach meiner Ansicht liegt in deu ein echter Diph-
thong, kein Mischlaut. Schon die romische Volkssprache be-
handelte deus als ein einsilbiges Wort (vgl. Corssen, latein.
Ausspr. I, 176), worin nur e den Accent haben konnte, nicht
der Fle3Üonsvocal «, und diese Aussprache ist der alten pro^
venzalischen und zum Theil noch der neuern, sowie der por-
tugiesischen Mundart verblieben. Dafs auch im Franzosischen
des 9. Jahrhunderts und später der Accent auf «-haftete, das
ergibt sich daraus, dals e durch vorgesetztes % diphthongirt
oder, wie andere sich ausdrucken, gesteigert werden konnte
(dieu), denn tonlose Vocale pflesrt man nicht zu diphthongi-
ren. Es ergibt sich femer daraus , dafs das am Ende stehende
u ganz abfallen konnte, wie in der Form de, welches, wenn
man deu wie do gesprochen hatte, unmöglich gewesen wäre,
denn von diesem dö konnte man nichts abziehen. Dafs aber
ein solches do tauglich gewesen wäre, mit e zu assoniren,
läfist sich schwerlich annehmen, da das feine Gefühl des Ro-
manen für die Reinheit des Reimes widerspricht.
S. 44 kommen die Formen aus dem Genitiv Plur. der
zweiten Declination» wie paienor^ Francor, da in ihnen eine
Versetzung des Accents stattgefunden, in sorgfaltige Erwägung.
Jahrb. f. rom. u. engl. L«t. V. 4. 27
410 Kritisclie Anzeigen:
Es kam hier auf VollBtandigkeit der Belege an. In der Tbat
vermifst man nur quartenor = quatuor annorum. B^ der Deu-
tung von müaoldor schwankt der Verf. zwischen millc solido-
mm und mil sols d'or, letzteres von Raynonard angenommen;
allein cheval mil sols d^or läfst sich nicht constmiren, auch
steht ihm kein provenzalisches milsoldaur bestätigend zur Seite,
denn auch hier heifst es nur milsoldor. In mehreren Fällen
fuhrt Hr. Paris die Endung or auch auf die des latemischen
Genitivs der ersten Declination arvm zurück, und dagegen ist
im Frincip nichts einzuwenden; doch scheinen nicht alle Bei-
spiele sicher zu stehen. Chanddeur aus dem litnrgischen dies
candelarum ist nicht zu bezweifeln. Bei tenebrur, das an das
gleichfalls liturgische hora tenebramm erinnert, ist dem Verf.
wenigstens so viel gewifs, dafs in der Endung nicht das be-
kannte AbleitungssnfBx enthalten sei , da dies nie an Substan-
tiva gefugt werde. Diese letztere Behauptung geht etwas za
weit. Richtig ist, dafs die mit or abgeleiteten Substantiva in
der Regel aus Verben oder Adjectiven hervorgehen. Aber die
Sprache hat zuweilen Motive, in ihren Wortbildungen von der
strengen Regel abzugehen. Eins dieser Motive ist das der
Anbildung, vermöge dessen sie solche Wörter, welche ver-
wandte oder entgegengesetzte Begriffe ausdrucken, gern aaf
ein und dasselbe Suffix ausgehen lafst. Die italienische Mund-
art besitzt das dem franzosischen tenebmr ganz entsjprechende
ienebrore, und es ist wenig glaublich, dafs sie dies aus tene-
brarum sollte geformt haben, da sie sich der Endung ore ans
dem Genitiv artm ganz enthält und z. B. das kirchliche dies
candelarum durch oandelara, nicht candelore, ausdruckt. Wie
leicht aber konnte ein Wort, wie bujore und dessen Gegen^
sätze chiaroie, splendore, lucore ein tenebrore nach sich zie-
hen. Auch aus dem provenz. bruma (Dunst) flofs ein zweites
Substantiv brumor, sowie aus ira iror, jenes vielleicht nach
vappr, dieses Bach furor gemodelt Pasoor aus päscharum
ist gewifs möglich. Daneben stellt sich freilidi nadaler, des-
sen Endung schwerlich als Genitivzeichea aufzufassen ist, denn
was wäre tefmpus nataJium statt natale? Was das männliche
Geschlecht von pascor betrifft, so erklärt es sich leicht ans
einer Gleichstellung mit dem Genus der meisten und abiich-
sten Namen der Jahreszeiten, die der Provenzale Matfre Er-
mengaud I, 220 in einen Vers gebracht hat: Autora, yvern,
primver, estieu.
Paris, Etüde snr le role de Taceent latin däVis la langue fran^aise. '41 1
Von gröfserem Belang für die altfi^nzosische Orammatik
ist eine andere, die er^te und zweite Declination betreffende
Behauptung des Verfassers, S. 45 fg. Die Endung ain in Evain,
nonnain u. dgl. sei nicht aus dem latein. Accnsativ am, denn
sie würde in diesem Falle nicht auf den Plural, wie in non-
naine, übertragen worden sein; es liege vielmehr eine Diminu-
tivform darin. Dies werde z. B. in einem unserer Texte da-
durch bestätigt, dais gleichbedeutend Porrete und Porrain ge-
braucht werden. Auch finde sich diese Form besonders in
Eigennamen, die ja die Diminution liebten. Sie komme fer-
ner noch nicht in den ältesten Texten vor. Was die Endung
on in Charlon von Curolos v. a. betreffe, so habe sie ihren
Grund nicht im latein. fim, sondern ifi einer Verwechselung
mit der Endung on de;r dritten Declination (Hues Huon). Un-
möglich habe die im Latein kaum hörbare Endung am oder urh
den Ton annehmen können. — ^ Hr. Paris hat diese Lehre mit
aller Umsicht und Geschicklichkeit ausgeführt; gleichwol habe
ich mich bis jetzt von ihrer Richtigkeit nicht überzeugen kön-
nen, doch ist hier nicht der Ort zu einer erschöpfenden Prü^-
fung; ich erlaube mir nur, einige Punkte zu berühren. Dafs
man die Form ain nicht auf den Plural übertragen haben
würde, ist mir nicht wahrscheinlich. Wenn man eitimal von
nonne zu nonnain forrgeschritten war, so konnte man im Plu-
ral nicht wohl zu nonne zurückkehren; vielleicht hatte man
auch das Beispiel von suer, seror, serors und ähnlichen vor
Augen. Hr. Paris selbst gibt eine Vermischung der Numeri
zu, wenn er sich den Singular tenebror aus 'lern Plural te-
nebrarum, wie eben bemerkt, entstandeji denkt. Welches for-
melle Kennzeichen diminutiver Kraft trägt aber die Endung
ain? Wollte man verkleinern, so boten sich andere unzwei-
deutige Suffixe dar. Dafs ein Dichter eine Person bald Por-
rain, bald Porrete nennt, kann für den Diminntivsinn von
Porrain nichts beweisen, da er dieselbe Person auch Porre
nennt. So wechseln denn auch Eve und Evain, und hier
möchte man fragen: wäre es nicht unpassend gewesen, die
Mutter des Menschengeschlechts Evchen zu nennen, wenn Evain
in der That diesen Sinn ausdrückte ? Bekanntlich flectierte man
in den ältesten romanischen Predigten oder Uebersetzungen
geistlicher Schriften die casus obliqui von Eigennamen, ^umal
den Accusativ, oft nach lateinischem Muster, wie Oza Ozam,
Juda Judam (selbst Genit. Judo), Satanas Satanan, Jonathas
27*
412 Kritische Anzeigen:
Jonathan. Die Schwäche der lateinischen Flexion am, worin
m verstummt sein soll, lafst sich gegen die franzosische Be-
tonung dieser Silbe nicht einwenden, da die alte Volkssprache,
worin jene Yerstummung stattgefunden, nicht mehr vorhanden
war, und man jetzt sprach wie man schrieb. Eväm zu spre-
chen war der erste Schritt, Evain mufste noth wendig daraus
erfolgen. Es ist etwas Aehnliches, wenn man im Altdeutschen
zuerst Accus. Evam, nachher Even sprach. So gut nun Eve
Evain seinen Grund hatte in Eva Evam (sofern man dieser
Auffassung beipflichtet), so konnte auch Pieres Pieron (wofor
die alte Passion noch Petdms.Petdrun setzt) seinen Grand
haben in Petrus Petrum^ indem man diesen Formenwechsel
nachahmte und z. B. die Stelle „cum esset Petrus in atrio...
et cum vidisset Petrum^^ übersetzte: „qnant Pieres estoit en la
cort ... et quant ele ot veut Pieron ". Entsprechend flectirte
man Lazares Lazaron, und selbst einmal Jesus Jeson. Im
Grunde that man hiermit nur etwas ^ das die Sprache bei ei-
nem ihrer Pronomina gethan hatte: Nomin. mes, Accus, mon
aus mens meüm. Aber die hier in Rede stehende Flexion der
Eigennamen erster und zweiter Dedination war nur ein Ver-
such der Sprache, den sie bald wieder fallen liels, wogegen
sie die der dritten festhielt, die eine bessere Basis hatten:
Evain und Pierron verschwanden, Huon, Ganelon und ihres
Gleichen sind geblieben.
Bekannt sind die organischen Comparative. Ihre Zahl
hat neulich Littre mit ampleis vermehrt, das er aus ampliadus
für amplius entspringen läfst. Von bei besafs man bellezour,*
für welches aber als Etymon bellatior aufgestellt werden mofste.
Hr. Paris weist S. 57 nun auch das einfachere belior nach, um
so schätzbarer, als dieser Comparativ im Lateinischen selbst
kaum nachweislich ist. Ich fürchte indessen, dafs in dem da-
für angeführten Verse „ne convenoit belior querre*' zu lesen
ist belisor, da belior nur zweisilbig sein konnte wie melior,
nicht dreisilbig.
Zu den oben berührten Genitivformen rechnet man, als
von amborum stammend, auch das normannische ambure, am-
bore, z. B. „ambur en terre et en mer'^, d. i. sowol zu Land
wie zur See. Allein noch hat kein Grammatiker dargethan,
was der Genitiv hier soll; denn die Stelle wäre lateinisch:
„amborum in terra et in mari (terra marique).^^ Amb ist klar,
ore kann weder eine Flexion noch eine Ableitung sein, es
Paris, iltude sur le role de Taccent latin dans la langue fran^aise. 413
mufs in einer Zusammensetzung seinen Grund haben. Die
Partikel or, die sich allerdings häufig anhängt, würde hier
keinen Sinn gewähren. Ich vermuthete daher auf uter, utrum;
abör ich gestehe, indem ich mich den Zweifeln des Hrn. Paris,
der S. 62 amborum als Etymon annimmt, anschliefse, dafs
amb-utrum von Seiten der Bedeutung etwas Mangelhaftes hat.
Nur die Einwendung, dafs sich die franzosische Sprache des
Pronomens uter nie bedient habe, kann ich nicht gelten lassen,
denn es ist ein Erfahrungssatz der Etymologie, dafs ein als
Individuum erstorbenes Wort in einer Zusammensetzung noch
fortleben kann: das geschah z. B. in ne-ant, dessen zweites
Glied kein selbständiges Dasein hat. Ich versuche eine andere
Deutung. Schon in meiner Note über das franzosische Wort
hatte ich auf das entsprechende ital. amburo aufmerksam ge-
macht. Da nun unser Wort nur in Italien und in der Nor-
mandie, nicht zwischen beiden Gebieten heimisch ist, so scheint
es von dem einen auf das andere Gebiet verpflanzt zu sein,
was bei dem Verkehr zwischen Normandie und Süditalien sehr
möglich ist. Nimmt man an, es sei in letzterem Lande ent-
standen und schlägt man den daselbst fühlbaren griechischen
Einflufs an, so scheint d|i96TSpov ein berechtigtes Etymon,
um so mehr, als d(Ji96T6pov — xat, ganz wie ambure — et,
engl, both — and, auch conjunctional gebraucht wird. Das
richtige Product des griechischen Wortes wäre allerdings am-
foro oder amfuro gewesen; es war aber ganz natürlich, dafs
man es dem latein. ambo anbildete.
Auch mehrere wohlbegründete etymologische Deutungen
bringt das Buch. Wenn aber vrai, provenz. verai, auf verax
zurückgeführt wird, so findet diese Deutung in dem Buchsta-
ben ein unüberwindliches Hindernifs. Aus verax würde der
Provenzale veratz geformt haben, wie aus vivax viatz. Auch
Guessard's Deutung aus veraceus ist gegen alle Analogie. Es
bleibt nur übrig, veraous anzunehmen, mag man nun darin
ein an verus gefugtes Suffix acus erblicken, herbeigeführt
durch das Beispiel des begriifsverwandten merus meracus,
oder eine Umprägung von verax in ein Adjectiv zweier En-
dungen, die aber eher veratz verassa ergeben haben würde. —
Den Schlnfs macht eine Untersucbnng über das Metrische in
den Versen auf die heilige Eulalia. VieDeicht ist es mir
vergönnt, bei einer andern Gelegenheit darauf zurückzu-
kommen.
414 Kritische Anzeigen.:
leb schlielse dieate Anzeige mit dem Wunsche, Hr. Paris
möge fortfahren, die romanische Sprachwissenschaft mit sei-
nen schätzbaren Beobachtungen zu bereichern.
Friedr. Diez.
Altfranzösische Gedichte aus venezianischen Handschriften, herausge-
geben Ton Adolf Musaafia, aufserordentl. Professor der romanischen
Philologie an der wiener Universität und Amanuensis der k. k: Bi..
bliothek. Wien, C. Gerold u. Sohn 1864. (XVI, 178 u. XVI, 116 S.)
gr. 8.
Die beiden hier zum ersten mal herausgegebenen Dichtun-
gen geboren dem Kreise der kärüngischen Sage an und sind
durch ihren Inhalt wol geeignet, das Interesse der Freunde
mittelalterlicher Literatur zu fesseln. Die erste, der franzosi-
schen Handschrift Nr. V in Venedig (Pergam. des XIV. Jahr-
hunderts,. 101 Bl. in 4.) entlehnt, bat vom Herausgeber den
Titel „La prise de Pampelune" erhalten; nicht ganz zutreffend,
indem da, wo das Gedicht beginnt, Pampelona bereits einge-
nommen ist. Da jedoch die Handschrift offenbar vorn und
ebenso hinten, wiewol der Schreiber mit einem „deo gratias
amen" schliefst, unvollständig ist, so darf angenommen wer-
den, daXs das vollständige Gedicht auch Pampelonas Erobe-
rung erzählte- In seiner jetzigen Gestalt 6113 Verse umfas-
send, berichtet es von den Thaten Karls und seiner Pairs,
nachdem Pampelona gefallen, von der Schlacht bei Moni Gar-
zim, von der auch Turpin und andere Quellen wissen, der
Einnahme von Estella und Logrono, der Eroberung von Cor-
dova und Ästorga. Dafs letztere Stadt gewonnen worden,
können wir nur nach der Anlage des letzten Theiles schliefsen;
die Handschrift bricht ab, ehe es wirklich erzählt wird, nur
die vorbereitenden Schritte sind geschehen. Es ist anzuneh-
men , dafs das Gedicht den ganzen Feldzug Karls in Spanien
umfafste, bis zur Eroberung von Saragossa, d. h. bis dahiu,
wo die Chanson de Roland anhebt. Ereignisse also werden
uns vorgeführt, die sonst in französischen Dichtungen von Elarl
nicht behandelt werden, die im wesentlichen mit dem achten
noch unedierteii Buche der Reali di Francia und dem daraus
geflossenen italienischen Gedichte „La Spagna'^ zusammen-
stimmen. Daus, wir hier alte Sage, wenn auch in jüngerer
Bearbeitung vor ujas haben, scheint zweifellos; als Beweis
Mussafia, Altfranzos. Gedichte ms veoeeiauischen Handschriften. 415
kafin ein einziger Zag gelten. Als Genelun, so berichtet die
Chanson de Roland, zum Bpten an Marsiüe bestimmt, sich
weigert, in Furcht sein Leben su verlieren, sagt er unter
anderm, 290 Müller:
Jo i pnis aler; mais n^i avrai guarant;
Nul out Basilies ne sis freres Basant;
und bei Konrad 52, 18:
Pi^anzi unde Basilie
dine choment noc)i niht widere,
den hiez er diu houbet abei slahen.
Diese frühere Gesandtschaft Karls an Marsiüe erzählt das
vorliegende Gedicht, welches sie als „dous civalers de Langles,
ond Vun d^eus.ae noma Ba^in, PatUre Basel ^' (2547) bezeichnet
(2545 — 2704)- Freilich kann die jüngere Bearbeitung, in einer
Zeit abgefärbt, wo die lebendige Sage im Absterben war, man-
chen Zug verändert, manches erweitert und ausgeschmückt ha-
ben ; im ganzen aber werden wir den Inbaplt als alt bezeichnen
dürfen. Die Abfassung reicht über die Zeit der Handschrift,
. das 14. Jahrhundert, nicht zurück; darauf weisen die mancher-
lei Beziehungen auf antike Stoffe, die der Herausgeber S. VI
zusammengestellt hat. Die^ Darstellung ist nicht ohne Kunst
und Geschick; die Schilderung der Charaktere trägt noch den
alten einfachen Typus, was ich indessen weniger der Kunst
des Bearbeiters als der Beschaffenheit seiner Vorlage beiniessen
mochte, die noch im wesentlichen den Stil der alten Sage trug,
wie wir ihn am schönsten im Rolandsliede bewahrt finden.
Nicht weniger als durch den In^olt zieht Äese Dichtung
durch die Sprache an. Dieselbe enthält eine eigen thümliche
Mischung französischer ,und italienischer Elemente, die sich
durch die Heimat des Gedichts leicht erklären lassen. In
Norditalien war die Pflege nordfranzösischer und provenzali-
scher Poesie im 13. und 14. Jahrhundert sehr begünstigt.
Dürfen wir auch annehmen, dafs französische Dichtungen im
Norden Italiens zu jener Zeit verstanden wurden, wo die ro-
manischen Dialekte sich noch nicht so weit voneinander ent-
fernten wie heute, so ist es doch erklärlich, wenn italienische
Abschreiber französische Originale ihrer eigenen Mundart näher
brachten, etwa wie wenn ein niederdeutscher Schreiber ein
hochdeutsches Gedicht copierte oder umgekehrt. Einen Ab-
schreiber freilich haben wir in demjenigen nicht vor uns, der
die Prise de Pampelune aufzeichnete; einer solcheii Annahme
n
416 KritUohe Anzeigen:
wid^spricht die Conseqoens, mit welcher in Sprache and Me*
tram gewisse Eigenthnmlichkeiten, die durchaus nicht r^n fran-
zösisch sind, durchgeführt erscheinen. Namentlich sind einige
metrische Züge zu beachten. Die Endung - ent der dritten
Pers. Plural, verwendet der Dichter als eine betonte Silbe; er
braucht sie demnach als stumpfe Cäsnr, wie 3185:
la nuit sejoumerenty e quand jour fu eiclarii,
ja sogar als stumpfen Reim, furent reimt auf ^gient n. s. w.
Wenngleich dieser Fall auch in altfranzosischen Dichtungen,
wovon Mussafia S. VII Beispiele anfuhrt, gefunden wird, so
darf er doch in diesem Falle als ein Zeichen nichtfranzosi-
sehen Ursprungs betrachtet werden. Eine zweite metrische
Eigenthümlichkeit, auf die der Heransgeber S. VI fg. -anfmerk-
sam macht, ist die Art der Elision, die auch zwei betonte
Vocale miteinander zu einer Silbe verschlingt; z« B. Peecu e
Vaters U fause 6> wo Vescu e zwei Silben bilden müssen.
Das ist entschieden italienische Einwirkung. Dafs daneben
(S. VI) der Hiatus geduldet wird, selbst in Fällen, wo man
Elision erwartet, darf nicht Wunder nehmen. Wären solche
Fälle vereinzelt, so konnte man sie als Nachlässigkeit des
Schreibers bezeichnen; weil aber, diese Eigenthümlich ketten
zugegeben, der Versbau durchaus regelrecht ist, so werden
wir nicht einen blofsen Abschreiber annehmen dürfen, der eine
Mundart in eine andere übertrug. Die sprachlichen Eigenheilen
hat der Herausgeber S. YIII fg. mit Sorgfalt zusammengestellt
Gleichwol sind wir der Ansicht, daSs dem Bearbeiter ein
französisches Original vorgelegen habe, das er jedoch frei
umgestaltete. Und zwar ein nicht wenig älteres Gedicht, wie
ich hauptsächlich aus der Art und Weise, wie manche Cha-
raktere aufgefafst sind, schliefsen zu dürfen glaube. Nament-
lich die Gestalt Karls erinnert in ihrer Auffassung an die
altern Dichtungen dieses Sagenkreises, und würde im 14. Jahr-
hundert einem wenn auch nicht unbegabten Dichter in dieser
Einfachheit und ruhigen Hoheit kaum noch gelungen sein. Wie
sich aber zu seiner Vorlage der Dichter stellte, ob frei den In-
halt benutzend oder sich treu anschliefsend und nur in Sprache
und Metrik selbständig verfahrend, darüber werden wir, wenn
sich nicht neue Quellen ünden, sicheres nicht sagen können. ^)
^) Die Handschrift war nicht unbekannt; theils kleinere, theils
gröfsere Proben waren durch Lacroix und Keller gegeben, die meisten
Mittheilungen durch Immanuel Bekker, allein n^mientlich das, was der
Mu8safia, Altfranzof. Gedichte aus renezianischen Handflchriften. 417
Nicht minder anziehend als das eben besprochene ist das
die zweite Hälfte des Bandes bildende Gedicht: „Macaire^S
Aach es ist einer marcianischen Handschrift (Oall. Nr. XHI.
Pergam. des XIV. Jahrhunderts, 99 BL in Folio) entnommen
nnd gehört ebenfalls dem karlingischen Sagenkreise an. Die
Handschrift enthalt ein grolses cjclisches Gedicht, dem der
Anfang fehlt und das in seiner gegenwartigen Gestalt mitten im
Beuve d'Hantonne beginnt. Dazwischen wird die Geschichte
von Bertba mit dem grofsen Fnfse erzählt, nachher die Er-
zählung von Beuve wieder aufgenommen, bis Bl. 31 neu an-
gehoben wird:
Segnur, ^la vos oir une noble cangon
(Keller's Romvart, S. 57) und die weitere Geschichte von
Pipin und Bertha beginnt Hieran schliefst sich Karls Ju-
gend, seine Verdrängung durch Lanfroi und Landris, sein
Aufenthalt in Spanien bei dem Konige Galafre (Romvart,
S. 62 fg.); ein neuer Abschnitt beginnt Romvart, S. 71: Qui
commengo la changon coment li danois alo a marmore, und
S. 73 (Bl. 76") die letzte von Mussafia herausgegebene £pisode.
Das Ganze ist offenbar eine Compilation in der Art des deut-
schen Kitrlmainet, für welchen ich bei meinem Buche (Nürn-
berg 1861) wenigstens die Kapitelüberschriften in Keller's
Romvart hätte benutzen können, wenn die irreleitende Ueber-
schrift Dodo de Mayance^ die Keller nach Lacroix* Vorgange
dem Ganzen mit Unrecht gegeben, auf einen solchen Inhalt
hätte schliefsen lassen.
Der Inhalt der ausgehobenen Episode ist die Geschichte
der Konigin Blanchefleur, der Gemahlin Karls des Grolsen,
die Macaire zu verfuhren sucht; abgewiesen, veranlafst er ei-
nen Zwerg, sich zu ihr ins Bett zu legen. Sie wird zum
Tode verurtheilt, dies ürtheil aber in Verbannung gemildert.
Aubry de Montdidier soll sie bis an die Grenze bringen, wird
aber von Macaire ermordet. Aubry 's Hund entdeckt den Mord
und bringt im Zweikampfe Macaire um. Nach mannigfachen
Irrfahrten Blanchefteur's , die sie zu ihrem Vater nach Kon-
stantinopel bringen, nach einem infolge ihrer Verstofsung aus-
gebrochenen Kriege schliefst das Ganze mit Versöhnung.
letztere abdrucken liefs, mit ziemlicher Flüchtigkeit und Nachlässig-
keit abgeschrieben, wie Mussafia im zweiten Hefte seiner handschrift-
liehen Studien (Wien 1862) S. 16 (ig. im einzelnen nachgewiesen hat.
418 Kritische Anzeigen:
Ets ist derselbe Stoff, den das spanische und niederländi-
sche Volksbuch von der Königin Sibille, den, das deutsche
Gedicht von der anschuldigen Königin von Frankreich bebaa>
delt. Von einer französischen poetischen Bearbeitung, auf
welche schon früher F. Wolf geschlossen hatte, haben sich
Bruchstücke gefunden (vgl. Mussafia, S. III), die aber mit der
hier herausgegebenen einzigen vollständigen Darstellung nicht
stimmen. In sprachlicher Hinsicht zeigt sich hier derselbe
Charakter wie bei dem ersten Gedichte; französische Grund-
lage, gemischt mit italienischen Sprachformen, daneben For-
men, die niemals einer Mundart angehört haben, sondern nur
als armselige Reilnbehelfe anzusehen sind. Das Sprachliche hat
auch hier der Herausgeber mi^ grofser Sorgfalt (S. VI — XVI)
zusammengestellt. t
Verderbt wie die sprachlichen erscheinen auch die metri-
schen Verhältnisse; hierin bemerken wir einen wesentlichen
Unterschied zwischen dem Macaire und der Prise de Pampe-
lune. Zwar finden wir dort zum Theil dieselben Eigenthüm-
lichkeiten, z. B. die Verwendung der dritten Pers. Plural, in
ent zum stumpfen Reime; aber der Versbau, in dem ersten
Gedichte sorgfältig und genau, ist bei dem Macaire verwildert
und regellos. Dieselbe Regellosigkeit zeigen die übrigen Theile
der Compilation, wie man aus den von Keller mitgetheilten
Bruchstücken sehen kann. Sie ist aber Eigenthümlichkeit des
Gompilators, der, des reineren Versbaues i^ur in geringem
Mafse kundig, die Vorlagen in jeder Weise entstellte.
Wie haben wir uns das Verhältnüs des Gompilators zu
den von ihm benutzten Gedichten zu denken? Denn das steht
aufser Frage und wird selbst durch die deutlich erkennbaren
Abschnitte bewiesen, dafs mehrere selbständige Dichtungen ihm
vorlagen. Französische waren es ohne Zweifel. Anziehend
ist hier der Vergleich mit dem deutschen Karlmeinet: Auch
hier ist die Zusammenfügung leicht erkennbar, die Nähte ge-
wissermafsen noch zu sehen. Wir können wenigstens an einem
der benutzten Originale das Verhältnifs anschaulich machen, in
welchem der Compilator des Ganzen zu denselben steht, und
dürfen daraus den Schlufs ziehen, dafs er bei den übrigen
ebenso verfahren habe. Sprache und Metrum zeigen Verschie-
denheiten , die uns belehren , dafs eine wirkliche. Umarbeitung
nicht stattgefunden. Nach Mussafia ist dagegen die vorlie-
gende Compilation (d. h. die ganze Handschrift) keine blofse
Mussafia, Altfranzös. Gedichte aus Tenezianischen Handschriften. 419
Ueberarbeitang aus einer Mundart in die andere, dondem eine
selbständige Umarbeitung der verschiedensten. Vorlagen. Es
ist riqbtig, dafs die einzelnen Theile defr Compilation nach
Sprache und Metram keine solchen Verschiedenheiten zu zei-
gen scheinen, wie dies beim Karlmeinet der Fall ist; ich sage
scheinen, weil eine umfassendere Kenntniss der übrigen Theile
der Handschrift nothwendig wäre, um mit Sicherheit darüber
zu entscheiden. Allein wenn auch die verscliiedenen Vorlagen
die gleichen Entstellungen in sprachlicher und metrischer Hin-
sicht erfahren haben, so folgt daraus noch nichts dais wirk-
liche Umarbeitungen uns vorliegen. Mir scheint esT, als wäre
das Verhältnils zu den Vorlagen ein ähnliches wie bei der
Venezianer Handschrift der Ghgnson de Roland, im Vergleich
mit der Oxforder. Die Mischung französischer und, italieni-
scher Elemente, die Keller'n (Romvart, S. 12) zu der Ver-
muthung veranlafste, es sei das Gedicht aus dem Provenzali-
schen übertragen, findet sich in dem Bojand der marcianischen
Handschrift (Nr. IV) ebenfalls. Auch die Entstellung des Vers-
baues hat sie mit der Hdschr. XHI gemeinsam, und manche
Reime sind ebenfalls zerstört und schlecht. Darum kann jedoch
die Venezianer Handschrift nicht als eine Umarbeitung bezeich-
net werden. Sollte nun auch der Compilator von Nr. XIII
etwas freier verfahren sein, so wird doch vielleicht auch ihm
noch nicht der Name eines Ueberarbeiters zukommen dürfen.
Gelänge es, wie beim Karlmeinet, von dem einen oder andern
Stücke die Vorlage nachzuweisen, so würden wir über das
Verhältnifs b^ld im :klaren sein. Wie man aber auch über
. dasselbe denken möge , der Versuch einer Herstellung der . bis-
jetzt verlorenen Vorlage durch Berichtigung der Sprache und
des Metrums durfte nicht gewagt werden, und der Heraus-
geber hat den einzig richtigen Weg eingeschlagen, indem er
einen diplomatischen Abdruck der Handschrift gab und nur
offenbare Sehreibfehler berichtigte. Der vielfach verderbte
Text gestattete nicht überall radicale Heilung. Ein Wort-
verzeichnifs enthält alle nichtfranzösisohen Wortformen, von
denen nur die dem Reim zu Liebe erfundenen ausgeschlossen
wurden. Darunter sind manche schwierige, die der Heraus-
geber durch Herbeiziehung der venezianischen Mundart zum
Theil deuten konnte; andere haben sich bisjetzt der Deutung
entzogen. Auch dem ersten Gedichte ist ein, wenn auch be-
schränkteres, Wortverzeichnifs beigegeben. Demselben ge-
420 Kritische Anzeigen:
hen Anmerkungen zu einigen schwierigeren Stellen voran
(S. 170—173).
1083 ist ch^autir (in dw^ Hdschr. mit einem Abkürzungs-
zeichen über dem u geschrieben), wofür M. cKaversir schreibt,
was er selbst wegen der noth wendigen Zweisilbigkeit von
ahoit bedenklich findet, vielleicht als cJCautir^ und autir als
eine dem Reim zu Liebe gemachte Entstellung von autre auf-
zufassen. — 2207 scheint mir die von dem Herausgeber zu-
erst vorgeschlagene Auffassung von afors che als Präposition
vorzuziehen. — 2803, wo die Hdschr. liest: Despagne vous
saues tout lalier pour plains e pour eostal (in zwei Zeilen),
der Herausgeber schreibt: Valier savea cTEspagne pour plains
e pour costal, scheint mir dev Fehler schon in der Hdschr.
der Vorlage gelegen zu haben; ohne die ganze Zeile ergän-
zen zu wollen, mochte ich vermuthen:
jyEepagne vous savSs tout Valier pour cabal
pour plains e pour costaL
pour cabal, adv., ausgezeichnet. Der Schreiber der Vorlage
sprang von einem pour auf das andere über; der Schreiber
der Venezianer Handschrift merkte den Fehler, theilte aber
falsch ab. — 3412. Ayquin se redrega, che n'estoit mie trou
leit^ trou leit ist nach des Herausgebers Ansicht verderbt;
ich glaube, leit ist so viel wie leid^ laid, häfslich, und die
Ausdrucksweise ne trou leid, nicht zu häfslich, deckt sich mit
der mhd. niht ze guot^ nicht zu gut == sehr schlecht, also
ne trou leid, sehr schon. — 5008. de ce respond Sanson: ne
soies esbats; man konnte auch schreiben: 'de ce% respond San-
son, ^ne soies esbats*
Der anziehende Inhalt und die sorgfältige Ausführung der
vorliegenden Fublication macht den Wunsch rege, dafs der
Herausgeber vielleicht noch ein oder das andere Stüdc der
Hdschr. XIII veröffentlichen möge. Dem Referenten person-
lich würden die Jugendschicksale Karls des Orolsen am fes-
selndsten erscheinen; wir kämen damit vielleicht auf eine Quelle,
die dem Berichte der Real! di Francia oder der Gran con-
quista d'ultramar zu Grunde liegt. Dafs Girard von Amiens
in diesem Theile der Compilatiou benutzt sei, ist mir nicht
glaublich; die Dichtung Girard^s ist in Alexandrinern, die
Compilatiou in zehnsilbigen Versen abgefafst. Auch der Inhalt
weicht, so weit nach den Kapitelüberschriften zu schliefsen,
in manchen Funkten ab.
Mussafia, Ueber die Quelle der altopao. Vida de S. Maria egipciaca. 421
Schlieislich sei bemerkt, dab wir der Wiener Akademie
die eben besprochene Edition verdanken, die, wie alles was
▼on. der genannten Akademie aasgeht, durch Sauberkeit sich
auszeichnet
Rostock, December 1863. Karl Bartsch.
Ueber die Quelle der altspanischen „Vida de S. Maria egipciaca <* toii
Adolf Mutsafia, Wien 1863, G. Gerold's Sohn in Comm. 24 S. gr. S.
Dals die altspanische metrische Bearbeitung des Lebens
der Maria Egyptiaca, die zuerst 1789 yon Rodriguez de Castro
in einer Handschrift des Escurial entdeckt und 1840 durch
den Marquis von Pidal (Revista de Madrid 2, 4, 302 fg.)
herausgegeben wurde, auf einem franzosischen Vorbilde be-
ruhe, hatten sowol Ticknor als Ferd. Wolf schon vermuthet.
£s führten darauf eine Reihe unspanischer Ausdrucke, vor
allem aber die metrische Form, die der bekannte acht- und
neunsilbige paarweis gereimte Vers ist. Mussafia hat nun in
obigem, aus den Sitzungsberichten der philos. histor. Klasse
der k. k. Akademie der Wissenschaften zu Wien (43, 153 fg.)
besonders abgedruckten Schriftchen das bis dahin nur vermnthete
franzosische Original in zwei Handschriften nachgewiesen; der
eine Text, einer Handschrift des Corpus Christi College in
Oxford entnommen, ist in „B. GrossetHe carmina anglo^nor"
mannica, ed. hy M. Cooke^^ (London 1852) gedruckt; der an-
dere findet sich in einer andern Oxforder Handschrift (Bodlej.
canon. misc. 74. Perg. des 14. Jahrh.) und ist bis auf wenige
Verse noch ungedruckt Das Yerhältnifs der drei Texte ist
nicht so , dafs sie sich genau deckten ; jeder von ihnen reprä-
sentirt eine selbständige Recension, doch so, dals die gemein-
same Grundlage aller deutlidi zu erkennen ist Vielleicht gibt
es sogar noch eine dritte franzosische Handschrift; wenigstens
weist Mussafia S. 5 eine metrische Maria Egyptiaca in fran-
zosischer Sprache nach, von der er aber nichts näheres zu
sagen weifs. Es wäre eine Vergleichung der bodlejanischen
und eventuell jener dritten Handschrift erwünscht, damit da-
durch festgestellt würde, welchem Texte sich die [spanische
Bearbeitung am nächsten anschliefst. In Ermangelung des voll-
ständigen Apparates hat der Verfasser die ersten 500 Verse
des gedruckten, aber sehr fehlerhaft gedruckten, franzosischen
422 Kritische Anzeigen:
Textes mit den nöthigsten Verbesserungen dem spanischen
gegenübergestellt, und nur da, wo beide Texte weiter aus-
einandergehen, den Inhalt des dazwischen liegenden in lyeni-
gen Worten mitgetheilt. Zum Schlufs wird die Bearbeitung
der Legende von Rutebeuf besprochen und ihre Ueberejn Stim-
mung mit dem französischen Gedichte durch eine bedeutende
Anzahl einander gegenübergesetzter Stellen bewiesen. Nach dem
chronologischen Verhältnifs ist es daher nicht anders möglich,
als dafs Rutebeuf das ältere anonyme Gedicht benutzt hat.
Wir wollen hier in kurzem der von Mila y Fontanals
(Trovadores en Espana, S. 511) aufgestellten Ansicht geden-
ken, die nur insofern von Wolf und Tioknor abweicKt, als sie
nicht ein nordfranzösisches, sondern ein provenzalisches Ori-
ginal für das spanische Gedicht annimmt. Nach Mussafia (S. 6)
würde selbst dann, wenn man nachweisen könnte, dafs der
Spanier einer provenzalischen Quelle gefolgt sei, diese doch
als eine Umschreibung aus dem Französischen betrachtet wer-
den müssen. Dies ist insofern nicht ganz richtig, als eine
provenzalische Quelle mit Bestimmtheit nur dann nachgewie-
sen werden könnte, wenn zugleich damit die Annahme einer
französischen ausgeschlossen würde; denn Reime, die zugleich
provenzalisch und französisch sind, liefern keinen Beweis.
Wenn dagegen in dem spanischen Texte sich Spuren von
Reimen zeigen, die nur provenzalisch, aber nicht französisch
sind^ so wird man den dadurch gewonnenen provenzalischen
Text nicht als eine „Umschreibung^^ aus dem Französischen
ansehen dürfen. Umgekehrt dürfen wir aber auch die fran^-
zösischen Texte nicht als eine Umsdireibung aus dem Pro-
venzalischen betrachten, wenn sie in den Reimen Forn»en
zeigen, die nur französisch, nicht zugleich provenzalisch
sind. Gelingt dieser doppelte Nachweis, so werden wir die
Unabhängigkeit des französischen und des zu vermutbenden
provenzalischen Textes voneinander behaupten dürfen. Die
Wahrsciheinlichkeit und das übrige Yerhältnüs beider Litera-
tui*en spricht allerdings dafür, dafs das Französische, das zu-
dem in zwei, vielleicht drei Mss. und voneinander abwei-
chenden Texten sich erhalten hat, das Originy sei; dann
aJber würde ein provenzalisch er Dichter nicht blofs umgeschrie-
ben haben in der Weise , . wie man in französischen Lieder-
handschriften provenzalische Lieder umgeschriebein findet, son*
dern er hätte wirklich eine Umarbeitung geliefeii, die dem
Mussafia, lieber die Quelle der altspan. Vida de S. Maria egipciaca. 423
provenzalischen Idiom entspräche nnd alles entfernt hätte,
was ihm entgegenstand. Eine solche uns verlorene Umarbei-
tung würde der spanische Dichter vor sich gehabt haben; sie
würde zugleich erklären, warum der spanische Text in vieler
Beziehung von dem französichen abweicht. '
Es handelt sich also darum , zuerst die Berechtigung von
Mila's Behauptung zu prüfen. So viel ergibt der Augenschein,
dafs der spanische Bearbeiter wirklich kunstgerechte Verse zu
machen kaum beabsichtigt hat; er übersetzt getreu mit Bei-
behaltung vieler unspanischer Wendungen, oft sogar unter Nicht-
berücksichtigung des Reims. Diejenige Sprache wird also das
nächste Anrecht darauf haben, die originale zu sein, deren
Sprachformen dem Reime und Verse genügen. Nehmen wir z. B.
Vers 7 des spanischen Textes:
todös aquellos que ä Bios amaran,
der zehnsilbig gelesen werden müfste; im provenzalischen
totz aquels que dieu amaran
erhält er das richtige Mafs, das er auch im franzosischen
nicht haben würde; ebenso verhält es sich mit dem der
39. Zeile des französischen Textes entsprechenden Verse:
quien en su8 pecados duerme tan fuerte,
der provenzalisch lauten würde:
qu'en sos pecatz dorme tan fort.
Der französische Text weicht hier ab: en ses orz pechiez il se
dort^ und es sieht nicht so aus, als ob dies eine Entstellung
aus dem provenzalischen Texte sei. Vielmehr ist das utnge-
kehrte glaublich, dafs der nichtprovenzalische Reim dort : mort
vermieden werden sollte , und deshalb ein anderes ReimwoFt
für den ersten Vers gesucht wurde, während dort in der proi-
venzalischen Form dornte ins Innere des Verses kam. Aehn-
lich ist es bei Vs. 90: par suf reite de nostre aie (: periej; der
spanische Text hat pisr mengua de akxer en .nuestra vida. Mus-
saüa vermuthet per mengua de nuestra dida. Schriebe man
dafür proven9alisch etwa |9ör mancar de la nostr^ atda^ so
würde damit gleichfalls die Originalität des französischen be-
wiesen; denn atda (statt ajuda) ist keine rein provenzalische
Form. Aber vielleicht lautete der Vers mit noch näherem
Anschlnfs an die Ueberlieferung: per manc d^aver en nos dida;
per manc kann ich allerdings in diesem substant Gebrauche
im Provenzalischen nicht nachweisen, aber sprachwidrig ist es
durchaus nicht. — Der französische Reim luxure : eure wird
^24 Miscellen.
dorch luxtiria : curia wiedergegeben, was weder fipanisch noch
provenzalisch ist; Vs. 127, wo das Reimpaar wiederkehrt, ist
es darch eine Veränderung (follia : dia) beseitigt. Man wird
zugeben, dafs auch hier das Franzosische das ursprüngliche ist.
Und so lassen sich aus dem franzosischen Texte eine Menge
Reime anfuhren, die, wenn als die ursprünglichen betrachtet, leicht
erklaren, warum der provenzalisch- spanische Text abweicht,
während man bei umgekehrter Annahme es unbegreiflich findet.
Andererseits aber gibt es auch Reime, die eben nur provenza-
lisch sind, wie palabra : fabla , provv 'parauLa: favla^ franzos.
parole: fable ^ und mehrere der von Milä gesammelten Reime,
die, wenn^ wie wir glauben, das Franzosische das Original ist,
doch eine vollständige Umarbeitung bezeugen, die jedoch die
Eigenschaft fast aller solcher Umarbeitungen zeigt, dafs sie
nicht consequent ist. Auch der spanische Text, dem sicher-
lich eine provenzalische Redaction vorgelegen, versucht an jnan-
chen Stellen wirklich umzuarbeiten, wie Vs. 245 des franzos.
Textes, wo aler : demorer^ prov. anar : demorar reimt, der spa-
nische Text durch Veränderung hir : aallir,
Rostock, December 1863* Karl Bartsch.
Miscellen.
Nachwort über die waldensische Sprache.
Der kürzlich erschienene 17- Band von Herzoges prote-
stantischer Real-Encyklopädie berichtet in dem Artikel „Wal-
denser^' von einer interessanten Bereicherung der uns erhal-
tenen waldensischen Literatur. Es sind nämlich in Cambridge
die sechs daselbst befindlichen Morland'schen Manuscripte,
welche Leger (s. meine Abhandl. in Herrig's Archiv, Bd. XVI,
Einl.) beschrieben, spätere Gelehrte aber nicht mehr gesehen
haben, wieder aufgefunden worden. Genauere Nachricht dar-
über gibt der Entdecker, Henry Bradshaw, in Nr. XVIII der
mir leider nicht erreichbaren „Publications of the Cambridge
Antiquarian Society^' vom 10. März 1862. Wenn dieser Fund
auch für den Theologen von weit grofserer Wichtigkeit sein
mag, so verdient doch namentlich eine Notiz, welche Herzog
gibt , auch von unserer Seite ein lebhaftes Interesse. Es hatte
sich nämlich bei Untersuchung der Bibelübersetzung (s. meinen
Misccllen, 425
Aufsatz in Bd. IV dieser Zeitschrift) ergeben , dafs dieses älte^
ste waldensische Sprachdenkmal^ und somit die ganze Litera-
tur, nicht über die letzten Zeiten des Mittelalters binausreicfaen
könne. Den Beweis dafür hatte die Sprache selbst geliefert,
welche sich durch die Abgeschliffenheit ihrer Formen als eine
bedeutend hinter der Blüthezeit der provenzalischen liegende
verrieth, sich dagegen der Sprache der in der Hussitenzcit
entstandenen Tractate so nahe anschlofs, dafs nur ein wenig
höheres Alter fiir dieselbe in Anspruch genommen werden
konnte. Es folgte daraus weiter, dafs nicht nur diese Ueber*
Setzung von der Zeit des Petrus Waldus vollständig zu tren-
nen, sondern mit ihr (wie schon in dem ersten Aufsatze auS"
gesprochen) die ganze übrige, poetische wie prosaische, Lite-
ratur dem 15» und angehenden 16. Jahrhundert zuzuweisen sei.
Diese Behauptung hat nun eine eben so unverhoffte als glän-
zende Bestätigung erfahren. Die gewöhnliche Ansicht über das
Alter der waldensischen Sprache stützte sich nämlich haupt-
sächlich auf die Stelle am Anfange der Nobia Ley czon : „Ben
ha mil e cent an compli entieramen Que fo scripta l'ora quo
sen al derrier temp", aus deren wohl unzweifelhafter Bezie-
hung auf eine Stelle der Apocalypse sich allerdings das Ende
des 12. Jahrhunderts als Entstehungszeit der Gedichte ergeben
würde, wie denn die Bibelübersetzung in Verbindung mit der
Thatsache, dafs Petrus Waldus die Bibel übersetzen lassen,
auf dieselbe Zeit zu weisen schien. Das letztere konnte wi-
derlegt werden; das andere mufste vor der Hand noch als
ein ungelöstes Räthsel stehen bleiben. Nun theilt Herzog mit,
im Bande B jener Cambridger Manuscripte stehe die NobIa
Leyczon zwar mit der genannten Jahrzahl Ben ha njil e cent
an compli entieramen, aber vor dem Worte „cent'' sei etwas
ausradirt, und bei Anwendung eines Qlases zeige sich die
arabische Ziffer 4, von derselben Gestalt, wie sie öfter in
demselben Bande vorkomme. Man könne daran um so weni-
ger zweifeln, als im Bande C derselben Sammlung in einem
.Fragment aus demselben Gedichte zu lesen sei: Ben ha mil
e CCCC anz compli entierament. Was von metrischer Seite
dagegen eingewendet werden könnte, widerlegt sich durch das
am Schlufs meiner ersten Abhandlung Gesagte, und es ist nun
kein Zweifel mehr, dals das Gedicht am Ende des 15. Jahrb.
geschrieben, aber, vm den darin niedergelegten Lehren den
Schein eines höheren Alters zu geben, um drei Jahrhunderte
. Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 4. 28
426 Miscellen.
zuriickdatirt worden ist, wie denn die Waldenser dergleichen
sehr vielfach, besonders spater, gethan haben.
Damit ist nun anch der letzte Zweifel geschwnnden, dafis
die ganze Literatur über das 15. Jahrhundert zurückreiche,
und ihr Werth für uns dadurch naturlich bedeutend vermin-
dert. Wichtig ist uns aber dieser neue Beweis, wie unver-
brüchlichen Gesetzen, selbst in solcher Verwilderung und Ver-
mischung, die Entwickelung der Sprachen folgt, und interes-
sant bleibt es, wie die Vergleichung derselben in einer Zeit,
die uns so nahe liegt und bei einem Gegenstände, der uns
so bekannt ist, das Mittel werden kann, einen Irrthum um
nicht weniger als drei Jahrhunderte zu berichtigen.
Berlin. W. Grüzmacber.
Eine Emendation
zu Palermo, Ms. Palat 2, 346.
Im Mirakelspiele (Tun monaco che andb a aervizio di Dio
(vgl. Jahrb. 6, p. 76) liest man:
L'anima sesnsitiya, che 8*inchina
Nel mondo a 4atto qael che la diletta,
Apprezza poco la legge diyina
E tien civile questa vita perfetta,
E cosi stolta nella gran raina
Del baratro infernal cader s'affretta.
Dazu die Anmerkung: *^ Civile y qui da riferire all' anima,
e in opposizione con gentile attribuitale dopo. Änima civile^
data al mondo; anima gentile , nel suo esser Celeste". Ueber-
aus spitzfindig, aber kaum wahr; vielmehr ist ci statt a ver-
schrieben oder vom Herausgeber verlesen worden. Man emen-
dire daher:
E tien a vile ^) questa vita perfetta.
A. M.
^) Das End-e, das auch Palermo in seinem Drncke unterpunctirte«
wird nicht gelesen.
Zur französischen Literaturgoschichte. 427
Bibliographie des Jahres 1862.
I. Zur französischen Literaturgeschichte.
A.
1. Annuaire da bibliophile^ dn bibliothecaire et de Tarebi-
viste, pour Tannee 1862, public par L, Lacour, 3® aniiee. 12^
VIII, 304 p. 3 Fr.
S. darüber Joum. des Sav», Mars^ das über das Annuaire, und
insbesondere diesen Jahrgang u. a. bemerkt: „II est tout rempli de
renseignements curieox« — II ne se confiue pas en France, et 11 yous
fera connaitre les richesses des bibliotheques d*Autriche et de Florence,
aussi bien que Celles de nos bibliotheques nationales. II ne se borne
pas a s'enqnerir des docnments cooserves dans les d^pots publics, il
fouille les arehives particulieres etc.<*
2. La France litteraire, oa Dictionnaire bibliographi-
que etc. par J, M. Quirard [s. J. 59, Nr. 1]. Tome XII.
(Corrections, additions Tome II.) 3^ livr. ( — Robbe de Beaa-
veset) p, 289—480. 8 Fr,
3. La Litteratare moderne 1850 — 60, ou Dictionnaire
eomplet de toos les livres fran^ais publies depuis 1850 jusqu'ä
1860 inciusivement, redige soua la direction de M* Ä, Morin.
Livr. 1—3 (A— C). Gr. 8^
Die Liefr. 4 Fr.
4. Nouveau Dictionnaire des ouvrages anonymes et Pseu-
donymes, la plupart contemporaii|S, avec les noms des auteurs
ou editeurs, accompagne de notes historiques et eritiques, par
E. de Manney Conservateur-adjoint ä la bibliotheque imperiale.
Nouv. 4d.y revue, corrigee et augmentee. Lyon. 8^. VIII, 406 p.
8 Fr.
Die erste Ausgabe erschien 1834 und bot der Kritik nicht wenige
Blöfsen dar. Die neue, von dem Sohn des Verf. besorgt, zeigt viele
Aenderungen und ist bedeutend vermehrt; während die erste Ausgabe
nur 1871 franzos. Werke anzeigte, führt die neue 3510 vor. Dafs aber
auch diese noch zahlreiche Irrthümer enthält, zeigt die folgende Schrift
Querard' 8, die nicht blofs viele Verbesserungen, sondern auch eine
„Table alphabetique des auteurs Pseudonymes devoiles« bietet. Bullet,
du biblioph. beige, Nov,
5. Betoucbes au nouveau Dictionnaire des ouvrages ano-
nymes et Pseudonymes de M. E. de Manne, par Tauteur des
Supercberies litteraires devoilees. 8°. XIII, 46 p. ä 2 col. 4 Fr.
*6. Bibliotheca Belgica. Trente annees de la litterature
beige. Catalogue general des principales publications beiges
depuis 1830 jusqu'ä 1860. Bruxelles. 1861. 8^. VII, 97 p.
28*
428 Bibliographie.
7. Bibliographie Gantoise. Recherches etc. par F. Van
der Haeghen. [s. J. 61, Nr. 2.] Partie IV. 417 p. 8 Fr.
Dieser Theil umfafst mit dem vorhergehenden das 18. Jahrh.
Vgl. Bullet, du biölioph. beige, Nov,
8. Essai d^un Dictionnaire des ouvrages anonymes et
Pseudonymes parus en Belgique au XIX® siecle et principale-
ment depuis 1830, par un membre de la societe des biblio-
philes beiges.
In: Bullet, du biblioph. beige., p. 434 ff.
8*. Essai de bibliographie Limousine comprenant : 1° ori-
gines de Timprimerie ä Limoges, 2° liste des premiers impri-
meurs, libraires et relieurs du Limousin; appendice: debuts de
la papeterie dans cette province, 3** biographie des Barbou de
Lyon, de Limogete et de Paris, par P. Poyet. Limoges. 8^-
9. Notice bibliographique sur les editions connues des
Oeuvres de P. Goudelin. 12°. lYa Fr.
10. Marques typographiques, ou Recueil des monogram-
mes etc. [s. J. 61, Nr. 5.] 12® livr. 5 Fr.
11. Histoire du liyre en France etc. par E, Werdet,
[s. J. 61, Nr. 6.] 4® Partie. Propagation, marche et progres
de rimprimerie et de la librairie dans les provinces, de 1470
ä 1700; imprimeries clandestines , particulieres et de fantaisie,
de 1470 a 1792. XXXI, 446 p. 5 Fr.
12. Catalogue general des manuscrits des bibliotheques
publiques des departements , public sous les auspices du mi-
nistre d'Etat. Tome IIL 4°. 732 p. 12 Fr.
Theil der Documenta ined. sur l'histoire de France. Die beiden
ersten Bände des Catalogs erschienen 1849 u. 1855. — Umfafst Cata-
löge der Mss. der Bibliotheken von St.-Omer, Epinal, St.-Mihiel, St.-
Die und Schlestadt. Die Cataloge sind redigirt von Michelant, und
revidirt von Taranne und Cocheris. Das Ganze dieser Publicationen
leitet V. Le Clerc, der auch manche Notizen hinzugefügt hat.
13. Catalogue descriptif et raisonne des manuscrits de
la bibliotheque de Carpentras, par G. G. Ä. Lambert^ biblio-
thecaire. Carpentras. 8°. 3 Vol. XXXIV, 1382 p.
Eine kurze Geschichte der Bibliothek ist vorausgeschickt. Unter
den französ. Dichtungen finden sich dort handschriftlich die Poesien
des Herzogs v. Orleans, Le livre de Mathiolus, Dichtungen von Char-
tier und Christine von Pisa; von provenzalischen 2 Bände Poesien
der Troubadours, darunter aufser dem Breviari d'amor der Boman
von den sieben Weisen.
14. Description raisonnee d'une collection choisie d'an-
ciens manuscrits, de documents historiques et de chartes reunis
par les soins de M. Techener^ et avec les prix de chacun d'eux«
Premiere Partie. 8°. VI, 320 p. 5 Fr.
Die Sammlung besteht aus 204 Mss., und enthält u. a. französ.
Ritterromane, Chroniken und eine Reihe von livres d'heures, die mit
Miniaturen geziert sind. Hervorgehoben sei eine ganz autographische
Zur französischen Literaturgeschichte. 429
Handschr. der Historiettes von Tallemant des Reattx, und ein Ms. des
Roman de Troie von Benoit de Ste-More. Die Beschreibungen der Mss.,
die oft von beträchtlicher Ausdehnung und wahrem literarhistorischen
Interesse sind, haben Gelehrte, wie Paulin Paris, Le Roux de Lincy,
Lacroix etc. zu Verfassern. Jottrn, des Sav,, Mars. Vgl. auch Bullet,
du bibl. beige.
.' *15. Notes sur les livres et les bibliotheqaes au moyen-
age en Bretagne, par A, de la Borderie,
In: Bibl. de l'Ec. des Charles 1861, Nov. et Dec.
Kurze Nachrichten von den Bibliotheken der Kapitel von Quimper,
Dol und Treguier, sowie von der der Margarethe von Bretagne, Ge-
mahlin Franz II., mit einigen Urkunden.
16. La Bibliotheque de Charles d^Orleans, comte d^An-
gouleme, an chäteau de Cognac, en 1496, publiee pour la
premiere fois par E, Senemaud. Angouleme. 8°. 93 p.
Abdruck aus dem Bulletin de la Societe archeologique et histori-
que de la Charente (3e et 4e trim. 1860).
17. Quelques listes en vers de livres rares, par Ed. T,
In: Bullet, du biblioph. et da biblioth. p. 900 ff.
Ans in Versen verfafsten Farcen, Komödien und andern komi-
schen und satirischen Werken des 16. u. 17. Jahrh., die grofsenthcils
mehr oder weniger selten sind. — Einen Nachtrag zn diesem interes-
santen Artikel des Hrn. Techener liefert p, 972 ff. E. Turquetij,
18. Histoire litteraire de la France; ouvrage commence
par des religieux Benedictins de la congregation de Saint-Maur,
et continue par des membres de l'Institut. Tome XXIV. Qua-
torzieme siecle. 4°. LXIII, 781 p.
Bildet die Einleitung zum 14. Jahrh. uud zerfallt in den : Discours
sur l'etat des lettres en France au 14* s., verf. von Le Clerc , und den
Djscours sur Tetat des beaux-arts, verf. von Renan.
19. Origines litteraires de la France, par L. Moland.
8^. III, 424 p. 7 Fr.
Enthält Studien über einzelne Partien der altfranzös. Literatur, den
Prosaroman sammt der Legende, das Drama und die Predigt, indem
namentlich der Uebergaug vom Lateinischen ins Franzosische den Aus-
gangspunkt der Untersuchungen bildet, die u. a. das von Luzarche un-
ter dem Titel Adam herausgeg. Mystere, die Predigten des Bischofs
von Paris, Maurice de Sully, aus dem 12. Jahrh., und die Gralsagc
betreffen. Journ. des Sav., Dec.
20. Etudes litteraires, aper^us historiques et critiques sur
les origines des litteratures modernes et les ecrivains qui les
Premiers userent de la langue fran9aise, y compris les poetes
du XVI« siecle, par Pk. de Montenon. 12^. 272 p. 3 Fr.
21. Poetes du siecle de Louis XIV. ifetudes sur la litte-
rature fran^aise par A. Vinet. 8°. 578 p. 6 Fr.
22. La litterature independante et les ecrivains oublies,
essais de critique et d'erudition sur le XVIP siecle, par
V. FourneL 12°. VIH, 484 p. Sy^ Fr.
430 Bibliographie.
23. Charles Nodier et le romitntiqae. Lettres, fragments
et vers inedits. Par P. L, Jacob, bibliophile.
In: Bullet, du biblioph. et du biblioth. p. 1123 ff.
Beitrag zar Geschichte der romantischen Schule.
24. L^Annee litteraire et dramatique etc., par G. Vapereau
[fi. J. 61, Nr. lö]. Quatrieme annec, 1861. 18°. 535 p. 3 V« Fr.
25. Des Troubadours aux fölibres; etudes snr la poesie
proven^ale, par L. de Laincel. Aix, 8**. 414 p. 3*/^ Fr.
„Tracer an tableaa de la litteratiure proven^ale depnis son origine
jasqn'a notre temps, en faire Thistoire critique, distinguer le caractere
g^neral de ses productions en le comparant a celui des litteratnres
fran^aise, espagnole et italienne ; tel est le plan de cet ouvrage. Toute-
fois le but special de Tauteur a ^te de combattre certaines tendances
d'ane ecole recente des poetes xneridionaux qai ont pris le nom de
felibrea, Le poeme de Mireio par M. Mistral peut etre regarde, avec
les oeaTres de M. M. BoumanlUe, Aubanel et Jasmin, comme Texpres-
sion la plus heureuse des oeuvres de ces partisans de la Renaissance
meridioiiale. <' So äufsert sich das Joum. de» Savtmts, Avril^ welches
noch hinzufügt, dafs das Bach manche Originalstacke und werthvolle
bibliographische Angaben enthalte.
26. La Bourgogne ä rAcademie fran^aise, de 1665 ä
1727, par Ch. Muteau. Dijon. 8°. 183 jp. 2% Fr.
Bussy-Rabutin, Bossuet, Valon de Mineure, de la Monnoyey Languet
de Gergy,
27. üeber franzosische Volkspoesie, von J. Wollenberg,
In: Herrig's Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr., XXXI.
28. La Gomedie en Franco au XVP siecle, par E, ChasleB.
8^ 2ia p. 6 Fr.
29. Note sur Benoet du Lac, ou le theatre et la Bazoche
a Aix ä la fin du XVI® siecle, par A. Joly. Lyon. 8®. 105 p.
6 Fr.
30. Le Theatre contemporain en 1862, par E, Montegut.
In: Revue des deux Mond., Janvier.
Vgl. damit einen kurzern Artikel: Le theatre et ses pieces uou-
velles, par A. de Pontmartin, im ersten Maiheft derselben Rerue. Jn
dem oben genannten Aufsatz werden vornehmlich Rolland's Les Vacan-
ces du Docteur und Sardou's Nos Intimes kritisch beleuchtet.
31. Le Roman en France depuis VÄstree jusqu'ä Rene;
par M*"® Du Parquet.
In: Revue des deux Mond., Juillet.
Diese kurze Abhandlung (23 p.) wurde von der Academio fran-
9aise gekrönt.
32. La litterature romanesque. — Le Roman soas
Louis XIII, par Z/, de Lomdnie. -
In: Revue des deux Mond., Fevrier.
Dieser interessan e Aufsatz schliefst sich au einen altern desselben
Verf. 8, über D'ürfe's Astree [s. J. 58, Nr. 53], an; er bezeichnet selbst
Zur französischen Literaturgeschichte; 431
als seine Aufgabe: ,,tracer un aper^^u des prineipaux caracteres et des
innoYations que nous präsente la litteratnre romanesqne en France dii-
rant la periode qni suit immediatement la publication de Fouvrage de
d'Urfe.<< Es wird zunächst der „Roman familier et moral'* (so die
Werke des Bischofs von Belley, •/. P. Camus) , dann der „Roman mari-
time et pittoresque *< und der „Roman politiqde<< (namentlich Gomber-
vilie^s Polexandre und die bekannte Argenis) behandelt.
33. Des F^s et de leur litteratare en France, par
K Montigut.
In: Revue des deuxMond., Aviil.
Der Aufsatz ist zwar nicht bedeutend, und berücksichtigt nament-
lich nicht die Verschiedenheit des Ursprungs der Feenerzählungen,
aber er hebt einige specifisch französische. Eigenthümlichkeiten dersel-
ben richtig hervor.
34. Essais historiques et litteraires, par L» Vitet, 18^.
405 p. 3 Fr.
Enthält u. a. eine Etüde über die Chanson de Roland, sowie einen
in der Academie fran^ise, als Antwort auf eine Rede Laprade*s, über
Alfred de Musset gesprochenen Discours.
35. Les Femmes dans la soeiete et dans la litteratare.
M"»« deSevigne, M°>« de Stael, M*^® Swetchine. Par Ca. de Mazade.
In: Revue des deax Mond., Mars.
Vornehmlich wird nur die erste und letzte der drei Schriftstellerin-
nen in Betrachtung gezogen, auf Grund ihrer Correspondenzen.
36. Nouvelles etudes critiques et bibliographiques, par
/. Lemoinne. 12°. VH, 374 p. 3 Fr.
Erschienen einzeln im Journ. des Debats.
37. Poetes et artistes contemporains , par A, Nettement.
8°. Xn, 515 p. öVa Fr.
38. Publicistes modernes, par H. BaudrillarU 8°. 7 Fr.
39* Nouveaux essais de politique et de litteratare, par
Prevost-Paradol 8"^. IV, 414 p. 7% Fr.
Vgl. Jahrg. 59, Nr. 37.
40. Chrestiens de Troyes. — Ueber Chrlstian's von Troies
und Hartmann^s von Aue Erec und Enide, von K. Bartsch,
In: Pfeiffer's Germania, p. 141 ff.
Eine sehr sorgfältige, interessante Vergleichung. Am Schlufs gibt
der Verf. eine Anzahl Berichtigungen des Bekker*schen Textes (be-
kanntlich in der Zeitschr. für deutsches Alterthum, Bd. X, publicirt).
41. Corneille -Blessebois. — Notice sur la vie et les
ouvrages de P. Corneille-Blessebois, par Ed. Cleder. 8°. 3 Fr.
Besonderer Abdruck der einer neuen Ausg. von Zmnbi du grand
Peron (eines Werks des Corneille-Blessebois) vorausgesandten Notice, —
Eine kürzere Lebensnachricht findet sich in dem, auch 1862 von einem
Andern neu herausgeg. Lion d* Angelte, desselben schmutzigen Literaten
des 17. Jahrh. — Vgl. BuUet. du biblioph. beige, Avril 1863.
432 Bibliographie.
42. Corneille, Pierre. — Notes aar la vie de Corneille
d'apres des docuineflts nouveaux, par Ed. Fournier.
In desselben: Corneille ä la butte Saiot-Roch, Come-
die en un acte et en vers, als Einleitung.
Enthält nach Vapereau, Vamu litter. p, 284 ff., manches Nene
und Interessante.
43. Hugo. — Etades philosophiques et litteraires sor le»
Miserables de Victor Hugo, par P. Voituron. Gand. 18°. 2 Fr.
44. Hngo. — Les Miserables de M. Victor Hugo, par
/. Barbey (TÄurevilles. 12°. 1 Fr.
45< Lacordaire. — Le pere Lacordaire, par le comte
de Montalembert. 18°. 291 p. 3 Fr.
46. Le Petit, Claude. — ■ Claude le Petit, par Ed. Tricotel.
In: Bullet, du biblioph. et du biblioth. p. 1367 flf.
Der Verf. beabsichtigt hauptsächlich das Datum und die Ursache
der Hinrichtung dieses Schriftstellers zu constatiren, indem er nach
einer kurzen Biographie desselben das Urtheil des Parlaments, das
Vom 31. Aug. 1662 ist, abdruckt, in welchem Le Petit auf Grund sei-
lies Buchs: Le Bordel des Muses , ou les neu/ pucelles putains (einer
Sammlung einzelner Gedichte), und üwar nicht wegen der darin ent-
haltenen Obscönitäten , sondern des gegen die „Ehre Gottes und der
Heiligen" gerichteten Spottes verurtheilt wird. Eine Bibliographie seiner
Schriften hat der Herausg. beigefügt. Vgl. über Le Petit Jahrg. 59,
Nr. 56 u. 82, und Jahrg. 60, Nr. 50.
47. Magnin. — Disco urs de M. Paulin Paris, prononce
aux funerailles de M. Magnin.
In: Bullet, du biblioph. et du biblioth., p. 1286 ff.
Hr. Paris hielt in seiner Eigenschaft als Vicepräsident der Acad.
des inscr. diese Rede am 11. Oct. dem verschiedenen CoUegen. Char-
les Magnin, der zuerst durch seine Origines du thedtre moderne (von
welchem sehr gründlichen Werke leider nur der erste. Band, der noch
ganz dem Drama des Alterthums gewidmet ist, erschienen) sich aus-
zeichnete , hat sich später durch eine grofse Zahl vorzüglicher Beiträge
^.u dem Journal des Savants um die franzöa. Literaturgeschichte des
Mittelalters, namentlich des Dramas sehr verdient gemacht. Er war
in Paris am 4. Nov. 1793 geboren und bekleidete die Stelle eines
conservateur-administiateur des livres imprimes an der kais. Bibliothek.
48. Malebranche. — Etüde sur Malebranche, d'apres des
documents manuscrits, suivie d'une correspondance inedite; par
Pabbe E. A, Blampignon. 8°. 5 Fr.
Dieses manches Neue bietende Werk ist Gegenstand einer interes-
santen Abhandlung J^. Saisaefs in der Rev. des deux Mondes, Avril,
geworden. Blampignon war so glücklich, beträchtliche Fragmente der
lange vermifsteu Biographie Malebranche's von dem Jesuiten Andre
auf der Bibliothek von Troyes zu entdecken, sowie eine andere bio-
graphische Arbeit von dem Pater Adry , dem letzten Bibliothekar des
Oratoire, kurz vor der Revolution auf Grund der Memoiren dreier
Freunde des Malebranche verfafst, endlich eine ganze Correspondenz
des Philosophen aufzufinden, von welchen Documenten er in seinem
Werke Mittheilang macht. — Vgl. auch über dieses Buch den Artikel
von Bouillier im Journ. des Savants , 1863, Acut u. Sept.
49. Marguerite d'Angouleme. — Marguerite d'Angou-
lerne, soeur de Fran9ois I. Son livre de depenses (1540 — 49).
Zur französischen Literlitiirgeschichte. 438
, t
Etades sar ses derni^res annees, par le comte Henri de La
Ferrüre-Percy. 8°. Vin, 236 p. (Mit Portr.) 8 Fr.
50. Marg^erite d*Angoul6me. — La litteratare romanes-
qoe. — La reine de Navarre et l*Heptameron d^apres de
noaveaux documents. Par L, de Lomenie,
In: Heyne des deux Mond., Aont.
Der Verf. bespricht im ersten Abschnitt Margarethens Verhältnifs
za ihrem Bruder Franz I. , und weist in ausführlicher und gründlicher
Weise die von Gönin auf Grund eines räthselhaften* Briefes Margare-
thens gegen diese erhobene Beschuldigung zurück. Ein zweiter Ab-
schnitt ist dann dem Heptameron gewidmet; namentlich in wiefern der
Charakter des Werks mit dem seiner Verfasserin sich vereinbaren lasse,
wird ganz geschickt untersucht.
51. Moli^re.^ — Cabale contre le Tartofe au XVIP siecle,
par G, BouvarL Epinal. 8^ 60 C.
52. Moli^re. — Les medecins au temps de Moliere.
These pour le doctorat, par M, Raynaud. 8°. 468 p. 7 Fr
53. Montaigne. — Recherches sur Michel Montaigne.
Correspondance relative a sa mort. Par J. F. Payen.
In: Bullet, du biblioph. et du biblioth., p. 1290 ff.
Das wichtigste Stück ist ein sehr interessanter J5rief von P. de
Brach , einem intimen Freunde Montaigne's, über dessen Tod an J. Lip-
sius. Ein paar Briefe der MUe. de Gouniay an denselben beziehen
sich auf ihre Ausgabe der Essais und sind auch von Interesse. Die
Originale befinden sich auf der Bibliothek von Leyden.
54. Montaigne. — Recherches sur l'auteur des epita-
phes de Montaigne; lettres ä M. le docteur J. F. Payen, par
B. Dezeimerü. Bordeaux» 8°. (Mit Facsimile.) 83 p. 5 Fr.
55. Mürger. — Histoire de Mürger, pour servir a
rhistoire de la vraie boheme, par trois buveurs d'eau, conte-
nant des correspondances priviSes de Mürger. 18°. 396 p. 3 Fr.
„Trois amis, trois compagnons de jeunesse, de misere et de labeur,
ont recueilli leurs notes, leurs Souvenirs sur Mürger, avec un certain
nombre de lettres et quelques vers intimes et inedits. II n'est pas
resulte de ce travail commemoratif une etude d'ensemble sur l'auteur
de la Yie de boheme, mais seulement trois series de materiaiix et
de rensei gnements pour ceux qui voudront etudier la societe litteraire
dont Mürger fut le centre et la plus complete expression." Vapereau,
L'annee litter.^ p. 262.
56. Masset. — Alfred de Musset, Thomme et le poete,
par A, Perreau, 12*^. 1 Fr.
Nodier. — S. oben Nr. 23.
57. Sismondi. — Confidences d'une Arne liberale. —
Lettres inedites et Journal intime de Sismondi, par Saint-
Bene Taillandier,
In: Revue des deux Mond., Janvier.
Diese interessante Abhandlung, welche über den Charakter Sismon-
di's neue Aufschlüsse gew^ährt, namentlich sein reiches Gemüthsleben
enthüllt, gründet sich theils auf das bisher wenig beachtete, 1Ö57 in
Genf erschienene Buch: J, C. L. de Sismondi^ Fragments de san Jour-
434 Biblic^raphie.
nal et Corregpondance, theils aber auf noch uoedirta Briefe Siamondi's,
die die Bibliothek des Musee-Fabre zu Montpellier bewahrt, von wel-
chen einzelne in dem Artikel anch mitgetheilt werden.
58. Stael, M™* de. — • Coppet et Weimar. Madame de
Stael et la grande dachesse Louise, par Tauteur des Souvenirs
de Mad. Recamier. 8°. XXXH, 348 p. 7Va Fr.
59. Voltaire. — Un dernier mot sur Voltaire^ par Bomie
d'Avirey. 8°. 2% Fr,
60* Les Poetes fraa^ais, recueil etc. publ. p. E. Crepet,
[s. J. 61, Nr. 61.] Tom. HI— IV (dernier). 641, 767 p.
61. Les Anciens Poetes de la France [s. J. 61, Nr. 64].
Gaydon, chanson de geste, publiee pour la premiere fois
d'apres les trois manuscrits de Paris, par F. Guessard et
S. Ltbce, 5 Fr.
Ueber dies epische Gedicht s. Jahrb. III, p. 206.
62. Messire Gauvain, ou la Vengeance de RaguideJ,
poeme de la table ronde, da trouvere RaoaJ, publie et precede
d'une introdaction par (7. Hippeau, Caeo. 8°. XXXIV, 216 p.
6 Fr.
Ein für verloren gehaltenes Werk, aus derselben Handschr. als der
X860 von Hrn. Hippeaa publicirte Giglain (s. darüber Jahrb. IV, p.4:l 1 ff.).
Es ist dies Gedicht das Original des von Jonckbloet herausgeg. nieder-
länd. Walewein , wie Hr. Muasafi^ in seiner gründlichen Kritik des obi-
gen Werks in P/eiffer's Germania, p. 217 ff., nachweist, worin anch
Textverbesserungen gegeben werden, und die Vermuthung aufgestellt
wird, der Verfasser sei Raoul de Houdenc.
63. Renaus de Montaaban, oder die Haimonskinder.
Altfranzosisches Gedicht nach den Handschriften zum ersten
Male herausgegeben von H. Michelant. Stuttgart 8^. 542 p.
Nr. 67 der Pnblicat. des Literar. Vereins.
64. Garin le Loherain. Chanson de geste, composee au
XIP siecle, par Jean de Flagy, mise en nouveau langage par
Paulin Paris. 12°. 404 p. 3 Fr.
65. Chroniques des croisades. La Chanson d^Antioche,
composee au XII® siecle par Richard le Pelerin, renouvelee par
Graindor de Douai au XIII^ siecle, publiee par Paulin Paris,
traduite par la marquise de Sainte-Aulaire. 12°. XVII, 452 p.
3% Fr.
Das Journ, des Savants, Juin, nrtheilt darüber: „La traduction,
d'une exactitude rigoureuse, laisse a Toriginal sa forme premiere et
naive, en faisant disparaitre tonte difficulte d'interpretation. <*
66. Cantinella proven^ale du onzieme siecle en l'honneur
de la Madeleine, chantee annuellemeut a Marseille, le jour de
Päques jusques en 1712. Introduction, traduction, commen-
Zur französischen Literaturgeschichte. 435
taires et recherches historiqaes par /. T. Boty. Marseille. 8^.
64 p. (Mit einer Tafel).
In 100 Exemplaren.
67. Bericht an die Oesellschaft for das Stadiam der
neaem Sprachen in Berlin über die in Italien befindlichen
prOYen9ali8chen Liederhandschriften, von Orüzmacher.
In: Archiv f. d. Stad. d. neaem Spr., XXXU, p. 387 ff.
Dieser Bericht erstreckt sich zunächst nur auf die zwei Handschr.
der Ambrosiana: B 71 sup. (d. i. sala superiore), Pergam. in 4« aus
dem 14. Jabrh., und D 465 inf. (s. inferiore), Pap. in Fol. aus dem
18. Jahrh. Die letztere ist ein Miscellanband Ton 39 Nummern. Von
der erstem wird ein genauer Bericht gegeben, indem die Anfiuigsyerse
sämmtlicher Gedichte mitgetheilt werden; 47 sind daTon noch unedirt,
von welchen der Verf. 17 hier publicirt (theils Cansos, theils Tenzonen),
bei den bereits edirten aber wird auf die Werke, worin sie sich finden,
hingewiesen. — Nach diesen Mittheilungen schon läfst sich von den Re-
sultaten der Reise des Hrn. Grüzmacker manches Belangreiche erwarten.
68. Le Mistere da siege d^Orleans, publik pour la pre-
miere fois d'apres le manuscrit nnique conserve k la biblio-
theque du Vatican, par F, Guessard et E. de Certain. 4?.
LXVI, 809 p. 12 Fr.
Bildet einen Theil der Collect, de documents inedits sur Thist. de
France, publ. par les soins du ministre de Tinstruction publique. 1* s^rie.
Hist. politique. — Das Myst^re, bis dahin nur durch Auszage bekannt,
umfafst nicht weniger als 20,529 Verse. Wir werden später im Jahrb.
auf diese so interessante Pnblication zurückkommen.
69. Recueil de poesies fran9oises des XV et XVI sie-
cles etc., renn, par A, de Montaiglon, [s. J. 58, Nr. 72.]
T. Vm. 5 Fr.
70. La Recreation et passe-temps des tristes, recaeil d^epi-
grammes et de petits contes en vers. 18°. XII, 192 p. 15 Fr.
Als Verf. dieser leichtfertigen Gedichte wurde mit Unrecht früher,
wie der anonyme Herausgeber nachweist, Guillaume des Autels ange-
sehen; die Gedichte geboren vielmehr Verschiedenen an, namentlich
Maroty St'GfilaiSf Deaper ierSy in deren Werken sich auch einzelne wie-
derfinden. Nur zwei Ausgaben, Paris 1573 und Lyon 1593, kennt man,
und Ton beiden hat sich nur je ein Exemplar, wie es scheint, erhalten.
Vgl. Bullet du biblioph. beige, Nov,
71. Les Mvses incognves, ov la Seille avx Bovrriers
plaine de desirs et imaginations d'amovr, recueil de poesies
satyriques de Beroalde de Verville, de Guy de Tours, de
Gauchet de Berthelot, de Motin etc.; reimprime textuellement
et collationne sur Texemplaire existant ä la bibliotheqne de
l'Arsenal a Paris. 18°. 10 Fr.
72. Poesies d'Anne de Rohan-Soubise et lettres d'Eleo-
nore de Rohan-Montbazon, abbesse de Caen et de Malnoue,
ä divers membres de la Societe precieuse, publiees pour la
premiere fois avec notes et introduction. 12°. 165 p. 5 Fr.
436 * Bibliographie.
73. Les Jenx d'esprit ou la Promenade de la Princesse
de Conti ä Eo, par Mlle de La Force ^ publies pour la pre*
miere fois avec une introdaction par M. le marqüis de La
Orange. 8°. XXXVI, 159 p- 6 Fr.
Tome XX des Tresor des pieces rares ou inedites. — Der
Herausgeber hat in der Einleitung die unterscheidenden Charakter-
züge des genre precieux, zu welchem das Werk gehört, das kultur-
geschichtlich ohne Frage interessant ist, dargelegt, sowie die Ein-
flüsse der Gesellschaft defl Hotel Rambouillet und derjenigen, die es
fortsetzte und von welcher die Verfasserin die glänzendste Repräsen-
tantin war. Das Buch ist 1701 verfafst. Die Spiele sind: le pottr et
le contre, le jeu du songe, le jeu du Courier y le Jeu des metamorpkoses,
le jeu de la perisee, le jeu du roman. BibL beige, p. 389.
74. Lo libre de Testoria e de la vida de Tobias, bon
home e iust. Herausgeg. von /. Wollenberg,
In: Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr. XXXII.
Aus demselben Msc. des 14. Jahrb., aus welchem der Herausg.
schon andere Stücke publicirte (s. J. 60, Nr. 63 und J. 61, Nr. 68).
75. Les quinze Joyes Nostre-Dame et autres devotes
oraisons, tirees de deux manuscrits da 15® siecle; pubLpour la
premiere fois par un bibliophile. Tours. 18°. XXXVI p. l%Fr.
76. B^ranger. — Beranger et Lamennais. Correspon-
dance, entretiens et Souvenirs. 12*^. 3 Fr.
77. Bernard. — Oeuvres completes de Charles de Bernard.
12^ 12 Vol. 36 Fr.
78. Beroalde de Verville. — Le moyen de parvenir par
Beroalde de Verville. Revu, corrige et mis en meilleur ordre;
public pour la premiere fois avec un commentaire historique et
pbilologique, ^2iX P.L.Jacob, biblioph. 12°. XXIX, 508 p. 3V2Fr.
79. Blondel de N^elle. — Les Oeuvres de Blondel de
Neelle. Reims. 8°. LV, 238 p. 6 Fr.
XIX. Bd. der Collect, des poetes de Champagne, anter. au XVI^ s.,
herausgeg. von Tarbe.
Es ist dies der durch seine Anhänglichkeit an Konig Richard von
England bekannte Trouvere. 34 Chansons desselben werden hier nach
den Handschriften edirt, denen noch die Richard Löwenherz beige-
legten Gedichte zugefügt sind. Zahlreiche Noten begleiten den Text.
Auch eine Abhandlung über das Leben und die Werke Blondel's gibt
der Herausg., der auf Grund der 1837 zuerst veröffentlichten Chronik
von Reims die Erzählung von Blondel's Bemühungen um die Befreiung
des Königs für authentisch hält. Journ. des Savants, Oct.
80. Bossaet. — Oeuvres completes de Bossuet, publiees
d'apres les imprimes et les manuscrits originaux, purgees des
interpolations et rendues ä leur integrite, par F. Lachat. Ed.
renfermant tous les ouvrages edites et plusieurs inedits. 8°.
Tom. I, IV — IX. .
Die Ausgabe wird ungefähr 30 Bde. bilden und 150 Fr. kosten.
Die „Oeuvres inedites" publicirte der Herausg. zugleich auch beson-
ders, sowol in 8«, als in 4P\ beide Ausg. 6 Fr.
Zar französischen Literatnrgaschichte. 437
81. Ch^nier^ Andrä. — Poesies d' Andre Chenier. Ed.
critique; etude sur la vie et les oeuvres d'A. Chenier; varian
tes, notes et commentaires; lexique et index; par L, Becq
de Fouquieres. 8°. LXIII, 493 p. (Mit Portr.) 10 Fr.
Der Herausg. reprodncirt den Text der Ausgabe von 1819, indem
er alles seitdem Pablicirte, sowie einige unedirte Verse hinsafügt.
Die Commcntare scheinen etwas weitläufiger Natur. Das itude ist von
Interesse. Ein Anhang gibt bibliographische Nachweisungen. Journ,
des Savants, Dtic,
82. Chänier, Marie-Joseph. — Tablean historiqae de Fetat
et des progres de la Htteratnre fran9ai8e depnis 1789, precede
d'une notice sur l'auteur par DaunoUy et accompagne de notes.
8"^. 413 p. (Mit Portr.) 5 Fr.
83. Chrestien» de Troyes. — Li Romans du Chevalier an
lyon von Crestien von Troies, herausgeg. von W, L, Holland.
Hannover. 8°. VI, 251 p. 2 Thlr.
Ueber diese mit vielem Fleifs und Sorgfalt, hauptsächlich auf Grund
der pariser Haudschr. Nr. 73 Gange veranstaltete Ausgabe, deren Wcrth
noch manche schätzbare Anmerkungen erhöheni s. Liter, Centralbl, Nr. 6.
84. Brachstuck aus dem Chevalier au lyon nach der
vaticanischen Handschrift mitgetheilt u, erläutert von A. Tobleu
(Beilage zum Programm der Kantonschule und des Lehrer-
seminars von Solothurn für das Schuljahr IS^Vß^O 4°. 21 p.
Dies Bruchstuck, das sich an das von Keller, Momvart, aus der-
selben Handschrift gegebene anreiht, nmfafst nur 292 Verse, von Vers
2774 — 3081 der HoUand*schen Ausgabe. Dieser Abschnitt ist benutzt,
um daran die wichtigsten Unterschiede des Altfranzösischen vom Neufran-
zosischen in Schreibung, Lauten und Flexion in der Kürze unter stetem
Bezug auf den gegebenen Text darzulegen. Auch ein Verzeichnifs der
nicht mehr gebräuchlichen oder anders als heute gebrauchten Worter
wird am Schlüsse dieser sehr fleifsigen Arbeit gegeben.
85. Corneille. — Oeuvres de Pierre Corneille. Nouv. dd,,
revue sur les plus anciennes impressions et les autographes,
et augmentee de morceaux inedits, de variantes, de notices,
de notes, d^un lexique des mots et locutious remarquables,
d'un Portrait, d*un fac-simile etc., par Ch, Marty-Laveatuc,
8°. Tome L 7Va Fr.
Theil der Coli, des Grands ecrivains de la France, publ. sous la
direction d'A, JRegnier. Die erste wahrhaft kritische Ausgabe, die
eine genauere Besprechung im Jahrb. verdient.
86. Corneille. — L'Occasion perdue recouverte, de P. Cor-
neille. Nouv. ed., accompagnee de notes et de commentaires,
avec les sources et les imitations qui ont ete faites de ce
poeme celebre non recueilli dans les oeuvres de Tauteur. 16°.
3 Fr. (8°. 5 Fr.)
87. Diderot. — Le Neveu de Rameau de Diderot.
Nouv. ed.^ revue et corrigee sur les diflferents textes, avec une
introduction par Ch. Asselineau. 12°. lYa Fr.
„M. Ch. A. a suivi le texte de Tedition Briere (1821), mais en lui
faisant subir d'importantes rectifications. L'edition de 1821 renfermait
338 BiWiogri^liie.
des inexactitndes, des contre^sens, meine des non-sens, invariablement
reprodoits dans toutes celles qui Tont suivie; M. A. a defaut da ma-
nuscrit original, par la comparaison munitieuse et patiente de toates
les ^ditions fran^aises avec 1a Version allemande de Goethe, laqnelle
est aussi remarqnable par sa fidelite que par Telegance dn style, est
par venu ä restituer d*ane mani^re irr^fragable le vrai texte de Diderot. ''
ßullei. du hiblioph. et du biblioth,, p. 1413.
88. iSUain. ~r- Oevvres puetiqves fran^oises de Nicolas
Ellain, Parisien (1561 — 1570), publiees par Ä. Genty. 16*^.
97 p. IV» Fr.
Jean de Flagy. — S. oben Nr. 64.
89. Orevin. Sonnets inedits de Grevin 8ar ßome, publ.
par E, TricoteL
In: Bullet, du biblioph. et du biblioth. p. 1044 ff.
Es sind ^4 Sonette. Der Herausg. fand sie in einem merkwürdi-
gen Mscpt. Lestoille's auf der kais. Bibliothek, welches Mscpt. den Titel
führt: „Kecueils divers bigarres du grave et du facetieux, du bon et
du mauvais selon le temps <' (237 feuill. in 4*^). Die Sonette sind schon
als Pendant zu denen des Du Bellay, des Zeitgenossen 6revin*s, interes-
sant. Auch einige Notizen über den Dichter hat der Herausg. beigefügt.
*90. La Fontaine, Jehan de. — La Fontaine des amou-
reux de science, composee par Jehan de la Fontaine, de
Valenciennes, en la comte de Hainault, poeme hermetique da
quinzieme siecle, publie par A. Genty, 1861* 16°. 93 p.
Dieses Gedicht alchimistischen Inhalts fand namentlich im 16.Jahrh.
einen solchen Beifall, dafs vor der vorliegenden fast ein Dutzend Aus-
gaben davon im Druck (erschienen. Es ist in achtsilbigen Reimpaaren
verfafst. S. ßibl. de tEc. d. CL, 1861 Nov. et Dec,
91. La Fontaine. — Une fable inedite de La Fontaine,
publice par P. L, Jacob^ bibliophile.
In: Bullet, du biblioph. et du biblioth. p. 829 ff.
Entdeckt von dem Herausg. im XI. Bd. der Mss. Conrart (in Fol.)
auf der Bibliothek des Arsenal, unter andern Fabeln La Fontaine's.
Sie führt die Ueberschrift: Le Renard ei t^cureuil, und erscheint aller-
dings La Fontaine 's nicht unwürdig.
92. Le Honx. — Les Noels virois de Jean le Hoax,
publies pour la premiere fois d'apres le mscr. de la biblio-
theqne de Caen, avec une introduction et des notes par Arm,
GasU. Caen. 8°. XVm, 73 p. 3V« Fr,
Es ist der durch seine Vaux-de-vire bekannte Volksdichter, geb.
zu Vire um 1540, gest. 1616. Seine Noels waren bisher unbekannt
geblieben. — In der Einleitung spricht der Herausg. die Ansicht aus,
dafs Le Honx der wahre Verfasser auch aller dem Basselin beigeleg-
ten Vaux-de-vire sei. (Vgl. J. 58, Nr. 96.) -^ Joum. des Aar., Oct
93. Malherbe. — Oeuvres compl^tes de Malherbe, re-
cueillies et annotees par L, Laianne* Nouv. ed.^ revue sur leg
autographes, les copies les plus authentiques et les plus an-
ciennes impressions, et augmentee de notices, de varianteai,
Zur französischen liiteratnrgeschichte. 439
de notes, d'un lexiqae des mota et locntions remarqaables etc.
8"*. Tome I«'. CXXVm, 494 p. 7Va Fr.
Theil von R6gnier*s Grands ^criv. de la France.
Die erste Aasg., welche einen wahrhaft kritischen Text, and mit
Erfolg, zu geben sich bemüht; es ist auch die erste, welche alle Werke
Malherbe*8 in Prosa und in Versen umfafst. — Die Varianten sind mit
Sorgfalt gesammelt. Einem jeden Stuck geht eine Notice voraus, welche
mictheilt, wo das Stück zuerst erschienen, bei welcher Gelegenheit und
zu welcher Zeit es verfafst worden ist. Kurze pracise Anmerkungen
erklären die dunkeln Stellen und die veralteten Ausdrucke. — Joum.
des Savants, Oct,
94. Haiherbe. — Les Foesies de messire Fran^oiB de
Malberbe, preccdees de sa vie, par le marqnis de Aacan.
Texte reva sur les editions originales et aonote par L. La-
lanne. 6r. 8^ XXVUI, 383 p. 50 Fr.
Nur in 60 nnmerirten Exempl., in der Orthographie der Zeit des
Dichters.
95. Marie de France. — Marie de Franee. Poetische
Erzählungen nach altbretonischen Liebessagen, übersetzt von
W. Hertz. Stuttgart. Kl. 8^ XXVIH, 258 p. VU Tblr.
S. darüber die Anzeige von Liebrecht im vor. Bde. d. Jahrb., p. 227 flf.
96. Matfre Ermengand« — Le Breviari d^amor de Matfre
Ermengaud, suivi de sa lettre a sa soeur, publie par la societe
archeologique^ sdentifique et litt^raire de Beziers; introduction
et glossaire par G, Azäis^ secretaire. Beziers. Gr. 8. Tome I,
livr. 1. XX, 176 p. 4 Fr.
S. die „Anzeige^* von Bartsch im vorigen Bde. des Jahrb., p. 421 ff.
97. Monstrelet. — Chronique [s. J. 61, Nr. 73]. Tome VI;
saivi de: Extrait d'une Chronique anonyme pour le rfegne de
Charles VI (1400 — 1422). 9 Fr.
98. Baeinei Jean et Louis. — Lettres in^dites de Jean
Racine et Louis Racine, precedees de la vie de Jean Radne
et d^une notice sur Louis Racine etc., par leur petit-fils Tabbe
Adrien de la Boque. 8°. 458 p. 7Va Fr.
„Les lettres parmi lesquelles celles de Lonis dominent, n'occupent
pas la moitie du volume, consacri, en grande partie, k nne Yie de
Jean Racine, a une notice sur Lonis Racine, a des notes biographiqaes,
sommaires sur leurs divers pareuts et a la gönealogie de l'illustre fa-
mille jusqn'au temps present.« Vapereau, Vann, litt., p. 292. Die un-
edirten Briefe zeigen J. Racine hauptsächlich als Menschen und Fa-
milienvater.
99. B^gnier. Oeuvres de Mathurin Regnier; augmentees
de trente-deux pi^ces inedites, avec des notes et une intro-
duction par Ed. de Barthäemy. 12°. XLIII, 412 p. 3Va Fr.
Richard le Feierin. — S. oben Nr. 65.
100. Bonsard. — Choix de po^sies de P. de Ronsard,
prec^de de sa vie et accompagne de notes explicatives, par
A. Noel. , 2 Vol. 12^ 482, 540 p. 8 Fr.
Die Auswahl, sowie eine die Sammlung einleitende Biographie
Ronsard's von dem Heransg,, findet den Beifall des Joum. des Sav.
440 Bibliographie.
I
AvriL Der erste Band nmfafst die Amours,^ Sonneta y, Ödes and die
Franciade; der zweite den Bocage royal^ die Eglogues^ Elegies, Hirnes,
den Discours des miseres de ce temps, die Vers au roi Charles IX, und
Poesies diverses.
101. Sävign6, M»® de. — Lettres de M°*® de Sevigne,
de sa famille et de ses amis, rec. par Monmerque, [s. J. 61,
Nr. 79.] Tom. IH— IV. 548, 566 p. Der Bd. 7% Fr.
102. S^vign^, M™*^ de. — Lettres de Marie de Rabutin
Chantal, marqoise de Sevigne etc., publ. par ü. Silv. de Sacy.
[s. J. 61, Nr. 80.] Tomes V— VII.
103. Thöophile. — La tragedie de Pasiphae par le sieor
Theophile, prec^dee d'une notice öur le sujet de la piece et
suivie d'un appendice contenant plusieurs poesies da meme
auteur. Kl. 12°. 6 Fr.
104. Vauqnelin de la Fresnaie. — L'art poetique de
Jean Vavqvelin, sievr de la Fresnaye (1536 — 1607), public
par A. Genty. 16°. XXIH, 153 p. 3 Fr.
IL Zur englischen Literaturgeschichte.
105. The Bibliographer's Mannal of English Literature etc.
By W..Th.Lowndes, New, ed. [s. J. 61, Nr. 85.] Vol. V.
106. Collectanea Anglo-Poetica etc., by Th, Corser.
[s. J. 61, Nr, -87.] Part. IL
Bei aller Anerkennung der Verdienstlichkeit des Werkes, sowie
des Fleifses und der Genauigkeit des Verfassers, wird auch diesem
zweiten Bande, wie dem ersten, der Vorwurf unnöthiger Weitschweifig-
keit von der englischen Kritik gemacht. S. Athenaeum, Apr, (Lemcke).
107. A Manual of English Literature, historical and
critical. With an appendix on English metres. By Tk, Arnold,
8°. 430 p.
Der Verf. ist Katholik und war Professor an einer katholischen
Universität. Man darf sich daher nicht wundern, dafs seine ürtheile
sowohl über den Entwickelungsgang der englischen Literatur im All-
gemeinen, wie über einzelne Erscheinungen derselben (beispielsweise
über Milton) in hohem Grade einseitig und befangen sind. Das Athe-
naeum, Dec,, nrtheilt sehr ungünstig über das Buch. (L.)
108. Geschichte der englischen Literatur u. s. w., von
St, Gatschenherger. [s. J. 59, Nr. 124.] Bd. II. (Geschichte
des Englischen Dramas). Wien. 8°. VIII, 263 p. 2 Thlr.
109. The Origin and History of the English Langaage
Zar englischen Literaturgeschichte. 441
and of the Early Literatur, it embodies; hj^^G* P. Marsh.
Gr. 8^ XV, 574 p.
Von der engl. Kritik sehr anerkannt. S. a. a. Athenaeum^ Sept
110. English Poetry from Dryden to Cowper.
In: Quart. Review, July.
111. Stadien über das englische Theater^ von M. Bapp.
AbtheU. 1—2. Tübingen. XXI, 285 p. 1 TUr. 10 Sgr.
Die erste Abtheilung erschien zuerst im Archiv f. d. Stnd. der
neuem Spr. 1854; eine dritte ist noch in Aussicht gestellt. Die Stu-
dien enthalten übrigens nur Analysen oder Inhaltsangaben verschiede-
ner, allerdings sehr vieler englischer Stücke von der ältesten bis auf
die neueste Zeit. Das Werk gleicht einem Repertorium, dem aber ein
Haupt Vorzug, der der Vollständigkeit mangelt.
112. Litterature anglaise. — Degenerescence da roman.
Par E. D. Forgues.
In: Revue des deox Mondes, Aoüt.
Verschiedene der neuesten Romane besprechend, warnt der Verf.
namentlich vor den schädlichen Einflüssen der franzos. Demi-monde-
Literatur.
113. English Women of letters. Biograpbical Sketches
by Julia Kavanagh. 2 Vol. 8^. 660 p. 21 s.
Die Verl ist die bekannte Romanschreiberin , und 'das Buch ent-
hält Lebensbeschreibungen und Charakteristiken von zehn englischen
Schriftstellerinnen, nämlich Aphra Behn, Sarah Fielding (Schwester
des berühmten Fielding und Freundin Richardson's ) , Mrs. d'Arblay,
Mrs. Charl. Smith, Mrs. Radcliffe, Mrs. Inchbald, Miss Edgeworth,
Mrs. Opie, Miss Austin und Lady Morgan. „ On the whole«, sagt das
Athenaeum, Oct, „tbis work of Miss Kavanagh^s will be a pleasant
contribution to the literature of the times, and in raising a shrine to
the merits of some of the leading English women of literature, Miss K.
bas also associated her own name with theirs.<< (L.)
114. Lives of Wits and Hamorists. Swift, Steele^ Foote,
Goldsmitb, the tvfo Colmans, Sheridan, Porson, Rev. Sydney
Smith, Theodore Hook, James and Horace Smith. By /. Timbs,
2 Vol. 8^ 780 p. 18 s.
115. Baxter. — Richard Baxter, bis life and times; by
W. a Magee, Dublin. 8*». 3 d.
116. Byron. — Lord Byron. Eine Biographie, von
F. Eberty. Leipzig. 2 Thle. 8°. XII, 599 p. 2V4 Thlr.
Eine mit Sorgfalt verfafste und ansprechend geschriebene Biogra-
phie, die nur etwas zu gern moralisirt, obschon dies keineswegs von
einem engherzigen Standpunkte aus geschieht. Vergl. auch Literar,
CentralbL, Nr. 18.
117. Goldsmith. — Oliver Goldsmith, bis friends and
bis critics, a lecture by F. Whüeside. Dublin. 8^. 6 d.
118. Hallam. — Arthur H. Hallam, by /. Brown. Edin-
burgh. 8^ 2 s.
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit V. 4. . 29
442 Bibliographie.
119. Inring^. — Life and letters of Wasbington Irving.
Edited by bis nepbew P. M. Irving, 3 Vol. 8**. ä 7 s. 6 d.
120. Haoanlay. — Macaulay. A Lectnre by TT. Morley
Punshon, 8°. 3 d.
121. Macaulay. — Tbe public life of Lord Macaulay;
by F. Arnold. 8^ 14 s.
122. Milton. -^ Jobn Milton; a vindication, specially
from tbe cbarge of Arianism ; by J, W. Morris. 8**. 2 s. 6 d.
123. Milton. — Examination - Questions on tbe first two
books of Milton's „Paradise lost'% and Sbakspeare's „Mercbant
of Venice". Preceded by a copious variety of critical Obser-
vations on tbe „Paradise lost". By /. Hunter. 12*^. 1 s.
124. Shaftesbury. — Sbaftesbury, par Ch. de Eemusat.
In: Revue des deux Mondes, Nov.
125. Shakespeare. — History of William Shakespeare,
Player and Poet; with new facts and traditions. By S. W.Fullom.
8^ 12 s.
126. Shakespeare. — The Shakespeare Cyclopaedia.
Part I. Containing Shakespeare's Natural History of Man,
with curious illustrations from numerous ancient writers. By
/. H. Fennel. 1 s.
127. Shakespeftre. — Notes on Shakespeare, by J. Nichols.
Nr. 2. 8^ 1 s.
Vergl. Jahrg. 61, Nr. 120.
128. Shakespeare. — On tbe received text of Shake-
speare^s dramatic writings and its improvement; by S, Bailey.
8 8. 6 d.
129. Shakespeare. — Shakespeare's Tenures. Tenure
in Villenage. By W. L. Rushton. [vgl. J. 61, Nr. 124.]
In: Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr. XXXI, p. 161 ff.
und p. 312 fr.
130. Shakespeare. — Shakespeare illustrated by theLex
Script^.. By W. L. Rushton,
In: Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr. XXXII, p. 61 ff.,
177 ff., 353 ff.
Der Verf. leitet diese sehr werthvollen Artikel, welche eine Fort-
setzung der unter dem Titel „Shakespeare's Tenures" (s. oben) gege-
benen sind, mit den folgenden Worten ein: „I think, I shall be able
to illustrate several obscure passages, and words, and expressions of
doubtful meaning, in the works of Sh., by the ancient English Statutes.
Many words and expressions which in Sh. are of doubtful meaning,
are often used in the ancient Statutes and accompanied by other words
and expressions of a similar sense, which explain their meaning.«
131. Shakespeare. — Notes and emendations to Shake-
speare's „Merchant of Venice", by W. Ihne.
* In: Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr. XXXI, p. 423 ff.
Shakespeare. — S. oben Nr. 123.
Zur englischen Literstargeschichte. . ^3
132. Shakespeare. — Alter Ego. Eine Studie za Shake-
speare^s Kaufmann von Venedig. Hamburg.
Der anonyme Verf. dieser kleinen Schrift will dem Schauspiele
Shakespeare's eine Art von autohiograpb. Charakter beilegen, indem er
nachzuweisen sucht, dals der Dichter in dem Verhältnisse zwischen
Antonio und Bassanio sein eigenes zu dem Grafen von Southamptoa
habe darstellen wollen. Geht der Verf. hierin auch zu weit, so kann
man doch, mit Rücksicht auf die Abfassungszeit des Stücks, kaum um-
hin , in der Wahl des Stoffes eine gewisse Beziehung auf Shakespeare's
Freundschaftsverhältnifs zu erkennen, wie dies unter andern auch von
Gervinus angedeutet worden ist> und insofern ist die durchaus weg-
werfende Art und Weise, mit welcher obige Schrift im Athenaeum, Sept,,
besprochen wird, nicht vollkommen gerechtfertigt. (L.)
133. Shakespeare. — Shakespeare's Sonnets. — Hints for
the elacidation of Shakespeare's Sonnets by PhUarete Chasles.
In: Athenaeum, Jan.
Der bekannte franzosische Literatarhistoriker und Kritiker führt
vermittelst einer von der bisher angenommenen verschiedenen Inter-
punktion und folgeweise Satzconstruction der der Originalausgabe der
Sonette vorausgeschickten Widmung den Nachweis, (hsifs der daselbst
genannte räthselhafte „Mr. W. H.<< nicht, wie bisher geschehen, als
derjenige, welchem die Sonette zugeeignet sind, sondern vielmehr als der
Zueigner verstanden werden müsse und dafs folglich jene Initialen sehr
wohl auf William Herbert, Grafen von Pembroke, bezogen werden
können, für welche Annahme Ph. Gh. denn auch verschiedene Gründe
anführt. Dafs die Person, welcher die Sonette gewidmet sind, keine
andere ist als der Graf von Southampton, hält auch er für unzweifel-
haft. Durch diese Entdeckung scheint eine lange Streitfrage, welche
schon zu den wunderlichsten Combinationen Veranlassung gegeben hat,
nunmehr wirklich gelöst zu sein und sie wird daher auch von der
englischen Kritik in ihrer Wichtigkeit erkannt. Die wenigen Beden-
ken, welche ein „the Author of the Sonnets rearranged** unterzeich,
neter Artikel im Athenaeum, Febr.y gegen Oh. 's Ansicht beibringt, fal-
len so gut wie gar nicht ins Gewicht. Mit Entschiedenheit adoptirt
und zu weiteren Schlufsfolgerungen benutzt wird dagegen die Ent^
deckung des französischen Kritikers in dem unter der folgenden Num-
mer angezeigten Buche. (L.)
134. Shakespeare. — The Sonnets of William Shak-
spere: a critical disquisition suggested by a recent discoveiy.
By Bolton Corney, (Private Impression).
Aus dieser durch Ph. Chasle's Entdeckung veranlaTsten , nicht in
den Buchhandel gekommenen interessanten Schrift gibt das Athencteum^
Aug.f einen Auszug. Interessant ist darin namentlich die vollständige
Uebersicht über die verschiedenen, seit 1780 (wo Shakespeare's Sonette
zuerst die Aufmerksamkeit der Literatoren zu erregen anfingen) bis auf
die neueste Zeit aufgestellten Ansichten über diese Dichtungen. Des
Verf. 's eigene Meinung geht dahin: 1) dafs die Sonette bald nach
1594, und zwar in Erfüllung eines dem Grafen von Southampton ge-
gebenen Versprechens geschrieben wurden; 2) dafs sie mit sehr gerin-
gen Ausnahmen nichts als poetische Uebungen sind; and 3) dafs sie
ohne Erlaubnifs des Dichters und seines Protectors publicirt wurden.
Schliefslich bekennt sich der Verf. vollständig zu der Ansicht, dafs
mit „Mr. W. H.»* niemand anders als der Graf von Pembroke gemeint
sein könne, indem er Chasles* Andentungen über die Gründe, weshalb
derselbe als Zueigner erscheint, weiter ausführt. (L.)
29»
444 Bibliographie.
135. Sidnay, — The Life of Sir Philip Sidney; by
J, Lloyd. 8°.
Nach dem Athenaeum^ Äug-.^ bietet diese neae Lebensbeschreibung
Sidney*s wenig oder nichts neues dar. (L.)
136. Sidney. — A Memoir of Sir Philip Sidney; by
E, B, Fox Boume, 8°. 15 s.
Das Athenaeum, ^P^'t urtheilt darüber nicht sehr gunstig. (L.)
137. Gloucester Fragments: 1. Fac-simile of Leaves in
Saxon handwriting on S. Swithin , copied by photozincography,
and pnblished with an Essay by J. Earle; 2. Saxon Leaves
on S. Maria Aegyptiaca with Fac-simile. 4°. 21 s.
138. English metrical Homilies from Manuscripts of the
fourteenth Century, with an Introduction and Notes by /. Small.
Edinburg. 4^ 12 s.
139. Early english poems and lives of Saints. Copied
and edited from Mss. in the library of the British Moseum,
by Fr. J, Fumivall Berlin. 8°. XXXI, 180 p. 2 Thlr.
Eine Inhaltsangabe ist von San- Af arte in Pfeiffer' s Germania, p. 120 ff.
gegeben.
140. Liber eure cocorum. Copied and edited from the
Sloone Ms. 1986 by B. Morris, Berlin. 8°. IV, 61 p. 20Sgr.
Das hier zum ersten Male edirte Werkchen bildet einen Anhang zu
dem Codex: „Boke of Curtasye" (von Halliwell für die Percy- Society
herausgegeben), ist in einem nördlichen Dialekt (wahrscheinlich von
Lancashire) des 15. Jahrh. geschrieben und wahrscheinlich nicht viel
älter als die Zeit Heinrich's VI. Der Verf. nennt es auch neben dem
latein. Titel: The slightes of Cure (art of Cookery). 127 Recepte zu
den verschiedensten Gerichten werden hier in kurzen Reimpaaren ge-
geben. -^ Ein kleines Glossar ist beigefügt. Pfeiffer' % Germania, p. 117 f.
141. The Play of the Sacrament. A middle- english
drama, edited from a mscr. in the library of Trinity College,
Dublin, with a Preface and Glossary, by W, S. Berlin. 8^.
54 p. 20 Sgr.
Der Heraasg. ist Hr. Whitley Stokes. — Die Handschr. des Stücks
ist wahrscheinlich bald nach dem Jahre 1461 vollendet, das Stück
selbst aber älter. Es war zu Croxton aufgeführt; es gibt aber der
Orte dieses Namens mehrere in England , und der Herausg. wagt selbst
keine Entscheidung zu treffen. Der Inhalf ist das auch in einem fran-
zösischen Myst^re behandelte Mirakel einer von einem Juden gemarter-
ten Hostie, das in unserem Stück aber, abweichend von jenem, statt
mit der Bestrafung, vielmehr mit der Bekehrung des Juden endigt.
Wir gedenken auf das interessante Spiel an einer andern Stelle aus-
führlicher zurückzukommen. Die Ausgabe ist mit grofser Sorgfalt ge-
macht und auch ein Glossarial Index beigefügt.
142. The Shoemaker's Holiday or the Gentle Graft.
Nach. einem Drucke aus dem Jahre 1618 neu herausgegeben
Zur englischen Literaturgeschichte. 445
von H, Fritscke. Thorn. 8^. 67 p. (Beilage zu dem Pro-
gramm des evangel. Gymnas. zu Thorn).
Dies Stück, von dem der Heransg. 1859 in Herrig's Archiv aus"
führliche Nachricht, Inhaltsangabe und Auszüge gab, wovon wir Jahr
gang 59, Nr. 133 Mittheilung machten, ist nun unserm dort ausge*
spro ebenen und motivirten Wunsche gemäfs hier vollständig veröffent"
licht, wofür alle Freunde des altenglischen Theaters dem Hm. Herausg-
Dank wissen werden. Am Schlufs sind schätzbare „Bemerkungen" über
das Stück und zur Erklärung einzelner Stellen beigefugt.
143. Bacon. — The Leiters and the Life of Francis
Bacon, including all bis Occasional Works, namelj Letters,
Speeches, Tracts, State Papers, Memorials, Devices, and all
autbentic Writings not already printed among his philosophi-
cal, literary or professional Works. Newly coUected and sent
forth in chronological order, with a Commentary biographi-
cal and historical by /. Spedding. 2 Vol. 8*^. 800 p. 24 s.
Diese beiden Bände bilden den 8. u. 9. der „Works of Fr. Bacon** ;
s. darüber Athenaeum^ July. (L.)
144. Bnrns. — The principal Songs of Robert Bums,
translated iilto mediseval latin verse, with the Scottish Version
coUated, by A, Leighton. Edinburg. 8°. 5 s.
145. Byron. — Childe Harold, poeme de Lord Byron;
traduit en vers fran^ais par Luden Davdsies de Pontes. Paris.
2 Vol. 18^ LI, 568 p. 6 Fr.
„II est difficile qu'une traduction soit plus correcte que celle-ci;
il est impossible d*en imaginer une plus exacte. Non seulement les
stances anglaises de neuf vers sont traduites par des stances fran^aises
de meme etendue, mais chaque vers du texte original est rendu dans
le vers meme qui lui est parallele; souvent meme l'hemistiche repond
a rhemistiche.** So Vapereau, Dann, litt, p. 36; aber er fügt hinzu,
dafs vorzüglich nur in den beschreibenden Stellen die XJebersetzung
den Geist des Originals athme. Die XJebersetzung ist übrigens erst
nach dem Tode ihres Verfassers durch dessen Frau, eine geborene
Engländerin, herausgegeben, und zwar, wovon der Titel nichtö sagt,
in Begleitung des Originals. Vgl. auch Bookaeüer^ June, und das gun-
stige -TJrtheil des Ldterar. Gentralbl.^ Nr. 36.
146. Byron. — ^OHt-äKyaH'B. CoqHHeme JopÄa Bafipona.
TiBBa nepsaa. nepesOÄT» H. A. MapRCBH^a. Leipzig. 16**.
164 p. 1 Thlr.
Don Juan. 1. Tbl. übers, von Markewicz,
147. Hallam. — Remains in Verse and Prose of Arthur
Henry Hallam; with a Preface and Memoir. 8^. 7 s. 6 d.
148. Hood. — The Works of Thomas Hood, comic
and serious, in prose and verse. Edited with Notes by his
son. 7 Vol. 8^ 42 s.
Die Werke sind in dieser Ausg. soweit als möglich chronologisch
geordnet. Bisher unveröffentlichte Stücke finden sich hier auch mit-
getheilt, sowie solche, die in Journalen erschienen und noch nicht wie-
446 Bibliographie.
der gedruckt worden. So sind hier alle Schriften Hpod's zam ersten
Mal vereinigt — mit der einen Ausnahme der kurz vorher publicirten
zwei Serien von „Hood's Own".
149. Horgan. — Memoire, Autobiography and Corre-
epondance of Lady Morgan. 2 Vol. 8°. 1096 p.
150. Shakespeare. — A Reprint of the first edition, the
Folio of 1623. Part I. The Comedies.' 4^. 10 s. 6 d.
151. Shakespeare. — Works. Edit. by B, Grant White.
[s. J. 60, Nr. 165.] Vol. X— Xn.
152. Shakespeare. — Oeuvres compl., traduites par
Fr. V. Hugo. [s. J. 61, Nr. 147.] Vol. IX— XI. ä 3V2 Fr.
T. X. „La 8oci^te« (Mafs für Mafs, Timon, Cäsar); T. XI. „La
Patrie« (Richard H., Heinrich IV., 1. u. 2. Thl.).
153. Shakespeare. — Shakespeare's Sonnets reproduced
in Fac-simile by the new process of photozincography from
the nnrivalled Original in the library of Bridgewater Honse,
by permission of the Earl of Ellesmere. 8°. 10 s. 6 d.
154. Shakespeare. — W. Shakespeare's Sonette in deat-
scher Nachbildung von jP. BodenstedU Berlin. 8^. VII, 246 p.
2 Thln
Eine Ausgabe in 16°. 15 Sgr.
155. Shelley. — Relics of Shelley. Edited by R. Gametu
12^ 210 p. 5 8.
Enthält aufser einzelnen und zum Theil schönen Gedichten und
prosaischen Fragmenten auch Briefe von dem Dichter und seiner Frau,
die manche neue Beiträge zu Shelley's Leben, namentlich l-ücksichtlich
seiner ehelichen Verhältnisse, bringen. Vgl. Atkenaeum, July,
156. Spenser« — The Works of Edmund Spenser, edited
by J. Payne Collier. 5 Vol. 8°. 75 s.
Biese neue, auch äufserlich sehr hübsch ausgestattete Ausgabe
Spenser's ist die erste kritische seit der von Todd, welche 1805 er-
schien, aber längst vergriffen ist. Der Text ist durch .Vergleichuog
alier alten Ausgaben festgestellt, und die sebr sorgfältige Biographie
enthält verschiedene bisher unbekannte Thatsachen, welche auf ein-
zelne Punkte in des Dichters Leben ein neues Licht werfen, Vergl.
Athenaeum. Jan.
IIL Zur italienischen Literaturgeschichte.
A.
157. Bibliografia d«! Friuli, saggio dell' abb. G, Valen-
tinelli. Venezia. 8°. VIII, 540 p.
Führt 3655 Titel von Werken auf — worunter allerdings viele
Gelegenheitsschriften — hin und wieder mit Anmerkungen über die
Verfasser u. s. w. Vgl. darüber u. a. Si/bel*8 histor. Zeitschr., IV, 4. Hft.
158. Inventario della libreria Urbinate. compilato nel
Zar italienisdiea Literaturgeschichte. 447
8ec Xy da Federigo Veterano^ bibliotecario di Federigo I da
Montefeltro , duca d'ürbino.
In: Giorn. 8tor. degli Archivi tose. Vol. VI.
159. Gatalogo di manoscritti ora possednti da Baidas-
sare Boncompagni compilato da Enrico Narduccu Roma. 8°.
XXII, 219 p.
160. Annali di tipografia di Francesco Marcolini, per
Scipione CasalL Puntata prima. Forii. 8^. XVII, 128 p.
161. Les chants populaires de Fltalie, par /. B, Bathery,
In: Beyue des deox Mondes, Mars.
162. Äriosto. — Annali delle edizioni e delle versioni
deli' Orlando Furioso e d'altri lavori al poema relativi, di
Ulisse Guidi. Bologna. 8**. XII, 224 p. (Mit Portr.)
163. Balbo. — Cesare Balbo, von A. v, Beumont,
In dessen Zeitgenossen. Berlin. Bd. I.
S. darüber SybePa histor, Zeitschr., V, 1. Hft.
164. Dante. — Dante und die gottliche Comodie, von
K. Justi. Stuttgart. 8**. 40 p.
165. Dante« — Saggio di osservazioni sopra gli stadi
biblici di Dante AUighieri, di C. Caoedoni. [s. J. 61, Nr. 161.]
In: Opuscoli religiosi, letterarj e morali di Mpdena,
XI, 1 — 21, 321—338; XII, 161 — 184.
166. Dante. — Intorno all' epoca della Vita Nuova dl
Dante Alligbieri dissertazione con una appendice sulF epoche
dei trattati del Convito di Antonio Lubin. Gratz, Kienreicb.
8^ .48 p.
167. Dante. — II vero concetto cattolico della Divina
Oommedia di Dante, ragionamento di Bartölommeo Sorio,
Verona (Merlo). 4**. 23 p.
168. Dante. — Commento di Fr. da Buti [s. J. 60,
Nr. 190]. Tomo III. X, 902 p.
169. Dante. — Studj Dantescbi. I. Un problema Dan-
tesco astronomico. IL Ün solenne sproposito di cronologia
faisamente attribuito a Dante Alligbieri. III. Alcune lezioni
Dantescbe errate; di Bartölommeo Sorio,
In: Opuscoli ecc. di Modena, XII, 266 — 279.
170. Dante. — Saggio di emendazioni al Convito di
Dante, di Matteo Bomani,
In: Opuscoli ecc. di Modena, XI, 276 — 281.
171. Foscolo. — ' Ugo Foscolo's Aufenthalt in Zürich,
von A. Tobler. Bern. 8^. 32 p. (Abdruck aus der „Scbweiz«').
172. Goicciardini. — Guicbardin, bistorien et boname
d'etat au 16® siecle; etude sur sa vie et ses oeuvres, accom-
448 Bibliographie.
pagn^ de lettres et de documents inedks; par E. Benaist,
MarseiUe. 8^. 438 p. 5 Fr.
173. Ouiociardini. — Studio storico-politico solla vita
e sulle opere di Francesco Gnicciardini, per Ferd. RanallL
In: Arch. stör., Disp. 1.
174. Petrarca. — Saggio di alcane varianti tratte dai
migliori codici a penna delle rime di Francesco Petrarca,
esistenti neue biblioteche Mediceo -Laurenziana e Biccardiana
di Firenze, per Crist Pasqualigo, Savona. 8^. 20 p.
175. Bomanin. — Elogio del prof. Samuele Romanin
letto neir adananza del 5 diceinbre 1861 del Veneto Ateneo
da Michelangelo Asson, Venezia. 32°. 79 p. (Mit Portr.)
176. Tasse. — Processo fatto in Bologna Tanno 1564
a Torquato Tasso, pubblicato da Michelangelo GitalandL Bo-
logna, fol. 24 p.
Im Anfange des J. 1563 circalirte in Bologna und namentlich in
den Schalen eine „poetica pasquinata" von 50 bis 60 Versen, worin
einige Schüler und Doctoren heftig mitgenommen worden. Tasso wurde
der Abfassung beschuldigt und deshalb gegen ihn ein Procefs erhoben.
Er floh, erklärte sich aber in einem stolzen und beredten Briefe an
seinen Beschützer, den Cardinal Cesi (Castelvedro den letzten Februar
1564), für unschuldig. Durch den Einflufs des Cardinais wurde dann
auch der Procefs niedergeschlagen, dessen Acten hier im Original
publicirt erscheinen.
B.
177. Scelta di curiosita letterarie inedite o rare dal se-
colo XIII al XIX. Bologna, Romagnoli. Dispensa VI — ^XXVb.
Einen Bericht über alle bisher erschienene Lieferungen wird Mus-
Sofia in einem der nächsten Hefte dels Jahrbuches geben.
•178. Vita e martirio di S. Pietro Martire delP ordine
dei Predicatori. Leggenda scritta nell' aureo secolo della lingua
(pubbl. da Roberto Visiani^ Verona (Vicentini e Franchini). 4**.
Altitalienische Uebersetzung ans der Legenda aurea.
179. Ariosto. — Lettere di Lodovico Ariosto tratte
dagli autografi dell' Archivio palatino di Modena, per cura
di AnU Capelli. Modena. 16^. CXI, 141 p.
180. Ariosto. — Lettere di Lodovico Ariosto agli anziani
della repubblica di Lucca.
In: Giorn» stör, degli Arch. tose. Vol. VI.
56 Briefe. Sie sind zu der Zeit, wo Ariost die Garfagnana ver-
waltete, geschrieben und werfen daher auf diese Periode seines Lebens
einiges Licht, indem sie ihn als Geschäftsmann kennen lehren.
181. Bisticci. — Commentario della vita di Messer Gian-
nozzo Manetti scritto da Vespasiano Bisticci, aggiuhtevi altre
vite inedite del medesimo e certe cose volgari di esso Gian-
nozzo. Torino. 16^ XI, 236 p. (Collez.diopereined.etc.Vol.il)
S. über die Collezione J. 61, Nr. 186 und vgl. J. 59, Nr. 244.
Zar italienisehen Literaturgeschichte. 449
182; Cino da Pistoja. — Rime di Messer Cino da Pistoja
e d'altri del secolo XIV ordinale da Giosue Carducci, Firenze
(Barbera). 16^ (C. D.) LXXXIX, 615 p.
Sehr geschickt zusammengestellte Sammlang; hübsche Vorrede.
(Mussafia.)
183. Dante. — Dante Allighieri. La Divina Commedia.
Ricorretta sopra qnattro dei piü autorevoli testi a penna da
Carlo Witte. Berlin. 4°. LXXXVIH, 727 p. (Mit Photogr.)
12 Thlr. (8^ 2 Thlr.).
Ueber diese wichtige Ausgabe, die eine besondere Besprechung
im Jahrbache yerdiente, verweisen wir vorläufig auf unsere Anzeige
derselben im Litterar, Centralbl., Nr. 17. Zwei italienische Kritiken
sind 1862 in Venedig selbständig erschienen, nämlich: Sulla nuova
edizione della Divina Commedia pubbl. a Berlino da C. Witte, lettera
di Franc, Gregoretti (8®. 39 p.), und: Intorno al merito da dover esser
riferito alla splendida edizione della Divina commedia di Dante Alli-
ghieri or procurata da C. Witte, lettera critica (von Filippo Scolari)
8«. 29 p.
184. Dante. — L*Enfer du Dante, traduction nouvelle
en vers fran9ais. Preface critique sur Dante et la poesie an
19® siecle, et poemes divers etc. par F. de Perrodil, Paris.
8^ XV, 416 p.
185. Dante. — Dante's Divine Comedy; Hell, Purga-
tory, Paradise; translated by C. B. Cayley. 3 Vol. 8°. 15 s.
186. Dante. — The Trilogy or Dante's three Visions.
Paxt IL Purgatorio or the vision of pargatory, translated into
English in the metre and triple rhyme of the original, with
Dotes and illustrations by J, Wesley Thomas, London. 8**. 6 s.
Vgl. J. 59, Nr. 249.
187. Latini. — Seguito del Tesoro di ser Branetto La-
tin! [s. J. 61, Nr. 216], pubbl. da Bartolommeo Sorio.
In: Opuscoli ecc. di Modena; XI, 65 — 80, 339 — 355,
Xn, 35—50, 350—363.
188. Marino. — Opere di Giambattista Marino con
giunta di nuovi componimenti inediti. Gon un discorso pre-
liminario di Gius. Zirardini, Napoli. 8^. 554 p.
189. Medici, Lorenzino de'. — Lorenzino de' Medici.
Scritti e documenti ora per la prima volta raccolti. Milano.
8°. XV, 153 p. (Theil der Biblioteca rara pubbl. da G, Daelli),
*190. Nicolini. — Prose di Giuseppe Nicolini, nuova-
mente Ordinate da D. Pallaveri. Firenze 1861. 8**. VIII, 479 p.
Vgl. J. 60, Nr. 231.
191. Petrarca. — Francisci Petrarcae Epistolae [s. J. 59,
Nr. 260]. Vol. IL
192. Piccolomini. — La Raffaella ovvero della bella
creanza delle donne, dialogo di Alessandro Piccolomini. Mi-
lano. 8°. X, 96 p. (Theil der Bibl. rara pubbl. da G. Daelli).
450 Bibliographie.
193. Pindemonte« — Sette lettere d'Ippolito Pindemoote
ad Angelo Zendrini. Rovigo (Minelli). 4^ 13 p.
194. Savonarola, — Poesie di fra Girolamo Savonarola
tratte dalP autografo. Firenze. 8**. 64 p. (Mit Facsimile).
In 250 Exempl.
195. Tassoni. — Lettere inedite di Alessandro Tassoni
al canonico Annibale Sassi pubbl. da Ferdinando Calori-CeM.
In : Opuscoli ecc. di Modena, XI, 458 — - 466.
196. Vioo. — Scritti inediti di Giambattista Vico tratti
üa un autografo deir autore e pubblicati da Gim, del Giudice.
Napoli. 8**.
IV. Zur spanischen Literaturgeschichte.
/ A.
197. Historia critica de la literatura espanola , por
/. Amador de los Bios. [s. J. 61, Nr. 227.] Tomo 11. 645 p.
S. oben p. 80 ff. die Anzeige von Ferd, Wolf.
198. Diccionario de esritores gallegos, por Man. Mar-
guia, Con un Apendice que contiene la Antologia gallega 6
sea coleccion de escritos escogidos en prosa y verso de los
mejores autores del pais. Vigo. 4°.
199. Ensayos biograficos y de critica literaria sobre los
principales poetas y literatos hispano-americanos, por J. M.
Torres Caicedo. 1* Serie. Tom. I — IL Paris. 8^ 646 p.
200. L'Espagne religieuse et litteraire. Pages detachees
par Antoine de Latour. Paris. 12®. VII, 364 p. 3 Fr.
Fünf Kapitel des Buchs sind der Literatur gewidmet, nämlich:
VInfcunt Don Garlos — behandelt das Stuck des Diego de Jimenez
Enciso (geb. 1585), worin D. Carlos der Geschichte getreu charakte-
risirt wird; ferner Pierre Corneille et Diamante^ Romeo et Juliette en
Espagne — bezieht sich auf Rojas' Facciones de Verona und Lope's
Castelvin und Montes — üne tertulia litteraire- ä SeviUe und Un petiu
neveu de Gongora — mit dem letzten ist der Marquis von Cabriilana
gemeint, Verf. eines epischen Gedichts auf die Einnahme Ton Cordoba
und einer Abhandlung über Gongora.
201. De algunas representaciones catalanas antigaas y
vulgares, por Manuel Mild y Fontanals.
In: Revista de Cataluna. Tomo II, Nr. 9 — 11, 14,
Wir werden auf diese interessante Arbeit gelegentlich ausführ-
licher zurückkommen. In 4 Kapiteln werden die Representaciones reli-
giosas, die Representaciones cortesanas, die Entremeses und die Danzaa
behandelt.
Zur spanischen n. portugiesischen Literaturgeschichte. 451
202. Cervantes. — El Quijote y la Estafeta de Urgenda,
por Franc. Maria Tubino, Sevilla y Madrid. 8°.
203. CastiUejo. — Ueber Cristobal de Castillejo's Todes-
jahr, von Ferd, Wolf.
In : Sitzungsber. d. k. Akad. der Wissensch. in Wien.
B.
204. Cervantes. — Histoire de Tadmirable don Qui-
chotte de la Manche par Miguel de Cervantes. Tradnction
nouvelle, illustree de 28 grandes lithographies. Paris. Gr. 8^.
10 Fr.
205. Teresa, Santa. — Escritos de Santa Teresa, afia-
didos etc. [s. J. 61, Nr. 242.] por V, de la Fuente. Tomo II.
LVI, 538 p. 50 r.
206. Tirso de Molina. ■— Theatre de Tirso de Molina,
traduit par Alph, Royer. Paris. 18°. 463 p. 3 Fr.
V. Zur portugiesischen Literaturgeschichte.
207. Diccionario bibliographico portugaez. Estudos de
J. F. da Silva, [s. J. 61, Nr. 243.] Tomo VI. 474 p.
208. Curso elementar de litteratura nacional pelo doutor
Joaquim Caetano Fernandes Pinheiro, Rio de Janeirb. 8**.
B.
209. CoUec^ao de monumentos ineditos para a historia
das conquistas etc. [s. J. 61, Nr. 245.] Lendas da India, por
G. Correa. Tomo III, Parte I. 438 p.
210. Camöes. — Obras etc. [s. J. 60, Nr. 257.] peTo
Vizconde de Juromenha. Vol. II.
211. Camdes. — Les Lusiades ou les Portugais, poeme
en dix chants de Camoens; traduction de J. B. J. Millie,
revue, corrigee et annetee par Dubeux, Precedee d'une notice
sur la vie et les ouvrages de Camoens par C. Magnin, Paris.
8«. LX, 372 p. 3V2 Fr.
212. Pereira da Silva. — Obras litterarias e politicas
de J. M. Pereira da Silva. Tomo I. Variedades litterarias.
Tomo U. Escriptos politicos e diseursos parlementares. Paris.
8^ 412 p.
452 Bibliographie.
VI. Zur allgemeinen Literaturgeschichte,
nebst Werken, die mehrere Literataren zugleich betreffen.
213. Tresor des livres rares et precieux etc., par J. G.
Th. Grässe. [s. J. 61, Nr. 247.] Livrais. 16 — 20.
214. Manuel du libraire et de Tamatear de livres, par
Joe. Brunei. 5® ed. [s. J. 61, Nr. 248.] Tome HI.
215. Bibliotheca historica medii aevi: Wegweiser durch
die Geschichtswerke des europ. Mittelalters von 375 — 1500.
Von Aug. Potthast. Bd. I — IL Berlin. Gr. 8«. Vm, 822 p.
5 Thlr.
Enthält auch ein vollständiges InhaltsTerzeichnifs zu den Acta
Sanctorum.
216. Aldus Manutius und seine Zeitgenossen in Italien
und Deutschland, von Jul. Schuck. Im Anh.: Die Familie
Aldus bis zu ihrem Ende. Berlin. 8^ X, 151 p. 1 Thlr.
217. Les Elzevir de la bibliotheque imperiale de St.-Pe-
tersbourg. St. - Petersburg. l2«. XIV, 223 p.
Die Petersburger Bibliothek besitzt 1200 Elzevirs, welche zum
gröfsten Theil aus den Fonds Zeluski und Suchtelen stammen. Die
Arbeit ist von dem Grafen Andreas Rastoptchine verfafst, eingeleitet
und herausgegeben aber von dem Bibliothekar Minzloff. Bullet, d«
biblioph. et du biblioth., p. 1001.
218. Essai bibüographique sur le Speculum humanae sal-
vationis, par /. Berjeau. London. 4°.
219. Etudes sur quelques points d'archeologie et d'histoire
litteraire, par Edä. du Meril Paris. 8°. 514 p. 8 Fr.
Enthält aufser dem im Jahrbuch selbst zuerst veröffentlichten Auf-
satz über Wace, und den in der Bibliographie J. 58 u. 60 bereits auf-
geführten über die span. Romanzen und die französ. Tragödie, noch
unter andern: La legende de Robert le Diable, De la Tapisserie de
Bayettx et de son importance historique und Les Contes de bonfies femmes,
auch schon früher publicirte durch Fülle der Gelehrsamkeit ausgezeich-
nete Arbeiten.
220. Notices et Extraits des manuscrits de la bibliothe-
que imperiale et autres bibliotheques , publies par Tlnstitut
imperial de France. Tome XX. Seconde Partie. Paris. 4^
482 p. Der Bd. 15 Fr.
Enthält: Commentaire de Jean Scot Erigene sur Martianus Capella,
par Haureau; Des Commeutaires inedits de Guillaume de Gonches et
de Nicolas de Triveth sur la Consolation de la philosopbie de Bo^ce,
par Ch. Jourdain; Notices et extraits de documents inedits relatifis a
l'histoire de France sous Philippe le Bei, par Boutaric; Jugements de
l'echiquier de Normandie au XIII® sifecle, par L. Delisle.
Zur allgemeinen Literaturgeschichte. 453
221. Etnde sur Gregoire de Tours, on de la civilisa-
tion en France au 6® siecle, par L, B, Des Francs, Cham-
bery. 8^ 3% ^r.
222. Alcuin und Arno, von H. Zeifsberg,
In: Zeitschr. f, d. Österreich. Gymnas., p. 85 ff.
223. Pierre le Venerable, abbe de Cluny; sa Tie, ses
Oeuvres et la societe monastique au 12® siecle, par B, Duparay.
ChaJon. 4^ 176 p. 6 Fr.
224. Giraldi Cambrensis opera. [s. J. 61, Nr. 258.]
Vol. n. LXXII, 364 p.
Enthält das Werk: Gemma ecclesiastica in 2 Bachern, eine aus-
führliche Ansprache des Archidiaconns an seinen Klerus in Wales , um
ihm durch Lehre und Beispiel alle kanonischen Anforderungen des
Pfarramts der Reihe nach einzuschärfen. Mancherlei Anekdoten und
Märchen finden sich hier eingestreut. S. SybeCs Biston Zeitschr. , 4. B/t,
225. Rhytbmi veteres de vita monastica, corriges et com-
pletes d'apres un manuscrit de la bibliotheque publique de
Bruges par L, JRoersch,
In: Bullet, du biblioph. beige, p. 161 fF.
£& sind die am Ende des 3. Bandes Yon Fabricius' Bibl. med. et
inf. latinitatis abgedruckten, dem heil. Bernhard beigelegten Verse,
-welche auch Migne in seiner Ausg. der Werke desselben reproducirt
hat. Die obige Edition gibt manche Varianten und mehrere ganz neue
Strophen.
226. Eine Handschrift des Physiologus Theobaldi. Be-
schrieben und mit einer literargeschichtlichen Abhandlung über
die sogen. Physiologen und die Bestiarien überhaupt begleitet
von Dr. med. /. G, Thier/elder.
In: Serapeum, Nr. 15.
Die Handschrift ist aus dem Ende des 14. oder dem Anfang des
15. Jahrhunderts. Der Text stimmt im Wesentlichen mit dem gedruck-
ten überein, nur weichen bisweilen die Lesarten ab, und zum Vortheil
der Handschrift, die auch zwei Verse mehr hat und die Verszeilen in
der Sapphischen Strophe richtiger absetzt. Der Gommentar ist von
dem in den Ausgaben enthaltenen verschieden , auch viel ausführlicher
und an Citaten reicher. — Die literargeschichtliche Abhandlung, die
recht interessant ist, gibt u. a. eine vergleichende Uebersicht der in
den verschiedenen Physiologen (der Verf. führt nicht weniger als 13 auf)
vorkommenden Thiere.
227. Ueber Reinbardus Vulpes ed. Knorr. Ein Beitrag
zur Reinhardssage von E. Schulze, (Progr. des Padagog. zu
Züllichau).
Der Verf. behandelt den Versbau, die Namen und Epitheta der
im Gedicht auftretenden Thiere, gibt kritische und erklärende Anmer-
kungen und schliefst mit einer Uebersicht über den Gebrauch einzelner
Verbalformen und die Bezeichnung untergeordneter Sätze, welche über-
haupt für das Latein des Mittelalters nicht unwichtig ist. Berrig's
Archiv f. d. St. d. neuem Spr. XXXI. — S. über das W^rk selbst
J. 60, Nr. 273.
454 Bibliographie.
228. Gesta regum Britanniae. A. metrical history of the
Xni*^ Century, now first printed from three Manoscripts by
Fr. Michel London. 8^. XIX, 235 p.
229. Enea Silvio de' Piccolomini, als Papst Pius 11.,
und sein Zeitalter; von G. Voigt. Bd. 11. Berlin. XII, 377 p.
1% Thlr.
Der erste Band erschien 1856, ein dritter, letzter 1863; der vor-
liegende betrachtet Silvio insbesondere auch als Schriftsteller.
• 230. Laurentius Valla, hans Liv og Skrifiter. Et Bidrag
til Belysning af Humanismen ; af /. ClatLsen, Kopenhagen. 1861.
8^ 302 p. iVa Thlr.
231. De Marci Hieronymi Vidae poeticorum libris IQ.
Auct. Vissac. Paris. 8^. iVa ^r.
232. De la poesie latine en France au siecle de Louis XIV.
(These pres. etc.) Par Tabbe Vissac. Paris. 8^. 312 p. 4 Fr.
Bei der mannichfachen Pflege, welche die lateinische Dichtung da-
mals noch in Frankreich fand, bildet das Bnch eine nicht unwichtige
Ergänzung der französ. Literaturgeschichte jener Epoche.
233. Ueber ein neuentdecktes mittelniederländisches Bruch-
stuck des Garijn; von C. Ho/mann.
In: Sitzungsber. d. bair. Akad. in München 1861, ü.
Dies Fragment gehört einem viel späteren Theile des Gedichts an,
als die bis jetzt bekannten der mittelniederländ. Bearbeitung der noch
verlorenen franzos. Fortsetzimg des Garin von Lothringen.
234. The Dean of Lismore's Book, a selection of an-
cient Gaelic poetry, from a manuscript collection made by
Sir James Mac Gregor, dean of Lismore, in the beginning
of the 16. Century. Edited with a translafion and notes by
Th. Mac Lauchlan^ and an introduction and additional notes
by W. F. Skene. 8«. 12 s.
235. A treatise on the language, poetry and music of
the Highland Clans; with illustrative traditions and aneedotes
and numerous ancient Highland airs, by Donald Campbell.
Edinburg. 8^ 290 p. 9 s.
236. Populär tales of the West-Higblands, orally col-
lected, with a translation by J. F. Camphell, [s. J. 60, Nr. 267.]
Vol. HI— IV.
237. Gamle danske Minder i Folkemunde, af Svend
Grundtvig. Tredje Sämling. Kopenhagen. 8**. VI, 244 p. 24 Sgr.
Die beiden ersten ßändchen erschienen 1854 und 1857. Es sind
üeberlieferungen aus dem Munde des Volks, Märchen, Sagen, Lieder,
Rathsel, Spiele, Gebräuche, Sprichwörter ans allen Theilen Dane-
marks. Anmerkungen weisen auf Verwandtes, namentlich aus schwe-
discher Volksüberlieferung. Literar. Centralbl.y Nr. 14,
Philologie. 455
238. Contes populaires de la Norvege, de la Finlande
et de la Bourgogne, suivis de poeeies norvegiennes imitees en
vers, avec des introductions, por E, Beauvois, Paris. 8**.
XXXV, 288 p. 3 Fr.
S. oben pag. 1 ff., den Aufsatz von R. Kohler,
239. Ueber die Sage vom heil. Georg, als Beitrag zur
iranischen Mythengeschichte, von t?. Gutschmid.
In: Berichte über d. Yerhandl. der k. sächs. Gesell-
schaft d. Wissensch.
Der Verf. weist in sehr gelehrter und scharfsinniger Weise die
Identität des heil. Georg mit dem Mithra nach.
240. Der Werwolf, Beitrag zur Sagengeschichte von
TT. Hertz. Stuttgart. Gr. 8°. 134 p. 1 Thlr.
Der Verf. verfolgt die Sage bei allen Volkern und bringt ein rei-
ches Material zur Kenntnifs derselben zusammen. Liter. CentraibL, Nr. 4.
241. Analyse der indischen Märchensammlung des So-
madeva, von Brockhaus,
In: Berichte über d. Verhandl. der k. sachs. Gesell-
schaft d. Wissensch.
Vn. Philologie.
242. An Essay on the origin and formation of the
romance languages, containing an examination of Kaynouard^s
theory on the relation of the italian, spanish, proven^al and
frencb to the latin, by G. Cornewall Lewis, 2^ ed. London.
8^ 302 p. 9 s.
243. Beiträge zur Geschichte der romanischen Sprachen
von A. Mussafia, Wien. 8°. 31 p. 5 Sgr. (Abdruck aus den
Sitzungsber. der phil.-hist. Klasse der wiener Akad.).
Enthält zwei interessante Abhandlungen: 1) Die Präsensbildung im
Italienischen j worin die namentlich von Fuchs ausgeführte Theorie,
welche die Veränderungen des Präsensstammes als Verstärkungen des-
selben auffällst, zurückgewiesen wird; 2) Ueber Bonvesin dalla Riva
und eine altframoaische Handschrift der k, k, Ho/bibltothek : einige wich-
tige sprachliche Eigenthümlichkeiten des alten lombardischen Dichters
hebt hier der Verf. hervor^ namentlich auch den Gebrauch von esse
für habere zur Bildung der Tempora der Vergangenheit; über die fran-
zösische Handschrift, welche hier in sprachlicher Beziehung in Betracht
gezogen wird, s. die indessen (1864) erschienene akadem. Schrift
Ferd. Wolfs „üeber emige altfranzosische Doetrinen und Allegorien
von der Minne.^<
456 Bibliographie.
244. Histoire de la langae fran^aide. IStudes sur leg
origines, Tetymologie, la grammaire, les dialectes, la versifi-
cation et les lettres du möyen ≥ par E. Littre, 2 Vol. Paris.
8^ 14 Fr.
Eine Sammlung einer Reihe von Aufsätzen, die im Journ. des
Savants, der Revue des deux Mondes etc. zuerst erschienen.
245. Etüde sur le role de Taccent latin dans la langue
fran9ai8e, par G. Paris, Paris u. Leipzig. 8^ 131 p. 4 Fr.
S. oben die Anzeige von Diez.
246. La Farce de Patbelin in literarischer, grammati-
scher und sprachlicher Hinsicht, von W, Stähle. (Dissertat)
Marburg. 4°. 20 p.
Enthält eine fleifsige Zusammenstellung der sprachlichen Eigen-
thümllchkeiten.
247. Quelques mots sur les premieres inscriptions lie-
geoises ecrites en langue romane, par ü. C.
In: Bullet, de la Societe liegeoise, Ann. IV, livr. 4.
248. Dialecte bordelais, essai grammatical, par Tabbe
Cauderan. Paris. 8°. 2 Fr.
249. Dictionnaire etymologique de la langue franpaise etc.,
par Morand. [s. J. 61, Nr. 288.] Livr. 4 — 26.
250. Errata du dictionnaire de Tacademie fran^aise, ou
remarques critiques sur les irregularites qu'il presente, avec
Findication de certaines r^gles ä etablir; par B, Pautex, 2® ed.
Paris. 8°. XXXH, 356 p. 6 Fr.
S. darüber Ret r de Vlnstruct, pubL 1863, Fevr. u, Avril.
251. Dictionnaire analogique de la langue fran9aise,
repertoire complet des mots par les idces et des idees par
les mots; par P. Boissiere. Paris 1860— -62. Gr. 8^. 1440 p.
20 Fr.
Um ein Wort sind immer alle die welche verwandte Ideen aus-
drücken, gruppirt.
252. Lexique compare de la langae de Corneille et de
la langue du 17® siecle en general, par Fr, Godefroy, 2 Vol.
Paris. 8°. CXXHI, 880 p. 15 Fr.
Dieses Werk wurde nach dem von Marty-Laveaux (vgl. J. 61,
Nr. 281) mit dem zweiten Preis von der Acad^mie francaise gekrönt.
Nach der Revue de Vlnstr, pubL, 1863, Mars, welche dem Werke viel
Anerkennung zollt, ist des Verf. Ziel, alle schwierigen Wendungen
(locuHons) und namentlich solche zu erklären, welche auTser Gebranch
gekommen sind, deren Zahl groTser ist, als man denkt.
253. Histoire et glossaire du normand, de Tanglais et
de la langue fran9aise, d'apres la methode historique, naturelle
et etymologique; par E, Le Hacker, 3 Vol. Avranches. 8**.
1286 p. 18 Fr.
Ausführung eines von der Akademie von Rouen gekrönten Memoire.
Philologie. 457
254. Petit dictionnaire du patois normand en usage dans
rarrondissement de Pont-Audemer, par L. F, Vasvier. Rouen.
8^ IV, 76 p.
256. Glossaire vaodois, par P. M. Callet. Lausanne.
12^ 4 Fr.
256. Proverbes bearnais, recueillis par J. Hatoulet et
E. Picot, accompagnes d'un vocabulaire et de quelques pro-
verbes dans les autres dialectes du midi de la France. Paris.
8^ Vm, 143 p. 6 Fr.
Wird im Jahrbuch noch besonders angezeigt werden.
257. Poesies narbonnaises en ffan9ais et en patois, sui-
vies d'entretiens sur Thistoire, les traditions, les legendes, les
moeurs etc. du pays narbonnais, par //. Berat, 2 /Vol. Nar-
bonne. 8^ XLVm, 1544 p.
258. Studii etimologici ; Futuri italiani spiegati colla
lingua Sarda; Monumente linguistico 'Genovese del 1191.
In; Strenna filologica Modenese per Fan. 1863.
Der Verfasser dieser Artikel ist Gahani.
259. Traite de la prosodie de la langue italienne, base
sur Vanalyse etymologique des mots, par Ed. Kurzweil. Paris.
12^ IV4 Fr.
260. Dizionario della lingua italiana etc. dai sign.
N. Tommaseo e B. Bellini. [s. J. 61, Nr. 298.]|I>Jsp. 5—11.
261. Secondo saggio del parlare degli artigiani in
Firenze etc. [s. J. 61, Nr. 299].
262. Neues Spanisch-Deutsches und Deutsch- Spanisches
Wörterbuch,' von C. F. Franceson. Dritte, sehr vermehrte und
verbesserte Auflage. 2 Bde. Leipzig. 8°. XIII, 1495 p. 3 Thlr.
Dies bekannte Handwörterbuch hat hier nach dem Tode des Verf.
durch einen neuen Herausgeber eine theilweise Umarbeitung erfahren,
manche Lücken sind ergänzt, manche Zusätze gemacht, manche Irr-
thümer berichtigt worden. Laut der Vorrede ist die Zahl der neu
aufgenommenen Wörter im spanisch-deutschen Theile mehr als 10,000,
im andern über 6000. Auch die Sprichwörter und Idiotismen sind
vermehrt worden. So ist das Buch sehr wesentlich verbessert.
263. üeber Ursprung und Geschichte der rhätoromani-
schen Sprache von P. /. Ändeer. Chur. 8°. 138 p. 16 Sgr.
Enthält manches nicht uninteressante Material, namentlich in Be-
treff der Geschichte und Literatur der rhätoromanischen Sprache, so
unter andern ein Verzeichnifs aller nur einigermafsen bemerkenswerthen
rhätoromanischen Bücher seit der ältesten bis auf die neueste Zeit,
eine Liste von 176 Nummern , in der freilich Kirche und Schule durch-
aus dominiren; auch manche Sprachproben gibt der Verfasser.
264. Grammaire de la langue roumaine par F. Mircesco^
precedee d'un aper^u historique sur la langue roumaine par
A. Ubicini. Paris. 12°. 3V2 Fr.
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. V. 4. 30
458 Bibliographie.
265. On the theory of ihe English Hexameter and its
applicability to the translation of Homer, by Lord Lindsat/.
London. 8®. 5 s.
266. The Proverbs of Scotland coUected and arranged
by Alex. Hislop, with Notes explanatory and illustrative, and
a Glossary. Glasgow. 8^. 6 s.
VIIL Kulturgeschichte.
267. Kostümkunde. Geschiebte der Tracht und des Ge-
räthes im Mittelalter vom 4. bis zum 14. Jahrhundert, von
H, Weiss. Mit ^60 Einzeldarstellungen in Holzschnitt gez.
von F, Weiss. 1. Abschnitt. Byzanz und der Osten. Stutt-
gart. 8^. Xn, 304 p. 2 Thlr. 8 Sgr.
268. Die ritterliche Gesellschaft im Zeitalter des Frauen-
cultus, von J. Falke. Berlin. 8*». XXXIV, 172 p. (Mit
Portr.) 18 Sgr.
Theil von Ferd. Schmidt's deutscher Nationalbibliothek; daher ist
denn auch in obiger Schrift,, über die das Literar. Centralö/., Nr. 32,
sich sehr günstig ausspricht , Deutschland zunächst ins Auge gefafst.
269. Die Gastlichkeit im Mittelalter, von J. Falke.
In: Raumer's his'tor. Taschenbuch.
Hauptsächlich auf Grund der deutschen höfischen Dichter des 12.
und 13. Jahrb.
270. Index chronologicus chartarum pertinentium ad
historiam Universitatis Parisiensis ab ejus originibns ad finem
decimi sexti saeculi, adjectis insuper pluribus instnimentis qaae
nondum ia lucem edita erant, studio et cura Caroli Jourdain.
Liefr. 1. Paris, fol. VIII, 68 p.
Eine wesentliche Ergänzung des Werks von du Boulay. Die erste
Lieferung ist dem 13. Jahrh. gewidmet und umfafst 343 Nummern,
in cbronolog. Folge seit 12(30. Die schon veröffentlichten Urkunden
sind nur dann wiederholt, wenn sich wichtige Varianten ergaben, oder
wenn sie selbst sich in schwer zugänglichen Werken fanden; alle un-
edirten Stücke sind ganz mitgetheilt. Die handschriftlichen and ge-
druckten Quellen sind bei jeder Urkunde angemerkt, sowie anch kurze
Noten, geographische, chronologische und biographische Erklärungen
enthaltend, unter dem Texte gegeben. Die Vorrede gibt überdem eine
kurze Uebereicht der Geschichte der Universität während des 13. Jahrb.
Bibl. de Vijc. des Charles.
Knlturgeschicbte. 459
271. Histoire de Taiiiversite de Paris au 17® et au
18® siecle; par Ch. Jourdain. Livr. 1—2. Paris, fol. VIII, 222 p.
Die Liefr. 18 Fr.
Der Verf. unternimmt es hier, du Boulay's Werk fortzusetzen,
welches bekanntlich nur bis 1600 reicht. Eine grofse Zahl von Urkun-
den und Belegen werden zugleich mitgetheilt. S. ßibl. de tEc, des Ghartes,
272. Histoire de Sainte-Barbe, College etc. par Quicker at,
[s. J. 60, Nr. 315.'] Vol. IL 419 p. 5 Fr.
273. Les origines da palais de Tlnstitut. Recherches
historiques sar le coUege des Quatre-Nations, d'apres des
docaments entierement inedits, par Alfr» Franklin, Paris. 12°.
IX, 205 p. 6 Fr.
Ueber dies Colleg war noch nichts verö^flfentlicht. Die Hauptquelle
des Verf. waren die Register der Procureurs des Collegs, die sich in
dem kaiserl. Archiv befinden. Der Verf. gibt «uerst von den testa-
mentarischen Stiftungen Nachricht und eine genaue Beschreibung der
Maisou Richeliea und des benachbarten Quartiers, und handelt dann
von der Art des Unterrichts, den Privilegien und Freiheiten des Col-
legs, seinen Beziehungen zu der Universität, endlich von den Lehrern
und Schülern, wobei interessante Einzelheiten zur Geschichte der Pä-
dagogie und des öffentlichen Unterrichts mitgetheilt werden. S. Joum,
des Sav., Janv. 1863.
274. Histoire de I'universite de Valence, par Pabbe
NadaL Valence. 8**. 451 p.
275. Descartes et la princesse Palatine, ou de Pinfluence
du cartesianisme sur les femmes au 17® siecle, par Foucher
de Careil.
In: Seances et trav. de PAcad. des sciences mor. et
pol. T. LXII— LXIIL
276. Histoire politique, religieuse et litteraire du Quercy
a partir des temps celtiques jusqu'en 89; par R. Perie. Tome I.
Gabors. 8^ 660 p. 7Va Fr.
Wird 3 Bände bilden.
277. Histoire de la censure theatrale en France, par
V. Hallays-Dabot. Paris. 18^ 340 p. 3 Fr.
Der Verf. fafst die verschiedenen literarischen Epochen ins Auge
und geht selbst bis auf das Mittelalter zurück; vorzugsweise aber be-
schäftigt ihn das 18. Jahrb. und die Gegenwart. S. über dies interes-
sante Buch Vapereau, L'ann, litter. ^ p. 280 ff.
278. History of the Opera from its origin in Italy to
the present time, with Anecdotes of the most celebrated Com-
posers and Vocalists of Europe; by Sutherland Edwards.
London. 2 Vol. 8*^. 620 p. 21 s. /
30^
460 Bibliographie.
279. Die Kalendarien und Martyrologien der Angel-
sachsen, sowie das Martyrologiam und der Computus der
Herrad von Landsperg. Von E. Piper. Berlin. 8°. XII, 180 p.
1 Thlr.
280. History of the University of Edinburgh from its
foundation, by A, DalzeL With a naemoir of the author.
Edinburg. 2 Vol. 8^ 21 s.
281. Munimenta Gildhallae Londoniensis , edited by
H, T. Eiley. Vol. III. [s. J. 61, Nr. 323.] 8 s. 6 d.
Knthält eine Uebersetzung der anglonormannischen Stellen im
Liber Albus, Glossaries, Appendices und Indexe.
282. Calendar of State Papers. Domestic Series of the
Reign of Charles 1. 1631 — 1633. Preserved in H. M. Record
Office. Edited by J. Bruce. London. 8^. 15 s.
283. Calendar of State Papers. Domestic Series. Char-
les II. 1663 — 1664. Edited by M. E. Green. London. 8**.
15 8.
Register-
Agostini, Giov. d', 327.
Albelda 95. 104.
Alfons X. 119 f.
Allegorische Poesie 88. 100. 181 f.
Alvares deAzevedo, Man. Apt., 238.
Alvares de Cordoba 94. 103.
Alves Branco, Man., 230.
Anacreon 229.
Andrade Corvo, JoSo de, 307.
Antichrist and the Signs before the
doom, ined. 191 ff., Ms. u. Sprache
191 fT, mitgetheilt 194 ff.
Arcadia, ital. Akad., 226. 229.
Argensola 85 f.
Arlabecca, prov. 6ed., neue Version
393 ff., Sinn des Worts 393.
Averso, Luis de, 146 f.
Barden, wälsche, 251.
Bartsch 393 f.
Bastle, Pentameron 13. 15. 20.
Basset, Frare, 168.
Beauvais, Contes popuL 1. 17 ff.
Beda 258. 261 f. *
Bellviare, Pau de, 166 f. 176.
Bernart de Ventadorn 167.
Batran de Born 159.
Bibel, waldens., 424 f.
Bocage, Jose, 265.
Bonifacio, Jose, 230.'
Botelho de Oliveira 226.
Brasilische Nationalliteratur 222 ff.,
Eigenthümlichkelt ihrer Entwick-
lung 223; Perioden, ältere Zeit
225 f.; 1750—1800 Epik 227 ff.,
Lyrik (Schule von Minas) 229;
1800 — 1840 230 ff. (polit. Ged.
230); seit 1840 232 ff., Ro-
mantism. 232., Drama 233. 237,
Balladen 238 , Roman 237 f.
Breviari d'amor, neue Lesarten aus
wiener Mss. 401 ff.
Brut y Tysylio 251 ff., Abfassungs-
zeit 252, Verhältnifs zu Gottfr.
V. Monmouth 252 ff.
Burns, Robert, 345.
Byron 236. 238.
Camoens 228.
Carpentras, Ms. von, 162 f.
Castello Branco, Cam., 307.
Castilho, A. F. de, 265. 267.
279 f. 299.
Catalanische Münzen, alte, 181.
Catalanische Poesie : Dichter, biogr.
literar. Nachrichten 137 ff.; Dich-
tungsformen 138 ff., Octava 138 f.,
(Geleit 139 f.), Reimpaare 140 f.
(Codoladas ib.), Danza 140. 142,
Goig 143.
Catalanische Sprache 147.
Cato 105.
gavall, Ramon, 188 f.
Cenac-Moncaut, Contes popul, 1 ff.
Champfleury, De la litter. pop. 23 f.
Chanson de Roland 415. 419.
Chateaubriand 236.
Chretien de Troyes 26, Perceval 27,
ein neues Kapitel nach einem Ms.
V. Mons mitgetheilt 28 ff.— 263 f.
Coelho Lousada, Anton., 307.
Colin de Renaut 219.
Costa, Cl. Man. da, 229.
Couto Monteiro 266.
Cunha Barboza, Jan. da, 231.
Dias, Ant. Gon^., 235 f.
Dirceu s. Gonzaga.
Dunbar, William, 347.
Duräo, S. R., 227.
Dozy 92. 94.
£nglische Dialecte 191, Flexion des
Verb. 192, der Pronom. 193.
Erill, Arnau de, 170 f.
Fahrer, Andreu, 189 f.
Farrer 139. 166. 167. 181.
Französische Märchen, aus Gascogne
1 ff., Burgund 17 ff., Norman-
die 22 f.
Französische Poesie : Altfranz. Ined.
aus dem 13. Jahrh. mitgetheilt
397 ff., verwandt mit einem Ged.
bei Jubinal 398. — Altfranzös.
Gedichte aus venezian. Uandschr.
462
Register.
herauBgeg. v. Mussafia, angez.:
La Prise de Pampelune 414,
Sprache u. Metrik 415 f.; Ma-
cair e 417 ff., Art der Abfassung
418 f., Textverbesserung 420.
Franzosische Sprache , Betonung
406 ff., Gen. Plur. in or 409 f.,
Endung ain u. on 411 f., organ.
Compar. 412, ambure 412 f.
Freire de Serpa, Jose, 265 f.
Salvany, Pere, 187 f.
Gama, J. B. da, Uruguay 227.
Garrett, Almeida, 233. 265 f. 279.
307.
Gerbert 101.
Gesta Roderici Campid. 96. 104.
Gildas 250. 258.
Goethe 236.
Gongora 85.
Gonzaga, Tom. Ant., 229.
Gottfried v. Monmouth, Bist reg.
Brit'24dff,, Wichtigkeit für die
Artussage 249, Quellen u. Ver-
bal tnifs dazu 250, Brut y Gruffud
u. BrutyTysylio 251, Verhältnifs
Gottfried's zu denselben 252 ff.,
Prophetia Merlini 256 f.
Gran Conquista d'ultramar 420.
Grimaldus 96 f.
Hercalano, A., 222. 265. 267. 307.
Herzog 424 f.
Hofmann, C, 339.
Hugo, Victor, 236 f. 302. 393.
Hymnen, latein., in Spanien 89 ff.,
Prototyp der Volksromanzen 89,
Toledan. Ms. 90 f., Alter und
Verf. 91. — 97.
Jehan deBatery, Li dis des 8 blasons
mitgetheilt 211 ff.. Ms. 218.
Ildefonsus 88. 95.
Jordi 139. 175 ff.
Irving, David, History of scottisk
poetry, angez. 345 ff., Werke 347.
Isidor 87, Synonyma 88; 93. 95.
Juan Manuel , Conde Lucanor , 100.
120; 211.
Jubinal 398.
Junqueira Freire, L. J., 238.
Karlmeinet 417 f.
Kleist 236.
Konrad, Rolandslied 415.
Laing, David, 346 f.
Lamartine 232 f. 236.
Latini, Brunetto, Tesoro spanische
Uebers. 125; 136.
Lays 166.
Lemos, Joäo de, 266.
Le Roux de Lincy 350.
Leys d'amors 145.
Liebrecbt 376 f.
Lopes de Mendon^a, A. P., 265.
274. 308. 325.
Lncan 85 f.
Lull, Ramon, 159.
Lunel de Monteg 393.
Mabinogion 263 f.
Macedo, J. Agost., 279.
Macedo, J. Man. de, 236.
Maffei, Scipione, 327.
Magalhäes, D. J. Gon^., 232 f.
Mallol, Lorenz, 158 f.
Manriqne, J., 141.
March, Aman, 168 ff.
March, Anzias, 146. 153. 166.
March, Jaeme, 139. 145 ff. 152. 158.
March, Pere, 146. 153 ff. 176. 185.
Märchen, v. dankbaren Todten 2;
drei Fragen 4 n. ff.
Maria Egyptiaca 421 ff.
Martial 85 f.
Masco, Domingo, 159 f.
Meon 339 ff.
Meril, Ed. du, 22.
Mila y Fontanals 422 ff.
Miraval, R., 141.
Mogoda, B., 142.
Monlau 106 f.
Montaudon, Mönch v., 185.
Motto confetto, Bedeutung 329 f.
Muntaner, Ramon, 142.
Mussafia 414 ff. ; — Ueber die Quelle
der altspan. Vida de S. Maria
egipciaca, angez. 421 ff., franz.
Versionen 421, ob das Original
franz. oder provenzalisch 422 ft\
Mysterien, italien., älteste Nach-
richten 51 f.. Auffuhrung durch
Gompagnie 52 f. 56, durch den
Klerus 53 f., von den Klostern 56;
— ältestes Myster, Analyse 57 ff.,
liturg. Charakter 66 f. 69 ff., scen.
Einrichtung 68 f., Mimik 69, Stil,
Vers, Idee 71, Abfassungszeit 72;
ältestes Mirakelspiel , Analyse
73 ff. , von Mönchen gespielt 74,
Tendenz 78.
lüTascimento, Franc. Man. do, 266.
Nebrija, Arte de la ieng, cast 124.
Register.
463
Nennius 250. 253. 258 ff.
Nobia Leyczon, Alter 425.
Oliveira Marca, Ant. d', 307.
V Ossian 135. 349.
Palermo , Manoscr. Falat. 56 ff. ;
Emendation dazu 428.
Palmeirim, Luis Aag., 265 ff., Poe-
Sias 268 ff., Poes.popuL 27b ff. 312.
Paris, GastQn, 398; — ;^tude sur
le role de Taccent lat. dans la
lang. fran^. angezeigt 406 ff.
Paris, PauliD, 406.
Pedro, Inf. v. Aragon, catal. Dich-
ter 142 f.
Pedro IV. v. Aragon, catal. Dich-
ter 144. 153.
Pelletan 280.
Pereira da Cunha 266.
Petrarca 159. 175. 183 f. 236. 327 ;—
Carmina incogn., Ausg. v. Tho-
mas angezeigt 240 ff., Echtheit
bestritten 241 ff., Abfas.9nngszeit
244 f.
Petrus Alfons 100; — ined. altfranz.
Bearbeit. seiner Disciplina 339 ff.
Petrus Compostelanus 100.
Philippe de Reimes, Roman deJehan
et de Blonde, Ausg. v. Le Roux
de Lincy angezeigt 350 ff.
* Philipp V. Thaun, Liher de Greaturis
359 f.
Pigault- Lebrun 237.
Portugiesische Nationalliteratur 223 ;
neueste 265 ff., Dichterschulen v.
Lissabon und Coimbra 266; Ro-
man 307.
Porto -Alegre 235.
Provenzalische Poesie s. Arlabecca.
Provenzal. Sprache, Betonung 407 f.
Proxida 167.
Prudentius 86.
Queralt, Pere de, 165 f.
Ramsay, Allan, 345.
Reali di Francia 414. 420.
Rebello da Silva, Luis Aug., Leben
u. Werke 308ff. ; A mocidade de
D. Joao V. 310 ff., Auszug über-
setzt 315 ff.
Ribeiro, Thomaz, 279 ff. , Leben
281 f.; sein D. Jayme 282 ff.,
Analyse 283 ff., Kritik 297 ff.
Rios, Amad. de los, Historia critica
de la literatura espaTiola T. I — IF.
angezeigt 80 ff.
Rocaberti 145. 151 f.
Roig, J., 139.
Romanische Sprachen , der Aus-
druck: ,ich bin gehabt* für ,ich
bin gewesen* 247 f.; — Volks-
thüml. Benennungen von Monaten :
in Italien. Dialekten 361 ff., Di-
minntive v. dens. 364 f., Verbal-
bildungen V. dens. 365 f. ; im
Churwälschen 361 f., in französ.
Dialecten 367 , im Wallachischen
368 f.; — von Tagen: Wochen-
tage 369; Festtage 370 ff., Ostern
und Pfingsten 370 ff., Neujahr u.
Epiphan. 374 ff^ andere Feste im
Januar 380, Lichtmefs 382 f.,
Karneval 383 f., andere Feste im
Februar 385 f., April u. Mai 386
(Himmelfahrt 387), Juni 387,
August 388 f. , Septbr. u. Octbr.
389 f., Novbr. u. Decbr. (Weih-
nachten) 390 ff.
Romanzen, spanische, Vers 121 ff.,
Gattungen 129 ff.
Rudel, J., 190.
Rutebeuf 422.
Sagen, die Beffana (Fr. Holle) 375 ff.
San Harte 251 ff.
Santillaaa 176. 189.
Säo Carlos 231.
Schiller 236.
Schottische Nationalliteratur 345 ff.
Scott, Walter 312.
Sebastianus v. Salamanca 95.
Serradell 141. 186 f.
Sequenzen 105,
Shakespeare, Kaufmann v. Venedig
135; 236.
Sibbald 346.
Silva Mendes Leal, Jose da, 265.
Silva Mendes Leal jun. 267.
Souvestre, Emil, 1.
Souza Silva, J. Norb., 237 f.
SpanischeLiteratur, /afemtscAeChro-
nisten 95 ff., kirchl. Poesie 96 f.,
heroische u.histor. Poesie 98 f.; —
Nationaldichtung, Entwicklung d.
rythm. Formen 112 ff., paragog. e
126 f.; s. auch Romanzen.
Spanische Sprache, frühere Ausspr.
der Kehlaspiraten 107 ff.; Einflufs
des Arabischen 110; Herrschaft
des Castil. in Aragon 111.
644
Register.
Teixeira de Macedo, Alv., 231.
Teixeira e Souza, Ant. Gonp., 238.
Tempo, Ant. da, 328.
Thomas 240 ff.
Torroella 190.
Trueba 279.
Tiirmeda 142. 163 f.
Turpin 414.
Vanuozzo, Fianc. di, 327 1, ined.
Motto confetto Ms. 327, Inhalt
329, mitgetheiit 330 ff.
Vidal, C, 189.
Vilaragut, Berenguer de, 167.
Vilella Barbosa 230.
Vill, s. Erill.
Yiilemarque 251 f.
Virgil 105. 166.
Waldensischer Dialekt 424 f.
Warton 346.
Wolf, Ferd., Bresil litteraire ange-
zeigt 222 ff.; — 418. 421 f.
Wright, Thomas, 358 ff.
Zorrilla 282.
Verzeichnifs
der Mitarbeiter und ihrer Beiträge
zu den ersten fünf Banden.
(Die römische Ziffer bezeichnet den Band, die arabische die Seite.)
Bartsch, Karl, Prof. in Rostock I, 171. II, 280. III, 399.
IV, 229. 331. 421. V, 414. 421.
Bergmann, F. G.,*Prof. in Strafsburg IV, 176.
Beta, H., Dr. in Berlin I, 400. II, 369. III, 361.
Boehmer, Eduard, Custos der Bibliothek in Halle IV, 158.
Bolza, J. B., Dr. in Wien IV, 16.
Brunet, Gustave, Präsident der Akademie in Bordeaux III,
89. 355.
Cambouliu, F. R., Prof. in Strafsburg III, 125. 359. IV, 403.
Chassang, A., Prof. in Paris III, 297. 353.
Cornet, Enrico, II, 293.
Delius, Nicolaus, Prof. in Bonn I, 350.
Dietrich, Franz, Prof. in Marburg I, 241.
Diez, Friedrich, Prof. in Bonn I, 363. III, 108. V, 406.
Ebert, Adolf, Prof. in Leipzig I, 44. 101. 131. 230. 434.
II, 241. 436. III, 411. IV, 46. 85. 433. V, 51. 222. 358. 427.
Grein, C. W. M., Archivsecretar in Kassel IV, 260.
Grion, Justus, Gymnasialdirector in üdine I, 367. H, 404.
V, 327.
Grüzmacher, Dr. in Berlin IV, 372. V, 424.
Gutierrez, Juan Maria, Dr. jur. in Buenos-Aires III, 177. 245.
Helfferich, Adolf, Dr. in Berlin I, 426.
Heller, H. ^J., Dr. in Berlin II, 183. V, 135.
Heyse, Paul, Dr. in München III, 172. 291.
Holland, W. L., Prof. in Tübingen II, 225. 365.
Keller, A. v., Prof. in Tübingen II, 221.
Köhler, Reinhold, Bibliothekar in Weimar III, 56. 338. V, 1.
Lemcke, Ludwig, Prof. in Marburg I, 298. III, 340. 351.
IV, 1. 70. 142. 297. 346.
Le Roy, Alphonse, Prof. in Ltittich III, 32.
Liebrecht, FeHx, Prof. in Lüttich I, 432. II, 119. 121. 314.
III, 74. 146. IV, 106. 118. 227. 238. 239. V, 135.
466 Verzeichnifs der Mitarbeiter und ihrer Beiträge.
Mahn, C. A. F., Dr. in Berlin I, 83.
March, F. A., Prof. in Easton U. St. II, 393. IV, 318.
du M^ril, fid^lestand, in Paris 1,1. III, 196.
Meyer, Paul, in Paris III, 206. 207. IV, 78. V, 393.
Mil4 y Fontanals, Manuel, Prof. in Barcelona III, 163.
IV, 180. V, 137. 350.
Mommsen, Tycho, Gymnasialdirect. in Frankfurt a. M. 11,115.
Morris, Richard, in London V, 191.
Müller, Theodor, Prof. in Göttingen III, 92.
Münch-Bellinghausen, Freiherr, erster Cnstos der Hof-
bibliothek in Wien II, 139.
Mussafia, Adolf, Prof. in Wien I, 112. III, 409. IV, 166.
411. V, 136. 247. 401. 426.
Nagel, S., Dr. in Mühlheim IV, 238.
Orlandini, Prof. in Florenz IV, 286.
Paris, Gaston, in Paris I, 388. III, 1. 3§5. IV, 311. 353.
Paris, Paulin, Mitglied des Instituts in Paris I, 198.
Pey, Alexandre, Prof. in Paris I, 226. 320. II, 1. 358.
Potvin, Gh., in Brüssel V, 26.
Reinsberg-Düringsfeld, 0. Freiherr, V, 361.
Rios, Jos6 Amador de los, Prof. in Madrid II, 46. 412.
III, 268.
Ruth, E., Dr. in Heidelberg III, 114. IV, 241.
Sachs, Dr. in Brandenburg H, 335.
Sc he 1er, August, königl. Bibliothekar in Brüssel V, 26.
Talbot^ Eugene, Prof. in Paris II, 227.
Tobler, Adolf, Dr. in Solothurn I, 212. II, 82. III, 121.
IV, 113. V, 211.
Wallenfels, August, V, 339.
Witte, Karl, Geheime Justizrath in Halle V, 24§.
Wolf, Adolf, Scriptor an der k. k. Hofbibliothek in Wien
n, 105. 204. IV, 209. V, 345.
Wolf, Ferdinand, Gustos an der k. k. Hofbibliothek in Wien
I, 120. 215. 247. II, 164. III, 63. 209. IV, 35. 121. 350
V, 80. 265.
Zarncke, Friedrich, Prof. in Leipzig V, 249.
Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
Verbesserungen.
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» 198 » 180 setze einen Punkt am Ende
» — »185 statt lands lies land
, — )) 203 statt pain lies pine
» 199 » 226 setze einen Punkt am Ende
)) )) 242 statt His tome sal be lies Ne come sal he, und tilge
die Anmerk. 24
» 200 » 269 statt maisters lies maistirs
)) — »297 statt son lies cum
» 230 Zeile 27 v. o. statt Alvos lies Ähes
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